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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X.

Das Heer strömte von Sardes nach Abydos an den Hellespont. Erst Kamele, Dromedare, Maulesel. Sie schleppten Behälter und Kisten. Es war eine endlose Karawane. Dann folgten die Truppen aller Völker, die dem König der Könige unterworfen waren. Das war mehr als die Hälfte des Heeres. Sie folgten mit ihren Feldherren, Offizieren und Unteroffizieren in beinah ungeordneten Massen, die nur von den knallenden Peitschen zusammengehalten wurden.

Dann entstand eine Leere.

Es war eine lange Leere, während der sich der weiße Staub des Weges legte. Dann folgten stattlich und im Schritt Tausende von Reitern, Kerntruppen, die aus allen persischen Untertanen ausgewählt waren, folgten Tausende Waffenknechte zu Fuß, bewaffnet mit Speeren, deren Spitzen zur Erde gestreckt waren, im Paradeschritt, Kerntruppen des Fußvolks, folgten die zehn heiligen Pferde.

Das waren die nisäischen Pferde. Sie kamen aus der Ebene von Nisäa in Medien. Dort lagen die prächtigen Gestüte, die hundertfünfzigtausend Pferde faßten, die edelsten und größten Rosse der Welt, weiß oder schwarz, wie Schnee oder Gagat, und wer sie über die Ebene von Nisäa traben sah, glaubte die Pferde der Götter zu sehen: Pferde der schäumenden See oder der stürmenden Wolken, Pferde mit feuerblasenden Nüstern, Pferde mit blitzenden Augen, Pferde mit gekrümmten Nacken, flatternden Mähnen, wehenden Schweifen. Wer die hundertfünfzigtausend Pferde über die Ebene von Nisäa hatte traben sehen, hatte etwas unglaublich Schönes gesehen, einen lebendigen Ozean, einen ewig beweglichen, herabgesunkenen Himmel von Wolken. Die zehn heiligen Pferde, die prächtig gezäumt und mit Federbüschen geschmückt waren, hatte man aus diesen Pferden gewählt. Sie folgten, geführt von Stallknechten vornehmer Herkunft.

Dann folgte der heilige Wagen des Zeus. Der war leer, aber er wurde von zehn weißen Pferden gezogen, und hinter den Pferden ging zu Fuß der Lenker. Denn niemand durfte den Wagen besteigen. Zeus, der Zeus der Perser, der Gott der Perser, bestieg hin und wieder unsichtbar den Wagen.

Xerxes folgte auf seinem Streitwagen, vor den zwei Pferde aus Nisäa gespannt waren, und sein Wagenlenker ging zu Fuß. Es war ein Bruder der Königin. Er hieß Patiramphes und war ein Sohn des Otanes.

Dann folgte die Harmamaxa des Xerxes, sein überdeckter Wagen, in dem er sich ausstreckte, wenn er von dem stolzen Stehen im Streitwagen ermüdet war.

Dann folgten tausend Lanzenträger. Die Spitzen ihrer Lanzen waren nach oben gerichtet. Goldene Äpfel glänzten darauf.

Dann folgten tausend Reiter, Kerntruppen der Reiterei.

Dann folgten die zehntausend Unsterblichen.

Alle diese Reiter und dies Fußvolk glänzte von vergoldeten Helmen und von Panzern, die ihre Glieder geschmeidig umgaben, von Arm- und Beinschienen, großen Schilden, Bogen, Lanzen und Schwertern. Auf allen lag das Gold leichter oder schwerer wie ein Glanz. Tausend Unsterbliche hatten goldene Granatäpfel auf ihren Lanzen, die übrigen neuntausend silberne, und das Gold und das Silber war wie ein blendender Glanz über den behelmten Köpfen. Dieser Glanz spiegelte sich in den Augen wie in kleinen, in den Schilden wie in großen Spiegeln. Um die Nasen der Männer spielte der Widerschein von Gold und Silber und Blau. Denn die Sonne, die an schwülem, azurblauem Himmel stand, spiegelte sich in allem, in den Granatäpfeln und in den Äpfeln und in den Schilden und in den Spitzen der Lanzen. Wenn die Pferde sich wiehernd bäumten, flatterten ihre weißen oder schwarzen Mähnen wie prächtige Fahnen festlich über all dem Glanz.

Dann gab es wiederum eine Leere zwei Stadien lang.

Es folgte die ungeheure Heerschar stundenlang ungeordnet unter der Zucht der klatschenden Peitschen und den Flüchen der Unteroffiziere.

Am Nachmittage ward die Luft schwerer und schwüler Das Heer verließ Lydien und langte in Mysien an, zog durch die Stadt Karene und vorbei an Atramyttion und Antandros, der alten pelasgischen Stadt. Links ließ es den Berg Ida liegen, und am Abend jenes Tages marschierte es durch die homerischen Gefilde. In der Ferne errieten die feiner gebildeten Feldherren Troja. Ein wilder Stolz fieberte durch des Xerxes Adern. Durch die Vorhänge seiner Harmamaxa spähte er aus, ob er nicht die berühmte Ruine gewahre.

Er sah nichts anderes als verschwommene Bergabhänge unter einem schwarzen, tragischen Himmel voll jagender Wolken. Es wurde Halt gemacht. An den Abhängen des Ida sollte das Heer lagern. Denn es war vom Marsche sehr ermüdet. Ein entsetzliches Unwetter brach los in der schwarzen Nacht. Nach der Sonnenfinsternis erschien das vielen als ein sehr schlechtes Zeichen.

Die Blitze töteten, von den Metallmassen angezogen und an den aufleuchtenden Lanzen herunterfahrend, in jener Nacht unzählige Pferde und Männer.

Am folgenden Abend lagerte das Heer an den Ufern des Skamander. Seit Sardes hatten die Soldaten kaum getrunken. Der Fluß gab, obwohl vom Regen angeschwollen, kaum Wasser genug her für die Männer und Pferde und Lasttiere. Nachdem diese alle getrunken hatten, ließen sie nur noch Schlamm zurück, der alsbald trocknete und in dem wieder schwülen und stechenden Sonnenschein auseinanderbarst.

Xerxes besuchte die Ruinen von Troja, die Burg Pergamon des Königs Priamos. Er ließ sich umherführen und rezitierte die Ilias in schlechtem Griechisch. Er war selbst sehr gerührt von seiner künstlerischen Anwandlung. Er fühlte sich beunruhigt am Vorabend seines Unternehmens hier in dieser Umgebung, wo die Trojaner vernichtet worden waren und wo ihre Stadt in Flammen aufgegangen war. Auf der Burg von Troja stand noch wie in den heroischen Zeiten ein Tempel der Pallas Athene. Dort opferte Xerxes der Göttin tausend Büffel. Das Fleisch verzehrte das Heer. Die Magier brachten Trankopfer dar zu Ehren der trojanischen Helden. In jener Nacht entstand, als wiederum ein Unwetter losbrach, im Heere ein Aufruhr. Viele Krieger flohen in panischem Schrecken.

Xerxes erfuhr nichts davon.

Beim Morgengrauen zog das Heer nach Abydos weiter.

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