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Wunderlicher Traum von einem großen Narrennest

Abraham a Sancta Clara: Wunderlicher Traum von einem großen Narrennest - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleWunderlicher Traum von einem großen Narrennest
authorAbraham a Sancta Clara
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006399-X
titleWunderlicher Traum von einem großen Narrennest
pages3-6
created19990805
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1703
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Ein Forchtsamber Narr.

Die Zahl diser wunderlichen Gesellen ist sehr groß / wer sie zehlen will / der hat schon zuthun. Der wackere Kriegs-Fürst Gedeon hat sich selbsten müssen verwundern / daß unter seiner Armee, die er wider die Machaniter außgeführt / sovil Lettfeigen sich eingefunden; dann wie er auß Befehl GOttes außruffen lassen / qui formidolosus et timidus est, etc. Judic. c. 7. Wer zaghafft und forchtsamb ist / der kehre wider umb; worauff alsobald zwei und zwaintzig tausend Mann nacher Hauß gangen / lauter Haasen-Hertz / und forchtsambe Narren.

Hertzfeld ist ein schönes Orth in dem Hertzogthumb Brehmen; Hertzberg ist ein Fürstliches Geschloß / unweit der Stadt Osteroda; aber nicht ein jeder schreibt sich von disen zweien Orthen / dann gar vil da und dort anzutreffen / so kein Hertz haben. Mehrer aber / und weit mehrer schreiben sich von Forchheimb / ein Stadt zwischen Bamberg / und Nürnberg: O was forchtsambe Leuth findet man zu aller Zeit.

Heliogabalus der sonst stoltze Kaiser ware so forchtsamb / daß er wegen Anruckung deß Feinds sich mit seiner Mutter in ein heimbliches Gemach verschlossen / auch daselbst elend umbs Leben kommen; zwar für ein solche Nasen gehört kein anderer Balsam.

Aristogiton ein vornehmer Edelmann von Athen, einer sonderbarer Leibs-Stärcke / diser pralte immerzu / wie daß er ihme traue ein gantze Armee zu Schanden machen / seiner Aussag nach ein solcher Eisenbeisser / daß er einen geharnischten Mann wie einen Flederwüsch wolle in die Höhe werffen; als er aber sambt anderen hat sollen ins Feld ziehen / da hat er gleich alle beede Füß verbunden / und offentlich daher gehuncken / wie ein Hund der in der Kuchel durch einen Schier-Hacken den Abschid bekommen.

Caligula ein solcher unerschrockener Held (scilicet) welcher bei dem Donners-Wetter nicht anders gezittert / als wie ein Schweinene Sultz / auch sich unter das Beth salviert / und beede Ohren zugestopffet.

Es gibt noch forchtsamere Narren / als dise gewest / ja nicht wenig / so sich gar vor ihren eignen Schatten offt förchten. Es seind vor wenig Jahren einige bei nächtlicher Weil zur Winters-Zeit in einem Zimmer gewest; unwissend ihrer hat ein Knab zwei Äpffel in das Ofen-Rohr gelegt zu braten / welche dann ungefehr angefangen zu pfeiffen / und zu schmudern / worüber einer den andern angeschaut / alle erbleicht / endlich wolt ein jeder der Erste bei der Thür sein / der Meinung alle / daß es ein Gespenst seie. O forchtsambe Narren!

Ein Handwercks-Bürschel ist von Wienn nacher Neustatt gereist / als er unweit einer Mühl gewest / so ins gemein die Teufels-Mühl genennt wird / und bei sich gedenckt / er habe einmahl gehört / daß an disem Orth ein lebendiger Teuffel umbgehe (so aber deme nicht also) fast hierüber erschrocken / weil es sehr Abends ware / daß er angefangen zu lauffen / und weil er vorhin umb etliche Kreutzer Nuß in den Sack geschoben / der Sack aber zerrissen gewest / also ist ihme ein Nuß nach der andern auff die Fersen gefallen / dardurch er gäntzlich vermeint / es trätte ihm der Schwartze schon auff die Füß / ist endlich dergestalten geloffen / und also matt worden / daß er zu Boden gefallen / und geschrien / Teufel holst mich / oder holst mich nicht / ich kan warhafftig nicht mehr lauffen. O Narr!

Ich weiß selbsten ein Orth / wo sich folgende lächerliche Geschicht ereignet. Nachdem ein ehrlicher Mann mit Todt abgangen / auch nach Gebühr zur Erden bestattet worden / da hat man hernach / wie gewöhnlich / die Besingnuß und Exequien gehalten / mit einem Hoch-Ampt / und Predig; weil aber der Meßner kein rechte Toden-Bahr hatte zum auffsetzen / also hat er einen Bach-Zuber an statt dero genommen / denselben mit dem Bahr-Tuch bedeckt / und folgsamb mit brennenden Kertzen / wie zu geschehen pflegt / nach Möglichkeit geziehrt; underdessen ist ein Hund unvermerckter Weiß under dises Todten-Gerüst kommen / und an dem Bach-Trog der erst den ersten Tag vorhero gebraucht worden / angefangen zu nagen / daß sich endlich der Bach-Trog bewegte: dem Prediger auff der Cantzel und andern Anwesenden war es nicht wol bei der Sach / alle dise wusten nichts von dem Hund; endlich das allzu starcke Nagen deß Hunds hat gemacht / daß die Todten-Bahr / sambt allen Leuchtern zu Boden gefallen / welches dann den Prediger von der Cantzl / die Leuth alle auß der Kirchen getriben / ihnen den grösten Schrocken eingejagt / weil sie vermeint haben / der Todte sei aufferstanden / und hab wollen protestiren über das Lob / so ihme der Prediger gegeben. O Narren!

Man wird einige Haasen-Hertz finden / die bei der Nacht nicht können allein ligen; andere trauen ihnen nicht einmahl die Hand auß dem Beth zu recken; andere erschröcken / wann sie nur ein Mauß hören / wann nur ein Bret kracht / ein jeden Block und Stock sehen sie für einen Bau / Bau / oder Gespenst an. O forchtsambe Narren! Wer ist Ursach diser euer Zaghafftigkeit? Niemand anders / als das böse Gewissen / mala conscientia pavidum facit et timidum, das üble Gewissen / sagt der H. Chrysostomus Hom. 8. ad Pop. das üble Gewissen machet / daß der Mensch zu allen Sachen zittert / und ein stätte Letfeigen abgibt. König Balthasar ein Sohn deß hochmütigen Nabuchodonosor hielte ein Mahlzeit / worbei Tausend seiner Obersten als Gäst erschinen; nachdem nun alles ziehrlich zugericht / und alle zimblich berauscht / und die sammentliche Anwesende in bösten Freuden- und Jubell-Schall waren / da hat der König wahr genommen / daß drei Finger von einer unsichtbaren Hand etwas auff die Wand geschriben / worüber er dergestalten erschrocken / daß er wie ein Wachs erbleicht / ja er zitterte also an dem gantzen Leib / daß die Knie stäts zusammen geschlagen. Dan. c. 5. Die meiste Umbstehende haben dem König dise gefaste Fausen wollen nemmen / ja einige waren / die es für etwas guts ausgelegt / aber Balthasar zitterte immerfort wie ein Espes Laub / und ist wenig abgangen / daß ihn nicht gar die Lebens-Geister verlassen; was hat ihme doch disen Schrocken also eingejagt? Was? Frag ein Weil! Es hats gemacht das böse Gewissen. Ein beleidigtes Gewissen verursacht / daß so vil forchtsame Narren in der Welt gefunden werden; entgegen aber ein gerechtes Gewissen ist ein Schild / ist ein Schutz / ist ein Schantz wider alles / und förchtet solches so gar den Teuffel nicht / sambt seinem Anhang.

Der H. Macarius hat auff ein Zeit sein Nacht-Lager genommen auff einem Fried-Hoff oder GOtts-Acker / und zugleich für ein Küß oder Haupt-Boltzer gebraucht einen Todten-Cörper / so daselbst gelegen / und deß andern Tags erst hat sollen begraben werden; wie die Teuffel solches ersehen / haben sie angefangen den Cörper zu bewögen / hierdurch dem Macario ein Forcht und Schrocken einzujagen / er aber der gerechte Mann stund auff / schüttelt gantz unverzagt den Cörper / sagend / stehe auff / wanns kanst / und gehe weiter etc. darüber der Teuffel alsobalden die Flucht genommen: Keiner förcht sich der ein gutes Gewissen hat vor disem Höll-Hund; dann bellen kan er wol / aber nicht beissen ohne sondern Willen GOttes.

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