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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV.

Die Perser machten den Griechen zum Vorwurf, daß sie Barbaren seien, und die Griechen machten den Persern das gleiche zum Vorwurf. Die Griechen nannten sogar einen jeden, der nicht Grieche war, einen Barbaren, mit besonderer Betonung. Vielleicht hatten sie beide recht, vielleicht keiner von beiden. In jedem Falle waren die Griechen ein junges, kräftiges Volk, das im Aufblühen begriffen war, während die Perser nach drei Menschenaltern bereits bei der Überfeinerung angelangt waren. Vermutlich konnten sie einander aus diesem Grunde nicht verstehen. Ein Grieche nahm Anstoß an der Kleidung, dem Benehmen, dem Glauben und den Sitten eines Persers. Dem Perser war dies alles an dem Griechen zuwider. Es war keine Freundschaft möglich. Dazu kam noch, daß Xerxes die Griechen verachtete. Auch die Magier verachteten die Griechen wie ein minderwertiges Volk, das seinen Göttern dem Volk zugängliche Tempel stiftete mit Götterbildnissen darin. Wohl opferten die Magier dem Zeus, doch auf dem Gipfel der höchsten Berge, zwischen Donner und Blitz, und auch der Sonne, dem Monde, der Erde, dem Feuer, dem Wasser und den Winden. Allein Persiens Lieblingsgott war Mithra. Der war Mann und Weib zugleich, Gott und Göttin, schaffende und empfangende Kraft, aller Menschheit verständlich.

Seit Kyros ganz Asien besiegt hatte – das lag nicht viel mehr als ein halbes Jahrhundert zurück – herrschten die Perser über eine große Anzahl von Völkern. Mit Kyros war Persien jung und kräftig gewesen wie Griechenland jetzt. Doch sobald die persischen Könige über so viel Völker herrschten, begann die persische Überfeinerung. Das ist das Gesetz vom Blühen, Wachsen und Welken. Allein Xerxes sah die Sache nicht so an und ahnte nichts von seiner Überfeinerung. Er haßte die Griechen und hatte nach seinen Träumen den Krieg beschlossen.

Vier Jahre lang bereitete Xerxes sich vor. In dem ganzen riesengroßen Reiche wurden unter allen unterworfenen Völkern Aushebungen vorgenommen, überall wurden Vorräte angesammelt.

Doch zwei Schwierigkeiten beschäftigten Xerxes vornehmlich. Das waren der Hellespont und der Berg Athos. Xerxes, der bereits beschlossen hatte, über den Hellespont eine Schiffbrücke, schlagen zu lassen, bestimmte jetzt, daß der Berg Athos durchbohrt werden solle, auf daß seine Flotte durch einen sichern Durchlaß in die griechischen Gewässer gelangen könne, ohne Gefahr zu laufen, wiederum in der Gegend des Vorgebirges von den griechischen Windgöttern, den unversöhnlichen, weggeblasen und vernichtet zu werden. Auf allen Plätzen und Straßen aller persischen Städte, insbesondere in Susa und Sardes, drängten sich während der ersten Monate der Kriegsvorbereitungen die Perser vor riesengroßen Anschlägen, auf denen in zierlichen Buchstaben des Königs Brief an den Berg Athos in Keilschrift abgeschrieben stand.

»Göttlicher Athos, du, der du deinen Gipfel in die Wolken reckst, fordere mich, den König der Könige, nicht länger heraus! Lege meinen Baumeistern und meinen Sklaven nicht allzu unwillige Felsblöcke in den Weg! Sonst werde ich dich abtragen und als Schutt in das Meer werfen lassen.«

Der Brief selber wurde nach dem Berge gebracht durch die königliche Post und in eine Felswand des Athos eingeritzt, auf daß der Berg niemals geltend machen könne, er habe des Xerxes Brief nicht erhalten.

Aus dem Hafen von Elaius auf dem thrakischen Chersonnes liefen ganze Geschwader aus, Triremen auf Triremen, um den Berg Athos zu durchbohren. Jener Berg bildet ein ungeheures, heiliges, berühmtes Vorgebirge, das majestätisch in das Meer hineinragt wie ein Schiff der Titanen, das zu Stein und Fels geworden. Gegenüber dem Berge liegen Städte und Dörfer halb versunken in Klüften und Tälern. Eine Landenge von zwanzig bis dreißig Stadien Breite verbindet das Vorgebirge mit dem Festlande. Diese Landenge ist ein Tal, und in dem Tal liegt die Stadt Sana.

Zehntausende von Kriegsknechten langten in Sana an und überschwemmten die kleine, friedliche griechische Stadt. Bubares und Artachaies hießen die Feldherren, die an ihre Spitze gestellt waren. Die Zehntausende von Kriegsknechten wurden mit der Peitsche gedrillt. So erforderte es die persische Manneszucht. Artachaies, der Achaemenide, war ein Riese. Das machte bei einem Feldherrn immer großen Eindruck. Die Perser bewunderten stets körperliche Größe und alles Kolossale. Artachaies maß fünf Königsellenbogenlängen weniger vier Daumen, das ist so viel wie sieben Fuß und etwas darüber. Seine Stimme war zum Erschrecken. Wenn er die Stimme erhob, erschraken seine Offiziere, die Mechaniker und sogar die Unteroffiziere, die selber brüllend die Peitschen über den Rücken der Kriegsknechte schwangen. Aber die Arbeit machte unter dem Drill und dem Brüllen gute Fortschritte. Die vereinigten persischen Völker erhielten jedes die Aufgabe, ein Stück des Athos zu durchbohren. Alles war gut verteilt. Mit Seilen und Stahltauen maß ein jedes Volk sich sein Teil ab. Man begann bei der Stadt Sana, und während die Peitschen klatschten, hieben und bohrten und gruben die Mannschaften von der Bauabteilung des persischen Heeres. Der Berg Athos spaltete sich sehr langsam, aber er spaltete sich. Von dem einen Meer bis zu dem andern Meer mußte sich der Berg spalten zur Strafe, weil die griechischen Windgötter, die stets über seinem Gipfel umherwirbelten, vor einigen Jahren des Mardonios Flotte weggeblasen hatten. Die Seeungeheuer, die derzeit die ertrinkenden Seeleute verschlungen hatten, kamen aus den wütenden Wellen hervor, um zu schauen. Sie blickten verstohlen und mit großen Augen nach dem Durchstich und fürchteten, daß, so dieser wirklich den Athos durchbohrte, kein Perser ihnen mehr zum Opfer fallen werde. Die Perser opferten an jedem Morgen den bösen Winden und den Seeungeheuern aus Vorsicht sogar jetzt, während die Arbeit gute Fortschritte machte. Der Durchstich vertiefte sich bereits. Unter den Füßen der zu unterst grabenden und der am tiefsten stehenden Steinhauer sprudelte schon das Wasser empor. Diese Grabenden und Aushauenden schleppten die Felsblöcke empor zu denen, die über ihnen auf Leitern standen. Von Leiter zu stets höherer Leiter, die mit eiserner Klammer in den Felsen befestigt war, stiegen die Felsblöcke in den Händen der sich zureichenden Männer – der Zehntausende – empor, und die Peitschen klatschten. Der gemarterte Fels ächzte und stöhnte. Hacken und Hämmer rasten mit wilder Musik von Eisen auf Fels zwischen den bereits sich voneinander entfernenden Wänden des Durchstichs. Körbe voll Schutt und Sand stiegen endlos an dem Hebewerk empor. Hoch oben über dem Gipfel des Berges links und rechts schwankten die Felsblöcke, der Schutt und der Sand. Die Löwen, die in den Höhlen hausten – damals gab es noch Löwen in Europa – entflohen oder sprangen ratlos in das Meer. Die Seeungeheuer verschlangen sie. Der Athos spaltete sich, und Boten meldeten dem Xerxes, der sich bereit machte, von Susa nach Sardes zu gehen, daß sich der Athos spalte. Er schickte Halsketten und Armbänder, die die Auszeichnungen der Perser darstellten, an Artachaies und Bubares. Inzwischen stürzten hin und wieder die Uferwände des Durchstichs zusammen, wenn unter den klatschenden Peitschen die Hacken und die Hämmer zu viel gehauen und gehämmert hatten. Die Felsblöcke stürzten donnernd in die Tiefe über sich hoch auftürmende Leitern und schuftende Sklaven. Dann gab es ein Fluchen und ein Geißeln und ein Wiederaufräumen und Emporreichen auf neu errichteten Leitern. Artachaies, der Riese, ritt auf seinem riesengroßen Rosse hoch oben über die felsigen Bergkämme, um die Arbeit zu übersehen. Um seine ungeheuerlich starken Arme ringelten sich die vielen Armbänder, die ihm der König gesandt hatte.

Geier flogen hoch über dem Werk, begehrlich nach den Leichen, die unter den Trümmern begraben waren und nun mit den eingestürzten Felsen emporgereicht wurden von Leiter zu Leiter, um dann über das Gebirge hinweg mit Sand und Schutt hinabgeschleudert zu werden. In der Nacht, wenn der Mond durch die Wolken glitt und die Ruhe über den Bergen lag, kreisten sie gleich geflügelten Larven über den Leichen und räumten nach persischem Brauch mit ihnen auf. Tagsüber war kaum ein übler Geruch bemerkbar. Die Phönikier, die in allem sehr geschickt sind, waren es auch bei diesem Werk. Sie gruben den Teil, den man ihnen zugewiesen hatte, breiter aus, als es erforderlich war, und verengten ihren Durchstich nach der Tiefe hin, so daß sie Einstürze vermieden.

Bubares, der Feldherr, unter dem ein Teil dieser Bauabteilung stand, war ein sarkastischer Geist. Während er die Kriegsknechte unter den Peitschen der Unteroffiziere arbeiten und schuften sah – er selber zu Pferde neben der riesigen Gestalt des Artachaies, der gleichfalls zu Pferde war – lächelte er und zuckte die Achseln und flüsterte, während er sich zu Artachaies hinabneigte:

»Ein tolles Werk! Die Schiffe unserer Flotte könnten sehr wohl von ihren Bemannungen über den Isthmos getragen werden. Dann wäre dieser Durchstich überflüssig.«

Allein Artachaies runzelte finster und ehrfurchtgebietend die Brauen und sprach:

»Ein Durchstich ist besser, und dieser Durchstich wird so breit werden, daß zwei Triremen nebeneinander darauf werden fahren können.«

»Ein Durchstich ist wohl besser, gewiß«, gab Bubares sogleich zu.

Denn wo es auf Worte ankam, gab Bubares Artachaies immer sogleich nach. Nur sein Lächeln wurde schadenfroher.

Artachaies sah das schadenfrohe Lächeln nicht und bewegte die starken Arme, so daß seine vielen Armbänder laut klirrten.

Bubares schob die seinen etwas höher hinauf, damit sie nicht klirren sollten, und rechnete aus, daß er, wenn der Durchstich erst beendet sei, reich genug sein werde, um ...

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