Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Xenophon >

Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

II.

Kaum waren die Tische weggenommen, das Trankopfer gebracht, und der gewöhnliche Lobgesang angestimmt, so meldete sich ein Syrakuser, der eine geschickte Flötenspielerin, eine von den Tänzerinnen, die sich mit wunderbaren Kunststücken sehen lassen, und einen sehr schönen Knaben, der ungemein artig auf der Cither spielte und tanzte, bey sich führte, mit deren Geschicklichkeiten er bey dergleichen Anlässen Geld zu verdienen pflegte.

Als sich das Mädchen auf der Flöte und der Knabe auf der Cither hatten hören lassen, und beide den Zuhörern großes Vergnügen gemacht zu haben schienen, sagte Sokrates: Man muß gestehen, Kallias, deine Bewirthung läßt nichts zu wünschen übrig; du begnügst dich nicht, durch ein untadeliches Gastmahl unserm Gaumen gütlich gethan zu haben, du verschaffst auch noch unsern Augen und Ohren die angenehmste Befriedigung. – Wie meinst du, versetzte Kallias, wenn uns Jemand noch MyronDas deutsche Wort Salbe, (zumal da man dabey sogleich an Pflaster denkt) drückt das gar nicht aus, was das Griechische Myron, welches eine gewisse Art von wohlriechender Essenz war, womit sich die Frauen, und zuletzt auch die Weichlinge unter den Männern zu beduften pflegten. Das ächte Myron war eine morgenländische Waare und hatte vielleicht von der Myrrhe, die ein Hauptbestandtheil desselben war, seinen allgemeinen Namen. Denn es gab mehrere Arten von verschiedener Qualität und Benennung. brächte, um auch unsern Nasen einen kleinen Schmaus zu geben? – Bey Leibe nicht, sagte Sokrates: lassen wir dieses den Frauen. So wie eine andere Kleidung dem Mann, eine andere dem Weibe ziemt; so ziemt auch dem Mann ein anderer Geruch als dem Weibe. Gewiß beduftet sich kein Mann um eines Mannes willen. Die Weiber, zumal wenn sie Bräute sind (wie Niceratus und Kritobul den ihrigenEs scheint daß diese beide noch sehr junge Männer damals neuverheirathet waren. bezeugen werden) bedürfen allerdings der Spezereysalben; auch duften sie davon von weitem schon. Männern hingegen ist der Oelgeruch, den man durch fleißige Uebungen auf der Palästra erhält, angenehmer als Myron den Weibern, und wo er fehlt, kann man nicht umhin ihn zu vermissen. Mit Myron eingesalbt riecht der Freygeborne und der Sklave einer wie der andere; um hingegen den Wohlgeruch zu erhalten, welchen uns die den Freyen ausschließlich zustehende Leibesübungen verschaffen, werden viele Vorbereitungen und eine lange Zeit erfodert. – Das ist ganz gut für diese junge Männer hier, sagte Lykon (der Vater des schönen Autolykus) aber wir andern Alten, bey denen die Zeit der gymnastischen Uebungen vorüber ist, wonach sollen denn wir riechen? Beym Jupiter! wonach sonst als nach Kalokagathie?Ich beziehe mich wegen dieses unübersetzlichen Worts, auf das, was ich schon bey andern Gelegenheiten im Att. Mus. davon gesagt habe. S. II. Band, S. 20. u. III. B. S. 146. versetzte Sokrates. – Und wo ist dieses Myron zu bekommen? – Nun freylich nicht bey den Spezereykrämern, guter Lykon. – Wo also? Das hat uns Theognis schon gesagt:

Gutes kannst du von Guten nur lernen; doch mengst du dich unter
Schlechte, so büßest du noch was du selbst Gutes hast ein.

Hörst du das mein Sohn, sagte Lykon. – O gewiß, fiel Sokrates ein, und er befolgt es auch; und da er dereinst den höchsten Preis im Pankration davon zu tragen begehrt, so wird er (mit dem bereits erlernten noch nicht zufrieden) sich mit dir nach dem geschicktesten Meister in dieser Kunst umsehen, und wenn er gefunden ist, sich fleißig zu ihm halten.Autolykos hatte nämlich damals bey den gymnischen Spielen, welche zur Feyer der Panathenäen gehörten, den Sieg über Mitbewerber von seinem Alter erhalten, und dies war einem Jüngling von 15 oder 16 Jahren allerdings sehr rühmlich: aber von dem höchsten Ziel, so sich ein Pankratiast vorstecken mußte, nämlich in den Olympischen Wettkämpfen gekrönt zu werden, war er noch weit entfernt, und hatte dazu den geschicktesten Lehrmeister und sehr ernstliche Vorbereitungen vonnöthen.

Hier ließen sich auf einmal mehrere Stimmen hören. Einer sagte: wo soll er diesen Meister finden? Ein anderer: das ist keine Sache die sich lehren läßt. Im Gegentheil, rief ein dritter, wenn sich irgend etwas lehren läßt, so ists dies. Weil es denn also, sagte Sokrates eine Frage ist, worüber lange hin und her gestritten werden könnte, so legen wir sie auf ein ander Mal bey Seite, und warten itzt das ab, was den nächsten Anspruch an unsre Aufmerksamkeit macht. Denn ich sehe daß die Tänzerin sich fertig macht, und daß Reife für sie herbeygebracht worden sind.

Die Flötenspielerin fieng nun an ihr vorzuspielen, und der Bursche mit den Reifen trat neben die Tänzerin, und reichte ihr deren wohl zwölf einen nach dem andern hin. Sie nahm sie, warf sie im Tanzen mit einem gewissen Schwung über sich, und wußte das Maaß, wie hoch sie die Reife werfen durfte, so richtig zu treffen, daß sie, ohne aus dem Takt zu kommen, alle zwölf im Fallen wieder in die Hand bekam.

Als sie diesem Spiel eine Weile zugesehen hatten, machte Sokrates die Bemerkung: es bewähre sich, wie durch so manches Andere, auch durch das, was dieses Mädchen leiste, daß die weibliche Natur an Fähigkeiten zu allem was Kunst heißt der Männlichen nichts nachgebe, ob sie schon in Dingen, wozu körperliche und geistige Stärke nöthig ist, unsers Beystandes nicht wohl entbehren könne. Wer von uns also eine Frau hat, setzte er hinzu, mag sie immerhin alles lehren was er seines eignen Vortheils wegen wünschet daß sie verstehe, und kann sich des guten Erfolgs versichert halten.

Wenn du dieser Meinung bist, Sokrates, sagte Antisthenes, wie kommt es daß du die Probe nicht an deiner Xantippe machst, sondern dich mit einer Frau behilfst, die unter allen lebenden, ja, meines Bedünkens, unter allen die ehemals gelebt haben und künftig leben werden, die unerträglichste ist. Das geschieht aus der nämlichen Ursache, versetzte Sokrates, warum diejenigen, welche gute Reiter werden wollen, sich nicht die sanftesten und lenksamsten Pferde, sondern lieber wilde und unbändige anschaffen; denn sie denken, wenn sie diese im Zaum zu halten vermöchten, werde es ihnen ein leichtes seyn, mit allen andern fertig zu werden. Gerade so machte ichs auch, da ich die Kunst mit den Menschen umzugehen zu meinem Hauptgeschäfte machen wollte: ich legte mir diese Frau zu, weil ich gewiß war, wenn ich Sie ertragen könnte, würde ich mich leicht in alle andere Menschen finden können.

Nach dieser kleinen Unterbrechung (welche nicht zweckwidrig schien da sie den Zuhörern Vergnügen machte) ward ein großer ringsum mit emporstehenden Degenklingen besetzter Ring aufgesetzt, zwischen welchen und über welche die Tänzerin sich mit rückwärts zur Erde gebogenem Kopfe überwälzte, so daß sie wechselsweise erst wieder auf die Füße, dann wieder auf den Kopf zu stehen kam. Das Kunststück sah so gefährlich aus, daß den Zuschauern angst und bang für das Mädchen wurde; sie aber machte ihre Sachen mit der größten Dreistigkeit und Sicherheit.

Als auch dieses Schauspiel vorüber war, wandte sich Sokrates gegen Antisthenes und sagte: Nun wird mir doch, denke ich, Keiner, der dies mit angesehen hat, widersprechen, wenn ich behaupte, daß auch die Herzhaftigkeit gelernt werden könne, da dieses Mädchen, seinem Geschlechte zu Trotz, sich so verwegen in die Degenspitzen hineinstürzt. – Könnte dieser Syrakuser, versetzte Antisthenes, nicht auf einmal sein Glück machen, wenn er im Stande wäre, nachdem er diese Tänzerin in der Stadt sehen lassen, den Athenern zu versprechen, er wolle machen daß sie alle sich eben so herzhaft in die Spieße ihrer Feinde stürzen sollten? – Mir wenigstens sagte Filippus, sollt' es beym Jupiter! großen Spaß machen, den Volksredner Pisander Burzelbäume über Degenspitzen schießen zu sehen, der izt schlechterdings keinen Feldzug mit machen will, bloß weil er keinen gefällten Spieß vor Augen sehen kann.Dieser Pisander ist ohne Zweifel der nämliche, der im 2. Jahre der 92. Olympiade (411 J. vor C. G.) mit Theramenes, Antifon und Frynichus die Demokratie zu Athen abschaffte und die in der Geschichte so übelberüchtigte, aber zum Glück nur wenige Monate daurende Oligarchie der sogenannten 400 Tyrannen errichtete. Die Geschichte giebt diesem Pisander einen unternehmenden Karakter, der von der Feigheit, die ihm Filippus vorwirft, ziemlich stark abzustechen scheint, aber sich dennoch sehr wohl mit ihr vereinigen läßt.

Indem sie dies sprachen, begann der Knabe seinen Tanz. Seht ihr nicht auch, sagte Sokrates, daß dieser Knabe, wie schön er auch ist, dennoch durch die Figuren und Bewegungen des Tanzes noch viel schöner erscheint, als wenn er sich ruhig hält? Du scheinst, sagte Charmides, mit dieser Bemerkung dem Tanzmeister, der ihn gelehrt hat, kein kleines Lob zu ertheilen, Sokrates. Das ist auch meine Meinung, erwiederte dieser, zumal da ich noch etwas anderes, das ihm Ehre macht, bemerkt habe; nämlich, daß bey diesem Tanz am ganzen Körper des Tänzers nichts müßig war, sondern Hals, Arme und Beine immer zugleich harmonisch bewegt wurden, wie man tanzen muß, um den Körper leicht und mit Anstand tragen zu lernen. Ich selbst, mein lieber Syrakuser, würde dieser Stellungen wegen mit Vergnügen dein Schüler werden. – Und wozu könnten sie dir helfen, sagte dieser. – Zum Jupiter, ich würde tanzen.

Diese Rede erregte ein allgemeines Gelächter. Lacht ihr über mich? sagte Sokrates, sein Gesicht in die ernsthaftesten Falten ziehend; etwa darüber, daß ich durch Leibesübung gesunder zu werden, und mit größeren Vergnügen zu essen und besser zu schlafen erwarte? Oder darüber, daß ich einer Art von Leibesübung den Vorzug gebe, wobey ich nicht dickere Beine und schmälere Schultern, wie die Wettläufer, oder breitere Schultern und dünnere Beine wie die Faustkämpfer, sondern, weil ich mit dem ganzen Körper gleich arbeite, den Vortheil gewinne daß auch der ganze Körper durchaus gleichstark und kräftig ist? Oder lacht ihr vielleicht darüber, daß ich nicht nöthig haben werde, (was sich für einen Mann von meinen Jahren auch nicht wohl schicken will) einen Mitkämpfer zu suchen noch mich vor einer Menge Zuschauer auszukleiden, sondern daß ein Gemach, worin gerade sieben Ruhebettchen stehen können, Raums genug für meine Uebungen haben wird, wie dieser Knabe Raums genug um sich in Schweiß zu tanzen, in diesem Saale fand? Oder lacht ihr darüber, daß ich mir dann des Winters auf meinem Zimmer, und in der heißen Jahrszeit im Schatten, werde Bewegung machen können? Oder findet ihr vielleicht lächerlich, wenn ich meinen Bauch, der in der That einen etwas größern Umfang hat als mir lieb ist, durch diese Art von Bewegung zu einer mäßigern Periferie herabzubringen suche? Und wißt ihr nicht, daß mich dieser Charmides hier, erst kürzlich, schon in aller Frühe, bey einem Solotanz überrascht hat? – Dem ist wirklich so, sagte Charmides; auch stand ich anfangs ganz verblüfft und besorgte du seyest wahnsinnig geworden. Wie du mir aber ungefähr dasselbe sagtest, was wir so eben gehört haben, war das erste, was ich vornahm als ich nach Hause kam, daß ich – zwar nicht tanzte, denn das hab' ich nie gelernt, aber – mit den Armen und Händen gestikulierte; denn auf diese Kunst versteh ich mich so ziemlich. Das glaub' ich zum Jupiter! sagte Filippus; – denn deine Beine scheinen mit deinen Schultern in einem so genauen Gleichgewichte zu stehen, daß du gewiß ungestraft davon kämest, wenn die Marktaufseher, wie sie bey den Brodten thun, den obern Theil an dir gegen den untern wägen wollten.Filippus scheint sich durch diesen Scherz über die Magerkeit des Charmides lustig zu machen.

Kallias sagte: wenn du noch tanzen lernen solltest, Sokrates, so will ich mich zu deinem Gegentänzer und Mitschüler angeboten haben. Wohlan, ihr Herren, rief der Lustigmacher, laßt mir Eins aufspielen; ich will euch zeigen, daß ich auch tanzen kann. Und hiemit stand er auf, und suchte den Tanz des Knaben und des Mädchens in seiner eigenen Manier nachzuäffen. Weil man den Knaben gelobt hatte, daß er durch seine Stellungen und Figuren noch schöner als zuvor geworden sey, so geberdete er sich hingegen so possierlich, daß jede Bewegung der einzelnen Theile seines Körpers das Ganze noch lächerlicher machte als es ohnehin war. Und da die Tänzerin durch Zurückbeugung ihres Körpers die Figur und Bewegung eines Rades nachgeahmt hatte, versuchte er dasselbe indem er, auf den Händen stehend, sich vorwärts überwälzte. Endlich weil der Knabe auch deswegen gerühmt worden war, daß er in seinem Tanz alle Glieder zugleich taktmäßig bewege, befahl er der Flötenspielerin in einen schnellem Takt überzugehen, und arbeitete mit Kopf, Händen und Füßen auf einmal so gewaltsam, bis er endlich vor Müdigkeit nicht mehr konnte. Der beste Beweis, ihr Herren, rief er sich auf ein Ruhebette werfend, daß auch meine Manier zu tanzen eine trefliche Mozion giebt, ist, daß ich dürste. Der Bediente dort am Schenktisch soll mir den größten Pokal voll gießen! Zum Jupiter! auch uns andern, sagte Kallias, denn wir haben uns alle durstig über dich gelacht.

Ich bin keineswegs gegen das Trinken, ihr Männer, sagte Sokrates; im Gegentheil, der Wein hat wirklich eine Kraft auch die Seele anzufeuchten und wie durch die narkotische Kraft der Mandragora, alle ihre Sorgen einzuschläfern, die Fröhlichkeit hingegen, wie Oel die Flamme, zu wecken und zu unterhalten. Indessen dünkt mich es habe mit dem menschlichen Körper dieselbe Bewandtniß wie mit den Pflanzen. Diese können, wenn der Himmel sie mit gar zu vollem Maaße tränkt, nicht in die Höhe kommen und von milden Lüften durchathmet werden: trinken sie hingegen gerade nur soviel als ihnen genügt, so wachsen sie fröhlich in die Höhe und blühen und setzen reichliche Früchte an. Eben so geht es auch uns. Gießen wir des Getränkes gar zu viel in uns hinein, so fängt Leib und Gemüth gar bald zu taumeln an, und anstatt etwas gescheides reden zu können, kommt es uns schon schwer an Athem zu holen: würden uns hingegen die Bedienten aus kleinen Becherchen desto fleißiger bethauen, (wenn mir anders erlaubt ist, dem Gorgias ein Wort abzuborgen) so werden wir, nicht überwältiget vom Wein, sondern bloß seiner angenehmen Verführung nachgebend, uns zu den Spielen einer frohen Laune desto aufgelegter fühlen.

Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beyfall. Der Spaßmacher Filippus (um noch etwas von dem seinigen hinzuzusetzen) ermahnte die Schenken, nach der Weise geschickter Wagenlenker, die Becher fein hurtig um den Tisch herumzujagen, woran es dann diese auch nicht fehlen ließen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.