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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V.

Währenddessen war Xerxes mit einigen Heeren aus Kappadokien auf dem Wege nach Sardes. Wer war der Satrap, der aus der königlichen Hand das schönste Geschenk für die glänzendsten Truppen empfangen hatte? Die Geschichte berichtet es nicht und braucht es vermutlich auch nicht zu berichten. Xerxes langte in Kelainai in Phrygien an. Die Heere lagerten sich draußen. Xerxes nahm die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein. Er neigte sich auf dem Marktplatz über das breite marmorne Becken, aus dem der Katarrhaktes entspringt; das ist der Fluß, der sich in den berühmten Maeander ergießt. Als er die Flußquelle gesehen hatte – an der er nichts Besonderes fand, obgleich es merkwürdig war, daß auf einem Marktplatz ein Fluß entsprang – führte man ihn in den Apollotempel. Dort wurde der Weinschlauch verwahrt, der aus der Haut des geschundenen Marsyas gefertigt war, des Silen, der sich in Sangeskunst und Flötenspiel mit Apollo hatte messen wollen. Es war ungerecht, daß Apollo ihn schinden ließ. Denn Marsyas, Sohn des Hyagnis, der in Kelainai die Flöte erfunden hatte, spielte das Instrument seines Vaters besser als der Gott, dem die Flöte wohl stets minderwertiger erschien als die Leier. Xerxes fand den Weinschlauch ebensowenig reizvoll wie die Quelle des Katarrhaktes und sprach:

»Ein unbedeutendes Städtchen dieses Kelainai!«

Mißmutig schaute er sich um. Es war mitten am Tage, und er hatte nichts zu tun. Der Palast, den er bezogen, war ein altes, verfallenes Gebäude, das die persischen Architekten und Tapezierer in wenigen Tagen zur Not hatten bewohnbar machen können. Man hatte es ausgewählt, weil es das größte war und das Gefolge des Königs untergebracht werden mußte. Xerxes wollte gerade seine um ihn versammelten Offiziere fragen, ob denn in diesem Nest wirklich nichts mehr zu sehen sei, als sich über den Marktplatz ein Zug näherte: Kamele, Maulesel, ein Tragstuhl.

»Wer kommt da?« fragte Xerxes erstaunt.

Die Umstehenden flüsterten es ehrfurchtsvoll den Offizieren des Xerxes zu. Die sagten zu Xerxes:

»Großer Despot! Es ist Pythios, der Lydier. Er ist nach Euch der reichste Mann der Welt und schenkte Dareios, Eurem Vater, die goldene Platane und den goldenen Weinstock, die sich in Eurem Palaste zu Susa befinden.«

Xerxes war sehr gespannt. Pythios, der ausgestiegen war, näherte sich, von zahlreichem Gefolge umgeben, dem König der Könige und verneigte sich sehr tief, während er Arme und Hände von sich streckte, und alle anderen fielen vor Xerxes zur Erde nieder auf dem Marktplatz zu Kelainai, indem sie Arme und Hände ausstreckten.

Xerxes fragte Pythios, nachdem ein paar höfliche Worte ausgetauscht waren, wie reich er wohl sei. Dies erscheint in der Meldung der Geschichte wie eine Unbescheidenheit. Allein der Maßstab des Benehmens, auch des eines Königs, war zu jener Zeit ein anderer. In des Xerxes Frage lag nichts anderes als liebenswürdige Teilnahme.

Pythios faßte es auch so auf und freute sich über die Frage, die ihn ganz von selbst dahin brachte, wohin er gelangen wollte. Er sagte:

»König der Könige! Warum soll ich es verschweigen und behaupten, ich hätte meine Schätze nicht gezählt? Ich will Euch sagen, wieviel ich besitze. Denn ich habe sie soeben gezählt. Sobald ich vernommen, daß Ihr zur griechischen See kommen würdet, habe ich meine Schätze gezählt, um sie Euch alle als Kriegstribut zu geben. Ich zählte zweitausend Silbertalente und vier Millionen weniger siebentausend goldene Statere, die wir nach dem darauf befindlichen Bild des Dareios Dareiken nennen. Ich biete Euch diese Schätze an für die Kriegskasse, Despot.«

Xerxes war zufrieden und fühlte sich geschmeichelt.

»Aber Ihr selber? Wovon werdet Ihr leben, Pythios?«

»Ich habe, Herr,« sprach der Lydier bescheiden, »meine Besitzungen, die meine Sklaven bearbeiten.«

Er sprach nicht von den achttausend Silbertalenten und den zwanzig Millionen goldener Statere, die er vergraben hatte, er selbst mit seinem Sohne, unter den Mosaikböden seiner Paläste, seiner Landhäuser.

Xerxes lächelte liebenswürdig. Er war sehr aufgeräumt und sehr leutselig.

»Seit ich Persien verließ,« sagte Xerxes, während ein strahlendes Lächeln seinen blauschwarzen Bart umspielte, »begegnete ich auf meinen Wegen noch niemals so edler Freigebigkeit und so erhabener Vaterlandsliebe. Empfanget im Austausch, Pythios, meinen königlichen Dank und meine Freundschaft!«

Xerxes öffnete die Arme, umarmte Pythios und küßte ihn auf den Mund. Dies war die größte Ehre, die ein Perser einem anderen Perser konnte zuteil werden lassen. Blauschwarzer Bart und grauer Bart ruhten während eines Augenblicks in zärtlicher Zuneigung aufeinander.

»Auf daß,« fügte Xerxes milde und großmütig hinzu, »kein einziger Dareikos an den vier Millionen fehlen möge, die Ihr mir geben wolltet und die Ihr nicht besitzt, werde ich selber, Pythios, mit meiner königlichen Hand die fehlenden siebentausend hinzufügen.«

Ein Beifallsmurmeln lief durch die Bärte und über die glattrasierten Lippen.

»Genieße ungestört deine anderen Besitzungen, Pythios,« fuhr Xerxes leutselig fort, »und trage Sorge, daß du allezeit so seiest, wie du jetzt warst! Es soll dich nicht gereuen, nicht heute, nicht in Zukunft. Willst du als Gast an meiner königlichen Tafel liegen?«

Pythios nahm dankbar an. Er machte keinerlei Anspielungen darauf, daß er selber das königliche Gastmahl veranstaltete, zu dem Xerxes ihn einlud, und daß er vor der Toren der Stadt das Heer bewirtete. An des Königs Seite betrat er dessen in aller Eile ausgestatteten Palast und hielt es für unnötig, zu sagen, daß er selber die kostbaren Tapeten, die vergoldeten Ruhebetten und das fehlende goldene Geschirr dem königlichen Hausmeister zur Verfügung gestellt hatte.

Der Tag verlief sehr erfreulich, die Nacht noch erfreulicher.

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