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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIII.

In dieser Nacht konnte Xerxes nicht schlafen. Es war die erste Nacht, in der er nicht schlafen konnte. Er verließ sein Schlafgemach im Schlosse zu Doriskos, und während seine Leibwachen ihm nachstarrten, weil er so seltsam war, und ihm, wie es ihre Pflicht war, in einer gewissen Entfernung folgten, betrat Xerxes die große Terrasse, die von ihren hohen Zinnen Ausblick gab über die Ebene und über das weite Meer.

Es war eine Frühsommernacht, der Himmel übersprenkelt mit dem Diamantstaub der Milliarden Sterne. Auf der weiten nächtlichen Ebene zeichneten sich kaum noch die schimmernden, wimmelnden Linien der Zelte ab bis weit, weit hin wie eine Dünung, die sich verlor. Auf dem weiten Meere hob sich kaum sichtbar hinter den aneinander verdrängenden Umrissen der Kiele jener Tausende von Schiffen der dünne Wald der Masten, an denen jetzt die Segel gestrichen waren. Ein Lichtnebel trieb überall umher. Xerxes hielt Ausschau, ließ sich auf dem Thron nieder – auf der Terrasse stand ein Thron, denn Xerxes fand überall Throne vor – und rief dem Offizier seiner Leibwache, von dem er wußte, daß er ihm bis an die Terrassenpforte gefolgt war, zu:

»Ich lasse den König Demaretos zu mir bitten.«

Sein Befehl klang prächtig in der schweigenden, unermeßlichen Nacht. Mit jenem unbestimmten Bilde – das dennoch Wirklichkeit war – seines Heeres um sich her und dem seiner Flotte vor sich auf dem Meere konnte nur ein König der Könige, konnte nur Xerxes mitten in der Nacht, weil er nicht schlief, einen anderen König, den König Demaretos, zu sich entbieten lassen. Allerdings mußte Xerxes ein wenig warten. Während er wartete, schaute er auf die fallenden Sterne, die gleich Pfeilen durch den Himmel schossen. Doch nicht lange. Der König Demaretos erschien alsbald, indem er sich bemühte, nicht schläfrig zu erscheinen.

Demaretos war König von Sparta gewesen, aber verschiedener Ränke wegen zu Dareios geflohen, der ihn in Ehren an seinem Hofe behalten hatte. Bei den Persern stand er in großem Ansehen und war Xerxes gefolgt, wiewohl er gegen sein eigenes Volk und die ihm blutsverwandten Griechen nicht kämpfen wollte.

Xerxes sagte mit einer lässigen Handbewegung:

»Setze dich, Demaretos!«

Er vergaß indes, daß neben seinem Thron kein anderer Sitz sich befand, so daß Demaretos sich hilflos umblickte, um sich dann mit angelerntem Gleichmut zu des Xerxes Füßen niederzulassen. Es war ein vertraulicher Augenblick: Nacht, Nachtgewänder und darüber mehr oder weniger königliche Mäntel.

»Ich wollte dich gern sprechen«, begann Xerxes. »Ich habe dich heute wegen der Heerschau beinahe nicht gesehen. Wo warst du?«

»In Eurem Gefolge, König, hinter Eurem Rücken«, sagte Demaretos.

»O! Das war recht«, sagte Xerxes. »Aber ich wollte dich jetzt gern sprechen. Denn ich kann nicht schlafen. Schläfst du gut?«

»Es geht an, König.«

»Leidest du nicht an Albdrücken? Träumst du viel? Deine Mutter träumte viel, nicht wahr? Du bist ja der Sohn eines Traumes?«

»Meine Mutter, die von vielen beschuldigt ward, daß sie mit einem Mauleseltreiber schlafe,« sagte Demaretos ein wenig trocken, »gebar mich in der Tat, nachdem sie von dem Helden Astrobakos geträumt hatte. So ich nicht der Sohn von Spartas König Aristom bin – er bezweifelte es selber, weil seine Frau mich zu früh gebar – bin ich der Sohn des Schattens jenes Helden Astrobakos, von dem meine Mutter träumte.«

»Das ist eine seltsame Geschichte«, sagte Xerxes, der an etwas anderes dachte und sich erregt über die Stirn strich. »Träume! Ich träume auch oftmals seltsame Dinge, und mein Oheim Artabanos ebenfalls. Ich träumte, es sei der Götter Wille, daß ich Griechenland den Krieg erklärte. Sage mir aufrichtig, Demaretos! Wie denkst du darüber? Könntest du wirklich auch nur einen Augenblick denken oder meinen, daß die Griechen und die Völker des Westens, zwischen denen so wenig Einigkeit und Zusammenhang besteht, Gelegenheit haben könnten, mich... ich meine, meinen Angriffen zu widerstehen?«

»König!« sagte Demaretos. »Wünscht Ihr, daß ich hier in dieser stillen Nacht, während wir unsere Augen über Euer Heer und Eure Flotte schweifen lassen, zu Euch in süßen Schmeichelworten spreche?«

»Sage mir die Wahrheit, Demaretos!«

»So werde ich sprechen, König«, antwortete Demaretos. »Niemals werden die Griechen kommen, um Euch Wasser und Erde darzubieten. Niemals werden die Griechen Euren Vorschlägen ihr Ohr leihen.«

»Wirklich nicht?«

»Sie werden im Gegenteil Euch entgegenziehen.«

»Meinst du das?«

»Sie werden Euch eine Schlacht liefern.«

»Alle Griechen?«

»Sicherlich die Lazedämonier, mein Volk, wenn auch die anderen sich Euch unterwerfen sollten.«

»Sind die Lazedämonier zahlreich?«

»Fragt mich nicht nach ihrer Anzahl, König! So ihrer nur tausend sind, werden sie Euch besiegen. So ihrer nur dreihundert sind, werden sie trotzdem Euch noch angreifen und Euch daran hindern, zu siegen.«

Xerxes brach in ein gereiztes Gelächter aus.

»Demaretos!« rief er. »Willst du denn kämpfen gegen zehn Perser, gegen zwanzig meine ich? Denn du bist ein König, und ein spartanischer König kann es mit einer doppelten Anzahl von Männern aufnehmen, nicht wahr? Demaretos, soll ich dir etwas sagen? Wenn die Griechen und deine Lazedämonier alle so aussehen wie du, ein Seemannskindchen und Sohn eines Traumes, wenn nicht der eines Mauleseltreibers, dann fürchte ich, deine Worte sind nur Prahlerei. Ich habe schon andere Griechen gesehen und andere Lazedämonier. Sie machten auf mich niemals einen besonderen Eindruck. Dazu kommt noch, daß sie keine Heere, keinen Monarchen haben. Hast du meine Unsterblichen gesehen, deren Monarch ich bin? Hast du gesehen, was für Leiber das sind? Einer von ihnen kann drei Lazedämonier zugleich schlagen, namentlich dann, wenn sein Unteroffizier mit der Peitsche hinter ihm steht. Nein! Selbst wenn sie uns an Anzahl gleichstünden, dann ... Sieh dir mein Heer, sieh dir meine Flotte an!«

Xerxes wies mit einer schwungvollen Handbewegung auf die im Sternenschein silbern leuchtenden Unübersehbarkeiten.

»König!« sagte ruhig Demaretos. »Es behagt Euch nicht, die Wahrheit zu hören. Doch die Spartaner sind so, wie ich es sage. Recht muß ich ihnen widerfahren lassen, obwohl ich an meinen Landsgenossen mancherlei auszusetzen habe. Sie achteten meine Vorrechte nicht, sie verleumdeten meine Mutter, sie machten mich landflüchtig und verbannten mich. Euer Vater Dareios ...«

»Ja! Mein unvergeßlicher Vater«, sagte Xerxes erregt und dachte an dessen mißglückten Feldzug gegen Hellas.

»Euer unvergeßlicher Vater«, verbesserte sich Demaretos, »nahm mich mitleidig auf, gab mir ein Haus, eine persische Prinzessin zur Frau, schenkte mir die Städte Pergamon, Teuthrania und Halisarne. Sollte ich ihm und seinem Sohne nicht dankbar sein? Nein! Gegen zehn Männer kann ich nicht kämpfen. Doch so es sein müßte, würde ich gegen einen Eurer Unsterblichen kämpfen. So ist es mit allen Spartanern. Mann gegen Mann stehen sie niemand nach, vereint sind sie unbesiegbar.«

Xerxes zuckte die Achseln.

»Wem gehorchen sie?« fragte Xerxes.

»Dem Gesetz«, antwortete Demaretos.

»Dem Gesetz?« fragte Xerxes erstaunt.

»Dem Gesetz,« wiederholte Demaretos, »das ihnen verbietet zu fliehen.«

Xerxes brach in ein lautes, krampfhaftes Gelächter aus.

Dann erhob er sich und zog Demaretos mit sich an dessen Ärmel. Zusammen gingen sie bis an das Ende der Terrasse. Xerxes hielt Ausschau weit vor sich, weit um sich. Wiederum machte er mit der Hand eine schwungvolle Bewegung.

»Es ist unmöglich«, sagte er und brachte seine eigenen Ängste zum Schweigen.

»Herr! Möge es werden, wie Ihr es wünschet!« sprach Demaretos.

Langsam ging Xerxes zurück und hinein, ohne sich mehr nach Demaretos umzuschauen.

Es war des Xerxes erste schlaflose Nacht.

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