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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XL.

In seiner mit Vorhängen dicht verhängten Harmamaxa, deren Viergespann wie rasend dahinjagte, floh Xerxes zurück nach Athen. Er war nur von einer Wache der Unsterblichen umgeben, während das übrige Heer und die Prinzen folgten. Keiner der Perser hatte noch das Wort Flucht ausgesprochen, aber Angst und Schrecken war in aller Augen, in allen Pferdehufen, in jeder wehenden Falte der Kriegermäntel, die hinter den Schultern der Reiter flatterten. Während Xerxes zurückgeworfen in seinem Wagen lag, der über die Straße nach Athen polterte, fragte er sich: Wie war es möglich? Wie war es möglich? War seine Flotte wirklich besiegt worden von diesen plumpen griechischen Schiffen? Er nannte sie schon nicht mehr Schiffchen. In kindlichem Unglauben legte er sich tausendmal die Frage vor, während er unbequem dalag in seiner Waffenrüstung und das schlechtsitzende Diadem in der Hand hielt.

Es war in der Tat bereits eine Flucht, aber nicht die prachtvoll tragische Flucht, wie sie der Dichterkrieger in dieser Nacht in seiner schöpferischen Einbildungskraft gesehen hatte. Denn Xerxes zerriß sich nicht seine Gewänder, raufte sich nicht den Bart. Der König der Könige trug um seine Schultern keinen Köcher, den Äschylus in symbolischer Bedeutung von Pfeilen geleert sah. Der König der Könige war zu erhaben, um sein eigener Bogenschütze zu sein.

Als man nach Athen zurückgekehrt war in das Haus, das für Xerxes, so gut und so schlecht es ging, in einen persischen Palast umgeschaffen worden war, herrschte unter den Fürsten und Feldherren eine bange Spannung. Was würde beschlossen werden? Plötzlich erschien Xerxes und befahl mit hoher, vor Wut zitternder Stimme:

»Befehlet, daß sogleich eine Verbindung hergestellt werde zwischen dem Festland und jenem verruchten Salamis!«

Die Fürsten und Feldherren standen wie versteinert, starrten verständnislos mit weitgeöffnetem Munde.

»Ich meine,« fuhr Xerxes, rasend, fort, »daß ihr die phönikischen Lastschiffe zu einer Brücke, zu einer Mauer sollt zusammenbinden lassen. Wir werden der Griechen schon Herr werden.«

Er ballte die Fäuste und schloß sich in seinem Gemach ein. Er saß und starrte vor sich hin und dachte darüber nach, wie er die Kunde von diesem unheilvollen Tage nach Susa senden solle. An Oheim Artabanos? An Atossa? Er fand keinen Ausweg.

Mardonios bat um eine Unterredung. Xerxes hatte nicht den Mut, sie seinem Schwager und höchsten Befehlshaber zu verweigern. Er ließ Mardonios ein.

»Was willst du?« fragte Xerxes rauh.

Mardonios stand bleich vor dem König der Könige, der noch immer auf seinem Thron vor sich hinstarrte, ratlos und im Stillen rasend. Mardonios, der sich schuldig fühlte an diesem Unglück, an dem ganzen Kriege, den er erzwungen hatte, sprach:

»Xerxes! Schwager und Fürst! Sage mir – wir sind allein – willst du in der Tat eine neue Seeschlacht wagen? Oder stellt diese Brücke nach Salamis eine zum mindesten mir erkennbare List dar, um eine allgemeine Flucht vorzubereiten und vor den uns verfolgenden Griechen einen Vorsprung zu gewinnen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Xerxes mit wild starrenden Augen. »Ich weiß nichts mehr.«

Dann sprach Mardonios voller Rührung. Denn Mardonios hatte eine schöne Seele, obwohl er zum Kriege geraten hatte:

»König! Trauert nicht länger um das, was bei Salamis geschehen ist! Betrachtet es nicht länger als unüberwindliches Übel! Der Erfolg dieses Krieges hängt nicht nur von unseren Schiffen ab. Habt Ihr denn nicht Mardonios und Euer ganzes gewaltiges Landheer, Fußvolk und Reiterei? Wurde das jemals übertroffen? Hatte es jemals seinesgleichen? Die Griechen, die vielleicht meinen, sie hätten alles erreicht, werden ihre Schiffe, ihre einzige Macht, nicht verlassen, um uns zu bekämpfen. Die auf dem Lande geblieben sind, taugen nichts. Mein König! Verlasset Euch jetzt auf Mardonios! Wir wollen sogleich den Peloponnes stürmen. Oder zieht Ihr eine Ruhepause vor? Wir wollen deshalb nicht den Mut verlieren. Die Griechen sind erschöpft und sie werden Eure Sklaven sein. Einst werdet Ihr von ihnen Rechenschaft verlangen für die Gegenwart und für die Vergangenheit. Einst werdet Ihr von ihnen Rechenschaft verlangen für Marathon und Salamis. Doch so Ihr es vorzieht, nach Persien zurückzukehren, wie ich vermute, dann höret meinen Rat, König!«

Mardonios war tief bewegt. Denn seine schöne Seele war zwar blind dem gegenüber, was die Zukunft bringen sollte, aber doch tief gerührt. Er kniete nieder auf ein Knie vor dem sitzenden, still tobenden, ratlosen Xerxes und sprach:

»Duldet es nicht, König, daß wir jenen Griechen zum Spott werden! Die Perser haben Eurer Sache nicht geschadet. Die Perser kämpften wie die Löwen. Unsere feigen Verbündeten sind die Schuldigen. Die Phönikier, die Ägypter, die Kyprier und die Kilikier taten ihre Pflicht nicht. Was sie taten, könnet Ihr uns, könnet Ihr mir, Xerxes, nicht anrechnen. Hört auf mich, Xerxes!«

Mardonios wagte es, die Hand seines Schwagers zu ergreifen, und sprach:

»So Ihr nicht bleiben wollt, so kehrt zurück mit dem größten Teil Eures Heeres und laßt mich hier mit nur dreihunderttausend Mann! Ich schwöre Euch bei unseren Göttern, daß ich die Griechen unter das Joch Eurer Macht beugen oder sterben werde.«

Auch Xerxes war sehr gerührt. Er blickte Mardonios lange an und bewunderte dessen schöne Seele. Xerxes unterlag der schönen Dramatik dieses Augenblicks. Denn Xerxes hatte ekstatische Anwandlungen. Auch das, was der Dichterkrieger über Xerxes zu dichten im Begriff war, würde auf Xerxes tiefen Eindruck gemacht haben. Xerxes würde des Äschylus »Perser« bewundert haben, hätte er die Tragödie, die sein eigenes Schicksal behandelte, jemals hören und sehen können. Überwältigt von seiner Rührung und seiner zärtlichen Anwandlung öffnete Xerxes die Arme. Er tat es mit einer dramatischen Geste. Vielleicht tat er es ganz unbewußt. Aber so wie er es tat, war es gut. Er umarmte den knienden Mardonios, drückte ihn an sich und sprach:

»Mardonios! Du bist ein Held und du hast eine schöne Seele.«

Dann wurde Mardonios nüchtern-geschäftsmäßig nach der heftigen Rührung und sprach:

»Wir wollen mit unseren Brüdern und Neffen und Schwägern beratschlagen, was uns zu tun bleibt.«

Xerxes stimmte zu. Die Versammlung wurde anberaumt. Nachdem Xerxes mit den Brüdern, Neffen und Schwägern beratschlagt hatte – er hatte sich schon einige Male ringsum geschaut in dem vollen Raum mit den vielen Feldherren – sagte er:

»Wo ist die Königin von Halikarnaß? Warum ist Artemisia nicht hier? Man entbiete die Königin von Halikarnaß zu mir! Sie ist eine Heldin, und ich lege großen Wert darauf, zu hören, was sie mir rät.«

Artemisia, die horchend hinter einem Vorhang stand, ein wenig beunruhigt wegen der Trireme der ihr befreundeten Kalyndier und ihres Königs Damasithymos, die sie aus Selbsterhaltungstrieb in den Grund gebohrt hatte, trat sofort ein, während ihr Herz unter ihrem Panzer pochte. Xerxes blieb mit Artemisia allein. Denn er wünschte sie ohne Zeugen zu hören. Die Brüder, Schwäger und Neffen fühlten sich dadurch gekränkt, allein sie zeigten es nicht.

Sie gingen. Xerxes wies der Königin einen Sessel an. Sie setzte sich. Er sprach:

»Artemisia! Mardonios rät mir, den Peloponnes zu stürmen oder mit meinem Heere nach Persien zurückzukehren und ihn mit dreihunderttausend Mann in Attika zu lassen, um die Griechen unter mein Joch zu zwingen. Du, Artemisia, die sich heute als eine Heldin zeigte ...«

Artemisia atmete auf. Xerxes wußte von nichts.

»Sage mir, was rätst du mir zu tun?«

»König!« rief die triumphierende Frau jubelnd aus.

Listig ließ sie ihre freudige Stimme sinken.

»Es ist schwer, Euch hierin zu raten. Ich bin aber der Ansicht, daß Ihr gehen, daß Ihr Mardonios hier lassen solltet mit den Truppen, die er auswählt. Er sagt, daß er die Griechen unter Euer Joch zwingen werde ...« Sie erhob sich. Sie schaute sich rasch um, setzte sich auf die Stufen zum Thron des Xerxes und flüsterte zu ihm empor:

»So er Erfolg hat, wird es zu Eurer Ehre sein, Xerxes. Hat er keinen Erfolg, so macht es auch nichts aus. Ihr werdet fern sein und in Sicherheit. Ihr mit Eurem ganzen fürstlichen Hause. Solange Xerxes lebt, werden die Griechen zittern, auch wenn ihnen der Zufall heute günstig war. Ihr werdet sie wieder und wieder bekämpfen, und einst werden sie zerschmettert werden. Einst werden sie sich beugen. So Mardonios fällt, ist er nichts anderes als ein Sklave des Xerxes, so wie wir alle, Fürst, Eure Sklaven sind.«

Verführerisch hob sie ihr Antlitz zu ihm empor. Sie war sehr schön, und er konnte sich dem fast bildhaft-mythischen Zauber dieser Amazone zu Wasser nicht entziehen. Sie war Heidin und dennoch Weib. Was er an seinem eigenen Hofe nicht geduldet, was er als der Überlieferung der Frauengemächer in Susa widersprechend empfunden hatte, erschien ihm sehr anmutig während des Feldzuges. Diese königliche Kämpferin, die so tat, als ob sie ihn liebe, während er so tat, als ob er sie liebe, das war eine Zerstreuung, das war in diesem Augenblick eine ihm sehr notwendige Verschönerung des Lebens. Diese Semiramis, die sich schmeichlerisch zu seinen Füßen niederließ, der Panzer um ihren Busen, die Schienen an ihren Beinen bezauberten ihn. Sie paßten in schönem Zusammenklang zu der Stimmung dieses Augenblicks. Eine seiner Nebenfrauen, die ihn in großer Zahl begleiteten, würde in langem, schleppendem medischen Frauengewande in diesem Augenblick keinen großen Eindruck auf ihn gemacht haben.

»Artemisia!« begann er zärtlich.

Sie lehnte sich fragend an sein Knie. Der blauschwarze Bart kitzelte ihre Stirn. Aber eine plötzliche neue Erregung erwachte in Xerxes. Er dachte an seine drei jungen Bastardsöhne, die er sehr lieb hatte und die ihn begleiteten.

»Artemisia!« fuhr Xerxes in anderem Tone fort. »Dank für deinen Rat, Dank für die Liebe, die du mir entgegenbringst! Aber der Augenblick ist jetzt nicht dazu angetan, um ... Ich habe zu viel im Kopf. Ich dachte an meine drei Söhne. Ich fürchte für sie. Sie sind noch sehr jung und sind meine ganze Freude. Sie sind vielleicht jetzt in Gefahr. Wer weiß, welche Schwierigkeiten der Rückzug noch mit sich bringen wird? Darf ich sie dir anvertrauen, Artemisia? Sicherlich wirst du mit deinem Schiffe unbemerkt ausfahren und sie nach Ephesos mitnehmen können.«

Artemisia jauchzte innerlich. Lieber als eine Schäferstunde mit dem König war ihr dieses Vertrauen. Sie brauchte nichts mehr zu fürchten. Sie willigte sogleich ein.

Xerxes befahl der Wache:

»Man bringe die Knaben hierher!«

Die drei kleinen Bastardprinzen kamen. Es waren drei schöne persische Knäblein: bernsteingelb, schwarzlockig, reich geschmückt. Sie wirkten wie ein Spielzeug des Xerxes mit ihren Amuletts aus Edelsteinen und ihren kleinen Edelsteindolchen. Er umarmte sie sehr zärtlich, als der Eunuche Hermotimos sie hereinführte.

Hinter ihnen entstand ein Gedränge, und der wachhabende Offizier neigte sich in der Tür tief zur Erde und rief:

»Die königliche Post, König der Könige!«

Die Stafette brachte Briefe aus Susa. Es war die prächtig geordnete persische Post. Es war die Stafette, die von der letzten Poststelle dahergetrabt kam und die in aller Eile von ihrem Vorgänger die Briefe für Xerxes und die Brüder, Schwäger und Neffen übernommen hatte. Schnee, Regen, Wärme, Nacht, nichts vermochte die trabende persische Stafette aufzuhalten. Sie warf sich der Länge nach vor des Xerxes Thron nieder und überreichte ihm die Tasche mit beiden Händen.

Die Brüder, Schwäger und Neffen traten ein, nachdem man sie verständigt hatte. Die Briefe wurden verteilt.

Xerxes empfing einen Brief von Amestris, der Königin; von der Mütterlichkeit: Atossa; vom Oheim Artabanos. Die Briefe waren voll Jubels ob des Falles von Athen.

Sie lauteten ungefähr übereinstimmend:

»An Xerxes, den König der Könige. Wir jubeln, weil unser Fürst Herr von Athen und weil das hehre Ziel des Krieges erreicht ist. Die Straßen in Susa sind mit Myrtenzweigen bestreut, auf allen Plätzen steigen aus den brennenden Weihrauchbecken die Rauchopfer auf, die Persiens Göttern dargebracht werden. Wir erwarten Euch, Xerxes, im Triumph zurück.«

Xerxes hatte zu lesen begonnen. Alle hörten ihm zu blaß und schweigend. Dann plötzlich zerknitterte Xerxes wütend den Papyrus des Oheims Artabanos zu einem Knäuel und schleuderte ihn auf den Boden. Denn es war der Abend von Salamis.

»Verbrennt Athen, o König der Könige!« rief dennoch jubelnd Artemisia, während sie ihre Arme um die drei Bastardprinzen, die drei kleinen Knäblein, schlang und wegging. Die Eunuchen folgten ihr.

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