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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
projectided0e14cc
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Der Postmichel von Gelingen.

An der früheren Eßlinger Steige bei Stuttgart, der jetzigen Wagenburgstraße, da, wo der hintere Weg zur Uhlandshöhe abzweigt, sieht man in eine Mauer eingefügt ein altes, halb verwittertes Steinkreuz. An den Seitenarmen sieht man einige Buchstaben; aber Wörter bringt man nicht mehr zusammen. Am unteren Teil scheint früher ein Wappen eingemeißelt gewesen zu sein.

Folgende Geschichte knüpft sich an dieses Kreuz. An einem Herbstmorgen des Jahres 1491 fand man an der obenbezeichneten Stelle der Eßlinger Steige den Herrn Amandus Marchthaler aus Eßlingen ermordet auf dem Weg liegen. Trotz aller Nachforschungen konnte man lange nicht herausbringen, wer der Mörder gewesen sein mochte. Der Ermordete war unverheiratet gewesen. Ein Neffe, welchen er erzogen hatte, war sein einziger Verwandter. Dieser erbte auch sein ganzes ziemlich bedeutendes Vermögen. Nach einigen Jahren, als beinahe Gras über die Geschichte gewachsen war, fand eines Tages Michael Banhard, welcher als Botenreiter jeden Tag Briefschaften und Pakete zwischen Eßlingen und Stuttgart beförderte, an der Eßlinger Steige halb im Staube versteckt einen prächtigen Fingerring. Er hob ihn auf, um ihn auf dem Amt abzugeben. Einstweilen aber steckte er ihn an seinen Finger, und weil er ihm gar so gut gefiel, so behielt er ihn auch an, als er nach Eßlingen kam und sich in der Botenherberge zu den andern Knechten setzte, um seinen Wein zu trinken. Hier fiel aber der prächtige Fingerring an Michels Hand auf. Er wurde als derjenige erkannt, welchen der ermordete Marchthaler zu seinen Lebzeiten getragen und den man nach seinem Tod nicht mehr bei ihm gefunden hatte. Sogleich wurde Michel in den Turm gebracht, und obwohl er immer ein ehrlicher Geselle gewesen war und auch feierlich versicherte, daß er diesen Ring erst vor kurzem auf der Eßlinger Steige gefunden habe, so wollte ihm der Richter doch nicht glauben, sondern wollte durchaus ein Geständnis von ihm erpressen.

Schrecklich waren die Qualen, die Michel in der Folterkammer auszustehen hatte. Zuerst wurde er in einen runden hölzernen Kasten gesteckt, der so eng war, daß er darin nur stehen konnte. Dabei wurden ihm schwere Gewichte angehängt, welche er stehend tragen mußte. Keinen Augenblick durfte er ausruhen. Als die große Last ihm Schweiß auspreßte und er zu trinken verlangte, da wurde ihm ein scharfes Getränke gereicht, das seinen Durst noch vermehrte. Nach sechsstündiger Qual verging ihm das Bewußtsein. Er wurde heraus gelassen: aber kaum hatte er sich wieder ein wenig erholt, so ging dieselbe Qual von neuem an. Dann wurden ihm die Daumen- und Zehenschrauben angelegt. Durch diese wurde ein scharfer eiserner Dorn unter den Fingernägeln bis zu ihren Wurzeln vorgetrieben, und zugleich drückten die Schrauben die Vorderglieder der Finger und Zehen, daß das Blut herausspritzte. Hierauf tat man ihm die Pilgerschuhe an, das heißt Holzsohlen, welche mit durchgeschlagenen Eisenspitzen versehen waren, auf welchen der Unglückliche barfuß stehend alle Stunden 60–80 Schritt machen mußte. Als er auch jetzt noch nicht gestehen wollte, wurde er in das Walzwerk gebracht. Das war ein Tisch, auf welchen der zu Folternde gebunden wurde. Dann wurde an vier Kurbeln gedreht, wodurch die Arme und Füße langsam aus ihren Schüsseln herausgewunden wurden. Jetzt wurden ihm die Augenlider gewaltsam aufgesperrt, so daß er keinen Schlaf finden konnte. Nachdem er zwei Tage diese Qual erduldet hatte, bekannte er sich als Mörder, widerrief aber, nachdem er eine Nacht geschlafen hatte. Nun ließ man ihm brennende Pechtropfen auf den bloßen Leib fallen. Bei Anwendung dieser Qual gab es in ganz Eßlingen kein Winkelchen, da man Michel nicht hätte schreien hören. Der so jammervoll Gepeinigte rief nun endlich aus: »Halset mich doch ab! Ich bin der Mörder, laßt mich sterben, laßt mich sterben, heute noch!«

So sollte er denn auf dem Richtplatz, welcher Obereßlingen zu gelegen war, vom Stuttgarter Scharfrichter vom Leben zum Tode gebracht werden. Als letzte Gnade bat er sich aus, daß er auf dem Weg zum Richtplatz auf seinem Schimmel reiten und sein Horn mitnehmen dürfe, was ihm auch gewährt wurde. Als er an dem Hause des jungen Marchthaler vorbeikam, schaute dieser gerade mit seinem Liebchen zum Fenster heraus. Er, dem das Gut seines Oheims zugefallen war, hatte kein Wort der Fürsprache für den armen Michel eingelegt. Als Michel ihn sah, rief er zu ihm hinauf: »Junger Herr, ich muß unrechterweise für Euer geerbtes Blutgut das Leben lassen. Es möge Euch all Euer Tun so sauer werden wie mir meine jetzige Endwallfahrt, weil Ihr kein mild Wort geredet habt für mich, den armen Lohnknecht.« Hierauf blies er noch ein Stück auf seinem Horn.

Auf dem Richtplatz angekommen, sprach er, ehe er den Todesstreich empfing, zu dem Scharfrichter: »Alljährlich einmal in der Michaelsnacht will ich zu Stuttgart blasen vor deinem Haus, bis der erkundet ist, für den ich leide.« Noch einmal setzte er das Horn an die Lippen, da fiel sein Kopf unter des Scharfrichters Schwert. In demselben Augenblick hörte man auf der Straße gen Stuttgart einen Reiter traben und auf dem Horn blasen. Alle Zuschauer ergriff ein Schauer, und jedermann erkannte deutlich, daß Michel Banhard unschuldig hatte leiden und sterben müssen. Wer war nun der wirkliche Mörder? Niemand anders als der Neffe und Pflegesohn des Ermordeten, der junge Marchthaler. Vom Geiz getrieben und von einem schlechten Frauenzimmer dazu ermuntert, hatte er die unselige Tat vollbracht. Niemand ahnte es, und er lebte in Ansehen und unangefochten in Eßlingen. Als aber die St. Michaelsnacht kam, da erscholl auf einmal in seinem Hof das lange nicht gehörte, aber wohlbekannte Horn des Postmichels. Entsetzt sprang Marchthaler aus dem Bette, desgleichen viele seiner Nachbarn, und als sie aus dem Fenster schauten, sahen sie auf einem Schimmel einen Reiter, der den Kopf unter dem Arme trug und auf seinem Horn blies, vom Haus wegreiten. Um dieselbe Stunde ertönte das Horn auch vor dem Hause des Scharfrichters zu Stuttgart. Auch er sah den Mann mit dem Kopf unter dem Arm aus seinem Hof reiten und in den Gärten an der Heusteig verschwinden. Am andern Morgen aber verließ der, dem der Besuch in Eßlingen gegolten hatte, vom bösen Gewissen getrieben, seine Heimat und zog ferne über Land. Aber mochte er noch so weit ziehen, mochte er sich in das Gewühl volkreicher Städte stürzen oder mochte er die tiefste Einsamkeit aufsuchen – nirgends fand er Ruhe, und alljährlich in der Michaelsnacht kam der angeritten, der unschuldig für ihn gestorben war. Um das Gräßliche nicht mehr sehen zu müssen, suchte er den Tod in der Schlacht. Aber ob auch Hunderte neben ihm fielen, ihm geschah kein Leid. Er ging zu den Pestkranken und blieb gesund. Er gab sich für einen Mörder aus, man glaubte ihm nicht. Er legte selbst Hand an sein Leben und konnte es nicht zerstören, weder im Feuer noch im Wasser, weder mit dem Messer noch mit dem Strick. So zog er 70 Jahre lang umher. Endlich lenkte er seine Schritte wieder in seine Vaterstadt. Dort kannte ihn niemand mehr, und nur noch wenige Leute lebten, die seinerzeit den Postmichel hatten hinrichten sehen. Sein Leib war schrecklich anzusehen wie der eines Gefolterten, und in Eßlingen hielt ihn jedermann für kindisch, denn niemand ahnte, daß sein eigentümliches Benehmen eine Folge der auf ihm lastenden Blutschuld sei. Noch einmal mußte er die schreckliche Michaelsnacht erleben. Am andern Morgen fand man ihn, in Krämpfen sich auf dem Boden windend. Nach einigen Stunden legte sich sein Krampf, und er rief zu wiederholtenmalen: »Ach, sterben wollen und nicht können ist mehr denn eine Hölle!« So lag er zehn Tage in Todesnot. Seine Gliedmaßen waren eisig und starr, und doch konnte er nicht sterben. Da trat ein alter frommer Herr vor das Bett und betete:

Treuer Gott, ich muß Dir klagen
Dieses Pilgrims Jammerstand;
Weiß zwar wohl, daß seine Plagen
Dir, Allnaher, schon bekannt.

Aber sieh, ich flehe bitter:
Wollst Du ziehn lan aus dem Gitter
Dieser morschen Lehmenhütt'
Drangsalsseel' in Deine Mitt'.

Hat das Herze auch verschuldet
Meineid, Totschlag, Missetat,
Hat ja Jesus Christ erduldet
Auch für ihn nach Deinem Rat!
Mein's Gebetes Senfkorn sprieße
Auf zu Dir, Herr Gott, und schließe
Zoars Gnadenpförtleintür
Innauf diesem Sünder hier!

Hast liebväterlich verheißen:
»Wer da bittet, der empfängt.«
Gib nun nach Elias Weisen,
Wonach jetzt mein Flehruf ringt:
Blas die flacken Lebensflammen
Über'm müden Beinhaus z'sammen,
Und laß des Verlaßnen Pein
Endelich und selig sein.

Auf dies hin ermannte sich Marchthaler noch einmal und erzählte dann dem Herrn, wer er sei und was er in seinem Leben Böses getan, aber auch wie schwer er dafür gebüßt habe. Und als er nun durch diese Beichte sein Gewissen erleichtert hatte, da durfte er endlich sanft entschlafen. Man fand ein Testament bei ihm, in welchem er aus dem Vermögen, das während seiner langen Wanderzeit in Eßlingen für ihn verwaltet worden war, verschiedene wohltätige Stiftungen machte, u.a. die, daß jedem armen Wanderer in Stuttgart acht Pfennige gegeben werden sollten. An der Stelle des Mordes sollte ein Steinkreuz errichtet werden mit der Inschrift:

Wanderer, steh still!
Merk, daß um Heilands Will',
Zu Stuttgarten im nahen Tal,
Acht Pfennig werd' Dir an der Zahl.

Nach Munder.

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