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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXXII.

Die hellenische Flotte war auf Drängen der Athener vom Vorgebirge Artemision nach Salamis gesteuert und blieb dort liegen. Alle Frauen und Kinder verließen Athen und flohen nach Salamis, nach Troizen, nach Aigina. Die Orakel erfüllten sich. Die heilige Schlange auf der Akropolis im Athenetempel fraß nicht mehr die Honigkuchen: ein Beweis, daß Athene selber die ihr geweihte Stadt verlassen hatte.

Die Peloponnesier, die vor Athen Böotien verteidigen sollten, dachten nur an ihr eigenes Heil und bauten eine Mauer quer über die Landenge von Korinth.

Xerxes näherte sich. Mit ihm schien sich das Schicksal zu nähern. Vor Salamis lag im strahlendsten Sommerwetter – es war, als spotteten der Himmel und die Götter des Unheils, das über Athen dunkelte – die hellenische Flotte: sechzehn lazedämonische Triremen, vierzig korinthische, fünfzehn sikyonische, zehn epidaurische, fünfzig troizenische, drei hermionische, alles peloponnesische Fahrzeuge, hundertachtzig athenische, die glänzendste Flotte, die Aigineten mit zweiundvierzig schnellrudernden Schiffen, vorzüglichen Seglern, die Chalkidier mit zwanzig, die Eretrier mit sieben – sie hatten bereits bei Artemision gekämpft; – dann die von Keos, dann die von Naxos, dann die von Melos, von Siphnos und von Seriphos; sie ruhten die zweiundvierzig schnellrudernden Schiffe aus. Abgesehen von diesen kleineren schaukelten sich dreihundertachtundvierzig Triremen auf dem blauen Meere vor Salamis in den engen Gewässern zwischen jener Insel und dem Berge Aigaleos.

Die Befehlshaber versammelten sich um Eurybiades in Salamis.

Ein athenischer Bote trat vor.

»Die Barbaren sind in Athen«, meldete er.

Es entstand eine Verwirrung. Viele wollten mit ihren Schiffen sogleich abfahren, andere glaubten, als letzten Versuch den Isthmos von Korinth verteidigen zu müssen. Eine Mutlosigkeit lähmte die Mutigsten, obwohl sie infolge ihres Neides nicht alle Athen liebten, dessen Macht sehr gewachsen, das nun aber von dem Schicksal völlig zerschmettert war.

»Sie haben überall in Attika ihre Fackel geschwenkt«, meldete der Bote. »Thespiä brennt und Platää.«

»Drei Monate ist es erst her, seit sie über den Hellespont zogen«, murrten die Flottenführer untereinander. Der eine griechische Stamm machte dem andern allerhand zum Vorwurf. Alle machten einander Vorwürfe.

Athen sei verlassen, fuhr der Bote fort. Nur wenige arme, alte Männer hätten sich auf der Akropolis hinter hölzernen Umzäunungen verschanzt, so wie es die Pythia befohlen.

Man hörte ein verzweifeltes Summen tiefer Männerstimmen. »Eine Handvoll Elender hat versucht, die Burg zu verteidigen. Xerxes lag mit seinem Heer auf dem Areopag, gegenüber der Akropolis. Seine Krieger wurden zerschmettert von den Felsblöcken, die die armseligen, jedoch ruhmreichen Verteidiger auf sie herabwälzten, als sie den heiligen Pforten sich näherten.«

Aus dem Stimmenrauschen tönte es wie Bewunderung.

»Dann entdeckten die Barbaren den geheimen Durchgang zwischen den steilsten Felsen. Hatte das Orakel nicht verheißen, daß die Perser sich alles dessen bemächtigen würden, was Athen zu Lande besaß? Als die Verteidiger die Barbaren innerhalb der Akropolis sahen, töteten sie sich gegenseitig, stürzten sich von den Mauern herab oder flohen in das Innere des Tempels. Allein die Barbaren töteten sie ungeachtet der Ölzweige, die die Flehenden ihnen entgegenstreckten, und plünderten den Tempel. Burg und Tempel sind jetzt ein Haufen Asche.«

»Wir werden beides ruhmreich wieder aufrichten«, rief Themistokles vortretend, ohne zu wissen, daß er des Perikles Zeit voraussagte.

Die Unterführer um den Flottenbefehlshaber Eurybiades überlegten, ob sie Salamis verlassen und vor der Landenge von Korinth das Vaterland verteidigen sollten.

Allein Themistokles meinte, daß sich die Verbündeten, sobald ihre Schiffe die Anker aus den salaminischen Gewässern lichteten, zerstreuen würden und jeder sich in sein eigenes Land zurückziehen werde. Er sprach es nicht laut aus. Aber als er an Bord zurückgekehrt war, überlegte er die Sache ausführlich mit seinem Freunde Mnesiphilos.

»Wenn die Verbündeten ihre Anker lichten?« sagte Mnesiphilos.

Sie schauten einander an. Sie dachten das gleiche.

»Dann ist Hellas verloren«, sagte Themistokles.

»Niemand, nicht einmal Eurybiades, wird die Verbündeten zurückhalten können«, sagte Mnesiphilos. »Themistokles! Berufe von neuem den Rat ein!«

Von neuem begab sich Themistokles zu Eurybiades. Von neuem berief der Befehlshaber der Flotte die Unterführer zur Ratsversammlung.

Themistokles sprach leidenschaftlich und dringlich. Doch Adeimantos, der Führer der korinthischen Schiffe, unterbrach ihn rauh:

»Themistokles! Wer sich beim Wettlauf beeilt, vor den anderen den Strich am Ablauf zu verlassen, um sein Ziel zu erreichen, erhält von den Hellanodiken einen Schlag mit dem Stabe.«

»Gewiß!« sagte Themistokles, ohne böse zu werden. »Doch die, welche zurückbleiben, erringen den Lorbeerkranz nicht.« Wiederum verschwieg er seine Ansicht, daß die Verbündeten nicht zusammenbleiben würden, falls sie beschlössen, Salamis zu verlassen. Er wußte andere Beweisgründe anzuführen.

»Eurybiades!« sagte er beschwörend. »Das Heil von ganz Hellas ist in deiner Hand. Retten wirst du es, wenn du dem Feinde eine Schlacht lieferst in diesen Gewässern und nicht auf die hörst, welche Salamis verlassen wollen. Höre mich an und überlege! Bei der Landenge werden unsere Schiffe, da sie schwerer und weniger zahlreich als die der Perser sind, auf offenem Meere kämpfen müssen. Wir werden Salamis und Aigina verlieren. Das Landheer der Barbaren wird das Seeheer verfolgen und den Peloponnes überschwemmen. Der größten Gefahr ist alsdann das Land unserer Götter ausgesetzt. Befolge meinen Rat! Dann werden wir sicherlich in dieser schmalen Meerenge, die uns günstig ist, mit unseren wenigen Schiffen einen glänzenden Sieg erringen. Ich fühle es, ich weiß es gewiß. Rings um mich her summen Stimmen, die es mir sagen. Müssen wir nicht weiterhin Salamis beschützen, wo unsere Frauen und Kinder sind? Wirst du, wenn du hier kämpfst, nicht auch den Peloponnes schützen, besser noch als bei Korinth? Unsere Feinde – ich weiß es, und niemand kann es leugnen – werden nach unserem Siege zu Wasser in jähem Schrecken sich zerstreuen. Wir werden ihre Millionen vernichten, wenn wir nur vernünftig sind. Doch sind wir unvernünftig, so werden uns selbst die Götter von Hellas nicht retten.«

Da wurde Adeimantos zornig – denn er dachte einzig an Korinth – und rief aus:

»Vernünftig soll wohl nur das sein, Themistokles, was du verlangst, vernünftig nur, daß Eurybiades dein Vaterland rettet, das nicht mehr besteht? Zeige mir dein Vaterland, Themistokles, zeige mir deine Vaterstadt! Wo sind Attika und Athen? Wo sind sie? Sie sind in der Macht des Xerxes und der Barbaren.«

»Mein Vaterland und meine Vaterstadt,« rief wütend jetzt Themistokles aus, »Attika und Athen, sind da, wo sie in diesem Augenblick mächtiger sind als Korinth: auf dem Boden von mehr als zweihundert Schiffen, die mit Athenern bemannt sind, und kein Staat in Hellas könnte uns widerstehen, obgleich wir nur noch auf unsere Flotte uns stützen. Bleibe, Eurybiades, bleibe in Salamis, und du rettest ganz Hellas! Haben denn wir Griechen etwas anderes als unsere Schiffe? Oder verlasse Salamis! Dann aber ziehen wir fort mit unseren Weibern, mit unseren Kindern, mit unseren Sklaven. Dann ziehen wir nach Siris in Italien, das solange schon unser Besitz ist, und werden dort den Orakeln zufolge die verheißenen Pflanzstädte begründen. Ihr alle aber« – wütend drohte er rings um sich – »werdet von den Verbündeten verlassen werden gleich uns und werdet euer Los noch betrauern.«

In diesem Augenblick zitterte ein Erdbeben. Das Meer bebte, die Wogen hoben die Schiffe hoch empor rings um das Schiff des Oberbefehlshabers.

Dann glätteten sich die Wasser allmählich wieder.

Es war, als hätten die Götter – die von Hellas und nicht die von Persien – gesprochen.

Dankopfer wurden den Göttern dargebracht, auch den Heroen Ajax und Telamon, auf daß ihre Schatten in den kommenden Kämpfen mitkämpften.

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