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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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Der Edelmann von Lohr.

Unweit der Stadt Crailsheim ragt aus dem Talgrund zur rechten Hand der Jagst ein Bergrücken auf. Der ist so stattlich und breit, daß es wohl wahr sein kann, was die Alten von ihm sagen: Auf diesem Bergrücken soll ehedem ein gar trutziglich Schloß gestanden sein, und in diesem Schloß soll das edle Geschlecht der Herren von Lohr oder Lare (== Wohnsitz) gehaust haben. Sie waren weit und breit bekannt im Frankenland, die Herren v. Lohr, und zu ihrer wettergrauen Feste sah zwei und drei Jahrhunderte vor und nach dem Jahr ein tausend unserer Zeitrechnung im Jagstgau ein arbeitend Bauernvolk in scheuer Furcht und bangem Hoffen auf, gewärtig der Befehle, die von droben kamen. Und manch ein Ritter auch, der sonst vor Bauersleuten stolz das Haupt erhub, beugte vor den Herren v. Lohr den Nacken, lebte er doch als Dienstmann von deren Gnad' und Gunst. Und so mag's gekommen sein, daß in diesem herrschgewohnten Geschlecht allmählich hochfahrender Sinn und ungezügelte Rücksichtslosigkeit sich vom Vater auf den Sohn und vom Ahn zum Kindeskind vererbten.

Und einer der Lohrer Edelleute war gar ein grimmer Mann. Der war Gott und aller Welt feind, und die Leute sagten das Wahrwort über ihn: Der mag sich selber nicht.

Dieser Finsterling hatte als einziges Kind einen Sohn, und dieser Sohn war in allem und jedem Stück das Ebenbild seiner heimgegangenen Mutter und in allem und jedem Stück das Gegenteil von seinem Vater. Er war, kurz gesagt, ein echter Edelmann, der Sohn, menschenfreundlich mit den Bauersleuten und ein Wohltäter der Armen. Dieser junge Edelmann jagte einst in den Waldbergen um Lohr, und wie es nur so gehen soll: in den Forsten ob dem Dörfchen Westgartshausen trifft er ein Mädchen an. Ihr Bild berückt sein Herz und alsogleich flammt heiße Liebe auf im jungen Edelmann. Hoch und teuer verschwört er sich, diese liebliche Menschenblüte als sein Ehegespons heimzuführen und keine andere.

Aber da setzt's harte Kämpfe. Fürs erste: das Mädchen will nicht; an Edelmannsschwüre glauben, scheint ihr Torheit zu sein. Zudem sei sie eines Bauern Kind und für einen Edeling somit zu niederen Standes. Doch der Edeljüngling bat und bat und endlich nach vielem Ungestüm erhielt er denn auch des Mädchens Jawort. Alsofort tritt er vor seinen Vater, diesem seine Liebe offenbarend. Doch da kam er übel an. »Was!« rief der Lohrer Edelmann wutschnaubend, »unsern altedeln Stamm willst du schänden durch eine Bauerndirne!

Warte, mein Junge, ich will dir die Suppe, die du dir eingebrockt, gründlich verekeln.« Sprach's und ritt spornstreichs aus dem Burghof. Aber nicht allein. Er hatte nämlich einen Knecht, der alte Edelmann, einen zwerghaften, verschmitzten Burschen, von dem mit Recht die Rede ging: Je krümmer je schlimmer! Dieser Knirps war seit je mit seinem Herrn, dem alten Edelmann, auf gut und bösen Wegen gegangen. So auch heute. In scharfem Ritt jagten die beiden geradeswegs gen Westgartshausen. Die Liebste seines Sohnes wollt' er aufheben, der Lohrer. Doch die ist nicht daheim, ist draußen im Feld tätig. Das weiß der junge Edelmann und reitet, dieweil er sich von seinem Vater keines Guten versieht, raschestens hin zu seiner Liebsten aufs Feld. Es gelingt ihm, sie zu überreden. Er setzt sie auf sein Roß und will, so gut es geht, querfeldein in jagender Eile gen Jagstheim reiten. Denn dort ist ihm ein Bauernhof zu eigen, und dort will er sich mit seiner Liebsten niederlassen, dort sie freien.

's war ein Abend im Hochsommer. Die Mondsichel steigt herauf am nachtblauen Himmel. Der junge Edelmann reitet und reitet durch den schweigenden Abend, sein Liebchen im Arm. Der alte Edelmann, der mittlerweile den Aufenthalt des Bauernmädchens erfragt hat, reitet mitsamt dem Knirps hinter ihm drein wie das siedende Unwetter, und in der Höhe vom Dorf Ingersheim, mitten im blachen Feld, ereilt der Vater den Sohn. »Laß die Bauerndirne!« schreit der Alte und zückt sein Schwert, um es dem Mädchen in die Brust zu stoßen. In diesem Augenblick reißt jedoch der Sohn sein Pferd herum, und des Vaters Stahl dringt nun ins Herz des eigenen Sohns. Lautlos sinkt dieser vom Gaule.

Da springt zähnefletschend wie ein wildes Tier der teuflische Knirps herbei und stößt dem Mädchen die Klinge in die Brust. Hochauf spritzt der Blutstrahl. »Nun habt Ihr uns doch vermählt, durch den Tod, Herr Edelmann,« sagt das Bauernkind, schlingt die Arme um den Liebsten, preßt die Lippen auf die seinigen und stirbt.

So noch von Sterbenden verhöhnt zu werden, das fachte den Zorn des Lohrer Edelherrn aufs ärgste an. Er sann und sann und brütete, und noch in selbiger Nacht hub er zwei Gräber aus, und in jedes derselben warf er ein Totes, 's war des Lohrers eigener Grund und Boden, wo die beiden starben und begraben wurden, und so war einige Sicherheit gegeben, daß niemand die Untat erfahren würde. Bis am Morgen die Sterne erbleichten und Tageshelle sich im Osten zeigte, solange schaufelten der Edelmann und der verzwergte Knecht und wurden fertig.

Aber auch im Tode sollte der Unterschied des Standes der Liebenden aufrecht erhalten werden, und drum pflanzte der Lohrer Edelmann zu Häupten desjenigen Grabes, in dem sein Sohn lag, eine Eiche; ein Stoß von Efeukränzen, Schild und Wappenbanner, Speer und Harnisch wurden eingegraben; die Ruhestätte des armen Bauernmadchens aber sollte wüste und öde liegen.

Nun ging eine kurze Zeit um, und was in Nacht verborgen war, die Sonne macht' es offenbar. Die Bluttat des Edelmanns ward ruchbar. Ein dumpfes Murren und Grollen ging im Jagsttal durchs Bauernvolk: von Mund zu Munde raunte man das Schreckliche, das geschehen sein sollte, aber etwas Gewisses wußte niemand. Aber am nächsten Gautag sollte der Edelmann beim Ting zu Altenmünster vor allem Volk gefragt werden, was er von dem vermißten Westgartshäuser Bauernmädchen wisse. Aber da fand vorher noch ein Bauersmann von ungefähr die beiden Gräber im Blachland, und jetzt war es allen offenbar, welches Todes die Vermißte verblichen. Flüche über den Lohrer Edelmann stiegen auf, und in verzweifelter Wehklage hoben die betagten Eltern des gemordeten Mädchens ihre Arme auf zum Rächer des Unrechts. Über Nacht schmückten viele teilnehmende Menschen das Grab des Bauernmädchens mit Blumen und Gewinden. Darob geriet nun der Edelmann in namenlose Wut. Er schwur, jeden Bauern spießen zu lassen, der zur Tages- oder zur Nachtzeit bei den Gräbern angetroffen würde; in seinem Gelände hätte niemand etwas zu suchen. Ja, er beschloß, die »Bauerndirne«, wie er sagte, ausgraben zu lassen und ihren Leichnam den Vögeln des Himmels auszusetzen.

Gesagt, getan. In einer mondhellen Julinacht ging er, seines Stolzes vergessend, mit seinem verzwergten Knecht und einigen anderen selbst ans Werk. Doch da geschah ein Seltsames. Inwährend die Knechte zum Spaten griffen und der Edelmann die Anordnungen zur Ausgrabung der Leiche traf, überzog sich urplötzlich der Himmel mit dräuendem Gewölk. Das war da, als war' es hergeblasen worden. Die Blitze loheten und Donner grollten grausig obenher, und das klang wie das gewaltige Zürnen grimmer himmlischer Stimmen, In Lüften ging ein tosend Branden und Brausen, als führe das wilde Heer daher. Die Knechte wollten davongehen. Doch da schlug der Edelmann mit eigener Hand den Spaten in das Grab des Mädchens. Im selben Augenblick ein blendender Strahl. Blitz und Donnerschlag fielen zusammen, und am Boden lagen zwei zuckende Menschenleiber: der Edelmann und der Zwerg, sie waren vom Donnerwetter erschlagen, indes die andern mit dem Schrecken davonkamen. Der obere Richter hatte, ehvor das Ting zusammenkam, sein Urteil gefällt: der letzte Lohrer wurde von Gott getötet, und wer von Gott geschlagen ist, der steht nimmer auf.

Die Schleusen des Himmels taten sich auf und unendlicher Regen goß herab. Von den Hängen und Lehnen stürzten die Wasser daher, und die Bäche und die Flüsse schwollen, und von den jagenden Fluten wurden die Leiber der beiden erschlagenen Unholde davongetragen – wohin, das hat kein Sterblicher jemals erfahren. Nur das Gewaffen des Edelmanns hat man hernachmals noch gefunden.

Und seit jener Zeit sieht man oft in finstern Nächten den Lohrer Edelmann auf schnaubendem Roß und in Begleitung von schwarzen Hunden ruhelos vom Ort der beiden Gräber bis gen Westgartshausen jagen und wieder zurück. Und auch der Zwerg geht als schwarze Gestalt unselig zwischen Lohr und den Gräbern einher, bald im einsamen Ackergelände, bald aber taucht er neben dem friedlich auf der Landstraße daherziehenden Wanderer auf und begleitet ihn ein Stück Wegs. Dann neckt und schreckt der Stummel die Leute, und insbesondere den Jungfrauen ist er abhold.

Und im Gedenken an diese Geschichte vom Lohrer Edelmann und vom Westgartshauser Bauernmädchen sagten ehedem die Bauern in der Gegend bei einem dem Stand nach ungleichen Paar, das sich heiraten wollte, das Wort: »Paar und Unpaar taugt nicht. Und wenn's der Edelmann noch so treulich gemeint, und wenn er auch seine Treue mit seinem Herzblut besiegelt hat, – was nicht sein soll, kommt nicht z'samm'. Alles Ding hat seine Weis', auch die Lieb' und d' Heirat!« Und wer es nicht glaubt, dem erzählt man hierzuland die Geschichte des Edelmannes von Lohr.

(C. Schnerring-Crailsheim. Nach mündlichen Berichten.)

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