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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XI.

Es war ein Tag voll strahlenden Sonnenscheins. Von einem Hügel aus, von einem hohen marmornen Thron aus, der emporragte über die vielen Sitze, die seine Feldherren eingenommen, überschaute Xerxes sein Heer und seine Flotte: Die Flotte füllte mit ihren Triremen und längeren Schiffen den Hellespont, so weit das Auge nach Osten und nach Westen reichte. Das Heer schickte sich an, über die doppelte Schiffbrücke zu ziehen, und leuchtete am Strande vor der Stadt Abydos in viereckigen und länglichen Flächen blitzenden Glanzes in den Funken, die die Sonne den Schilden und Speeren und Helmen entlockte. Von dem marmornen Throne aus war das ein Schauspiel von so gewaltigem Eindruck – das Land, über dem das Heer blühte und glühte wie in endlosen Äckern golden und silbern leuchtender Ähren, die Waffen waren, das Wasser, das golden-blau wogte und schäumte und auf dem die glänzenden Schiffe sich wiegten wie zierliche Fabeltiere mit unzähligen, wimmelnden Füßen, die von den leicht bewegten Rudern gebildet wurden – , daß des Xerxes Herz anschwoll vor Stolz und Hochmut und er vor Dankbarkeit und Glück den Himmel anrief. Doch sobald er ihn angerufen hatte, schien ein Schrecken ob seiner eigenen Größe Xerxes heftig zu umfangen, und sein Jubel endete in einem krampfhaften Schluchzen und in unstillbaren Tränen.

»Was gibt es, Neffe und König?« fragte Oheim Arbabanos, der, so bejahrt er auch war, das Heer bis hierher begleitet hatte. »Ich glaubte, du habest soeben erst den Göttern entgegengejubelt vor Glück, und jetzt weinst du wie ein Kind?« Xerxes packte auf seinem Throne sitzend hinter den Rücken seiner ebenfalls sitzenden Feldherren, die Truppenschau hielten, den Oheim krampfhaft am Arm und flüsterte ihm ins Ohr:

»Wenn ich nachdenke über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, mein Oheim, könnte ich weinen wie ein Kind bei dem Gedanken, daß nach hundert Jahren kein einziger mehr bestehen wird von diesen hunderttausenden Männern, von meinem Heere und von meiner Flotte, und ein beinah schwindelerregendes Gefühl der Leere kommt über mich.« Artabanos blickte Xerxes an. Er wußte um dessen weiche Anwandlungen, um seine Schwächen. Sie waren manchmal ästhetischer und manchmal philosophischer Natur. Sie wiesen noch unzählige andere Schattierungen auf. Diesmal war die Anwandlung nicht ästhetisch, sondern sie war entstanden wegen der Platane. Sie war diesmal ganz besonders philosophisch, und Oheim Artabanos, der selber philosophisch veranlagt war, glaubte in solchem Tone antworten zu müssen, um so mehr, als er beinah ängstlich ob seines Gedankens fühlte, wie Xerxes sich an ihn drängte und seine Hand noch immer um des Oheims Arm geklammert hielt.

»Wir erleben«, sprach der Oheim mit wehmütig gebrochener Stimme, »im Verlauf unseres Daseins grausigere Dinge als das Sterben. Kurz ist das Leben, und dennoch wird unter den Hunderttausenden da vor uns kein Mensch sein – und kein Mensch auf der Welt – , der nicht einmal oder mehrere Male gewünscht hätte, zu sterben. Die Menschen nehmen alle Verdrießlichkeiten, Krankheiten, Schmerzen, Enttäuschungen zu schwer, als daß ihnen nicht hin und wieder das Leben zu lang erscheinen sollte, wie kurz es auch sein möge.«

»Ich habe mich auch manchmal danach gesehnt, zu sterben«, glaubte Xerxes sagen zu müssen, doch erinnerte er sich nicht mehr, wann. »Doch jetzt will ich leben. Denn das alles dort« – er wies auf die jetzt im Sonnenschein glanzvoll sich entwickelnden Truppen, auf die unübersehbare Flotte auf dem Wasser – »bildet meinen Stolz und mein Glück. Sage mir Oheim! Hast du jetzt, da der Traum dir ebenso deutlich und unwiderlegbar erschienen ist wie mir, doch nicht bei deinem ersten Zweifel beharren können? Würdest du mir auch jetzt noch von dem Kriege gegen Griechenland abraten können? Sprich ohne Umschweife! Ich bitte dich.«

»König!« sprach Artabanos. »Möge der Traum dich sowohl wie mich gut beraten haben! Aber trotz alledem fürchte ich auch heute noch zwei Dinge in diesem glorreichen Augenblick.«

»Welche Dinge?« fragte Xerxes, auf den diese Worte nach der philosophischen Anwandlung einen starken Eindruck machten.

»Das Land.«

»Das Land?«

»Und das Wasser.«

»Erkläre dich näher, Oheim! Das Land, das Wasser? Wirfst du meinem Heere vor, es sei nicht zahlreich genug? meiner Flotte, sie sei nicht übermächtig? Empfiehlst du mir, neue Jahrgänge aufzurufen, mehr Schiffe zu bauen?«

Der blauschwarze Bart des Xerxes berührte beinah den grauschwarzen Bart des Oheims, während der König sitzend den Arm des Artabanos, der aufrecht stand, noch immer umklammert hielt.

»König!« sprach Artabanos. »Wer einen gesunden Verstand hat, könnte der wünschen, daß Ihr noch mehr Jahrgänge aufrufen, noch mehr Schiffe bauen solltet? Seht doch die wimmelnden Krieger auf der Ebene und am Strande, seht die wimmelnden Schiffe auf dem Meer, das wie ein Fluß ist! König! Ich fürchte das Land und das Wasser, aber nicht weil Euer Heer zu klein, nicht weil Eure Flotte zu minderwertig sei. Sie sind beide zu groß, zu groß. Dies ist das Alleräußerste an Menschenmacht. Wo werdet Ihr Häfen finden, geräumig genug für diese Tausende von Fahrzeugen, so die peloponnesischen Stürme drohen? Wo werdet Ihr Getreide finden, um all diese Hunderttausende von Männern zu nähren? Ich fürchte das Land, ich fürchte das Wasser. König! Ihr werdet der Gnade des Himmels ausgeliefert sein, von dem die Winde wehen, der Gnade der Erde, der das Korn entsprießt. Ihr habt keine geräumigen Häfen an Thrakiens und Makedoniens Küste, und wenn gleich in allen Ländern, durch die das Heer zieht, Befehl erginge, könnte für die Hunderttausende doch nicht genug Getreide wachsen.«

Xerxes antwortete nicht. Er war sehr bleich und ließ seine Augen beinahe ängstlich über seine unermeßliche Macht schweifen.

»So das Getreide wächst und so die Winde günstig sind,« fuhr Artabanos fort, »wirst du, König, unersättlich werden. Du wirst weiter und weiter wollen. Ganz Europa wirst du besitzen wollen, alles, was dort in der Ferne liegt, in dem Geheimnis des unbekannten Westens. Dein Ehrgeiz wird ins Grenzenlose wachsen.«

»Es ist möglich«, murmelte Xerxes vor sich hin.

Dann war es, als sei seine Anwandlung und ihre Nachstimmung plötzlich geschwunden. Seine Augen, die unstet umhergeschweift waren, fühlten sich übervoll von dem Bilde einer noch nie dagewesenen Macht. Asien war sein. Europa würde sein werden. Die Erde war sein. Der Himmel würde sein werden. Sein würden die Winde sein, und sie würden seinem Zepter gehorchen. Sein würde das Getreide sein, und Ähren würde es in voller Üppigkeit ihm darbieten. Jene Griechen, das Völkchen dort drüben, würde er zertreten. Ein unermeßliches Gefühl schwoll in ihm und ließ ihn leise lächeln. Rings um den Thron, jedoch so weit davon entfernt, daß sie nichts hören konnten, stand die Wache seiner Unsterblichen regungslos wie riesengroße, goldgepanzerte Standbilder. Vor ihm reihten sich die glänzenden Rücken seiner vielen Feldherren. Von allem gab es viel, alles leuchtete, alles war ungeheuer. Etwas Gewaltiges war bereits erreicht. Es sollte noch gewaltiger werden. Dies alles und alles, was nur irgend erreichbar war, sollte es umfassen. Wiederum lächelte Xerxes leutselig und liebenswürdig, und indem er sich unüberwindlich dünkte, wiederholte er:

»Es ist möglich, Oheim, daß in dem, was Ihr sprecht, Wahrscheinlichkeit ruht. Doch so ich alles überlegte, würde ich untätig bleiben. Ist es nicht besser, mutig zu der Tat zu schreiten und freiwillig die Hälfte alles Ungemaches zu erdulden, das unsere Tat mit sich bringen kann, als sich durch voreilige Befürchtungen zur Untätigkeit verdammen zu lassen? Niemals ist der Mensch sicher. Der Mutige erreicht in der Regel, was er erstrebt, während die Langsamen und Umsichtigen nur selten an ihr Lebensziel gelangen.«

Xerxes Augen waren erfüllt von der Glorie seiner Herrlichkeit, seine Seele voller Stolz über das prächtige Schauspiel seiner entfaltet vor ihm liegenden Macht. Er hörte sich selber mit Wohlbehagen die schönen Sätze sprechen. Er hatte seines Oheims Arm losgelassen. Seiner selbst sicher fuhr er fort: »Wie mächtig sind wir Perser geworden! Wenn meine Vorfahren mütterlicher- und väterlicherseits so viel nachgedacht und überlegt hätten wie du, mein Oheim, würden die Perser nicht an Ruhm so groß geworden sein. In der Gefahr ist unser Reich groß geworden. In dem größten Unternehmen ruht die größte Gefahr. Wir werden keine Hungersnot leiden. Wir werden weder das Land noch das Wasser zu fürchten haben, Oheim. Ganz Europa werden wir erobern.«

Artabanos begriff, daß es für ihn nichts mehr zu raten oder abzuraten gab. Trotzdem sagte er noch:

»Nur noch dies, Xerxes, bevor wir Abschied nehmen und ich nach Susa zurückkehre: hüte dich vor den Ioniern!«

Xerxes lachte.

»Hüte dich vor den Ioniern!« wiederholte Artabanos. »Führe sie nicht gegen ihr eigenes Blut ins Feld! Um an Zahl überlegen zu sein, brauchen wir sie nicht. So sie mit uns ziehen, werden sie entweder die Verächtlichsten oder die Gerechtesten aller Völker sein. Die Verächtlichsten, wenn sie ihr Land unter unser Joch bringen, die Gerechtesten, wenn sie für ihre Freiheit kämpfen. An ihrer Verächtlichkeit liegt uns nichts. Ihre Gerechtigkeit kann uns großen Nachteil bringen.«

Xerxes lachte.

»Fürchte nichts, Oheim!« sprach er. »Ich bin voller Vertrauen auch zu den Ioniern. Kehre zurück nach Susa, regiere mein Reich und mein Haus! Dir verleihe ich meine Krone und mein Zepter.«

Xerxes konnte solche Dinge bewunderungswürdig aussprechen. Auf den Oheim, der ein Philosoph war, machte Xerxes, wenn er so sprach, stets großen Eindruck mit seinem stolzen Lächeln, seiner königlichen Armbewegung und der Gebärde seiner anmutigen Hand. Es sei der Hochmut, der so harmonisch in ihm abwechsele mit den weicheren Stimmungen, meinte der Oheim.

Die Heerschau mit der Entfaltung der Truppenverbände schien beendet zu sein. Denn die Feldherren, die vor dem Thron saßen, erhoben sich und näherten sich dem König. Auch Xerxes erhob sich und begann: »Perser! Angesichts des glänzenden Schauspiels, das sich vor unseren Augen entfaltet hat, mache ich es euch zur Pflicht, den Glanz der ewig ruhmreichen Taten meiner erhabenen Vorfahren und meines unvergeßlichen Vaters Dareios niemals verblassen zu lassen.«

Xerxes hielt eine glänzende Rede, die die Feldherren hörten und die auf der Ebene, auf den Schiffen und am Strande versammelten Truppen nur erraten durften.

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