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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Bild

Personen

      Menschenhaufen
Zeitungsjungen
Erster Zeitungsjunge
Zweiter Zeitungsjunge
Dritter Zeitungsjunge
Vierter Zeitungsjunge
Verron
Frau Verron
Erster Mönch
Zweiter Mönch
Weiber
Eine Prozession

Platz in Verdun

*

Am frühen Morgen.

Von allen Seiten strömen Menschenhaufen zusammen. Wildes Schreien, Kolportieren wilder, unsinniger Gerüchte.

Erste: Gott im Himmel! Was gibts denn?

Zweite: Was ist denn geschehn?

Dritte: Die Regierung Delcampe ist gestürzt!

Vierte: Der Teufel soll sie holen! Deswegen dieser Lärm? Man wird eine andere finden!

Fünfte: Paris brennt! Paris brennt! Auf allen Seiten brennt Paris!

Dritte: Telegraph und Telephon sind unterbrochen! Es gibt keine Verbindung mehr mit Paris!

Fünfte: Baut Barrikaden! Holt Waffen! Die Kommunisten haben die Diktatur des Proletariats ausgerufen! Paris brennt! Auf allen Seiten brennt Paris!

Erste, Zweite und Dritte: Nieder mit den Kommunisten! Nieder mit Moskau! Nieder! Nieder!

Sechste: Nicht die Kommunisten! Die Faschisten! Die Italiener! Die Italiener sind eingebrochen!

Alle: Nieder! Nieder mit ihnen! Holt Waffen! Barrikaden!

Siebente: Zeppeline!! Zeppeline!! Zeppeline vergasen die Städte! In die Keller! In die Keller! Die Boches kommen in Zeppelinen!!

Alle: Nieder! Nieder! In die Keller! Rettet euch! Die Boches kommen mit Zeppelinen! Rettet euch! (Alles strebt panikartig auseinander.)

Achte (strömen schreiend herbei): Ein Wunder! Ein Wunder! Das größte Wunder aller Zeiten! Die Toten sind auferstanden!!

Viele: Wer? Was? Was sagt ihr?

Neunte (verstärken die Gruppe der Achten): Die Toten des Weltkrieges! Die Gefallenen! Ein Wunder ist geschehen! Die Gefallenen sind auferstanden!

Viele: Unsinn! Unsinn! Es gibt keine Wunder! Laßt euch doch keinen Bären aufbinden!

Zeitungsjungen (laufen von allen Seiten herbei): Extraausgabe! Extraausgabe! Das größte Wunder seit Erschaffung der Welt – 10 centimes! Die Auferstehung auf den Soldatenfriedhöfen – 10 centimes! Die ersten authentischen Berichte – 10 centimes! Berichte von Augenzeugen und Gewährsmännern – 10 centimes! Extraausgabe! Extraausgabe! (Man umringt sie, kauft. Die Jungen eilen weiter.)

Andere Zeitungsjungen (stürmen auf den Platz).

Erster: Extraausgabe des »Journal«: Die Auferstehung um Verdun!

Zweiter: Extraausgabe des »Temps«: Panikszenen in Städten und Dörfern!

Dritter: Extraausgabe der »Grande Nation«: Die Auferstandenen pazifistisch durchseucht!

Vierter: Extraausgabe der »Humanité«: Der Klerus aller Konfessionen gänzlich unvorbereitet! Fassungslosigkeit im Vatikan! Die Regierung Delcampes vor dem Sturz!

Dritter: Schmähliche Szenen auf den Friedhöfen: Auferstandene Franzosen und Deutsche Arm in Arm! Empörung in französischen und deutschen nationalistischen Kreisen!

Vierter: Verbrüderungsszenen auf französisch-deutschen Friedhöfen! Die Kriegsbourgeoisie erzittert! Die Weltrevolution marschiert!

Erster und Zweiter: Extraausgabe! Extraausgabe! Nur zehn centimes!

(Die Zeitungsjungen verkaufen Blätter und stürmen weiter.)

Verron und Frau Verron (drängen sich durch die lesende Menge).

Verron: Mein Herr . . . Meine Dame . . . Verron, mein Name . . . Ich heiße Verron . . . Das Wunder . . . Das große Gotteswunder . . . (Man hört nicht auf ihn.)

Frau Verron: Meine Dame . . . Mein Herr . . . Auch wir . . . Auch wir . . . Wir haben auch einen Sohn verloren . . . Das einzige Kind . . . Wir sind schon so alt . . .

Verron: Ist er darunter –? Lebt er wieder –? André Verron – so war sein Name . . .

Frau Verron: Gott würde Ihnen die Antwort lohnen, mein Herr . . . Meine Dame . . . Gewiß wird Gott es Ihnen dereinst lohnen . . . (Niemand hört auf sie. Sie gehen weiter.)

Erste: Es ist wahr! Es ist wahr!

Zweite: Ein Wunder! Ein Gotteswunder!

Dritte: Unsinn! Redet doch keinen Unsinn! Es gibt keinen Gott! Und es gibt keine Wunder!

Viele: Lästert nicht! Lästert nicht! Gebt es nicht zu, daß die lästern.

Vierte: Noch haben sich die Universitäten nicht geäußert!

Fünfte: Jawohl! Die Wissenschaft! Die Wissenschaft wird schon eine Erklärung finden!

Sechste: Es gibt keine Erklärungen für Wunder, ihr Narren!

Siebente: Weil es keine Wunder gibt, ihr Dummköpfe!

Achte: Strohköpfe seid ihr! Ungläubige Narren und gottlose Dummköpfe! An die Laternen sollte man euch hängen! Gott hat ein Wunder vollbracht! Das größte Wunder seit Erschaffung der Welt! (Hohngelächter der anderen. Zusammenstöße drohen.)

Neunte (strömen unter Führung eines Mönches heran).

Mönch (in zerfetzter Kutte, das Kreuz wild hochschwingend, ekstatisch, mit irrem Blick): Ihr! Ihr!! Ihr!!! Was steht ihr bedeckten Hauptes? Was giert ihr nach Sensation und lauft geschäftig umher – als ob es um schnöden Gewinn ginge und schmutzigen Profit und nicht um das Heil eurer verfinsterten Seelen?! Warum, Vermaledeite, steht ihr noch aufrecht? Warum scheuern eure geilen Knie sich nicht längst wund im Gebet? Verruchte! Verfluchte! Warum verbergt ihr nicht eure feilen Gesichter vor dem Zorne des Herrn?! Von Gott Verworfene! Warum reckt ihr nicht eure besudelten Arme zum Himmel?? Larven der Finsternis!! Warum reinigt ihr nicht eure raffgierigen Hände durch frommes Falten im Gebet?? Beute der Hölle!!! Gestern noch gefressen, gesoffen, mit Wollust gehurt, und heute – – – vor dem Angesicht des Herrn??? Wie wollt ihr bestehen, Elende, wie ewiger Verdammnis, wie der Hölle entgehen?? Fort! Fort!! Fort!!! In die Kirche mit euch – wenn ihr euer Seelenheil zu retten versuchen wollt! In die Kirchen!! In die Kirchen!!! (Er rast weiter, von seiner Schar gefolgt. Ganz ferne beginnen die Glocken zu läuten.)

Viele (folgen ihm): In die Kirchen! In die Kirchen!

Viele (sind in die Knie gesunken).

Weiber (kommen heran): Unsere Söhne! Unsere Männer! Jesus! Jesus! Der Meine kommt zurück! Der Meine kommt wieder! Maria! Maria! Er lebt! Er kommt wieder! Der Meine! Der Meine! Jesus! Maria!

Zehnte (strömen heran und tragen auf ihren Schultern den zweiten Mönch).

Zweiter Mönch (jung, geistig, verzückt): Jauchzet, ihr Menschen, und jubelt! Was verheißen – hat sich erfüllt! Angebrochen ist der Tag des Herrn – da man am wenigsten ihn erwartet! Wie der Feind des Nachts die Unvorbereiteten überfällt, so wird er treffen die Ungläubigen, die im Dunkel sicher zu ruhen wähnten! Die Gläubigen aber, die ihn erwartet – sie sind nicht in der Finsternis, die zum Schlaf verführt! Söhne des Lichtes sind sie und des Tages – und um sie ist es strahlend und hell! Jauchzet drum, ihr Menschen, und jubelt! Streuet Blumen auf die Straßen und kränzet eure Häuser! Stellet Kerzen in die Fenster und die Bilder der Heiligen! Ziehet Feiertagsgewänder an und schart euch zu Prozessionen! Lobpreiset den Herrn und singet Ihm Dank! Denn Er hat das Wunder der Wunder vollbracht! Die ihr getötet – hieß Er auferstehen! Und wieder leben – die ihr in den Tod geschickt! – Abel, von Kain erschlagen, ist zu neuem, zu ewigem Leben erwacht!! Halleluja, ihr Menschen, halleluja! Jauchzet und jubelt: was euch verheißen – es hat sich erfüllt!!!

Man trägt ihn weiter. Eine Prozession, geführt von Priestern in vollem Ornat, erscheint lobsingend. Die Menschen auf dem Platz sind nach und nach in die Knie gesunken. Nun gibt es nur noch Kniende und Betende.

Die Glocken, die vordem schwach und aus der Ferne geklungen, dröhnen jetzt in verschiedener Tönung, laut und mächtig aus nächster Nähe, und hallen, sich zur Größe steigernd, ehern in den Jubelgesang der Prozession.

Die Bühne schließt sich.

 


 

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