Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 55
Quellenangabe
pfad/couperus/xerxes/xerxes.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090125
projectid418c8f99
Schließen

Navigation:

LV.

»Stapelt die gesamte Beute hier auf!« gebietet Pausanias. »Daß keiner, ihr Griechen, sich persönlich eine Münze oder eine Schale aneigne!«

Die Heloten, Spartas Sklaven, schleppen die Beute auf einen Platz mitten im Lager. Sie tragen die aufgerollten Zelte herbei, die mit Gold und Silber durchwebten Wandbehänge und Stoffe, die silbernen und goldenen Ruhelager, die silbernen und goldenen Kessel und Feuerbecken und Trinkschalen. Das einfachste Küchengerät ist aus Bronze und Kupfer. Den unzähligen Toten nehmen sie ihre Ehrenketten und Armbänder ab und ihre zierlich gearbeiteten, mit runden Steinen eingelegten Dolche. Vor die versammelten griechischen Feldherren führen sie die nisäischen Pferde, die spaßig anmutenden Kamele. Der furchtsame Troß der unzähligen Weiber beschließt den Zug.

Unnötige Greuel werden nicht verübt. Das Geld und die Schätze in Behältern und Truhen werden gezählt, geordnet, gebucht. Ein Zehntel soll den Göttern geopfert werden, und späterhin werden die Sieger für den Tempel von Delphi den goldenen Dreifuß daraus schmieden, um den sich drei bronzene Schlangen ringeln und der sich auf den drei Köpfen der Schlangen erhebt, und für Olympia den bronzenen Zeus in Höhe von zehn Ellenbogenlängen und für den Isthmos den bronzenen Poseidon in Höhe von sieben Ellenbogenlängen. Ein zweites Zehntel wird Pausanias dargeboten. Es sind Frauen, Pferde, Kamele, einige silberne Talente, allerlei Gerät. Jeder, der sich an diesem Schicksalstage der Perser zu Platää ausgezeichnet hat, erhält seinen Anteil an der staunenerregenden Beute. Welch eine Üppigkeit, welch eine Verschwendung! Wie viele unnütze Dinge wurden aus Persien hierher mitgeschleppt! Wie viele Sklaven und Frauen, gleich als sei ein persisches Feldherrnzelt der persische Königshof! Pausanias lacht, obwohl ihm alle diese üppigen Gegenstände, die er mit den anderen Befehlshabern betrachtet und dabei durch die Finger gleiten läßt, doch einen gewissen Eindruck machen: eine kleine, mit Toilettengegenständen gefüllte Truhe, das mit Gold beschlagene Zaumzeug eines Pferdes, ein Armband, das ein Ehrenzeichen bedeutet. Er lacht zwar beinah gezwungen, findet aber dennoch alle diese Dinge sehr schön und befiehlt:

»Hierher die Köche und die Kellermeister und die Bäcker des Mardonios!«

Sie treten vor ihn hin in Reih und Glied unter Führung ihres Obersten.

»Bereitet heute abend mir ein Mahl, wie ihr es für euern Herrn getan haben würdet!« befiehlt Pausanias.

Die Küchensklaven gehen an die Arbeit, die Kellermeister mischen die Palmweine mit Myrikehonig, die seidenen Schirme werden auf Stöcken emporgehoben, die mit Silber und Gold beschlagenen Lager werden geordnet. Auf den Tafeln dampfen die feinsten Speisen. Doch zugleich hat Pausanias befohlen, daß man ein Mahl bereite nach Art der Lazedämonier. In aller Einfachheit steht die schwarze Suppe auf den ungedeckten hölzernen Tischen.

Lachend weist Pausanias seine Offiziere auf den Unterschied hin.

»Hellenen!« ruft er aus. »Jetzt seht ihr die Torheit des persischen Königs und seiner Brüder, Schwäger und Neffen. Sie hatten eine so ausgezeichnete Tafel und neideten uns die unsrige. Wir wollen nicht tun gleich ihnen, sondern uns bei dieser spartanischen Einfachheit niederlassen!«

Er setzt sich vor die schwarze Suppe. Die anderen folgen seinem Beispiel, während drüben die persischen Sklaven – auch die geschmückten Sklavinnen, die der Meinung sind, daß die Sieger mit den sanften Sitten sie zu Spiel und Tanz auffordern werden – voll Erstaunen mit weitgeöffnetem Munde schauend dastehen, weil die Griechen dies üppig bereitete Gastmahl nicht einmal scheinen berühren zu wollen. Vielleicht aber schleicht sich gerade in diesem Augenblick in die Seele des Spartaners Pausanias eine seltsame Neugierde nach der persischen Üppigkeit, die er jetzt verschmäht. Vielleicht legt der Gott der Üppigkeit gerade in diesem Augenblick in die Seele des einfachen Kriegsmannes den giftigen Keim, der ihn dereinst dazu bringen wird, sich in ein medisches Gewand zu hüllen, nach persischer Art zu speisen, und um die Hand von Xerxes' Tochter anzuhalten, die ihn dem Untergang weihen wird.

Dies aber ist noch der Tag von Platää.

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.