Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/couperus/xerxes/xerxes.xml
typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090125
projectid418c8f99
Schließen

Navigation:

XXI.

An jenem Morgen schickte Xerxes einen Reiter die hohen Felsen hinan, auf daß er die geheimnisvollen Pforten der Warmen Bäder auskundschafte. Der Reiter, der links und rechts auf der Hut war vor möglicherweise drohender Gefahr in dieser Wirrnis, die er zwischen Steineichen und Gestrüpp von seinem Pferde erklimmen ließ, stieg langsam an den Steinmassen empor. Die Perser sind prächtige Reiter. Dieser Unsterbliche war ein prächtiger Reiter, und sein Pferd wußte, wohin es die Hufe zu setzen hatte. Xerxes starrte von unten hinauf, von seinem Throne aus, der ihm überallhin nachgetragen wurde, empor zu dem Kundschafter. Der hob sich wie ein leuchtendes Reiterstandbild aus Gold und Bronze klar vom schwülen, blauen Himmel ab. Endlich sah Xerxes, wie der Reiter behutsam am Bergkamm entlang ritt selbst auf die Gefahr hin, abzustürzen.

Der Reiter dort oben, der sich leuchtend von dem blauen Himmel abhob – vielleicht wohl gar im Bereich eines lazedämonischen Pfeiles – spähte abwärts. Er wunderte sich sehr. Er hätte nicht geglaubt, daß er dies sehen werde. Der sieben Meilen lange Durchgang war leer. Nur drüben, wo zwischen den Felsen der breiteste Raum war, wimmelten ein paar weiße Zeltspitzen kaum weiter und höher als die anderen um ein einziges Zelt. Etwa tausend Zeltspitzen sah man um die Spitze eines höheren Zeltes. Vor diesem Zelte saß ein Mann auf einem Felsblock in der Haltung des Achilles, als er vor seinem Zelte saß. Das eine Bein hatte er über das andere gelegt, das Kinn auf die Handfläche gestützt. Nachdenklich, mit gesenktem Kopfe saß er da. Der behelmte Kopf war blond. Das dichtgelockte Haar fiel sonnenblond um den breiten, bloßen Nacken, der aus den hellschimmernden Halsringen des Panzers zum Vorschein kam. Edel-athletisch zeichneten sich die heroischen Muskeln jugendlich-königlicher Männlichkeit an den halbnackten Armen und Beinen ab.

Das sei Leonidas, meinte der persische Reiter, Leonidas, König von Sparta, Nachkomme von Hellas' größtem Heroen Herakles, Leonidas, um den man bereits im persischen Heere wußte.

Der Reiter spähte in größter Verwunderung herab auf Leonidas. Der König von Sparta saß nicht auf einem Thron wie der König der Könige. Er saß auf einem Felsblock. Um ihn war keine Leibwache von Unsterblichen und kein Stab von Feldherren, Schwägern, Brüdern, Neffen. Sehr schlicht saß dort der König von Sparta und dachte nach. Er hatte das Kinn in die Hand gestützt, das eine Knie kraftvoll und gelassen über das andere gelegt. So hatte der persische Reiter niemals einen König sich vorstellen können, nicht einmal einen König von Sparta.

Doch als der Perser seinen Blick noch weiter schweifen ließ, wunderte er sich noch mehr. Dort unten in jener Spalte waren nicht mehr als ungefähr viertausend Mann. Sie verloren sich in der langen Kluft und schienen frohen Mutes zu sein. Da waren solche, die sich im Speerwerfen übten. Andere warfen den Diskus, wieder andere liefen um die Wette. Das frohe Lachen eines Siegers im athletischen Spiel ertönte laut wie das eines Knaben. Aber am meisten wunderte es den Perser, daß die meisten jener Männer dort unten ihre Haare, die bis an den Hals sich lockten, glätteten, gleich als schmückten sie sich zu einem Fest.

Er wußte nicht, daß die Lazedämonier ihre Haare stets vor dem Kampfe glätteten. Er wußte nicht, daß bereits Lykurgos gesagt hatte, langes Haar mache die männliche Schönheit noch schöner, doch abstoßender die, welche häßlich seien. Der persische Reiter war sehr verwundert.

Da blickte Leonidas zufällig auf und gewahrte den Perser, den glänzenden Reiter hoch oben auf dem gezackten Bergkamm, vielleicht sogar im Bereiche eines Pfeilschusses.

Einen Augenblick lang starrte Leonidas scharf nach dem Perser, der, trotzdem er sehr mutig war, doch erschrak, allein er hielt sein Pferd im Zaum. Dann senkte Leonidas wiederum gleichgültig den Blick, und zu Boden starrend blieb er in der Haltung des Achilles nachdenklich vor seinem Zelte sitzen, ließ das Knie über das andere geschlagen und stützte das Kinn weiter in die Hand.

Auch die anderen hatten den Perser gesehen. Hier und dort blickten sie flüchtig auf, wiesen mit dem Finger, lachten und fuhren fort, um die Wette zu laufen oder mit Speer oder Diskus zu werfen oder glätteten sich sehr ernst die Haare.

Der persische Reiter schaute sehr verwundert drein. Mit Ausnahme dieser Handvoll Sonderlinge war in den Thermopylen, die beinahe siebenundzwanzig Stadien maßen, kein Heer zu sehen.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.