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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III.

Allein Mardonios freute sich nicht. Er war sehr willensstark und empfand das Bedürfnis nach Bewegung. Er langweilte sich am Hofe zu Susa und war ein leidenschaftlicher Anhänger eines Krieges mit Griechenland. Das war nun einmal ein Gedanke der Atossa: ein kleiner Krieg mit Griechenland, um athenische und dorische Sklavinnen zu erhalten. So kam es denn, daß Mardonios an diesem Abend Kopfschmerz vorschützte und nicht zum Prunkbankett erschien. Er stritt sich darüber mit seiner Frau Artozostra. Er ging sogar so weit, daß er ihr, des Xerxes Schwester, sagte, ihr Name sei nicht wohllautend. Artozostra! Er sprach den Namen absichtlich verächtlich aus. Sie ließ sich das nicht gefallen und sagte ihm ohne Umschweife, sein Name sei für einen Perser viel zu griechisch. Mardonios! Sie schleuderte ihm seinen griechischen Namen ins Gesicht. Er wurde sehr erregt, behauptete, daß es noch mehr Prinzen von Geblüt gebe, die griechisch klingende Namen trügen. Er weinte vor Zorn. Als sie ihn weinen sah, begann auch sie zu weinen und umarmte ihn. Er umarmte sie und gestattete ihr, daß sie allein zum Prunkbankett gehe. Xerxes thronte mit der Königin Amestris diesmal auf einem Speisethron und war sehr verwundert, daß Artozostra ihren Gemahl Mardonios entschuldigte. Er habe Kopfschmerz, sagte sie. Doch Xerxes ließ sich das nicht einreden.

In dieser Nacht aber, als Xerxes schlief, näherte sich ihm wiederum der Traum.

»Sohn des Dareios!« sprach der Traum. »Höre, was geschehen wird, so du meinen Rat nicht befolgst und zum Kampf gegen die Griechen ausziehst! Du wirst zusammenschrumpfen und so klein, so klein werden.« In seinem Traum sah Xerxes, wie der Traum ironisch mit der Hand andeutete, wie klein, wie jämmerlich klein Xerxes zusammenschrumpfen werde, kaum nur noch ein wenig über den Boden erhaben.

Mit einem Schrecken erwachte Xerxes. Der Schweiß rann ihm von den Schläfen.

»Oheim!« rief er. »Oheim Artabanos!«

Aus einem angrenzenden Gemache stürzte die Königin Amestris herein, aus einem anderen Atossa, die Mutter.

»Ich will den Oheim!« rief Xerxes unwillig und mit hoher Stimme.

Aus anderen Gemächern stürzten zwischen Wachen und Kammerfrauen Artozostra und Mardonios herbei.

»Ich will den Oheim Artabanos!« rief Xerxes.

Er selbst warf sich in des Oheims Arme. Artabanos führte ihn mit sich in sein eigenes Gemach.

»Oheim!« rief Xerxes aus. »Von neuem hat sich mir der Traum genähert, zum zweitenmal. Der Traum hat mir verheißen, daß ich so klein sein werde« – Xerxes maß mit der Hand den Abstand seiner zukünftigen Kleinheit vom Boden aus – , »wenn ich Griechenland nicht den Krieg erkläre.« Oheim Artabanos erschrak heftig. Eine solche Kleinheit, wenn man von ihr geträumt, war Symbol, Symbol des bevorstehenden Unterganges des persischen Reiches. Was tun? »Oheim!« flüsterte Xerxes und preßte schaudernd seinen blauschwarzen Bart gegen des Oheims grauen Bart. »Höre! Doch wir wollen flüstern, auf daß uns der Traum nicht belausche. Wir müssen die Bedeutung des Traums erforschen und ihn auf die Probe stellen. Ich will wissen, wer mir den Traum sendet, ob Zeus, Ormuzd oder Ahriman. Daher mußt du dich in der kommenden Nacht erst in meinen Prunkmantel hüllen und dann in mein Nachtgewand und dich in meinem Bett zur Ruhe legen. Erscheint dir der Traum und befiehlt er dir das Gleiche wie mir, so ist der Traum von den Göttern gesandt. Dann werde ich wissen, was ich zu tun habe.«

Oheim Artabanos bat, ihn zu entschuldigen. Er sei, sagte er, nicht wert, die Gewänder seines königlichen Neffen anzulegen und auf der Lagerstatt eines Königs zu ruhen. Allein Xerxes bestand großmütig darauf. Flüsternd gab der Oheim nach. Denn das Mißtrauen des Traumes durfte nicht geweckt werden.

So schlichen denn am folgenden Abend Xerxes und Oheim Artabanos geheimnisvoll auf den Zehen davon, da dieser des Königs Prunkgewand anlegen sollte. Dann ließ Xerxes den Oheim allein. Der Oheim drang bis in des Xerxes Schlafgemach und entkleidete sich, gleich als sei er der König. Er legte sich zur Ruhe, gleich als sei er der König.

Als er schlief, näherte sich ihm wirklich der Traum. Aber der Traum hatte wohl bemerkt, daß der Schlafende nicht Xerxes war.

»Artabanos!« rief der Traum. »Warum hast du Xerxes davon zurückgehalten, Griechenland den Krieg zu erklären?«

Artabanos erschrak heftig, eilte auf Xerxes zu und rief, während sie die Nachtgewänder austauschten:

»Königlicher Neffe! Der Traum ist von den großen Göttern gesandt. Es ist kein Zweifel daran. Ich riet Euch ab von dem Kriege, weil ich mich an Kyros erinnerte, den die Massageten besiegten, an Kambyses, den die Äthiopier besiegten, und an Euren unvergeßlichen Vater Dareios, den die Skythen besiegten, und dachte, es werde am besten sein, ruhig zu bleiben und das Schicksal nicht herauszufordern. Aber es ist doch besser, das Schicksal herauszufordern. Befiehl deinen Satrapen, alle Jahrgänge aufzurufen, und zieh aus zum Kampfe!«

»Der Gott der Perser wird mit uns sein«, rief Xerxes.

In jener Nacht träumte er wiederum. Als er am nächsten Morgen die Magier sah, die sehr streng einer nach dem andern – dreimal neun an der Zahl – den langen Säulenportikus des Palastes durchschritten auf dem Wege zu ihrem Versammlungssaal, bemerkte, er, daß sie verstimmt waren. Er begriff, warum. Die Magier waren verstimmt, weil der König der Könige sie nicht nach der Bedeutung seines ersten und zweiten Traumes und nach dem Traum des Artabanos befragt hatte. Sie schritten vorwärts und taten, als sähen sie den König nicht.

Allein Xerxes rief liebenswürdig:

»Magier!«

Sie wandten sich alle gleichzeitig um. Ihre spitzen Mützen starrten wie Hörner empor. Ihre blauschwarzen Bärte waren symmetrisch gelockt. Sie schienen alle gleich alt, gleich würdig, gleich groß, gleich weise. Alle glichen einander in ihrer grauenerregenden Erscheinung.

»Magier!« sprach Xerxes lächelnd. »Sagt mir, was mein Traum der letzten Nacht zu bedeuten hat!«

Er erzählte seinen Traum. Ein Olivenzweig habe sein Haupt umkränzt und sich dann mit Zweigen über die ganze Welt ausgebreitet. Dann sei der Kranz verschwunden.

Die Magier – dreimal neun an der Zahl – riefen alle, ohne sich auch nur mit den Blicken zu verständigen, gleichzeitig aus:

»Die Weltmacht!«

Xerxes erschrak bei dem Klang ihrer Stimmen. Es war, als seien ihre siebenundzwanzig Stimmen eine einzige Stimme. Während Xerxes noch erschrocken dastand, wandten die Magier ihre mit spitzen Mützen bedeckten Häupter ab und schritten vorwärts nach dem Versammlungssaal. Der war dunkel. Völlig eingeschlossen war der Magiersaal in der Masse der Palastgebäude und dunkel. Daher sah auch keiner der Magier, daß einem jeden von ihnen ein bitteres Grinsen um den gelockten Bart spielte. Schweigend betraten sie den dunklen Saal und lächelten.

Der Saal war so weit wie die Nacht, eine dunkle Nacht, und es stand darin weder Bildnis noch Altar. Denn die Perser stifteten ihren Göttern weder Altäre noch Bildnisse, nicht einmal Tempel, die dem Volke zugänglich gewesen wären. Doch sobald die Magier ihr eigenes nachtweites und dunkles Heiligtum betraten, ward es drinnen wie durch ein Wunder hell von geheimnisvollem Lichte.

Da gewahrten die Magier gegenseitig ihr Grinsen.

Sie erschraken heftig und warfen sich zur Erde vor dem großen runden Auge des Ormuzd, das am Ende des Heiligtums strahlte.

Sie riefen alle mit einer Stimme:

»Gnade für Persien, o Gott!«

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