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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwrdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

So wäre denn nichts übrig, sagte Sokrates, als daß ein Jeder uns nun auch zu überzeugen suchte, daß der Vorzug worauf er sich am meisten einbildet, wirklich von so großem Werthe sey. Hört mich zuerst, rief Kallias. Während ihr andern euch die Köpfe zerbrecht, was Recht sey, mache ich rechtschaffnere Menschen. – Und wie machst du das, mein Bester? – Ich gebe ihnen Geld. – Bey diesem Worte, stand Antisthenes mit der Miene eines Kämpfers, der den Gegner schon zum Voraus unter seinen Füßen sieht, gegen Kallias auf und fragte ihn: ob er glaube daß diese Menschen die Rechtschaffenheit im Beutel oder in der Seele trügen? – Doch wohl in der Seele, sagte Kallias. – Und du machst ihre Seelen rechtschaffner, indem du Geld in ihren Beutel wirfst? – Ganz gewiß! – Wie gienge das zu? – Wenn sie sich im Besitz dessen sehen, womit sie sich alles Benöthigte anschaffen können, werden sie nicht auf ihre Gefahr Böses thun wollen. – Geben sie dir aber wieder was sie von dir empfangen haben? – Nein beym Jupiter! – Was kriegst du denn von ihnen für dein Geld? Doch wenigstens Dank? – Auch den nicht! Manche werden mir sogar noch aufsätziger als bevor sie was von mir empfiengen. – Wunderbar, rief Antisthenes, indem er ihm mit triumfierendem Blick scharf in die Augen sah, daß du die Leute gerecht gegen andere machen kannst, nur nicht gegen dich selbst! – Und was ist daran wunderbares? sagte Kallias. Siehst du nicht Zimmerleute und Baumeister in Menge, welche andern Leuten Häuser bauen, wiewohl sie sich selbst keine bauen können, sondern in gemietheten wohnen? Nimm es nicht übel, Sofist, daß ich dich mit deiner eigenen Münze bezahle. Das wird er auch nicht, fiel Sokrates ein; sagt man doch auch von den Wahrsagern, sie könnten andern Leuten künftige Dinge vorhersagen, und sehen doch nicht was ihnen selbst bevorsteht. Hiemit wurde dieser kleine Zwist schlafen gelegt.

Niceratus nahm izt das Wort. Höret nun auch, um was Ihr besser werden könnet, wenn Ihr euch zu mir haltet. Ihr alle wisset ohne Zweifel, daß Homer, der gelehrteste unter den Dichtern ist, und daß seine Werke als ein Inbegriff aller menschlichen Wissenschaft und Kunst betrachtet werden können. Wer also unter Euch ein trefflicher Hauswirth, Staatsmann oder Kriegsbefehlhaber, ein Achilles oder Ajax, oder Nestor oder Odysseus zu werden wünschet, mag sich nur um meine Gunst bewerben, denn das alles weiß ich auf ein Haar. – So könntest du wohl auch einen König vorstellen? fragte Antisthenes; da, wie du weißt, Agamemnon als ein trefflicher König und tapfrer Streiter von HomerIlias III. 179. gerühmt wird; – O! Zum Jupiter, ich weiß wohl noch mehr; ich weiß auch wie ein Wagenführer, wenn er sich der Säule nähert, umlenken muß:

Selber zugleich dann beug in dem schöngeflochtenen Sessel
Sanft zur Linken dich hin, und das rechte Roß des Gespannes
Treib mit Geißel und Ruf und laß ihm die Zügel ein wenig.Ilias XXIII. 335. u. f. nach der Vossischen Uebersetzung.

Aber ich weiß noch was anderes, wovon ihr sogleich die Probe machen könntet. Homer spricht irgendwo von trunkeinladenden Zwiebeln;Il. XI. 630. wenn uns also jemand Zwiebeln verschaffen wollte, könntet Ihr euch sogleich durch die Erfahrung überzeugen, wie nützlich es ist im Homer bewandert zu seyn; denn der Wein würde euch desto besser schmecken. – Ihr merket doch, sagte Charmides, warum Niceratus nach Zwiebeln riechen möchte wenn er zu Hause kommt? Es ist bloß daß seine junge Frau glauben soll, es habe niemand nur daran denken können ihm einen Kuß zu geben. Dafür, sagte Sokrates, könnten die Zwiebeln leicht uns Andere in einen lächerlichen Ruf bringen. Homer nennt, wie es scheint die Zwiebel OPSON, weil sie nicht nur dem Wein sondern auch dem Brodt und andern Speisen einen angenehmem Geschmack giebt. Wenn wir nun auch nach der Mahlzeit Zwiebeln nascheten, möchte man uns wohl gar nachsagen, wir hätten es gethan, um uns wieder zum essen zu reitzen, und wir seyen bloß zu Kallias gekommen um recht tüchtig zu schwelgen.Es ist sonderbar daß es vor Hn. P. Mosche niemanden aufgefallen ist, daß die Rede des Sokrates nach der gewöhnlichen Leseart geradezu abgeschmackt ist. Ich zweifle nicht, dieser mein gelehrter Vorgänger habe Recht, da er glaubt, die Wörter σιτον und ποτον seyen durch ein Versehen der Abschreiber eins für das andere gesetzt worden, so daß man ποτον lesen müsse wo σιτον und σιτον wo ποτον steht. Das ist mit nichten zu besorgen, versetzte Kallias: stecken doch auch viele Soldaten, bevor sie in ein Treffen gehen, heimlich Zwiebeln in den Mund, aus der nämlichen Ursache, warum Einige den Kampfhähnen, bevor sie an einander gelassen werden, Knoblauch zu essen geben. Aber wir, scheint es, legen es mehr aufs küssen als aufs fechten an.

Da Niceratus keine Miene machte weiter etwas beyfügen zu wollen, sagte Kritobul: soll ich euch nun auch sagen, warum ich auf meine Schönheit stolz bin? – Rede, riefen Sie. Ich setze nämlich als ausgemacht voraus daß ich schön bin; denn falls ich es nicht wäre, so hättet ihr Alle von Rechtswegen die Strafe der Betrügerey verdient, da ihr mich unaufhörlich versichert daß ich schön sey, und sogar dazu schwört, wiewohl euch Niemand den Eid deswegen abfodert. Ich muß euch also glauben, da ich nicht anders weiß als daß Ihr biedere Männer seyd. Bin ich aber wirklich schön, und fühlt Ihr für mich, was ich für den, der mir schön vorkommt, fühle, so schwör' ich bey allen Göttern, ich wollte meine Schönheit nicht gegen das Reich des KönigsDes K. von Persien nämlich, sonst von den Griechen der große König genannt. In diesem Gastmahl wird er ein paar Mal schlechtweg der König genannt, als ob jenes Beywort überflüssig sey und es keinen andern der Rede werthen König gebe, als den Persischen. tauschen. Denn ich gestehe, daß ich am Anschauen des KliniasMan sieht, daß Kritobul von seiner Leidenschaft für den schönen Klinias, den jüngern Bruder des Alcibiades, als von einer allen Anwesenden bekannten Sache spricht. mehr Vergnügen finde als an allem andern was die Menschen schön nennen, und daß ich, wenn ich nur Ihn allein noch sehen könnte, mit Freuden für alles übrige blind seyn wollte. Ich zürne der Nacht und dem Schlaf weil sie mir seinen Anblick entziehen; dem Tag hingegen und der Sonne weiß ich für nichts so großen Dank, als daß sie mir den Klinias sichtbar machen. Noch ein Vorzug, worauf wir andere schöne Leute mit Recht stolz seyn können, ist dieser, daß, um sich geltend zu machen, der Starke arbeiten, der Beredte seine Lunge anstrengen, der Tapfre Leib und Leben wagen muß, der Schöne hingegen alles, was er will, ausrichtet, ohne daß er einen Finger zu rühren braucht. Indessen, ob ich schon den Werth des Reichthums nicht verkenne, wollt' ich doch lieber was ich habe dem Klinias geben, als alles übrige von einem andern empfangen, und lieber Sklav als frey seyn, wenn Klinias mein Herr seyn wollte; denn es würde mich leichter ankommen ihm zu arbeiten und die größten Gefahren für ihn zu laufen, als ohne ihn der Ruhe zu pflegen und in voller Sicherheit zu leben. Im übrigen, lieber Kallias, wenn du auf deine Gabe die Menschen rechtschaffner zu machen stolz bist, so behaupte ich, daß ich noch geschickterDas Wort δικαιος kommt auch noch in den Sokratischen Denkwürdigkeiten B. IV. 4. in dieser Bedeutung vor und die von H.  Mosche vorgeschlagene Veränderung des δικαιοτερος in ικανωτερος dürfte daher unnöthig seyn. sey als du, sie zu jeder Tugend anzuspornen. Denn durch den Zauber, womit wir andern Schönen auf unsre Liebhaber wirken, machen wir sie uneigennütziger und freygebiger, ruhmbegieriger und thätiger, besonders auch enthaltsamer und schamhafter als sie sonst waren, da sie sich sogar ihr dringendstes Bedürfniß zu gestehen schämen. Daß man bey Erwählung der Kriegsbefehlshaber nicht vorzüglich auf die Schönheit sieht, ist sehr thöricht. Welche Wunder müßte ein Feldherr thun, der so viele Liebhaber als Soldaten hätte! Ich wenigstens würde mit Klinias durch Feuer und Flammen gehen und ich bin gewiß Ihr alle gienget mit. Du wirst also hoffentlich nicht länger zweifeln, Sokrates, daß meine Schönheit der Welt großes Heil bringen könnte. Uebrigens ist der Umstand, daß die Blütezeit der Schönheit von keiner langen Dauer ist, kein Grund warum sie weniger zu achten wäre; denn wer als Knabe schön war, wird auch als Jüngling, Mann und Greis noch schön bleiben. Ein Beweis hievon ist, daß zu den Thalloforen der AtheneBey dem feierlichen Aufzug an den Panathenäen giengen auch eine Anzahl alter Männer mit grünen Zweigen in den Händen, welche deswegen θαλλοφοροι hießen. immer die schönsten Greise ausgewählt werden müssen; was die Meinung voraussetzt, daß die Schönheit ihren Besitzer durch alle Stufen des Alters begleite. Uebrigens und da du mir eingestehen wirst, daß es angenehm sey wenn uns Andere aus eigener Bewegung geben was wir wünschen, weiß ich gewiß, daß ich auf der Stelle und ohne ein Wort zu sprechen diesen Knaben und dieses Mädchen leichter bereden wollte mir einen Kuß zu geben, als du, mein guter Sokrates, wenn du eine noch so lange und gelahrte Rede deswegen an sie hieltest.

Wie? Was soll das heißen? rief Sokrates: ich glaube gar du bildest dir ein daß du schöner seyst als ich?

Das sollt' ich meinen, beym Jupiter! oder ich müßte nur unter allen Silenen unsrer Satyrspiele der häßlichste seyn. – Er sagte dies, weil Sokrates wirklich eine auffallende Aehnlichkeit mit diesen Waldgöttern hatte.

Lassen wirs jetzt gut seyn, versetzte Sokrates; aber vergiß mir ja nicht, daß wir, sobald die übrigen ihre Beyträge zu der angefangenen Unterhaltung gegeben, unsere Fehde über die Schönheit auszufechten haben werden. Und da Paris der Sohn Priamus nicht hier ist den Streit zu entscheiden, so mögen eben diese, die dich (wie du dir schmeichelst) so gerne küssen möchten, unsre Richter seyn.

Du willst es also nicht auf den Ausspruch des Klinias ankommen lassen, Sokrates?

Kannst du denn gar nicht aufhören immer an Klinias zu denken? sagte dieser.

Und glaubst du, ich denke weniger an ihn wenn ich ihn nicht nenne? Weißt du nicht daß ich ein so getreues Bild von ihm in meiner Seele trage, daß wenn ich Bildner oder Mahler wäre, ich ihn bloß nach diesem Bild eben so vollkommen treffen wollte als ob er leibhaftig vor mir stände?

Wenn das ist, warum giebst du dir denn so viele unnöthige Mühe und treibst dich immer überall herum, um ihn zu Gesichte zu bekommen?

Das kann ich dir leicht erklären, lieber Sokrates. Die Ursache ist, weil es mir großes Vergnügen macht, ihn Selbst anzuschauen, das Anschauen des Bildes hingegen mir keinen Genuß giebt, sondern nur die Sehnsucht nach ihm rege macht.

Hier konnte Hermogenes nicht länger schweigen. Aber das kann ich unmöglich an dir gut heißen, Sokrates, sagte er, daß du dem Kritobul eine so übermäßige Leidenschaft nachsiehst.

Glaubst du denn, sagte Sokrates, daß er erst, seitdem er sich zu mir hält, damit behaftet sey? – Seit wann also? – Siehst du nicht daß diesem die Milchhaare noch an den Ohren hinkriechen, da sie hingegen beym Klinias schon aufwärts steigen? Kritobul gieng mit Klinias in eben dieselben Schulen; dies war der Zeitpunkt, wo er so gewaltig für ihn zu entbrennen begann. Sobald sein Vater es gewahr wurde, übergab er ihn mir, ob ich ihm etwa helfen könnte. Und wirklich steht es schon um vieles besser mit ihm. Denn vorher sah er immer, wie einer der die Gorgonen erblickt hat, so steinern auf Klinias hin, und stand auch so steinern da wenn er sich von ihm entfernen sollte; jetzt hingegen hab ich sogar schon gesehen, daß er nur nach ihm blinzelte. Und doch – so wahr mir die Götter gnädig seyen! dünkt mich (aber daß es unter uns bleibt!) er habe ihn wirklich schon einmal geküßt,Nämlich bevor er unter die Aufsicht des Sokrates gekommen war. Man könnte glauben, daß dies auf eine Stelle im 3. Kap. des 1sten Buchs der Sokrat. Denkw. zu beziehen sey, wo die Rede von einem Kuß ist, welchen Kritobul einem Sohne des Alcibiades gegeben, und daß der Klinias, für welchen Kritobul eine so schwärmerische Liebe gesteht, nicht der Bruder, sondern der Sohn des Alcibiades gewesen sey. Allein um die Zeit, in welche dieses Gastmahl fällt, konnte Alcibiades, der damals höchstens 32 Jahre alt war, noch keinen Sohn haben, an dem der Backenbart schon sichtbar wurde. Die in den Denkw. erwähnte Anekdote muß also um mehrere Jahre später seyn als der Kuß, von welchem hier die Rede ist. was unstreitig der allergefährlichste Zunder der Liebe ist. Denn der Kuß ist etwas unersättliches, und erweckt immer gewisse süße Hoffnungen. Vielleicht trägt auch das etwas bey ihm einen höhern Werth zu geben, weil unter allen Werken der Liebe diese Lippenberührung allein mit dem was das eigenthümliche Werk der Seele ist, einerley Namen hat.Die Griechen gebrauchen das Wort φιλειν für lieben und küssen. Ich behaupte also, wer seiner Selbst immer mächtig zu bleiben wünscht, muß sich der Küsse schöner Personen enthalten.

Aber, sagte Charmides, wie kommt es doch, Sokrates, daß du uns, deine Freunde, mit solchen Schrecklarven von den Schönen wegzuscheuchen suchst, da ich doch, so wahr mir Apollo helfe, mit diesen meinen Augen gesehen habe, wie du Selbst, als Ihr beyde du und Kritobul in der Schule etwas in dem nämlichen Buche aufsuchtet, deinen Kopf an seinem Kopf und deine nackte Schulter auf seiner nackten Schulter liegen hattest? – Leider! sagte Sokrates; dafür schmerzte mich auch die Schulter über fünf Tage lang nicht anders als ob ich von einem wilden Thiere gebissen worden wäre, und mich däuchte als ob ich sogar im Herzen selbst ich weiß nicht was für ein brennendes Jucken fühlte. Ich nehme also alle diese Ehrenmänner zu Zeugen, Kritobul, daß ich dir hiemit ein für allemal untersagt haben will, mich nicht eher anzurühren, bis dein Kinn so behaart seyn wird als dein Kopf.

In diesem Ton hatten sie eine Weile Scherz und Ernst in einander gemischt, als Kallias, um die Unterhaltung wieder ins Geleise zu bringen, zu Charmides sagte: es ist nun an dir, Charmides, uns zu eröffnen, warum du auf deine Armuth stolz bist.

Charmides fieng also an: Ich setze als etwas allgemein anerkanntes voraus, daß es besser ist gutes Muths zu seyn als zu zittern; daß ein freyer Mann besser daran ist als ein Knecht; daß jedermann sich lieber aufwarten läßt als selbst aufwartet, und daß in seinem Vaterland etwas zu bedeuten besser ist als das Gegentheil. Welches von beyden, in Athen wenigstens, das Loos der Reichen oder der Armen sey, davon kann ich ein Wort aus Erfahrung sprechen. So lange ich reich war, schwebte ich immer in Furcht, daß mir Jemand in mein Haus einbrechen, und mich bestehlen oder gar persönlich mißhandeln möchte. Den SykofantenDie Sykofanten machten eine zahlreiche, gefährliche und verhaßte Klasse von Menschen zu Athen aus, welche vorzüglich den vornehmen und reichen Bürgern auf den Dienst lauerten. Ursprünglich waren sie mit den Delatoren unter den alten Römischen Kaisern und mit den MOUCHES, der Polizey in Paris von einerley Handwerk und Karakter: in der Folge erweiterte sich die Bedeutung dieses Wortes, und wurde mit CHICANEUR, Rabulist und Schurke ziemlich gleichbedeutend. machte ich fleißig die Aufwartung, weil ich nur zu gut wußte, daß sie mir mehr Böses zufügen konnten als ich ihnen. Ueberdies wurde mir (von Obrigkeits wegen) alle Augenblicke irgend ein Befehl zugeschickt, bald diese bald jene Ausgabe für die Republik zu machen; und aus der Stadt mich nach Belieben zu entfernen, war mir keineswegs erlaubt. Itzt hingegen, da ich meine Güter im Auslande verloren habe, aus denen, die ich noch in Attika besitze, keinen Nutzen ziehe, und alles, was ich im Hause hatte, verkauft ist, seitdem kann ich der Länge nach ausgestreckt ruhig bis an den hellen Morgen schlafen, gelte in der Republik für einen wohlgesinnten Bürger,In der damaligen höchst verdorbenen Demokratie von Athen waren die Eupatriden und Begüterten, als geborne Freunde der Aristokratie, übler Gesinnungen gegen den Staat, d. i. gegen die Volksregierung verdächtig; aus gleichem Grunde galten die armen Bürger, als geborne Feinde der Reichen, für die Wohlgesinnten. und brauche mich vor Niemand zu fürchten, sondern bin vielmehr Andern furchtbar. Ob ich in der Stadt bleiben oder außer Landes gehen will, steht bey mir; ja ich hab' es schon so weit gebracht, daß die Reichen vor mir aufstehen, um mir ihre Sitze im Theater anzubieten, und mir weichen, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Ich bin also dermalen wie ein kleiner Fürst in Vergleichung mit meiner vorigen knechtischen Lage. Damals mußt' ich der Republik Steuern und Abgaben bezahlen, izt ist sie mir zinsbar, weil sie mich nähren muß. Wie ich noch reich war, wurde mir mein Umgang mit Sokrates zum Vorwurf gemacht; izt, da ich arm bin, kümmert sich Niemand mehr darum. Als ich noch viel hatte, nahm bald der Staat bald der Zufall immer etwas davon weg; izt hab' ich nichts mehr zu verlieren, aber dafür die Hoffnung immer etwas zu bekommen.

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