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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 50
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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L.

Fünf Tage später hat Mardonios durch eine königliche Stafette zu der zweiten Einnahme von Athen des Xerxes Glückwunsch erhalten. Die Wachstafeln haben ihn für einen Augenblick glücklich gemacht. Allein er sehnt sich nach der Einsamkeit und in dieser Nacht nach einem Tage voll vielerlei Erschütterungen nach frischer Luft. Er besteigt sein weißes Roß, und Artabazos, des Pharnakes Sohn, der hochverdiente Feldherr, begleitet ihn.

Wozu die Ironie der Geschehnisse? fragt sich Mardonios, während er schweigend mit Artabazos langsam weiter reitet das Lager entlang und eine aus wenigen Unsterblichen gebildete Wache mit gedämpftem Hufschlag der Pferde den Feldherren folgt. Wozu diese Ironie? Der nämliche Tag, an dem Mardonios des Xerxes Glückwunsch empfing, ist einer gewesen voll großer Reue und großem Schmerz. Jetzt ist die Nacht schwül und sternenlos, beinahe ganz dunkel und ganz still. Dieser Tag, dieser Tag ist beinah zu schwer gewesen. Die Eingeweide der Opfertiere, die Hegesistratos, der Wahrsager aus Elis, befragte, verkündeten beharrlich Unheil, und die Kundschafter brachten die Meldung, daß die Opfer der Griechen ihnen selber günstig seien. Die Lazedämonier hatten ihr Lager quer über dem Isthmos aufgeschlagen hinter der Mauer. Darauf sind sie gemeinsam mit den Athenern um die Mauer herum weiter vorgerückt bis an den Fuß des Kithäron. Aber über die Pässe des Kithäron sind sie nicht gezogen. Sie scheinen im Schutze des heiligen Berges lange und vorsichtig zu beratschlagen. Mardonios hat an diesem Morgen seiner prächtigen Reiterei befohlen, anzugreifen, und Masistios führt das Reitervolk an. O Tag der Schmerzen! Wie kann die Nacht so seltsam ruhig, still und dunkel sein nach allem Unheil, das dieser Tag brachte? Da erklingt nichts als der dumpfe Hufschlag der Pferde in der Einsamkeit, über die der schwüle, schwarze Himmel seine Dunkelheit breitet wie mit Schleiern dichter Trauer, und Masistios, der Held auf seinem goldgezäumten nisäischen Pferde, Masistios, so groß und so schön wie einer der heiligen Helden von Persien, deren Schatten jetzt bei den Göttern sind, Masistios hat sich mit seinen Reitern auf die Griechen gestürzt und hat ihnen argen Schimpf angetan und hat sie Weiber genannt, die sich verborgen hielten. Wie soll Mardonios jetzt dem Könige melden, was geschehen ist?

Verstärkung ward dem Feinde. Athener kamen. Die Perser lockten sie durch die Pässe in die Ebene. Der Kampf entbrannte. Masistios – o Tag der Schmerzen! – ritt vor, zu übermütig für einen Feldherrn, zu ungeduldig. Plötzlich traf ein Pfeil sein prächtiges Pferd in die Flanke. Mardonios hat von fern das Tier sich aufbäumen sehen, hat sein tolles Wiehern der Verzweiflung gehört. Dann stürzte es zu Boden, über Masistios hin. Die Griechen eilten herbei mit erhobenen Lanzen, konnten ihn aber nicht sogleich treffen wegen der goldenen Schuppen seines starken Panzers. Aber endlich trafen sie ihn ins Auge und töteten ihn. Was Mardonios von ferne sah, das sahen die persischen Reiter aus nächster Nähe, zwar nicht sogleich, weil sie heransprengten und dann den Feind nachlockend unmittelbar wieder zurückwichen und weil keiner von ihnen allen Masistios hatte fallen sehen. Doch endlich sahen sie es und stürzten herbei, um wenigstens die Leiche ihres Feldherrn ihr eigen zu nennen.

Wie haben sie um diese Leiche gekämpft! Als sie sie erobert hatten nach erbittertstem Kampfe, wie haben sie alle gewehklagt, wie haben die Perser gewehklagt gleich Frauen und Klageweibern! Sie haben sich Haare und Bart geschoren, sie haben ihren Pferden die Mähnen abgeschnitten und ihren Lasttieren alle Haarbüschel. Sie haben die größte Trauer zur Schau getragen. Ganz Böotien hallte wider vom Ruf ihrer Klagen. Der feindliche Himmel muß gezittert haben von ihren Klagen. Denn Masistios, der Held, war nicht mehr. Sie haben seine Leiche auf einen Streitwagen gelegt und ihn langsam durch das Lager geführt. Alle Krieger liefen vor Schmerz weinend herbei, um des Masistios Leiche zu schauen. Wie war er schön und groß, so wie er dalag, wiewohl sein Auge völlig durchbohrt war! Wie glich er den heiligen Helden, die um die Götter Persiens sind! Sicherlich war auch sein Geist in dem Paradies aus Azur, wo Ormuzd thront in einer Glorie des Lichts, umringt von seinem Stabe geflügelter Helden. Aber mag hoch oben die Glorie sein, hier unten lastet die Trauer. Das Schicksal, das entsetzliche Schicksal! Was schwebt dort in der Luft? Was droht dort in der Nacht? Ist es wirklich das lauernde böse Schicksal Persiens? Sollte es möglich werden können nach den Thermopylen, nach dem unseligen Salamis? Sollte aus diesen feierlichen Atmosphären etwas wie Verweichlichung fließen in die Kraft und die Erwartung, die in ihnen lebte, in ihnen, die Sieger waren trotz allem, sie, die zweimal Athen nahmen? Während Mardonios schweigend weiter reitet, an seiner Seite schweigend Artabazos, hinter ihnen die Wache der Unsterblichen, möchte er es hinausschreien, diesem rätselhaften, schweren Nachthimmel entgegen: Sollte es Möglichkeit werden können, daß er, Mardonios, der diesen Kampf gewollt und durchgesetzt hat und der geblieben ist, als der König besser daran tat, zu gehen, besiegt würde von diesen Doriern und diesen Ioniern, daß der mächtige Perser nicht mehr allmächtig sein würde nach Kyros, nach Dareios?

Es kann nicht sein. Mardonios gewinnt wieder die Herrschaft über sich, nimmt eine straffe Haltung ein. Der stille, wortlose Ritt ist beendet. Da ist des Mardonios Zelt. Er steigt ab und tritt mit Artabazos hinein. Da zeigt sich die Üppigkeit, die Xerxes hinterließ, da steht sein vergoldeter Sessel, sein vergoldetes Lager, das kostbare Geschirr, da breiten sich prunkvoll die gewebten Teppiche. Der Lampen Widerschein spiegelt sich in all dem Gold und all der Bronze. Die brennenden Dochte werfen ihren Schein auf die purpurne Zeltwand. Es findet eine Beratung statt mit den anderen Feldherren und Unterfeldherren, die entboten wurden. Es ist besser, das Lager mehr nach Westen zu verlegen. Dort gibt es reinere Brunnen, dort gibt es Überfluß an Wasser.

»Wie heißt die Stadt, in deren Nähe wir dann liegen werden?« fragt Mardonios.

Durch das Zelt erklingt ein Name, der gleich dem von Thermopylä, von Salamis ein Echo der Schicksalsstimme ist:

»Platää.«

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