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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Bild

Personen

        Köchler, Wirt
Frau Köchler, Wirtin
Mutter Weber
Witterschlick, Sparkassendirektor
Kropfgans, Kaufmann
Geishügel, Steuerbeamter
Girgenrath, Invalide
Weber

Ein badisches Städtchen nahe der französischen Grenze (Schopfheim).

*

Wirtshaus. – Das kleine Gastzimmer.

Mitte der Rückwand: Breite Tür in den Saal.

In der Ecke links: Großer runder Tisch – der Stammtisch der Kriegsteilnehmer.

An der Wand dahinter: Kriegsandenken. (Ein verbeulter Stahlhelm. Eine Vitrine mit Eisernen Kreuzen. Eine Karte. Gerahmte Photographien gefallener Kameraden, usw.)

In der Ecke rechts: Gleichfalls runder Tisch.

Links vorne: Eingangstür.

Rechts vorne: Tür in das Schankzimmer und in die Küche.

Die Tür in den Saal ist weit geöffnet. Tanzmusik, Papierschlangen, wirbelnde Paare: es ist Ball.

Die Tür in das Schankzimmer und in die Küche ist angelehnt: Gläsergeklirr, Tellergeklapper. –

Um den Stammtisch sitzen die ehemaligen Kriegsteilnehmer, die sich hier einmal im Monat versammeln: Arrivierte Kleinbürger, behäbig gewordene Spießer. Darunter: Witterschlick, Kropfgans, Geishügel und Köchler, der Wirt.

Frau Köchler, eine stattliche Frau, und Mutter Weber, älter als sie Jahre zählt und sehr ärmlich gekleidet, kommen aus der Küche und tragen auf mächtigen Platten Speisen in den Saal.

Der Tisch rechts ist leer.

Die Stammtischbesucher spielen ihren Skat, plaudern und mischen in die Unterhaltung Skatausdrücke. Badener Dialekt.

Geishügel (spielt aus): Sagt mal, Jungens: Was haltet ihr eigentlich von dem Gerücht?

Kropfgans: Von welchem Gerücht?

Witterschlick: Hab von nichts gehört.

Köchler: Ah, meinst das Zeug, das die Blechköppe drüber der Grenze aufgebracht haben! Auferstehung der Gefallenen, oder so. (Spielt.)

Kropfgans: Quatsch mit Gemüse.

Witterschlick: Wenn die den Kohl, den sie seit dem Krieg alle paar Wochen anbauen, auch fressen könnten, wären die doppelt so groß und so stark, als sie sind! (Es wird still gespielt.)

Köchler: Ach ja, der Krieg . . . Unser guter alter »C'est la guerre«-Krieg! War doch eigentlich eine verteufelt nette Sache!

Geishügel: Jawohl! Da können diese . . . diese Pazifisten oder wie sie heißen, die können da sagen, was sie wollen! (Spielt aus.)

Kropfgans: Wenn man so zurückdenkt und sich erinnert . . .

Köchler: Das Futter war ja nicht immer prima!

Witterschlick: Nee, kann man nicht behaupten. Das Fleisch, das war gegen Schluß meist auf Urlaub! (Gelächter.)

Kropfgans: Und was sie einem zu trinken gaben –

Geishügel (tut einen tiefen Zug): Lieber nicht drüber reden!

Köchler: He, so'n Tropfen wie bei mir, den habt ihr dort nicht bekommen, was?

Witterschlick: Nee, den gabs nicht.

Kropfgans: Aber schließlich, Jungens, man tats ja nicht fürs Fressen und Saufen. Hab ich recht?

Mehrere (bestätigen): Recht hast du. Hast recht.

Geishügel: Ach ja. Das war damals noch eine schöne Zeit . . . . Jung war man noch, und man mußte sich nicht schinden und plagen wie heute. Man hatte sein gutes Auslangen und . . . und . . . .

Witterschlick: Und keine Sorgen.

Mehrere: Nee, die hatte man nicht.

Köchler: Und was haben sie denn schon Großes von einem verlangt, dafür, daß sie einen durchfütterten? Morgens und abends 'n bißchen 'rumfunken, 'n bißchen Kattun abkriegen und dazwischen 'n bißchen laufen. Mal nach vorn, mal nach hinten . . . .

Witterschlick: Fürs Laufen nach hinten warst du wohl Spezialist? (Lachen.)

Geishügel: Jawohl. Es war eine große Zeit, unsere Eiserne Zeit. Man hatte damals . . . . . Seine großen Ziele hatte man noch, und man vollbrachte was! Das war anders als heute! Und die ganze Welt konnts jedem am Kragen ansehen . . . Auf den ersten Blick konnt mans jedem am Knopfloch ansehn, was er für ein Kerl war!

Kropfgans: Mensch, halt doch schon die Luft an!

Witterschlick (setzt sich breit zurück): Also, das möcht ich jetzt mal ganz ausführlich hören! Was hattest du für große Ziele, und was für Heldentaten hast du vollbracht?

Köchler: Kinder, Kinder! Was der Geishügel für große Bogen spuckt! Der hat ja ganz vergessen, daß er 'n Krieg als Etappenbaron verschlafen hat!

Kropfgans: Und was konnte man deinem Knopfloch ansehn?

Witterschlick: Daß 'n Knopf gerissen ist!

Köchler: Aus Schrecken über den Lärm, den wir vorn machten, wenn wir die drüben befunkten!

Geishügel (wütend): Hört mich mal an! Hört mich mal gut an! Ich will euch nur so viel sagen: In der Etappe wars oft viel gefährlicher . . . Viel gefährlicher wars oft dort als bei euch in der »Heldenzone«! Das werden euch alle bestätigen, die . . .

Witterschlick: . . . . hinten waren. (Gelächter.)

Kropfgans: Lacht nicht so blöd! Es war wirklich sehr gefährlich dort rückwärts: mal gingen ihnen die Ochsen durch, mal schlugen die Pferde aus!

Köchler: Und die vielen Hunde, die dort ohne Maulkorb 'rumliefen? Und kein Schutzmann zu sehen weit und breit! (Lachen.)

Witterschlick: Und wenn so'n armer geplagter Kerl sich mal verlief . . . in 'n Proviantmagazin etwa . . . (Lachen.) Und gab nicht gut acht, und sie schlossen ihn abends ein . . . Der konnte sich bis zum Morgen . . . Also, die schwerste Magenverstimmung konnte sich der bis zum Morgen angefressen haben . . . . (Gelächter.)

Köchler: Gar nicht zu reden von den niedlichen kleinen Puppen, die sich dort 'rumtrieben. (Gelächter.)

Kropfgans: Und jetzt frag ich euch: gabs in der Linie vorn auch nur eine von diesen Gefahren? (Gelächter.)

Geishügel (wütend): Und ich frage euch: wird jetzt endlich weiter Skat gespielt, oder wollt ihr mir noch länger euren verdammten Blödsinn in die Flanke quatschen? (Man beginnt, noch immer lachend, wieder zu spielen.)

Witterschlick: Jawohl, der Skat! Wenn der nicht gewesen wär! Krieg ohne Skat – nicht auszudenken!

Kropfgans: Wundere mich ohnedies jedesmal, daß sie uns den beim Friedensschluß gelassen haben!

Köchler: Ich sag euch: der Poincaré, der Clemenceau, und wie die Kerle alle hießen, die müssen 'n Gläschen zuviel getrunken haben, ehe die den Friedensvertrag unterschrieben. Sonst wäre denen nicht entgangen, daß sie dem deutschen Volk den Skat gelassen haben!

Kropfgans: Hätten ihn untersagt – unter Androhung von Sanktionen, versteht sich! (Lachen.)

Geishügel (schreiend): Also wollt ihr nun endlich spielen oder nicht? Da konnte man ja im Feld ruhiger seinen Skat machen als hier!

Witterschlick: Im Feld nicht, Geishügel. Aber – in der Etappe. (Lachen. Sie spielen wieder.)

(Aus dem Schankzimmer kommt der Invalide.)

Girgenrath. (Sein Aussehen ist schlecht, seine Kleidung zerlumpt. Er macht einen verwahrlosten Eindruck.

Auf seinen Stock gestützt, nähert er sich dem Stammtisch seiner ehemaligen Kameraden. Diese haben flüchtig aufgesehen und sich durch einen Blick verständigt.

Sie nehmen von Girgenrath nicht Notiz, spielen schweigend, anscheinend sehr vertieft.)

Girgenrath (am Stammtisch, Hand an der Mütze, salutierend): Allseits einen guten Abend! (Stille, man antwortet nicht.) Heil und Sieg – allseits! (Stille.) Allseits: Gott strafe England! (Stille.) Allseits: Er strafe es! (Stille. Er erhält keine Antwort. Er wartet noch eine Weile auf ein Wort, auf irgendein Zeichen der Beachtung. Es kommt keines. Es ist, als wäre er für die ehemaligen Kameraden nicht da, als hätte er nicht gesprochen.

Er kehrt sich ab und steht noch einen Augenblick stumm. Dann verzerrt sich sein Antlitz, er reckt die Arme zum Himmel und brüllt wie in Todesangst, warnend, alarmierend) Gas – – – ! ! ! Gas – – – ! ! ! Gas – – – ! ! !

Die Skatspieler (taumeln entsetzt hoch. Instinktiv und hilflos suchen sie an sich nach der Maske, pressen, was ihnen in die Hand fällt – Tücher, Servietten, die Spielkarten – oder auch nur die Hände vors Gesicht. Lange Stille).

Girgenrath (läßt die Arme sinken, kehrt sich den Skatspielern zu, die langsam zu sich kommen und die Hände herabgleiten lassen).

Köchler (faßt sich als Erster, geht drohend auf Girgenrath zu): Girgenrath, was soll das heißen?

Witterschlick (höchst aufgebracht): Das war grober Unfug! Grober Unfug war das!

Geishügel (kreischt): Das fällt unter die Vergehen gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung!

Kropfgans (drohend): Wahrscheinlich sind Sie schon zu lange nicht gesessen!

Köchler: Sehnen sich wieder nach dem Haus mit den dicken Mauern und den vergitterten Fenstern!

Girgenrath: Ihr –! (Pause.) Wie oft hat euch nachts, wenn ihr schnarchtet und ich auf Gaswache war, diese Stimme geweckt? (Stille.) Wie oft hat sie euch das Leben gerettet, ihr verdammten Schufte?! Und jetzt tut ihr, als ob ihr sie nicht mehr kennt? Als ob ihr sie nicht einmal hört? (Stille.)

Witterschlick: Girgenrath! Nehmen Sie sich in acht! Ich warne Sie! Innerhalb weniger Minuten haben Sie drei Delikte begangen!

Kropfgans (heftig): Vergehen gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung . . . .

Köchler: Verbreitung beunruhigender Gerüchte . . . .

Witterschlick: Und Beleidigung.

Geishügel: Amtsehrenbeleidigung!

Girgenrath: Köchler, ich frage dich: was ist das für ein Tisch, um den ihr sitzt?

Köchler: Stammtisch. Weißt es doch!

Girgenrath: Was für ein Stammtisch, Köchler? (schreiend:) Was das für ein Stammtisch ist, will ich wissen!

Köchler: Mensch, frag doch nicht, was du ohnedies so gut weißt wie ich! Stammtisch der Kriegsteilnehmer!

Girgenrath: Stammtisch der Kriegsteilnehmer, ja, jawohl. Witterschlick, Kropfgans, Geishügel! War ich draußen, oder hab ich mir das und das und das (zeigt auf seine Gebrechen) da hinten wo geholt? Was –?! (Stille. Er brüllt:) Antwort will ich haben! Antwort!!

Witterschlick: Natürlich waren Sie draußen. Wer streitet denn das ab?

Girgenrath: Köchler! War ich ein guter Kamerad? Hab ich dich auf den Rücken genommen, in der dicksten Luft auf den Verbandplatz getragen – drei Kilometer weit – und dabei selbst was abbekommen? Ja oder nein?!

Köchler (widerwillig): Ja. Jawohl.

Girgenrath: War ich länger draußen als ihr alle zusammen? Ja oder nein? Haben sie mich kaputt geschossen und euch nicht, weil ihr rechtzeitig ins Hinterland abgehauen seid? Ja oder nein? Hab ichs Eiserne Erster? Hats einer von euch? Dreck! Wo also ist mein Platz an diesem Tisch der Kriegsteilnehmer?? Witterschlick – wo? Kropfgans – wo? Geishügel – wo? Köchler – wo? Wo?? Wo?? Wo?? (Er stampft jedesmal einen Stuhl zu Boden.)

Frau Köchler (gefolgt von Mutter Weber, tritt ein und zieht die Türe hinter sich zu): Allmächtiger Gott! Was gibt es denn? Was ist das für ein Lärm?! (Gewahrt Girgenrath. Stemmt die Fäuste in die Hüften.) Ah, Herr Girgenrath! Wieder einmal Herr Girgenrath!! (Streng zu Mutter Weber:) Mutter Weber, wie oft hab ich geschafft, daß ich den Tagdieb hier nicht duld?!

Mutter Weber (demütig, stammelnd): Er war der Freund . . . der einzige Freund war er . . .

Köchler: Ihres Sohnes Kilian. Das wissen wir. Aber der Kilian ist seit zwanzig Jahren vermißt!

Mutter Weber: Er war mit ihm im Feld . . .

Frau Köchler: Das waren die Herren vom Stammtisch alle!

Mutter Weber: In der gleichen Kompagnie war er mit ihm . . . Im selben Zug . . . Sie lagen einer neben dem anderen . . . Da – der Kilian, da – der Girgenrath.

Witterschlick (zuckt die Achseln): Sie müssen endlich einmal damit fertigwerden, gute Frau!

Kropfgans: Sie müssen endlich sich daran gewöhnen, Mutter Weber: der Krieg ist aus! Seit zwanzig Jahren ist er aus!

Mutter Weber (blickt auf; leise): Aus –? Der Krieg –? (Pause.) Der Kilian ist noch nicht zurückgekommen . . . Ist für mich nicht aus, der Krieg. Komm, Girgenrath! (Sie wendet sich zu ihm, umfaßt ihn mütterlich und ist im Begriff, ihn in die Küche zu führen.)

Köchler (deutet sich hinter ihrem Rücken an die Stirn, die Stammtischbesucher kichern.)

Weber (kommt durch die Eingangstür links. Stille.)

Frau Köchler (sieht ihn zuerst, stößt einen leisen Schrei aus.)

Alle (wenden sich ihm zu. Pause.)

Weber (hat von einem zum andern gesehen, endlich seine Mutter erblickt): Abend, Mutter. Da wär ich also wieder. (Tiefes Schweigen.)

Mutter Weber (hat sich von Girgenrath frei gemacht. Zwei Schritte gegen ihren Sohn. Sie hat den Kopf langsam erhoben, die Faust hält sie vor den Mund gepreßt – wie um einen Aufschrei zu ersticken. Mit allen Sinnen frißt sie sich in die Erscheinung des Sohnes. Lange Stille): Kilian –!!! (Sie unterdrückt ihren Aufschrei sogleich und setzt ruhig fort.) Ja, da wärst du wieder. (Pause.) Hat lang gedauert, daß du kamst.

Weber: Es ging nicht früher, Mutter.

Mutter Weber: Freilich, freilich ging es nicht. Sonst wärst du ja gekommen.

Weber: Ja, Mutter. (Stille.)

(Nun haben sich auch die anderen gefaßt.)

Witterschlick: Weber –! Na, das ist mir eine Überraschung!

Köchler: Weber! Der vermißte Weber!

Kropfgans: Der totgeglaubte Weber! – lebt!

Frau Köchler: Lebt also doch noch!

Geishügel: In die Zeitung muß das! Das muß augenblicklich in die Zeitung!

Witterschlick: Mit einer Photographie! Jawohl!

Kropfgans: So was kommt doch immer wieder vor! Immer wieder kommt so was vor!

Köchler: In Sibirien gibts, hab ich mir sagen lassen, in Sibirien gibts noch viele Tausend von den Unsern!

Geishügel: Die wissen gar nicht, daß der Krieg zu Ende ist!

Kropfgans: Die warten auf den Frieden! (Heiterkeit.)

Witterschlick: Und trösten sich derweil mit den Sibirierinnen! (Gelächter.)

Geishügel (kräht): Na, das versteht sich doch von selbst!

Girgenrath (flüsternd): Du –?? Du –?? Wirklich und wahrhaftig – du?? Aber du warst doch . . .?

Kropfgans (derb): Hallo! Der Skat ist heute aus!

Witterschlick: Jawohl! Den nächsten spielt bereits der Weber mit!

Geishügel: Einer mehr zum Skat – hurra!

Köchler: Der soll einmal erzählen! Erzählen soll der jetzt!

Alle: Erzählen! Jawohl! Erzählen!

Witterschlick: Wo kommst du her?

Kropfgans: Wo warst du zwanzig Jahre lang?

Weber (langsam): Dort, wo ihr mich hingeschickt habt.

Alle: Wir –? Wohin hätten denn wir dich geschickt?

Witterschlick: Er meint doch: gegen die Parlewuhs!

Geishügel: Ah, die Ohlalas!

Köchler: Die hatten dich wohl in ihre Kolonien verschleppt, die verfluchten Franzmänner?

Köchler: Erzähl doch schon! Erzähl! Warst du in Afrika oder in Asien?

Weber (langsam): Weiter, viel weiter war ich, Kameraden. (Pause.) Viel, viel weiter . . . (Er blickt über sie hinweg.)

Witterschlick: Na, wo immer du warst – die Heimkehr muß jedenfalls begossen werden!

Köchler: Das muß sie! Das muß sie!

Geishügel: Begießen wir! Begießen wir! (Klatscht in die Hände.)

Witterschlick: Ich zahl die ganze Runde! Köchler! Die ganze Runde schreibst mir auf! (Beifall.)

Kropfgans: Weber – hierher! (Er rückt ihm einen Stuhl zurecht.)

Geishügel: Setz dich und trink! Das Portmonnäh des Witterschlick hälts aus!

Girgenrath (am leeren Tisch, heftig): Bruder! Zu denen nicht! Dein Platz ist hier! Bei deiner Mutter und bei mir!

Witterschlick: Was will denn der schon wieder?

Kropfgans: Unfrieden stiften! Was denn sonst?

Geishügel: Hör nicht auf den und setz dich her!

Köchler: Setz dich, Weber, setz dich! Auch Hunger hat er mitgebracht, Mutter, und der Durst, der ist verheiratet! (Lachen.)

(Frau Köchler mit Mutter Weber in die Küche ab.)

Girgenrath (heftig): Bruder! Setz du dich nicht zu denen! Die haben dich verraten und verkauft! Sind keine Kameraden mehr für dich und mich!

Witterschlick (erhebt sich drohend): Verflucht! Du, nimm dich jetzt in acht!

Kropfgans (wild): Der Spaß hat jetzt ein End!

Köchler: Er stößt schon wieder zu –

Geishügel: Von hinten!!

Weber (groß): Ihr Brüder! Warum sitzt ihr nicht beisamm' an einem Tisch?? Habt ihn doch draußen durch vier Jahre lang bereitet und gedeckt?!

Geishügel (kreischend): Mit dem dort – nie!!

Köchler: Du warst nicht da! Du hast den Dolchstoß nicht erlebt, wie wir!

Witterschlick: Der ist ja K.P.D.!

Kropfgans: Zweimal gesessen ist der schon! Eigentumsdelikt!

Girgenrath: War ohne Arbeit und Verdienst! Die Rente reicht nicht! Hab bloß getan, was wir dort draußen täglich taten! Wofür man uns belobte, Orden nachschmiß – täglich kistenweise!!

Witterschlick: Das war im Krieg!

Kropfgans: Und wir sind jetzt im Frieden!

Geishügel: Gott sei Dank!

Girgenrath: Jawohl! Und im Frieden, da darf mans nicht so einfach machen wie im Krieg! Der Krieg, der ist die Vorschul für das. (Geste des Stehlens.) Der Frieden ist die Universität dafür! Das will gelernt sein, wie man es im Frieden zu was bringt! Gelernt, studiert – so wie von euch – Doktoren dieser Universität!!

Kropfgans (Wutschrei): Was willst du damit sagen, Schuft?

Köchler (nähert sich ihm, packt ihn an der Brust, schüttelt ihn heftig): Nimm das zurück! Zurück! Das nimmst du augenblicklich zurück!

(Die Frauen kommen wieder.)

Girgenrath (stößt ihn zurück): Weber!! Kamerad im Krieg!! Das Wirtshaus da – war das nicht ehedem euer?? War nicht, als du hinausgingst, deine Mutter hier die Frau –?? Und jetzt! Was ist die jetzt in diesem Haus? Hast du sie schon gefragt? Hier steht sie, hol es nach! Auf Gnade und Barmherzigkeit – das Küchenweib bei dem, der einmal hier der Schankbursch war!

Köchler (heftig): Gekauft! Gekauft! Rechtmäßig, mit Vertrag vor dem Gericht, hab ichs gekauft!!

Girgenrath: Und wann bezahlt –?!

Köchler: Wies im Vertrag gestanden ist!

Girgenrath: In der Inflation! Es langte nicht für einen Kranz aufs Grab!

Köchler: Hab ich die Inflation gemacht – ?

Geishügel: Der eine geht hinunter, der andere kommt hinauf!

Kropfgans: So ist der Lauf der Welt!

Köchler: Wozu hat sie denn verkauft, die Alte?

Witterschlick: Wer hats ihr denn geschafft?

Girgenrath: Auch keiner ihr – geraten, Witterschlick?? Auch keiner zugeredet, Kropfgans??

Witterschlick: Wer konnte damals ahnen –!

Kropfgans: Niemand!

Girgenrath: Auch noch nicht wissen –?! Und das Geld! Köchler, lag das zum Kauf bereit auf deinem Tisch?

Köchler: Was gehts dich an? Von dir hab ich es nicht entliehen!

Girgenrath: Nein, von mir nicht. Denn zum Verleihen gibts, hab ich mir sagen lassen, Sparkassen! Und zum . . . Raten – gute Freunde! Und zum . . . Bestehlen – Witwen, Kriegermütter, die von Geschäften nichts verstehen . . . (Wutschreie. Tumult. Sie dringen auf ihn ein.)

Köchler (in Ekstase): Gott ist mein Zeuge!! Mein Zeuge ist Gott!! Wie eine eigene Mutter hab ich dieses alte Weib gehalten! Keine Arbeit tut sie recht! Alt ist sie und vergeßlich und verdreht! Das Essen bring ich nicht an ihr herein! Aus Pietät . . .!! Aus purer Pietät . . .!! Aber nun, aber jetzt, wenn der Wind daher weht, kann sie sich packen!! Kann sie sich packen!! Augenblicklich packen kann sie sich!!!

Frau Köchler: Raus!! Raus!! Die Alte, der Sohn, der Freund!! Alle drei raus!!!

Girgenrath (brüllt auf; in äußerster Steigerung, mit größtem Ausdruck): Bruder – – –!!! Bruder – – –!!! Wofür hast du und ich gekämpft??? Wofür hast du und ich gelitten??? Wofür gefroren, Bruder, und gedürstet und gehungert??? Wofür haben wir uns von Kugeln zerschlagen, von Bajonetten durchbohren, von Granaten zerreißen, von Flammenwerfern verbrennen, von Gas vergiften lassen??? Wofür??? Wofür??? Wofür??? Zeig mir das Vaterland, Bruder, für das das alles geschah!!! Zeig es mir, Bruder, zeig es mir – –!!! Denn ich – – – bin blind geworden, Bruder, in der Dunkelheit der zwanzig finstren Jahre . . . Blind bin ich, blind, blind, blind, blind, blind –!!! Wohin ich mich auch wende, wo ich es such – ich spür den Fußtritt, den es für mich hatte, und ich finde – – – die!!! (zeigt auf die Stammtischrunde. Stille.)

Weber (mit Ausbruch): Ihr Brüder –!!! Glaubt mir doch: das alles, dem ihr nachstrebt, das ihr jagt, um das ihr hadert, ringt und kämpft – – – das alles gibt es nicht!!! Ein jeder, der von dort zurückkehrt, wo ich war, der weiß: es gibt allein, was – – – über der Erde ist und was in ihr vergeht . . . (Stille.)

Alle (weichen, von Ahnung ergriffen, vor ihm an die Tür zurück).

Geishügel (kreischt, von Entsetzen erfaßt, hysterisch auf): Kameraden –!! Das – – Gerücht in der Stadt . . .!! Das Gerücht –!! Das Gerücht!!!

Alle: Was für ein Gerücht?? Welches Gerücht??

Geishügel: Die – – Auferstehung der Gefallenen!!

Alle (in einem großen Aufschrei des Entsetzens): Der tote Weber – – –!!!

Weber (nach einer langen Stille, langsam): Ich – bin – jetzt – wieder – bei – euch . . .

Alle (erstarrt, weichen langsam, Front zu ihm, aus dem Zimmer. Auch Girgenrath ist unter ihnen. Im Zimmer bleiben nur: Mutter Weber und ihr Sohn. Lange Stille).

Mutter Weber (hat sich ihm genähert, während die anderen zurückweichen. Nun umfängt sie ihn, hält ihn umklammert. Leise, stark): Mein Kind ! Mein Sohn! Diesmal laß ich dich nicht! Diesmal halt ich dich fest! Diesmal – geh ich mit dir . . .

Weber (steht aufrecht, starrt ins Weite. Langsam): In sich zerfallen und zerrissen wie nur je . . . Der Haß so groß und stark wie ehedem . . . Die Güte ferner, als sie jemals nahe war . . . (mit Ausbruch:) Mutter! Die Welt ist, wie sie war . . . (Stille, leise:) Sind wir umsonst gefallen, Mutter? Umsonst –? Umsonst – –??

Vorhang.

 


 

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