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Wunder des Schmelztiegels

Hans Dominik: Wunder des Schmelztiegels - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorHans Dominik
titleWunder des Schmelztiegels
publisherH. Wigankow-Verlag
year1948
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Die Porzellanmanufaktur Meißen

August der Starke ist über den Bericht seines »Goldmachers« begeistert, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Schon im April des Jahres 1709 setzt der König auf Wunsch Böttgers eine Kommission zur Prüfung der Erfindungen ein, an deren Spitze der Geheimrat Zech steht. Zu ihr gehören weiter der Kammerrat Nehmitz, ein Bruder des Arztes, der Böttger schon seit Jahren betreut, der Geheime Kriegsrat von Holtzbrinck, der Hofrat Doering und der Bergrat Pabst. Es sind ausnahmslos kluge und redliche Beamte, die nur das Beste ihres Landes wollen; doch das Bewußtsein ihrer Verantwortung lähmt ihre Entschlußkraft. Die von Böttger gelieferten Proben ... von dem weißen Porzellan können zunächst nur einige unglasierte fliesenartige Quadrate vorgelegt werden ... vermögen sie nicht zu überzeugen, und so verstreicht nach der ersten Sitzung ein halbes Jahr, bevor die Kommission im November wieder zusammentritt. Zwar hat Böttger in der Zwischenzeit auch die Frage der Glasur gelöst; aber trotzdem vermögen die Mitglieder der Kommission sich nicht zu einer Befürwortung seiner Vorschläge aufzuraffen. Die geringen wirtschaftlichen Erfolge einiger Tschirnhausenscher Manufakturen mahnen zur Vorsicht; keiner dieser beamteten Gutachter möchte zu einem Unternehmen raten, das möglicherweise ebenfalls mit einem wirtschaftlichen Mißerfolg enden könnte.

Die ganze bisherige Arbeit Böttgers scheint auf einem toten Punkt zu stehen, als der König, der so oft geschmähte und verkannte August der Starke, als Souverän eingreift. Mit offenem Blick hat er die große Bedeutung der Erfindung erkannt und erläßt am 23. Januar 1710 zu Dresden ein königliches Patent, durch das die sächsische Porzellanmanufaktur begründet wird.

»Wir Friedrich August von Gottes Gnaden, König von Pohlen und Churfürst von Sachsen usw.«, so heißt es in diesem Dekret, »tun hiermit kund und fügen männiglich zu wissen: Demnach wir unseres getreuen Churfürstentums und dahin incorporierter, auch anderer Lande bekümmerter Zustand, darin dieselben durch mancherlei Unglück, insonderheit durch die vor vier Jahren beschehene schwedische Invasion gesetzt worden, mitleidend beherziget und wie solchen auf's Beste und Nachdrücklichste wieder aufgeholfen werden möge, unsere einzige und höchste Sorge seyn lassen zu wollen; so haben wir unter anderen ausgefundenen Mitteln, daß die Wiederbringung einer gesegneten Nahrung und Gewerbes im Lande hauptsächlich durch Manufakturen und Commercia befördert werden könne, vornehmlich in Consideration gezogen und Unsere landesväterliche Sorgfalt dahin gerichtet, wie die von Gott Unseren Landen besonders reichlich mitgeteilten unterirdischen Schätze eifriger als in vorigen Zeiten nachgesucht und diejenigen Materialien so als todt und unbrauchbar gelegen zu ein oder anderen Nutzen gebracht werden mögen.«

Es folgt dann die Mitteilung, daß »einigen in dergleichen Wissenschaften vor anderen wohlgeübten Personen derartige Nachforschung« aufgetragen wäre und daß mit Gottes Hilfe »aus denen in unseren Landen häufig und überflüssig befindlichen Materialien« bereits jene Erfindungen gemacht seien, die Böttger in seinen Eingaben an den König bezeichnet hatte, unter denen aber nur die keramischen und darunter natürlich mit ganz besonderem Nachdruck die des echten Porzellans, sowohl glasurt als unverglasurt, aus dem »ein den Ostindischen Porzellans, sowohl an Durchsichtigkeit als anderen dabey erforderten Eigenschaften gleichkommenden Gefäß könne und möge fabricieret werden«, gerühmt werden. Es folgt weiter ein Hinweis auf das, was alles aus letzterem Material gewonnen werden könne, weiter auf die gewesene Kommission und deren Arbeiten, auf die damals bereits erfolgte Einsetzung eines besonderen Manufakturdirektoriums und auf die geschäftlichen Prinzipien, die hinsichtlich der Fabrikation befolgt werden sollen. Dann aber wendet sich das Patent in lebhaften Worten an das Land: es wird aufgefordert, »für die Etablierung so vieler und wichtiger Manufakturen« einen leidlichen Beitrag zu leisten, Künstlern und Handwerkern aber, die sich an dem Werk beteiligen wollten, werden ganz besondere Vergünstigungen und voller Schutz gegen etwaige Ansprüche von Seiten der Zünfte oder der Jurisdiktion der Magistrate oder der Amtsleute in Aussicht gestellt. Schließlich sieht das Dekret gar in weiterer Ferne durch das Herbeiziehen von »guten Künstlern und Handwerkern« bereits ein allgemeines Aufblühen von Künsten und Wissenschaften in Sachsen voraus, das dem ganzen Lande zum Nutzen gereichen würde.

Dies Dokument ist die Geburtsurkunde der sächsischen Porzellanmanufaktur; weiter gilt es nun, den königlichen Willen in die Tat umzusetzen, das durch den Erlaß Befohlene wirklich ins Leben zu rufen, und sogleich tauchen neue Fragen und Sorgen auf.

Wo soll die neue Manufaktur ihren Sitz haben? Aus mancherlei Gründen erscheint die Burg Meißen, auf der Böttger früher selber mehrere Jahre als Gefangener laboriert hat, besonders geeignet dafür; denn auch die Arbeiter und Angestellten der neuen Fabrik müssen unter Bewachung stehen. Es muß unter allen Umständen verhütet werden, daß das kostbare »Arcanum« des Porzellans, dies unter so vielen Opfern errungene Geheimnis, in unberufene Hände gerät und etwa anderen Staaten zugute kommt.

Am zweckmäßigsten wäre vielleicht dafür der Königstein; doch allzu beschränkt sind dort die Räumlichkeiten. Dagegen bietet die Burg Meißen reichlich Raum und daneben eine festungsartige Abgeschlossenheit, die der Wahrung des Geheimnisses förderlich ist. So wird die Burg als Stätte für die Manufaktur bestimmt, und nun handelt es sich darum, sie von anderen unerwünschten Bewohnern zu räumen. Das ist nicht ganz einfach; denn verschiedene Behörden, staatliche, städtische und auch kirchliche, haben ihre Amtsräume in der Burg, versteifen sich auf alte Rechte und können schließlich nur durch ein königliches Machtwort gezwungen werden, Platz zu machen. Auch eine Domschenke befindet sich auf der Burg, die jedermann offensteht und in der die Angestellten der Manufaktur, »die Arcanisten«, die Besitzer des Geheimnisses, mit irgendwelchen Fremden beim Glase Wein zusammenkommen könnten. Zäher und länger als die Aemter, welche die Burg auf königlichen Befehl im Laufe des Jahres 1710 räumen, verteidigt gerade diese Schenke ihre Rechte. Noch im August 1711 beklagt sich Böttger, daß sich »in der Domschänke noch allerhand fremde Leuthe« zum Schaden der Manufaktur verbergen könnten, und in der Tat mag dort manches der jungen Manufaktur recht Abträgliche geschehen sein.

Geheimhaltung ist die erste und größte Sorge; denn allzu gut wissen der König und seine Berater, daß man von vielen Seiten darauf aus ist, hinter das Geheimnis zu kommen, und durch mannigfache Mittel sucht man sich gegen Verrat zu schützen. Selbstverständlich ist es, daß sämtliche Angestellten der Manufaktur von ihrem ersten Inspektor Steinbrück bis zum letzten Arbeiter durch schwere Eide zur Geheimhaltung verpflichtet werden. Auch werden nur Protestanten eingestellt; denn die katholische Ohrenbeichte könnte immerhin die Veranlassung geben, das Geheimnis Personen zu offenbaren, für die es nicht bestimmt ist. Um weiter zu verhindern, daß sich Fremde ungesehen einschleichen, erhält die Burg eine gute Beleuchtung durch eine beträchtliche Anzahl von Oellaternen, und ständig liegt in dem einzigen Zugangstor eine starke Wache.

Weiter sucht man die Arbeiter durch besondere Vergünstigungen bei der Stange zu halten. Sie bekommen eine für die damalige Zeit recht hohe Besoldung von acht bis zwölf Taler im Monat, werden von der Aufsicht durch die Zünfte und von allen sonst üblichen Personallasten befreit und erhalten durch das sogenannte »Porzellangericht« eine eigene Gerichtsbarkeit. Auf diese Weise bilden die Angestellten und Arbeiter der Manufaktur einen besonderen gehobenen Stand, dessen Angehörige durch einen gewissen Korpsgeist – so hofft man – für einen Verrat viel schwerer zu haben sein werden als einfache, gering bezahlte Arbeiter.

So wirksam diese Vorsichtsmaßregeln auch erscheinen mögen, den Verantwortlichen sind sie doch noch nicht stark genug. Folgerichtig schließen sie, daß nur der etwas verraten kann, der etwas weiß, und so wird das Geheimnis selbst mehrfach unterteilt. Nur Dr. Bartelmei kennt die Herstellung der Masse und ist durch seinen Eid gebunden, sein Wissen vor jedermann, auch vor Dr. Nehmitz zu wahren, der seinerseits unter den gleichen Kautelen in die Komposition der Glasuren und den Brennprozeß eingeweiht wird. Ueber alles ist nur der Erfinder selbst, Friedrich Böttger, unterrichtet; doch der ist nicht auf der Albrechtsburg. Obwohl er die Seele der ganzen Unternehmung ist, arbeitet er nach wie vor in seinem Laboratorium auf der Bastei in Dresden und bleibt auch im zehnten Jahre, was er im ersten war, ein sorgsam behüteter Gefangener.

Für den Betrieb der Manufaktur ist diese örtliche Trennung nicht vorteilhaft; müssen doch die beiden technischen Leiter Nehmitz und Bartelmei ständig zwischen Meißen und Dresden hin- und herreisen, um das Neueste, das sie jeweils auf der Bastei von Böttger erfahren, nach Meißen zu bringen und dort im großen zu erproben. So fehlt auf der Burg das Auge des Meisters, der nun schon seit vielen Jahren mit dem Feuer arbeitet, während Nehmitz und Bartelmei bei allem guten Willen doch nur Anfänger in der keramischen Technik sind. Daß es trotzdem verhältnismäßig erträglich geht, daß die Oefen, die sie nach den Plänen Böttgers in Meißen errichten, den Erwartungen entsprechen, daß die Brände allmählich immer besser werden, ist genau besehen ein unverdientes Glück.

Während so auf der Albrechtsburg gewerkt wird, während dort beispielsweise im August 1711 aus den von Böttger hergestellten Schamotteziegeln ein neuer großer Ofen gebaut wird, für dessen Errichtung der König 6000 Taler bewilligt hat, arbeitet der Erfinder selbst auf der Bastei unermüdlich weiter. In zäher Arbeit verbessert er die Masse und die Glasur, die beide trotz allem bisher Erreichten noch sehr verbesserungsbedürftig sind. Er erfindet ferner Schmelzkegel, Vorläufer der heute gebräuchlichen Segerschen Kegel, die bei bestimmten Hitzegraden anfangen zu glänzen und zu fließen und dadurch melden, daß es Zeit ist, den Ofen ausgehen zu lassen.

Daß man das edle Porzellan nicht Verunreinigungen durch Feuergase und Flugasche aussetzen darf, sondern es durch feuerfeste Kapseln geschützt in den Ofen setzen muß, hat Böttger schon früher gefunden und in der Schamotte den geeigneten Stoff für die Schutzkapseln bereitgestellt. Durch die Anbringung von Probe- oder Schaulöchern in den Oefen und die Schmelzkegel ist es weiter möglich geworden, die Glut ständig zu beobachten und in der gewünschten Stärke zu halten. Trotzdem ist der Ausschuß bei den Bränden noch recht erheblich. Obwohl man sich in diesen ersten Jahren noch auf kleinere, verhältnismäßig einfache Geschirrstücke beschränkt und an die großen Kunstbildwerke, die schon ein Jahrzehnt später aus der Manufaktur hervorgehen werden, noch nicht zu denken ist, bleibt die Zahl der Fehlbrände immer noch so bedeutend, daß der erhoffte Gewinn sich nicht einstellt. Durch das erste Jahrzehnt ihres Bestehens hindurch wird die mit so vielen Hoffnungen gegründete Manufaktur ein Unternehmen mit Unterbilanz bleiben und schwere Krisen durchmachen. Erst ein Menschenalter später werden die Nachfolger des Berliner Goldmacherjungen die reichen Früchte seiner Lebensarbeit ernten.

Immer wieder ist es in diesen Anfangsjahren der König, der sich hinter seine Gründung stellt, sie durch reiche Aufträge unterstützt und aus seiner Privatschatulle Mittel anweist, wenn die Not zu groß wird. Darüber hinaus hilft der Monarch auch künstlerisch durch Rat und Tat. Er gibt Anregungen zur Gold- und Silbermalerei und weist der Manufaktur geschickte Goldarbeiter zu, die sich in gleicher Weise um neue schöne Formengebungen wie um die Vergoldung des Porzellans verdient machen.

Daneben bleibt Böttger die treibende Kraft. Er müht sich um die Entdeckung neuer feuerfester Farben, und es gelingt ihm auch, der keramischen Palette einige neue Töne hinzuzufügen. Er findet Metallverbindungen, die in der Glut des Garbrandes ein rotes, grünes und violettes Farbenspiel ergeben, und verbessert die bereits vorhandene blaue Kobaltfarbe so weit, daß sie auch im scharfen Feuer die Linien der Malerei sauber bewahrt. Unermüdlich bleibt er auch weiterhin bestrebt, die Porzellanmasse und die Glasur zu verbessern, und gibt ständig neue Rezepte hierfür nach Meißen. Eine der letzten seiner Vorschriften für die Masse lautet: »1. Schnorrsche Erdte 4 Theile; 2. Colditzer Thon 2 Theile; 3. Zarter Kießel 1½ Theile; so aber die Prinzipal-Materie«, heißt es weiter, »nicht zu mager ist, braucht man keines Zusatzes. Wie denn auch die Masse, so in der Proportion etwas versehen worden, etwas gelblich ausfällt.« Für die Glasur gibt eines seiner Rezepte an: »100 Pfund Kießel, 10 Pfund Colditzer Thon, 20 Pfund abgerauhter (d. h. entwässerter) Borax.« Später gibt er die Boraxglasur wieder auf und wählt eine Kalk-Kaolin-Quarz-Glasur, für deren Zusammensetzung er die Vorschrift gibt: 24 Pfund Colditzer Thon, 12 Pfund Kießel und 6 Pfund Kreide. Die Erzeugnisse, die nach diesen Anweisungen gewonnen werden, haben in den gelungenen Stücken tatsächlich alle Eigenschaften des besten ostindianischen Porzellans. Sie zeichnen sich durch die gleiche Härte und Durchsichtigkeit und den gleichen schneeigen Glanz der Glasur aus; doch allzu groß ist zunächst noch die Zahl der mißlungenen Stücke, die sich im Brande verziehen, zusammenfallen oder sonstwie Schaden erleiden. Dies Verhältnis günstiger zu gestalten, wird für geraume Zeit seine Hauptaufgabe bleiben.

Während die technische Entwicklung so in den ersten Jahren der Manufaktur langsam, aber stetig fortschreitet, läßt die Organisation mancherlei zu wünschen übrig. Der Umstand, daß der Schöpfer des Ganzen, Johann Friedrich Böttger, in Dresden festgehalten, seinem Werk fernbleiben muß, während in Meißen ein Direktorium schaltet, das gern selbständig sein möchte und schließlich doch immer wieder auf die Kenntnisse und Erfahrungen des Meisters angewiesen ist, führt mit einer gewissen Naturnotwendigkeit zu Reibereien und Spaltungen.

Schon im September 1710 kommt es zu einer großen Intrige gegen Böttger, bei der Dr. Nehmitz eine recht zweifelhafte Rolle spielt. In der an sich lobenswerten Absicht, den Absatz der Manufaktur zu steigern, wird eine besondere Firma gegründet, wobei der Kaufmann Johann Gottlieb Schwartze als Strohmann fungiert. Der kapitalkräftige Hintermann ist jedoch der Kommerzienrat Matthieu, der bereits seit längerer Zeit mit der Steinbäckerei Geschäfte macht. Außerdem gehört Dr. Nehmitz dieser Firma an, und auf sein Betreiben ist es wohl zurückzuführen, daß das Direktorium der Manufaktur mit der Firma einen Lieferungsvertrag schließt, der dieser für das nächste Jahr ein vollständiges Monopol gibt. Wohl durchschaut Böttger das Spiel, das da hinter seinem Rücken und gegen ihn getrieben wird, und setzt sich nach Kräften zur Wehr; doch für ein Jahr muß der für die Manufaktur schädliche Vertrag in Kraft bleiben. Zwar stellt sich der König auf seine Seite und überträgt ihm durch Patent die Administration der Manufaktur; doch da er nach wie vor auf der Bastei in Dresden bleiben muß, ist diese Ernennung nicht mehr als eine Geste und bleibt wirkungslos.

Der wirtschaftliche Ertrag der Manufaktur ist schlecht, obwohl das sächsische Porzellan überall Aufsehen erregt und sich Bewerber darum aus allen Teilen Europas melden. So kauft schon 1711 ein Portugiese namens Almeida für 300 Taler Meißner Porzellan und verkauft es in Portugal mit Leichtigkeit für 900 Taler. Doch, wie schon dies eine Beispiel zeigt, macht dabei nicht die Manufaktur, sondern der Zwischenhändler den großen Gewinn. Obwohl der König großzügig mit seinen Bestellungen ist ... umfaßt doch seine heute noch erhaltene Sammlung weit über achthundert Stücke Böttger-Porzellan ..., reißen die Geldsorgen in der Manufaktur nicht ab, und gelegentlich kommt es so weit, daß die Fabrikation aus Mangel an Betriebsmitteln zu stocken droht. Wiederholt ist Böttger gezwungen, sein Privateigentum, Dosen, Ringe und andere Schmuckstücke zu verpfänden, um die notwendigsten Löhne aufzubringen, und wo das nicht ausreicht, nimmt er gegen Wechsel und Wucherzinsen Geld auf. In zwiefacher Weise wirken sich diese unerquicklichen Finanzverhältnisse aus; trotz der Bewachung und trotz der eidlichen Verpflichtungen verlassen einige Angestellte der Manufaktur wegen der unregelmäßigen Lohnzahlungen ihren Posten, um mit den in Meißen erworbenen Kenntnissen in anderen Staaten hausieren zu gehen. Wenn der einzelne infolge der in Meißen geübten Art der Geheimhaltung auch nicht allzuviel verraten kann, so kommen durch diese Flüchtlinge doch mancherlei Kenntnisse in unrechte Hände, und das allenthalben herrschende Merkantilsystem führt schon früh zu Versuchen, der sächsischen Manufaktur in anderen Orten Konkurrenz zu machen. Beispielsweise kommt es 1718, noch zu Lebzeiten Böttgers, auf diese Art zur Gründung einer Porzellanfabrik in Wien. Doch nicht nur für das Werk selbst, sondern auch für seinen Schöpfer ist die ständige Geldnot verhängnisvoll. Sein durch jahrelange Arbeiten, Sorgen und ... es darf nicht verschwiegen werden ... Ausschweifungen zerrütteter Körper ist diesen Beanspruchungen nicht mehr gewachsen.

Durch Dekret vom 19. April 1714 entschließt sich der König endlich, ihn nach Ableistung eines nochmaligen schweren Eides aus der Haft zu entlassen. Böttger ist nach dreizehn Jahren wieder ein freier Mann, darf innerhalb der Grenzen des Kurfürstentums gehen, wohin er will, und kann jetzt auch den Betrieb der Manufaktur an Ort und Stelle selber leiten.

In seinem dreiunddreißigsten Lebensjahre hat er es erreicht, im besten Mannesalter also, in dem viele andere Erfinder und Entdecker ihr Werk erst beginnen. Doch Böttger ist, als ihm die Freiheit geschenkt wird, ein vorzeitig verbrauchter Mensch, der nach den Aufzeichnungen der Zeitgenossen trotz seiner jungen Jahre den Eindruck eines hinfälligen Greises macht.

Nur noch vier Jahre sind ihm beschieden, in denen er zusehends weiter verfällt. Die schöpferische Flamme, die ein halbes Menschenalter in ihm brannte, hat den Leib verzehrt. Sein Gehör schwindet, sein Augenlicht nimmt ab, tage- und wochenlang bleibt er teilnahmslos auf seinem Lager liegen. Am 13. März 1719 erlischt ein Leben, das vom Anfang bis zum Ende nur Sorge, Kampf und schöpferische Tat war. Johann Friedrich Böttger schließt mit siebenunddreißig Jahren die Augen zum letzten Schlaf.

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