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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Bild

Personen

        Marcel Delcampe, der französische Ministerpräsident
Odette Lefèvre

Paris

Bei Odette. – Eine Stunde später

*

Raffiniert und kapriziös eingerichtetes Schlafzimmer. Im breiten französischen Bett schlafen Odette und Marcel Delcampe, der französische Ministerpräsident, die Rücken einander zugekehrt.

Das Telephon, das sich auf einem kleinen Tischchen am Fußende des Bettes auf Odettens Seite befindet, läutet. Stille. Es läutet abermals.

Odette (erwacht und schaltet die Nachttischlampe ein. Sie ist entzückend und trägt ein hinreißendes Pyjama. Sie kniet sich auf, macht, um den Hörer am Fußende des Bettes zu erreichen, eine gymnastische Übung, hebt ab, stockt, erfaßt die Gefahr der Situation und legt mit äußerster Behutsamkeit wieder auf. Einen Augenblick lang kniet sie noch tiefsinnig vor dem Apparat, dann weckt sie entschieden Delcampe): Marcel! Marcel! Wach auf!

Delcampe (gibt brummige Laute von sich, wirft sich auf die andere Seite).

Odette (zieht seine beiden Arme vor und stößt sie zurück – wie man das bei Wiederbelebungsversuchen Ertrunkener macht. Diesen Versuch, Delcampe zu wecken, wiederholt sie mehrmals).

Delcampe (erwacht, setzt sich auf; er trägt ein seidenes, aber geschmackloses Pyjama): Was ist denn? Was gibts denn? (Mürrisch:) Kannst du nicht zarter mit mir umgehn? Es ist sehr ungesund, so brutal aus dem besten Schlaf gerissen zu werden!

Odette (eisig): Mein Lieber. Ich hab dir einen Vorschlag zu machen: Steh auf und geh nach Hause.

Delcampe: Was? Bist du verrückt? Jetzt, mitten in der Nacht?

Odette: Mein Bett ist nicht dazu da. Geh nach Hause und beglücke deine Frau mit deinem »besten Schlaf«. Die muß sich ihn gefallen lassen. Ich nicht.

Delcampe (zornig): Und um mir das zu sagen, weckst du mich um zwei Uhr auf, nachdem wir ohnedies bis eins . . . auf waren und ich todmüde bin?

Odette (verächtlich): Kann ich dafür, daß du für nichts und wieder nichts todmüde wirst? (Sie wirft sich empört zurück.)

Delcampe: Ich habe den anstrengenden Festtag gemeint! Nichts anderes!

Odette: Es ist mir gleich, was du gemeint hast. Es ändert nichts an der Tatsache deiner raschen Ermüdbarkeit – in jeder Hinsicht!

Delcampe (fährt sich durchs Haar): Irrsinnig! Um das zu erfahren, wird man um zwei Uhr mit Brutalität aus dem besten Schlaf gerissen! Einfach irrsinnig! (Er legt sich zurück. Das Telephon läutet. Er richtet sich auf.) Chérie! Mir kommt vor, das Telephon?

Odette: Ja? Kommt es dir endlich vor? Es läutet bereits zum dritten oder vierten Mal!

Delcampe: Nicht möglich! Ich hab gar nichts gehört! Wer kann denn um diese Stunde –! Ah, es wird eine Fehlverbindung sein!

Odette: Meinst du? Hartnäckige Fehlverbindungen um zwei Uhr nachts? Nun, möglich wäre es schon . . . Seitdem dein Kabinett am Ruder ist, herrscht ja eine Mißwirtschaft, wie sie in Frankreich noch nicht da war!

Delcampe: Odette! Ich bitte! Kein Wort gegen mein Kabinett! Kein Wort!!

Odette (setzt sich auf): Was fällt dir ein? Warum schreist du denn? Du vergißt, daß du dich augenblicklich nicht in der Kammer befindest, sondern in meinem Bett! In einem ganz unmöglichen Pyjama, nebenbei!

Delcampe: Ich bin nicht empfindlich. Ich lasse mir allerlei an den Kopf werfen. Aber kein Wort gegen die Regierung! Wer, wie ich, den ganzen Tag anhören muß, daß sie schlecht ist, will wenigstens nachts, im Bett seiner Freundin, davor Ruhe haben!

Odette: Es ist undelikat, einer Dame anzudeuten, daß man sich in ihrem Bett aufhält.

Delcampe: Zum Teufel! Jetzt hab ich aber genug! Ich hab es dir nicht angedeutet, sondern gesagt!

Odette: Um so schlimmer! Es ist entsetzlich, daß Frankreich von taktlosen Menschen regiert werden muß.

Delcampe: Ach was! Du hast es ja vor zwei Minuten selbst ausgesprochen!

Odette: Nun, und –? Ist es vielleicht dasselbe, wenn ich sage (schmiegt sich zärtlich an ihn, haucht vergehend): »Marcel, du liegst in meinem Bett!« (löst sich von ihm) oder wenn du brüllst: »Madame, ich liege in Ihrem Bett!« –? Siehst du ein, daß du dich unmöglich benommen hast?

Delcampe (versucht, sie an sich zu reißen): Ich sehe ein, daß du der süßeste Teufel bist, der je einen Mann gequält hat!

Odette (entzieht sich ihm geschickt): Bitte, bitte, bitte! Gleich wirst du wieder todmüde werden und in deinen »besten Schlaf« versinken!

Delcampe (hitzig): Ach was, müde! Ach was, bester Schlaf! (Es ist ihm gelungen, sie an sich zu reißen. Er überfällt sie mit Küssen; das Telephon läutet stürmisch. Die beiden fahren auseinander.) Verdammt! Verflucht! Vermaledeit! Schon wieder!

Odette: Schon wieder – eine Fehlverbindung?

Delcampe: Vermutlich. (Er kniet sich im Bett vor, hebt ab.) Es ist doch irrsinnig, das Telephon nicht auf dem Nachttisch zu haben, sondern bei den Füßen!

Odette: Mein System, mich schlank zu erhalten. (Sie macht ihre Übung und kniet sich neben Delcampe vor den Apparat).

Delcampe: Alloh! Hier bei Odette Lef . . .

Odette (reißt so heftig an der Schnur, daß er das Gleichgewicht verliert; unterdrückt): Du bist wirklich der dümmste Premier, den Frankreich jemals hatte! Ein fremder Herr, der sich um zwei Uhr nachts an meinem Apparat meldet! Und so was nennt sich Politiker!

Delcampe: Chérie (Drohend:) Zum letztenmal! Laß meine Politik aus dem Spiel! Politik ist meine schwache Seite!

Odette: Leider! Wenn sie nur deine starke wäre!

Delcampe: Wie hätte ich denn sagen sollen?

Odette: Alloh! Wer dort?

Delcampe: Unmöglich!

Odette: Warum? Wieso?

Delcampe: Das ist gegen die Telephonvorschrift. Der Angerufene hat sich zuerst vorzustellen! Dann erst darf er fragen: »Wer dort?« (Das Telephon läutet.)

Odette: Gib her! Du bist ja zu dumm! (Sie hebt ab.) Alloh! Wer dort?

Delcampe (unterdrückt): Falsch! Falsch! Das eben ist falsch! Das eben ist gegen die Vorschrift!

Odette: Wie? Ministerium des Innern? Da sind Sie falsch verbunden.

Delcampe (legt sich befriedigt zurück): Na also. Eine Fehlverbindung. Was habe ich gesagt?

Odette: Unrichtig angeschlossen. Jawohl . . . Sagen Sie, bitte: Rufen Sie vielleicht schon öfter an? Acht- oder zehnmal! Ja, welche Nummer wünschen Sie denn? Passy 2346? Also! Da haben wirs! Sie verlangen immer meine Nummer! Geben Sie doch besser acht! Die Tätigkeit Ihres Ministeriums kann sich doch nicht nur darauf beschränken, mich aus dem Schlaf zu wecken! Es gibt doch noch allerlei für Sie zu tun! Ermäßigen Sie die Luxusabgabe . . .

Delcampe: Unsinn! Wäre allenfalls Sache des Finanzministeriums.

Odette: Halten Sie die Autostraßen besser instand . . .

Delcampe: Das geht das Innenministerium doch auch nichts an!

Odette: Verbieten Sie die neuen Abendkleider . . .

Delcampe: Einfach lächerlich! Dazu hat doch das Innenministerium nicht die geringste Handhabe!

Odette (legt die Hand auf die Muschel, schwer gereizt): Sag mir, was willst du denn eigentlich? Warum unterbrichst du mich denn in so idiotischer Weise unausgesetzt?

Delcampe: Weil du von dem guten Mann Dinge verlangst, die ihn nicht das geringste angehn! Es ist einfach aufreizend, wie wenig du mit der Materie vertraut bist!

Odette: Schön. Ich erfahre eben, daß Sie mit all dem nichts zu tun haben. Also dann suchen Sie sich vielleicht selbst etwas aus. Aber mich lassen Sie jetzt, bitte, schlafen. Ja? Gute Nacht. Wie? Sie glauben, richtig verbunden zu sein? Bitte? (Pause. Sie sieht Delcampe an.) Ja, hier ist Odette Lefèvre. Die Frau des Autoindustriellen. Ganz richtig. Aber mein Mann ist in Brüssel. Er kommt erst übermorgen zurück . . . Das wissen Sie? So. Merkwürdig . . . Was wünschen Sie denn dann? (Sie horcht, springt dann mit einem Satz hoch.) Was –? Was haben Sie da eben –? Oh –! Ah –! Oh –!! (Sie findet keine Worte. Halblaut, erstickt, zu Delcampe:) Er fragt, ob nicht . . . zufällig . . . der Herr Ministerpräsident Delcampe bei mir schläft!!

Delcampe (richtet sich auf): Ha –!

Odette (hat sich gefaßt): Mein Herr! Ich finde keine Worte! Was heißt das: »zufällig«? Ich bitte mir zu sagen, was Sie mit dem »zufällig« meinen! Ich muß einfach nach Luft ringen! (Horcht.) Sie wollten mich nicht beleidigen? Sie wecken mich mit der Frage, ob nicht »zufällig« irgendein Ministerpräsident bei mir schläft . . .

Delcampe (verletzt): Chérie, erlaube! Aber das geht zu weit! Ich bin doch nicht irgendein Ministerpräsident! Ich bin doch Marcel Delcampe!

Odette: So. Sie finden nichts daran. Ich aber sage Ihnen: Sie werden noch Unannehmlichkeiten haben, mein Herr! Wer hat Ihnen denn überhaupt meine Telephonnummer gegeben? (Entgeistert:) Waas –? Er – – selbst?! (Der Verstand steht ihr still.) Herr Delcampe hat Ihnen selbst gesagt, daß er heute – – hier . . . ?! Ah! (Sie muß sich zurücksetzen. Die Sprache versagt ihr.)

Delcampe (setzt sich auf): Oh lala, oh lala, oh lala! (Kratzt sich den Kopf.) Das wird Leblanc sein. Ich hab ihm für dringende Fälle die Nummer gegeben.

Odette (außer sich, unterdrückt): Oh, das ist stark. Das ist . . . sehr, sehr stark. (Pause.) Du selbst verständigst also deine vertrottelten Ministerien, wenn du einen Abend bei mir verbringst?

Delcampe: Aber Liebling! Es ist doch kein Abend. Es ist doch eine ganze Nacht!

Odette (schreiend): Um so ärger!! (Verzweifelt:) O mein Gott! Mich so zu kompromittieren! (Tragisch:) Nie, niemals ist eine Frau in Frankreich so kompromittiert worden!

Delcampe: Übertreib doch nicht! Über den ersten Napoleon und die Frauen kursieren da ganz andere Anekdoten. Da war einmal . . .

Odette (wild): Laß jetzt den ersten Napoleon aus dem Spiel und erzähl keine Anekdoten! (Gefährlich:) Gib jetzt gut acht, mein Freund: Du hast fünf Minuten Zeit. Wenn du das in diesen fünf Minuten nicht in Ordnung gebracht hast, wird man dich – mit einigem Grund – zum ersten, aber auch zum letzten Mal hier gesucht haben können. Das schwör ich dir – so wahr du weder mein erster Freund bist, noch mein letzter sein wirst!

Delcampe (hat sich erhoben, geht um das Bett herum zum Telephon): Jetzt sollst du mal sehn, wer Marcel Delcampe ist! Alloh! Leblanc? Hier Delcampe. Nein, Sie haben mich nicht geweckt! Ich schlafe doch hier nicht! Ich arbeite! Gewiß. Ich sitze am . . . Schreibtisch und arbeite. Ganz recht, mein Freund. Ich arbeite hier oft die Nacht durch . . . Ja, Arbeit allein kann uns retten . . . So ist es. Das Wohl der Nation über alles. Nein, das Publikum hat keine Ahnung . . . Aber was gibts denn, guter Leblanc? Wer? Der Redakteur Coutrier? Aus Verdun, sagen Sie? Ist diese Nachricht aber auch wirklich so wichtig, daß sie nicht bis morgen . . .? Ja, dann lassen Sie ihn mit mir verbinden. (Lauter, angestrengter:) Alloh Verdun!! Ist dort Coutrier?? Ja, hier Delcampe! (Er lauscht angestrengt.) Was? Was?? Ich verstehe kein Wort! Bitte wiederholen Sie, was Sie gesagt haben! (Er wischt sich das Ohr, horcht angestrengt, macht ein dummes Gesicht.) Bitte, ich habe jetzt etwas sehr Irrsinniges verstanden! Ich muß Sie bitten, ein drittes Mal . . . ! (Er lauscht, Pause.) Jetzt werde ich Ihnen wiederholen, was ich verstanden habe. Sie berichten mir, daß die – Toten auferstehn! So . . . Nicht die Toten, sondern die Gefallenen . . . (Er setzt sich auf die Bettkante und starrt Odette stupide an.) Was sagst du dazu? Die Gefallenen stehen auf! Coutrier telephoniert aus Verdun . . .

Odette (verständnislos): Die Gefallenen? Wieso? Warum? Wozu? Was heißt das?

Delcampe: Keine Ahnung! (Plötzlich pfeift er leise vor sich hin.) Ah, ich beginne zu kapieren! So ist das gemeint! So . . . (Streng ins Telephon:) Herr Coutrier – ich muß mich wundern! Nein, bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Ich wiederhole: ich muß mich wundern! Ich stehe seit fünfunddreißig Jahren im politischen Leben, Herr Coutrier! Ich war selbst Journalist und immer ein Freund der Presse. Aber ich ernte Undank. Jawohl, Undank! Nein, bitte, unterbrechen Sie mich nicht! »Die Gefallenen stehen auf!« Ich bin nicht begriffsstutzig: Die Presse kommentiert meine heutige Rede übel. Ich weiß nicht, warum. Aber ich nehme es zur Kenntnis. Und ich verantworte jedes Wort! Sagen Sie das Ihren Freunden, Herr Coutrier! Aber sagen Sie ihnen auch, daß man nicht erst die . . . Gefallenen aus ihren Gräbern zu bemühen braucht, wenn man meine Demission will! Ein Mißtrauensvotum mit Mehrheit – und man hat sie! Berichten Sie das Ihren Auftraggebern, Herr Coutrier! Und jetzt gute Nacht! Was? Nein, bitte, kein weiteres Wort darüber! Schluß! (Er haut den Hörer in die Gabel.) Sogar der! Ein Schuft wie der andere! (Wirft sich ins Bett.)

Odette: Sag, Marcel, was kann das Ganze bedeuten?

Delcampe: Was anders als eine Intrige gegen mich? Ich durchschaue sie noch nicht – aber hat man denn anderes im Kopf, als mir Schwierigkeiten zu bereiten? Ich sage dir: wenn es selbst so etwas wie eine Auferstehung gäbe; wenn die Gefallenen wirklich auferstünden – ich glaube, sie tätens nur, um mein Kabinett zu stürzen! Ach, hol der Teufel das Ganze. Schlafen wir endlich, Chérie! Gute Nacht!

Odette (zärtlich): Gute Nacht, armer, armer Liebling! (Sie greift ihm ins Haar, zieht ihn an sich, küßt ihn. Dann legt sie sich zurück und schaltet die Lampe aus.)

Die Bühne verdunkelt sich.

 


 

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