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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwürdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich hätte nun große Lust, lieber Kallias, dir auch aus unsern alten Mythen zu zeigen, daß nicht bloß Menschen, sondern auch Götter und Heroen die Liebe der Seele viel höher schätzen als körperlichen Genuß. Jupiter z. B. ließ alle die sterblichen Frauen und Jungfrauen, die er ihrer Schönheit wegen liebte und besuchte, sterblich bleiben; denen hingegen, deren Seelen er liebte, schenkte er die Unsterblichkeit, z. B. dem Herkules, den Dioskuren, und andern mehr. Ich meines Orts behaupte sogar, daß Ganymedes nicht seiner Gestalt sondern seiner Seele wegen von Jupiter in den Olymp aufgenommen worden sey.Homer war nicht dieses Glaubens, denn er sagt ( Il. XX. V. 235.) mit dürren Worten, Ganymedes sey »wegen der schönen Gestalt den Göttern zugesellet worden«. Dieß bezeugt auch schon sein bloßer Name, der aus γανυμαι (ich erfreue mich) und μηδος (Klugheit) zusammengesetzt ist. Denn so steht irgendwo im Homer,

– γανυται δε τ'ακουων (er freute sich da er es hörte)

und an einem andern Orte

– πυκινα φρεσι μηδεα ειδωςγ,Sokrates führt diese Halbverse aus dem Gedächtnis an; der erste ist gar nicht im Homer zu finden, der andere aus zwey verschiedenen Versen im 17ten u. 24sten Gesang zusammengeschmelzt.

welches soviel sagen will als σοφα βουλευματα ειδως, kluge Rathschläge zu geben geschickt. Die Zusammensetzung seines Namens aus diesen beiden Worten beweiset also,Daß Markland diesen Beweis, der des Sokrates der Aristofanischen Wolken würdig ist, mit Recht lächerlich finde, springt wohl jedem in die Augen: aber wie der wahre Sokrates oder wie Xenofon dazu kamen, ein so kindisches Wortspiel für einen stattlichen Beweis zu geben, möchte nur mit Hülfe der Homerischen Ate, die alle bethöret, ( Il. XIX. 91. f.) zu erklären seyn. daß Ganymed nicht seines Körpers sondern seines Verstandes wegen von den Göttern in so hohen Ehren gehalten werde. Auch ist dir, Niceratus, aus deinem Homer bekannt, daß Achilles in der Ilias des erschlagenen Patroklus wegen nicht weil er sein Liebling, sondern weil er sein Freund und Waffenbruder war, eine so überschwänkliche Rache nimmt. So werden auch Orestes und Pylades, Theseus und Peirithous, und viele andere, die unter den Halbgöttern für die vorzüglichsten gelten, nicht darum in Hymnen besungen, weil sie bey einander geschlafen, sondern weil sie aus gegenseitiger Großachtung die herrlichsten Thaten gemeinschaftlich verrichtet haben. Doch wozu diese alte Beyspiele? Sehen wir nicht daß alle schönen Thaten, die in unsern Zeiten geschehen, nicht von Leuten, welche die Wollust einem guten Ruf vorziehen, sondern von Männern, die aus Ruhmbegier jeder Arbeit und Gefahr freudig entgegen gehen, verrichtet werden? Pausanias zwar, der Liebhaber des Dichters Agathon, ist nicht dieser Meinung, da er, in seiner Schutzrede für die unenthaltsamen Liebhaber,Die eignen Worte des Sokrates υπερ των ακρασια συγκυλινδουμενων drückten zwar seine Verachtung dieser Gräulichen sehr kräftig aus, sind aber zu stark für unsre Sprache und für unsre züchtigen – Ohren. behauptet, ein aus lauter Liebhabern und Geliebten dieses Schlags zusammengesetztes Kriegsheer würde unüberwindlich seyn. Wunderbar genug, wenn Menschen, die sich nichts aus öffentlichem Tadel machen, und sich einer vor dem andern nicht zu schämen gewohnt sind, nur in diesem Falle sich schämen sollten etwas Schimpfliches zu thun! Er beruft sich zwar auf die Thebaner und Eleer, bey welchen etwas dergleichen gesetzmäßig sey; diejenigen nämlich, die beysammen schliefen, würden auch im Treffen zusammengestellt. Allein dieses Beyspiel paßt eben darum nicht auf uns, weil bey jenen das Gesetz erlaubt was bey uns schimpflich ist. Mir scheint es, eben das Zusammenstellen zeige einen für diese Liebende nicht sehr ehrenvollen Zweifel an, als möchten sie sich nicht wie brave Männer halten, wenn sie besonders gestellt würden. Die Lacedämonier hingegen, bey denen es etwas ausgemachtes ist, daß aus einem Liebhaber dieses Gelichters nie ein tauglicher Mann werden könne, machen aus ihren Geliebten so brave Leute, daß sie auch neben Ausländern, ja sogar wenn sie für eine andere Stadt als die ihrige, ohne ihre Liebhaber fechten, sich doch nicht weniger schämen irgend einen Mitstreiter im Stich zu lassen. Denn ihnen ist die Scham eine Göttin nicht die Unverschämtheit.Ein Stich (wie es scheint) auf seine Athener, die der Unverschämtheit auf Anrathen des Sehers Epimenides einen Tempel erbauten; was ihnen Cicero (de Legg. II. c. 11.) sehr übel nimmt, wiewohl es in der That nicht so böse gemeint war als es tönt.

Uebrigens denke ich, wir werden über diesen Punkt alle Einer Meinung seyn, wenn wir uns selbst fragen, welchem von zweyen auf diese oder auf jene Weise geliebten Jünglingen wir unser Geld oder unsre Kinder lieber anvertrauen, oder Gefälligkeiten, wofür wir Dank erwarten, erweisen wollten. Ich wenigstens bin der Meinung, daß sogar Einer, der kein Bedenken trägt die Schönheit seines Geliebten zu mißbrauchen, in allen diesen Fällen mehr Vertrauen in den, der nur seiner Seele wegen liebenswürdig ist, setzen werde.

Du aber, Kallias, hast meines Erachtens hohe Ursache es den Göttern Dank zu wissen, daß sie dir die Liebe des schönen Autolykus ins Herz gegeben haben.Diese Stelle ist merkwürdig, da sie uns vollends auf den rechten Punkt stellt, woraus diese ganze, uns so sonderbar auffallende Rede über die Knabenliebe beurtheilt werden muß. Sokrates mischt sogar die Religion ins Spiel, um dem Kallias die tugendhafte Liebe, welcher er diese Lobrede gehalten, zu einer desto heiligern Pflicht zu machen, denn daß Sokrates diesen ganzen Diskurs bloß deswegen auf die Bahn gebracht habe, muß nun jedem Leser in die Augen fallen. Denn daß ein Jüngling Ehrliebend seyn muß, der, um als Sieger im Pankration ausgerufen zu werden, sich eine strenge Lebensordnung und die mühsamsten und schmerzhaftesten Uebungen gefallen läßt, ist wohl außer allem Zweifel. Wem aber seine Absicht ist, nicht bloß sich selbst und seinem Vater Ehre zu machen, sondern durch Tapferkeit und Biedersinn auch seinen Freunden und seinem Vaterlande dereinst gute Dienste zu leisten, Siegesmähler von den Feinden desselben zu errichten, und durch alles das ein viel genannter und alle Augen auf sich ziehender Mann zu werden, wie könntest du zweifeln, ob er den in hohen Ehren halten werde, mit dessen Beystand er ein so schönes Ziel zu erreichen hoffen dürfte? Wenn du ihm also zu gefallen wünschest, so erkundige dich durch welche Kenntnisse und Fertigkeiten Themistokles geschickt wurde Griechenland zu befreyen und wieviel Perikles wissen mußte, um für den besten Rathgeber seines Vaterlandes gehalten zu werden; forsche nach, durch was für eine Filosofie Solon fähig wurde, der Stadt die trefflichsten Gesetze zu geben, und ruhe nicht bis du herausgebracht hast, durch welche Uebungen die Lacedämonier in den Ruf gekommen sind, die besten Soldaten in der Welt zu seyn. An Gelegenheit zum letztern kann es dir nicht fehlen, da die Männer vom ersten Rang in dieser Republik, welche von Zeit zu Zeit in öffentlichen Geschäften an die unsrige abgeschickt werden gewöhnlich bey dir abzusteigen pflegen.Aus Ermanglung eines dem griechischen Proxenos völlig zusagenden Wortes, sah ich mich zu dieser nicht völlig passenden Redensart genöthigt. Auswärtige Gesandte wurden zu Athen gewöhnlich im Namen der Republik von einem der vornehmsten und reichsten Bürger, der vom Senat dazu ernannt wurde, in seinem Hause bedient und bewirthet. Dies hies Proxenia, und der Name Proxenos war den Fremden und ihrem Bewirther gemein. Noch eine andere Bedeutung des letztern Wortes scheint nicht hieher zu gehören.

Daß die Stadt sich in kurzem, wenn du anders selbst dazu geneigt bist, deiner Führung anvertrauen werde, kann dir nicht verborgen seyn. Du hast dazu alle mögliche Vortheile in der Hand. Du bist ein Eupatride,D. i. ein Abkömmling eines alten, edeln, durch großes Vermögen, und die ersten Staatswürden von langem her ausgezeichneten Hauses, also, was im alten Rom ein Patricius hieß. Priester der Erechteischen Götter,Wenn (wie es scheint) unter diesen Göttern vom Erechteus (θεοις απ' Ερεχθεως) »die Götter, die in den Eleusinischen Mysterien vermöge der Anordnung des Erechteus (eines Attischen Königs aus der fabelhaften Zeit) verehrt wurden,« zu verstehen sind, also Ceres und Proserpina, deren Name doch wahrlich kein Geheimniß war, ob gleich ihre Mysterien geheim gehalten wurden, so ist nicht wohl abzusehen, warum Sokrates sie hier auf eine so ungewöhnliche Art bezeichnet. Die Würde eines Δαδουχος oder Fackelträgers bey dem feyerlichen nächtlichen Aufzug von Athen nach Eleusin, welcher jedesmal an den Eleusinien Statt hatte, war ansehnlich und priesterlich, und scheint in der Familie des Kallias soviel als erblich gewesen zu seyn. welche dem Jacchus gegen den Barbaren (den König Xerxes) streiten halfen.Jacchus, ein Sohn Jupiters von der Ceres, und also mit dem Bacchus, der ein Sohn Jupiters von der Semele war, nicht eben derselbe, hatte einen Tempel zu Athen, aus welchem sein Bild am sechsten Tage des Eleusinischen Festes in einem feyerlichen Zug und unter immerwährenden Schreyen, Jacche, o Jacche! nach Eleusin geführt wurde. Das Volksmährchen worauf Sokrates hier deutet, wird von Herodot B. VIII. 65. und von Plutarch im Themistokles mehr und weniger umständlich erzählt. Während des (über Griechenland entscheidenden) Seetreffens bey Salamin (sagt Plutarch) soll in der Thriasischen Ebene zwischen Athen und Salamin ein großes von Eleusis herströmendes Licht gesehen und ein gewaltiges Getöse und Geschrey gehört worden seyn, demjenigen gleich welches die Volksmenge erhebt, die den mystischen Jacchus nach Eleusis begleitet; und zugleich soll sich eine Staubwolke, wie unter den Füßen eines unsichtbaren Kriegsheers, erhoben und gegen die Schiffe hin gezogen haben. Herodot nennt sogar zwey glaubhafte Männer, deren einer, ein Athener Namens Dikäus, dies gesehen und gehört zu haben bezeugte. Ein Staub, wie von 30 000 Mann habe sich von Eleusis her gegen Salamin gezogen, und wie sie sich umgesehen von wem ein solcher Staub gemacht werden könne, hätten sie ein Geschrey gehört, und da sey es ihm, dem Dikäus, vorgekommen, er höre den mystischen Jacchus. – So groß, so unwahrscheinlich und den guten Athenern selbst unbegreiflich waren die Siege bey Marathon und Salamin, daß sie übernatürliche Mitwirkungen zu Hülfe nehmen mußten, um sie sich als möglich zu denken! Auch an dem Feste, so wir itzt feyern, erklärt dich die öffentliche Meinung unter allen deinen Vorfahren und unter den vorzüglichsten Männern unsrer Stadt, für den, der den edelsten Anstand und das ganze Ansehen hat, auch den schwersten Arbeiten gewachsen zu seyn. – Laßt euch's nicht befremden, wenn euch dünkt ich habe mit mehr Eifer gesprochen als sichs zwischen vollen Bechern ziemt; denn ich bin von jeher, der allgemeine Stadtnebenbuhler aller Menschen von schöner Anlage und innerm Drang sich durch Verdienste auszuzeichnen, gewesen, und werd' es wohl so lange ich lebe bleiben.

Hier hörte Sokrates auf zu reden, und die andern schwatzten unter einander über das Gesagte hin und her. Autolykus aber heftete die Augen mit besonderer Aufmerksamkeit auf Kallias, der mit einem Seitenblick nach ihm, zu Sokrates sagte: Wie wenn du eine Probe deiner Kunst an mir ablegtest, ob du mich mit der Stadt zusammenkuppeln, und mich ihre Geschäfte zu machen und ihr immer zu gefallen lehren könntest? Das kann dir nicht fehlen, versetzte Jener, sobald sie sehen, daß es dir nicht bloß um den Schein sondern um wahres Verdienst zu thun ist. Denn eine falsche öffentliche Meinung wird gar bald durch die Erfahrung widerlegt: Wahre Tugend hingegen bewährt sich durch Handeln, und ihr Ruf wird immer glänzender weil er auf Thaten gegründet ist.

Hiemit hatte dann auch dieser Diskurs ein Ende.

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