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Xenofons Gastmahl

Xenophon: Xenofons Gastmahl - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleXenophon, Sokratische Denkwrdigkeiten
authorXenophon
translatorChristoph Martin Wieland
year1998
publisherEichborn Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-8218-4163-X
titleXenofons Gastmahl
pages139-224
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VIII.

Der Syrakuser entfernte sich also unter allgemeinem Beyfallklatschen aus dem Saal, und (während er seine Anstalten machte) brachte Sokrates ein neues Gespräch auf die Bahn. Nun, ihr Männer, sagte er, weil doch ein so großer Dämon, der dem Daseyn nach den ewiglebenden Göttern gleichzeitig, wiewohl an Gestalt der jüngste ist, durch seine Größe alles umfaßt und doch dem Gemüthe nach dem Menschen gleicht, mit Einem Worte, da Amor mitten unter uns ist, würd' es uns übel geziemen seiner zu vergessen, zumal da wir alle in die BrüderschaftIch konnte kein schicklicheres Wort für θιασος finden als dieses Wort, womit bey den Katholischen gewisse, zu besondern Andachtsübungen und andern frommen Worten verbundene Gesellschaften bezeichnet werden. dieses Gottes eingeschrieben sind. Ich für meinen Theil wüßte keine Zeit zu nennen, da ich nicht in Jemand verliebt gewesen wäre. Von Charmides weiß ich daß er immer viele Liebhaber hatte, auch kenne ich mehr als einen, der von ihm leidenschaftlich geliebt wird. Kritobul, wiewohl er selbst noch einen erklärten Liebhaber hat, fängt auch schon an andern nachzugehen, und Niceratus liebt, wie ich höre, sogar seine Frau und wird von ihr wiedergeliebt. Und wer unter uns weiß nicht, daß Hermogenes für die Kalokagathie, was sie auch seyn mag, in Liebe entbrannt ist? Seht ihr nicht den Ernst seiner Augenbraunen, und die Ruhe seines Blicks, nicht, wie gemessen alles was er spricht, wie sanft der Ton seiner Stimme, wie stillheiter sein ganzes Wesen ist? und wie er, wiewohl die ehrwürdigsten Götter seine Freunde sind, dennoch keineswegs über uns andere, die wir nur Menschen sind, hinwegsieht? – Und du, Antisthenes, solltest du der einzige seyn, der in Niemand verliebt wäre? – O, gewiß bey allen Göttern, sagte dieser, und gar sehr – in dich.

Auf diese Liebeserklärung versetzte Sokrates, indem er zum Scherz das Gezier einer sich spröde stellenden Hetäre nachmachte:

Dringe nur wenigstens itzt nicht so auf mich ein; du siehst ja daß ich was anderes zu thun habe. – Daß du es doch nicht lassen kannst den Kuppler mit dir selbst zu machen, erwiederte Antisthenes; immer hast du eine Ausrede, dich nicht mit mir abzugeben. Bald soll es dein Dämonion nicht zulassen, bald wird sonst was vorgeschützt. – Sokrates. Um's Himmelswillen, Antisthenes, mach es gnädig mit mir! Deine andern bösen Launen hab' ich immer freundschaftlich getragen und will sie auch noch ferner tragen; aber deine Liebe wünschte ich geheim zu halten, weil ich doch wohl weiß, daß du nicht in meine Seele, sondern in meine Schönheit verliebt bist. – Daß du, Kallias, den Autolykus liebst, ist stadtkundig und sogar die Fremden sprechen davon; was denn auch ganz natürlich ist, da ihr beyde von angesehenen Vätern stammt, und überdies durch euere persönlichen Vorzüge alle Augen auf euch zieht. Ich habe immer eine große Meinung von deiner Sinnesart gehabt, aber itzt mehr als jemals, da ich sehe daß du dir nicht einen weichlichen, schlaffen, in Ueppigkeit aufgelösten Zärtling, sondern einen Jüngling, der bereits öffentliche Proben seiner Stärke, Duldsamkeit und Selbstbeherrschung abgelegt hat, zu deinem Liebling erwählt hast. An einen solchen sein Herz zu hängen, beweiset daß der Liebende gleichfalls von edler Art ist.

Ob es übrigens nur Eine Afrodite giebt, oder ob ihrer Zwey sind, die durch die Namen, Urania und Pandemos unterschieden werden, kann ich nicht sagen: das aber weiß ich daß jede ihre eigenen Tempel und Altäre hat, und daß der Pandemos geringere, Uranien hingegen reinere Opfer gebracht werden. Auch ließe sich vermuthen, Pandemos schicke uns die Liebe zu schönen Körpern, Uriana hingegen die Liebe für schöne Seelen, Freundschaft und edle Handlungen zu. Diese letztere ist es, lieber Kallias, von welcher du mir begeistert zu seyn scheinst. Ich schließe dies sowohl aus der tugendhaften Sinnesart deines Geliebten, als daraus, daß du, wie ich sehe, auch seinen Vater zu euern Zusammenkünften nimmst; denn ein edelgesinnter Liebhaber hat nichts was er vor dem Vater verheimlichen müßte. Bey Here! fiel Hermogenes hier ein, wie gewohnt ich auch bin dich zu bewundern, Sokrates, so finde ich doch die Wendung bewundernswerth, dem Kallias, indem du ihm bloß etwas angenehmes zu sagen scheinst, eine gute Lehre zu geben, was ihm zu seyn gebühre. – Meinst du? sagte Sokrates: nun dann also, um ihm noch mehr Freude zu machen, will ich ihm zeigen, wie völlig ich über den Vorzug der Seelenliebe vor der Liebe des Körpers seiner Meinung bin.

Daß ohne Freundschaft keine persönliche Verbindung der Rede werth sey, wissen wir alle. Nun fühlen wir uns zwar auch genöthigt, Personen deren sittlichen Karakter wir hochschätzen, zu lieben; aber es ist eine Art von Nothwendigkeit, wobey wir aus selbst eigener Bewegung mit unserm guten Willen und mit voller Selbstbilligung zu solchen Personen gezogen werden.Ich weiß nicht, ob die Schuld bloß an mir liegt, daß mir diese Stelle im Original so dunkel vorkommt; aber mich dünkt wenigstens, Xenofon selbst sey auch ein wenig Schuld daran. Denn die Schwierigkeit liegt darin, daß er (nach wörtlicher Uebersetzung) sagt: »Die Liebe zu denen, deren sittlichen Karakter wir hochschätzen, wird eigene Nothwendigkeit und freye Selbstbestimmung genennt; (von wem?) unter denen aber, deren Begierden auf den Körper gerichtet sind, giebt es viele, denen die Sitten mißfällig sind und die den Geliebten hassen.« – Jeder Leser, denke ich, muß zwar merken, was Xenofon damit sagen wollte; aber zugleich fühlen, daß er sich weder klar noch richtig ausgedruckt hat. Der Sinn dieser Stelle scheint mir indessen doch kein anderer seyn zu können, als den ich ihr durch meine erklärende Umschreibung gegeben habe. Bey der Körperliebe hingegen findet sich gerade das Gegentheil; denn da begegnet es häufig, daß man jemand, an dessen Sitten man das größte Mißfallen hat, wider Willen lieben muß, und also in der That die geliebte Person zu gleicher Zeit haßt und liebt.

Wenn aber auch Liebhaber von der letztern Art die stärkste Liebe zu einander trügen, so ist doch die Blütenzeit der Schönheit von kurzer Dauer, und wie diese vergeht, muß nothwendig auch die Liebe dahinwelken: die Seele hingegen deren Vollkommenheit mit der Zeit fortschreitet, wird desto liebenswürdiger, je älter sie wird. Ueberdies findet auch im Genuß der Schönheit, wie im Genuß der Speisen, eine gewisse Sättigung statt, und in beyden thut Ueberladung einerley Wirkung; die Liebe der Seele hingegen ist desto unersättlicher je reiner sie ist, ohne darum, wie mancher vielleicht denken möchte, weniger reitzend zu seyn; vielmehr wird an ihr das Gebet erfüllt, worin wir die Göttin bitten unsern Worten und Werken Liebreitz mitzutheilen. Daß eine Seele, die in der Blüte des Lebens mit einer edeln Gestalt große Gesinnungen und reine Sitten vereinigt, und durch diese mit Anmuth und Leutseligkeit gemilderten Vorzüge unter allen gleiches Alters immer die Anführerin ist, daß eine solche für den Geliebten Hochachtung und Freundschaft fühlen wird, bedarf wohl keines Beweises; ich begnüge mich also zu zeigen, wie ein so beschaffner Liebhaber sich natürlicher Weise auch Gegenliebe versprechen dürfe. Denn wie sollte der Geliebte den hassen können, von welchem er sich mit der Achtung, die man den Edeln und Guten schuldig ist, behandelt sieht; wenn er sieht, daß es seinem Liebhaber wahrer Ernst ist, das, was ihm (dem Geliebten) anständig und rühmlich ist, seinem eignen Vergnügen vorzuziehen. Und wenn er überdies glauben darf, falls er auch irgend etwas menschliches begienge, oder eine Krankheit ihm seine Schönheit raubte, werde er darum nicht weniger geliebt werden? Wo aber auf beyden Seiten Liebe ist, wie könnt' es den Liebenden an Vergnügen fehlen? Wie könnten sie einander ohne Wohlgefallen anschauen, und wie sollte die Wohlmeinung und das wechselseitige Vertrauen, womit sie sich einander mittheilen, die Fürsorge die einer dem andern beweist, die gemeinsame Freude an allem was jeder schönes und preiswürdiges thut, der gemeinsame Schmerz wenn einem von ihnen irgend ein Unfall zustößt, und daß sie ihre gesunden Tage fröhlich mit einander verleben, in kranken hingegen sich um so öfter und mit desto größerer Theilnahme sehen, und wenn einer abwesend ist noch mehr für ihn gesorgt wird als wenn er gegenwärtig wäre: Warum sollten die mit diesem allem verbundenen angenehmen Gefühle nicht den Namen wahrer Liebesfreuden verdienen?Ich konnte kein schicklicheres Wort finden, um das griechische επαφροδιτα nicht ganz unausgedruckt zu lassen. Und so ist es dann ganz natürlich, daß unter solchen gegenseitigem Liebeserweisungen ihre Freundschaft immer warm erhalten wird, und durch den Genuß ungeschwächt bis ins hohe Alter dauren kann.

Der hingegen, der am Körper des Geliebten hängt, warum sollt' er von diesem wieder geliebt werden? Etwa darum, weil Jener sich selbst Befriedigungen herausnimmt, die diesem zum größten Vorwurf gereichen? Oder vielleicht darum, weil der Liebhaber, um das was er sucht bey ihm zu erlangen, seine Verwandten und Hausgenossen so viel möglich von ihm entfernen muß? Und wahrlich, daß er seinen Zweck anstatt mit Gewalt durch Ueberredung zu erhalten sucht, macht ihn nur desto hassenswürdiger. Denn wer Gewalt brauchen will, wird eben dadurch, daß er sich offenbar als ein schlechter Mensch zeigt, weniger gefährlich: wer hingegen Ueberredungskünste gebraucht, verderbt die Seele des Verführten. Auch der, der seine Jugendblüte für Geld verhandelt, warum sollt' er seinen Käufer mehr lieben, als man einen liebt, der uns unsre Waare auf öffentlichem Markte abkauft? Doch wahrlich nicht deswegen, weil er, blühend, sich einem Abgeblühten, schön, einem der es nicht mehr ist, und, selbst ohne Genuß, den Begierden eines Andern Preis giebt?Da die Linie dessen was sich mit Anständigkeit sagen läßt, für uns Neuere enger gezogen ist als für die Alten, so glaube ich entschuldigt zu seyn, daß ich hier die ganze Periode, ουδε γαρ ο παις τω ανδρι ωσπερ γυνη etc. in die drey Worte »selbst ohne Genuß« zusammengezogen habe. Kein Wunder also, wenn Verachtung des Liebhabers die natürliche Frucht einer solchen Gefälligkeit des Geliebten ist.

Wer sich nur ein wenig umsehen will, wird überdies finden, daß eine auf reine Sitten gegründete Liebe noch nie Unheil angerichtet hat, da hingegen aus ungebührlichem Umgang schon viele schändliche und ungeheure Verbrechen entsprungen sind. Auch kann ich nicht unbemerkt lassen, daß in einer Verbindung, die sich mehr auf Liebe des Körpers als der Seele bezieht, etwas mit dem Karakter eines freygebornen Mannes unverträgliches ist. Wer seinen Geliebten, wie Chiron und Fönix den Achilles, reden und handeln lehrt wie sichs gebührt, wird billig auch von ihm, wie Jene vom Achilles hochgeschätzt; wer hingegen nach körperlichem Genuß lüstert, drängt sich, wie ein beschwerlicher Bettler, immer an die Fersen des Geliebten an, und hat immer bald dies bald das, was er bedarf, zu betteln, bald einen Kuß, bald irgend eine andere Gunst.

Laßt euchs nicht wundern wenn ich geschwätziger bin als ich vielleicht sollte; denn außer dem, daß mich auch der Wein erhitzt, spornt mich mein alter Hausfreund, der bessere Amor, an, nachdrücklich und ohne Schonung gegen seinen erklärten Widersacher zu reden. Mich dünkt, wer sein Herz an die Gestalt hängt, gleiche einem Manne, der ein Feld zur Miethe baut; denn der bekümmert sich (wie jener) wenig darum den Werth des Grundstücks steigen zu machen, sondern denkt immer nur wie er soviel Früchte als möglich darauf erzielen könne; wem es hingegen um Freundschaft zu thun ist, der ist wie der Besitzer eines eigenthümlichen Gutes; denn er wendet alles mögliche an, den innern Werth des Geliebten zu erhöhen.

Auch ein Knabe, wenn er merkt daß er, um einen Liebhaber ganz in seine Gewalt zu bekommen, weiter nichts nöthig hat, als ihm seine Schönheit Preis zu geben, wird sich in andern Stücken vernachläßigen; weiß er hingegen, daß er sich ohne Tugend und Verdienste in der Zuneigung seines Liebhabers nicht erhalten kann, so ist natürlich daß er diese Vorzüge zu erwerben trachten wird. Der wichtigste Vortheil aber für den, der sich aus seinem Geliebten einen tauglichen Freund erziehen will, ist, daß er selbst etwas taugen muß; denn es ist nicht zu erwarten, daß er, sich selbst schlecht aufführend, seinen jungen Freund zu einem edeln Menschen bilden, und indem er ihm ein Beyspiel von Schamlosigkeit und Unenthaltsamkeit giebt, ihn züchtig und enthaltsam machen werde.

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