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Wunder des Schmelztiegels

Hans Dominik: Wunder des Schmelztiegels - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorHans Dominik
titleWunder des Schmelztiegels
publisherH. Wigankow-Verlag
year1948
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ausblicke

Bei einer Temperatur von 1400 Grad Celsius wird das Hartporzellan gar gebrannt. Es ist die Temperatur, bei welcher der eine Bestandteil der Porzellanmasse, der Kaolin, eben zu sintern beginnt, während der andere, der Feldspat, in Fluß gerät, das Kaolingerüst durchtränkt und durchscheinend macht. Jahrzehnte hindurch haben Böttger und seine Nachfolger in Meißen und Berlin kämpfen, erfinden und bauen müssen, bevor sie zu Oefen gelangten, in denen diese Temperatur zuverlässig und gleichbleibend erzeugt werden konnte.

Mehr als zwei Jahrhunderte sind seitdem verstrichen, und gewaltig sind die Fortschritte, welche die Technik indes in der Erzeugung und Beherrschung hoher und höchster Temperaturen gemacht hat. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts gelang es im Knallgasbrenner, in dessen Flamme sich Wasserstoff und Sauerstoff unter einer Hitzeentwicklung von rund 4000 Grad C vereinigen, auch die schwerstschmelzbaren Stoffe zum Fließen zu bringen. Wenig später kam der elektrische Lichtbogen hinzu, in dessen Krater bei einer Temperatur von 4500 Grad sogar der Kohlenstoff verdampft. Mehr als das Dreifache der Hitze ist das, die beim Garbrand im Porzellanofen herrscht, und alle jene Stoffe, die zur Porzellanmasse gehören, geraten in dieser Höllenglut ins Fließen.

Das Siliziumoxyd, das einen beträchtlichen Teil der Feldspate ausmacht und in der Natur kristallisiert als Bergkristall vorkommt, wird im elektrischen Vakuumofen flüssig wie Glas und kann zu Gefäßen aller Art verblasen werden. Das Enderzeugnis gleicht äußerlich gewöhnlichem Klarglas, aber wunderbar sind seine physikalischen Eigenschaften. Durch Quarzglasscheiben geht nicht nur das sichtbare Licht hindurch. Auch einen Teil der ultravioletten Strahlen lassen sie passieren, und in den medizinischen Lampen, die als Höhensonnen oder unter ähnlichen Namen auf den Markt kommen, wird diese Eigenschaft ausgenützt. In Quarzglasretorten kann man Metalle wie Zink, Kupfer, Silber und sogar Gold schmelzen, ohne daß die Gefäße dabei Schaden erleiden. Ein rotglühendes Quarzglas kann man in kaltes Wasser werfen, ohne daß es einen Sprung bekommt. Das sind Eigenschaften, welche die aus Quarzglas erschmolzenen Geräte zu wertvollen Hilfsmitteln des modernen Laboratoriums machen.

Schwerer als das Siliziumoxyd des Quarzes ist das Aluminiumoxyd der Tonerde zu schmelzen; doch in der extremen Hitze des Knallgasbrenners gelingt auch das. In Staubform rieselt die feinvermahlene Tonerde aus einem Röhrchen in die Knallgasflamme. Im Augenblick schmelzen die einzelnen Stäubchen in der Flamme, schlagen sich noch flüssig auf einen darunter befindlichen Metallstab nieder und kristallisieren, während sie wieder erstarren. So wächst auf dem Stab allmählich ein Tonerdekristall klarweiß, schimmernd fast wie ein Diamant. Ein Edelkorund, ein weißer Saphir ist dieser Kristall, wenn die Tonerde chemisch rein war. Rot wie Taubenblut leuchtet der synthetische Rubin, wenn der Tonerde Spuren von Chromoxyd beigefügt waren. Ein blauleuchtender Saphir entsteht, wenn Spuren von Kobaltoxyd in dem Staub vorhanden sind. So entstehen und wachsen die synthetischen Edelsteine aus der Familie der Korunde in einer Reinheit, Schönheit und Größe, welche diejenige der natürlichen Steine oft weit übertrifft.

Als Schmucksteine haben die synthetischen Edelsteine schnell viele Liebhaber und großen Absatz gefunden. Doch fast noch bedeutender sind sie für die Technik geworden. In Edelsteinen laufen ja die feinen Zapfen unserer Taschenuhren, und Millionen und aber Millionen natürlicher Rubine wurden bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein von der Uhrenindustrie benötigt. Heut ist der synthetische Rubin oder der Leukosaphir an ihre Stelle getreten. Viele hundert Millionen elektrischer Zähler sind in den Haushaltungen der Kulturstaaten installiert, und auch die Laufachsen dieser empfindlichen Instrumente werden heute in synthetischen Korunden gelagert. Millionen elektrischer Periodenuhren sind im letzten Jahrzehnt in Betrieb genommen worden, und auch bei ihnen ist eine Lagerung der mit 50 Umdrehungen in der Sekunde laufenden Triebachse in Edelsteinlagern eine zwingende Notwendigkeit. Daß dies alles durchführbar wurde, haben wir der jungen Technik der aus der Tonerde gewonnenen Edelsteine zu verdanken.

Durch eine Verdopplung und Verdreifachung der Höchsttemperatur des alten Porzellanofens wurden die vorstehend genannten neuen Werkstoffe erzeugt. Die Frage drängt sich auf, was die Porzellanindustrie selbst von einer weiteren Erhöhung der Brenntemperaturen zu erwarten hat? Die Antwort lautet sehr nüchtern: Nicht allzuviel.

Für das edle Schmuckporzellan, das unsere Tafeln schmückt und unsere Augen erfreut, ist jene schon von Johann Friedrich Böttger gewählte Temperatur von 1450 Grad Celsius die rechte und wird es für lange Zeit bleiben; treten doch dann gerade jene chemischen Umsetzungen und Kristallisationen ein, die für das echte Porzellan charakteristisch sind und deren Ergebnis eben die durchscheinende klingende Scherbe ist.

Es ist mit unseren heutigen technischen Mitteln ein leichtes, auch die Temperatur im Porzellanofen nach Belieben zu steigern. Für die Herstellung gewisser technischer Porzellane, beispielsweise für gewisse Rohre und andere Geräte aus hochfeuerfesten Spezialmassen, hat man das auch getan und ist bis zu etwa 2000 Grad gegangen. Der gewünschte Zweck wurde dadurch auch erreicht. Die erhöhte Temperatur lieferte keramische Erzeugnisse mit den verlangten physikalischen und chemischen Eigenschaften. Das Aeußere dieser technischen Porzellane hat aber durch einen solchen Brand in stärkerer Glut eher verloren als gewonnen, und mit ziemlicher Bestimmtheit läßt sich heute sagen: Für alle künstlerisch wirkenden Porzellane wird es bei jenen Temperaturen bleiben, die nun vor fast einem Vierteljahrtausend Meister Böttger in zahllosen Versuchen als die geeignetsten festgelegt hat. –

Was er in hartem Ringen schuf, ist unsterblich. Auf seinem Werk blüht die Porzellanindustrie der ganzen Welt, und besonders entsprang aus seinem Schaffen das deutsche Porzellan, das vor dem letzten Kriege nach allen Erdteilen ging und mengenmäßig mehr als drei Viertel der gesamten Welterzeugung darstellte.

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