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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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LII.

Die Nacht senkte sich herab. Eine sternenlose, dunkle Stille legte sich über die Ebene, über die Berge, über den Fluß, über die beiden Lager. Perser und Griechen hier und dort. Die Schildwachen standen auf ihren Posten. Sonst schien alles und jeder zu schlafen. Das seltsame Rätsel des kommenden Tages lag verborgen in Schlaf und Stille und Dunkelheit. Dies war ein Augenblick jener seltsamen Ruhe, die häufig dem donnernden Sturm des Schicksals vorangeht, und die Schildwachen, die sich beinahe ängstigten ob dieser Stille, spähten hinaus, horchten.

Die griechischen Schildwachen, die horchten und spähten, sahen, wie ein Reiter ruhig über die Ebene ritt aus dem persischen nach dem griechischen Lager. Es war ein dunkles Schattenbild von Mann und Pferd in der grauen Nacht. Als er sich genähert hatte, antwortete er auf den Anruf der Wachen, er wünsche die athenischen Feldherren zu sprechen. Sein Ton war gebieterisch, und zwei der Schildwachen gingen, um dem Befehlshaber zu melden, daß ein Reiter aus dem persischen Lager gekommen sei. Die Befehlshaber näherten sich im Dunkel der Nacht der äußersten Linie der Wachen. Der Reiter in dunklem Mantel auf schwarzem Rosse verharrte regungslos.

»Was wollt Ihr?« fragten sie ihn.

Er führte sein Roß um zwei Schritte näher. Er sprach:

»Ich komme, Athener, euch ein Geheimnis zu offenbaren. Ich ersuche euch alle, es dem Pausanias zu melden, so er nicht mit euch ist. Denn in der Dunkelheit vermag ich ihn unter euch nicht zu erkennen. Ich bin ein Grieche. Mein Geschlecht entstammt grauer griechischer Vorzeit. Ich möchte nicht wünschen, daß Hellas sich unter das persische Joch beugt. So komme ich denn, euch zu sagen, daß der Opfer Eingeweide dem Mardonios ungünstig bleiben. Hätten sie sich günstig erwiesen, so würde schon längst eine Schlacht geschlagen sein. Allein nichtsdestoweniger ist Mardonios zum Angriff entschlossen.«

»Für wann?«

»Für morgen. Er fürchtet, daß euer Heer wächst. Macht euch bereit! Falls ihr die Schlacht hinausschiebt, bleibt dennoch hier! Er hat Vorrat nur für zwei Tage.«

»Warum verratet Ihr die, in deren Reihen Ihr kämpft?«

Der Reiter antwortete nicht. Er fuhr fort:

»So dieser Krieg euren Wünschen gemäß endet, seid dann gerecht gegen Den, der sich aus Liebe zu Hellas der höchsten Gefahr aussetzt, um euch des Mardonios Pläne zu verkünden!«

»Wer seid Ihr?«

»Erkennt ihr meine Stimme nicht? Ich bin Alexandros, Sohn des Amyntas. Ich bin Alexandros von Makedonien, der in Athen euch Botschaft brachte.«

Langsam wandte er sein Roß um. In der Nacht verschwand sein dunkles Schattenbild düster und wehmütig wie die Ungewißheit selber dem dunkeln persischen Lager entgegen.

Die Feldherren weckten Pausanias in seinem Zelt. Er fürchtete die Perser und sprach:

»Athener! Ihr liegt den Böotiern gegenüber. Es ist besser, daß ihr den Ort wechselt und euch den Persern gegenüber sammelt, deren Kampfesart ihr von Marathon her kennt. Wir Spartaner haben noch niemals mit ihnen gekämpft, aber wir kennen jene Verräter, Böotier und Thessalier. Laßt uns tauschen! Geht ihr rechts! Wir werden links gehen.«

»Wir kamen, Euch dies vorzuschlagen«, sprachen die athenischen Befehlshaber.

An jenem Tage wechselten die Athener und die Spartaner ihre Plätze. Die Böotier meldeten es Mardonios. Mardonios befahl den Persern, sofort mit den Böotiern zu tauschen, so daß sie wiederum den Spartanern gegenüber zu liegen kamen. Pausanias, dem dies gemeldet wurde, befahl den Athenern, von neuem zu wechseln.

Ein persischer Herold erschien in der Ebene. Er blinzelte mit den Augen der aufgehenden Sonne entgegen.

Spöttisch sprach er:

»Lazedämonier! Man nennt euch die Tapfersten eures Landes und rühmt euch nach, daß ihr niemals entflohen seid und daß ihr niemals euren Posten verließet während des Kampfes, sondern daß ihr auf der Stelle den Tod gabt oder empfingt.«

Er lachte höhnisch auf und fuhr fort:

»Doch nichts ist weniger wahr. Ihr entflieht bereits, ohne zu kämpfen. Ihr überlaßt den Athenern die Ehre, sich mit uns zu messen. Ihr zieht die vor, die unsere Sklaven sind, Sklaven aus eurem Blut, um sicherer den Kampf zu bestehen. Ihr enttäuscht uns bitter. Wir hatten geglaubt, ihr würdet uns einen Herold senden, um uns Perser herauszufordern. Doch ihr zittert vor Angst und habt an diesem Morgen bereits zweimal den Platz gewechselt. Jetzt fordern wir euch heraus. Warum sollen wir nicht kämpfen, da wir gleich an Zahl sind, ihr, die Tapfersten – hahaha! – aller Griechen, und wir, die in euren Augen nur feige Barbaren sind? Laßt uns allein den Ausgang des Kampfes entscheiden! Nach uns mögen neue Truppen, wenn es so sein soll, von neuem kämpfen! Mich dünkt aber, daß es genüge, wenn ihr Spartaner und wir Perser miteinander ausmachen, wer als Sieger zu gelten hat.«

Der stolze Herold wartete herausfordernd auf Antwort. Es war einer, der nicht gesehen hatte und der nicht empfand. Niemand antwortete. Die Stimme des Schicksals der Perser schwieg. Die Griechen schwiegen. Der Perser zuckte die Achseln, pfiff verächtlich durch die Lippen und trabte zurück, während er sich umschaute, um einem etwa ihm nachgesandten Pfeil zu entgehen. Geringschätzig schalt er noch von ferne. Zwar war nichts mehr hörbar, allein die Bewegungen seiner Lippen ließen erraten, daß er von alten Weibern und verächtlichen Feiglingen sprach.

Er bringt Mardonios Kunde und meldet, daß die Spartaner nichts wagen, daß sie Feiglinge sind und zitternd vor Angst nicht geantwortet haben. In Mardonios jubelt es jetzt. Er möchte diesen stolzen Herold, diesen herrlichen, unantastbaren Helden umarmen. Er befiehlt seiner Reiterei, über die Ebene dahinzusprengen und die Griechen noch stolzer herauszufordern. Alsbald wimmelt es dort von Reitern, alsbald wimmelt die freie Ebene zwischen Asopos und Kithäron von den prächtigen persischen Unsterblichen. Die glänzenden Reiter funkeln und strahlen. Meisterhaft werfen sie den Speer und spannen den Bogen und richten den Pfeil, umwoben von dem Schimmer kraftvoller Anmut. Die überall goldübersprenkelten Umrisse der Bogenschützen auf den schönen, kohlschwarzen Rossen heben sich zu Beginn des Kampfes von der fahlen, versengten Ebene mit sehr deutlich gezeichneten Linien und immerfort aufschießenden Funken an Helm und Schild ab, und ihre Pfeile schwirren in dichten Bündeln zischend durcheinander in tausend Richtungen und kreuzen einander. Daß ihr Schuß niemals fehl gehe, damit brüsten sich die Schützen.

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