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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwrdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Kallias wandte sich nunmehr gegen Kritobul. Nun, wie ists, Kritobul? wirst du itzt nicht hervortreten um deinen Streit über die Schönheit mit Sokrates auszumachen? – Er wird schwerlich große Lust dazu haben, sagte Sokrates; er mag wohl merken, daß der Kuppler etwas bey den Richtern gilt. – Demungeachtet weiche ich dem Kampf nicht aus, entgegnete Kritobul, sondern will mich gern belehren lassen, wenn deine Filosofie so weit reicht, die Behauptung, daß du schöner seyest als ich, gut zu machen.

So rücke nur jemand den Leuchter näher heran, sagte Sokrates.

Kritobul. Ich fordre dich vor allen Dingen auf, den Punkt, worauf es bey unserm Streit eigentlich ankommt, gehörig zu bestimmen.

Sokrates. Gut! So antworte mir.

Kritobul. Frage!

Sokrates. Denkst du das Schöne sey etwas, das dem Menschen ausschließlich zukomme, oder das sich auch an andern Dingen finde?

Kritobul. Es versteht sich, sollt' ich bey Jupitern! meinen, daß es auch schöne Pferde, schöne Ochsen und mancherley andre zum Theil leblose Dinge giebt, denen dieses Beywort zukommt.

Sokrates. Aber wie können so verschiedene und einander so wenig ähnliche Dinge Alle schön seyn?

Kritobul. Das können sie allerdings. Wenn jedes zu dem Zweck, wozu wir es gebrauchen – oder uns angeschafft haben, von der Natur gegliedert oder von der Kunst gearbeitet worden ist, so sind sie schön.

Sokrates. Die Augen also, z. B. wozu bedürfen wir ihrer?

Kritobul. Ohne Zweifel, zum Sehen.

Sokrates. Wenn das ist, Kritobul, so dürften wohl gleich meine Augen schöner seyn als die Deinige.

Kritobul. Wie so?

Sokrates. Weil die Deinige nur gerade vor sich hin sehen können, meine hingegen, da sie so weit hervorstehen, auch seitwärts.

Kritobul. Diesem nach hätte unter allen Lebendigen der Krebs die schönsten Augen?

Sokrates. Allerdings, und um so mehr, da sie ihrer Härte wegen besser auf die Dauer gemacht sind als andre.

Kritobul. Das laß ich gelten! Aber die Nasen? welche von beyden wäre wohl die schönere, die deine oder die meine?

Sokrates. Die meinige, sollt ich denken, wenn anders die Götter uns des Riechens wegen mit Nasen beschenkt haben. Deine Nüstern sehen niederwärts zur Erde, die meine hingegen stehen weit offen, so daß sie die Gerüche von allen Seiten einziehen können.

Kritobul. Aber wie sollte eine eingedrückte Nase schöner seyn als eine erhabene?

Sokrates. Weil sie den Augen nicht im Wege steht, sondern sie straks alles was sie wollen ungehindert sehen läßt; da hingegen eine erhabene Nase, den Augen gleichsam zum Trotz dasteht und eine Scheidewand zwischen ihnen aufführt.

Kritobul. Was den Mund betrift, Sokrates, da geb' ich dir voraus gewonnen; denn wenn der Mund des Beißens wegen da ist, so ist augenscheinlich daß du ganz andre Stücke auf einmal herunter beißen kannst als ich.

Sokrates. Und weil meine Lippen dicker sind, meinst du nicht, daß auch mein Kuß weicher seyn werde?

Kritobul. Das muß wohl so seyn; deinem Grundsatz zu Folge hätte sogar der Esel hierin viel vor mir voraus.

Sokrates. Und mußt du es nicht überdies noch für keinen schwachen Beweis, wie viel schöner ich bin als du, gelten lassen, daß die Silenen, denen ich unleugbar viel ähnlicher bin als du, von den Najaden geboren werden und also Göttersöhne sind?

Kritobul. Ich gestehe daß ich dir nichts mehr entgegen zu setzen habe. Laßt also den Richtern die Steine zum stimmen austheilen, damit ich je bälder je lieber erfahre, zu welcher Leibesstrafe oder Geldbuße sie mich verurtheilen werden.

Sokrates. Ich habe nichts entgegen; nur sollen sie ihre Stimmen heimlich geben; denn ich habe sehr zu fürchten, gegen so reiche Gegner wie du und Antisthenes zu kurz zu kommen.

Das Mädchen und der Knabe gaben also ihre Stimmen heimlich, nachdem Sokrates den Leuchter ganz nahe vor Kritobul rücken lassen, damit die Richter nicht getäuscht werden könnten; auch wirkte er aus, daß dem Sieger, statt des gewöhnlichen Kranzes, Küsse von den Richtern gegeben werden sollten. Als nun die Steine aus der Urne heraus fielen und sichs zeigte daß Kritobul den Handel mit allen Stimmen gewonnen hätte, sagte Sokrates: Ey, ey, Freund Kritobul, dein Geld scheint von einer ganz andern Art zu seyn als des Kallias seines: denn dieses macht (wie er sagt) die Leute ehrlicher; das deinige hingegen ist, wie meistens der Fall seyn mag, fähig, Parthey und Richter zugleich zu bestechen.

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