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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 11
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Personen

  Paul Vadinet, Dorfschuster
Frau Vadinet
Jacques, Geselle
Jeannette
Gendarm
Pfarrer
Dorfbewohner
Morel

Dorf an der Suippe

Schusterwerkstatt. – Etliche Stunden später

*

Die Dorfstraße.

Links: Kleines, weißgetünchtes Häuschen mit Giebel und grüngestrichenem Wetterhahn, der sich im Wind leise bewegt. Von der Straße führen drei Stufen zu einer grüngestrichenen Glastür. Darüber Schild, gleichfalls grün gestrichen, mit der Aufschrift: Paul Vadinet, Cordonnier. Neben der Tür das Auslagefenster mit den fertigen Schuhen.

Die dem Zuschauerraum zugekehrte Wand des Häuschens fehlt, so daß man in sein Inneres blickt: Geräumige Schusterwerkstatt. Im Hintergrund eine Tür in die Küche, eine andere ins Wohnzimmer. –

Meister Vadinet, großer, starker Mann, Mitte der Vierzig, sitzt seinem Gesellen Jacques gegenüber.

Jacques (Anfang der Zwanzig, ist ein hübscher Junge): Also, wenn ich was zu sagen hätte – ich wüßte es längst! Schließlich hat man doch Flugzeuge? Nicht? Möchte bloß wissen, wozu man Flugzeuge hat! (Vadinet schweigt.) Aber nein! Die in Paris glauben wohl, daß die Aeroplane nur zum Bombenabwerfen gut sind . . . Kein Telegraph, kein Telephon. Nicht einmal Verbindung mit Reims . . . Von Paris oder gar von Verdun – nicht zu sprechen! (Vadinet schweigt.) Da soll man arbeiten – und es gehn vielleicht die unglaublichsten Dinge in der Welt vor! (Vadinet schweigt.) Es geschehn am Ende wirklich Wunder – und man ist nicht dabei! ( Vadinet schweigt.) Beim Bäcker, beim Schmied, beim Tischler, beim Schneider – nirgends wird gearbeitet! Bloß wir, Meister, bloß wir tun, als ob es nichts anderes auf der Welt gäbe – als Schuhsohlen! Sind die einzigen im Ort, die arbeiten!

Vadinet: Der Kalender ist schwarz. Heut ist nicht Sonntag und nicht Feiertag.

Jacques: Aber die Unruhe, Meister! Die Ungewißheit! Man hälts einfach nicht aus!

Vadinet: Hält dich hier niemand mit Gewalt, Jacques. Wenn dich die Arbeit nicht freut, leg sie hin, laß sie stehn. Kriegst deinen Lohn und kannst gehn.

Jacques: Na, na, na! Man wird doch noch etwas sagen dürfen! Der Meister glaubt eben nicht dran! Das ist es!

Vadinet: Bin ein gläubiger Katholik, Jacques. Hab noch an keinem Sonntag die Messe versäumt . . . Glaub auch an alle Wunder, die vollbracht wurden . . .

Jacques: Na – und warum denn dann gerade an dieses nicht, Meister?

Vadinet: Weil keins geschehen ist, Narr. Alles Altweibergeschwätz.

Jacques: Aber es wär doch möglich, Meister, daß ein Wunder . . .

Vadinet: Plapperst Unsinn nach, Jacques. Ein Wunder ist nicht möglich. Ist es wieder möglich – dann ist es kein Wunder.

Jacques. Ja, aber die anderen Wunder? Die waren doch auch alle einmal möglich? Und an die glaubt der Meister doch?

Vadinet: Ich glaub, Jacques. Das heißt: ich weiß nicht sicher, ob es wahr ist; ich weiß aber auch nicht sicher, ob es nicht wahr ist . . . Und weil nichts Gutes dabei herauskommt, wenn man drüber nachdenkt, und weil es richtig ist, zu glauben – na, so glaub ich. Verstanden?

Jacques: Nein, Meister.

Vadinet: Ein Wunder, du Dummkopf, muß so weit zurückliegen, daß man dran glauben kann. Denn ohne Glaubenkönnen gibts kein Glauben. Verstehst du das?

Jacques: Nein, Meister.

Vadinet: Ohne Wunder – keine Kirchen. Kirchen mußten sein – also mußten Wunder sein.

Jacques: Deshalb sag ich ja, daß unser Wunder . . .

Vadinet: Halts Maul. Bin noch nicht zu Ende . . . Ohne Vernunft – keine Werkstatt. Mit Vernunft – keine Wunder. Also darf es heute keine Wunder mehr geben. Hast du das verstanden, Dummkopf?

Jacques: Kein Wort, Meister.

Vadinet: Na, dann sei still und tu deine Arbeit. . . (Pause.) Habs dir schon oft gesagt: sollst diese langen Nägel nicht mehr für die Absätze nehmen. Sind zu groß. Schlägst sie durch, merkst es nicht – und die Leute bringen die Schuh zurück.

Jacques: Na, dann feilen wir ihnen die Nägel eben ab.

Vadinet: Gibt zerrissene Strümpfe, unzufriedene Gesichter und doppelte Arbeit. Wills nicht haben. Mach deine Sache gleich ordentlich.

Eine Weile wird schweigend gearbeitet. Ab und zu hebt Jacques den Kopf, horcht nach der Dorfstraße, auf der heute mehr Leben ist als sonst.

Jeannette (junges, hübsches Ding, kommt über die Straße, tritt ein. Die Schelle über der Tür macht dünn: »Kling«!): Tag, Meister.

Vadinet. (Mit Blick:) Tag, Herr . . . Jacques!

Beide: Tag, Fräulein Jeannette.

Jeannette (steht nahe bei Jacques, packt ein Paar Männerschuhe aus. Jacques streichelt zärtlich ihre Wade, was Jeannette nicht übel aufzunehmen scheint).

Vadinet: Was führt Sie zu uns, Fräulein Jeannette?

Jeannette: Der Vater schickt die guten Schuh!

Vadinet: Die haben wir doch erst da gehabt?

Jeannette: Der Vater sagt, es sticht ihn was. In die Fersen sticht ihn was. Er zerreißt auch alle Socken . . .

Vadinet (wirft Jacques einen drohenden Blick zu, legt langsam seine Arbeit weg): In die Fersen? So, in die Fersen . . .

Jacques (wortgewandt): Das kommt daher, Fräulein Jeannette, daß der Vater kein Sohlengänger ist, sondern ein Absatzgänger. Und da preßt er eben mit seinen hundert Kilogramm Gewicht die Nägel aus den Absätzen . . . So ist das, Fräulein Jeannette. Nicht mal feine Schuhe aus Paris, nicht mal – Lackschuhe mit Knöpfen könnten da helfen! Hab ich recht, Meister? (Vadinet wirft ihm einen furchtbaren Blick zu.) Der Vater soll sich eben einen andern Gang angewöhnen, Fräulein Jeannette!

Jeannette: Werds ihm sagen, Herr Jacques.

Vadinet (nimmt die Schuhe, tritt mit ihnen ans Fenster).

Jacques (ist jetzt mit Jeannette ungestört; gedämpft): Am besten so einen süßen, leichten, huschenden wie den Ihren, Fräulein Jeannette! Bei Ihnen könnte so etwas nie vorkommen!

Jeannette (ebenso): Nein –?

Jacques: Sie sollten überhaupt keine Schuhe tragen, Fräulein Jeannette. Mit bloßen Füßchen sollten Sie gehn – das stell ich mir entzückend vor!

Jeannette: Ach, Sie –! Bloßfüßig . . . Wie sollt ich denn da durch die Pfützen?

Jacques: Wenns arg wird, lassen Sie sich eben tragen.

Jeannette (kichernd): Tragen? Wo nehm ich denn einen her, der mich trägt?

Jacques: Wie wärs denn mit mir?

Jeannette: Sind Sie denn so stark, Herr Jacques? (Befühlt seine Arme.) Wie . . . würden Sie mich denn tragen?

Jacques (nimmt sie blitzschnell mit dem rechten Arm um die Hüften, mit dem linken hebt er sie in der Beuge der Knie hoch, drückt sie an sich und küßt sie. Flüsternd): So . . . So . . . würd ich dich tragen!

Jeannette (hat die Arme um seinen Nacken geschlungen; flüsternd): Und wohin . . . wohin – würdest du mich denn tragen, Jacques?

Jacques (flüsternd): In den Wald, auf eine Wiese, wo es weich ist und wo wir allein sind . . .

Vadinet (dreht sich um. Die beiden gleiten ebenso rasch auseinander. Vadinet setzt sich, wirft Jacques, der sich auffällig unbefangen räuspert, die Schuhe zu): Natürlich! Die Nägel viel zu lang! Abfeilen! Wollen Sie darauf warten, Fräulein Jeannette, oder kommen Sie später drum?

Jacques (rasch): Ich könnte sie ja auch abliefern. Wenn es Ihnen recht ist – abends, Fräulein Jeannette?

Jeannette (Blick): Ja, mir wäre es recht. Auf abends also, Herr Jacques.

Jacques: Auf abends, Fräulein Jeannette.

Jeannette: Guten Tag, Meister Vadinet.

Vadinet: Guten Tag. Fräulein Jeannette. Und sagen Sie dem Vater, daß es bestimmt nie wieder vorkommen wird.

Jeannette: Oh, wenn er auf den Absätzen geht statt auf den Sohlen! (Ab.)

Vadinet: Da hast dus. Keine Arbeit in Ordnung. Aber dafür den ganzen lieben langen Tag – dein ödes Geschwätz! Und dieses Umhertun mit dem Mädel, daß dus nur weißt, das duld ich auch nicht länger!

Jacques (beleidigt): Ich hab in der Stadt gearbeitet. Dort lernt man mehr, als Absätze annageln. Gut arbeiten kann bald einer. Da ist die Konkurrenz groß. Worauf es ankommt, ist: Kundenverkehr. Und auf den versteh ich mich.

Vadinet: So. Und dieses Umhertun mit dem Mädel . . .?

Jacques: War Kundenverkehr, Meister. (Sie arbeiten eine Weile schweigend.)

Frau Vadinet (vierzig, hager, früh verblüht, bleich, mit starrem Blick, kommt über die Straße, ein Gebetbuch in der Hand. Sie tritt ein, schließt die Tür. Die Kräfte verlassen sie. Sie lehnt mit geschlossenen Augen am Türpfosten. Stille).

Vadinet (nach einer Weile, ohne aufzusehen): Wo kommst her, Frau?

Frau Vadinet (tonlos): Kirche.

Vadinet: Kirche, Kirche, Kirche! Möcht wissen, was du um die Zeit in der Kirche zu suchen hast!

Frau Vadinet (ausbrechend): Mann –!! (Stille.) Vielleicht den Frieden . . . Vielleicht die Ruh . . . Vielleicht – – Vergebung . . . (Sie geht mit starrem Antlitz in die Küche, schließt hart die Tür hinter sich.)

Vadinet (schlägt wuchtig mit dem Hammer auf): Himmel und Hölle! Als ob man ein Verbrechen begangen hätte! Seid ja alle toll geworden! Was tot ist – ist tot. Und was begraben ist – begraben. Das rührt sich nicht und kommt nicht wieder!

Jacques (gedämpft): Der Meisterin . . . gehts nah. (Pause.) Vielen gehts nah. Allen, die jemand draußen haben. Und am meisten denen, die den Mann draußen haben . . . Kann nicht verstehn, warums der Meisterin so nahe geht?

Vadinet (in schwerem Zorn): Du! Dir sag ich das jetzt zum letzten Mal: tu deine Arbeit, halt das Maul und bekümmere dich nicht um Sachen, die dich einen Dreck angehn! Und wenn dir das nicht paßt, dann pack dich!

Lärm und Bewegung auf der Straße. Ein Gendarm, staubbedeckt, führt sein Motorrad über die Straße, stellt es bei den Stufen ab. Dorfbewohner, Erwachsene und Kinder, folgen ihm. Die Tür wird aufgestoßen, alles drängt herein.

Gendarm: Sind Sie (liest ab) Herr Paul Vadinet, der Bürgermeister des Dorfes?

Vadinet (erhebt sich): Der bin ich.

Gendarm: Hab Sie schon auf dem Gemeindeamt gesucht.

Vadinet: Amtsstunde ist mittags, wenn alle Zeit haben.

Gendarm (überreicht ihm einen großen Briefumschlag): Da. Proklamation der Regierung. Ist sogleich an geeigneter Stelle anzuschlagen. Muß weiter. (Ab. Gleich darauf sieht man ihn sein Motorrad besteigen und davonfahren. Stille.)

Frau Vadinet (lehnt bleich in der Küchentür): Jetzt . . . Jetzt wirst dus endlich glauben, Vadinet!

Viele: Mach es auf, Vadinet! Sieh doch nach, was es ist. Man will doch wissen, was es ist!

Vadinet: Was wirds sein? Ein Erlaß des Präfekten, wie er alle Tage kommt.

Einer: Er hat aber doch gesagt: von der Regierung!

Viele: Es kommt doch von der Regierung und nicht vom Präfekten! Sieh doch nach, Vadinet!

Vadinet: Ist ein Amtsstück. Wird auf dem schwarzen Brett angeschlagen. Hier ist eine Schusterwerkstatt und kein Gemeindeamt! Hat hier einer ein Geschäft?

Frau Vadinet (lehnt bewegungslos in der Tür; gell): Vadinet!! Lies!!

Vadinet (nach einem Augenblick): Hols der Teufel! Meinetwegen. Weil ihr keine Ruhe gebt! (Er hat den Umschlag geöffnet, das Blatt entfaltet – alles mit gemachter Gleichgültigkeit.) »Proklamation der Regierung! Mitbürger! Ein Vorfall, wie ihn die Geschichte nicht kennt . . .« (Stockt.)

Viele: Aha! Da ist es schon! Aha!

Vadinet: ». . . hat sich ereignet.« (Für sich, leise:) Hat sich ereignet . . .

Einige (entrüstet): »Vorfall?« Wieso denn »Vorfall«? Das ist ein Wunder! Und kein »Vorfall«!

Frau Vadinet (mit geschlossenen Augen, wie vorhin): Hat – sich – ereignet!

Vadinet (rasch, in wachsender Bestürzung): »Nach Berichten, an denen nicht mehr gezweifelt werden kann, haben sich in der vergangenen Nacht die Gräber der Heldenfriedhöfe – geöffnet . . . (stockt) . . . und die darin Bestatteten . . . sind . . . sind . . . auferstanden . . .« (Hält inne, wischt sich den Schweiß.)

Viele: Also! Das ist doch ein Wunder! Ein Wunder ist das! Und kein »Vorfall«!

Frau Vadinet (wie vorhin): Auferstanden!

Vadinet: »Mitbürger! Die Französische Regierung begrüßt die Auferstandenen aller Staaten, besonders aber die Söhne des eigenen Landes!«

Alle: Hoch! Hoch! Hoch! (Begeisterung.)

Pfarrer (milder, weißhaariger Greis, ist über die Straße gekommen und eingetreten): Gelobt sei Jesus Christus, meine Kinder!

Alle: In Ewigkeit Amen, Herr Pfarrer. Hochwürden! Herr Pfarrer – es ist wahr! Sie sind auferstanden!

Pfarrer: Unsere Gebete, meine Kinder . . . Unsere inbrünstigen Gebete!

Vadinet: »Die Regierung ist sich jedoch auch bewußt, daß durch diese Auferstehung eine Lage geschaffen ist, die ihresgleichen niemals hatte, und daß außerordentliche Verfügungen Platz greifen müssen. Denn wenn die Auferstehung der im Weltkrieg Gefallenen eine allgemeine ist, dann haben sich etwa – dreizehn Millionen Tote aus ihren Gräbern erhoben . . .« (Stille.)

Auf der menschenleeren Dorfstraße kommt Morel. Er geht langsam, müde, mit gesenktem Kopf. Plötzlich bleibt er stehen, blickt um sich. Er nickt erkennend: es ist alles, wie er es in Erinnerung hatte. Nur der fremde Name auf dem Schild setzt ihn in Verwunderung. Er schüttelt staunend den Kopf. Dann geht er über die Straße, steigt die Stufen empor, nickt der Auslage zu und öffnet die Tür. Die Glocke macht dünn: »Kling!« Er horcht, er lächelt. Auch das stimmt.

Man hat sein Eintreten nicht bemerkt, denn alle geben auf Vadinet acht. Morel bleibt unbeachtet neben der Tür stehen.

Einer: Wahr . . . wahr! Gestern waren die noch tot . . .

Zweiter: Und heute – leben die wieder . . .

Dritter: Kommen anders wieder, als sie fortgingen . . .

Vierter: So viel steht fest. (Unruhe.)

Vadinet: »Und darum wird angeordnet: Erstens, zweitens, drittens, viertens, fünftens . . . Der Ministerpräsident: Marcel Delcampe, m. p.« (Pause.)

Einer (bekreuzigt sich): Dreizehn Millionen Tote! Gelobt und gepriesen! Dreizehn Millionen Tote!

Zweiter: Der Herr hat ein Wunder getan – sicherlich, gelobt und gepriesen. (Pause.) Aber wozu . . . wozu hat er sie denn auferstehn lassen, dreizehn Millionen Tote? Gelobt und gepriesen!

Viele (plötzlich heftig): Jawohl! Wozu? Dreizehn Millionen? Wozu denn? Wozu??

Pfarrer (zürnend): Das fragt ihr? Habt ihr nicht selbst drum gebetet, jeden Sonntag und jeden Feiertag, den der Herr euch gab? Habt ihr nicht erst gestern drum gefleht?!

Einige (senken die Köpfe).

Andere (dumpf): Ja. Jawohl. Haben gebetet. Haben immer gebetet, gelobt und gepriesen . . . Aber nicht um ein Wunder, Herr Pfarrer! Nicht gleich um ein Wunder!!

Einer: Wenn die jetzt zurückkommen, die dreizehn Millionen . . .

Zweiter: Wird dann auch das Wunder kommen, daß der Weizen schneller wächst?

Dritter: Daß die Felder doppelt soviel tragen?

Vierter: Die Kühe viermal Milch geben im Tag?

Alle: Kommen auch diese Wunder, Pfarrer??

Pfarrer (stark): Sie kommen, ihr Kleinmütigen! Ihr des Wunders Unwürdigen! Sie kommen! Erhalten nicht die Witwen und Waisen ihre Ernährer wieder?? (Die Bauern, die erwartungsvoll zugehört hatten, machen verächtliche Handbewegungen und kehren sich brummend ab.)

Frau Vadinet (starr, gehetzt): Eine Frage, Hochwürden, eine Frage: wenn eine geschworen hat – nicht nur das eine Mal am Altar, sondern hundertmal am Tag und tausendmal in jeder Nacht – wenn eine geschworen hat, so geschworen hat . . . und der Mann ist gefallen – und jetzt, jetzt kommt er wieder . . . Wie ist das dann, Hochwürden? Wie ist das dann?

Pfarrer: Da wird ihr gelohnt werden, Meisterin. Mit irdischem Lohn und mit himmlischem Lohn. Und nicht zuletzt ihretwegen hat der Herr sein Wunder getan . . .

Frau Vadinet (gesteigert): Herr Pfarrer – nein!! Denn wenn sie die Schwüre – – – gebrochen hat? Den am Altar und alle die andern . . . Die hunderte der Tage und die tausende der Nächte . . . Gebrochen, gebrochen, alle gebrochen!!!

Vadinet (schwer): Wenn eine Witwe war, Pfarrer, und nicht Witwe blieb?

Pfarrer (bedrückt): Wenn einer den Bund vor dem Herrn geschlossen hat und lebt, dann hat er keine Witwe, Meister, sondern ein – Weib.

Vadinet: Aber wenn . . . Auch die andern haben ja am Altar des Herrn . . .

Pfarrer (leise): Bigamie, Vadinet. Ungültig.

Vadinet: Sind doch aber Kinder da, Pfarrer! Kinder!

Pfarrer: Nicht aus der Ehe, Meister. Unehelich.

Vadinet (stampft einen Stuhl zu Boden): Verflucht! Das wird sich weisen!

Pfarrer (wendet sich gebeugt zur Tür. Man gibt ihm Raum. Er prallt vor Morel zurück): Was . . . will der Mann?

Morel (langsam, leise, fern): Ist das die Werkstatt des Schusters . . . Jean Jac–ques . . . Mo–rel . . .? (Er malt die Buchstaben in die Luft. Stille. Entsetzen faßt alle. Man weicht vor ihm zurück.)

Vadinet (brüllend): Das ist die Werkstatt des Schusters Paul Vadinet!

Morel (lächelt gut): Vadinet . . . Paul Vadinet . . .! Kannte einst einen Gesellen. Einen guten, braven Gesellen. Der hieß wie du . . .

Vadinet: Morel ist tot! Seit fast fünfundzwanzig Jahren tot!!

Morel (wie vorhin): Wer weiß? Vielleicht – lebt er wieder? Vielleicht – – kehrt er zurück?! (Pause.) Er hatte ein Weib. Weiß niemand, was aus seinem Weib geworden ist? (Bange Stille.)

Pfarrer: Mein Sohn . . . Weshalb . . . Wozu willst du das wissen?

Morel: Vielleicht – hab ich eine Botschaft an sein Weib . . .?

Vadinet: Wer bist du? Ich kenn dich nicht!!

Morel: Vielleicht – ein Kamerad Morels ? Ein guter alter Freund?

Frau Vadinet (reißt Papiere hervor. Hysterisch): Da –! Da –! Da –! Der Totenschein! Der Brief der Kompagnie. Des Bataillons. Des Regiments. Gefallen! Gestorben!! Begraben!!! Auf allen Papieren – tot! Tot! Tot! Tot!! Tot!!! Jean Jacques Morel war tot. Jean Jacques Morel – – ist tot!!!

Morel (starrt Frau Vadinet an): Du hast ihn tief begraben, Frau. Sehr tief hast du ihn begraben . . . Nicht einmal Gott könnt ihn aus dieser Tiefe holen . . . (Stille. Dann langsam:) Wer bist du, Frau?

Vadinet (reißt sie an sich; mächtig): Mein Weib!! (Reißt einen Knaben und ein Mädchen an sich.) Und die da – meine Kinder!! Und hier – meine Werkstatt und mein Haus!! Das alles – – mein! Mein!! Alles, alles – mein!!! (Stille.)

Morel (leise): Das Häuschen . . . weiß getüncht, wie dieses. Der Wetterhahn, die Tür. Das Fenster und die Schelle. (Öffnet sie, lauscht. Die Schelle macht »Kling!« Er nickt.) Die Werkstatt und die Küche. Die Lampe und der Herd. War alles so wie hier. (Pause.) Nur – sie . . . Nur sie . . . ist nicht mehr da. (Pause.) Scheinst recht zu haben, Bruder: Jean Jacques Morel ist hier kaum daheim.

Vadinet: Nein!

Morel: Du weißt das bestimmt, Bruder?

Vadinet: Ja!

Morel (leise): Weißt du vielleicht auch, wo er daheim ist?

Vadinet (in wildem Ausbruch): In der Erde!! Auf dem Friedhof!! In seinem Grab!! Dort!!! (Zustimmendes Gemurmel.)

Morel: Meint ihr das alle, Brüder?

Viele (dumpf): Ist so, seit die Welt besteht.

Morel (leise): Dann muß es wohl so sein. (Pause; er wendet sich zur Tür.) Da auch sein Weib gestorben ist . . .! Denn lebte die – wäre sein Platz bei ihr . . . (Langsam, mit gesenktem Haupte, ab. Stille.)

Frau Vadinet (reißt sich aus ihrer Erstarrung. Gellend): Sie lebt! Sie lebt!! Sie lebt noch immer!!! (Schlägt sich wie rasend mit den Fäusten auf die Brust.) Da – –!! Da – –!! Da – –!! Da lebt sie noch immer!!! (Stürzt zur Tür.) Jean – – –!!! Jean – – –!!!

Vadinet (wirft sich ihr entgegen, deckt die Tür mit dem Rücken): Weib!! Wo willst – hin??

Frau Vadinet: Zu ihm!! Zu ihm!! Morel!!! Morel!!! Er – er selbst ist es gewesen!!! (Sie rüttelt an der Tür.)

Vadinet (schleudert sie zurück): Mein Weib bist!! Bleibst!!!

Pfarrer (fanatisch): Be – ten!! Be – ten!! Ihr Männer! Ihr Frauen! Lasset uns beten!!

Vadinet (wuchtig): Nein, Pfarrer!! Nicht beten!! Ruft lieber alle Männer auf!! Ruft alle Männer zu den Waffen!! Geht, schreit durchs ganze Land: Ihr Lebenden!! Schützt euch und Eures vor den Toten!!!

Während viele, in die Knie gesunken, dem Pfarrer schreiend, ja brüllend, das »Vaterunser« nachbeten,

schließt sich die Bühne.

 


 

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