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Wurzellocker Zweiter Band

Wilhelm von Polenz: Wurzellocker Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm von Polenz
titleWurzellocker Zweiter Band
publisherF. Fontane & Co.
year1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid53a222b4
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Zweiter Band

Drittes Buch

Seit vierzehn Tagen etwa befand sich Fritz Berting in Binz, wo seine und Theophils Nordlandreise ihren Abschluß gefunden hatte.

Annie Eschauer war da mit ihrem Gatten und einem Troß berliner Freunde. Sie stand im Mittelpunkt eines größeren Kreises, wie er sich in der Zwanglosigkeit des Badeaufenthalts leicht zusammenfindet.

Der Bankier Eschauer, ein Mann in den Fünfzigern, dessen Prinzip im Geschäft wie im Privatleben sich in die gern von ihm gebrauchten Worte: »nicht unnütz aufregen!« zusammenfassen ließ, legte dem Amüsementsbedürfnis seiner um zwanzig Jahre jüngeren Frau nichts in den Weg. Eifersucht unter Eheleuten rechnete er zu den Gefühlsduseleien, die gleich hinter Gedichtemachen kamen. Daß Annie sich für Kunst interessierte, war in Herrn Eschauers Augen zwar Zeitverschwendung, wie alles, was nicht Geld einbrachte, aber er gestattete seiner Frau diesen »Idealismus«. Sie ließ ihm dafür sein Interesse für Varieté, Ballett, und Nachtcafé. –

In Binz langweilte sich Herr Eschauer. Das ewige Segeln, am Strand Krocket spielen und in den Wald laufen war nicht nach seinem Geschmack. Er verschwand gelegentlich zu selbständigen Ausflügen; und Eingeweihte wollten wissen, daß er dann eine Dame der berliner Halbwelt aufsuchte, die in einem Fischerdorfe der Festlandsküste ihre Sommerfrische verbrachte.

Fritz Berting fühlte sich in der Gesellschaft, die Frau Annie um sich versammelt hatte, nicht allzu behaglich. Er empfand einen gewissen mit Beklemmung gepaarten Widerwillen Leuten gegenüber, die das Geld ausgaben, als sei es nichts, und denen es in Wahrheit doch alles war. Ein Mensch wie er, der auch nicht den geringsten Anfang zu einer Million besaß, mußte in solcher Gesellschaft notwendig outsider bleiben. Sein Künstlertum gab ihm keinen Freipaß; denn Bücherschreiben war in ihren Augen eine fragwürdige Beschäftigung, vor allem, wenn man nicht große Honorare zur Entschuldigung seines Metiers anführen konnte.

Frau Annie war sehr freundlich gegen Fritz. Sie suchte ihm den Aufenthalt in Binz so angenehm wie möglich zu gestalten, gab ihm vor aller Augen in auffälliger Weise Beweise ihrer Gunst.

Es waren da drei junge Leute, Mitglieder der berliner jeunesse dorée, die Annie den Hof gemacht hatten, ehe Fritz und Theophil an diesem Strande gelandet waren, und die sich nun in ihrem Zeitvertreib gestört sahen. Es fehlte nicht an versteckten Sticheleien, die Bezug hatten auf Frau Annies ideale Freundschaft mit einem Dichter. Jene drei Jünglinge besaßen den schnodderigen Witz des Berliners, der ein Todfeind ist jedes feineren Gefühls. Fritz kannte diesen kalten, cynischen Ton nur zu gut aus alter Erfahrung, er kannte auch die Skepsis, mit der man sich selbst beobachtete, bewachte, zersetzte, kannte den schneidenden Hohn, mit dem man grausam über den nächsten Freund, über die Mitglieder der eigenen Familie herfiel, um sich und der Welt zu beweisen, daß man Zartgefühl als überwundenen Standpunkt betrachte.

Einer dieser Herren war verlobt; das heißt, zwei Familien hatten sich dahin geeinigt, daß sich Million mit Million verbinden solle. Die Braut und ihr Anhang waren ebenfalls in Binz. Das junge Mädchen, eine siebzehnjährige Schönheit von rabenschwarzem Haar, Elfenbein-Teint und dem Wuchs einer Gazelle, wurde leider durch starkes Schielen entstellt. Von niemandem bekam sie diesen Fehler öfter vorgeworfen, als von ihrem Bräutigam. Und dieser Gemütsmensch wurde wiederum von der ganzen Gesellschaft mit dem »Um-die-Ecke-gucken« seiner Zukünftigen in sinniger Weise gehänselt.

Auch Theophil Alois Hilschius sollte der allgemeinen Spottsucht nicht entgehen. Kaum hatte man entdeckt, daß er das Dichten nicht lassen könne, so wurden bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit Verse von ihm verlangt. Der Dichter des ›Sulla‹ freute sich anfangs über die Popularität seiner Muse. Dann jedoch merkte er die Verhöhnung und zog sich grollend zurück. Einzig in den Augen des schielenden Mädchens glaubte er ein gewisses, ernsteres Verständnis zu lesen. Man sah in Zukunft Theophil und die Braut öfter allein wandeln, am Strande oder auf einsamen Waldwegen, wo er sie jedenfalls zum Opfer seiner poetischen Eingebungen machte.

Für Fritz bedeutete das eine Erleichterung. Er hatte unter Theophil während der letzten Monate schwer zu leiden gehabt. Durch seine Stellung als Reisebegleiter war Fritz an diesen Jüngling gefesselt gewesen. Sie hatten herrliches Wetter gehabt, und die ewige Schönheit von Meer, Küste und Gebirge hatte sich vor ihnen aufgethan, rein und groß wie vor tausend anderen Wanderern. Aber Theophil zeigte sich als einer jener schlimmen Mitreisenden, die einem die schönste Landschaft verekeln können. Entweder er erklärte, oder er kritisierte. Und noch ärger war es, wenn ein besonders schöner Blick, ein Sonnenuntergang über hochgehenden Meereswogen, oder die geheimnisvolle Stimmung einer taghellen Nacht in ihm den Poeten herausforderten. Jedes solche Erlebnis mußte in die Form eines Gedichtes gegossen werden. Fritz Berting würde gar nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, wenn der Reisegefährte seine Einfälle für sich behalten hätte; aber dieser junge Mensch hatte die Eigentümlichkeit, einer Henne ähnlich, mit freudigem Gegacker anzukündigen, daß die Weltlitteratur wiederum um ein neues Opus von Theophil Alois Hilschius bereichert sei. Außerdem hielt er es für Freundschaftspflicht, Fritz jedes Neue, was er empfangen hatte, vorzulegen. Hatte aber Fritz Berting etwas auszusetzen, dann sprach der Dichter von »Verständnislosigkeit« und schmollte; was, da man nun einmal auf einander angewiesen war, auch nicht zu den Annehmlichkeiten gehörte.

Übrigens führte Berting einen Reisebegleiter mit sich, der ihm über Schlimmeres als Theophils Banalität hinweggeholfen hätte: Friedrich Nietzsches »Also sprach Zarathustra«. Als habe er geahnt, daß er durch diesen einen Band auf Wochen hinaus mit Geistesnahrung überreichlich versorgt sei, hatte er kein weiteres Buch seinem Gepäck einverleibt.

Auf dem Meere las er den Zarathustra. Wie der Fromme die Bibel oder das Gesangbuch, so schlug er das hohe Lied des großen antichristlichen Sängers auf, an jeder beliebigen Stelle, und berauschte sich an dem gewaltigsten Dithyrambus auf den Menschen.

Wunderlich verschmolz ihm der Inhalt des Gedichtes mit der Szenerie um ihn her. Beide waren sie für ihn neu, der Ozean und Nietzsche, und bald wußte er nicht mehr, wer von dem Paare der größere Hexenmeister sei. Etwas Herbes, Salzgeschwängertes, wie der boshaft unberechenbare Seewind, wehte aus diesen Blättern. Ein Riesenhorizont, große, gesammelte Einsamkeit, klare, eisige Luft, darunter die graue, kühle Flut mit der Ahnung unerhörter Wunder in ihrer gefährlichen Tiefe. Und als kühner Wiking nur das eine Boot mit dem einen Manne darin, der das Wort geprägt hatte: »Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß!« – Wie er mit Bewußtsein hinaussegelte, in seinem Rücken lassend alles, was bisher als Festland gegolten hatte: Staat, Familie, Gott. Hinaus über alle Ziele und Ideale hinweg, in die Einsamkeit hinein des eigenen Gesetzes, ein Voraussetzungsloser, der jauchzend alle Fesseln von sich wirft der Erdenschwere, der nichts mehr lieben, nichts glauben und hoffen will.

Mit diesem Lotsen zu segeln, war furchtbar schmerzliche Lust. Emporgehoben wurde man auf die steilsten Höhen der Erkenntnis und Freiheit, um gleich darauf hinabgestürzt zu werden in das Wogenthal engster beängstigender Widersprüche. An wieviel fürchterlichen Klippen ging die atembenehmende, rasende Fahrt in schwindelnder Knappheit vorüber. Himmelssüße, lockende Töne unsichtbarer Äolsharfen, auf denen der Meeresatem spielte: der Sirenengesang Nietzschescher Lyrik. Dazwischen Rufe höhnender Seevögel, grausige Schreie wie von ertrinkenden Seelen. Eine ehern einherschreitende gebundene Sprache, gleich dem Rhythmus der Meereswellen, der ältesten Musik der Welt. So tönte es aus diesem Buche, so starrte es einen an, wie das grausam versteinernde, unmenschliche Medusenangesicht des Ozeans.

Das war Nietzsche. In dieser Umgebung mußte man das Phänomen Zarathustra erleben.

Fritz war es, als würde jeden Tag eine Welt in ihm zerstört und eine Welt aufgerichtet. Seit Richard Wagners Tonschöpfungen zum ersten Male auf ihn eingestürmt waren, hatte er ein solches Wühlen in den Gefühlen, ein solches Zerren an den Nerven, wie von einer Riesenfaust, nicht gespürt. Auch hier war etwas wie Musik, ein Klingen und Jauchzen, ein Hüpfen und Tanzen, ein Entschweben und Wiederkehren, ein Auseinanderreißen, Gegeneinanderstürmen in Dissonanzen und Zusammenfließen in Harmonieen. Von diesem Werke ging eine große Weihestimmung aus, wie von den heroischen Geschicken eines Trauerspieles. Ein Ton aus diesen scheinbar gottlosen Strophen rührte an die innerste religiöse Natur des Menschen.

In Gegenwart eines solchen Riesen selbst schaffen zu wollen, schien undenkbar; auch nicht eine Zeile wäre geglückt. Fritz Berting fühlte sich gelähmt, wie vernichtet in seinem Selbstgefühle. Hier konnte man nur staunen und sich wehren, niemals nachwandeln. Auf lange hinaus würde dieses Erlebnis in ihm nachzittern, ähnlich wie der Wogengang des Meeres den Seefahrer auch auf dem Festlands noch in seinem Takt und Banne erhält.

Für einen, der sich mit Zarathustra hinausbegeben hatte in die Einsamkeit grandiosester Menschenverachtung, war es schwer sich zurechtzufinden auf dem Ententeiche alltäglicher Geselligkeit.

»Sie sehen aus wie der personifizierte Katzenjammer!« sagte Frau Annie zu Fritz. Eingehend erkundigte sie sich nach seinem Schlaf und seiner Verdauung, mit jener ihr eigenen Mischung von Ungeniertheit und Gutmütigkeit, der gram zu sein schwer war. Sie nannte ihn ihr »Dichterbaby« und sprach davon, ihn an Kindesstatt annehmen zu wollen. Wirklich hatte ihre Sorge für ihn etwas Mütterliches. So war sie unter anderem in Berlin für die Verbreitung seines Romanes thätig gewesen, hatte bekannte Kritiker persönlich aufgesucht und sie gebeten, das Buch zu besprechen. Und auch von Rügen aus schrieb sie Briefe in Fritzens Interesse, ohne daß er sie darum besonders ersucht hätte.

Bei einer Mondscheinpartie erkältete er sich. Frau Annie ließ es sich nicht nehmen, ihn zu pflegen. Sie blieb seinetwegen sogar von einer Segelpartie zurück, die sie selbst arrangiert hatte. Unbewacht könne man ein Baby nicht lassen, erklärte sie.

Annie Eschauer hatte etwas in ihrem Wesen, das einem alle Dinge leicht und selbstverständlich erscheinen ließ. Der gewagtesten Situation wußte sie durch eine witzige Bemerkung die Spitze abzubrechen. Sie war nicht ohne Geist frivol; dadurch unterschied sie sich angenehm von ihrer Umgebung.

Aber der starke sinnliche Eindruck, den sie bei den ersten Begegnungen auf ihn gemacht hatte, war verflogen. Ihre Erscheinung gehörte zu denen, die eines effektvollen Hintergrundes, der bengalischen Beleuchtung bedürfen, um zu wirken. In der schlichten Umgebung von Wald und Flur erschien diese stark passierte Großstadtdame deplaciert. Annie ließ auch hier nicht von der Gewohnheit, sich mit Schmuck zu beladen und die grellsten Farben zu tragen. Leider verrieten Sonnenschein und Seeluft erbarmungslos den kupfrigen Teint ihres aufgeschwemmten Fleisches. Fritz sah sie zum ersten Mal zusammen mit ihrem Manne. Die Art, wie Annie mit diesem kahlen Faun verkehrte, genügte, um einem alle Illusionen zu benehmen.

Berting wußte sich Frau Annie gegenüber wunschlos, das erleichterte ihm den Verkehr. Was die Gesellschaft der Badegäste von ihnen denken mochte! – Höchst wahrscheinlich nahm man ein Liebesverhältnis an. Fritz hatte keine Veranlassung, Annies Ehre in den Augen von Menschen reinzuwaschen, die das Unanständige immer für das Wahrscheinlichste halten.

Er befand sich in einem Seelenzustande, in dem ihn die Menschen überhaupt nicht wesentlich stören konnten. Solches Phäakendasein hatte er lange nicht genossen. Keine Sorgen, keine aufreibenden Plackereien. Für alle seine Lebensbedürfnisse war gesorgt. Ihm wurde zu Mute wie einem Sohne der Landstraße, der, nachdem ihn die Not tüchtig am Ohre gezaust, sich einmal im lauen, alle Poren öffnenden Bade wohlig strecken darf.

Dabei waren die feinsten Organe dichterischer Konzeption in ihm thätig. Die Nerven der tieferen Schichten schliefen nicht, trotz der laffen Trägheit des Körpers. Dort im untersten, unbewußten Triebleben bereitete sich etwas vor, meldete sich Neues zum Leben, klopfte einlaßbegehrend an die Pforte des helleren Bewußtseins. Wie Musik zog es durch seine Sinne, gleich den Tönen eines fernen Konzerts, von dem man nur hie und da eine Schallwelle auffängt. Farben leuchteten auf vor seinen halbgeschlossenen Augen, wie matte Blitze am Horizont. Er kannte diesen Zustand gespannter Nervenempfindlichkeit nur zu gut, mit dem sich das Nahen der neuen Idee anzukündigen pflegt.

Dazu die heitere, warme Spätherbstsonne, die freundlich helfen zu wollen schien, seine Früchte zu reifen. Die still zuschauende Umgebung des verschwiegenen Buchenwaldes, die sanft melodischen Konturen der Rügenschen Küste, als Staffage seiner Stimmungen.–

Hie und da grollte in seinem Traum der Donner der unlängst durchschifften Ozeanwogen, leuchteten die Schneewüsten und Felseinsamkeiten der Nordlandsküste hinein. Und das Meer, das er mit Zarathustra-Nietzsche befahren hatte, ließ noch immer seinen rätselhaften Rhythmus in ihm nachklingen.

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