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Wunder um Verdun

Hans Chlumberg: Wunder um Verdun - Kapitel 10
Quellenangabe
typedrama
booktitleWunder um Verdun
authorHans Chlumberg
year1932
firstpub1931
publisherS. Fischer
addressBerlin
titleWunder um Verdun
pages120
created20131009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Personen

Ein Trupp Auferstandener, darunter:

  Wittekind
Hessel
Weber
Schmidt
Sonneborn
Schröder
Lehmann
Vaudemont
Verron
Morel
Dubois
Roubeau
Baillard

Kornfeld an einer Straßenkreuzung

*

Besonntes, sanft gewelltes Land.

Im Hintergrund Wiesen, Felder, bewaldete Hügel.

Im Vordergrund, gegen rückwärts leicht ansteigend, ein Kornfeld, zur Hälfte gemäht. Vorne und rechts wird es durch Landstraßen begrenzt. An der Kreuzung stehen einander vier hölzerne Pfähle mit Orientierungstafeln und Pfeilen schräg gegenüber, in den Farben der Trikolore gestrichen.

Pfeil und Tafel, nach Osten gerichtet, zeigen an: »Nach Verdun«. Nach Westen: »Nach Paris«. Nach Norden: »Nach Sedan«. Nach Süden: »Nach St. Ménéhould«.

Es ist früher Morgen. Ungefähr um die gleiche Stunde, in der sich die Ereignisse des letzten Bildes begeben.

Ein Trupp Auferstandener rastet im Kornfeld.

Links vorne liegen Hessel und Verron. In einigem Abstand: Baillard, Morel, Weber, Lehmann, Roubeau, Dubois, Schmidt, Sonneborn.

Weiter rückwärts, inmitten einer Gruppe anderer; Wittekind und Vaudemont.

Die Auferstandenen liegen zumeist auf dem Rücken und starren zum tiefblauen Himmel. Einige sitzen auch halb aufgestützt und betrachten mit weiten, staunenden Augen das Land um sich.

Die vorne stoßen ab und zu Brocken stiller Selbstgespräche, scheinbar ohne jeden Zusammenhang, heraus. Was sie sprechen ist für sie, nicht für die andern, bestimmt.

Die rückwärts summen leise die eintönige Melodie eines Soldatenliedes vor sich hin.

Morel (liegt auf dem Rücken, starrt zum Himmel): Weiß . . . Ganz weiß war es getüncht . . . (Stille.) Es war nicht hoch, nein . . . Und es hatte . . . Einen Giebel hatte es. (Stille.) Und auf dem Giebel . . . auf dem stand – ein Wetterhahn. Der . . . Der . . . Also, wenn der Wind wehte – drehte sich der! (Kurzer, erstickter Lachlaut.) Wie . . . sie . . . über den lachen konnte!

Dubois (nach einer Weile): Das Dach über dem Kuhstall . . . Das Dach. Ja. Das war kaputt. Aber sonst: das Vieh, das Feld, der Hof, das Haus . . . (Stille.) Und ich – der Bauer. Der Bauer!!

Schmidt: Naja, im Winter! Da war das manchmal eine Plage . . . Da konnte man . . . Hundertmal konnte man da rufen: »Vorgehn! Bitte, ins Wageninnere vorgehn!« Haben sich nicht von der Tür . . . Nicht von der Tür haben sich die gerührt! »Fährt nicht weit.« »Steigt schon aus.« Ausreden. Faule Ausreden. Aber sonst . . . Sonst . . . Da war das schon . . . Ja, da war das schon was Rechtes . . .

Roubeau: Drei Stockwerke hoch . . . Nein, vier! Und eine ganze Straße lang – alles aus Beton. Jede Werkstatt hoch und hell. Licht von allen Seiten. Das war eine Fabrik! (Stille.)

Sonneborn: Auf der Bühne . . . Wenn ich auf der Bühne stand . . . Das Theater voll und aller Augen auf mich gerichtet . . . und ich mußte einen ganzen Abend lang ödes, albernes Zeug plappern . . . Da war das . . . Da war das manchmal zum Verzweifeln . . . Aber dann . . . Wenn ich dann wieder den – Ferdinand . . .! Oder gar den – Hamlet . . .!! Da . . . Ja, da war das schon die sonstige Erniedrigung und Demütigung wert . . .

Lehmann: Aber am schönsten, am schönsten war es doch immer erst nach Büroschluß . . . Wenn die andern alle fort waren und ich allein blieb . . . In der rechten Schreibtischlade, unter der Strazze, der Tee und der Zucker . . . Das Deckenlicht, das schaltete ich aus. War mir zu grell. Bloß die Schreibtischlampe mit dem grünen Schirm . . . (Stille.) Wie diese Gasöfen leise singen . . . Und in siedendes Wasser konnte ich stundenlang schauen . . . Das Meer hab ich nie gesehn . . .

Morel: Im Fenster – die Auslage mit den fertigen Schuhen. Daneben – die Tür. Grüne Glastür . . . Über der Tür – das Schild. Auch grün . . . Und auf dem Schild (zeichnet die Buchstaben in die Luft): Jean Jac–ques Mo–rel, Schuster. (Pause.) Das, ja, das – war ich . . . (Stille.)

Dubois: Die Braune, die war trächtig . . . Ob sie wohl das Dach – ohne mich? War immer eine Tüchtige. Wird schon damit zurechtgekommen sein. Ist auch mit allem anderen fertiggeworden – ohne mich . . .

Roubeau: Im Maschinenraum die neue Fräsmaschine . . . Was das Luder Mucken hatte! Tat erst ganz gutmütig – und dann, mit einem Mal, heimtückisch in die Finger, daß das Fleisch flog und die Knochen splitterten! Na, mir war die nicht über! Mir nicht! Die lief unter mir – wie ein lammfrommer Gaul lief die unter mir . . .!

Weber: Das kleine Gastzimmer mit der Lampe! In der linken Ecke der Stammtisch der Kameraden . . . Wie gut die Mutter alles zusammenhielt! Und Girgenrath! Mein Freund Girgenrath! Das war ein Kerl! Der stand ihr in dieser Zeit zur Seite – das ist gewiß . . .

Eine Weile Stille. Das Summen verdichtet sich allmählich zu einer Strophe:

        Malheur pour nous,
        Malheur pour vous,
        Malheur pour toute la ronde.
        Pour toutes les femmes comme les enfants:
        Malheur pour tout le monde.

Sie summen die Melodie weiter.

Verron (hat sich ein wenig aufgerichtet, sehr langsam, still): Gelbe Felder. Grüne Wiesen. Dunkle Wälder – rings um uns . . .

Hessel (liegt auf dem Rücken, blickt empor): Himmel über uns – statt Erde.

Verron: Heißes Licht!

Hessel: Statt Kälte. Nacht. (Stille.)

Verron (wendet den Kopf): Vögel fliegen! (Stille.)

Hessel (horcht nach dem Boden): Grillen zirpen . . .

Verron (wendet gleichfalls den Blick zu Boden): Käfer kriechen. (Pause.)

Hessel: So wie einst. (Stille.) Unterstände sind verschwunden!

Verron: Keine Gräben! Keine Trichter!

Hessel: Nichts reißt mehr die Erde auf. (Stille.)

Verron: Bäume – warn doch kahl geschossen?

Hessel: Haben sich vom Krieg erholt.

Verron: Eingeebnet auch die Felder!

Hessel: Korn wächst drauf. Kartoffeln. Rüben.

Verron: Roter Mohn steht – wo wir fielen. (Stille.)

Verron (dessen Blick ins Weite geht, tastend): War ein . . . Kornfeld – ganz wie dieses?

Hessel (in gleicher Weise, gepackt): Doch das Korn – das war verbrannt!

Verron: Trommelfeuer, Gasgranaten.

Hessel: Wild zerwühltes Trichterfeld.

Verron: Gräben hüben, Gräben drüben.

Hessel: Dieses Kornfeld – Niemandsland. (Stille.)

Verron (bedrängt): Mußten vor!

Hessel: Wir – mußten abwehrn!

Verron (suchend): Oder – Abwehr?

Hessel: Gegenstoß –?

Verron: Lag mit einem Mal im Trichter.

Hessel: Ging mir grade so wie dir. (Stille.)

Verron: Hob den Kopf und blickte um mich . . .

Hessel: Da – sah einer starr zu mir! (Pause, langsam.) Schmales Antlitz, gute Augen . . .

Verron: Hohe Stirn und kluger Blick . . .

Hessel: Sah die Furcht in seinen Zügen . . .

Verron: Die – Verzweiflung im Gesicht!

Hessel: Wollt dir helfen!

Verron: Wollt dich schonen!

Beide (in einem erstickten Aufschrei): Doch die Hand – !! (nach einer Pause, tonlos:) – – die wollte nicht . . . (Stille.)

Hessel (müde): Die Pistole.

Verron (müde): Handgranate.

Hessel (ergeben): Mußt sie schleudern – denn sie schoß . . .

Verron (ebenso): Mußte schießen – denn sie warf . . . (Stille. Man hört nur das Summen der von rückwärts.)

Morel (nach einer Weile): Hatten so eine . . . Eine eiserne Schelle hatten wir . . . Öffnete man die Tür, machte die . . . (sehr dünn:) »Kling!« (Kurzer, erstickter Lachlaut.) Überflüssig, natürlich. Denn vorn, in der Werkstatt, unter der Lampe, da saßen wir. Vadinet, der Geselle, und ich. Und rückwärts, in der Küche – sie. (Pause.) Aber . . . der Kaufmann gegenüber hatte eine, na – und es machte ihr eben Freude . . .

Roubeau: Die Schirmgriffe, die Spazierstöcke, die Schachfiguren! König, Königin, Turm! Die traf keiner wie ich. Und die Maschinen! Wenn irgend was kaputt ging: »Roubeau, hilf! Nur du kannst das schaffen, Roubeau!« (Pause.) Ja. Das hat Annette . . . Das wird ihr wohl gefallen haben . . . Sonst hätte die ja nicht grade mich . . . So eine! Die konnte doch haben . . . Wen die wollte, konnte die haben . . .!

Sonneborn: Alt wollt ich werden . . .! Ich wollte alt werden! Das hab ich mir immer gewünscht . . . Na, nicht gerade steinalt; aber so alt, um den Lear so richtig . . . Denn den Lear, den hätte ich dann zum Schluß . . . Ja. Den Lear. Das wäre . . . Ein sinnvolles Ende wäre das gewesen . . .

Baillard: Baillard war ich. Bankier Baillard . . . Frau und Kinder! Häuser, Güter, Weiber, Autos, Geld . . . Alles! Um vieles mehr, als ich brauchte . . . (Stille. Er öffnet die Faust, betrachtet sie nachdenklich.) Was blieb mir davon in der Hand – ? Erde . . . Erde . . .

Das Summen hat sich wieder zu einer Strophe verdichtet:

        A la guerre comme à la guerre.
        Et la guerre – c'est la misère.
        La misère est partout:
        Nix du vin et nix du pain – rien du tout . . .

Sie summen die Melodie weiter.

Wittekind und Vaudemont (haben sich zu den Orientierungstafeln begeben, lesen).

Vaudemont (liest ab): Grand-Pré und nach Sedan. St. Ménéhould, Dijon. (Er wendet sich nach Westen.) Nach Reims und nach – Paris . . . (Er blickt westwärts.)

Die Franzosen (haben sich aufgerichtet und blicken nord-, süd- oder westwärts).

Wittekind (liest ab): Verdun. (Pause, zeigt nach Osten.) Dort geht es nach Verdun . . . Und über Verdun hinaus – nach Deutschland. (Stille.) Deutschland!

Die Deutschen (haben sich aufgekniet und starren gebannt nach Osten; leise): Deutschland – – ! (Die Mützen oder Stahlhelme tragen, nehmen sie, mit Wittekind zugleich, ab.)

Die Bühne verdunkelt sich.

 


 

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