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Johann Wolfgang von Goethe: Xenien - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
booktitleXenien
authorJohann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller
year1900
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
titleXenien
pages1-48
created20020211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1796
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Xenien

von

Goethe und Schiller


1. Der ästhetische Thorschreiber.

Halt Passagiere! Wer seid ihr? Wes Standes und Charakteres?
    Niemand passieret hier durch, bis er den Paß mir gezeigt.

2. Xenien.

Distichen sind wir. Wir geben uns nicht für mehr noch für minder,
    Sperre du immer, wir ziehn über den Schlagbaum hinweg.

3. Visitator.

Öffnet die Koffers. Ihr habt doch nichts Konterbandes geladen?
    Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von französischem Gut?

4. Xenien.

Koffers führen wir nicht. Wir führen nicht mehr, als zwei Taschen
    Tragen, und die, wie bekannt, sind bei Poeten nicht schwer.

5. Der Mann mit dem Klingelbeutel.

Messieurs! Es ist der Gebrauch, wer diese Straße bereiset,
    Legt für die Dummen was, für die Gebrechlichen ein.

6. Helf Gott!

Das verwünschte Gebettel! Es haben die vorderen Kutschen
    Reichlich für uns mit bezahlt. Geben nichts. Kutscher, fahr zu.

7. Der Glückstopf.

Hier ist Messe, geschwind, packt aus und schmücket die Bude,
    Kommt Autoren, und zieht, jeder versuche sein Glück.

8. Die Kunden.

Wenige Treffer sind gewöhnlich in solchen Butiken,
    Doch die Hoffnung treibt frisch und die Neugier herbei.

9. Das Widerwärtige.

Dichter und Liebende schenken sich selbst, doch Speise voll Ekel!
    Dringt die gemeine Natur sich zum Genusse dir auf!

10. Das Desideratum.

Hättest du Phantasie und Witz und Empfinden und Urteil,
    Wahrlich dir fehlte nicht viel, Wieland und Lessing zu sein!

11. An einen gewissen moralischen Dichter.

Ja der Mensch ist ein ärmlicher Wicht, ich weiß – doch das wollt' ich
    Eben vergessen, und kam, ach wie gereut mich's, zu dir.

12. Das Verbindungsmittel.

Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen
    Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.

13. Für Töchter edler Herkunft.

Töchtern edler Geburt ist dieses Werk zu empfehlen,
    Um zu Töchtern der Lust schnell sich befördert zu sehn.

14. Der Kunstgriff.

Wollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen?
    Malet die Wollust – nur malet den Teufel dazu.

15. Der Teleolog.

Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer, der gnädig
    Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die Stöpsel erfand!

16. Der Antiquar.

Was ein christliches Auge nur sieht, erblick' ich im Marmor:
    Zeus und sein ganzes Geschlecht grämt sich und fürchtet den Tod.

17. Der Kenner.

Alte Vasen und Urnen! Das Zeug wohl könnt' ich entbehren;
    Doch ein Majolika-Topf machte mich glücklich und reich.

18. Erreurs et Verité

Irrtum wolltest du bringen und Wahrheit, o Bote, von Wandsbeck;
    Wahrheit, sie war dir zu schwer; Irrtum, den brachtest du fort.

19. H. S.

Auf das empfindsame Volk hab' ich nie was gehalten, es werden,
    Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.

20. Der Prophet.

Schade, daß die Natur nur Einen Menschen aus dir schuf,
    Denn zum würdigen Mann war und zum Schelmen der Stoff.

21. Das Amalgama.

Alles mischt die Natur so einzig und innig, doch hat sie
    Edel- und Schalksinn hier, ach! nur zu innig vermischt.

22. Der erhabene Stoff.

Deine Muse besingt, wie Gott sich der Menschen erbarmte,
    Aber ist das Poesie, daß er erbärmlich sie fand?

23. Belsatzer, ein Drama.

König Belsatzer schmaust in dem ersten Akte, der König
    Schmaust in dem zweiten, es schmaust fort bis zu Ende der Fürst.

24. Gewisse Romanhelden.

Ohne das mindeste nur dem Pedanten zu nehmen, erschuft du,
    Künstler, wie keiner mehr ist, einen vollendeten Geck.

25. Pfarrer Cyllenius.

Still doch von deinen Pastoren und ihrem Zofenfranzösisch,
    Auch von den Zofen nichts mehr mit dem Pastorenlatein.

26. Jamben.

Jambe nennt man das Tier mit einem kurzen und langen
    Fuß, und so nennst du mit Recht Jamben das hinkende Werk.

27. Neueste Schule.

Ehmals hatte man Einen Geschmack. Nun gibt es Geschmäcke,
    Aber sagt mir wo sitzt dieser Geschmäcke Geschmack?

28. An deutsche Baulustige

Kamtschadalisch lernt man euch bald die Zimmer verzieren,
    Und doch ist Manches bei euch schon Kamtschadalisch genug.

29. Affiche.

Stille kneteten wir Salpeter, Kohlen und Schwefel,
    Bohrten Röhren, gefall' nun das Feuerwerk auch.

30. Zur Abwechslung.

Einige steigen als leuchtende Kugeln und andere zünden,
    Manche auch werfen wir nur spielend, das Aug' zu erfreun.

31. Der Zeitpunkt.

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,
    Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.

32. Goldnes Zeitalter.

Ob die Menschen im ganzen sich bessern? Ich glaub' es, denn einzeln
    Suche man, wie man auch will, sieht man doch gar nichts davon.

33. Manso von den Grazien.

Hexen lassen sich wohl durch schlechte Sprüche citieren,
    Aber die Grazie kommt nur auf der Grazie Ruf.

34. Tassos Jerusalem von demselben.

Ein asphaltischer Sumpf bezeichnet hier noch die Stätte,
    Wo Jerusalem stand, das uns Torquato besang.

35. Die Kunst zu lieben.

Auch zum Lieben bedarfst du der Kunst? Unglücklicher Manso,
    Daß die Natur auch nichts, gar nichts für dich noch gethan!

36. Der Schulmeister zu Breslau.

In langweiligen Versen und abgeschmackten Gedanken
    Lehrt ein Präzeptor uns hier, wie man gefällt und verführt.

37. Amor als Schulkollege.

Was das entsetzlichste sei von allen entsetzlichen Dingen?
    Ein Pedant, den es jückt, locker und lose zu sein.

38. Der zweite Ovid.

Armer Naso, hättest du doch wie Manso geschrieben,
    Nimmer, du guter Gesell', hättest du Tomi gesehn.

39. Das Unverzeihliche

Alles kann mißlingen, wir können's ertragen, vergeben;
    Nur nicht, was sich bestrebt, reizend und lieblich zu sein.

40. Prosaische Reimer.

Wieland, wie reich ist dein Geist! Das kann man nun erst empfinden,
    Sieht man, wie fad' und wie leer dein Caput mortuum ist.

41. Jean Paul Richter.

Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, wie jener
    Seine Armut, du wärst unsrer Bewunderung wert.

42. An seinen Lobredner.

Meinst du, er werde größer, wenn du die Schultern ihm leihst?
    Er bleibt klein wie zuvor, du hast den Höcker davon.

43. Feindlicher Einfall.

Fort ins Land der Philister, ihr Füchse mit brennenden Schwänzen,
    Und verderbet der Herrn reife papierene Saat.

44. Nekrolog.

Unter allen, die von uns berichten, bist du mir der liebste,
    Wer sich lieset in dir, liest dich zum Glücke nicht mehr.

45. Bibliothek schöner Wissenschaften.

Jahrelang schöpfen wir schon in das Sieb und brüten den Stein aus,
    Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht voll.

46. Dieselbe.

Invaliden Poeten ist dieser Spittel gestiftet,
    Gicht und Wassersucht wird hier von der Schwindsucht gepflegt.

47. Die neuesten Geschmacksrichter.

Dichter, ihr armen, was müßt ihr nicht alles hören, damit nur
    Sein Exerzitium schnell lese gedruckt der Student!

48. An Schwätzer und Schmierer.

Treibet das Handwerk nur fort, wir können' euch freilich nicht legen,
    Aber ruhig, das glaubt, treibt ihr es künftig nicht mehr.

49. Guerre ouverte.

Lange neckt ihr uns schon, doch immer heimlich und tückisch,
    Krieg verlangtet ihr ja, führt ihn nun offen, den Krieg.

50. An gewisse Kollegen.

Mögt ihr die schlechten Regenten mit strengen Worten verfolgen,
    Aber schmeichelt doch auch schlechten Autoren mehr.

51. An die Herren N. O. P.

Euch bedaur' ich am meisten, ihr wähltet gerne das Gute,
    Aber euch hat die Natur gänzlich das Urteil versagt.

52. Der Kommissarius des Jüngsten Gerichts.

Nach Kalabrien reist er, das Arsenal zu besehen,
    Wo man die Artillerie gießt zu dem Jüngsten Gericht.

53. Kant und seine Ausleger.

Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung
    Setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu thun.

54. J—b.

Steil wohl ist er, der Weg zur Wahrheit, und schlüpfrig zu steigen,
    Aber wir legen ihn doch nicht gern auf Eseln zurück.

55. Die Stockblinden.

Blinde, weiß ich wohl, fühlen und Taube sehen viel schärfer,
    Aber mit welchem Organ philosophiert denn das Volk?

56. Analytiker.

Ist denn die Wahrheit ein Zwiebel, von dem man die Häute nur abschält?
    Was ihr hinein nicht gelegt, ziehet ihr nimmer heraus.

57. Der Geist und der Buchstabe.

Lange kann man mit Marken, mit Rechenpfennigen zahlen,
    Endlich, es hilft nichts, ihr Herrn, muß man den Beutel doch ziehn.

58. Wissenschaftliches Genie.

Wird der Poet nur geboren? Der Philosoph wird's nicht minder,
    Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet, geschaut.

59. Die bornierten Köpfe.

Etwas nützet ihr doch, die Vernunft vergißt des Verstandes
    Schranken so gern, und die stellet ihr redlich uns dar.

60. Bedientenpflicht.

Rein zuerst sei das Haus, in welchem die Königin einzieht,
    Frisch denn, die Stuben gefegt! dafür, ihr Herrn, seid ihr da.

61. Ungebühr.

Aber, erscheint sie selbst, hinaus vor die Thüre, Gesinde!
    Auf den Sessel der Frau pflanze die Magd sich nicht hin.

62. Wissenschaft.

Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem andern
    Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt.

63. An Kant.

Vornehm nennst du den Ton der neuen Propheten? Ganz richtig,
    Vornehm philosophiert heißt wie Rotüre gedacht.

64. Der kurzweilige Philosoph.

Eine spaßhafte Weisheit doziert hier ein lustiger Doktor
    Bloß dem Namen nach Ernst, und in dem lustigsten Saal.

65. Verfehlter Beruf.

Schade, daß ein Talent hier auf dem Katheder verhallet,
    Das auf höherm Gerüst hätte zu glänzen verdient.

66. Das philosophische Gespräch.

Einer, das höret man wohl, spricht nach dem andern, doch keiner
    Mit dem andern; wer nennt zwei Monologen Gespräch?

67. Das Privilegium.

Dichter und Kinder, man gibt sich mit beiden nur ab, um zu spielen,
    Nun so erboset euch nicht, wird euch die Jugend zu laut.

68. Litterarischer Zodiacus.

Jetzo, ihr Distichen, nehmt euch zusammen, es thut sich der Tierkreis
    Grauend euch auf; mir nach, Kinder! wird müssen hindurch.

69. Zeichen des Widders.

Auf den Widder stoßt ihr zunächst, den Führer der Schafe,
    Aus dem Dykischen Pferch springet er trotzig hervor.

70. Zeichen des Stiers.

Nebenan gleich empfängt euch sein Namensbruder; mit stumpfen
    Hörnern, weicht ihr nicht aus, stößt euch der Hallische Ochs.

71. Zeichen des Fuhrmanns.

Alsobald knallet in G** des Reiches würdiger Schwager,
    Zwar er nimmt euch nicht mit, aber er fährt doch vorbei.

72. Zeichen der Zwillinge.

Kommt ihr den Zwillingen nah', so sprecht nur: Gelobt sei J—
    C—! »In Ewigkeit« gibt man zum Gruß euch zurück.

73. Zeichen des Bärs.

Nächst daran strecket der Bär zu K** die bleiernen Tatzen
    Gegen euch aus, doch er fängt euch nur die Fliegen vom Kleide.

74. Zeichen des Krebses.

Geht mir dem Krebs in B*** aus dem Weg, manch lyrisches Blümchen,
    Schwellend in üppigem Wuchs, kneipte die Schere zu Tod.

75. Zeichen des Löwen.

Jetzo nehmt euch in acht vor dem wackern Eutinischen Leuen,
    Daß er mit griechischem Zahn euch nicht verwunde den Fuß.

76. Zeichen der Jungfrau.

Bücket euch, wie sich's geziemt, vor der zierlichen Jungfrau zu Weimar,
    Schmollt sie auch oft – wer verzeiht Launen der Grazie nicht?

77. Zeichen des Raben.

Vor dem Raben nur sehet euch vor, der hinter ihr krächzet,
    Das Nekrologische Tier setzt auf Kadaver sich nur.

78. Locken der Berenice.

Sehet auch wir ihr in S*** den groben Fäusten entschlüpfet,
    Die Berenicens Haar striegeln mit eisernem Kamm.

79. Zeichen der Wage.

Jetzo wäre der Ort, daß ihr die Wage beträtet,
    Aber dies Zeichen ward längst schon am Himmel vermißt.

80. Zeichen des Skorpions.

Aber nun kommt ein böses Insekt, aus G—b—n her,
    Schmeichelnd naht es, ihr habt, flieht ihr nicht eilig, den Stich.

81. Ophiuchus.

Drohend hält euch die Schlang' jetzt Ophiuchus entgegen,
    Fürchtet sie nicht, es ist nur der getrocknete Balg.

82. Zeichen des Schützen.

Seid ihr da glücklich vorbei, so naht euch dem zielenden Hofrat
    Schütz nur getrost, er liebt und er versteht auch den Spaß.

83. Gans.

Laßt sodann ruhig die Gans in L***g und G**a gagagen,
    Die beißt keinen, es quält nur ihr Geschnatter das Ohr.

84. Zeichen des Steinbocks.

Im Vorbeigehn stutzt mir den alten Berlinischen Steinbock,
    Das verdrießt ihn, so gibt's etwas zu lachen fürs Volk.

85. Zeichen des Pegasus.

Aber seht ihr in B**** den Grad ad Parnassum, so bittet
    Höflich ihm ab, daß ihr euch eigne Wege gewählt.

86. Zeichen des Wassermanns.

Übrigens haltet euch ja von dem Dr***r Wassermann ferne,
    Daß er nicht über euch her gieße den Elbstrom aus.

87. Eridanus.

An des Eridanus Ufern umgeht mir die furchtbare Waschfrau,
    Welche die Sprache des Teut säubert mit Lauge und Sand.

88. Fische.

Seht ihr in Leipzig die Fischlein, die sich in Sulzers Zisterne
    Regen, so fangt euch zur Lust einige Grundeln heraus.

89. Der fliegende Fisch.

Neckt euch in Breslau der fliegende Fisch, erwartet's geduldig,
    In sein wäss'risches Reich zieht ihn Neptun bald hinab.

90. Glück auf den Weg.

Manche Gefahren umringen euch noch, ich hab' sie verschwiegen,
    Aber wir werden uns noch aller erinnern – nur zu!

91. Die Aufgabe.

Wem die Verse gehören? Ihr werdet es schwerlich erraten,
    Sondert, wenn ihr nun könnt, o Chorizonten, auch hier!

92. Wohlfeile Achtung.

Selten erhaben und groß und selten würdig der Liebe
    Lebt er doch immer, der Mensch, und wird geehrt und geliebt.

93. Revolutionen.

Was das Luthertum war, ist jetzt das Franztum in diesen
    Letzten Tagen, es drängt ruhige Bildung zurück.

94. Parteigeist.

Wo Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und drüben,
    Viele Jahre vergehn, eh' sie die Mitte vereint.

95. Das Deutsche Reich.

Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
    Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

96. Deutscher Nationalcharakter.

Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;
    Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.

97. Rhein.

Treu, wie dem Schweizer gebührt, bewach' ich Germaniens Grenze,
    Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom.

98. Rhein und Mosel.

Schon so lang' umarm' ich die lotharingische Jungfrau,
    Aber noch hat kein Sohn unsre Umarmung erfreut!

99. Donau in B**.

Bacchus, der lustige, führt mich und Komus, der fette, durch reiche
    Triften, aber verschämt bleibt die Charis zurück.

100. Donau in O**.

Mich umwohnet mit glänzendem Aug' das Volk der Fajaken,
    Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß.

101. Main.

Meine Burgen zerfallen zwar, doch getröstet erblick' ich
    Seit Jahrhunderten noch immer das alte Geschlecht.

102. Saale.

Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele,
    Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.

103. Ilm.

Meine Ufer sind arm, doch höret die leisere Welle,
    Führt der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.

104. Pleiße.

Flach ist mein Ufer und seicht mein Bächlein, es schöpften zu durstig
    Meine Poeten mich, meine Prosaiker auch.

105. Elbe.

All' ihr andern, ihr sprecht nur ein Kauderwelsch. Unter den Flüssen
    Deutschlands rede nur ich, und auch in Meißen nur, deutsch.

106. Spree.

Sprache gab mir einst Ramler und Stoff mein Cäsar, da nahm ich
    Meinen Mund etwas voll, aber ich schweige seitdem.

107. Weser.

Leider von mir ist gar nichts zu sagen, auch zu dem kleinsten
    Epigramme, bedenkt! geb' ich der Muse nicht Stoff.

108. Gesundbrunnen zu ***.

Seltsames Land! Hier haben die Flüsse Geschmack und die Quellen,
    Bei den Bewohnern allein hab' ich noch keinen verspürt.

109. P** bei N**.

Ganz hypochondrisch bin ich vor Langerweile geworden,
    Und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht ist.

110. Die **chen Flüsse.

Unsereiner hat's halter gut in **cher Herren
    Ländern, ihr Joch ist sanft und ihre Lasten sind leicht.

111. Salzach.

Aus Juvaviens Bergen ström' ich, das Erzstift zu salzen,
    Lenke dann Bayern zu, wo es an Salze gebricht.

112. Der anonyme Fluß.

Fastenspeisen dem Tisch des frommen Bischofs zu liefern,
    Goß der Schöpfer mich aus durch das verhungerte Land.

113. Les fleuves indiscrets.

Jetzt kein Wort mehr, ihr Flüsse. Man sieht's, ihr wißt euch so wenig
    Zu bescheiden, als einst Diderots Schätzchen gethan.

114. An den Leser.

Lies uns nach Laune, nach Lust, in trüben, in fröhlichen Stunden,
    Wie uns der gute Geist, wie uns der böse gezeugt.

115. Gewissen Lesern.

Viele Bücher genießt ihr, die ungesalznen, verzeihet,
    Daß dies Büchelchen uns überzusalzen beliebt.

116. Dialogen aus dem Griechischen.

Zur Erbauung andächtiger Seelen hat F*** S***,
    Graf und Poet und Christ, diese Gespräche verdeutscht.

117. Der Ersatz.

Als du die griechischen Götter geschmäht, da warf dich Apollo
    Von dem Parnasse; dafür gehst du ins Himmelreich ein.

118. Der moderne Halbgott.

Christlicher Herkules, du ersticktest so gerne die Riesen,
    Aber die heidnische Brut steht, Herkuliscus! noch fest.

119. Charis.

Ist dies die Frau des Künstlers Vulkan? Sie spricht von dem Handwerk
    Wie es des Roturiers adliger Hälfte geziemt.

120. Nachbildung der Natur.

Was nur Einer vermag, das sollte nur Einer uns schildern,
    Voß nur den Pfarrer und nur Iffland den Förster allein.

121. Nachäffer.

Aber da meinen die Pfuscher, ein jeder Schwarzrock und Grünrock
    Sei auch an und für sich unsrer Beschauung schon wert

122. Klingklang.

 

In der Dichtkunst hat er mit Worten herzlos geklingelt,
    In der Philosophie treibt er es pfäffisch so fort.

123. An gewisse Umschöpfer.

Nichts soll werden das Etwas, daß Nichts sich zu Etwas gestalte,
    Laß das Etwas nur sein! nie wird zu Etwas das Nichts.

124. Aufmunterung.

Deutschland fragt nach Gedichten nicht viel; ihr kleinen Gesellen,
    Lärmt, bis jeglicher sich wundernd ans Fenster begibt.

125. Das Brüderpaar.

Als Kentauren gingen sie einst durch poetische Wälder,
    Aber das wilde Geschlecht hat sich geschwinde bekehrt.

126. K**.

Höre den Tadler! Du kannst, was er noch vermißt, dir erwerben;
    Jenes, was nie sich erwirbt, freue dich! gab dir Natur.

127. An die Moralisten.

Richtet den herrschenden Stab auf Leben und Handeln und lasset
    Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muse das Spiel.

128. Der Leviathan und die Epigramme.

Fürchterlich bist du im Kampf, nur brauchst du etwas viel Wasser;
    Aber versuch es einmal, Fisch! in den Lüften mit uns.

129. Luise von Voß.

Wahrlich, es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
    Ahmt ein Sänger, wie der, Töne des Altertums nach.

130. Jupiters Kette.

Hängen auch alle Schmierer und Reimer sich an dich, sie ziehen
    Doch nicht hinunter, doch und ziehst sie auch schwerlich hinauf.

131. Aus einer der neuesten Episteln.

Klopstock, der ist mein Mann, der in neue Phrasen gestoßen,
    Was er im höllischen Pfuhl Hohes und Großes vernahm.

132. B**s Taschenbuch.

Eine Kollektion von Gedichten? eine Kollekte
    Nenn es, der Armut zulieb' und bei der Armut gemacht.

133. Ein deutsches Meisterstück.

Alles an diesem Gedicht ist vollkommen, Sprache, Gedanke,
    Rhythmus, das einzige nur fehlt noch, es ist kein Gedicht.

134. Unschuldige Schwachheit.

Unsre Gedichte nur trifft dein Spott? O schätzet euch glücklich,
    Daß das Schlimmste an euch eure Erdichtungen sind.

135. Das Neueste aus Rom.

Raum und Zeit hat man wirklich gemalt, es steht zu erwarten,
    Daß man mit ähnlichem Glück nächstens die Tugend uns tanzt.

136. Deutsches Lustspiel.

Thoren hätten wir wohl, wir hätten Fratzen die Menge,
    Leider helfen sie nur selbst zur Komödie nichts.

137. Das Märchen.

Mehr als zwanzig Personen sind in dem Märchen geschäftig,
    Nun, und was machen sie denn alle? Das Märchen, mein Freund.

138. Frivole Neugier.

Das verlohnte sich auch, den delphischen Gott zu bemühen,
    Daß er dir sage, mein Freund, wer der Armenier war.

139. Beispielsammlung.

Nicht bloß Beispielsammlung, nein, selber ein warnendes Beispiel,
    Wie man nimmermehr soll sammeln für guten Geschmack.

140. Mit Erlaubnis.

Nimm's nicht übel, daß nun auch deiner gedacht wird! Verlangst du
    Das Vergnügen umsonst, daß man den Nachbar vexiert?

141. Der Sprachforscher.

Anatomieren magst du die Sprache, doch nur ihr Kadaver,
    Geist und Leben entschlüpft flüchtig dem groben Skalpell.

142. Geschichte eines dicken Mannes.

(Man sehe die Rezension davon in der N. deutschen Bibliothek.)

Dieses Werk ist durchaus nicht in Gesellschaft zu lesen,
    Da es, wie Rezensent rühmet, die Blähungen treibt.

143. Anekdoten von Friedrich II.

Von dem unsterblichen Friedrich, dem einzigen, handelt in diesen
    Blättern der zehenmalzehn tausendste sterbliche Fritz.

144. Litteraturbriefe.

Auch Nicolai schrieb an dem trefflichen Werk? Ich will's glauben,
    Mancher Gemeinplatz auch steht in dem trefflichen Werk.

145. Gewisse Melodien.

Dies ist Musik fürs Denken! Solang' man sie hört, bleibt man eiskalt,
    Vier, fünf Stunden darauf macht sie erst rechten Effekt.

146. Überschriften dazu.

Frostig und herzlos ist der Gesang, doch Sänger und Spieler
    Werden oben am Rand höflich zu fühlen ersucht.

147. Der böse Geselle.

Dichter, bitte die Musen, vor ihm den Lied zu bewahren,
    Auch dein leichtestes zieht nieder der schwere Gesang.

148. Karl von Karlsberg.

Was der berühmte Verfasser des menschlichen Elends verdiene?
    Sich in der Charité gratis verköstigt zu sehn.

149. Schriften für Damen und Kinder.

»Bibliothek für das andre Geschlecht, nebst Fabeln für Kinder«.
    Also für Kinder nicht, nicht für das andre Geschlecht.

150. Dieselbe.

Immer für Weiber und Kinder! Ich dächte, man schriebe für Männer,
    Und überließe dem Mann Sorge für Frau und für Kind!

151. Gesellschaft von Sprachfreunden.

O wie schätz' ich euch hoch! Ihr bürstet sorglich die Kleider
    Unsrer Autoren, und wem fliegt nicht ein Federchen an?

152. Der Purist.

Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern,
    Nun so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.

153. Vernünftige Betrachtung.

Warum plagen wir, einer dem andern? Das Leben zerrinnet,
    Und es versammelt uns nur einmal wie heute die Zeit.

154. An **.

Gerne plagt' ich auch dich, doch es will mir mit dir nicht gelingen,
    Du bist zum Ernst mir zu leicht, bist für den Scherz mir zu plump.

155. An **.

Nein! Du erbittest mich nicht. Du hörtest dich gerne verspottet,
    Hörtest du dich nur genannt, darum verschon' ich dich, Freund.

156. Garve.

Hör' ich über Geduld dich, edler Leidender, reden,
    O, wie wird mir das Volk frömmelnder Schwätzer verhaßt.

157. Auf gewisse Anfragen.

Ob dich der Genius ruft? Ob du dem Rufenden folgest?
    Ja, wenn du mich fragst – nein! Folge dem Rufenden nicht.

158. Stoßgebet.

Vor dem Aristokraten in Lumpen bewahrt mich, ihr Götter,
    Und vor dem Sansculott auch mit Epauletten und Stern!

159. Distinktionszeichen.

»Unbedeutend sind doch auch manche von euren Gedichten!«
    Freilich, zu jeglicher Schrift braucht man auch Komma und Punkt.

160. Die Adressen.

Alles ist nicht für alle, das wissen wir selber, doch nichts is
    Ohne Bestimmung, es nimmt jeder sich selbst sein Paket.

161. Schöpfung durch Feuer.

Arme basaltische Säulen! Ihr solltet dem Feuer gehören,
    Und doch sah euch kein Mensch je aus dem Feuer entstehn.

162. Mineralogischer Patriotismus.

Jedermann schürfte bei sich auch nach Basalten und Lava,
    Denn es klinget nicht schlecht, hier ist vulkanisch Gebirg'!

163. Kurze Freude.

Endlich zog man sie wieder ins alte Wasser herunter,
    Und es löscht sich nun bald dieser entzündete Streit.

164. Triumph der Schule.

Welch erhabner Gedanke! Uns lehrt der unsterbliche Meister,
    Künstlich zu teilen den Strahl, den wir nur einfach gekannt.

165. Die Möglichkeit.

Liegt der Irrtum nur erst, wie ein Grundstein, unten im Boden,
    Immer baut man darauf, nimmermehr kommt er an Tag.

166. Wiederholung.

Hundertmal werd' ich's euch sagen und tausendmal: Irrtum ist Irrtum!
    Ob ihn der größte Mann, ob ihn der kleinste beging.

167. Wer glaubt's.

Newton hat sich geirrt? ja doppelt und dreifach! und wie denn?
    Lange steht es gedruckt, aber es liest es kein Mensch.

168. Der Welt Lauf.

Drucken fördert euch nicht, es unterdrückt euch die Schule;
    Aber nicht immer, und dann geben sie schweigend sich drein.

169. Hoffnung.

Allen habt ihr die Ehre genommen, die gegen euch zeugten;
Aber dem Märtyrer kehrt späte sie doppelt zurück.

170. Exempel.

Schon Ein Irrlicht sah ich verschwinden, dich, Phlogiston! Balde,
    O Newtonisch Gespenst! folgst du dem Brüderchen nach.

171. Der letzte Märtyrer.

Auch mich bratet ihr noch als Huß vielleicht, aber wahrhaftig!
    Lange bleibet der Schwan, der es vollendet, nicht aus.

172. Menschlichkeiten.

Leidlich hat Newton gesehen und falsch geschlossen, am Ende
    Blieb er, ein Brite, verstockt; schloß er, bewies er so fort.

173. Und abermals Menschlichkeiten.

Seine Schüler hörten nun auf, zu sehn und zu schließen,
    Reservierten getrost, was er auch sah und bewies.

174. Der Widerstand.

Aristokratisch gesinnt ist mancher Gelehrte, denn gleich ist's,
    Ob man auf Helm und Schild oder auf Meinungen ruht.

175. Neueste Farbentheorie von Wünsch.

Gelbrot und grün macht das Gelbe, grün und violblau das Blaue!
    So wird aus Gurkensalat wirklich der Essig erzeugt!

176. Das Mittel.

Warum sagst du uns das in Versen? Die Verse sind wirksam,
    Spricht man in Prosa zu euch, stopft ihr die Ohren euch zu.

177. Moralische Zwecke der Poesie.

»Bessern, bessern soll uns der Dichter!« So darf denn auf euren
    Rücken des Büttels Stock nicht einen Augenblick ruhn?

178. Sektions-Wut.

Lebend noch exenterieren sie euch, und seid ihr gestorben,
    Passet im Nekrolog noch ein Prosektor euch auf.

179. Kritische Studien.

Schneidet, schneidet, ihr Herrn, durch Schneiden lernet der Schüler,
    Aber wehe dem Frosch, der euch den Schenkel muß leihn!

180. Der astronomische Himmel.

So erhaben, so groß ist, so weit entlegen der Himmel!
    Aber der Kleinigkeitsgeist fand auch bis dahin den Weg.

181. Naturforscher und Transcendental-Philosophen.

Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu frühe,
    Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt.

182. An die voreiligen Verbindungsstifter.

Jeder wandle für sich, und wisse nichts von dem andern,
    Wandeln nur beide gerad', finden sich beide gewiß.

183. Der treue Spiegel.

Reiner Bach, du entstellst nicht den Kiesel, du bringst ihn dem Auge
    Näher, so seh' ich die Welt, ***, wenn du sie beschreibt.

184. Nicolai.

Nicolai reiset noch immer, noch lang' wird er reisen,
    Aber ins Land der Vernunft findet er nimmer den Weg.

185. Der Wichtige.

Seine Meinung sagt er von seinem Jahrhundert, er sagt sie,
    Nochmals sagt er sie laut, hat sie gesagt und geht ab.

186. Der Plan des Werkes.

Meine Reis' ist ein Faden, an dem ich drei Lustra die Deutschen
    Nützlich führe, so wie formlos die Form mir's gebeut.

187. Formalphilosophie.

Allen Formen macht er den Krieg, er weiß wohl, zeitlebens
    Hat er mit Müh' und Not Stoff nur zusammengeschleppt.

188. Der Todfeind.

Willst du alles vertilgen, was deiner Natur nicht gemäß ist,
    Nicolai, zuerst schwöre dem Schönen den Tod!

189. Philosophische Querköpfe.

Querkopf! schreiet ergrimmt in unsre Wälder Herr Nickel,
    Leerkopf! schallt es darauf lustig zum Walde heraus.

190. Empirischer Querkopf.

Armer empirischer Teufel! Du kennst nicht einmal das Dumme
    In dir selber, es ist ach! a priori so dumm.

191. Der Quellenforscher.

Nicolai entdeckt die Quellen der Donau! Welch Wunder!
    Sieht er gewöhnlich doch sich nach der Quelle nicht um.

192. Derselbe.

Nichts kann er leiden, was groß ist und mächtig, drum, herrliche Donau,
    Spürt dir der Häscher so lang' nach, bis er seicht dich ertappt.

193. N. Reisen, XI. Band, S. 177.

A propos Tübingen! Dort sind Mädchen, die tragen die Zöpfe
    Lang geflochten, auch dort gibt man die Horen heraus.

194. Der Glückliche.

Sehen möcht' ich dich Nickel, wenn du ein Späßchen erhaschest,
    Und von dem Fund entzückt, drauf dich im Spiegel besiehst.

195. Verkehrte Wirkung.

Rührt sonst einen der Schlag, so stockt die Zunge gewöhnlich,
    Dieser, so lange gelähmt, schwatzt nur geläufiger fort.

196. Pfahl im Fleisch.

Nenne Lessing nur nicht, der Gute hat vieles gelitten,
    Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher Dorn.

197. Die Horen an Nicolai.

Unsere Reihen störtest du gern, doch werden wir wandeln,
    Und du tappe denn auch, plumper Geselle! so fort.

198. Fichte und Er.

Freilich tauchet der Mann kühn in die Tiefe des Meeres,
    Wenn du, auf leichtem Kahn, schwankest und Heringe fängst.

199. Briefe über ästhetische Bildung.

Dunkel sind sie zuweilen, vielleicht mit Unrecht, o Nickel!
    Aber die Deutlichkeit ist wahrlich nicht Tugend an dir.

200. Modephilosophie.

Lächerlichster, du nennst das Mode, wenn immer von neuem
    Sich der menschliche Geist ernstlich nach Bildung bestrebt.

201. Das grobe Organ.

Was du mit Händen nicht greifst, das scheint dir Blinden ein Unding,
    Und betastest du was, gleich ist das Ding auch beschmutzt.

202. Der Lastträger.

Weil du vieles geschleppt und schleppst und schleppen wirst, meinst du,
    Was sich selber bewegt, könne vor dir nicht bestehn.

203. Die Weidtasche.

Reget sich was, gleich schießt der Jäger, ihm scheinet die Schöpfung,
    Wie lebendig sie ist, nur für den Schnappsack gemacht.

204. Der Unentbehrliche.

Könnte Menschenverstand doch ohne Vernunft nur bestehen,
    Nickel hätte fürwahr menschlichsten Menschenverstand.

205. Die Xenien.

Was uns ärgert, du gibst mit langen entsetzlichen Noten
    Uns auch wieder heraus unter der Reiserubrik.

206. Lucri bonus odor

Gröblich haben wir dich behandelt, das brauche zum Vorteil
    Und im zwölften Band schilt uns, da gibt es ein Blatt.

207. Vorsatz.

Den Philister verdrieße, den Schwärmer necke, den Heuchler
    Quäle der fröhliche Vers, der nur das Gute verehrt.
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