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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXXIX.

Die Nacht senkte sich wie eine seltsame Ruhe über das ebene Meer, auf dem an diesem Tage die Seeschlacht gewühlt und gewütet hatte. Ein Mann war langsam die Felsen hinaufgeklettert. Nördlich von Salamis hoch oben auf dem Felsen ließ er sich müde nieder und starrte vor sich hin. Von der besiegten persischen Flotte war hier nichts mehr zu sehen. Sie hatte sich südöstlich in die Bucht von Phaleron zurückgezogen. Die griechische Flotte sah der Mann vor Salamis liegen zu schmaler Sichel gebogen, wie sie gestern gebogen gewesen war. Von ihrer Beschädigung ließ sich nun in der Nacht nichts mehr ahnen. Nur hier oder dort ein Segel oder ein Mast, der an den wie erschöpft nebeneinander liegenden Schiffen fehlte. Der Rauch und der Dunst der Brände schien sich noch nicht ganz verflüchtigt zu haben. Man spürte noch einen Brandgeruch. Die Sterne drangen hervor durch einen Qualm, der immer weniger dicht ward.

Der müde Mann gewöhnte sich, indem er rings um sich schaute, langsam an die Dunkelheit. Er vermochte mehr und mehr zu erkennen. Nördlich erkannte er die weite Bucht von Eleusis. Die lag horizontlos da wie ein Meer, kaum bewegt in dieser Windstille. Dann erkannte er immer deutlicher vor sich die ungeheuren Kämme des Aigaleosgebirges am nächtlichen Himmel, an dem immer mehr und mehr Sterne aufleuchteten. Die Umrisse der Küsten und die Spitzen der Vorgebirge zeichneten sich schichtweise in violett verschwimmenden Umrissen ab wie Kulissen einer weltweiten, ätherischen Bühne.

Der Mann stützte den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die Handfläche und ließ träumend seinen Blick über die nach Unruhe und Wildheit unglaubhaft ruhige Stille und Weite schweifen. Da erklang kein Geräusch, weder von der Stadt dort unten, wohin die Athener zu ihren Frauen und Kindern zurückgekehrt waren und des Sieges sowie ihrer Toten gedachten, noch auch von den Schiffen, auf denen das Schiffsvolk erschöpft schlief.

Der Traum des Mannes in der violetten Nacht, in der weiten Stille und der weiten Einsamkeit wurde zu einem Traum von Schicksal und Göttern, von Missetat und Mitleiden, und es war ihm, als träten ihm zwischen diesen Kulissen, die waren wie die einer ätherischen Bühne, die Schatten vor Augen.

Der Mann war Äschylus, Sohn des Euphorien, gebürtig aus Eleusis. Er hatte an diesem Tage auf einer athenischen Trireme gegen die Perser gekämpft. Er hatte an der Seite seines Bruders Ameinias gekämpft. Bei Marathon hatte er vor zehn Jahren in noch jugendlichem Alter an der Seite seines Bruders Kynegeiros gekämpft, der schwer verwundet und dem ein Arm abgehauen worden war. Äschylus war aber nicht nur ein tapferer Seekrieger der athenischen Flotte, sondern auch ein Dichter. Seit zwanzig Jahren schon schrieb er seine Tragödien und bewarb sich zugleich mit dem berühmten Pratinas in den Dichterwettkämpfen um den Ehrenkranz. Viele Male schon war er damit gekrönt worden.

Er war der erste gewesen, der in Athen auf dem neuen steinernen Theater des Dionysos, das an Stelle des alten hölzernen Theaters am Südabhang der Akropolis errichtet worden war, nach seinen Ansichten hatte spielen lassen. Jetzt war die Zeit des Thespiskarrens vorüber, auf dem die bacchischen Dithyramben gesungen wurden von Schauspielern, die mit Hefe gerötet waren. Das war die freie Kunst augenblicklicher Eingebung, nicht eingelernten Vortrages gewesen, eine Kunst, schön, einfach, natürlich, aufwallend aus den ekstatischen Herzen der Dichterschauspieler, die das Religiöse und das Tragische in einem Schrei unbezähmbarer Verzückung hinausgerufen hatten, um danach mit ihrem Karren und ihrem Esel weiterzuziehen durch die Städte, an den Dörfern vorüber wie glückliche fahrende Leute, ihres Lebens froh und entzückt ob der Schönheit, die sie in sich fühlten und die sie gaben in allzeit quellendem Überfluß und nur um wenige erbettelte Münzen, oft auch nur um ein Mittagsmahl. Wenn der Dichterkrieger, wenn Äschylus dieser Zeit des Anfangs gedachte, wurde er fast wehmütig gestimmt und empfand die Wandlung des Schicksals allzeit bewußt in seiner niemals rastenden Einbildungskraft; in seiner allzeit schaffenden Phantasie. Die großen Schatten sah er stets vor sich, er sah sie dort drüben zwischen den in der violetten Nacht dämmernden, aneinander vorübergleitenden Hügeln und an den ferneren Bergabhängen. Er sah sie gehen weiten Schritts auf ihrem hohen Kothurn, mit ihren übermenschlichen, ihren heroischen und göttlichen Gestalten, mit der weiten Gebärde ihrer weitumhüllten Arme und den prächtigen Falten ihrer prangenden Mäntel und mit dem Scheu oder Schauder erregenden, erhabenen Ausdruck ihrer großen Masken. Es war, als höre er aus den hohlen, runden Öffnungen der Maskenmünder die schwer klagenden Ergüsse ihrer flehentlichen Bitten in rhythmisch getragenem Wortfall hervortönen, während über ihm wie in jener Nacht voll aufblitzender Sterne die Götter Leid und Glück der Sterblichen bestimmten und rings um die Götter die Schicksalsgöttinnen, die unabwendbaren, und das allmächtige, unversöhnliche, ewig gegenwärtige Schicksal in schreckenerregender Allmacht herrschten. In einer Allmacht, die das Mitleiden weckte mit der Sterblichen unabwendbarem Leid und die Missetat, um deretwillen sie litten und die sie von ihren miteinander verketteten Taten nicht hatten fernhalten können, als unabwendbare Schuld erkennen ließ, nach der nichts anderes mehr half, als fromm und demütig sein gegen den, der so allmächtig war.

So sah der Dichterkrieger, wenn er träumte, so sah er, während er hier in der Nacht träumte, die Schatten. Er sah die Schatten des Agamemnon und der Klytaimestra. Er sah den Schatten des Prometheus zwischen den schwebenden Okeaniden, die kamen, ihn zu trösten. Er sah den Schatten des Orestes zwischen den ihn verfolgenden Eumeniden. Er sah die erhabenen Missetäter und die im Glanz erstrahlenden Götter, die über ihr Schicksal bestimmten, während die Einzelschicksale, die zusammenwuchsen zu dem einen ungeheuren Schicksal, den Nachthimmel ganz zu füllen schienen hinter und zwischen den Sternen und in dem Bereich dessen, was der Geist sich denkt und vorstellt selbst über den Umkreis der Welt und der Sterne hinaus.

Plötzlich sah der Dichterkrieger, sah der Träumerdichter Äschylus in der unaufhaltsam auftauchenden Vorstellungswelt seiner Phantasie die Wirklichkeit des Tages selber. Er sah wie in einer erhabenen Verherrlichung alles, was an diesem Tage in den engen Gewässern der Meerenge von Salamis sich ereignet hatte: die Vernichtung der riesigen persischen Flotte, an deren Zerstörung er selbst als Einzelwesen sich beteiligt hatte aus Vaterlandsliebe, er, der nicht mehr jugendliche Mann. Er sah vor allem, was auf ihn von seiner eigenen athenischen Trireme aus ungeheuren Eindruck gemacht hatte: die Flucht, die mit einer golden glänzenden Linie in der untergehenden Sonne verschwimmende Flucht des Königs der Perser und aller derer, die ihn mit ihrem Glanz umringt hatten. Sieh dort! Dort drüben zwischen den violettfarbenen Vorgebirgen und den durch den Sternenhimmel amethysten verklärten Inseln wimmelte es wieder, aber erhabener, ungeheuer, grauenerregender vielleicht, als es wirklich gewesen war, und ohne die Ironie, die der Wirklichkeit stets anhaftet. Sieh! Dort wimmelte es wieder. Es war Äschylus, als zerfließe etwas von seiner Vaterlandsliebe in diesen ihm unbewußt größeren, allgemein menschlichen Wogen des Mitleidens, die seine Seele, die Seele des Dichterkriegers überwältigten, nach dem Entsetzen, das ihn um der Schuld willen hatte erschauern lassen. Um der Schuld des Xerxes willen, um des Hochmutes ungeheuerlicher Missetat willen, die erbarmungslos und unverdrossen Millionen mitgeschleppt und Dem hingeopfert hatte, was der sich Gott dünkende Mensch zur Verwirklichung seines nicht zu verwirklichenden hochmütigen, unsittlichen Gedankens angestrebt hatte: die Allmacht der Welt in seinen schwachen Händen zu wägen, während die Allmacht der Himmel, darinnen die Allmacht der Welt umherwirbelt wie eine Faser in einem Strudel, mehr wiegt denn alle Menschlichkeit und herabdrückt, was nicht demütig ist. Das seltsame, ungeheure Mitleid jenes Griechen, der an diesem Tage noch gekämpft hatte für sein Land mit allem Mut und mit der ganzen Kraft, die er in sich aufgepeitscht hatte! Das unerklärliche, göttliche Mitleiden jenes athenischen Dichters, der vergaß, daß er Krieger war, das Mitleiden, mit jenem persischen König, den er wie einen Schuldigen, wie einen Missetäter dort drüben auf dem Felsen an seinem Thron sich hatte umwenden sehen inmitten der Seinen, um zu fliehen, dorthin zu fliehen, von wo er so weit hergekommen war, nach Persien, nach einem Lande, von wo er mit Millionen Kriegern, mit unzähligen Völkern, mit unzähligen Königen, mit unzähligen fürstlichen Blutsverwandten gekommen war, hochmütig und siegesgewiß über die überbrückten Meere und durchstochenen Berge! Welch ein unausdenkbares, unaussprechliches Mitleiden durchwühlte dem Äschylus trotzdem das schaffende Hirn, wogte in den ihm rhythmisch über die Lippen fließenden Versen! Welches Mitleiden mit Xerxes, mit dem hochmütigen, gebrochenen, ungeheuren Flüchtling Xerxes, den Äschylus dort drüben in der violetten, nächtlichen Landschaft von See und Felsen entfliehen sah, einherschreiten auf hohem Kothurn, die Arme aus den weiten, in der Verzweiflung zerrissenen Königsgewändern ringen und um seine besiegte Flotte, um seine besiegten Krieger klagen aus der aufgesperrten Höhlung des Maskenmundes heraus, während die Züge der tragischen Maske sich abscheuerregend verzerrten im Schein des violettfarbenen Dunstes der Nacht! Dort, dort drüben, hinter jenem Dunste das unbekannte, geträumte Land, Persien, die fürstliche Stadt, Susa, der volle Ton jener schön klingenden persischen Namen: Ariomardos, Pharandakes, Hystaichmes, Anchares, Xanthis, Arsames, die wie schreiende Klagetöne die Nacht zu zerreißen schienen, während die getreuen Alten in Susa von Xerxes Rechenschaft verlangten darüber, was er mit so vielen jungen, tapferen, herrlich blühenden Brüdern, Schwägern, Neffen gemacht habe. Xerxes schrie dort drüben auf dem weiten Nachttheater zurück, daß sie gefallen, auf der Walstatt geblieben seien, daß ihre Leichen auf dem Meere trieben zwischen Tausenden zerschellter Ruder, daß ihre niemals dem Scheiterhaufen in Ehren überlieferten Leichen zwischen fremden, wilden, feindlichen Felsen angespült würden, und rief den Alten zu:

»Weinet, jammert, klaget, schluchzet mit mir! Zerreißet ihr Alten, eure Gewänder! Rauft euch Bart und Haar! Erfahret all unser Unheil! Sie sind dahin, alle tot, tot! Seht! Meinen Köcher bring ich wieder, aber er enthält keinen Pfeil mehr. Der Wehr bin ich beraubt. Meinen Königsmantel zerriß ich. Meine Krone verlor ich. Sterblich waren meine Unsterblichen.«

Die treuen Alten stimmten ein:

»Persiens Macht ist gebrochen. Unerträglich ist unser Schmerz. Schlagt die Brust! Seufzt und jammert laut! O! Das Leid, das Leid! O! Die Verzweiflung, die Verzweiflung!«

»Laßt ertönen das schwermütig-wehe mystische Klagelied!« rief Xerxes' Schatten dort drüben.

Und die Alten schrien:

»Sollen wir so verzweifelt uns dem Volke zeigen?«

»Ja!« schrie Xerxes schmerzlich. »Persien soll Zeuge sein meiner Verzweiflung, unserer Verzweiflung! Wehe! Ich habe meine Schiffe verloren. Wehklaget, ihr einst so glücklichen Perser!«

Nach diesem Ausbruch des Schmerzes schien der Dichter, in dem das aufwallende, seine Seele überströmende Mitleiden den Krieger, ja selbst alle vaterländische Empfindung für den Augenblick ausgelöscht hatte, so daß er nur noch der Dichter blieb, die aufsteigende Gestalt einer Mutter zu sehen. Er sah Atossa. Er sah sie, nicht wie sie als orientalische Fürstin auf einem Ruhebett saß mit einer Peitsche in der Hand, um Sklavinnen und Wäscherinnen zu züchtigen, inmitten der schwülen Dünste von dampfenden Früchten und Rosenöl. Er sah sie in gewaltigem Ausmaß, geläutert, durchgeistigt zwischen den amethystfarbenen und durchsichtigen Kulissen der Hügel, hinter denen der Palast von Susa unbestimmt schimmerte. Er sah sie, wie sie durch Fürstlichkeit und Mütterlichkeit göttinnengroß gewachsen war. Er sah sie in tragischem Aufzuge daherkommen, die Hände ringend, erfüllt von Sorgen und unverstandenen Träumen, die sie die weisen Alten zu deuten bat. Endlich sah er, wie sie bei eines Boten verzweiflungsvollem Bericht die mütterlichen Arme emporwarf und ihren Schmerz aus dem schwarzen aufgesperrten Maskenmund hinausschrie um ihres Sohnes, des göttlichen Xerxes, willen, der mit zerrissenem Mantel und leerem Köcher zurückfloh über die durchstochenen Berge und die überbrückten Meere.

Während des Dichters Seele vor Grauen und Mitleiden überfloß auf jenem hohen, einsamen Felsen, der bei Salamis emporragte und auf Eleusis Ausblick gewährte, wurden Äschylus' »Perser« in seiner schaffenden Einbildungskraft und in seinem zitternden Gemüt empfangen mit dem heiligen, erschütternden Glücke, das des Dichters Empfängnis ist.

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