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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 42
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XLII.

In Athen waren die umfangreichen Vorbereitungen zum Rückzuge im Gange, zum Rückzuge des ganzen ungeheuern Landheeres von Millionen, die auf demselben Wege, den sie gekommen waren, nach Böotien zurückziehen sollten. Denn Mardonios glaubte, es sei besser, wenn er Xerxes eine Strecke begleite und mit den von ihm ausgewählten Truppen überwintere, um im kommenden Frühjahr gegen den Peloponnes zu ziehen. Als Mardonios nach Thessalien zurückgekehrt war, wählte er seine Mannen aus. Er wählte die Unsterblichen. Doch ihr Führer Hydarnes wollte bei Xerxes bleiben. Er wählte die Thoraxophoren, schwerbewaffnetes, gepanzertes Fußvolk und tausend Mann Reiterei: Meder, Saken, Baktrier und auch Inder. Er bildete Kerntruppen aus lauter gut gedrillten Prachtkriegern, die sich viele Ketten und Armbänder verdient hatten, welche schwer über ihre Brustpanzer herabhingen oder ihre sehnigen Arme breit umschlossen. Als Xerxes an diesem letzten Morgen in aller Eile, weil er sich des Albdruckes nicht zu erwehren vermochte, die Schiffbrücke über den Hellespont könne vernichtet werden, und die Verbündeten könnten ihm die Rückkehr nach Asien abschneiden, dieses Heer von dreihunderttausend Prachtkriegern musterte, flammte sein kaum gebrochener Hochmut wieder auf. Es war mit Sicherheit anzunehmen, daß die Verbündeten nicht imstande sein würden, gegen dieses Prachtheer etwas auszurichten, auch wenn zur See Tyche in ihrer Launenhaftigkeit – es war nicht auszudenken – gegen die Perser gewesen war.

Nachdem die Musterung beendet war, wurde ein Herold der Lazedämonier vor Xerxes geführt. Wie war es möglich gewesen, daß der Mensch ihn in Thessalien ausfindig machte? Xerxes wunderte sich darüber mit verhaltener Furcht, und der Gedanke, daß vielleicht schon die Schiffbrücken vernichtet seien, verließ sein Hirn nicht mehr, was auch Themistokles, jener Unzuverlässige, ihm hatte melden lassen.

Der Herold war von Sparta gesandt worden auf Grund eines delphischen Orakels, das befohlen hatte, man solle Xerxes für den Tod des Leonidas zur Rechenschaft ziehen und die Antwort, die der König geben werde, als Vorzeichen auffassen.

Xerxes saß stolz zu Pferde. Sein Diadem schloß jetzt eng um die Schläfen. So empfing er den Herold. Der sprach:

»Basileus der Meder! Die Lazedämonier und die Herakliden von Sparta ziehen Euch zur Rechenschaft für den Tod des Leonidas.«

Xerxes begann laut und höhnisch zu lachen.

»Ist das alles?« fragte er hochmütig. »Senden die Spartaner nur deshalb einen Herold, um von mir so nutzlose Rechenschaft zu verlangen?«

In diesem Augenblick kam Mardonios geritten, eine glänzende Erscheinung inmitten seines glänzenden Stabes.

Xerxes deutete mit seiner wiedergewonnenen schwungvollen Geste auf Mardonios. Die Kerntruppen leuchteten weithin über die Ebene.

»Sieh hier, Herold, den Helden, der deinen Landsleuten Rechenschaft ablegen soll!«

Der Herold schaute Mardonios starr an. Er ließ einen langen Blick über das Heer schweifen. Dann sprach er:

»Euer Wort, Xerxes, nehme ich als Vorzeichen, so wie es das Orakel gebot.«

Xerxes zuckte die Achseln. Der Herold ging. Doch der Alb lastete weiter auf dem König der Könige. Er nahm Abschied von Mardonios.

Eine schöne Seele ist dieser Mardonios doch, dachte Xerxes häufig während seines Rückzuges, eines Rückzuges, der mit jedem Tage entsetzlicher wurde, eines Rückzuges, der einer dauernden Niederlage gleichkam, obwohl kein Blut vergossen wurde, einer Niederlage durch Hunger, Pest und Darmkrankheit. Auf den Wegen und in den Feldern blieben die Krieger erschöpft zurück. Sie nährten sich von etwas Saat, die sie fanden, von dem Gras der Weiden, von der Rinde und den Blättern wilder und gezüchteter Bäume. Vieh gab es nirgends mehr. Es war bereits von denselben Horden verschlungen, als sie in Griechenland einfielen. In allen Städten, die Xerxes durchzog, wo neben Hunger und Krankheiten die Armut herrschte, ließ er Tausende von Kriegern zurück, säte er sie hinter sich. Ganze Völker ließ er zurück, die Völker, die sein Heer anfangs mitgeschleppt hatte in schwellender, immer mehr schwellender Flut.

»Ernährt meine Krieger und sorgt für sie!« befahl Xerxes den Behörden überall in den Städten.

Es war ein vergebliches Wort, ein unausführbarer Befehl. Da war nichts. Da war nichts als Regen. Da war zwar Wasser in den Flüssen, in dem die Pestleidenden und die an Durchfall Erkrankten ihren Durst löschen konnten, aber das Wasser war vergiftet. Im Regen lagen die Sterbenden mit den Leichen wie hingestreut am Wege. Xerxes zog weiter und hielt die Augen ins Leere gerichtet. In der Regel ließ er sich in einer dichtverschlossenen Harmamaxa fahren im schnellsten Trabe gepeitschter Pferde, denen die Knie knickten. Als er in Makedonien anlangte, bat er um den heiligen Wagen des Zeus, des Gottes der Perser. Allein er fand den Wagen nicht mehr. Die Paionier hatten ihn den Thrakern in Verwahrung gegeben. Als er ihn von den Thrakern verlangte, antworteten sie Xerxes, die heiligen nisäischen Pferde seien gestohlen worden von den Räubern aus dem oberen Thrakien, die an den unerreichbaren Quellen des Strymon wohnten und die von ihren hohen Felsen herab Xerxes ausgelacht hatten im Frühjahr, als er gekommen war.

Bei Eïon am Strymon ging Xerxes an Bord eines phönikischen Schiffes. Fünfundvierzig Tage dauerte der Rückzug des Heeres. Eine Auflösung war es, die mit jedem Tage entsetzlicher ward. Da lag endlich der Hellespont, und aufatmend gewahrte Hydarnes, der das Heer zurückführte, die Schiffbrücke. Wie sehr sie auch heimgesucht war von Sturm und unbezähmbaren Wellen, schien sie ihm doch wie eine leise Aussicht auf Rettung über der See zu schwanken.

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