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Wurzellocker - Erster Band

Wilhelm von Polenz: Wurzellocker - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm von Polenz
titleWurzellocker - Erster Band
publisherF. Fontane & Co.
year1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070910
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Erstes Buch

Die schwüle Luft eines Spätsommertages lag auf der Stadt. Kein Windzug entführte den Rauch, welcher aus ungezählten Essen emporstieg und zu einem Schleier von totem Grau verdichtet über dem ganzen Weichbilde stand. Der Fluß führte wenig Wasser unter den breitspannenden Brückenbogen thalwärts, und das bißchen Kühle, das er auf seinen gelben Wellen mit sich gebracht, verflog schnell, aufgesogen von der Sonne, die, schon seit Wochen unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herniedersengend, den Blättern der Alleebäume längst die Farbe des Tabaks gegeben und das Erdreich in morschen Zunder verwandelt hatte. Jeder Windzug entführte davon Teile, die sich in inniger Verquickung mit dem Straßenstaub, dem Ruß der Fabrikessen und der Schornsteine auf Menschen, Tiere, Pflanzen legten und den Lungen eines jeden Lebewesens das Atmen erschwerten.

Wem in dieser Jahreszeit Beschäftigung oder Kasse nicht erlaubt hatten, ins Hochgebirge oder an die See zu entfliehen, der suchte in den Feierstunden wenigstens aus den Mauern hinauszugelangen in die luftig gebauten Villenvororte, in die Obstgärten und Weinberge unterhalb der Stadt, vielleicht auch in die ausgedehnten Waldungen im Norden.

Die Menschenwogen, welche sich aus dem rauchigen Centrum in die Naturfrische ergossen, hatten jenen herdenartigen Charakter angenommen, den die Menge zeigt, sobald ein Naturereignis, ein gemeinsames Erleben, oder auch nur verwandtes Bedürfnis sie nach einer bestimmten Richtung treibt. Das Gefühl unerträglicher Schwüle hatte in diesen Tausenden den nämlichen Drang erzeugt: hinaus unter freien Himmel.

Eine Gruppe von drei Menschen trennte sich ab von dem allgemeinen Schwarme: zwei Männer, ein Mädchen. Während die meisten anderen der ausgestreckten Hand eines Wegweisers folgten, der in fünf Minuten die schönste Aussicht, Kegelbahn, Bier, Kaffee und andere Herrlichkeiten verhieß, schlugen diese drei einen sandigen Fußsteig ein, der in den Wald hineinführte.

Einem Mädchen wie diesem begegnet man gern. Frische Wangen, schönes Haar, guter Wuchs. In den Bewegungen die Leichtigkeit und anmutige Weichheit, die nur das junge Weib hat. Helle, freundlich blickende Augen, welche man sich mit Thränen gefüllt sehr rührend vorstellen konnte, Augen, die nicht kokett blickten, aber aus denen unbewußt die rührende Mädchenbitte sprach: finde mich hübsch! Nichts Rätselhaftes, nichts Dämonisches, nichts Mystisches, aber umsomehr gesunde Sinnlichkeit.

So mancher Mann wendete unwillkürlich den Kopf nach dieser Erscheinung, und »ein bildhübsches Mädchen«, das war eine häufige Bemerkung, die Alma Lux hinter sich geflüstert hören konnte. Wahrscheinlich war das gestreifte Sommerkleidchen, das sie gut kleidete, ihr eigenes Machwerk. Aus ihrem Hut mit allzuviel künstlichen Blumen und dem grellfarbigen Sonnenschirm, den sie nicht recht zu handhaben verstand, sprach das harmlose Bestreben des Kindes aus dem Volk, für eine Dame gehalten zu werden.

Von den beiden Männern trug der ältere seinen einfachen, braunen Lodenanzug mit einem gewissen großartigen Selbstbewußtsein zur Schau, als wolle er sagen: wenn ich mich gut anzöge, würde meine Häßlichkeit nur noch grotesker wirken. Und in der That, aus diesen abfallenden Schultern, eckigen Hüften und dünnen Beinen, hätte die größte Schneiderkunst nichts Anmutiges zu gestalten vermocht.

Die Gesichtszüge dieses Mannes, der im Anfang der dreißig stehen mochte, machten freilich manches wieder gut, was der Körper an ästhetischen Sünden beging. Es war das Gesicht eines intelligenten Pudels. Schmale, hohe Stirn, in die rotblondes Haar in lockigen Büscheln fiel. Lebhafte, glänzende, kluge und zugleich gute Augen. Brauen, die sich von der gleichmäßig roten Farbe des ganzen Gesichts nur wenig abhoben. Eine spitze Nase mit weiten, beweglichen Nüstern. Das Untergesicht vorspringend. Oberlippe und Mundwinkel ganz vom blonden Schnauzbart versteckt.

Von ganz anderem Schrot und Korn war der Jüngere. Die lässige Haltung, die Art, wie er seinen ehemals gut gemachten, jetzt abgenutzten Anzug trug, sprachen von dem stolzen Gehenlassen eines Menschen, dem der Stempel guter Herkunft von Natur aufgedrückt ist. Die Haut zart, die Glieder schlank und gut proportioniert, die Züge eigentümlich kapriziös gemischt. Die edle Stirn, das ausdrucksvolle Auge schienen einen Anlauf zu energischer Männlichkeit nehmen zu wollen, doch waren Kinn und Lippen die eines Weibes. Niemand konnte es dem jungen Menschen verargen, daß er das Haar im Nacken lang trug, denn es hatte einen ungewöhnlichen, an matte Seide erinnernden Glanz.

Der ältere der beiden schien des Weges kundig zu sein. Zwar war Doktor Lehmfink kein Autochthone. Seine Wiege hatte in einem schwäbischen Gebirgsstädtchen, nahe der Schweizer Grenze gestanden. Sein Leben war eine Wanderung nach Wissen und nach Brot. Ein eigentliches Heim hatte er auch hier nicht; man müßte denn eine Chambre garnie und einen Schemel vor einem Redaktionspult so nennen. – Seit zwei Jahren lebte er in dieser Stadt. Er schätzte den Platz, wie man eine Schutzhütte zu schätzen weiß im Gebirge, die einem eine Zeit lang notdürftige Unterkunft gewährt.

Und auch sein um etwa fünf Jahre jüngerer Begleiter war ein moderner Nomade. Das holperige Pflaster des nordhannöverschen Nestes, dem er entstammte, hatte Fritz Berting seit Jahren nicht mehr betreten. Er war mit seiner Familie zerfallen, galt den Verwandten als ein verlorener Sohn. Trotz seiner Jugend hatte er seine Füße schon an den verschiedensten Herdfeuern gewärmt.

Sie kannten einander von Berlin her, wo sie sich in litterarischen Kreisen getroffen hatten. Lehmfink besaß eine hohe Meinung von Bertings Begabung. Er liebte den Jüngling mit einer Art schmerzlichen Bewunderung, wie es selbstlose Menschen thun, die in einem jüngeren Genossen jene glücklichen Anlagen finden, die sie in sich selbst zu erziehen einstmals heiß bemüht gewesen sind.

Auch nach seinem Wegzug von Berlin hatte Doktor Lehmfink den jungen Berting nicht aus dem Auge verloren. Vor einiger Zeit erfuhr er durch die Zeitungen, daß ein Drama des jungen Dichters bei seiner Erstaufführung in Berlin in aufsehenerregender Weise durchgefallen war. Er schrieb an den Autor einen Beileidsbrief. Daraufhin war Fritz Berting eines Tages bei ihm erschienen, mit wenig Gepäck, ohne Geld und in Begleitung eines weiblichen Wesens.

Lehmfinks Auffassung von Liebe war nicht eng. Das Leben hatte ihn gelehrt, daß man in allem, was die Beziehungen der Geschlechter betrifft, nicht weitherzig genug urteilen kann. Aber er wußte auch, daß es keine gefährlichere Klippe giebt für den Menschen, der noch keine gefestigte Stellung hat, als ein ernsthaftes Liebesverhältnis.

Er nahm scheinbar Almas Gegenwart als etwas Selbstverständliches hin, stellte keine neugierigen Fragen, forschte nicht, wie die beiden einander gefunden hätten und was ihre Zukunftspläne seien. Lehmfink sah es für Freundespflicht an, zunächst für Fritzens äußeres Unterkommen zu sorgen. Er half eine möblierte Wohnung suchen für die beiden, dann wußte er einen Verleger, der gerade auf Ausschau war nach verheißungsvollen Talenten, zu interessieren für den jungen Dichter. Auf Doktor Lehmfinks Empfehlung hin gab der sonst äußerst vorsichtige Geschäftsmann für einen Roman, den Berting noch nicht einmal zu schreiben begonnen hatte, einen Vorschuß von etlichen hundert Mark.

Fritz Berting hatte die nächsten Wochen dazu gebraucht, sich in der fremden Stadt umzuschauen. Man mußte doch erst in Stimmung kommen, ehe man sich niedersetzte zum Schreiben. Der Verleger hatte nichts wieder von ihm gesehen, seit dem Tage, wo er so unvorsichtig gewesen war, seine guten Scheine in Fritzens Hand zu legen, in der Hoffnung, sie in Gestalt von beschriebenem Papier zurückzubekommen. Dem Freunde gegenüber hatte Berting die Entschuldigung, daß man bei der herrschenden Hitze von keinem Menschen Gedanken und Einfälle verlangen dürfe.

Lehmfink hätte erwidern können, daß er bei jeder Temperatur Tag ein Tag aus sein Pensum abarbeiten müsse; aber er unterdrückte die Bemerkung, denn es kam ihm nicht bei, seine Thätigkeit mit der Bertings zu vergleichen.

So streifte Fritz denn in der Stadt umher, betrachtete die Auslagen in den Schaufenstern, studierte Physiognomie und Wesen der Einwohner, amüsierte sich über ihre Aussprache, die eine Karikatur war des Hochdeutsch, saß in Restaurationen und Kaffees, schlürfte einen Eiskaffee nach dem anderen, las Zeitungen, und ging abends ins Gartenkonzert.

Alma saß derweilen in der gemieteten Wohnung allein. Anfangs hatte sie die Zeit damit zugebracht, seine und ihre Garderobe in besseren Zustand zu bringen. Als sie damit schnell fertig geworden war, dachte sie daran, sich nach Arbeit umzusehen. Das nächstliegendste für sie wäre gewesen, wieder in einem Konfektionsgeschäft Stellung zu suchen, als Probierfräulein oder dergleichen. Zwar war tote Saison, aber mit ihrer Figur konnte sie schon den Versuch wagen. Fritz jedoch wollte davon nichts wissen, er fand diese Art Broterwerb ihrer durchaus unwürdig. Da entsann sich Alma, daß sie in der Zeit, ehe sie in die Konfektion gekommen, Krawatten genäht hatte. Ganz verlernt würde sie das inzwischen auch nicht haben. Sie fragte in verschiedenen Geschäften nach Arbeit und erhielt schließlich einen Posten zugeschnittener Ware überwiesen. Gern hätte sie sich eine Nähmaschine getauft oder geliehen. Aber Fritz legte dagegen ein entschiedenes Veto ein. Bei der Engigkeit ihres Logis würde ihn das impertinente Geräusch der Nähmaschine stören. Alma, die gewohnt war, sich in allen Stücken seinen Wünschen zu fügen, mußte daher die Arbeit mit der Hand verrichten.

Heute hatte Doktor Lehmfink die beiden abgeholt, um ihnen etwas von der Umgebung der schön gelegenen Stadt, von der sie so gut wie noch nichts gesehen hatten, zu zeigen. Die Unterhaltung war nicht gerade lebhaft; Lehmfink trug ihre Kosten so ziemlich allein. Fritz Berting war schon seit einigen Tagen schlechter Laune. Machte das die andauernde Hitze, oder eine ungünstige Besprechung, die neulich in einer angesehenen Zeitschrift über seine Gedichte gestanden hatte, oder endlich die Entdeckung, daß die von dem Verleger vorgeschossene Summe wie der abnehmende Mond unaufhaltsam kleiner wurde; oder waren es diese unangenehmen Dinge vereinigt? Kurzum, Fritz sah die Welt durch eine rauchgeschwärzte Brille und nahm sich nicht die Mühe, diesen Seelenzustand vor seiner Umgebung zu verbergen.

Doktor Lehmfink sprach wie gewöhnlich von Litteratur. Er hatte in früheren Jahren nach dem Dichterlorbeer gestrebt, ohne es weiter zu bringen als zum Litteraten.

Eine von Lehmfinks Liebhabereien war, die Literaturgeschichte nach vergessenen oder bei Lebzeiten irgendwie zu kurz gekommenen Autoren zu durchstöbern, um diese Verkannten nachträglich zu Ehren zu bringen. Schon verschiedene solcher Verschollenen hatte er in Anthologieen und billigen Ausgaben populär zu machen versucht. Er setzte bei solchem Bemühen nur Geld zu und Zeit. Von der Not getrieben, war er schließlich zum Journalismus übergegangen. Bei dem Feuilleton einer politischen Tageszeitung fand er Unterschlupf. Hier mußte er so ziemlich über alles schreiben: Theater, Bücherbesprechungen, Wissenschaftliches. Seine gründliche Bildung kam ihm dabei zu statten, während der hohe künstlerische Maßstab, den er an litterarische Erzeugnisse anzulegen für Pflicht hielt, ihn oft genug in Kollision brachte mit den banalen Forderungen des Publikums, das vor allem Lesefutter will und Sensationelles.

Fritz Berting, hörte nur mit halbem Ohre hin.

Mehr Interesse legte Alma Lux an den Tag. Sie besaß die Bildung der Volksschule, schrieb unorthographisch und kam in ihren litterarischen Interessen nicht über den Kolportageroman hinaus. Aber auf sie wirkte, wie auf die meisten Frauen, viel weniger das Thema, als die Persönlichkeit des Sprechenden.

Doktor Lehmfink war ihr interessant. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen gesehen, der ihm ähnlich gewesen wäre. Die großen Augen, das strubbelige Haar und die rötliche Hautfarbe seines Gesichts, dazu seine Storchbeine reizten sie beständig zum Lachen. Sie konnte sich gar nicht in die Existenzbedingungen eines solchen Wesens hineindenken, betrachtete diesen Menschen als etwas Neues, Fremdes, Erstaunliches, wie eine Art Schauspiel, das zu ihrem besonderen Vergnügen aufgeführt wurde. Auch wenn sie seine Worte gar nicht verstand, bereitete es ihr doch Genuß, ihnen zu folgen und dabei zu denken, wie freundlich es von diesem hochgelehrten Herrn sei, sich überhaupt mit ihr abzugeben.

Und was ihr Vertrauen zu Doktor Lehmfink unendlich vertiefte, war das instinktive Gefühl, daß er ein anständiger Mann sei, der nichts Unrechtes von ihr wolle. Sie hatte trotz ihrer neunzehn Jahre die Erfahrung gemacht, daß das bei Männern etwas äußerst Seltenes ist. Die Drei hatten ein schmales, mit dünnem Wald bestandenes Thal durchschritten, in dessen Grunde ein seichtes Wässerlein hie und da aufblitzte. Nun stiegen sie durch tiefen Sand zu einer unbedeutenden Erhöhung empor. Der Gipfel war gelichtet und gestattete freien Ausblick.

Da unten über Baumwipfel hinweg sah man die Stadt liegen. Sie füllte das breite Flußthal mit ihren Häusermassen bis zu den jenseitigen Hügelreihen. Im Osten standen, gleich blauen Würfeln, eine Anzahl Berge gegen den milchweißen Himmel, deren Gipfel wie mit dem Messer abgeschnitten schienen. Der Fluß, von zahlreichen Brücken überspannt, trat in gefälliger Kurve aus der Stadt heraus, nur für ein kurzes Stück durch freies Land fließend, dann verdeckten ihn schon wieder Gebäudemassen, Häuserzeilen, Fabriken. Das ganze, weite, muldenartige Thal besetzt von menschlichen Anwesen. Selbst die niederen Höhenzüge, die nach beiden Seiten zurücktretend breiten Bänken fruchtbaren Vorlandes Platz machten, waren besät mit Dörfern, Einzelgehöften, Schlößchen und Landhäusern, die inmitten von Obstgärten und eingehegten Parks lagen. Wo nach Süden das Gelände offen im Anprall der Sonne sich breitete, hatte der Weinbau seinen Platz gefunden. Nach Norden hin aber dehnte sich auf rauhem Hochplateau dunkler Kiefernwald, sandige Heideflächen, sumpfiges Wiesenland.

Und in diesen breiten, prächtigen Rahmen eingebettet, lag die Stadt, halb in ihrem eigenen Dunst und Rauch verhüllt, mit ihren unzähligen Dächern, Essen, Schornsteinen, Giebeln, aus denen hie und da ein schlanker Turm, eine majestätische Kuppel, das Glasdach eines Bahnhofs, der viereckige Kasten einer Kaserne als Ruhepunkt im Wechsel kleinerer Formen auftauchten.

Lehmfink machte den Erklärer. Er benannte die einzelnen Stadtteile, die öffentlichen Gebäude, die Kirchen, die Paläste, die gewerblichen Anlagen, die großen Straßenzüge.

Es war der günstigste Augenblick. Die Sonne, im Sinken von intensiver Farbenkraft, vergoldete die Kirchturmspitzen und die Kuppeln, spiegelte sich in tausend großen und kleinen Scheiben, ließ einzelne Gebäude selbstleuchtend hervortreten, verlieh sogar den Fabrikessen, den großen Steinkästen, den kahlen Brandmauern, einen wärmeren Ton und durchleuchtete die Wolke von Dunst und Staub, die über dem Ganzen lag.

Fritz Berting ließ die blasierte Miene fallen; seine Züge belebten sich bei dem Anblick dieses Bildes voll Mannigfaltigkeit. Er war überrascht. Er hatte da unten gesteckt in einer heißen, engen, wenig sauberen Vorstadtwohnung. Hatte unter Kohlenstaub und Straßenlärm gelitten und schon manch liebes Mal den ganzen Ort verwünscht.

»Nicht wahr, das hättest du nicht vermutet?« fragte ihn Lehmfink.

»Ja, was denn! Das ist ja wirklich eine schöne Stadt!« rief Fritz.

»Wenn man so mitten drin steckt, Berting, merkt man zu viel von den Details und zu wenig von der Physiognomie. Hier aus der Vogelschau sieht man, daß das Ding einen Anfang hat und ein Ende, eine Umgebung, und eine Lage. Und man versteht nun auch den Sinn, nicht wahr? – begreift, daß eine Stadt gerade hier hat entstehen müssen.«

»Und da man als Deutscher, mein lieber Lehmfink, ja natürlich nicht Ruhe hat, bis nicht Zweck und Ursache eines Dinges endgiltig festgestellt sind, erkenne ich diesem Orte jetzt erst Existenzberechtigung zu, erkläre mich mit seinem Dasein ausgesöhnt und einverstanden.« Fritz lächelte ein wenig spöttisch, dann verlor er sich wieder ganz in Gedanken.

Lehmfink wollte in seinen Erläuterungen fortfahren, aber Fritz unterbrach ihn. »Verschone mich mit Namen, Lehmfink, oder gar mit Geschichte! Wenn mir jemand eine Landschaft erklärt, streift er für meine Augen unfehlbar allen Reiz davon ab. – Ist das da unten nicht wie ein persönliches Wesen? So müßte man von irgend einem Punkte aus auf unseren Maulwurfshaufen von Erde herabblicken können! Dann würde man vielleicht die richtige Würdigung haben des Lebens. Distanz ist alles! Das ist ja mein Traum; den höchsten Standpunkt zu finden, von dem aus man mit überlegenem und alles umfassendem Blick ein Bild geben könnte, zwingend durch Wahrheit, erdrückend durch Natürlichkeit. Das müßte ein wunderbares Kunstwerk geben, wenn man das ganze große Leben von solcher Warte aus belauschen könnte.« »Schreibe dieses Buch!« rief Lehmfink lebhaft.»Schreibe uns dieses Buch!«

»Die Stadt müßte man erweitern zu einem Symbol des gesamten Volkes, der ganzen Menschheit. Ach! Man müßte die Dächer da unten aufdecken können, und den Leuten in ihre Stuben blicken und Kammern. Wie sie essen, wie sie schlafen, müßte man wissen, wie sie sich gebärden, wenn sie sich ganz unbeobachtet glauben. Hüllenlos sie sehen bei jeder Bethätigung, in ihren primitiven Leidenschaften sie belauschen, wenn sie lieben und hassen, wenn sie hungrig sind, wenn sie sich voll gegessen haben und getrunken. Wie Neid, Eifersucht und Liebe abwechselnd sie gegeneinander und aufeinander treiben, wie sie sich bald umarmen, bald einander belügen und betrügen und sich den Tod an den Hals wünschen. Durch all die heuchlerischen Hüllen müßte man hindurchblicken können, die sie Geselligkeit, Familie, Gesetz, Sitte zu nennen belieben. Wem das gelänge, die Menschen so im Allerheiligsten der Alltagsprosa zu fassen! Die Tiere, ja die kann man belauschen. Aber der Mensch ist Schauspieler. Es ist so schwierig, menschliche Dokumente, wirklich echte Dokumente zu sammeln!« Fritz seufzte.

»Und was hättest du schließlich davon, wenn du auch ein paar Dutzend solcher Dokumente glücklich in deine Scheuern gesammelt hättest?« meinte Lehmfink. »Den großen Schatz ewiger Wahrheit hättest du damit nicht bereichert. Überlasse doch das Sammeln solch kleiner Augenblickswahrheiten der Wissenschaft. Warum willst du in einem Kehrichthaufen wühlen, lieber Berting, wo dir als Künstler das ganze Weltall zum Tummelplatz frei steht. Früher schrieb man Gedichte über Helden und Götter, über Menschen nur, wenn sie außerordentliche Dinge wollten; jetzt wird nicht mehr das Erhabene geschildert, sondern das Zwergenhafte. Ja, man verläßt das Gebiet des Geistigen und Seelischen vollständig, stellt in den Mittelpunkt einen toten Mechanismus als Symbol: ein Warenhaus, eine Straße, ein Bergwerk und schreibt darüber Dithyramben.«

»Schließlich bedarf die Seele doch des Leibes,« warf Berting ein, »und der Leib wieder des Kleides und der Behausung. Wir sind Sklaven der Sachen, in denen wir leben. Wie die Menschen essen, trinken, schlafen, davon hängt ab, wie sie denken, fühlen und handeln. Diese Grundlage des menschlichen Daseins muß auch die Kunst anerkennen, sie kann nicht, wie sie es bisher gethan hat, nur in den Wolken schweben wollen. Auf die allernüchternste Unterlage des Alltäglichen soll sie ihre glänzenden Muster sticken. Gefühl, Stimmung, Phantasie haben wir; aber das genügt noch lange nicht, um den großen Experimental-Roman zu schreiben, so wie ihn das Ausland hat, wie wir ihn überhaupt noch nicht ahnen. Die Wissenschaft, die Technik, die Soziologie, die ganze Natur, die Welt, alles, was es giebt, müßte man beherrschen, im Detail sowohl wie im Ganzen. Wir haben ein modernes Leben, ein großes, gewaltiges. Überall drängt es sich uns in die Sinne, aber es ist gewissermaßen nur äußerlich da, seine Eindrücke bleiben auf der Netzhaut. Wir sind so von ihm befangen, so von seiner Neuheit betäubt, daß noch niemand dazu gekommen ist, es zu verarbeiten. Und es ist so riesenhaft in seinen Dimensionen, daß die Arbeit fast hoffnungslos scheint, es jemals künstlerisch zu durchdringen. Ja, wenn man den Optimismus hätte und die Arbeitskraft eines Zola!«

»Ich begreife deine Hoffnungslosigkeit nicht,« sagte Lehmfink nach einigem Überlegen. »Daß eine Fülle von Stoff vorhanden ist, der der Verarbeitung harrt, kann man doch für den Künstler unmöglich als Unglück betrachten. Es kommt eben darauf an, den Geist zu erfassen, den höheren Sinn der tausend verwirrenden Einzelheiten um uns her. Wenn der Gelehrte vor dieser Aufgabe erschrickt, so kann ich das begreifen, denn er muß Kleinarbeit leisten und wird sich möglicherweise darin aufreiben. Der Dichter aber faßt zusammen, schenkt uns einen Blick von hoher Warte aus, der uns plötzlich die dunklen Thäler der Empirie aufhellt. Der Künstler kann seinen Standpunkt gar nicht erhaben genug wählen. Ängstliches Forschen, Sezieren, pedantische Wiedergabe der Wirklichkeit überlasse er den Forschern. Ihm ist Freiheit gegeben und Intuition, er soll uns die Harmonie hören lassen aus allen Disakkorden des Lebens, die nur seinem Ohre vernehmbar ist. Muß ich dir das sagen, Bertina!«

»Klingt ganz gut, Lehmfink. Du vergißt nur eins: wir Modernen sind an die Wirklichkeit gebunden mit ehernen Klammern. Unsere Vorfahren hatten es leicht; sie entfalteten einfach die Phantasieschwingen; je höher sie flogen, je mehr wurden sie bewundert. Aber inzwischen ist die Menschheit älter geworden. Die Naturwissenschaft hat sie aus ihren Träumen zum hellen Bewußtsein aufgeweckt. Die Sinne wollen zu ihrem Rechte kommen. Alles schreit nach Thatsachen. Die vorige Dichtergeneration hat sich Mühe gegeben, dem Publikum den Wirklichkeitssinn auszutreiben, alles mußte verhüllt, vergoldet, idealisiert werden. Wir lachen über diese Gestalten, die eine unmögliche Sprache sprechen, von Heroismus triefen und von bürgerlicher Tugendhaftigkeit. Dazu ein Milieu, das kein Milieu ist. Mit einem Worte: Unnatur, Mangel an Mut, Kräfte Originalität. Diesen ganzen falschen Idealismus wollen wir ausfegen. Das moderne Leben ist längst über ihn hinweggeschritten. In der Politik, im Erwerb, in der Technik herrscht der Realismus. Nur in der Litteratur sind wir um ein halbes Jahrhundert zurück. Das Ausland belächelt uns. Wir, die wir uns mit unzähligen Siegen brüsten, die wir uns anschicken, der ganzen Welt ein wissenschaftliches Gravelotte und ein industrielles Sedan zu bereiten, müssen uns einfach verkriechen, wenn man uns nach unseren künstlerischen Thaten fragt. Minnige, innige Butzenscheibenlieder, gedrechselte Professorenromane mit wissenschaftlichen Fußnoten, tönende Jambendramen, falsch nach Schiller empfunden. – Was soll ich noch weiter unser ganzes Elend aufzählen! – Du weißt doch, Lehmfink, wofür wir Jungen kämpfen, daß wir herauswollen aus der Misere. Wenn je eine Revolution berechtigt, notwendig, ja heilig ist, dann diese!« – Fritz Berting ließ seinen Blick über die Stadt gleiten, über das ganze weite von Leben und Arbeit erfüllte Thal. Doktor Lehmfink hätte noch manches zu erwidern gehabt, aber er verschluckte es. Er wollte den Freund nicht aus seinem Träumen reißen. Er sah, daß in jenem ein Entschluß arbeite; und das schien ihm gut zu sein.

Fritz Berting sprach ein Paar Worte, wie zu sich selbst: »Den großen, deutschen, naturalistischen Roman, wer den schriebe! Ein freies, rücksichtsloses Buch! Größer als Stendhal, Flaubert, Balzac und die Goncourts, als Zola und Dostojewskij. Wem das gelänge!« –

Alma blickte ihn mit scheuer Miene von der Seite an. Wenn Fritz so ernst dreinschaute, dann begriff sie den Abstand zwischen sich und ihm. Und das Bewußtsein dieses Abstandes machte sie traurig.

Berting umfaßte das ganze Rund noch einmal mit den Augen, dann nickte er befriedigt.

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