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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XLVII.

Alexandros sprach zu den versammelten Athenern:

»Athener! Hört, was euch Mardonios durch meinen Mund künden läßt! ›Botschaft ist mir geworden von dem Basileus. Er sagt: Ich verzeihe den Athenern, was sie verbrochen haben.‹«

Dieser Anfang der Ansprache des Alexandros war sehr, sehr schwierig und undurchsichtig. Die Ichform bezog sich zunächst auf Alexandros selber, dann auf Mardonios und endlich auf Xerxes. Wer in weiter Entfernung stand, begriff anfänglich nichts von dieser dreifältigen Ichform. Einen Augenblick hatte es den Anschein, als verzeihe Alexandros den Athenern, was sie verbrochen hatten.

Was hatten sie verbrochen? Diese ersten Worte des Alexandras warben dem Sprecher keine Zuneigung. Aber Alexandros, der sich seiner Rednergabe und der Verpflichtungen, die Athen Makedonien gegenüber hatte, wohl bewußt war, fuhr fort, indem er berichtete, was Xerxes dem Mardonios hatte melden lassen:

»So tue, wie ich dir befehle, Mardonios, und gib den Athenern ihr Land zurück!«

Die am weitesten entfernt stehenden Athener begannen erst allmählich zu begreifen, und doch ist ein Athener nichts weniger als dumm, aber die Form, die Alexandros für seine Ansprache wählte, war sehr umständlich.

»Sage ihnen, daß sie sich bei Attika noch ein anderes Gebiet aussuchen sollen, was sie wünschen!«

Der ferne König Xerxes im fernen Susa verfüge ziemlich eigenmächtig, meinten die Athener.

»Daß sie nach ihren eigenen Gesetzen leben sollen.«

Sie würden es niemals anders tun.

»Daß ich, so sie mit mir, dem König der Könige, ein Bündnis schließen wollen, befehlen werde, man solle ihre verbrannten Heiligtümer wieder errichten.«

Da war es! Ein Summen ward in der Rats Versammlung hörbar, ein Lärmen, ein Rauschen. Ein Bündnis schließen mit Xerxes? Niemals!

»Diesen Befehlen«, fuhr Alexandros fort, gleich als sei er jetzt Mardonios, »werde ich Folge geben, so ihr mir kein Hindernis in den Weg legt. Jetzt spreche ich zu euch in meinem eigenen Namen.«

»Er spricht in des Mardonios Namen«, meinten die fernab stehenden Athener.

»Er sagt, was ihm Mardonios gesagt hat.«

Alexandros fuhr fort:

»Welche Torheit ist es, dem König den Krieg zu erklären!«

»Er hat uns den Krieg erklärt«, riefen lärmend die Athener. »Die Schuld liegt bei ihm, bei Xerxes.«

»Ihr werdet ihn niemals besiegen und nicht immer Widerstand leisten können. Seine großen Taten sind euch bekannt, auch die Menge seiner Heere. Auch hörtet ihr von meiner Streitmacht.«

»Was sagt er?« riefen die Entfernten. »Wessen Streitmacht?«

»Die des Mardonios«, erklärten die näher stehenden Athener.

»Auch wenn ihr den Sieg über mein Heer davontragen würdet, was ihr, wenn ihr klug seid, euch wohl nicht einbilden könnt, werden noch mächtigere Heere kommen, um mich zu rächen. Wähnt ihr euch Persien gleich? Wollt ihr etwa euer Vaterland und euer Leben verlieren? So versöhnt euch mit dem Basileus!«

»Nein!« riefen die fernab stehenden Athener, die verstanden hatten.

»Wollet seine Gnade hinnehmen!«

»Was für eine Gnade? Nein!«

»Niemals werden euch ehrenvollere Bedingungen geboten werden, Athener.«

Es entstand eine heftige Bewegung. Alexandros indes fuhr fort:

»Seht, Athener! Das ist es, was Mardonios euch zu sagen mir befahl.«

»Spricht er endlich in seinem eigenen Namen?« hörte man unzufrieden rufen.

»Was mich anbetrifft, so will ich euch jetzt klarlegen, wie wohlwollend ich euch gesinnt bin.«

»Er ist ein Perser. Er ist ein Barbar.«

»Mein Rat ist der: Verwerft nicht des Mardonios Wort! Ihr seid nicht imstande, Xerxes bis ans Ende Widerstand zu leisten.«

»Er ist vor uns geflohen nach Salamis.«

»Wenn ich wüßte, daß ihr mächtig genug wäret, bis zum Ende Widerstand zu leisten, wäre ich nicht mit diesem Vorschlage hierhergekommen. Des Königs Macht ist unermeßlich, übermenschlich. Falls ihr nicht ein Bündnis schließt mit Persien unter so günstigen Bedingungen ...«

Der Lärm war ohrenbetäubend. Des Alexandros Wort ging unter in dem Meer wütenden Lärms.

»So fürchte ich um euch, um euch ganz besonders. Von allen Verbündeten seid ihr der Rache des Xerxes am meisten ausgesetzt. Ihr werdet wiederum die ersten Schlachtopfer sein. Unschätzbar ist das, was euch der große König bietet. Ihr seid von allen Hellenen die einzigen, deren Freundschaft er wünscht.«

Sobald Alexandros inmitten des heftigen Lärms seine Rede beendet hatte, erhoben sich die lazedämonischen Abgesandten, die dem Rate beigewohnt hatten, würdevoll und entrüstet wie ein Mann. Ihr Wortführer sprach:

»Athener! Sparta entsendet uns, um euch zu bitten, nichts anzunehmen, was Hellas Nachteile bringen könne. Ihr sollt dem Vorschlage des Xerxes euer Ohr nicht leihen! Ein Bündnis mit Persien würde Schmach bedeuten. Ihr habt den Krieg gewünscht gegen Spartas Willen.«

Ein Lärmen entstand.

Sparta habe den Krieg gewünscht, riefen Stimmen. Die Athener heischten Stille.

Der spartanische Wortführer fuhr fort:

»Anfangs war der Krieg nur eure Sache.«

Lärmender Widerspruch.

»Jetzt geht der Krieg uns alle an.«

Freudiges Jauchzen wie von ausgelassenen Schülern.

»Würdet ihr, nachdem ihr die Ursache dieses Unglücks gewesen ...«

Heftiges Widerstreben inmitten des Volkes. Zischend wurde Stille verlangt.

»Jetzt Zeuge sein wollen, wie sich Hellas unter das persische Joch beugt, Athener, ihr, die ihr stets die Verteidiger der Freiheit der Völker wäret?«

Ein gewaltiger Jubel, ein ungeheurer Schrei aus tausend Mündern gegen die Tyrannei, gegen die Überwältigung, gegen den, der die Weltallmacht für sich allein erstrebte.

Der Spartaner hatte gesiegt. In der von neuem eingetretenen Stille fuhr er mit leiser Stimme fort:

»Athener! Das Leid, das ihr leidet, leiden wir mit euch. Eure Häuser liegen verschüttet. Zwei Jahre habt ihr nicht geerntet. Voller Verständnis für eure Schmerzen bieten wir euch an, eure Greise und Frauen und Kinder zu ernähren. Laßt euch nicht – wir flehen euch an – durch die schmeichlerischen Reden des Alexandros betören! Er ist ein Tyrann, der Sklave eines Tyrannen. Seid weise! Trauet dem Barbaren nicht! Denn der ist allezeit unzuverlässig.«

Da antworteten die Athener durch den Mund ihres Wortführers dem Alexandros:

»Es ist unnütz, Alexandros, Sohn des Amyntas, daß Ihr mit prahlerischen Reden die Macht der Meder aufbauscht. Wir wissen ebenso gut wie Ihr, daß ihr Heer größer ist als das unsere. Aber wir werden in heiligem Feuer erglühend unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Versucht daher nicht, uns zu einem Bündnis mit Xerxes zu bestimmen! Niemals werden wir das tun. Überbringet dem Mardonios die Antwort Athens, Alexandros: Solange die Sonne auf dem gleichen Wege auf- und untergeht, werden wir niemals uns an den Barbaren fesseln, sondern voller Vertrauen auf den Schutz unserer Götter und Heroen, deren Tempel und Bildnisse Xerxes vernichtete, dem Überwältiger entgegenziehen und ihn von unseren Gebieten vertreiben.«

Atemlos hatten die Athener zugehört. Ein ehrfurchtsvolles Jubeln rauschte empor. Der Wortführer begann wieder, jetzt drohend:

»Was Euch betrifft, Alexandros, so verkündet den Athenern niemals mehr derartige Botschaft! Mutet uns niemals mehr eine Schandtat zu, angeblich, um unserem Lande einen Dienst zu erweisen! Denn selbst wenn uns das Gesetz der Gastfreiheit und der Freundschaft verknüpfte, so würde es um dies Gesetz geschehen sein.«

Alexandros erbleichte. Jetzt gab der Athener Sparta Antwort:

»Die Furcht der Lazedämonier, wir könnten mit den Barbaren verhandeln, ist unbegründet. Schändlich würde solch Unterhandeln sein. Nein! Auf Erden gibt es kein Gold, kein Land, wie schön es auch sein möge, das uns dazu verführen könnte, die Verbündeten der Meder zu werden, um Hellas in Sklaverei zu stürzen. Wir Hellenen sind verknüpft durch Blut und Sprache. Die gleichen Götter beten wir an, die gleiche Sprache sprechen wir alle. Spartaner! Wir danken euch für das Anerbieten, unsere Frauen und Kinder ernähren zu wollen. Allein wir werden imstande sein, unseren Unterhalt selbst zu bestreiten. Nun, da dem allen so ist, führt euer Heer zum Streite! Sobald der Barbar vernimmt, daß wir sein Angebot ablehnen, wird er in Attika einfallen wollen. Lasset uns ihm zuvorkommen in Böotien!«

Eine heftige Bewegung, ein Geschrei, ein Jauchzen, ein Gedränge. Alexandros steht bleich und wütend auf dem Platz vor dem Ratsgebäude. Ein Herold nähert sich ihm und spricht:

»Alexandras, Sohn des Amyntas! Mir wurde befohlen, Euch zu melden, daß Ihr bei Todesstrafe in Athen nicht länger verweilen dürft, als die Sonne dort am Himmel steht.«

Aus der lärmenden Menge hört man Zischen, Schelten, Schimpfen. Ein paar Steine fliegen durch die Luft.

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