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Wunder des Schmelztiegels

Hans Dominik: Wunder des Schmelztiegels - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorHans Dominik
titleWunder des Schmelztiegels
publisherH. Wigankow-Verlag
year1948
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Barzellin

Am Feuer hat der Apothekerlehrling in Berlin tingiert, am Feuer hat der Alchimist in Meißen und auf dem Königstein weiter laboriert und experimentiert, und auch auf der Jungfernbastei, in die der Keramiker nun in den ersten Septembertagen des Jahres 1707 seinen Einzug hält, wird das Feuer sein wichtigstes Hilfsmittel sein. Sechs lange Jahre hat er sich gemüht, das feurige Element in seinen Dienst zu zwingen, die Glut zu beherrschen und aufs höchste konzentriert wirken zu lassen, und mehr als eine bedeutende Erfindung ist ihm dabei gelungen.

Die alten Herde und Oefen, an denen Johann Friedrich Böttger seine Arbeiten begann, sind nicht geeignet, die Hitzegrade zu entwickeln, die er für seine Zwecke braucht, und deshalb wird er nun ein Ofenbauer. Nach Zeichnungen, die Tschirnhausen und Dr. Bartelmei von ihren Reisen heimbringen, entwirft er Brennöfen, deren Leistungen weit über das bisher Vorhandene hinausgehen. Sie liefern die hohe Glut, die er zur Untersuchung der Erze und Erden benötigt; doch das Gestein, aus dem sie gebaut werden, muß von besonderer Art sein, um solchen Hitzegraden standzuhalten. Hier kommen dem Adepten, aus dem nun ein Keramiker geworden ist, die alten Erfahrungen der Freiberger Hüttenleute zustatten. Schon seit langem ist diesen das Geheimnis bekannt, Ofensteine zu erzeugen, die auch den hohen, zum Ausschmelzen der Erze benötigten Temperaturen widerstehen. Es ist dazu erforderlich, den rohen feuerfesten Ton, aus dem man sie formt, stark zu magern, indem man ihm bis zum Sintern gebrannten und danach vermahlenen Ton der gleichen Art beifügt. Schon die mittelalterlichen Laboranten und Bergleute kannten dies Verfahren, und ausführlich beschreibt es der Adept und Glasmacher Kunckel in seinem 1689 erschienenen Werk »Ars vitraria experimentalis«, das von der Glasmacherkunst handelt. Heute ist dieser Stoff als Schamotte bekannt und findet überall, wo mit hohen Temperaturen gearbeitet wird, Verwendung. Auch Böttger benutzt für die Auskleidung seiner Oefen ein derartiges feuerfestes Material.

So ist die Feuerstätte wohlvorbereitet; doch der rechte Werkstoff fehlt noch, aus dem in ihrer Glut das echte Porzellan entstehen soll. Er muß gefunden werden, und zwar im eigenen Lande, wie es die Merkantilwirtschaft verlangt. So ziehen Sendboten durch das Kurfürstentum, und wo immer sie Erden von besonderem Gefüge oder lockender Farbe entdecken, schicken sie Proben davon nach Dresden, damit der Gefangene auf der Bastei seine Kunst daran versuche. Dem Keramiker geht es dabei nicht viel besser als vorher dem Alchimisten. Nur allzu oft ist das Erzeugnis eines Brandes wertlos und muß auf den Scherbenhaufen geworfen werden; aber bisweilen glückt doch einmal ein Brand. Der Ton, der bei Colditz an der Mulde ansteht, ergibt Fließen von so gleichmäßiger Färbung und so vorzüglichen mechanischen Eigenschaften, daß eine Fabrikation im großen erfolgversprechend erscheint.

So kommt es schon im Februar des Jahres 1708, ein halbes Jahr nach dem Beginn der Arbeiten auf der Bastei, zur Begründung der »Steinbäckerei« (Fliesenfabrik) in Dresden. Ein Haus wird dafür gemietet und ein eigenes Gebäude für Brennöfen errichtet. Von Colditz her werden zweitausend Zentner reinen Tones nach Dresden geschafft, und die Fliesenfabrikation beginnt.

Böttger selbst bekommt diesen neuen Betrieb nicht zu sehen; denn auch auf der Bastei bleibt er der Gefangene. Doch unaufhörlich werden ihm immer neue Erdproben, jetzt nicht nur aus Sachsen, sondern auch aus anderen Teilen des Reiches gebracht; denn die Steinbäckerei ist ja nur ein bescheidener Anfang. Das eigentliche Ziel ist höher gesteckt. Es gilt, dem Geheimnis des Fernen Ostens, der Herstellung des indianischen Porzellans, auf die Spur zu kommen. Für Böttger ist das Problem nicht neu. Schon in Meißen, noch vor der Uebersiedlung auf den Königstein, hat er sich damit beschäftigt und die Möglichkeiten, es zu lösen, in Gesprächen mit seiner Umgebung erörtert. Eine Frucht dieser Unterhaltungen ist ein heute noch erhaltenes Manuskript des Bergrates Pabst von Ohain, das die Ueberschrift trägt: »Barzellin«.

Seit der Zeit hat ihn der Gedanke nicht mehr losgelassen. Immer fester hat er sich daran geklammert. Immer lebhafter hat er sich die Folgen ausgemalt, die das Gelingen für ihn haben müßte. Mit einem Schlage wäre er ja die quälende Furcht los, die ihn jetzt noch oft des Nachts aus dem Schlafe auffahren läßt. Freiheit, königliche Gnade und klingender Lohn wären ihm sicher, wenn das edle echte Porzellan, aus heimischer Erde gebrannt, seinen Oefen entstiege.

So hat er schon auf dem Königstein begonnen, das Verhalten der verschiedensten Erdarten im Feuer seiner Oefen systematisch zu prüfen und die Eigenschaften jeder Scherbe, die ein neuer Brand ihm liefert, zu untersuchen. Grundverschieden ist diese Arbeit des Forschers, die er nun in verstärktem Maße auf der Bastei fortsetzt, von derjenigen des Alchimisten, und wie jede gewissenhafte und zielbewußte Arbeit trägt sie auch Früchte.

Böttger erkennt in großen Zügen das Prinzip, das der Erzeugung des echten Porzellans zugrunde liegt. Es ist notwendig, dessen Masse aus drei verschiedenen Bestandteilen zusammenzusetzen: Aus einem feuerfesten, weißbrennenden Ton, der auch in der stärksten Ofenhitze nur sintert, aus einer Kieselerde, die, einmal in Fluß geraten, das gesinterte Tongerippe der keramischen Scherbe durchtränkt und sie durchscheinend macht, ebenso etwa wie Papier, das man mit Oel tränkt, durchsichtig ist, und drittens einem Flußmittel, welches die Kieselsäure zum Fließen bringt. Reine Tonerde, d. h. Aluminiumoxyd, und reine Kieselerde, d. h. Siliziumoxyd, allein, würden noch nicht die angestrebte Scherbe ergeben. Erst das Flußmittel bringt sie in der Ofenglut zu der gewünschten Reaktion. Böttger hat als solches Kalziumverbindungen, wie Kreide und Gips, verwandt. Später ist an deren Stelle der Feldspat getreten.

Die schlichten grauen Tonfliesen, welche die Steinbäckerei liefert, sind zwar eine gute und gängige Handelsware, aber nicht eigentliche Wertobjekte, wie sie das Merkantilsystem bevorzugt. Es wäre erwünscht, ihnen lebhafte, ansprechende Farben zu verleihen, durch die sie dem bunten Marmor, ja, womöglich den Halbedelsteinen ähnlich werden. Um das zu erreichen, durchprobt Böttger die mannigfachsten farbigen Erden. Er beobachtet, wie schön marmorierte Scherben entstehen, und noch im Jahre 1708 kann die Steinbäckerei neben der Herstellung grauer auch diejenige bunter Fliesen betreiben.

Bei diesen Versuchen hat Böttger eine Mischung von Bolus und Lehm aus dem Plauenschen Grunde der Glut seiner Oefen ausgesetzt. Bolus ist ein durch Eisenhydroxyd rot oder braun gefärbter Ton, der schon von alters her seiner Färbung wegen Verwendung gefunden hat. Beispielsweise stammt das pompejanische Rot von einer roten Art, während die braunen Töne der mittelalterlichen Freskogemälde mit Hilfe des braunen Bolus (terra di siena) erzeugt wurden. Doch diese Naturfarben halten der Glut der Oefen nicht stand. Durch Einwanderung von Sauerstoff in das Eisenhydroxyd verwandelt sich die glänzend rote Färbung an der Oberfläche der Scherbe in ein dunkles Braun oder Schwarz; nur im Inneren zeigt sich beim Bruch das leuchtende Rot. Die Hoffnung, aus diesem Stoff schöne Fliesen herzustellen, erfüllt sich deshalb nicht.

Doch verlockend bleibt dies Rot. Gleicht es doch der Färbung des roten indischen Porzellans, das von den Holländern neben dem weißen ebenfalls nach Europa eingeführt und teuer verkauft wird. Auch die Erzeugung des roten Porzellans wäre ein schöner Erfolg für den ehemaligen Goldmacher, und so geht er zunächst dieser Möglichkeit nach, ohne dabei seine Bemühungen um das weiße Porzellan aufzugeben. Neue Aufgaben bringt dies Problem mit sich und zwingt Böttger zu neuen Techniken und Erfindungen. Der Bolus, wie er da im Naturzustand auf die Bastei angeliefert wird, ist durch allerlei andere Mineralien verunreinigt. Es wird notwendig, ihn zu schlämmen und dadurch von allen unerwünschten Beimengungen zu befreien. Dann können die ersten Brände beginnen; doch nun zeigt es sich, daß das auch noch nicht das Rechte ist. Es wird erforderlich, der so gereinigten roten Erde als Flußmittel wieder Lehm zuzusetzen, und es braucht eine große Zahl von Bränden, bis endlich die richtige Mischung von 88 Prozent Bolus und 12 Prozent Lehm gefunden ist.

Manchen Monat nimmt das in Anspruch; dann ist endlich eine im Inneren dem roten indischen Porzellan gleichende Scherbe vorhanden. Aber ihre Oberfläche zeigt dieselbe Mißfarbe, die schon bei dem Versuch, Fliesen herzustellen, beobachtet wurde. Aussichtslos könnte der Fall jetzt erscheinen; aber schließlich ist Böttger ja ein Schüler Tschirnhausens, des erfahrenen Meisters der Schleifkunst. Das Schleifen, bisher nur an Glaswaren geübt, wendet er nun auch auf sein neues keramisches Erzeugnis an. Schleifscheiben mit einer gröberen Körnung entfernen die verfärbte Oberhaut von den Gefäßen, bis überall das reine Rot zutage tritt. Feiner und immer feiner gekörnte Scheiben setzen die Bearbeitung fort, bis aus dem Schleifen ein Polieren wird und die Oberfläche schließlich wie von einer feinen Glasur überzogen in feurig rotem Lüster schimmert.

Damit ist wenigstens ein Geheimnis der fernöstlichen Keramik entschleiert. Im Frühjahr 1708 kann Böttger seinem königlichen Herrn das erste rote Porzellan überreichen, das dem indischen nicht nachsteht. Ueberglücklich ist der König über diesen Erfolg. Noch im August des gleichen Jahres kommt er zusammen mit dem Fürsten Fürstenberg zu einem Brande auf die Bastei. In seiner Gegenwart nimmt Böttger, wie die Ueberlieferung berichtet, eine noch glühende Kanne aus dem Ofen und wirft sie in kaltes Wasser. Sie zerspringt nicht und bekommt auch keine Risse. Dem König gilt das als ein Beweis, daß es sich hier wirklich um echtes Porzellan handelt, und für immer hat Böttger die Gunst des Königs gewonnen.

Ja, ist es denn wirklich Porzellan? Die Frage muß verneint werden. Ebensowenig wie das rote indianische ist das nun in Dresden gewonnene keramische Erzeugnis ein echtes Porzellan. In beiden Fällen handelt es sich um ein hochwertiges rotes Steinzeug, das sich von dem weißen Porzellan nicht nur durch die Farbe unterscheidet. Es fehlt ihm noch jene Durchtränkung der gesinterten Tonscherbe mit glasigem Kalk-Kieselsäure-Fluß, die Böttger schon seit geraumer Zeit als das Wesentliche des Porzellans erkannt hat.

Als rotes »Porzellan« wird dieses Produkt noch im gleichen Jahr auf die Leipziger Herbstmesse gebracht und erregt berechtigtes Aufsehen, obwohl der Absatz zunächst noch zu wünschen übrig läßt. Er steigt erst, als es Böttger gelingt, eine Glasur von warmer dunkler Tönung zu finden. Als »Kapuzinerchen« (so genannt nach den braunen Kutten der Kapuzinermönche) werden Kaffee- und Teetassen dieser Art am Hofe des Königs schnell beliebt und finden auch über die Grenzen Sachsens hinaus reichlich Käufer. So könnte Böttger mit den äußeren Erfolgen seiner Entdeckung wohl zufrieden sein; doch zäh verbissen jagt er dem anderen größeren Problem nach, das wirklich echte, das weiße indianische Porzellan zu finden. Die unbedingte Voraussetzung dafür ist ein weißbrennender Ton, und nach einem solchen hebt nun von neuem die große Suche an. Wieder werden Erdproben über Erdproben aus allen Teilen Sachsens in das Laboratorium Böttgers gebracht, in hundert verschiedenen Variationen gemischt und dem Feuer der Oefen ausgesetzt. Ein volles Jahr verstreicht darüber, bis endlich eine Scherbe gewonnen wird, die zwar noch längst kein indisches Porzellan ist, aber einem anderen zu jener Zeit in Europa geschätzten keramischen Erzeugnis gleichkommt, dem sogenannten »Delfter Gut« oder holländischen Porzellan.

Das ist nicht viel, aber immerhin doch ein wirtschaftlicher Erfolg. Wenigstens diese Ware wird man nicht mehr von den Holländern zu kaufen brauchen. Man wird sie im eigenen Lande aus einheimischen Stoffen herstellen, wird nicht nur den eigenen Bedarf daran decken, sondern auch in die Nachbarstaaten exportieren können und wieder Geld in das durch den Schwedenkrieg ausgesogene Sachsen hineinbekommen ... sofern man nur erst eine genügend leistungsfähige Manufaktur dafür hat. Daß diese schleunigst errichtet wird, ist jetzt die Sorge des Königs. Aus seiner Privatschatulle schießt er die Mittel dazu vor, und noch im Jahre 1708 brennen in der Altstadt Dresdens die Oefen, in denen nach Böttgers Rezept Delfter Gut hergestellt wird. Es sind recht gefällige, mit einer leichtflüssigen soda- und bleiaschehaltigen Glasur überzogene Tongefäße, die unter der Glasur eine aus blaubrennenden Kobaltverbindungen erzeugte Bemalung aufweisen und bald auch außerhalb der sächsischen Grenzen einen guten Absatz finden.

Unermüdlich zäh, verbissen verfolgt Böttger sein Ziel indessen weiter. Tag und Nacht brennen die Oefen, nur für kurze Stunden wirft er sich auf sein Lager, während die Freiberger Bergleute, die ihm zur Unterstützung beigegeben sind, nach seinen Anweisungen schon neue Proben mischen, neue Brände vorbereiten. Ebenso fieberhaft wie einst dem Golde jagt er dem weißen Porzellan nach, und wie damals so wird er auch jetzt immer wieder enttäuscht, bis ein glücklicher Zufall weiterhilft. –

Der Fürst von Fürstenberg hat seinen Besuch im Laboratorium angesagt; da muß der Adept die verrußte Arbeitskleidung wenigstens für einen Vormittag mit dem Staatshabit vertauschen, zu dem nicht nur der Degen, sondern auch die langwallende Perücke gehört. Noch hängt sie auf dem Perückenstock; Böttger greift zur Puderbüchse, um sie weiß einzustäuben, und stutzt. Schwer liegt die Büchse in seiner Hand. Viel schwerer als sonst scheint ihm auch der Puderstaub zu sein. Mineralisch fühlt er sich an, ganz anders als das sonst wohl zum Pudern verwendete Weizenmehl. Vergessen ist in diesem Augenblick der bevorstehende Besuch des Statthalters. Alles Interesse des Adepten gilt diesem weißen Mineralstaub. Alles was davon im Hause vorhanden ist, muß sein Kammerdiener ihm bringen; muß ihm auch berichten, woher der neue Puder stammt.

Der Diener kann darüber genaue Auskunft geben. Aus Schneeberg in Sachsen kommt der neue Stoff her. Von dort bringt der Kammerherr Veit Schnorr ihn seit einiger Zeit in den Handel, darin von der Regierung unterstützt, weil dadurch alljährlich viele Tonnen feinen Weizenmehls eingespart werden, die vordem auf Perücken verstäubt wurden. –

Der Fürst Egon von Fürstenberg tritt in Böttgers Gemach und bleibt bestürzt stehen. Welcher Anblick bietet sich ihm dar? An seinem Tisch sitzt der Adept, das goldbestickte Staatskleid von oben bis unten weiß befleckt. Mit den Händen wühlt er in einem Häufchen weißen Pulvers, schaut nicht nach rechts und nicht nach links, fährt erst auf, als der Statthalter ihn anruft, starrt ihn wie abwesend an, braucht Minuten, um sich zu sammeln, und bricht dann in die Worte aus: »Durchlaucht, ich hab's!«

Nur allmählich erfährt der Fürst, was Böttger hat oder doch wenigstens zu haben glaubt. Die wahre weiße Porzellanerde, die nun mit einem geeigneten Flußmittel gemischt nach seiner Erkenntnis das echte Porzellan ergeben muß. Auch auf den Fürsten, der jetzt nach Tschirnhausens Tode in direktem Verkehr mit Böttger steht, springt die Begeisterung über; auch er läßt diesen schneeweißen mineralischen Staub prüfend durch die Finger gleiten, läßt sich erklären, was der Adept damit vorhat und verspricht ihm noch einmal seine volle Unterstützung, bevor er den vor Freude Trunkenen verläßt. –

Eine eigenartige Geschichte hat dieser weiße Staub, der nun in das Leben Böttgers eine große Wende bringen wird. Da reitet eines Tages der Herr Veit Schnorr, der »reiche Schnorr«, wie die Leute ihn nennen, von Schwarzenberg nach Carlsfeld, wo ihm weithin alles Land gehört, und plötzlich strauchelt sein Pferd und bricht mit den Hinterfüßen in den Boden ein. Schnell ist Veit Schnorr aus dem Sattel und sieht, wie sein Gaul sich aus einem weiß ausstäubenden pulverigen Boden herausarbeitet. Herr Schnorr, der Besitzer von Hammerwerken, Silbergruben und Blaufarbenfabriken, geht mit offenen Augen durch die Welt. Nicht zum geringsten Teile verdankt er seinen Reichtum seiner Beobachtungsgabe und Kombinationsfähigkeit, und beim Anblick dieser weißen Staubwolke hier kommt ihm sofort eine Idee, wie sie zu verwerten sei. Schon kniet er nieder und füllt sich die Taschen mit dem weißen Mineralpulver, bevor er sein Pferd wieder besteigt und heimreitet.

Schon wenige Wochen später kommt die »Schnorrsche Erde« als Puder in den Handel und findet schnell einen großen Absatz. Wo immer in Dresden Allongeperücken einzupudern sind, beginnt sie das althergebrachte Weizenmehl zu verdrängen. So ist sie auch in die Hände von Johann Friedrich Böttger gekommen, und der versteht es am Ende noch besser zu beobachten und zu kombinieren als der Herr Veit Schnorr. Wie in einer Vision erschaut er in dieser Erde den idealen Stoff für das weiße Porzellan und hat intuitiv das Richtige erschaut. Denn diese Schnorrsche Erde ist reiner Kaolin, ein Aluminiumsilikat, das auch heute noch den Hauptbestandteil alles edlen Porzellans bildet.

Das ist etwas anderes als die Stoffe, mit denen Böttger sich bisher geplagt hat. Mit so ziemlich jedem Mineral, das einigermaßen weiß aussieht, hat er es ja bereits versucht. Unermüdlich hat er die neuen Erdarten, wie Dr. Bartelmei von seinen Reisen auf die Bastei schickte, erprobt. Oefter als einmal ist er dabei in die Gefahr gekommen, vom rechten Wege abzuirren; denn chemische Kenntnisse im heutigen Sinne sind ja zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts noch kaum vorhanden. Allzusehr sind nach alter Alchimistenmethode noch Aeußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten für die Arbeiten auf der Bastei bestimmend.

Weil die Verbindungen des Kalziums, der kohlensaure Kalk, wie er beispielsweise in gepulverten Austernschalen vorhanden ist, und der schwefelsaure Kalk, wie er im feinen Alabastergips vorliegt, sich durch eine besonders reine Farbe auszeichnen, hat sich Böttger Monate hindurch bemüht, aus einem Gemenge dieser Mineralien mit Quarz das weiße Porzellan zu erstellen. Auch eine andere Form des kohlensauren Kalks, die Kreide, wird solchen Brennversuchen unterworfen, und bisweilen scheinen die dabei gesammelten Erfahrungen die bereits gewonnene klare Erkenntnis wieder vernebeln zu wollen.

So heißt es in den bereits erwähnten Aufzeichnungen des Bergrates Pabst: »Subtilsten reingeschlämmten Ton, Muschel- oder Austernschalen und gebrannte Knochen.« Hier wird der Ton noch an erster Stelle genannt, aber in einem späteren Rezept schreibt er: »Die Chinesen machen ihr Barzellin aus nichts anderem als Kiesel calciniert und geschlämmt, auch wohl mit etwas sehr feinem Ton vermischt, wie denn der bloße feine Ton mit sehr wenig Nitro, das ist Salpeter, vermischt im Feuer durchsichtig wird. Am allerbesten ist es, wenn unter dem calcinierten und geschlämmten Kiesel zarte Kreide gemengt nach der gehörigen Dosis, so fließt er leicht, wird durchsichtig und reißt nicht. Das ist das ganze arcanum.«

Wohl enthält diese Vorschrift zwei wichtige Bestandteile des echten Porzellans, nämlich feuerfeste weiße Tonerde, d. h. chemisch gesprochen Aluminiumoxyd, und die Kieselerde, also Siliziumoxyd, doch sie werden durch die allzuvielen nebensächlichen Beimengungen verdeckt, und der weißen Tonerde wird nicht die erste Stelle angewiesen, die ihr zukommt. In der Tat ist denn auch das praktische Ergebnis der zahlreichen nach diesen Rezepten vorgenommenen Brände ein Mißerfolg. Es kommt dabei kein Porzellan, sondern nur eine milchglasartige weiße Scherbe zustande. Daran kann auch der Umstand nichts ändern, daß man diesem Produkt einen pompösen lateinischen Namen gibt. Man nennt es: »Semi diaphanum tremuli narcissuli ideam lacteum«, d. h. durchsichtig und milchweiß wie die Narzisse. Nachdem das Kind so einen Namen hat, läßt sein Erfinder es laufen, d. h. er wirft es zu den anderen vielen Fehlbränden auf die Scherbenhalde.

Ganz anders wird es nun, als die Schnorrsche Erde da ist. Schon die ersten Versuche mit einer Mischung des Kaolins mit Quarz, dem als Flußmittel noch Kreide beigefügt wird, fallen erfreulich aus, und unter stetiger Veränderung des Mischungsverhältnisses bessert sich die Scherbe von Brand zu Brand, bis schließlich aus dem Ofen ein keramisches Erzeugnis gezogen werden kann, das dem weißen indianischen Porzellan nicht nur an Farbe und Durchsichtigkeit gleichwertig ist, sondern es an Härte und Widerstandsfähigkeit noch übertrifft.

Die große Tat, die größte Tat Böttgers ist damit zu Beginn des Jahres 1709 getan. Wohl erfordert das, was weiter geschehen muß, noch erhebliche Arbeit; denn die passende durchsichtige Glasur ist noch zu finden und feuerfeste Mineralfarben sind zu suchen, die es ermöglichen, das edle keramische Erzeugnis mit einer leuchtenden Bemalung zu schmücken. Doch im Verhältnis zu dem bereits Geleisteten sind diese Aufgaben nicht allzu schwer.

Bereits am 28. März 1709 kann Böttger in einem Memorial an den König darüber berichten. Es heißt darin: »Weißes Porzellan samt der allerfeinsten Glasur und allem dazugehörigen Malwerk, welches von dem ostindianischen nicht unterschiedlich ist.« Noch andere Erfindungen teilt Böttger in diesem Schriftstück dem Monarchen mit. So schreibt er von einem Gefäß von allerhand Farben, welches die Härte des Porphyrs übertreffen und ganz etwas Neues in der Welt sein würde. Er führt weiter eine Art von künstlichen Edelsteinen auf und betont, daß alle diese Dinge aus Materialien hergestellt werden, die im Lande befindlich sind. Endlich erwähnt er noch den Borax, der bisher aus Indien importiert wurde und der nun auch in Sachsen entdeckt worden ist. –

So ist der Alchimist auf dem Wege über die Keramik nun doch zum Goldmacher geworden. Durch seine Erfindung hat er das holländisch-indianische Monopol gebrochen. Einen Goldstrom wird sie viele Menschenalter hindurch in das Land ziehen, das dem Flüchtling zur neuen Heimat, aber auch zum Gefängnis wurde.

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