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Louis Couperus: Xerxes - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorLouis Couperus
titleXerxes
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1926
illustratorMartin Stekker
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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I.

Da sprach Xerxes in dem weiten Apadhana zu Susa zu seinen versammelten Großen:

»Perser! Ich wünsche nichts Neues oder den Göttern Mißliebiges zu tun. Ich wünsche nur die Weltmacht zu erringen.« Mit dem Zepter machte er eine zierliche Gebärde, um zu unterstreichen, daß er in der Tat sehr sittsam sei und ehrlich Göttern und Menschen gegenüber.

Xerxes, der König der Könige, saß auf seinem erhabenen Throne. Der ruhte auf zwei goldenen Löwen mit wild verzerrten Fratzen, und an den breiten Stufen entlang reihten sich gleichfalls zweimal sechs Löwen aus Gold mit wild verzerrten Fratzen. Xerxes selber stand in der Blüte der männlichen Jugend, und sein gewinnendes Lächeln und sein gewinnender Blick – als müsse er es allen klarmachen, daß die Erlangung der Weltmacht ein Ziel des Ehrgeizes, dem König der Könige, dem König der Perser, wohl gestattet sei – strahlten sonnengleich aus seinem Antlitz in den Saal hinein über alle seine Großen, die sich, wo sie standen, vordrängten bis ganz weit weg, vorn, in der Mitte und weit hinten, zwischen den vor dem Blick verschwindenden Säulen. Viele der geringeren Großen, die weit entfernt standen, vernahmen Xerxes nicht. Dies machte wenig aus. Sie stimmten allezeit mit den einflußreicheren Großen überein, die wohl vernehmen konnten, was der Basileus mit wohltönender Stimme laut verkündete.

Es war im Spätherbst, und die Sonne (von der die Priester fälschlich behaupten, daß sie das Auge des Ormuzd sei) warf ihre schrägen Strahlen in einem glitzernd hellen, stäubenden Puder auf schiefen Glanzbahnen in den Thronsaal durch die tiefen quadratförmigen Fensteröffnungen.

Im Inneren standen dicht gereiht sehr schlanke Säulen, die zunächst in Kelchkapitelle ausliefen und über ihnen noch zu zwei doppelten blaugrauen Marmorvoluten erblühten. Darauf lasteten kniende Stiertorsen aus blaugrauem Marmor, fast zu hoch für die Schlankheit der Säulen, und diese knienden blaugrauen Stiertorsen trugen die ungeheuren, goldgeschmückten Balken der Decke aus Zedernholz.

Dort schwamm ein azurner Schattendunst. Die schiefe Bahn von Sonnenglanz schwebte hinter und um den Fürsten, und wer schlichten Gemütes war, konnte glauben, daß göttliche Genien auf diesem Pfade aus Sonnenstaub dem Himmel entsteigen und Xerxes umschweben würden oder daß er selber nach Beendigung seiner Rede auf ihnen emporwandeln werde, dem Himmel, Ormuzd, seinem Herrn, entgegen, gleich als sei dies ebenso rechtmäßig wie die Erstrebung der Weltmacht. Xerxes war hoch gewachsen. So wie er dort saß, stolz, doch liebenswürdig, mit einem bestrickenden Lächeln, auf seinem von bleckenden Löwen getragenen Thron und angetan mit seinem goldenen Mantel, den persische Königinnen eigenhändig gewebt hatten, machte er Eindruck sogar auf diejenigen Großen, die am weitesten entfernt standen. Die symmetrischen Locken, die aus seiner Tiara über sein bernsteinfarbenes Antlitz fielen, die symmetrischen Locken seines Bartes waren blauschwarz, schwarz mit blauem Widerschein. Liebenswürdig fuhr Xerxes fort:

»Ägypten haben wir schon besiegt. Ägypten ist unser.«

Was er sprach, war Wahrheit, und seine Großen wußten es: Er hatte Ägypten soeben besiegt. Ägypten war Persien tributpflichtig gemacht worden, und die Heere des Xerxes waren in diesen Monaten in ihre Heimat zurückgekehrt.

»Seit Kyros dem Astyages die Krone entrissen und den Medern ihr Reich genommen, saßen wir niemals still, weder meine Vorfahren noch ich.«

Xerxes schaute sich lächelnd um, und ein leises Beifallsmurmeln wie das Summen vieler Bienen schwirrte durch den Thronsaal.

»Gott möge uns führen!« sprach Xerxes feierlich und fügte erläuternd hinzu:

»Der Gott der Perser!«

Denn ein jedes Volk hatte seinen Gott, sogar seine Götter. Aber Xerxes wollte nachdrücklich darauf hinweisen, daß der Gott der Perser sein Volk geführt habe in seinem Streben nach der Weltmacht, die er beinahe schon erreicht hatte.

Der König der Könige fuhr sehr beredt fort:

»Ihr selber wißt, daß Kyros, daß Kambyses, daß mein unvergeßlicher Vater Dareios unserem Reiche unzählige Provinzen angefügt haben. Ich kann nicht anders handeln, als sie handelten, und muß der Überlieferung meiner Dynastie folgen. Ich muß ein Reich erobern, und zwar ein Reich, das nicht geringer ist als die einstmals besiegten Reiche. Zugleich will ich uns rächen an Persiens Feinden. Ihr werdet mich gewiß verstehen. Ich will über eine Brücke, die ich über den Hellespont werde schlagen lassen, mit meinen Heeren in Griechenland einfallen. Insbesondere die Athener haben sowohl meinen unvergeßlichen Vater wie auch Persien beleidigt. Daher will ich Athen erobern. Übrigens haben die Athener angefangen. Sie sind mit Aristagoras aus Milet – das war ein Sklave von uns, denn Milet gehört uns – nach Sardes gekommen und haben dort die heiligen Hochebenen entweiht und die heiligen Wälder in Brand gesteckt. Es sind Barbaren, obwohl sie uns Barbaren nennen. Als Datis und Artaphemes mit unserem Heere in Griechenland einfielen ... Nun, über Marathon will ich lieber nicht sprechen. Die historische Wahrheit über Marathon ist noch längst nicht bekannt. Aber um auf meinen Ausgangspunkt zurückzukommen: Je mehr ich mich mit dem Gedanken beschäftige, Griechenland zu erobern, um so mehr leuchtet mir dieser einfache Plan ein. Pelops besiedelte den Peloponnes.

Aber er war eigentlich ein Sklave von uns Persern. Denn er war ein Phrygier, und Phrygien gehört uns. Eigentlich gehört die ganze Welt uns. Ich will, daß Persien keine anderen Grenzen habe als den Himmel, und die Sonne soll in meinem Reiche nicht untergehen. Übrigens haben die Magier verheißen, daß einstmals ein Weltreich erstehen werde, in dem die Sonne niemals untergehe. Damit ist natürlich Persien gemeint. Ich will also ganz Europa erobern und werde der König der Könige sein über die ganze Welt. Sind die Griechen erst einmal geschlagen, so wird uns keine Stadt und kein Volk mehr widerstehen. Alle Völker, ob schuldig oder nicht, werden sich unter unser Joch beugen. Ihr werdet mich daher alle sehr verpflichten, Satrapen, wenn ihr tut, was ich euch sage. Nehmt alle in euren Satrapien Aushebungen vor! Wer mir die besten Truppen vorführt, soll aus meiner königlichen Hand das schönste Geschenk empfangen. So setze ich es fest. Aber auf daß es nicht den Anschein habe, als bestimmte ich alles nach eigener Meinung, ersuche ich euch, meine Großen, über diese Frage zu beratschlagen und mir euren sehr geschätzten Rat nicht vorzuenthalten.«

Xerxes schaute sich liebenswürdig um, stolz auf seine Geschicklichkeit und sein letztes Wort. Er verstand es, mit seinen Großen umzugehen. Er wußte es sicher, daß seine Satrapen, wenn er sich so liebenswürdig zu ihnen herabbeugte und sie um ihren Rat bat, nicht anders raten würden als seinem Willen gemäß. Indem er mit selbstbewußtem Lächeln rings um sich schaute, völlig umstäubt von dem Goldstaub der sich herabsenkenden Sonnenbahn, gleich als sei er soeben erst dem Himmel entstiegen, merkte Xerxes es wohl, daß hinten in dem ungeheuren Thronsaal die am weitesten entfernt stehenden Großen die Hälse reckten und die Hände an die Ohren legten, um des Königs letztes, bereits verklungenes Wort noch aufzufangen. Aber es kümmerte ihn nicht, daß sie nichts verstanden hatten. Warum waren sie nicht große, sondern nur kleine Große? Warum standen sie soweit entfernt von seinem Thron und von seiner Glorie, zur Seite geschoben von den höchsten Großen? Fast unmerklich hob Xerxes die im Sonnenschein erstrahlenden, von goldenem Mantel umhüllten Schultern.

An seiner Seite hatte sich Mardonios von seinem auf Löwenklauen ruhenden Sessel erhoben. Das war sein Schwager. Der führte wie viele Perser einen sehr griechisch klingenden Namen. Denn so persisch wie Xerxes klingt und klang, so rein griechisch klang und klingt Mardonios.

Mardonios war ein begeisterter junger Feldherr, der Gemahl der Schwester des Xerxes Artozostra. Er hatte bereits gegen die Griechen gekämpft. Er war in Mazedonien gewesen mit seinen unzähligen Mannen, aber seine Flotte war beim Berge Athos durch einen Sturm völlig vernichtet worden: dreihundert Schiffe, mehr als zwanzigtausend Mann. Seeungeheuer hatten die ertrinkende Schiffsmannschaft verschlungen. Mardonios hatte es niemals vergessen können, daß weder seine Begeisterung noch sein Heer völlig triumphiert hatten über Griechen, Sturmgewalt, Umstände und Schicksal. So hatte er Xerxes bei Trinkgelagen im kleinsten Kreise wohl ein wenig beeinflußt, die Worte zu sprechen, die sein Schwager, der König der Könige, soeben gesprochen hatte. Allein Mardonios, dem seine Begeisterung zu schaffen machte und der mehr Feldherr war als Staatsmann, gönnte doch seinem Schwager, dem König der Könige, das ganze Verdienst, die Großen Persiens zu einem neuen Kriege gegen Griechenland anzuspornen. So rief denn Mardonios sehr begeistert aus: »Erhabener Despot! Ihr seid nicht nur der größte der Perser, die bisher die Sonne schauten, sondern auch der größte aller derer, die sie einst schauen werden.«

In seiner Begeisterung war Mardonios völlig aufrichtig. Er dachte nicht an Ironie. Er wußte nicht, was Ironie war. Er hatte die Seele eines Kriegsmannes und eines begeisterten Schwärmers. Alles in allem eine schöne Seele. Aber er wußte nichts von seiner schönen Seele. Er sah nur die Größe Persiens und des Königs. Daher rief er begeistert aus:

»Nein! Ihr werdet es nicht dulden, daß uns die Ionier von Europa, dieses niedrige, verächtliche Volk, noch länger beleidigen. Haben wir nicht Saken, Inder, Äthiopier, Assyrer und zahllose andere Völker, die uns niemals etwas zuleide getan hatten, besiegt? Sollten wir uns jetzt nicht dazu entschließen, diese Griechen zu besiegen, die nach Sardes gekommen sind, um unsere heiligen Hochebenen zu entweihen, und die es wagen, unsere heiligen Wälder in Brand zu stecken? Was haben wir zu fürchten? Die Anzahl ihrer Truppen? Ihre Reichtümer? Wir werden größere Heere haben und ansehnlichere Schätze. Außerdem sind sie stets so töricht, auf offener Ebene kämpfen zu wollen. Unsere größeren Heere werden sie also vernichten auf ihrer offenen Ebene, vorausgesetzt, daß sie den Mut haben werden. Denn sie hatten nicht den Mut, mir in Mazedonien eine Schlacht zu liefern, als ich dort die persischen Heere anführte. Wir sind, o König, im Kampfe nicht nur die Mutigsten, sondern auch die Kundigsten. Der Sieg wird unser sein.«

Das Beifallsgemurmel durchschwirrte gleich dem Summen vieler Bienen den großen Thronsaal. Aber dies Gemurmel ließ sich nur deshalb hören, weil es am persischen Hofe Sitte war, den Worten des Redners aus Vorsicht beizustimmen. Im Grunde wünschten die Perser – denn sie dachten an Marathon – den Krieg nicht, obwohl Xerxes gesagt hatte, die historische Wahrheit über Marathon sei noch lange nicht bekannt geworden. Sie waren darum sehr erfreut, als von einem zweiten Sessel, der auf goldenen Löwenklauen ruhte, der alte Artabanos, Sohn des Hystaspes und väterlicherseits Oheim des Xerxes, sich erhob. Der Oheim sprach:

»Basileus! Vergleichet, auf daß Ihr reines Gold erkennet, Euer Gold mit anderem Golde! Wäget Eure Empfindungen und die des Mardonios gegen meine ab! Riet ich nicht bereits Eurem Vater, meinem Bruder Dareios, er solle die Skythen nicht unvermutet bekämpfen? Er folgte meinem Rate nicht und verlor in Skythien seine Armeen. Ihr wollt über den Hellespont eine Brücke schlagen, um Eure Heere nach Europa zu führen. Aber setzt den Fall, unsere Feinde würden unsere Flotte vernichten und Eure Brücke über den Hellespont zerstören! Wie wolltet Ihr dann Eure Armeen wieder heimwärts führen? Großer König, seid vorsichtig! Wer groß ist, dem droht am meisten Gefahr. Der Blitz trifft Türme und Elefanten. Allein die Ameisen wimmeln geborgen umher auch im Wüten des Sturmes. Ihr aber, Mardonios, verleumdet die Griechen nicht länger! Niemals verdienten sie Eure Verachtung. Erinnert Euch lieber alles dessen, was Ihr jetzt vergeßt oder was Ihr auf Eure Weise vortragt! Dann werdet Ihr nicht in die Gefahr geraten, über die Perser eine Katastrophe heraufzubeschwören und selbst besiegt auf attischem oder lazedämonischem Boden zu liegen den Geiern und Hunden zur Beute.«

So weise Worte bejahrter Vorsicht behagten weder Xerxes noch Mardonios. Allein das Beifallsmurmeln der Großen durchschwirrte den Saal, wie es stets nach Rat oder Rede sich vernehmen ließ. Wußte man doch niemals, was der König beschließen werde. Also war es vorsichtig, in jedem Falle höflich zu summen. Doch Xerxes erhob sich zornig und rief seinem Oheim zu:

»Ihr seid ein Feigling und ein altes Weib! Ich werde Euch hier lassen bei den Frauen. Ich bin der Sohn des Dareios, und zu meinen Vorfahren zähle ich Hystaspes, Arsames, Kyros, Kambyses, Achaimenes. Ich will nicht geringer sein als jene. Ich erstrebe auch nicht mehr und nicht weniger als die Weltmacht. Ich will den Krieg, ich beschließe den Krieg.«

Die Großen hörten Xerxes erschrocken an, aber trotzdem murmelte das beifällige Bienengesumm an ihren Barten entlang durch den Thronsaal hindurch. Oheim Artabanos hatte sich mit düster geneigtem Kopf wieder auf seinen Sessel niedergelassen. Nur Mardonios schaute freudig drein wie ein junger Löwe, und Xerxes wandte den versammelten Großen seinen goldenen Rücken zu zum Zeichen, daß die Beratung beendet sei.

Er wandelte nicht durch die schräg herabfallenden Sonnenstrahlen empor zum Palaste des Ormuzd, des großen Gottes, er zog sich in seine Gemächer zurück zufrieden, weil seine Großen den Krieg mit Griechenland beschlossen hatten, und doch nicht ganz zufrieden um des Artabanos willen.

Die Menge der Prinzen, Satrapen und Großen strömte zum Thronsaal hinaus. Deutlicher sah man in dem jetzt leerer werdenden Saal, dessen hundert Säulen auf ihren doppelten Stiertorso-Kapitellen das Zederngebälk der Decke trugen, wie der verlassene Thron mit seinen bleckenden Löwen leuchtete und Strahlen schoß.

Die gleichen Löwen, die Löwen, die einander in laufender Bewegung folgten, die königlichen Löwen, die Symbole höchster Macht und Kraft, wurden jetzt auch in dem langsam sich leerenden Saal mehr und mehr sichtbar auf dem glasierten Ziegelfries, der den ganzen unermeßlichen Thronsaal umgab: die elfenbeinweißen Löwen mit dem Grün und dem Blau ihrer Mähnen und ihrer ungeheuerlich schwersehnigen Schulterblätter, die Löwen mit den vergoldeten, kreisrunden, geöffneten Mäulern und den hoch emporgereckten Schweifen.

Als der Saal ganz leer war, kam hinter einem vergoldeten Gitter Atossa zum Vorschein, die Mutter des Xerxes, eine alte Frau, die kurzsichtig die Augen zusammenkniff und ganz in violette Schleier gehüllt war. Sie sprach zu den drei anderen Königin-Witwen des Dareios, die sie, die Allerhöchste, umringten:

»Jetzt bin ich meines kleinen Krieges gewiß. Ich will athenische und dorische Sklavinnen haben. Es gibt keine besseren als sie.«

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