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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Xenofon

Xenofons Gastmahl

Vorbericht.

Xenofons Gastmahl oder SymposionΔειπνον und Συμποσιον sind nicht ganz gleichbedeutende Wörter; jenes bezeichnet die eigentliche Mahlzeit, dieses die Zeit, während welcher die Gäste beysammen blieben, um sich mit trinken und muntern Unterhaltungen aller Art zu vergnügen. kann, nach den verschiedenen Ansichten, die es uns aus verschiedenen Gesichtspunkten gewährt, mit Recht für eines der schätzbarsten Stücke des Griechischen Alterthums gelten.

Sein geringster Vorzug ist vielleicht, daß es nach dem einstimmigen Urtheil der Kenner, das zierlichste und anmuthigste unter den wenigen Werken des Attischen Witzes ist, welche ein wohlthätiger Zufall der zerstörenden Barbarey der Theodosier und ihres Gleichen aus den Zähnen gerissen und bis auf uns gebracht hat.

Wichtiger wird es, wenigstens in meinen Augen, dadurch, daß es uns den berühmtesten und gepriesensten, aber vielleicht am wenigsten gekannten Mann seiner und aller folgenden Zeiten, Sokrates, wahrer und lebendiger darstellt, folglich zuverlässiger kennen lehrt, als alle Dialogen Platons zusammengenommen. Es kommt freylich in Dingen dieser Art meistens auf ein gewisses Gefühl an, wovon man, weil es sich nicht mittheilen läßt, denen, die damit nicht begabt sind, wenig oder keine Rechenschaft geben kann. Indessen dünkt mich doch, jeder Leser, der dieses Symposion mit Aufmerksamkeit liest, müsse, so gut wie ich, fühlen, daß Xenofon wirklich den Willen gehabt habe, diesen Sokrates, (der auch in seinem Symposion, wie in dem Platonischen, nur ohne die mindeste Anmaßung, die Haupfigur ist) unverfälscht und unverschönert, in seiner völligen eigenthümlichen Art und Weise, wie er leibte und lebte, so treulich abgeschildert oder abgeformt darzustellen, daß alle, die mit ihm in nähern Verhältnissen gelebt hatten, die Aehnlichkeit auf den ersten Blick erkennen mußten.

Vermuthlich ist die Bemerkung schon lange vor mir gemacht worden, daß in jedem wohlgetroffenen Bildniß ein besser zu fühlendes als zu beschreibendes Etwas ist, das uns, wiewohl wir die vorgestellte Person nie gesehen haben, keinen Augenblick ungewiß läßt, ob sie getroffen sey oder nicht. Ich müßte mich sehr täuschen, oder dieser Stempel der Wahrheit ist auch diesem Xenofontischen Bildniß des Sokrates auf die unverkennlichste Weise aufgedruckt.

Wenn es Xenofons Hauptabsicht bey dem vor uns liegenden Werke war, ein solches Bildniß von seinem geliebten Meister und Freund aufzustellen, so hätte er, wofern er sich in der Wahl der Nebenumstände auch bloß seiner freyen Einbildung hätte überlassen wollen, schwerlich eine zu seiner Absicht besser stimmende Scene dichten können als ein Gastmahl, einer auserlesenen Gesellschaft gebildeter und zum Theil durch Geburt und Vermögen ausgezeichneter Personen, von einem der vornehmsten und reichsten Bürger in Athen gegeben. Dem ungeachtet zweifle ich keinen Augenblick, daß es diejenigen getroffen haben, die das Xenofontische Symposion für keine Dichtung (was das Platonische augenscheinlich ist) halten, sondern für eine, den Hauptsachen nach, getreue historische Erzählung des Merkwürdigsten, was bey einem von Kallias, Hipponikus Sohn, wirklich unter den angeführten Umständen angestellten festlichen Gastmahl vorgefallen und verhandelt worden. Daß dem so sey, wird jedem aufmerksamen Leser aus einer Menge kleiner Züge einleuchten, auf welche der erfindungsreichste Dichter nicht aus sich selbst verfallen würde, bloß weil sie an sich zu unerheblich sind, um eher, als bis sie sich wirklich ereignen, als möglich gedacht zu werden. Alle von Xenofon bey diesem Mahl aufgeführte Gäste sind historisch, und sowohl was ihren Karakter als ihre Verhältnisse und Umstände betrifft, aus andern Urkunden dieser und der nächstfolgenden Zeiten, für das, wofür er sie uns giebt, bekannt.Hr. A. G. Becker, Verf. einer 1795. zu Halle bey Hendel herausgekommenen Uebersetzung von Xenofons Gastmahl und Oekonomikus, hat in einer dem erstern vorgesetzten Einleitung, alle Nachrichten von den weniger bekannten Personen, welche bey diesem Gastmahl zugegen waren, zusammengetragen, die sich von ihnen auffinden ließen. Das nöthigste davon habe ich dem Verzeichniß der Personen beygefügt; das übrige ergiebt sich aus Xenofons Erzählung selbst. Nur wer Hermogenes, seinen häuslichen und bürgerlichen Verhältnissen nach, gewesen, bleibt ungewiß. In der Apologie nennt ihn Xenofon einen Sohn des Hipponikus; er müßte also ein Bruder des Kallias gewesen seyn; es findet sich aber davon keine Spur weder im Symposion noch sonst. Diogenes Laertius giebt dem Busenfreunde des Sokrates, Kriton, zwey Söhne, Kritobulus und Hermogenes, welche Kriton beyde der Bildung und Führung des Sokrates übergeben habe. Wenn dies ist, so müßte Hermogenes, nach dem Karakter, den er in diesem Gastmahl behauptet, wenigstens viel älter als Kritobul gewesen seyn; auch wär' es immer sonderbar, daß nicht das geringste vorkommt, woraus eine so nahe Verwandtschaft zwischen ihnen zu schließen wäre. Dieser Knoten mag also vor der Hand unaufgelößt bleiben. – Hr. Becker hat auch über die Zeit, da dieses Gastmahl vorgefallen, Untersuchungen angestellt, und herausgebracht, daß es nicht später als im ersten Jahr der 92sten und nicht früher als im zweyten der 89sten Olympiade Statt gefunden haben könne.

Daß also höchstwahrscheinlich dieser Erzählung eine wirkliche Thatsache zum Grunde liegt, hindert indessen nicht, daß das, was Künstler und Kunstrichter in Werken der nachahmenden und darstellenden Künste die Komposizion zu nennen pflegen, und was in unsrer Sprache nicht unschicklich durch Zusammenfügung gegeben werden kann, dem Xenofon eigenthümlich angehöre, und sein Gastmahl in dieser Hinsicht für ein schwer zu übertreffendes Muster einer dialogierten dramatischen Erzählung anzusehen sey; wie ich in einem besondern Versuch über den Plan des Werks und die in der Anordnung, Zusammenfügung und Ausführung desselben sich beweisende Kunst, umständlich darzuthun hoffe. Sehr richtig nennt ihn daher der scharfsinnige und ächt klassische Shaftesbury, welchen Herder in seiner Adrastea (I. B. 2. St. Nr. 13. und 14. der Begeb. und Karaktere des vor. Jahrh.) so treffend wahr, zart und billig gezeichnet und beurtheilt hat, in seinem ADVICE TO AN AUTOR, den filosofischen Menander der frühern Zeit.V. CHARACTERISTICKS, Vol. I. p. 218. Was hätte auch wohl der Vater und größte Meister der neuen griechischen Komödie unter allem, was ihm im Jahrhundert des Sokrates vorgearbeitet worden war, finden können, was geschickter gewesen wäre ihn zur Idee der edlern Darstellung wahrer Karaktere, Verhältnisse und Sitten des bürgerlichen und häuslichen Lebens zu erheben, als Xenofons Symposion?

Es ist übrigens leicht vorher zu sehen, daß Leser, welche, ohne selbst in näherer Bekanntschaft mit den Griechen jener Zeit zu stehen, sich von der Attischen Urbanität überhaupt, und von der so gepriesenen Xenofontischen Grazie insonderheit, einen sehr hohen, aber mit einem starken Zusatz von neuzeitiger Höflichkeit und Artigkeit versetzten Begriff gemacht haben, sich sehr leicht in ihrer überspannten Erwartung getäuscht finden, und im Speisesaal unsers edeln Atheners nicht völlig in so guter Gesellschaft zu seyn glauben könnten, als sie sich versprochen hatten. Es möchte vielleicht bey solchen Lesern von keiner großen Wirkung seyn, wenn wir ihnen mit der derben Freymüthigkeit eines Antisthenes beweisen wollten, daß der Fehler bloß an ihnen liege, und daß es nicht Xenofons Schuld sey, wenn es ihnen (mit dem vorangezogenen edeln Britten zu reden) an Sinn fehle für »die Göttlichkeit der schönen Einfalt des liebenswürdigsten und Geist und Herz mehr als irgend ein anderer erhebenden unter allen bloß menschlichen Schriftstellern.« –CHARACTERISTICKS, Vol. III, p. 205. der Turneisenschen Ausgabe.

Doch auch solche, denen dieser Sinn nicht ganz versagt ist, könnten, denke ich, ohne sich einen gerechten Tadel zuzuziehen, an mehr als einem Zug, der den starken Abstich der Sitten der Griechen jener Zeit von den unsrigen gar zu auffallend bezeichnet, einigen Anstoß nehmen, und von dem, was man zu Athen in der besten Gesellschaft sagen durfte, auf eine der letztern nicht sehr schmeichelnde Art überrascht werden. So wenig ihnen dieses zu verdenken wäre, so wenig billig würde es gleichwohl von ihnen seyn, wenn sie z.B. die keuschen Grazien Xenofons zu Mitschuldigen der Cynischen Natürlichkeit machen wollten, womit Antisthenes sich im 4ten Abschnitt auf seine Genügsamkeit in Ansehung gewisser Befriedigungen nicht wenig zu Gute thut. Wir dürfen nie vergessen, daß Xenofon im Grunde hier doch nichts ist und seyn will, als bloßer Erzähler dessen, was bey diesem Gastmahl vorfiel, und was er selbst gesehen und gehört hatte.Die bloße Aeußerung (in den Worten οις δε παραγενομενος ταυτα γιγνωσκω, δηλωσαι βουλομαι) daß er bey diesem Gastmahl zugegen gewesen (wiewohl er sich unter den Begleitern des Sokrates nicht nennt) würde diese Ueberzeugung nicht bey mir bewirken, wenn nicht so viele innere unverkennbare Merkmahle, die in der Erzählung selbst liegen, für die Aechtheit derselben zeugten. Indessen müßte ich mich sehr irren, wenn sich in seiner Darstellung nicht hier und da freylich sehr leise Spuren wahrnehmen ließen, daß er diese gute Gelegenheit mit Vergnügen ergriffen habe, an Antisthenes und Sokrates den Abstich eines plumpen geschmacklosen Nachbildes von einem unerreichbaren Urbild, durch bloßes Nebeneinanderstellen, fühlbar zu machen.

Uebrigens bedarf es kaum der Erinnerung, daß der Ton bey fröhlichen Gastmählern und Trinkgelagen, wenn die Frauen gänzlich davon ausgeschlossen sind, unter allen Völkern, wie verfeinert sie auch immer seyn mochten, von jeher eben so frey und wenig zurückhaltend war, und noch itzt ist, als bey den Griechen, bey welchen nur bezahlte Frauenspersonen in vermischten Männergesellschaften erscheinen konnten. Aber eben darum muß ihnen, dünkt mich, Artigkeit, Zartgefühl und Zurückhaltung, falls man davon gleichwohl noch so viel als in diesem Xenofontischen Gastmahl bey ihnen findet, um soviel höher angerechnet werden, und es beweiset um so viel mehr für die Feinheit ihrer Bildung und ihrer Sitten, weil Formeln und Etikette noch so sehr wenig Antheil an ihrer Urbanität hatten, und besonders zu Athen die demokratische Freyheit und Gleichheit noch groß genug war, daß ein Jeder, den nicht gänzlicher Mangel an Erziehung oder notorische Verworfenheit des sittlichen Karakters von der guten Gesellschaft ausschloß, sich ohne Bedenken in seiner eigenthümlichen Gestalt und Laune zeigen, und sich völlig soviel auch wohl ein wenig mehr geltend machen durfte, als er werth zu seyn glaubte.

Ob Xenofon irgend eine besondere Veranlassung, dieses Werkchen auszuarbeiten, oder noch eine andere Absicht, als die im Eingang von ihm angegebene, dabey gehabt habe, scheint mir eine unnöthige Frage, die nur durch schwache Vermuthungen zu beantworten ist. Wahrscheinlich war es eine der ersten Früchte der glücklichen Muße, die er, nach Endigung seiner kriegerischen Laufbahn, und nachdem er von den Athenern lebenslänglich aus ihrem Gebiet verwiesen worden war, zu Korinth auf seinem Landgute genoß; und wenn ich ja eine Vermuthung wagen möchte, so wär' es, daß er durch das erdichtete Symposion des Plato veranlaßt worden sey, die Erzählung eines wirklichen Gastmahls, wobey Sokrates in seiner wahren Gestalt erscheint, aufzusetzen und bekannt zu machen.

Von meiner Uebersetzung habe ich, da sie für sich selbst reden muß, wenig oder nichts zu sagen. Sie ist seit sechs Jahren die dritte, die sich an diese Unternehmung gewagt hat, welche bey weitem so leicht nicht ist, als sie einem in der Sprache des Originals geübten Leser auf den ersten Anblick scheinen mag. Meine beyden gelehrten Vorgänger haben die Schwierigkeiten, mit welchen sie zu kämpfen hatten, so treulich angegeben und zum Theil mit ihrem Beyspiel selbst so gut bewiesen, daß es überflüssig wäre noch ein Wort darüber zu verlieren. Wir haben, indem wir ein unerreichbares Urbild in die Wette kopierten, vermuthlich jeder sein Bestes gethan. Eben so wohl ist zu vermuthen, daß noch mehr als Einer, in der Meinung und Hoffnung es besser zu treffen als wir, sich künftig daran versuchen wird; ja, so lange unsre Sprache eine der Lebenden bleibt, wird eine neue Uebersetzung wenigstens alle dreyßig oder vierzig Jahre sogar nöthig seyn, Also

HANC VENIAM DAMUS PETIMUSQUE VICISSIM.

Oßmanstätt bey Weimar,
den 21. December 1801.

W.

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