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Wunder des Schmelztiegels

Hans Dominik: Wunder des Schmelztiegels - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorHans Dominik
titleWunder des Schmelztiegels
publisherH. Wigankow-Verlag
year1948
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Die Flucht

Wie ein Lauffeuer geht das Gerücht von dem Goldmacher in der Apotheke am Neuen Markt durch die königliche Residenzstadt Berlin; denn die Herren Zorn und Porst sind unvorsichtig gewesen. Obwohl ihnen der Superintendent Winkler vor seiner Abreise nach Magdeburg noch dringend Verschwiegenheit angeraten hat, haben sie das tingierte Metall Böttgers noch von einem Goldschmied prüfen lassen. Auch der hat über die Reinheit desselben gestaunt, hat immer wieder und immer eindringlicher nach der Herkunft dieses Goldes gefragt, bis der Apotheker und sein Schwiegersohn nicht mehr länger dichthalten konnten und ihm schließlich haarklein erzählten, wie es unter ihrer Aufsicht von Johann Friedrich Böttger aus Silbergroschen tingiert worden ist.

Der Apotheker Herr Friedrich Zorn ist ein angesehener Bürger, und der Goldschmied schenkt ihm Glauben. Die einst kurfürstliche, nun seit neun Monaten königliche Residenzstadt Berlin ist nur ein Städtchen von knapp 50 000 Einwohnern, nicht zu vergleichen mit den reichen alten Handelsstädten im Süden Deutschlands, wie etwa Augsburg oder Nürnberg. In der preußischen Metropole herrscht noch ein kleinstädtisches Gevatternwesen, und was der Goldschmied weiß, erfährt noch am gleichen Tage sein Schwager, der königliche Hoffurier. Von dem hat's vierundzwanzig Stunden später der königliche Kellermeister und gibt es gesprächsweise an einen der Hofmarschälle weiter. Während er noch dabei ist, die wunderbare Mär zu verdauen, wird sie ihm auch schon von einer zweiten und dritten Stelle zugetragen, so daß er es für seine Pflicht hält, dem Obersthofmarschall zu berichten, und so hört sehr bald auch Friedrich I. davon, der prunkliebende erste preußische König, dem seine Krönung schwere Dukaten gekostet hat und der deshalb größtes Interesse für alles hegt, was Gold heißt oder mit Gold zusammenhängt.

Während die Berliner Bürger von allen Seiten zur Zornschen Apotheke strömen, um den Goldmacherjungen zu sehen, gibt König Friedrich den Befehl, ihm jenes tingierte Gold vorzulegen. Die allgemeine Aufregung wächst, als ein Beamter der königlichen Kunstkammer zu diesem Behuf in der Apotheke am Neuen Markt erscheint, und sie erreicht ihren Höhepunkt, als wenige Tage später eine neue Order an Zorn ergeht, den Adepten Seiner Majestät vorzuführen. – –

Johann Friedrich Böttger benutzt den freien Abend, um zum Spandauer Stadttor zu eilen und seinem Freunde Siebert Kunde von dem bevorstehenden Ereignis zu geben. Den Kopf voll himmelstürmender Pläne, die Brust von Hoffnungen geschwellt, betritt er die bescheidene Wohnung Sieberts, sprudelt über von dem, was ihn so ganz erfüllt, und stutzt, als er das Mienenspiel des anderen bemerkt. Sorge und Abweisung malen sich in dessen Zügen, und nun beginnt er auch zu sprechen.

»Fritz, du bist in eine schlimme Zwickmühle geraten. Wenn du kannst, was sie von dir erwarten, ist dir ewige Gefangenschaft sicher; wenn du es nicht kannst, hast du noch Schlimmeres zu fürchten.« Wie vor den Kopf geschlagen steht Böttger nach diesen Worten da. Noch kann er nicht fassen, was ihm Siebert gesagt hat, während jener weiterspricht. Von Torturen berichtet er, denen man erfolglose Adepten unterworfen hat; von vergoldeten Galgen erzählt er, an denen man sie schließlich erhängt hat. Wohl ein Dutzend bekannter Namen von Leuten führt er an, die solch ein Schicksal gehabt haben, und als er endet, ist Böttger völlig verstört.

»Wie kann ich mich retten, Siebert?« ist alles, was er schließlich hervorbringt.

»Sie dürfen dich nicht finden! Du mußt dich verbergen! Du mußt fliehen!«, antwortet ihm der Freund.

»Ja, das will ich; ich hole meine Sachen und komme zu dir«, stöhnt Böttger.

»Nein, das kannst du nicht!«, widerspricht Siebert. »Du darfst nicht in die Apotheke zurückkehren. Dort warten vielleicht schon die königlichen Hartschiere auf dich. Du darfst auch nicht bei mir bleiben. Hier würden sie dich zuerst suchen, wenn sie dich in der Apotheke nicht mehr finden. Hast du Geld bei dir?«

Böttger betastet seine Kleidung. »Gott sei Dank, ja!« Er atmet erleichtert auf, als er die Geldkatze fühlt, in der seine gesamten Ersparnisse enthalten sind: Dukaten, die ihm die Mutter während der letzten Jahre von Zeit zu Zeit aus Magdeburg schickte; Friedrichdors, die er selbst groschenweise durch pharmazeutische Arbeiten verdiente.

»Wieviel hast du bei dir?«, fragt Siebert. »Alles in allem werden es 200 Taler sein.«

»Das genügt Fritz. Du mußt jetzt um die Stadt herumgehen bis zu dem Dorfe Schöneberg. Bis dahin ist's eine kleine Meile. Dort suchst du den Bauern Handtke auf. Richte ihm von mir einen Gruß aus. Er soll dich für ein paar Tage beherbergen. Gib ihm auch etwas dafür, aber lasse keine Dukaten sehen. Zwanzig Silbergroschen sind genug. Morgen, spätestens übermorgen, werde ich zu dir kommen. Dann wollen wir sehen, was weiter zu tun ist.« –

Die Nacht ist mondhell, und Böttger macht sich auf den Weg. –

Den zweiten Tag haust der Laborant nun schon in seiner Kammer bei dem Schöneberger Bauern, als Siebert zu ihm kommt. Er ist schwer bepackt, trägt einen Ranzen auf dem Rücken und ein umfangreiches Bündel in der Rechten.

»Was bringst du Neues?« empfängt ihn Böttger.

»Höchste Zeit, daß du weiterkommst! In Berlin kleben Anschläge an den Häusern. Tausend Taler Belohnung hat der König für den ausgesetzt, der dich einliefert.« –

Böttger erblaßt, als er es hört. Siebert lacht auf.

»Wäre eine schöne Gelegenheit, ohne viel Mühe tausend Taler zu verdienen. Bin ich nicht ein edler Freund, Fritz, daß ich auf den Judaslohn verzichte und dich warne?«

Stumm preßt Böttger die dargebotene Rechte Sieberts.

»Du mußt sofort weiter«, redet der auf ihn ein. »Hinüber ins Sächsische. Gleich hinter Treuenbrietzen verläuft die Grenze. Hast du die hinter dir, bist du in Sicherheit.«

»Du hast recht, Siebert, ich will gehen.« Suchend blickt sich Böttger in der engen Kammer um. Sein Hut ist sein ganzes Gepäck.

»Ich will gleich losgehen, wiederholt er seine Absicht. »Einen Wanderstab kann ich mir unterwegs schneiden.«

»Falsch, mein Lieber!« widerspricht ihm Siebert.

»Als reisender Handwerksbursche darfst du nicht losziehen. Auf den Landstraßen werden sie wegen der Belohnung schon scharf sein. Der erste Gendarm, auf den du triffst, würde dich arretieren.« Böttger läßt den Kopf sinken. »Wie soll ich denn fortkommen, Siebert?« fragt er mutlos.

»Als großer Herr, Fritz! Du mußt fein in einer Kutsche fahren, zweispännig zum wenigsten; mit Vorhängen, damit die Sonne den gnädigen Herrn nicht irritiert ... oder damit keiner sieht, daß tausend Taler in der Kutsche fahren.«

Während Siebert über seinen Witz lacht, läßt Böttger sich verzagt auf den einzigen Stuhl in der Kammer sinken. Siebert schlägt ihm auf die Schulter.

»Kopf hoch, Mensch! Jetzt heißt's für dich den großen Herrn spielen. Dem Manne, zu dem ich dich jetzt führen werde, mußt du Goldstücke zeigen ... mußt ihm einige geben und mußt ihm noch viel mehr versprechen ... viel mehr als tausend Taler, ... wenn du erst glücklich in Wittenberg bist. Dann wird er sich durch die Belohnung nicht verleiten lassen und dich sicher hinbringen. Dies hier habe ich dir mitgebracht, um die Sache noch glaubhafter zu machen.«

Während Siebert noch spricht, öffnet er seinen Ranzen und läßt verschiedene Retorten und Tinkturflaschen darin sehen. Spricht dann weiter: »In die Zornsche Apotheke konnte ich mich nicht wagen. Der Boden dort schien mir zu heiß. Ich habe dir deshalb aus meinem Laboratorium ein wenig Handwerkszeug mitgebracht; das werden wir mit in den Wagen packen. Du wirst schon wissen, wann du es sehen lassen mußt und wann nicht ... Herrgott's Himmeldonnerwetter! Lege die Armesündermiene ab. Denke, daß du ein Jünger der großen Kunst bist, der die Dukaten aus dem Aermel schüttelt, sonst mein Junge ... sonst fassen sie dich noch im Preußischen.« –

Die Ermahnung Sieberts bleibt nicht ohne Wirkung. Erfolgreich überzeugend spielt der Achtzehnjährige die Rolle eines erfolgreichen Adepten, und eine Stunde später rollt eine verdeckte Kutsche aus Schöneberg nach Südwesten auf das Dorf Steglitz zu. Die Landstraße ist wenig belebt, und niemand denkt daran, den vornehmen Reisenden aufzuhalten. Als die Nacht einfällt, werden in der Leipziger Vorstadt von Potsdam die Pferde gewechselt, und weiter geht die Fahrt auf dem großen Heerweg, der über Beelitz und Treuenbrietzen auf Wittenberge zu läuft. Noch einmal eine kurze Rast in Treuenbrietzen für nochmaligen Pferdewechsel, und schon geht es weiter auf steigender Straße die Höhe des Fläming empor. –

Als die Kutsche sich wieder in Bewegung setzt, kommt auch ein preußischer Leutnant in der Relaisstation an. Im Schritt reitet er ein; denn auch sein Gaul ist erschöpft. Doch schnell hat er sein Pferd gewechselt und trabt dem Wagen nach, der inzwischen eine Viertelmeile Vorsprung gewonnen hat. Immer kürzer wird die Entfernung, als das Gefährt vor einem Schlagbaum haltmacht. Schwarzweiß ist der Balken gestrichen, der vor den Pferdeköpfen in die Höhe geht. Wenige Schritte weiter wiederholt sich das gleiche Schauspiel mit einem anderen, der die grünweißen Farben des Kurfürstentums Sachsen trägt.

Johann Friedrich Böttger hat den Boden Preußens verlassen.

Wenige Minuten später hält auch der Offizier ... es ist der Leutnant Menzel ... an dem schwarzweißen Schlagbaum. Nur wenige Worte wechselt er mit dem Grenzwächter; dann wendet er sein Pferd, um nach Berlin zurückzureiten. –

Die Nacht bricht herein, während die Kutsche ihren Weg nach Südwesten weiter verfolgt. Nur im Schritt geht es vorwärts; denn stärker steigt die Landstraße an. Schon schlägt die Uhr von der Wittenberger Schloßkirche die Mitternachtsstunde, als das Gefährt in die alte Lutherstadt an der Elbe einrollt. Böttger hat das Ziel seiner Reise erreicht.

Im »Goldenen Adler« findet er für die erste Nacht Unterkunft. Eine Auseinandersetzung gibt es dabei noch mit dem Lenker des Fuhrwerks, und so laut wird sie von beiden Seiten geführt, daß auch der Wirt und die Hausdiener ein gut Teil davon zu hören bekommen. Den ausbedungenen Lohn fordert der Kutscher; entrüstet weist er die wenigen Friedrichdors zurück, die Böttger ihm in die Hand drücken will; dreimal tausend Taler zum mindesten verlangt er für die Fahrt und läßt sich nur schwer beruhigen. Er soll die Summe in ein paar Tagen erhalten, verspricht ihm Böttger; er müsse dazu nur erst Gold tingieren. Alles Nötige dazu habe er ja mitgebracht. Dabei weist der Adept auf einige Retorten und alchimistische Geräte, die ein Hausdiener inzwischen aus der Kutsche in das Wirtshaus gebracht hat.

Mißtrauisch betrachtet der Kutscher die chemischen Apparate. Sofort möchte er den Lohn haben, und zögernd nur gibt er sich zufrieden, als Böttger ihn schließlich auffordert, nach drei Tagen wiederzukommen und sich einen Zentner gediegenen Goldes abzuholen. Immer noch zweifelnd bricht er schließlich auf, um nach Preußen zurückzukehren. So ganz traut er den Versprechungen seines Fahrgastes nicht, und während das Fuhrwerk durch die Nacht wieder den Fläming hinaufrollt, bedauert er es fast, daß er sich in Schöneberg nicht die preußische Belohnung verdient hat. Im »Goldenen Adler« aber stehen der Gastwirt und seine Leute völlig im Bann der Versprechungen und hochtrabenden Redensarten Böttgers; bald weiß jeder Bewohner des Hauses, daß hier ein Adept eingekehrt ist, ein Meister der großen Kunst, ein Wundermann, der in drei Tagen einen Zentner Gold machen wird.

Als Böttger am nächsten Tage auf die Straße tritt, um den ordentlichen Professor an der Universität Wittenberg, Herrn Kirchmaier, aufzusuchen, ist ihm das Gerücht bereits vorausgeeilt. Der Professor, dem er einige Empfehlungsbriefe überreicht, beglückwünscht ihn zu seinen alchimistischen Erfolgen und hält es für falsche Bescheidenheit, als Böttger nur zurückhaltend darüber spricht. Mit einem Lächeln hört er die Absicht des jungen Mannes, sich auf der Universität als Studierender der Medizin immatrikulieren zu lassen, verspricht ihm auch schnelle Erfüllung seines Wunsches und bittet ihn als Gast in sein Haus. Denn einen Goldmacher ... so denkt der Professor Kirchmaier ... den muß man sich warm halten, und wenn er im Hause wohnt, dann wird für dies Haus wohl auch etwas von dem Golde abfallen. –

In Berlin hat inzwischen der Leutnant Menzel berichtet, daß Böttger auf der Straße nach Wittenberg über die Grenze entkommen ist. Mit Unwillen vernimmt König Friedrich die Meldung; der Apotheker Zorn muß Allerhöchste Vorwürfe einstecken, daß er auf eine so wichtige Person nicht besser »Attention gehabt« hat, und Menzel erhält den Befehl, umgehend mit zwanzig Mann nach Wittenberg aufzubrechen und den Goldmacher nach Berlin zu schaffen. Der Befehl ist leicht gegeben, aber schwer auszuführen; denn Wittenberg ist kursächsisch. Gewalt darf und kann der Leutnant hier nicht anwenden; so geht er auf das Kreisamt und bittet, den flüchtigen Apothekergehilfen und dessen Sachen auszuliefern und ihn vorläufig in Sicherheit zu bringen, weil er den »Berliner Kerl Ursachen halber« verhaften müsse.

Das Wittenberger Kreisamt steht vor einer schwierigen Entscheidung. Das Verhältnis zwischen Kursachsen und Kurbrandenburg ist zurzeit das allerbeste. Man möchte dem preußischen Nachbarn gern gefällig sein. Aber auch in das Kreisamt ist inzwischen die Kunde von den alchimistischen Künsten Böttgers gedrungen, und man kann sich dort der Ansicht nicht verschließen, daß solch ein Dukatenmacher auch für Seine kursächsische Durchlaucht und polnische Majestät eine höchst erwünschte Akquisition wäre. So wagt es das Amt nicht, von sich aus einen Entschluß zu fassen. Während man den Leutnant Menzel einstweilen vertröstet, geht noch zur gleichen Stunde ein Eilbote nach Dresden ab, um Instruktionen der sächsischen Regierung einzuholen.

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