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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Bild

Personen

        Marcel Delcampe, der französische Ministerpräsident
Zwischenrufer

In stummen Rollen

        Kardinal Dupin, Erzbischof von Paris
Minister
Priester
Deputierte
Odette Lefèvre
Diplomaten
Generäle
Publikum

Paris
Arc de triomphe

*

Mitte des Hintergrundes: Arc de triomphe mit dem blumengeschmückten Grabmal des »Soldat inconnu«. Die Trikolore.

Rechts und links davor steigen Tribünen an; die linke ist für das zahlungskräftige Publikum bestimmt, auf der rechten haben die Mitglieder der Regierung, des diplomatischen Korps, der Generalität und der Deputiertenkammer mit ihren Damen Aufstellung genommen, ferner die Vertreter des hohen Klerus.

Vor der rechten Tribüne, dem Grabmal zunächst und erhöht: Rednerpult.

Es spricht der französische Ministerpräsident Delcampe.

Aus der Ferne kommen leise Klänge der Marseillaise herüber.

Delcampe (pathetisch): Meine Freunde! Wir haben uns heute, fünfundzwanzig Jahre nach Ausbruch des großen Krieges, an dieser geweihten und erhabenen Stätte versammelt, die uns nicht nur die Gräber der gefallenen Unbekannten, sondern auch die von nahezu zwei Millionen Helden, den Friedhof der einstigen Blüte Frankreichs, symbolisiert.

Pietät hat uns hierhergeführt, meine Freunde; aber nicht nur Pietät. Auch die Pflicht! Die Pflicht der Rechenschaftslegung, auf die unsere toten Helden Anspruch haben.

Nun denn, ihr großen Toten! Ich, Marcel Delcampe, Ministerpräsident der Französischen Republik, bin im Auftrag der Regierung erschienen, um euch zu berichten. Um mich zu verantworten. Um euch auf euer Grab Rechenschaft abzulegen . . . Ihr, die ihr für die höchsten Ziele das erhabene Opfer eures Lebens gebracht, ihr sollt erfahren, was wir damit angefangen, was wir mit ihm errungen, wie wir es genützt, verwahrt und verwaltet haben.

Gefallenes, dahingegangenes Frankreich! Höre denn:

Dem Waffenstillstandsdiktat ließen wir ein Siegfriedensdiktat folgen! Wir haben den Feind aufs Knie gezwungen, entwaffnet und in seinem Gebiet beschränkt, auf Generationen hinaus geschwächt, nach allen Seiten hin gefesselt und gebunden . . . Daß er vor achtundsechzig Jahren, im Jahre des Unheils 1871, eine Armee über diesen Platz marschieren und dieses glorreiche Denkmal französischer Weltsiege durch seinen Vorbeimarsch schänden lassen durfte . . .

Rufe: Pfui! Nieder! Pfui!

Delcampe: . . . er hat es mit militärischer Vernichtung und wirtschaftlicher Ohnmacht gebüßt.

Rufe: Hoch! Hoch! Es lebe Frankreich! Nieder mit seinen Feinden!

Delcampe: Seit unserem Sieg aber, ihr Helden, ist kein Tag vergangen, an dem wir dieses Sieges nicht gedacht! Mit unvergänglicher Dankbarkeit – aber auch mit hohem Stolz und der harten Unnachgiebigkeit gegenüber den Besiegten, die euer Opfertod uns auferlegt . . .

Rufe: Hoch! Hoch Frankreich!

Delcampe: Die Wunden, die der Krieg dem Vaterland geschlagen, sie sind vernarbt. Längst tragen die Felder, durch die sich eure Gräben zogen, wieder Frucht, und das Zerstörte ist wiedererstanden, reicher, blühender, als es je gewesen. Denn mit dem Schwert in der Faust haben wir den Feind gezwungen, doppelt, dreifach gutzumachen, was er im Krieg verwüstet, was wir seinetwegen verwüsten mußten . . .

Eine hämische Stimme: Jawohl! Der Boche bezahlt alles! (Beifall.)

Delcampe: Reich und mächtig wie nie zuvor – unbesiegbar stehn wir da! Die größte, gewaltigste Armee, die je ein Staat im Frieden besessen – es ist die unsere!

Rufe: Es lebe die große Armee!

Delcampe: Gerüstet sind wir wie kein Volk der Welt! Für jeden Poilu – ein Maschinengewehr! Für jede Korporalschaft – ein Geschütz! Einen Tank für jeden Zug! Wolken von Giftgas vor jede Kompagnie! Der Flugzeuge aber so viele, daß ihre ehernen Schwingen die Sonne verdunkeln würden jenem Volk, das es wagte, Frankreich sich zum Feind zu machen.

Brausende Rufe: Frankreich! Es lebe Frankreich' Delcampe! Hoch Delcampe!

Delcampe: Ihr toten Helden Frankreichs! So sind wir gerüstet, zu kämpfen und zu siegen! Ihr toten Helden Frankreichs! So sind wir gewaffnet, eure Ruhe zu schützen, eures Heldentodes uns würdig zu erweisen, euer Andenken zu ehren!

Und wenn heute . . . ein Wunder geschähe: Wenn ihr – auferstündet und unter uns trätet . . . (frenetischer Jubel) . . . jubelnd, ekstatisch von uns empfangen und an unsere Spitze gestellt, auf die Plätze, die euch gebühren – dann weiß ich, daß ihr sprechen würdet: »Gut verwaltet habt ihr, Brüder und Söhne, unser Erbe! Übergegangen ist unser Geist auf euch! Söhne und Brüder! Wir sind mit euch zufrieden!!«

Tosende Rufe: Frankreich!! Delcampe!! Es lebe Frankreich!! Hoch Delcampe!!

Die Marseillaise sehr nahe und stark. Tücherschwenken, nicht endenwollender Jubel.

Die Bühne verdunkelt sich.

 


 

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