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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Inzwischen stimmte der Knabe seine Leier zur Flöte des Mädchens, und fieng hierauf an zu singen, sich selbst auf seinem Instrumente begleitend. Er erhielt abermals große Lobsprüche von allen Anwesenden, und Charmides sagte: Was Sokrates vorhin vom Wein anmerkte, scheint mir auch von der Mischung der Schönheit dieser Kinder mit ihren Talenten zu gelten; sie hat nicht weniger Macht die Sorgen zu beschwichtigen und die schlummernde Afrodite aufzuwecken. Sokrates versetzte hierauf: Daß diese Leutchen im Stande sind uns Vergnügen zu machen, hat sich deutlich genug gezeigt; gleichwohl bin ich gewiß, in unsern eigenen Augen sind wir bey weitem die bessern Menschen. Wär' es nun nicht schmählich, wenn eine Gesellschaft wie die unsrige, nicht wenigstens versuchte, etwas auf die Bahn zu bringen, wodurch auch wir einander nützlich seyn oder Vergnügen machen würden? Sogleich verlangten Mehrere, daß er den Stoff zu einer Unterhaltung angeben möchte, wodurch dieser Zweck am besten erreicht werden könnte.

Ich für meine Person, sagte Sokrates, wünschte mir izt keinen angenehmem Genuß, als das Versprechen, so uns Kallias that, erfüllt zu sehen. Wenn wir bey ihm speisen wollten, sagte er, so wolle er uns eine Probe hören lassen, was er bey seinen Meistern gewonnen habe. Das will ich auch, versetzte Kallias, wofern Ihr mir versprecht, uns ebenfalls was Jeder Gutes weiß zum Besten zu geben. Du siehst, erwiederte Sokrates, daß sich keiner von uns dessen weigert; im Gegentheil, jeder, denke ich, wird uns ohne Bedenken sagen, was, seinem Urtheil nach, das Schätzbarste ist, worauf er sich versteht. Ich also, fuhr Kallias fort, sage, das, worauf ich mir am meisten einbilde, ist, daß ich im Stande zu seyn glaube Menschen besser zu machen. Meinst du, fragte Antisthenes, indem du sie irgend eine mechanische Kunst oder die Kalokagathie lehrest? – Die Kalokagathie antwortete Kallias, oder sollte etwa Rechtschaffenheit und Kalokagathie nicht einerley seyn?Daß die Antwort des Kallias, so wie sie gewöhnlich gelesen wird, nicht auf die Frage des Antisthenes paßt, ist handgreiflich. Lieset man mit Joh. Ribit, (dem Verfasser einer lateinischen Uebersetzung dieses Symposions) anstatt: η καλοκαγαθια εστιν η δικαιοσυνη, – »Καλοκαγαθιαν, εφη ο Καλλιας, αλλ' η καλοκαγαθια εστιν η δικαιοσυνη;« so kommt Sinn in die ganze Stelle, und alles hängt gehörig zusammen. Non male, sagt Zeune. Mich dünkt jene Verbesserung nothwendig, und ich sehe nicht wie man eine noch bessere finden, oder ohne sie dieser verdorbenen Stelle helfen könnte. Beym Jupiter, das sind sie, sagte Antisthenes, und so gewiß daß darüber gar kein Zweifel möglich ist. Denn es giebt Fälle, wo es scheint, daß andere Tugenden, als z. B. Herzhaftigkeit oder Klugheit unsern Freunden oder dem Gemeinwesen schädlich werden (folglich Unrecht thun) können; Rechtschaffenheit hingegen läßt in keinem Falle die mindeste Mischung mit Ungerechtigkeit zu. Sobald also, sagte Kallias, jeder von uns das nützlichste was er weiß und kann, angezeigt haben wird, werde ich ebenfalls keinen Anstand nehmen, die Kunst zu nennen, durch welche ich das bewirke, wessen ich mich so eben rühmte. Also, du Niceratus, sage, auf welche von deinen Kenntnissen du dir am meisten einbildest! Da es (erwiederte er) meinem Vater sehr am Herzen lag daß ein tüchtiger Mann aus mir werden möchte, zwang er mich Homers sämmtliche Werke auswendig zu lernen, und so bin ich nun im Stande die Ilias und die Odyssee von Anfang bis zu Ende aus dem Kopfe herzusagen. Sollte dir wohl unbekannt seyn, sagte Antisthenes, daß kein Rhapsode ist, der diese Gedichte nicht ebenfalls auswendig wüßte? Wie könnte mir das unbekannt seyn, versetzte jener, da ich sie beynahe täglich hörte? – Kennst du ein alberneres Volk in der Welt als die Rhapsoden? – Nein, beym Jupiter, antwortete Niceratus, mir däucht es nicht so. Es ist wohl nicht zu läugnen, sagte Sokrates, daß sie den Sinn dessen, was sie uns vorsingen, nicht immer verstehen; allein was geht das dich an, der Männern wie Stesimbrotus und Anaximander und so vielen andern schweres Geld gegeben hat, damit dir nichts wissenswürdiges verborgen bleibe? – Aber lassen wir das ruhn! Du, Kritobul, worauf thust Du dir am meisten zu gut? – Auf meine Schönheit, erwiederte Kritobul. – Kannst du dich etwa auch rühmen, daß du mit deiner Schönheit im Stande seyest uns besser zu machen? – Wenn ich es nicht könnte, so ist offenbar, daß ich ein schlechter Mensch seyn müßte. – Aber du, Antisthenes, worauf bildest Du dir am meisten ein? – Auf meinen Reichthum. – Du hast wohl viel baares Geld im Kasten, sagte Hermogenes. – Jener verschwor sich, keinen Groschen. – So besitzest du also viel Landeigenthum? – Möglich, daß es just soviel ist, als Autolykus gebrauchen mag um sich zum Ringen einzustäuben. – Wir werden also hören, wie du deine Worte wahr machen wirst. Die Reihe ist nun an dir, Charmides, uns zu sagen worauf du stolz bist. – Auf meine Armuth. – Bey Gott, ein Ding, das seine Annehmlichkeiten hat! sagte Sokrates; denn nichts ist dem Neide weniger ausgesetzt und wird dem Besitzer weniger streitig gemacht; man braucht es nicht zu hüten, und es gedeihet desto besser je mehr man es verabsäumt. – Aber du selbst, sagte Kallias, worauf bist du stolz, Sokrates? – Dieser machte ein so langes Gesicht als er konnte, und antwortete im feierlichsten Ernst: auf meine Kupplerkunst; und wie sie alle in ein lautes Gelächter über diese Antwort ausbrachen, fuhr er fort: Ihr lacht; aber was ich sehr gut weiß, ist, daß ich ein reicher Mann seyn könnte, wenn ich von meinem Talent in dieser Kunst Gebrauch machen wollte. Dich, sagte Lykon auf den Filippus deutend, braucht man wohl nicht erst zu fragen, daß du auf deine Kunst lachen zu machen stolz bist? – Und das mit besserm Recht, sollt' ich meinen, als der Schauspieler Kallipides, dem es so übermäßig hoch angerechnet wird, daß er die Leute weinen machen kann. – Aber wolltest du, o  Lykon, sagte Antisthenes, uns nicht auch vertrauen worauf du am stolzesten bist? – Als wüßtet Ihr nicht alle schon, daß ich es auf diesen meinen Sohn bin. – Und daß dein Sohn, sagte Jemand,Vermuthlich Xenofon selbst, der aus Bescheidenheit sich nicht nennt, und bey der ganzen Unterhaltung einen bloßen Zuhörer abgegeben zu haben scheinen will. es auf den Sieg ist, den er heut' erhalten hat, versteht sich auch von selbst. – O Nein, das bin ich wahrlich nicht, versetzte Autolykus erröthend. Das Vergnügen, den schönen Jüngling endlich einmal einen Laut von sich geben zu hören, wandte plötzlich wieder alle Augen auf ihn; und worauf bist du es denn, Autolykus, fragte ihn einer: auf meinen Vater, erwiederte er und beugte sich zugleich gegen den Alten hin. Als Kallias dies sah, sagte er: Weißt du auch, Lykon, daß du der reichste aller Menschen bist? – Beym Jupiter, das ist gerade was ich nicht weiß. – Du denkst also nicht daran, daß du deinen Sohn nicht gegen alle Schätze des Königs (von Persien) vertauschen würdest? – Da du mich so über der That ertappt hast, so werd' ich dir wohl alles gestehen müssen was du verlangst. – Endlich wurde auch Hermogenes gefragt, und seine Antwort war, das, worauf er sich am meisten zu Gute thue, sey die Vortrefflichkeit und Vielvermögenheit seiner Freunde, und daß sie mit so großen Vorzügen dennoch so vielen Antheil an ihm nähmen. Diese Rede richtete die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn, und er wurde von mehrern gefragt, ob er ihnen diese Freunde wohl nennen wollte? Ohne Bedenken, wenn euch ein Gefallen damit geschieht, war seine Antwort.

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