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Wunder des Schmelztiegels

Hans Dominik: Wunder des Schmelztiegels - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorHans Dominik
titleWunder des Schmelztiegels
publisherH. Wigankow-Verlag
year1948
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Jahre der Unruhe und Verzweiflung

Viele hundert Schmelze stellt Johann Friedrich Böttger in den Jahren 1702 und 1703 in Dresden her. Auch wenn man berücksichtigt, daß ihm ein Dutzend Hilfskräfte zur Verfügung stehet, bleibt es eine Leistung, die nur in zäh verbissener Arbeit zu bewältigen ist. Getrieben wird er dazu durch die wachsende Furcht; denn immer dringlicher und immer drohender werden die Briefe, die der König August ihm sendet. Von den großen Summen, welche die Versuche schon verschlungen haben, schreibt die polnische Majestät zunächst; doch bald werden die Episteln aus Warschau noch deutlicher. Von Betrügereien ist in ihnen die Rede; daß Böttger schon so oft gelogen habe, heißt es in ihnen, und ohne allzuviel Phantasie kann sich der Adept ausmalen, daß vielleicht noch schlimmere Briefe kommen könnten, wenn er nicht bald Gold findet. –

Ein Betrüger ist Böttger nicht. Das Zeugnis muß eine unvoreingenommene Forschung ihm geben. Aber ist er auch noch gutgläubig? Diese zweite Frage ist schwer zu beantworten. Schon in der Berliner Apotheke hat er sich den anderen Laboranten gegenüber geäußert: »Ich habe es einmal gehabt; doch wer weiß, ob ich es wiederfinde?« Zweifel spricht aus diesen Worten, der sich in Dresden bald zur Verzweiflung steigert, als alle Versuche ergebnislos bleiben. Die Verzweiflung aber erzeugt Fluchtgedanken, die unter dem Drucke neuer Ereignisse schnell zur Tat reifen. Im Frühjahr 1703 hat der König August einen Sturz mit dem Pferde getan; so schwer sollen nach den aus Warschau kommenden Nachrichten seine Verletzungen sein, daß man für sein Leben fürchtet. Der Thronfolger ist noch ein Kind. Stirbt jetzt der König, dann ist mit einer Regentschaft zu rechnen, die mit dem Goldmacher vielleicht kurzen Prozeß machen wird. Diese Ueberlegung gibt für Böttger den Ausschlag.

Auf einen Brief hin, den der König noch kurz vor seinem Unfall an ihn geschrieben hat, macht er für ihn ein schweres versiegeltes Paket zurecht. Es soll, wie der Adept seine Umgebung wissen läßt, zwei Zentner reinen Goldes und die geheimnisvolle rote Tinktur enthalten. Schon am nächsten Morgen gehen die Boten damit nach Warschau ab. Böttger soll einen Tag später folgen; doch schon in der Nacht zuvor entflieht er.

Es gelingt ihm, unbemerkt von den Wachen durch den Schloßgarten ins Freie zu schleichen. Einmal draußen, wirft er sich auf ein Pferd und galoppiert nach Süden davon. Unter mehrfachem Pferdewechsel gelangt er zu Roß bis nach Prag; dann sind seine Kräfte erschöpft; im Wagen setzt er die Flucht durch Böhmen fort, bis er sich endlich in einem Gasthof in dem Städtchen Enns eine längere Rast gönnt. Hier auf österreichischem Gebiet glaubt er sich in Sicherheit; doch der Zufall will es, daß in dem gleichen Hause auch ein Gutsverwalter des Freiherrn von Tschirnhausen abgestiegen ist, der ihn erkennt und seine vorläufige Festnahme veranlaßt.

Vergeblich protestiert Böttger dagegen; vergeblich beruft er sich darauf, daß er sich im Auftrage des polnischen Königs auf einer Reise nach Warschau befindet. Die Oesterreicher lachen darüber; auch in Enns weiß man, daß die Landstraße von Dresden nach Warschau hundert Meilen weiter nördlich durch das Land geht. Während Böttger noch tobt und um seine Freiheit kämpft, trifft schon eine sächsische Eskorte in Enns ein, die den Gefangenen in die Mitte nimmt und sicher nach Dresden zurückbringt.

Inzwischen ist wieder etwas Unvorhergesehenes geschehen. Gegen alles Erwarten hat sich der Zustand Augusts des Starken schnell gebessert. Der genesende König hat in jenem Paket, das ihm von Dresden zukam, kein Gold, sondern nur Blei gefunden und ist über solche Täuschung mit Recht empört. Auch die Entschuldigung Böttgers, daß das Gold aus dem Blei erst mit Hilfe der roten Tinktur tingiert werden solle, vermag seinen Unwillen nicht zu besänftigen.

Bedenklich nahe scheint der Galgen jetzt gerückt zu sein; doch noch einmal gelingt es dem Adepten, die Gefahr zu bannen. Das Mittel dazu ist ein Aufsatz von zwanzig Folioseiten, den er dem König schickt: »Prozeß zum Universal von Johann Friedrich Böttichern« lautet der Titel des Schreibens, das, in einer Geheimschrift verfaßt, Rezepte zur Herstellung der roten Tinktur und zum Tingieren enthält. In einmaliger Ausführung ist dem Dokument ein Schlüssel für die Geheimschrift beigefügt. Alte, nie ganz gestorbene Hoffnung erweckt das Schriftstück bei dem König. Noch einmal will er es mit dem Goldmacher versuchen; doch nicht mehr sicher genug scheint ihm nach dem gelungenen Fluchtversuch das Dresdner Schloß für den Gefangenen. Er läßt ihn auf die Albrechtsburg bei Meißen schaffen. Ein neuer Abschnitt im Leben des »Berliner Goldmacherjungen« beginnt damit.

Enger und schmuckloser sind die Räume der altertümlichen Albrechtsburg als die saalartigen Zimmer des Dresdner Schlosses. Strenger ist hier auch die Haft; kein weitläufiger Garten, in dem sich der Gefangene ergehen könnte, steht zur Verfügung. Nur die Verpflegung bleibt nach wie vor gut, und Hilfskräfte werden dem Adepten auch auf der Albrechtsburg reichlich gestellt und errichten im Laufe der Jahre 1704 und 1705 nicht weniger als 36 Brennöfen.

Tag und Nacht laboriert Böttger an den neuen Oefen. Die großen Brennspiegel von Tschirnhausen stehen ihm hier nicht zur Verfügung; doch über Holz- und Kohlenfeuer, das zu höchster Glut angeblasen wird, setzt er die Tingierungsversuche fort, immer gehetzt von dem Gedanken, das große Geheimnis doch endlich zu finden. Erst Erze und danach Erden von mannigfacher Art und Farbe wandern in die Schmelztiegel, zergehen in der Weißglut und geben glasige Flüsse und Schlacken ... doch Gold findet sich nicht darin.

Immer stärker wächst ob solcher fruchtlosen Versuche die Unruhe des Gefangenen; denn dringender als je zuvor werden die Briefe des Königs aus Warschau. Gold fordert er nun schon fast drohend und hat reichlich Anlaß dazu; denn ein Krieg ist inzwischen ausgebrochen: Krieg zwischen dem militärisch schwachen Polen und dem schwedischen Brausekopf Karl XII., der durch seine Eroberungspläne den Nordischen Krieg entzündet. Heere müssen gegen die schwedischen Kerntruppen angeworben werden. Schweren Sold kostet das, und Goldmengen wären dafür vonnöten, die weder in den polnischen noch in den sächsischen Kassen zu finden sind.

Auf den Gefangenen in der Albrechtsburg setzt August der Starke seine letzte Hoffnung. Nicht mehr drohend, sondern flehend klingen seine eigenhändigen Briefe, in denen er den Adepten beschwört, Gold zu schaffen. Doch vergebens bittet der König; vergebens experimentiert der Alchimist vor seinen Feuern; das Gold wird nicht gefunden. Nur die Schmelzen unzähliger Brände häufen sich auf dem Hof der Albrechtsburg, während ein polnisches und ein sächsisches Heer nach dem anderen der Kriegskunst Karls XII. erliegt. Da steigert sich die brennende Unruhe Böttgers zur Verzweiflung. Er wirft alles hin und sucht Vergessen im Trunk.

Während der Schwede schon in Krakau sitzt und Warschau bedroht, erhält König August alarmierende Nachrichten über das Befinden seines Adepten. Auf schnellstem Wege wird der königliche Leibarzt nach Meißen geschickt, der bestätigt findet, was Dr. Bartelmei von dort nach Warschau gemeldet hat. Der hatte geschrieben:

»Der Gefangene schäumte wie ein Pferd,
brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen,
rannte mit dem Kopf gegen die Wand, arbeitete
mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden
herum, zitterte am ganzen Leibe, so daß zwei
starke Soldaten seiner nicht Herr werden
konnten, verzweifelte wegen der Sünde wider
den Heiligen Geist an seiner ewigen Seligkeit
und trank dabei tüchtig, oft zwölf Kannen
Bier des Tages, ohne trunken zu werden.«

Böttger scheint wirklich nahe daran zu sein, den Verstand zu verlieren. Mehrere Wochen vergehen, bevor sein Erregungszustand nachläßt und er wieder Interesse für seine Alchimistenarbeit zeigt. Doch immer kritischer ist inzwischen die Lage des Königs geworden; denn schon hat der Schwede auch Warschau genommen, und Späher melden, daß er einen Vorstoß in das sächsische Stammland des Königs in der Richtung auf Dresden und Meißen plant.

Auch die Albrechtsburg ist jetzt kein sicherer Aufenthalt mehr für den Goldmacher. Viel schneller voraussichtlich noch als die Bastionen in Warschau würden die altersgrauen Mauern dieser alten Wettinerburg von den schwedischen Regimentern erstiegen werden.

Doch es gibt ja einen Platz im Kurfürstentum, der für uneinnehmbar gilt: die Feste Königstein, hoch über der Elbe auf schroffem Fels erbaut, durch ihre natürliche Lage so geschützt, daß auch die beste und stärkste Armee sich bei dem Versuch, sie zu bezwingen, verbluten müßte. Ebenso schnell und geheimnisvoll wie einst von Dresden nach Meißen, wird Böttger jetzt von der Albrechtsburg auf den Königstein gebracht und lernt damit sein drittes Gefängnis kennen.

Der Königstein ist wirklich ein Gefängnis im vollsten Sinne des Wortes. In seinen engen düsteren Räumen sind Leute in Haft, die sich schwer gegen das öffentliche Wohl vergangen haben. Landes- und Hochverräter, denen der Prozeß gemacht werden soll, bei dem es um den Hals geht. Auf dem Königstein sitzt unter anderem der bis vor kurzem noch allmächtige kursächsische Großkanzler Graf von Beichling, der sich in eine Konspiration mit den Schweden eingelassen hat, um dem König Karl die polnische Krone in die Hände zu spielen. Zweifellos wird er dafür sein Haupt auf den Block legen müssen, sobald erst wieder ruhigere Zeiten kommen. Im Augenblick hat König August zu viel mit den äußeren Feinden zu tun und verschiebt die Abrechnung mit den inneren auf später. Und dieser Graf ist nicht allein auf dem Königstein. Noch ein halbes Dutzend Räte und Geheimräte, die mit in die Verschwörung verwickelt waren, sind dort gleichfalls gefangen.

Eine gefährliche, zu allem entschlossene Verbrechergesellschaft ist es, in die Böttger hier hineingerät. Er ist nicht Untersuchungs- oder Strafgefangener wie diese anderen. Nur zu seiner eigenen Sicherheit und weil er dem König August immer noch wertvoll ist, hat man ihn hierhin gebracht; doch auf dem Königstein werden solche Unterschiede kaum gemacht. Auch der Adept muß hier in einem engen Raum mit vergitterten Fenstern hausen, und die Möglichkeit weiterzuarbeiten und zu experimentieren wird ihm für lange Monate genommen. Wegen der Feuersgefahr verbietet der Kommandant der Festung jede Anlage eines Herdfeuers, gar nicht zu reden von größeren Brennöfen. Bedeutete der Wechsel aus dem Dresdner Schlosse nach der Albrechtsburg für den Adepten schon einen steilen Abstieg, so lernt er nun auf dem Königstein das Gefängnis in noch strengerer Form kennen.

Eintönig verstreichen für ihn die Tage. Nur ein paar Bücher, die der Kommandant ihm aus seiner eigenen Bibliothek leiht, helfen ihm über die leeren Stunden hinweg, doch genug davon bleiben noch übrig, die der Trunk ausfüllen muß; denn auch in diesem Staatsgefängnis ist die Verpflegung einschließlich der Getränke recht reichlich.

Abermals kommt es bei solcher Lebensweise zu Erregungszuständen des Gefangenen, wie er sie ähnlich bereits auf der Albrechtsburg durchgemacht hat. Eilberichte darüber gehen an den König, der Tschirnhausen entsendet, um nach dem Rechten zu sehen. Der Freiherr erkennt sofort, daß hier nur Arbeit helfen kann, und es gelingt ihm, die Bedenken des Festungskommandanten zu zerstreuen. Auf sein Betreiben wird es dem Gefangenen erlaubt, wieder mit Feuer zu arbeiten. Sogar einige Oefen werden nach seinen Angaben gebaut. Doch viel beschränkter als auf der Albrechtsburg sind ja die Räumlichkeiten auf dem Königstein. Nur wenige und verhältnismäßig schwache Feuerstätten können hier errichtet werden, an denen der Adept bei weitem nicht so arbeiten kann, wie er wohl möchte.

Darf es wundernehmen, wenn der bewegliche Geist Böttgers unter solchen Verhältnissen seine Lage von neuem überdenkt und zu dem alten Schluß kommt, daß nur die Flucht ihm Rettung bringen kann. Eine Flucht vom steilen Fels des Königsteins wird nicht leicht sein, wird ohne Helfer kaum zu bewerkstelligen sein. Doch Helfer finden sich bald.

Auch die Gruppe um den Grafen von Beichling trägt sich mit den gleichen Plänen, wenn auch ihr Ziel ein anderes ist als das des Adepten. Der sucht nur die Freiheit. Sobald er einmal den Mauern entronnen ist, will er den Süden Deutschlands aufsuchen und dort unter anderen Menschen und Verhältnissen ein neues Leben beginnen. Die Gruppe um Beichling dagegen, die nur allzu gut weiß, daß es um den Kopf geht, will die Verbindung mit dem Schwedenkönig aufnehmen und den Hochverrat, um dessentwegen sie auf den Königstein gekommen ist, nun erst recht vollenden.

Trotz aller Bewachung und vergitterter Fenster ist die Verbindung zwischen den einzelnen Gefangenen schnell hergestellt. Die Rückwände von Schränken werden ausgeschnitten, die trennenden Mauern dazwischen werden Stein um Stein weggenommen, und bald ist des Nachts ein lebhaftes Hin und Her zwischen den Gefangenen im Gange. Auch Zimmerdecken werden durchbrochen, ohne daß die Wachen etwas davon bemerken. Durch mehrere Stockwerke hindurch wird der Verkehr dadurch möglich, und zur nächtlichen Stunde finden Beratungen über die bevorstehende Flucht statt.

Die Vorbereitungen sind gut getroffen. Ein Pfarrer, dessen Haus am Fuße des Königsteins liegt, ist für die Pläne der Verschwörer gewonnen worden. Sind sie einmal erst dort, so werden sie schnelle Pferde vorfinden, und in wenigen Tagen wird der Graf von Beichling im Lager Karls XII. sein. So siegessicher sind die Verschwörer, daß sie unvorsichtig werden. Sie sagen mehr, als sie sagen dürften, und sie bleiben bei ihren Besprechungen länger zusammen, als es mit der Sicherheit vereinbar wäre.

Tief erschüttert kehrt Böttger von einer solchen Besprechung in seine Zelle zurück. Erst jetzt hat er die wahren Absichten der Verschwörer erfahren, und sein Gewissen bäumt sich dagegen auf. Trotz allem, was inzwischen geschah, fühlt er sich dem König August als einem gütigen Herrn verpflichtet, der ihm zwar die Freiheit beschränkt, aber ihm doch auch die Möglichkeit gewährt, zu arbeiten und seine eigenen Pläne zu verfolgen. Den soll er jetzt verlassen, um, wie Beichling eben gesagt hat, zum Schwedenkönig überzulaufen und für diesen zu tingieren? Das will ihm nicht in den Kopf. Unruhig wälzt er sich auf seinem Lager und erwägt, ob er nicht zum Kommandanten gehen und den Fluchtplan aufdecken soll.

Er braucht es nicht zu tun; denn auch andere haben von den Absichten der Verschwörer gehört. Zu laut haben die gesprochen, und zu lange sind sie zusammengeblieben. Zwei Bediente, die schon seit einiger Zeit Verdacht hegen, haben das Gespräch belauscht. Am nächsten Morgen melden sie es dem Kommandanten, und im Laufe einer Stunde ist das ganze Nest ausgenommen. Die Durchbrüche werden entdeckt, die Verschwörer in andere festere Zellen gebracht, in denen es keine Schränke gibt, um Durchbrüche zu verbergen. Eine Kommission kommt von Dresden, und eine scharfe Untersuchung hebt an.

Zweifelhaft erscheint den Beamten, die sie zu führen haben, zunächst die Rolle, die Böttger dabei gespielt hat; doch schnell wird diese Frage geklärt. Rückhaltlos gibt Böttger zu, daß er die Flucht geplant hat, weil das tatenlose Dahinleben auf der Festung unerträglich für ihn ist. Ebenso offen gibt er aber auch die hochverräterischen Pläne der anderen preis. Kronzeuge wird er gewissermaßen gegen sie und trägt das Seine dazu bei, daß die Untersuchung schnell zu einem vollen Ergebnis führt.

Während sich diese Dinge auf dem weltentlegenen Felsen des Königstein abspielen, ist die Weltgeschichte nicht stehengeblieben. Der Schwedenkrieg, der erst so gefahrdrohend schien, hat schließlich doch eine günstige Wendung genommen; denn in seiner Eroberungsgier hat Karl XII. auch mit dem Zaren aller Reußen, mit Peter dem Großen, angebunden. Wohl kann der Schwede auch hier Anfangserfolge erringen; doch der neue Gegner ist stärker, als es zunächst schien. Die schwedischen Kräfte werden durch ihn so stark gebunden, daß es im Herbst des Jahres 1706 zwischen den Königen August und Karl zum Frieden von Altranstädt kommt. Die schwedische Gefahr ist dadurch gebannt; doch länger als ein Jahr wird es noch dauern, bis die Verwirrung, die der Krieg in die sächsisch-polnischen Verhältnisse gebracht hat, wieder beseitigt ist. Durch schwedisches Geld bestochen, hat der polnische Reichstag den König August seines Thrones für verlustig erklärt, und schon streiten sich Anwärter aus verschiedenen Nationen um die Krone Polens. Alle Machtmittel, die ihm noch verblieben sind, muß August der Starke zusammenraffen, um sich sein Recht wiederzuerkämpfen. Durch das Schwert gelingt es ihm und durch Gold, das freilich nicht aus den Tiegeln des Adepten stammt, sondern von den Untertanen des sächsischen Kurfürsten aufgebracht werden muß. –

Fast sechs Jahre sind nun verflossen, seitdem Johann Friedrich Böttger seine Freiheit verlor. Sechs lange Jahre, während derer er für seinen neuen Herrn laborierte und tingierte, immer auf der Suche nach dem magnum arcanum, dem großen Geheimnis, die Stoffe zu wandeln, Unedles in Edles zu verkehren, Gold zu schaffen. Von Enttäuschung zu Enttäuschung ist er dabei geschritten. Zeigt sieh noch eben ein goldiger Schimmer in der Retorte, darf er sich für kurze Minuten der Hoffnung hingeben, daß nach so vielen vergeblichen Versuchen dies letzte Experiment endlich gelingen wird, so reißt ihn der nächste Augenblick schon jäh aus solchem Traum. Vor seinen Augen sinkt er zu unscheinbarer Schlacke zusammen, was eben noch in der Glut flüssigem Golde zu gleichen schien, und tiefste Entmutigung faßt den, der schon glaubte, am Ziele zu stehen.

Ein nervenzerrüttendes Auf und Nieder, ein die Gesundheit untergrabendes Hangen und Bangen ist es, was der Adept in diesen sechs Jahren durchlebt und durchleidet, und doch ist diese Zeit für ihn keine verlorene. All seine Experimente sind zwar erfolglos geblieben, sind zum Teil auch unsinnig gewesen, und dennoch hat Friedrich Böttger dank seiner natürlichen Begabung viel dabei gelernt. Er hat beobachtet und aus dem Beobachteten seine Schlüsse gezogen, dabei von Jahr zu Jahr immer weniger von dem alchimistischen Gedankengut beeinflußt. So ist er für das Neue reif geworden, das jetzt an ihn herantritt. –

Auch König August läßt jetzt davon ab, den alchimistischen Phantomen nachzujagen, und faßt den Entschluß, sein zerrüttetes Stammland mit den Mitteln des Merkantilismus, das heißt durch die Gründung von Manufakturen, die Schaffung neuer Industrien und den Aufbau neuer Gewerbe, wieder in die Höhe zu bringen. Neben dem Freiherrn von Tschirnhausen steht an erster Stelle Friedrich Böttger unter den für die Durchführung dieses Planes Erwählten; denn trotz der vielen alchimistischen Fehlschläge hat der König doch dessen wissenschaftliche Bedeutung erkannt und sucht seine Kenntnisse und Fähigkeiten nun auf einem anderen Felde zu nutzen.

Am 22. Juni des Jahres 1707 läßt er ihn vom Königstein nach der Jungfernbastei in Dresden (der heutigen Brühlschen Terrasse) bringen und stellt ihm hier neue Aufgaben, die mit den alten alchimistischen Zielen kaum noch etwas gemeinsam haben.

Auch in Dresden bleibt Böttger nach wie vor ein Gefangener, aber ein Gefangener, dem über eine hohe persönliche Besoldung hinaus reichlich alle Mittel für seine chemischen Arbeiten gewährt werden und dem Hilfskräfte und Räumlichkeiten in weitgehendem Maße zur Verfügung stehen. Ein Mann, dem zum vollkommenen Glück kaum noch etwas anderes als die persönliche Freiheit fehlt. In wenigen Jahren wird Johann Friedrich Böttger hier in Dresden alle Erwartungen des Königs in überreichem Maße erfüllen. Aus seinen Oefen auf der Bastei wird eine Erfindung hervorgehen, die seinem Namen die Unsterblichkeit sichert und einen Goldstrom in das Land zieht.

Doch ist der Mann, dem das gelingt, nun voll befriedigt? Ist er nach den Stürmen der vergangenen Jahre wirklich zu einer inneren Ausgeglichenheit gekommen? Schätzt er das Erreichte nach seinem vollen Wert? Eine bündige Antwort auf diese Frage gibt es kaum, oder liegt sie vielleicht in den Worten, die Böttger resigniert mit Kreide an die Tür seines Laboratoriums schreibt:

»Gott, unser Schöpfer, hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer!«

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