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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwrdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Ich berge nicht, daß Männer, die durch Naturgaben, Bildung und Sittlichkeit über andere emporragen, bey Anlässen, wo sie sich einer fröhlichen Stimmung und scherzhaften Laune überlassen, meines Bedünkens nicht weniger merkwürdig sind, als bey ernsthaften Gelegenheiten, wo alles, was sie reden und thun, vorbedacht, abgewogen und mit Absicht gethan und gesprochen ist. Wie ich zu dieser Meinung gekommen bin, wird folgendes Beyspiel am besten zeigen. Als an den großen PanathenäenDas höchste Fest bey den Athenern, welches alle fünf Jahre gefeyert wurde. S. Reisen des j. Anacharsis, 2. B. Die Zeit da dieses Gastmahl vorfiel, näher zu bezeichnen, scheint Xenofon unnöthig gefunden zu haben: es ergiebt sich aber aus dem Folgenden, daß es an den nächsten großen Panathenäen, welche auf die Vorstellung der Wolken des Aristophanes folgten, Statt gefunden habe. das gewöhnliche Pferderennen vor sich ging, fand sich auch Kallias, des Hipponikos Sohn, damals der erklärte Liebhaber des schönen und noch sehr jungen Autolykus, mit seinem Geliebten, welcher im Pankration gesieget hatte, als Zuschauer dabey ein. Wie das Wettrennen vorüber war, begab er sich mit Autolykus und dessen Vater, in Begleitung des Niceratus, nach seiner Wohnung im Peiräon. Da er aber den Sokrates mit Kritobulus, Hermogenes, Antisthenes und Charmides beysammen stehen sah, befahl er einem Bedienten, den Autolykus und seine Begleiter nach seinem Hause zu führen, er selbst aber ging auf Sokrates und seine Gesellschaft zu, und sagte: das ist ja recht schön, daß ich euch hier so beysammen antreffe! Ich bin im Begriff, dem Autolykus und seinem Vater ein kleines Fest zu geben, und wenn ich meinen Speisesaal mit so schönen Geistern wie Ihr geschmückt sehen könnte, würde ich ein glänzenderes Gastmahl ausgerichtet zu haben glauben, als wenn ich die ersten Staats- und Kriegsmänner der Republik zu Gästen hätte.

Daß du es doch nicht lassen kannst dich immer über uns lustig zu machen, versetzte ihm Sokrates. Aber freylich hast du auch Ursache, dir auf deine von Protagoras, Gorgias, Prodikus und wer weiß wie vielen andern ihres gleichen mit schwerem Geld erhandelte Weisheit etwas zu Gute zu thun, und mit Verachtung auf uns arme Wichte herabzusehen, die sich mit einer eigenhändig zusammengestümperten Hausfilosofie behelfen müssen.

Ich muß bekennen, erwiederte Kallias, daß ich bisher mit meiner Gelehrsamkeit und Redekunst ziemlich geheim gegen euch gethan habe; aber heute, wenn ihr meine Gäste seyn wollt, will ich euch Beweise geben, daß ich in ganzem Ernst Ansprüche an euere Achtung mache.
 

Die Begleiter des Sokrates dankten ihm zwar, wie sichs gebührt, für die Einladung, zeigten jedoch anfangs wenig Lust seinem Schmause beyzuwohnen; als er sich aber merken ließ, daß er ihre Weigerung übel nehmen würde, entschlossen sie sich ihm zuzusagen; und da die einen durch Uebungen auf dem Fechtplatz, andere sogar durch ein Bad sich bereits zum Gastmahl angeschickt fanden, so begaben sie sich insgesammt mit ihm nach seiner Wohnung.
 

Bey Tische nahm Autolykus neben seinem Vater Platz; die übrigen setzten sich wie sichs schickte. Der erste Gedanke, welcher itzt in einem jeden der einen aufmerksamen Blick auf die Gesellschaft geworfen hätte, entstehen mußte, wäre gewesen, daß von Natur etwas Königliches in der Schönheit sey, zumal wenn ihr Besitzer sie mit so vieler Schamhaftigkeit und Bescheidenheit, wie der junge Autolykus, zu verbinden wisse. Denn wie ein im Dunkeln plötzlich erscheinender Glanz sogleich alle Augen aufschauen macht, so zog auch die Schönheit dieses Jünglings die Blicke aller Anwesenden auf ihn, und in kurzem war keiner, der ihre Macht nicht auf diese oder jene Art in seinem Gemüth empfunden hätte. Einige blieben wider ihre Gewohnheit stumm, andere verriethen sogar durch Mienen und Geberden was in ihrer Seele vorging.

Man kann überhaupt sagen, wer von irgend einem Gotte besessen werde, sey ein sehenswürdiger Gegenstand. Indessen glaubt man insgemein, daß die von den andern Göttern Besessenen, außerdem daß sie etwas gräßliches und fürchterliches im Blick und im Ton der Stimme haben, eine übernatürliche Heftigkeit in allen ihren Bewegungen äußern: an denen hingegen, von welchen eine keusche Liebe Besitz genommen hat, zeigen sich gerade die entgegengesetzten Erscheinungen. Ihre Blicke sind sittsamer, und sie bemühen sich ihre Stimme sanfter zu machen und allen ihren Geberden etwas edleres zu geben als gewöhnlich. Daß diese Kennzeichen der Liebe sich damals auch in Kallias beysammen fanden, blieb keinem, der in den Mysterien dieser Gottheit eingeweiht war, verborgen, und machte ihn zum Ziel ihrer unverwandten Aufmerksamkeit.

Es herrschte also während des Essens eine so allgemeine Stille unter den Gästen, als ob sie ihnen von einem Höhern geboten worden wäre. Indem wurde an die Thür geklopft, und der Thürhüter zeigte an: Filippus, der Lustigmacher, sey draußen, um der Gesellschaft seine Dienste anzubieten, und lasse ihr wissen, daß er mit allem reichlich versehen sey, was dazu gehöre um sich selbst bey einer wohlbesetzten Tafel zu Gaste zu bitten. Auch der Knabe, den er bey sich habe, sey in sehr bedrängten Umständen, theils weil er zu leicht beladen sey, theils weil er heute noch nichts gegessen habe. – Bey dieser Bewandtniß, sagte Kallias, wär' es doch wohl nicht artig, meine Freunde, wenn wir ihm den Zutritt versagen wollten; er mag hereinkommen! Unter diesen Worten sah er zugleich den Autolykus an, um zu erforschen, wie er den Spaß des Lustigmachers gefunden habe.

Sobald dieser in den Saal getreten war, sagte er: daß ich meines Handwerks ein LachemacherIch glaube dieses neue Wort, welches das Griechische γελωτοποιος wörtlich ausdrückt, wagen zu können, weil das Substantivum Lache in unsrer Sprache vorhanden und dieses Wort also nach der Analogie aller mit Macher zusammengesetzten Nennwörter gebildet ist. Die Ursache, warum ich es nöthig zu haben glaubte, ergiebt sich aus dem folgenden von selbst. bin, ist den Herren allerseits bekannt; und ich komme von freyen Stücken, weil ich glaube es sey lächerlicher ungebeten bey einem Gastmahl zu erscheinen als eingeladen. Nimm also Platz, sagte Kallias; denn die Herren hier sind, wie du siehst, mit Ernsthaftigkeit so überladen, daß sie allerdings des Lachens desto mehr benöthiget sind.

Filippus zögerte nun nicht, während die andern speiseten, etwas Lächerliches auf die Bahn zu bringen, um seine Schuldigkeit zu thun, und der Absicht zu entsprechen, weswegen er zu dergleichen Gastmählern gerufen zu werden pflegte; und da niemand lachen wollte, ließ er sich ziemlich deutlich merken, daß es ihn verdrieße. Gleichwohl machte er bald darauf einen zweyten Versuch; wie ihm aber auch dieser fehl schlug, hörte er plötzlich auf zu essen, zog seinen Mantel über den Kopf, und legte sich zurück. Was soll das heißen? sagte Kallias; thut dir etwas weh? – O gewiß, erwiederte er mit einem schweren Seufzer, und recht sehr weh, edler Kallias! denn wenn die Leute nicht mehr lachen wollen, so ists mit meinem Gewerb aus. Sonst wurde ich ja bloß deswegen zu solchen Gastereyen geholt, daß ich die Gesellschaft durch meine Späße zu lachen machen und belustigen sollte: aber nun möcht' ich wohl wissen, weßwegen mich jemand ferner rufen lassen sollte? Denn ernsthaft zu seyn, ist nun einmal so wenig in meiner Gewalt als unsterblich zu werden; und in Hoffnung einer Gegeneinladung wird mich schwerlich Jemand bitten, da die ganze Stadt weiß, daß eine Mahlzeit in meinem Hause eine Sache ohne Beyspiel ist. Indem er dieß sagte, machte er die Geberdung und Stimme eines Menschen, der vor Weinen und Schluchzen kaum reden kann, so natürlich nach, daß die Anwesenden nicht umhin konnten ihm Trost einzusprechen und ihr Wort zu geben, daß sie wieder lachen wollten, während Kritobulos bereits über seine Wehklage in ein unbändiges Gelächter ausbrach. Dies that seine Wirkung bey dem Spaßmacher. Sobald er lachen hörte, deckte er sein Gesicht wieder auf, ermahnte seine Seele getrost und sicher zu seyn, daß es nie an fröhlichen Gelagen fehlen werde, und ließ sichs wieder besser schmecken als jemals.

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