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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XV.

In Hellas und Lazedämon warteten die Athener und die Spartaner die drohende Gefahr ab, die aus dem Osten sich näherte.

Sie begriffen, daß der kommende Kampf ein Kampf um die Kultur sein werde.

 

Das persische Reich war nicht alt. Die jungen, unverbrauchten Perser hatten unter Kyros das alte, ausgelebte Medien besiegt, und die Tochter des Kyros, Atossa, war die Mutter des Xerxes. Allein in drei Menschenaltern hat sich ein Volk, wenn es auch noch nicht alt und ausgelebt ist, so wie es das medische Volk nach vielen Jahrhunderten der Kultur wohl gewesen war, an Geist und Körper, an Blut und Seele verändert. Kyros, Sohn des Persers Kambyses und der medischen Prinzessin Mandane, war bereits ein halber Meder gewesen, trotzdem er väterlicherseits seine Hälfte frischen persischen Blutes geerbt hatte. Als Kyros in seinen Knabenjahren seinen Großvater Astyages, den König der Meder, den er später besiegen sollte, sah, fiel es ihm auf, daß sein Großvater sich die Augen angemalt und das Gesicht geschminkt hatte und daß er eine Perücke und ein langes, schleppendes medisches Gewand trug. Kyros fand seinen Großvater so schön, daß er, als seine Mutter Mandane ihn fragte: »Wen findest du schöner, deinen Vater Kambyses oder deinen Großvater, den König der Meder?« antwortete: »Ich finde, daß mein Vater der schönste Perser und daß mein Großvater der schönste Meder ist.«

Dies fand Kyros, weil er eine medische Mutter hatte und ein halber Meder war. Als er später König war und ein unbesiegbarer Feldherr, befahl er, daß die Perser das schleppende medische Gewand als Volkstracht tragen sollten, und tadelte niemand, der sich schminkte, nicht einmal unter seinen Feldherren und Flottenführern.

Allein die von Hellas und Lazedämon, die Athener und Spartaner schminkten sich niemals.

Die persische Kultur war nicht alt. Sie war nur vollkommen ausgereift und bis zu ihrer höchsten Blüte erblüht. Sie war prachtvoll überall da, wo der Aufbau und die Verwaltung des Staates in Betracht kamen. So wie Kyros die königliche Post gegründet hatte mit Posthaltern und trabenden Boten und stets frischen Pferden durch das ganze persische Reich, so war alles im persischen Reiche gegründet. Der Zusammenhang hielt gleich einem goldenen Gürtel die Satrapien des Reiches zusammen. So zerfielen die Verwaltung und das Finanzwesen in Unterabteilungen. So war die Zusammensetzung von Heer und Flotte. So war es auch bestimmt, welche Stadt der persischen Königin die Schleier zu liefern hatte und welche die Taschentücher. Das alles war prächtig, unbeschreiblich prächtig in Ordnung und hatte sich die Beherrschung aller anderen, auch der westlichen Kulturen zum Ideal gemacht.

Die griechische Kultur war sehr jung. Sie hatte, ohne sich dessen schon bewußt zu sein, ein ganz anderes Ideal. Das Ideal ihrer Jugend bestand nicht in der Allmacht über das Bestehende, über die materielle Welt. Ihr Ideal beruhte in der Vervollkommnung des menschlichen Geistes, der in einem vollkommen schönen menschlichen Körper wohnen sollte. In diesen vier Jahren, da Xerxes sich anschickte, mit Millionen, die Weltmacht zu erobern, und seine Hand sich gen Westen streckte, sang Pindar den Siegern in den olympischen Spielen zu Olympia seine Hymnen, und dachte und dichtete Aschylus seine göttlichen Tragödien. Von der Brücke über den Hellespont ist nichts mehr übriggeblieben, auch nichts von dem Durchstich durch den Athos. Aber Hymnus und Tragödie sind ewig, ewig nach menschlichem und irdischem Begriff.

Ohne sich dessen schon vollkommen bewußt zu sein, fühlte Athen bereits das in sich erwachen, was werden sollte: das Jahrhundert des Phidias und des Perikles. Nur in Susa, der Hauptstadt Persiens, im Palast des Königs der Könige, empfanden die vielen Königinnen, Prinzessinnen und Nebenfrauen um Atossa keinen Augenblick, daß des Kyros Jahrhundert bereits verblüht war.

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