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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Bild

Personen

  Dr. Overtüsch, der Reichskanzler
Frau Overtüsch

Berlin

Bei Overtüsch. – Um dieselbe Stunde

*

Ein Raum von altmodisch-bürgerlicher Behaglichkeit.

In der Mitte rückwärts die beiden Ehebetten mit den Nachttischchen. (Am Fußende Stühle mit den abgelegten Kleidern.) Über den Betten: große, gerahmte Photographie, das Ehepaar als Hochzeitspaar darstellend. Mode 1900. – Rechts vorne: Kleiner Schreibtisch mit Telephon. Darüber Bücherbrett mit den Klassikern in Goldschnitt und dem Lexikon.

Dr. Overtüsch und Frau Overtüsch schlafen. Das Telephon läutet.

Frau Overtüsch (erwacht, schaltet die Nachttischlampe ein): Nanu –?

Overtüsch (rührt sich): Hast du was, Muttchen?

Frau Overtüsch: Das Telephon, Vatchen. Wieder einmal! Ich will nachsehn, was es gibt.

Overtüsch (munterer): Soll ich nicht vielleicht . . . ?

Frau Overtüsch (hat über das Nachthemd den Schlafrock geworfen): Was dir nicht einfällt! Wo du heute so einen anstrengenden Tag hinter dir hast! Die Reden und all das dumme Zeug . . . (Verärgert:) Aber recht ist es nicht von ihnen. Früher haben sie uns wenigstens in Ruhe schlafen lassen. Nun gewöhnen sie sich an, uns jede Nacht zu stören.

Overtüsch: Dafür sind wir doch jetzt Reichskanzlers, Muttchen, und früher waren wirs nicht.

Frau Overtüsch: Damit entschuldigst du jetzt immer alles, was sie uns antun.

Overtüsch: Murr nicht, Muttchen, dadurch wirds nicht besser, sondern schlimmer. Man muß seine Pflicht tun – bei Tag und bei Nacht.

Frau Overtüsch: Gut, gut, Vatchen. Ich tu ja auch schon meine Pflicht. (Hebt den Hörer ab; pompös:) Hier – die Reichskanzlerin! Wer dort? Wer ? Das A. A.? Natürlich! Jede Nacht: das Auswärtige! Ob Sie uns geweckt haben? Selbstverständlich haben Sie das, Freundchen! Oder meinen Sie, wir schaun um zwei Uhr morgens zum Fenster raus?

Overtüsch: Frag ihn doch, was er will!

Frau Overtüsch (horcht, schüttelt mißbilligend den Kopf): Soso. Eine bedeutungsvolle Nachricht . . . Sagen Sie bloß, Freundchen, woher wissen denn Sie, ob eine Nachricht bedeutungsvoll ist oder nicht? Wozu wären denn dann wir da, wenn Sie das schon entscheiden könnten, wie?

Overtüsch: So frag ihn doch schon, was es gibt!

Frau Overtüsch: Nur immer mit der Ruhe, Vatchen. Eine alte Frau wie ich ist doch kein Luxuszug! (Ins Telephon:) Na, denn man los! Platzen Sie schon raus mit Ihrer bedeutungsvollen Neuigkeit. (Sie hört unbewegt zu, schüttelt nur ab und zu staunend den Kopf.) Nein, so was! So was! Nicht zu glauben . . . Was es jetzt nicht alles gibt . . . ! In Frankreich, sagen Sie? Na, das ist recht. Sollen die nur auch mal ihre kleinen Annehmlichkeiten haben. Die werden sonst gar zu üppig . . . Aber sagen Sie mal, Besterchen: Warum haben Sie denn da eigentlich uns aus dem Schlaf geklingelt? Was können denn wir dazu tun? Da müssen Sie doch ganz 'n anderen raustrommeln! Wen? Na, ich denke, die Herren vom Kirchensenat? Oder vom Oberkirchenrat? Den päpstlichen Nuntius? Den Erzbischof? Den Oberrabbiner, meinswegen! Aber doch nicht den Reichskanzler! Der hat doch mit Toten nichts zu schaffen! Dem geben schon die Lebenden genug aufzuknacken! Sehen Sies auch ein, Männchen? Ja –? Freut mich, freut mich. Dann ist ja wieder alles schön und gut. Nur immer an die kompetenten Stellen . . . Dann ist Ordnung im Reich, und ohne Ordnung is nich zu machen . . . Nein, wir tragens nicht nach. Gute Nacht, Besterchen. (Legt auf, geht zu Bett.) Zu merkwürdig, daß sich die Leute nie in den Kompetenzen auskennen. Wie sollen wir da Ordnung halten im Reich ?

Overtüsch: Was hats denn gegeben?

Frau Overtüsch: Nicht der Rede wert, Vatchen. Bring dich nicht aus dem Schlaf. Mit Frankreich was und mit Toten. Das hat auch morgen Zeit.

Overtüsch: Na, dann gute Nacht, Muttchen. (Legt sich auf die andere Seite.)

Frau Overtüsch: Gute Nacht, Vatchen. (Pause. Sie sitzt nachdenklich da.) Nein, nein, nein! Diese heutige Zeit! Außer Rand und Band! So was hats früher doch nicht gegeben! Kein Verlaß mehr heute auf nichts! (Pause.) Aber dem Delcampe, diesem Ekel, dem gönn ich das von Herzen! (Sie legt sich gleichfalls auf die Seite, schaltet das Licht aus.)

Die Bühne verdunkelt sich.

 


 

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