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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwrdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.

Die Gesellschaft wurde itzt ziemlich lebhaft. Die Einen ermahnten den Kritobul, seine Siegesküsse einzufodern; Andere meinten er sollte den Herrn der beyden Kinder zu gewinnen suchen, wieder andere trieben andere Scherze. Hermogenes war der einzige, der keinen Laut von sich gab. Sokrates rief ihn deßwegen bey seinem Namen auf: Kannst du mir, sprach er, nicht sagen, Hermogenes, was Parönie für ein Ding ist?Das griechische Wort mußte hier beybehalten werden 1) weil kein gleichbedeutendes deutsches vorhanden ist; 2) weil sich kein neues machen ließ, das in diesen Zusammenhang gehörig gepaßt hätte. Wenn du mich fragst was es ist, erwiederte Hermogenes, so weiß ich nichts zu antworten; aber was ich mir dabey denke, will ich dir wohl sagen. Das ists eben was ich meine, sagte Jener. Die Fröhlichkeit seiner Freunde beym Weine stören, ist, meines Bedünkens, Parönie. –

Sokrates. Weißt du wohl, Hermogenes, daß gerade du unsre Freude durch dein Schweigen störest?

Hermogenes. Auch wenn Ihr redet?

Sokrates. Dann nicht, aber da wir wieder aufhörten.

Hermogenes. Wie? Solltest du nicht bemerkt haben, daß ihr diese Zeit her so redselig gewesen seyd, daß man nicht ein Haar, geschweige denn ein Wort zwischen euere Reden hätte schieben können? Kallias, rief Sokrates, hast du nichts, womit du einem armen zum Schweigen gebrachten Mann aus der Noth helfen kannst? O ja, versetzte Kallias, sobald sich die Flöte hören läßt, schweigen wir alle mit einander.

Ihr wollt also, sagte Hermogenes, daß ich, wie Nikostratus neulich seine achtfüßigen Jamben zur Flöte hersagte,Offenbar bezieht sich dies auf etwas vor kurzem geschehenes und allen Anwesenden bekanntes. Nikostratus scheint ein tragischer Schauspieler gewesen zu seyn; etwas näheres läßt sich schwerlich vermuthen. unter Begleitung der Flöte mit euch sprechen soll? –

Sokrates. O, ich bitte dich, das thue, lieber Hermogenes; denn ich denke wirklich, wie der Gesang durch die Flöte um so viel angenehmer wird, so würden auch deine Reden durch ihre Begleitung in etwas anmuthiger werden, zumal wenn du, wie diese Flötenspielerin, auch noch gefällige Gesichter dazu schneidenDiesen komischen Ausdruck schien mir das im Text gebrauchte Wort μορφαζειν zu verlangen. wolltest. Wenn aber, sagte Kallias, dieser Antisthenes hier Jemanden in die Schule nähme und zum Verstummen brächte, was für eine Begleitung müßte die Flöte dazu machen?Ein feiner Stich (wenn ich nicht irre) auf die etwas derbe cynische Manier, wie Antisthenes seine Gegner einzutreiben pflegte. Wer zum Verstummen gebracht ist, verdient, dächt' ich, nichts bessers als ausgepfiffen zu werden, sagte Antisthenes.

Wie der Syrakuser sah, daß die Gesellschaft, an der Unterhaltung, die sie sich selbst verschaffte, so viel Vergnügen fand, daß sie wenig auf die seinige achtete, ward er über Sokrates (den er für die Ursache davon hielt) mißmüthig, und sagte zu ihm: Bist du nicht etwa derselbe Sokrates, der den Spitznamen Vernünftler (Frontist) bekommen hat?

Sokrates. Klingt es nicht immer besser als wenn man mich den Unvernünftler (Afrontistos) nennte?

Syrakuser. Das möchte wohl seyn, wenn man nicht glaubte, du vernünftelst über gar zu hohe Dinge.

Sokrates. Kennst du was höheres als die Götter?

Syrakuser. Aber, zum Jupiter! Man sagt nicht, daß du dich um diese bekümmerst, sondern um die unnützesten Dinge von der Welt.Der Syrakuser braucht hier das Wort ανωφελεστατα (unnützeste) und Sokrates antwortet ihm durch ein unübersetzbares Wortspiel (woran meine beyden Vorgänger verunglückt sind), dessen Frostigkeit Sokrates selbst bekennt und mit der Zudringlichkeit des Syrakusers entschuldiget. Was schlechterdings nicht in eine andre Sprache übergetragen werden kann (und bey Wortspielen ist dies meistens der Fall) das muß man auch nicht übersetzen wollen. Und was verliert denn der Leser an einem Paar abgeschmackter Zeilen? – Aber sey es darum! Sage mir lieber, wie viele Füße ein Floh über mich wegspringen kann?Die Worte der Urschrift, ποσους ψυλλα ποδαις εμου απεχει haben einen meiner Vorgänger verleitet zu übersetzen: wie viel Fuß ein Floh von mir entfernt ist? Ich gestehe daß mir diese Frage gar zu platt vorkommt, und ich kann um so weniger glauben, daß Xenofon απεχει geschrieben habe, da diese Frage sich auf eine bekannte Stelle in den Wolken des Aristofanes bezieht. Ich habe daher übersetzt als ob X. αλλεται oder αναπηδα geschrieben hätte. Denn mit solchen geometrischen Aufgaben, sagt man, gebest du dich ab.

Hier sagte Antisthenes zum Filippus: Du bist bekanntlich ein großer Meister in Vergleichungen; dünkt dich nicht dieser Bursche hier gleiche einem Grobian, der den Leuten unangenehme Dinge sagen will?Λοιδορεισθαι βουλομενος und λοιδορουμενος kann, der gewöhnlichen Bedeutung des Worts λοιδορεισθαι ( schmähen, schimpfen) gemäß, allenfalls zu deutsch ein Mensch, der den Leuten Grobheiten sagen will, heißen: aber wie Herr M. es durch Spötter übersetzen konnte, wird nur durch den Irrthum begreifflich, daß Antisthenes bey dem Worte: dieser hier auf den Sokrates gedeutet habe, der freylich für einen ειρων, aber wahrlich für keinen λοιδορουμενος bekannt war. Uebrigens ist nicht zu läugnen daß Antisthenes durch diese Anrede an den Spaßmacher unglücklicher Weise zu einer Reihe von Einfällen Anlaß gegeben, die mit etwas dummem Attischen Salz gewürzt sind. O Ja, entgegnete der Spaßmacher; ich wüßte ihn auch noch mit vielen andern Dingen zu vergleichen. – Vergleich ihn lieber mit Niemand, sagte Sokrates; du möchtest leicht selbst darüber Gefahr laufen für seines gleichen angesehen zu werden.

Filippus. Wenn ich ihn nun aber mit hübschen Leuten, ja sogar mit den Vorzüglichsten vergleiche, sollte man mich nicht von Rechtswegen eher mit einem der ihn loben als der ihn schimpfen wolle vergleichen?

Sokrates. Du beschimpfst ihn schon dadurch, wenn du alles an ihm lobst.

Filippus. Sähest du etwa lieber wenn ich ihn mit den Schlechtesten vergliche?

Sokrates. Auch mit diesen nicht.

Filippus. Mit wem dann also?

Sokrates. Mit Niemand; du sollst ihn gar nicht vergleichen.

Filippus. So muß ich nur schweigen, und was für eine alberne Rolle werd' ich da bey diesem Gastmahl spielen!

Sokrates. Ist es denn so schwer lieber zu schweigen als etwas unschickliches zu reden? – Und hiemit endigte sich die kurze Störung des angenehmen Tons, der bisher in dieser Tischgesellschaft geherrschet hatte.

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