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Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
projectid52b4be83
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Achtes Kapitel.
Er verwirrt sich in der Nacht

1

In ihrem Busch vor der Tür des Beamtenhauses steht Violet von Prackwitz Wache; drinnen im Büro tritt ein anderes Mädchen, Amanda Backs, aus ihrem Versteck. Sie hat längst nicht alles verstanden, was die beiden, der Leutnant und das gnädige Fräulein, miteinander verhandelten. Aber vieles ließ sich erraten – von dem Leutnant, der durch das Land reist und die Leute zu irgendeinem Putsch sammelt, hatte sie auch schon früher gehört; und durch die deutschen Lande geht zu jener Zeit ein Spruch, düster drohend: Verräter verfallen der Feme!

Es ist nicht angenehm, an den Liebsten als an einen Verräter denken zu müssen, und Amanda Backs mag ein so handfestes Stück Pöbel sein wie nur ausdenkbar, sie würde nie eine Verräterin sein. Sie liebt und sie haßt, ohne Hemmungen, aus ihrer kräftigen, nicht zu brechenden Natur heraus, aber sie könnte nie verraten. Darum steht sie ja auch weiter zu ihrem Hänsecken, trotz allem, was sie von ihm weiß. Er ist eben auch bloß ein Mann, und mit den Männern, mit allen, ist weiß Gott nicht viel Staat zu machen – ein Mädchen muß sie nehmen, wie sie eben sind!

Sie huscht rasch in sein Zimmer hinüber, kniet nieder neben seinem Bett und schüttelt den Schläfer kräftig. Aber so leicht ist der aus seiner Trunkenheit nicht wachzuschütteln. Amanda muß zu kräftigen Mitteln greifen, und als auch der nasse Waschlappen nichts verschlagen will, reißt sie ihn einfach kurz entschlossen mit der einen Hand bei den Haaren, während sie ihm die andere vorsichtig über den Mund legt, damit er nicht laut werden kann.

Diese Kur hilft wirklich – der kleine Feldinspektor Meier wird wach von dem wütenden Schmerz, denn sie reißt und zerrt mit allen ihren nicht geringen Kräften an seinem Haar. Wie der Mensch nun einmal ist, und wie besonders der Negermeier ist, setzt er sich erst einmal instinktiv zur Wehr: Negermeier beißt in die Hand, die über seinem Mund liegt.

Sie unterdrückt ihren Schrei und flüstert hastig in sein Ohr: Werd wach! Werd wach, Hänsecken! Ich bin's, Amanda!

Das merk ich, grunzt er wütend. Wenn du wüßtest, wie dicke ich euch Weiber habe! Nie könnt ihr einen in Frieden lassen –!

Er möchte weiterschimpfen, verschwiemelt, mit aufgeschwollenem Kopf und dem wüstesten Haarweh ... Aber sie hat Angst vor der Lauscherin draußen, und ihre Hand legt sich von neuem fest über seinen Mund. Gleich beißt er wieder –!

Doch nun ist es mit ihrer Geduld vorbei. Sie reißt die Hand aus seinen Zähnen und schlägt zu, blindlings, im Dunkeln, wie es trifft. Ihr Gefühl aber leitet sie richtig, sie trifft ausgezeichnet, hageldicht fallen die Schläge auf ihn, rechts, links – da, dies muß die Nase gewesen sein! Und jetzt der Mund ...

Und dabei stöhnt sie halblaut, atemlos, hingerissen von diesem Schlagen im Dunkeln auf etwas Weiches, Stöhnendes: Willst du vernünftig sein! Willst du kuschen! Sie schlagen dich sonst tot!

(Sie ist selbst auf dem besten Wege, dies zu besorgen.)

Atemlos, fast völlig ernüchtert, feige, ohne Gegenwehr – jetzt bettelt der kleine Meier: Aber ja doch, Mandecken! Mein Mandchen! Ich will ja auch alles tun, was du möchtest. Aber laß jetzt – ach, nein, nimm dich doch ein bißchen in acht ...!

Keuchend, mit fliegender Brust, hört sie auf. Ob du parieren wirst, du Dummkopf?! stöhnt sie mit zorniger Zärtlichkeit. Der Leutnant war hier –!!!

Wo – hier? fragt er blöde.

Hier, in dieser Stube! Er hat was gesucht – er hat einen Brief aus deiner Jacke genommen.

Einen Brief ... Er versteht noch immer nicht ganz. Aber dann kommt langsam, noch nicht völlig klar, die Erinnerung. Ach, den –! sagt er verächtlich. Den soll er ruhig behalten, den Lappen!

Aber Hänsecken, sei doch vernünftig! Denk einmal nach, bittet sie. Du mußt irgend etwas ausgefressen haben – er hat so eine Wut auf dich! Er will noch wiederkommen – heute nacht.

Er soll nur wiederkommen! prahlt er, trotzdem ihn ein ungemütliches Gefühl beschleicht. Den Affen habe ich ja schon in der Tasche, ihn und sein feines Fräulein von Prackwitz ...

Aber Hänsecken, die war doch auch hier! Sie hat doch mit nach dem Brief gesucht ...

Die Weio –?! Das gnädige Fräulein – Fräulein Tochter vom Herrn Brötchengeber –?! In meinem Zimmer?!! Wo ich besoffen und nackt im Bett gelegen habe – o wei, o wei! O Weio!

Ja – und jetzt steht sie vor deinem Fenster Wache, damit du nicht ausreißt!

Ich und ausreißen! sagt er prahlerisch. Aber er dämpft unwillkürlich seine Stimme. Das möchten sie wohl, daß ich wegliefe! Das würde den beiden so passen! Aber, nee, ich bleibe, ich gehe morgen früh zum Rittmeister und reiß sie rein mit ihrem feinen Leutnant ...

Hänsecken, hör doch endlich auf mit deinem Stuß! Er will wiederkommen, heute nacht noch. Der wird dich schon morgen nicht zum Rittmeister gehen lassen ...

Was soll er denn machen? Anbinden kann er mich doch nicht!

Nein, anbinden kann er dich nicht ...

Und wenn ich dem Rittmeister von dem Brief erzähle!

Ach, laß doch endlich den dußligen Brief! Du hast ihn ja gar nicht mehr! Er hat ihn!

Aber der Kniebusch kann bezeugen ...

Unsinn, Hänsecken! Alles Unsinn! Was ist denn der Förster Kniebusch für ein Zeuge, wenn er gegen das gnädige Fräulein aussagen soll –?!

Der kleine Meier schweigt einen Augenblick, er fängt wirklich an nachzudenken. Dann sagt er kleinlauter: Aber er kann mir doch gar nichts wollen! Er hat doch selber soviel Dreck am Stecken!

Hänsecken, aber doch gerade darum! Weil er Dreck am Stecken hat, will er dir doch was! Er hat ja Angst, daß du redest ...

Was soll ich denn reden? Ich werd schon meine Flappe halten von dem dämlichen Brief ...

Aber es ist ja nicht nur der Brief, Hänsecken! ruft sie verzweifelt. Es ist doch noch die andere Sache, der Putsch –!

Was für 'n Putsch –? fragt er verblüfft.

Ach, Hänsecken, tu doch nicht so! Vor mir brauchst du doch nicht so zu tun! Den Putsch, den ihr machen wollt – er hat Angst, du verrätst das!

Aber ich weiß doch gar nichts von seinem blöden Putsch, Mandchen! ruft der Meier aus. Mein heiliges Ehrenwort, Mandchen! Ich hab keine Ahnung, was die Brüder vorhaben!

Sie denkt einen Augenblick nach. Beinahe glaubt sie ihm. Aber dann sagt wieder ihr Gefühl, daß alles, was er erzählt, gleichgültig ist, daß ihm Gefahr droht und daß er darum sofort weg muß.

Hänsecken! sagt sie darum sehr ernsthaft, es ist ja gleich, ob du wirklich was weißt oder nicht. Er denkt, du weißt was. Und willst ihn verraten. Und er hat eine Wut auf dich wegen dem Brief. Er will dir was tun, glaub es mir doch!

Was kann er mir denn schon tun –?! sagt er matt.

Aber Hänsecken, tu nur nicht so! Du weißt, und es hat ja neulich auch in der Zeitung gestanden, und ein Bild war auch dabei, alle mit weißen Kapuzen, daß man sie nicht erkennt, wie sie Gericht halten, und darunter hat gestanden: Femegericht. – Verräter verfallen der Feme, Hänsecken, so heißt es doch!

Aber ich bin kein Verräter, sagt er, aber er sagt es nur, um etwas zu sagen, sagt es ohne rechte Überzeugung.

Sie geht auch gar nicht mehr darauf ein. Hänsecken! bittet sie, warum willst du denn nicht weggehen? Er ist jetzt fort ins Dorf, zu einer Versammlung, und sie will ich schon wegkriegen vom Fenster. Jetzt kannst du noch gut weg – warum willst du denn nicht?! Aus mir machst du dir doch nicht so viel, daß du darum partout bleiben willst, wo du heute sogar dich mit der Hartig eingelassen hast. (Sie hat es nicht über sich gebracht, ganz davon zu schweigen, aber schon tut es ihr leid.) Und, sieh mal, morgen kommt der Rittmeister wieder, und du hast nur Mist gemacht, wie er weg war, und besoffen hast du dich auch im Krug während der Arbeitszeit – warum willst du nicht freiwillig gehen, wo er dich doch raussetzt –?

Ich hab keinen Pfennig Geld, sagt er mürrisch. Wo soll ich hin –?

Nun, ich hab gedacht, wenn du dich hier irgendwo auf ein Dorf setzt in einen kleinen Gasthof, nach Grünow vielleicht – da ist ein netter Gasthof, den kenn ich vom Tanzen her. Und am Sonntag hab ich frei, da komm ich rüber zu dir und besuch dich. Ich hab noch ein bißchen Geld, das bring ich dir mit. Und dann suchst du dir so sachte eine neue Stellung, in der Zeitung stehen immer welche, aber nicht so nahe bei ...

Am Sonntag in Grünow, da weiß ich auch einen, der in den Mond kiekt! sagt er nörgelig. Und wer auf sein Geld warten kann, das bin ich!

Aber Hänsecken, sei doch nicht so doof –! Ich brauch es dir doch nicht anzubieten, wenn ich nicht kommen will! Also, nicht wahr, du gehst –?

Du hast es ja plötzlich mächtig eilig, mich loszuwerden – wen hast du denn jetzt auf dem Kieker?

Du hast grade Ursache, eifersüchtig zu tun – ja, zu tun, denn du bist nicht die Spur eifersüchtig!

Er schweigt eine Weile, dann fragt er: Wieviel Geld hast du denn?

Ach, viel ist es nicht, wegen der Geldentwertung. Aber ich kann dir ja immer weitergeben, ich werd jetzt schon dafür sorgen, daß die Gnädige mir wertbeständig zahlt – in Birnbaum sollen sie ja ihren Lohn schon in Roggen kriegen ...

Du und Lohn in Roggen ... Da denkt die Alte nie daran! Du bildest dir immer nur Blödsinn ein! Er lacht verächtlich, es ist ihm sehr nötig, sich wieder ein bißchen obenauf zu fühlen. Weißt du was, Mandchen, geh jetzt lieber gleich und hol dein Geld. Ich kann doch nicht ohne Geld im Wirtshaus sitzen. Und die Weio schickst du dabei auch gleich weg. Ich muß ja noch packen, das kann ich doch nicht so im Dunkeln! O Gott! stöhnt er plötzlich auf. Zwei schwere Handkoffer bis Grünow schleppen – so einen Quatsch kannst nur du dir ausdenken!

Ach, Hänsecken! tröstet sie ihn, das ist ja alles nicht so schlimm, wenn du bloß heil davonkommst! Denk doch immer daran! Und ich trag auch ein Weilchen, ich brauch mich ja nicht mehr hinzulegen. Was denkst du, wie frisch ich bin, wenn ich mich morgens von oben bis unten kalt abwasche –?

Na ja, sagt er mürrisch, wenn du man bloß frisch bist, das ist die Hauptsache. Gehst du nun also oder gehst du nicht?

Doch, ich geh jetzt. Es kann aber ein Weilchen dauern, erst muß ich das Fräulein wegkriegen. – Und, nicht wahr, Hänsecken, du eilst dich ein bißchen? Ich weiß ja nicht, wann der Leutnant zurückkommt.

Ach der! sagt Negermeier verächtlich. Der soll bloß nicht so angeben! Was denkst du denn, wie lang so 'ne Versammlung dauert? Mindestens zwei, drei Stunden! So schnell lassen sich die Bauern nicht rumschwatzen!

Also mach schnell, Hänsecken! mahnt sie ihn noch einmal. Ich bin auch ganz rasch wieder da! – Kuß, Hänsecken!

Hau bloß ab, sagt er ärgerlich. Du denkst nur an deine Knutscherei, und bei mir geht es auf Leben und Tod! Aber so seid ihr Weiber! Immer bloß eure sogenannte Liebe im Kopf – ja, Scheibe!

Ach, du Schafskopf, sagt sie und reißt ihn bei den Haaren, diesmal aber zärtlich. Ich bin ja bloß froh, daß du hier wegkommst! Endlich kann man wieder ordentlich arbeiten. Es ist schon verrückt, aber wenn es einem so in den Knochen sitzt, und man muß ewig gucken und denken ... Was bist du denn schon –? Gar nischt bist du – denkst du, ich weiß das nicht? Aber darum wird es doch nicht anders, wenn man das auch weiß. Ein reines Affentheater ist das Leben, und du bist bestimmt der größte Affe von allen ...

Und damit drückt sie ihm einen Kuß auf, er mag wollen oder nicht, und geht aus der Stube, fast munter, fast vergnügt.

2

Der Feldinspektor Meier wartete nicht lange, ob Amanda das gnädige Fräulein nun wirklich von ihrem Wachtposten weggelotst hatte. Er warf nur einen flüchtigen Blick aus dem Fenster in den Mondschein draußen und schaltete, als er niemanden sah, das Licht ein. Wie alle phantasielosen Menschen konnte er sich keine Vorstellung von der ihm drohenden Gefahr machen. Es war ja noch immer alles soweit ganz gut gegangen in seinem Leben, mit Dickfelligkeit kam man weit, und so würde es ja auch dieses Mal wieder gut gehen.

Eigentlich war es gar keine so üble Aussicht, jetzt erst einmal eine Weile den Rentier zu spielen – und für die Zukunft hatte er plötzlich sogar seine Pläne! Wofür so ein Leutnant alles gut ist! Er hatte heute nacht, ehe er hier abtrümmerte, noch einiges zu erledigen, eigentlich mußte er wirklich fix machen. Aber das geht auch wieder nicht so recht, einmal ist sein Kopf noch dumm und düsig, und dann macht das Anziehen der stadtfeinen Kluft mit Oberhemd, Kragen und Schlips ziemliche Schwierigkeiten. Meier stellt fest, daß er einen Tatterich hat. ›Muß vom Äther sein‹, entscheidet er. ›Vom Saufen hab ich doch noch nie 'nen Tatterich gekriegt. Dreckzeug!‹

Seufzend macht er sich an das Einpacken. Es ist schon so eine Aufgabe, aus einem verwüsteten, unaufgeräumten Zimmer seine sieben Zwetschen herauszusuchen und die, dreckig und zerknüllt, wie sie sind, in zwei Koffer zu pressen. Reingegangen sind sie mal, angeschafft hat er sich hier in Neulohe nichts, als müssen sie auch wieder reingehen! Mit Pressen, Drücken und Würgen schafft er es schließlich – aufatmend sperrt er die Koffer ab und verschnürt die Riemen – seine Nächste, die das Zeug aufzuplätten und zu waschen kriegt, hat nichts zu lachen!

(Wieviel Geld ihm Mandchen wohl mitbringt? Tüchtiges Mädchen, das Mandchen, bißchen viel Angabe, aber sonst ganz nett! Na, laß, viel Geld wird sie schon nicht bringen, viel Geld fährt man auf 'nem Wagen – aber als Zuschuß kann man's brauchen.)

Wüst fluchend entdeckt der kleine Meier, daß er in Socken im Zimmer steht – und die Schuhe sind im Koffer! Verfluchter Dreck! Er ist es so gewöhnt, ganz zum Schluß seiner Anzieherei in die Langschäfter zu fahren, daß er nicht an die Schuhe gedacht hat. Natürlich zieht er zu der Stadtkluft die spitzen Halbschuhe, die rötlichen Tangoschuhe an. In welchem Koffer aber sind sie? Einen Augenblick kommen ihm leise Bedenken an, als ihn aus dem geöffneten ersten Koffer seine Langschäfter ansehen – immerhin ist der Weg nach Grünow mit zwei Koffern in den Flossen ziemlich weit, und die Tangoschuhe sind ziemlich eng. Aber der Gedanke, was er vor den Mädchen in Grünow für eine Figur machen würde, in Stadtanzug und Langschäftern, entscheidet: es müssen die Halbschuhe sein!

Natürlich findet er sie erst im zweiten Koffer. Er kriegt sie ziemlich schwer an. ›Die weiten sich beim Gehen!‹ tröstet er sich.

Negermeier marschiert, dies vollbracht, ins Büro. Aus Fächern und Mappen sucht er sich seine Papiere heraus; die Angestellten-Versicherung klebt er gleich für alle Fälle ein halbes Jahr voraus. Marken gibt's ja genug in diesem Stall, und ist das Zeug nachher entwertet, schadet es auch nichts.

Nun schreibt er sich mit Bedacht eine polizeiliche Abmeldung, Herr Hans Meier geht ›auf Reisen‹. Der Gutsvorsteherstempel wird daruntergedrückt – so, der Kitt ist auch in Ordnung.

Doch ein Augenblick Nachdenken überzeugt Meier von der Richtigkeit des Satzes, daß doppelt genäht besser hält, und so schreibt er gleich noch eine zweite Abmeldung. Auf ihr ist Meier ein Schmidt geworden, Verzeihung! –: von Schmidt, Hans von Schmidt, Beruf Administrator, ebenfalls auf Reisen. ›So, ihr Quatschköppe, nun sollt ihr mich mal finden!‹

Meier grinst höchst befriedigt. Die Befriedigung über seine große Schlauheit vertreibt Kopfdruck und Haarweh – es ist eine herrliche Sache, schlauer zu sein als die andern und sie reinzulegen! Prost!

Meier klappt die Schreibmaschine auf und macht sich daran, auf einem Briefbogen der Gutsverwaltung Neulohe ein Zeugnis für sich zu tippen. Natürlich ist er die Perle aller Beamten, weiß alles, kann alles, tut alles – und ehrlich, zuverlässig, fleißig ist er auch noch! Es ist eine Wonne, sich dies alles schriftlich zu geben. Aus den Zeilen dieses Zeugnisses steigt ein Meier auf, wie Meier ihn gerne kennte, wie Meier gerne ein Meier wäre, ein untadeliger, tüchtiger Meier mit einer schönen, aussichtsreichen Zukunft, wirklich geeignet für eine Administratorstellung, kurz, der Meier aller Meier!

Dies Zeugnis ist eigentlich zu schön – es ist nicht recht verständlich, warum man einen solchen Beamten je gehen läßt, man müßte ihn behalten bis an sein Lebensende! Aber der kluge, der weise, der witzige Meier ist auch dieser Lage gewachsen. ›Wegen Aufgabe der Pachtung‹ schreibt er hin – siehste woll, da gibt es dann auch keine Rückfragen des neuen Chefs an den alten. Hat ja die Pachtung aufgegeben, weiß nicht, wohin er jetzt gezogen ist. Nun noch Stempel der Gutsverwaltung, Unterschrift: Joachim von Prackwitz, Rittmeister a. D. und Rittergutspächter – noch einen Stempel des Gutsvorstehers zur Unterschriftsbeglaubigung – Stempel sind immer gut. Knorke sieht das Ding aus – darauf fängt sich der geschliffenste Fuchs!

Rein mit den Papieren in die Brieftasche. Die vorrätigen Briefmarken stecken wir gleich dazu, Marken kann man immer brauchen – zu was soll das Zeug hier liegen –? Der Geldschrank ächzt nicht sehr laut, wie gesagt, es ist nicht übermäßig viel, aber für 'ne Weile langt es. Und wenn Mandchen noch fleißig zubuttert, kann ich ein paar Wochen fett leben! Gott, ich bin der richtige geschwollene Oskar, rechts die Papiere, links das Geld – Busen, Busen, mein Kind, muß man haben! Busen ist die große Mode – nee, eigentlich gar nicht! Aber von mir aus ist Busen immer nett. Nun noch den Geldschrank zu, es sieht besser aus morgen früh ...

Lassen Sie 'n offen, Liebling! Immer offenlassen, junger Mann – es sieht besser aus. Der Rittmeister ist dann morgen früh gleich im Bilde! ruft der Leutnant von der Tür her.

Einen Augenblick verzieht sich Meiers Gesicht. Aber es ist wirklich nur ein Augenblick. Das mach ich genau, wie ich will, sagt er frech und schließt die Tür. Und übrigens haben Sie nachts hier gar nichts zu suchen ... Vorhin haben Sie mir schon in meinem Zimmer einen Brief geklaut ...

Jungchen! sagt der Leutnant drohend und tritt zwei Schritte näher. Aber etwas fassungslos ist er doch über diese sagenhafte Frechheit. Jungchen, sehen Sie dies?

Natürlich sehe ich das Dings, erklärt Meier, und kaum ein Zittern seiner Stimme verrät, wie ungemütlich ihm der Anblick der Pistole ist. Und ich hätt mir ja auch so eine Kanone nehmen können, da im Schub liegen genug. Aber ich denk immer, es wird auch so gehen. – Ich habe ja gewußt, daß Sie kommen! setzt er etwas prahlerisch hinzu.

So, das haben Sie gewußt –? sagt der Leutnant leise und sieht den kleinen, häßlichen, boshaften Menschen aufmerksam an.

Sie wollen ein Verschwörer sein?! Sie wollen einen Putsch machen? höhnt der kleine Meier und fühlt sich schon wieder ganz sicher und obenauf. Und Sie merken nicht mal, daß ein Mädchen die ganze Zeit hier im Nebenzimmer gestanden hat, hier im Büro, wie Sie in meinem Zimmer waren. Und sie hat alles mit angehört, was Sie und die Weio geredet haben – ja, da staunen Sie!

Aber es sieht nicht so aus, als staunte der Leutnant. So, sagt er ruhig, da ist also ein Mädchen hier versteckt gewesen? Und wo ist das Mädchen jetzt? Wieder im Nebenzimmer?

Nee! sagt Meier kühn. Diesmal nicht. Wir sind ganz unter uns, deswegen brauchen Sie sich nicht zu genieren. Ihr Fräulein Braut geht mit meinem Fräulein Braut noch ein bißchen spazieren. – Aber Sie können sich natürlich denken, setzt er warnend hinzu, als er eine unbeherrschte Bewegung des Leutnants sieht, was mein Mädchen morgen erzählt, wenn mir was passiert ist. – Oder wollen Sie uns beide totschießen?! sagt er kühn, freut sich seiner Frechheit und lacht.

Der Leutnant wirft sich in einen Stuhl, schlägt die braunen Gamaschenbeine übereinander und brennt sich bedachtsam eine Zigarette an. Dumm sind Sie nicht, mein Junge, sagt er. Fragt sich nur, ob Sie nicht zu schlau sind. – Darf man sich nach Ihren Plänen erkundigen?

Das dürfen Sie! sagt Meier bereitwillig. Nachdem er nun den Leutnant davon überzeugt hat, daß es klüger ist, ihm nichts zu tun, hat er nur den Wunsch, mit dem Mann im Guten auseinanderzukommen. Ich hau hier ab! sagt er. Hab schon Feierabend gemacht – na, Sie haben es ja gesehen, vorhin am Geldschrank ... Er sieht den Leutnant an, aber der Leutnant zuckt nicht.

Das ist mein gutes Recht, daß ich mir das Geld genommen habe. Erst mal krieg ich noch Gehalt, und dann, was denken Sie, was der mir hier für einen Schandlohn durch die Entwertung bezahlt hat!?! Wenn ich mir ein bißchen nehme, ist es noch lange nicht so viel, wie der Rittmeister mir gestohlen hat.

Er sieht den Leutnant auffordernd an, als solle der zustimmen.

Aber der meint nur: Das interessiert mich nicht. – Wo wollen Sie denn hin?

Ein bißchen weiter weg, sagt Meier und lacht. Ich find, die Gegend hier riecht sauer. Ich hab gedacht, Schlesien oder auch Mecklenburg ...

Schönschön, sagt der Leutnant. Ganz vernünftig. Schlesien ist nicht schlecht. – Aber wo wollen Sie jetzt hin?

Jetzt –?

Na ja, sagt der Leutnant etwas ungeduldig. Daß Sie morgen früh nicht von der Kreisstadt aus fahren, wo Sie jeder kennt, das kann ich mir eigentlich denken. Wo wollen Sie also jetzt hin?

Jetzt –? Ach, bloß hier auf ein Dorf in der Nähe.

So, auf ein Dorf? Welches denn zum Beispiel?

Was geht das eigentlich Sie an?! fragt Meier, denn diese Ausfragerei, hinter der irgend etwas Verborgenes steckt, macht ihn ganz nervös.

Oh, das geht mich schon ein bißchen an, mein Junge, antwortet der Leutnant kühl.

Wieso denn –?

Nun, wo zum Beispiel einer sitzt, der von meinen Beziehungen zu Fräulein von Prackwitz weiß. In Schlesien interessiert das kein Aas, aber hier in der Nähe könnte der ja auf die Idee kommen, aus seiner Wissenschaft Geld zu schlagen.

Auf die Idee wär ich nie gekommen! empört sich Meier. Nee, so ein Schwein bin ich nun doch nicht! Da dürfen Sie ganz sicher sein, Herr Leutnant! Ich halte dicht, in solchen Sachen bin ich Kavalier!

Ja, ich weiß, sagt der Leutnant ungerührt. Also – wie heißt das Dorf?

Grünow, sagt Meier zögernd und weiß eigentlich gar nicht, warum er den Namen nicht nennen soll, wo der Leutnant doch schon alles weiß.

So, Grünow, sagt der Leutnant. Wieso grade Grünow! Sie meinen doch das Grünow bei Ostade?

Ja, das hat mir mein Mädchen so vorgeschlagen. Sie will da am Sonntag zu mir zum Tanz kommen.

Tanzen wollen Sie da auch? Sie wollen da wohl länger bleiben?

Bloß ein paar Tage. Montag hau ich dann ab – von Ostade aus. Sie können sich darauf verlassen, Herr Leutnant.

Ja, kann ich das? sagt der Leutnant gedankenvoll, steht auf und geht auf die Schublade zu, die ihm Meier vorhin bezeichnet hat. Er zieht sie auf und betrachtet ihren Inhalt. Na, da haben Sie ja ein paar ganz nette Donnerbüchsen, sagt er gönnerhaft. Wissen Sie was, Herr Meier, ich würde mir doch so ein Dings einstecken.

Aber der wehrt ab. Was soll ich denn damit? Nee, danke schön!

Sie gehen durch den Wald, Herr Meier, und Gesindel treibt sich jetzt genug herum. Ich würde das Dings mitnehmen, Herr Meier, ich gehe nie ohne Schußwaffe. Besser ist besser!

Der junge Leutnant – er ist ganz redselig geworden, so besorgt ist er um das Leben seines Freundes Meier.

Aber der bleibt abwehrend. Mir tut doch keiner was! sagt er. Mir hat noch nie einer was getan. Das olle Dings reißt einem ja bloß die Taschen kaputt.

Meinetwegen! Tun Sie, was Sie wollen! sagt der Leutnant plötzlich ärgerlich und legt die Pistole offen auf den Schrank.

Er nickt dem kleinen Meier kurz zu, sagt 'n Abend und ist schon aus dem Büro, ehe der noch antworten kann.

Komisch, sagt Meier und starrt auf die Tür. Richtig komisch war der zum Schluß. Na, tröstet er sich dann, so sind diese Brüder alle. Erst groß angeben und dann nischt dahinter.

Er dreht sich um und betrachtet die Pistole.

Nee, entscheidet er sich, mit solchen Dingern will ich nichts zu tun haben. Der kann einem ja mal in der Tasche losgehen. – Wo bloß Mandchen bleibt? Ich muß mal nachsehen. Ein Stück weit kann sie die Koffer gut tragen ...

Er geht zur Tür.

Nee, erst die Pistole wieder weglegen. Das sieht sonst so dämlich aus, morgen früh.

Er hat die Waffe in der Hand, und wieder zögert er.

›Eigentlich hat er ja recht‹, schießt es ihm durch den Kopf, ›eine Waffe ist immer gut.‹

Er geht zur Tür, schaltet das Licht aus, tritt aus dem Beamtenhaus. Bei jedem Schritt merkt er das Gewicht der Pistole in seiner Gesäßtasche.

›Komisch – gibt doch ein Gefühl von Kraft, so ein Dings‹, denkt er, nicht unzufrieden.

3

Nur ein paar Schritte hat Feldinspektor Meier zu gehen, da sieht er die beiden Mädchen auf einer Bank sitzen. Neben ihnen steht redend der Leutnant. Bei dem Geräusch der Schritte sieht der Leutnant hoch und sagt: Da kommt er ja!

Sein nahes Stehen bei den Mädchen, sein Tuscheln mit ihnen, diese Ankündigung – alles ärgert den kleinen Meier. Hinzutretend sagt er gereizt: Wenn ich störe, kann ich ja wieder gehen.

Niemand scheint ihn gehört zu haben, niemand antwortet.

Ihr drei habt wohl ein süßes Geheimnis miteinander?! sagt Meier herausfordernd.

Wieder keine Antwort. Aber jetzt steht Violet auf und sagt zu dem Leutnant: Kommen Sie –?

Von meinswegen, ruft der kleine Meier gereizt, können Sie ruhig Du zu ihm sagen. Wir wissen Bescheid – und noch von ganz andern Dingen!

Erstaunlich friedlich nimmt der Leutnant den Arm des Fräuleins und geht wortlos mit ihr fort, in den Park hinein.

Meier ruft höhnisch hinterdrein: Gute Nacht, meine Herrschaften! Wünsche eine angenehme Ruhe!

Der Leutnant wendet sich um und ruft Amanda zu: Also reden Sie ihm nur gut zu. Zureden hilft immer!

Amanda nickt nachdenklich.

Gereizt fährt Meier sie an: Was hast du dem Affen noch zuzunicken?! Was hast du überhaupt mit dem Kerl zu reden?!

Sie sagt ganz ruhig: Du denkst auch, jeder andere ist ein Affe, bloß du nicht!

So! Ich bin also in deinen Augen ein Affe!

Das habe ich nicht gesagt!

Red doch nicht! Gerade eben hast du's gesagt!

Nein! Und nach langem Nachdenken: Das gnädige Fräulein hat ganz recht.

Mit was hat denn die Weio recht –? Die kann doch auch bloß Quatsch reden – so ein Siebenmonatskind wie die!

Daß man sich mit so einem, wie du bist, besser nicht einläßt!

So, das hat sie gesagt? Meier krepiert fast vor Wut. Die verletzte Eitelkeit jagt ihm die Galle ins Blut, fast zitternd sagt er: Und ihr Kerl, der Leutnant – ist der etwa was Besseres als ich? Wie –? Das findest du wohl?! So ein Schwein! Fuchtelt mir auf meinem Büro mit einem Revolver vor der Nase herum! Aber dem habe ich Bescheid gesagt! Der soll mir noch einmal kommen, der dämliche Speckjäger, jetzt habe ich auch einen Revolver! Und ich – ich droh nicht bloß wie der Affe – ich schieß!

Er reißt die Pistole aus der Tasche und fuhrwerkt damit in der Luft herum.

Du bist wohl verrückt geworden? schreit Amanda ihn wütend an. Gleich steckst du das Ding wieder ein! Mir mit so was ins Gesicht zu fahren, das liebe ich gerade! Du denkst wohl, das imponiert mir –?!

Er ist zusammengeschreckt bei ihrem wütenden, verächtlichen Geschimpfe. Etwas betreten, freilich noch völlig trotzig, steht er vor ihr, die Pistole mit zur Erde gesenktem Lauf in der Hand.

Sie befiehlt: Jetzt gehst du auf der Stelle wieder rein und packst das Geld zurück in die Kasse! Pfui Deibel, ich kann viel vertragen, und eklig bin ich gar nicht, aber Geld aus der Kasse klauen – nein, danke! Ich nicht! Nicht bei mir!

Meier ist rot geworden – freilich kann sie das nicht sehen.

So, hat er dir das geklatscht, der feine Junge, der –?! ruft er zornig. Ich will dir was sagen, das geht ihn und das geht dich einen Dreck an! Das habe ich allein mit dem Rittmeister abzumachen. Wenn ich mir mein Gehalt nehme, da hast du mir gar nichts reinzureden, verstanden?

Hans! sagt sie sanfter. Du mußt das Geld wieder in die Kasse legen, sonst ist es aus mit uns! So was vertrag ich nicht.

Aber ich scheiß drauf, ob es aus mit uns ist oder nicht! Ich bin froh, daß es mit uns aus ist! Was denkst du denn, wozu du gut bist?! Denkst du, ich mach mir was aus dir! Die Hartigen hab ich heute abend im Bett gehabt, jawohl, die Hartigen, da hast du es! Und so 'ne olle Frau mit acht Kindern – die ist mir immer noch zehnmal lieber als du ...! Au, verdammt!

Es war ein ganz ungeschminkt derber Schlag, aus allen ihren Kräften, er saß mitten in seinem Gesicht – Meier taumelt richtig.

Du Schwein, du! sagt sie atemlos. Du elender Kerl!

Du schlägst mich –? sagt er noch ganz leise, halb besinnungslos vor Schmerz. Du schlägst mich – du jämmerliches Hühnermädchen schlägst mich, den Inspektor –?! Jetzt sollst du mal sehen ...

Er selber aber sieht fast nichts. Es dreht sich ihm vor den Augen, im Mondlicht verfließt ihre Gestalt, und plötzlich ist sie wieder da ... Jetzt, jetzt sieht er sie ganz deutlich ... Sie hat ihn geschlagen!

Er hebt rasch die Pistole und drückt mit zitterndem Finger los ...

Unerträglich laut peitscht der Schuß in sein Ohr ...

Das Gesicht Amandas kommt, immer größer werdend, ganz nahe auf ihn zu, weiß und schwarz im Mondlicht ...

Du! flüstert sie. Du, Hänsecken, schießt auf mich ...

Und nun wird es ganz still zwischen den beiden. Nur die hastigen, stoßweisen Atemzüge des andern hört ein jedes. Lange, lange stehen sie so ...

Längst ist der Schuß verhallt. Sein Geräusch ging aus ihren Ohren, andere Geräusche kamen dafür, lindere ... sie hören wieder den leisen Wind in den Wipfeln der Bäume ... Nun rasselt hinten im Stall eine Halfterkette langsam durch den Ring ...

Mandecken, sagt Negermeier. Mandecken ... ich ...

Aus! sagt sie mit harter Stimme. Ganz aus!

Sie sieht ihn noch einmal an.

Schießt auf mich – und dann sagt er Mandecken ... Es ist, als nehme ihr dieser Gedanke von neuem den Atem. Was er wohl gesagt hätte, wenn er mich getroffen hätte –?

Und die schwere Gefahr, in der sie geschwebt, die unfaßbare Errettung überwältigen sie so plötzlich, daß sie in ein leises, wimmerndes Weinen ausbricht. So weinend läuft sie von ihm weg, die Schultern hochgezogen ...

Unter dem hellen Rocksaum sieht er ihre derben Beine sich immer schneller bewegen – sie läuft, sie rennt, sie eilt fort von ihm ... Sie biegt in den Weg zum Schloß ein, jetzt sieht er nicht mehr ihr Laufen, er hört nur noch ihr Weinen, dieses unterdrückte, jämmerliche Klagen – und nun ist auch das weg ...

Meier steht noch einen Augenblick da und starrt ihr nach. Dann hebt er die Pistole, die noch immer schwer in seiner Hand hing, und betrachtet sie. Er verschiebt den Flügel der Sicherung – so, nun ist die Pistole gesichert, mit dem Dings kann nichts mehr passieren ...

Mit einem verdrossenen Achselzucken schiebt er sie in seine Hosentasche und geht eilig auf das Büro, seine Koffer zu holen.

4

Der Leutnant und Weio sitzen auf einer Bank im Park. Sie sitzen nicht wie ein Liebespaar da – oder vielleicht doch wie ein Liebespaar, aber wie ein verzanktes, nämlich weit auseinander, nämlich ohne ein Wort.

Dir so was von dem Feigling bieten zu lassen! hat sie zum Schluß ihrer Auseinandersetzung gesagt. Ich versteh dich nicht!

Natürlich verstehst du mich nicht, Schafel, hat er sehr von oben herab geantwortet. Das ist nur gut. Dann versteht er mich nämlich auch nicht.

Vor dem Kerl auszureißen – was der sich jetzt einbilden wird! Wo ich ihn nicht riechen kann!

Geh nicht so nah an ihn ran! hat er gelangweilt gesagt. Dann stört dich sein Geruch nicht.

Bitte, Fritz, wann bin ich zu nah an ihn herangegangen?! hat sie empört gerufen. Fritz, das war gemein von dir!

Aber Fritz hat nicht mehr geantwortet, und so brach Schweigen unter ihnen aus.

Der Knall des Schusses hat diese zänkische Stille gestört. Der Leutnant fuhr hoch aus seinen Gedanken.

Es hat geschossen! rief er und lief los.

Wer –? fragte sie, bekam keine Antwort und lief hinterher.

Über die im Mondlicht liegenden Parkwiesen ging der Lauf, ihr langes, feuchtes Gras näßte die Strümpfe; dann durch Gebüsch, quer über die Wege, mitten durch Blumenbeete! Der Buchsbaum der Wegekanten läßt sie straucheln. Weio keucht atemlos, möchte rufen und kann nicht, da sie weiterlaufen muß.

Nun hält der Leutnant inne und bedeutet ihr, leise zu sein. Über seine Schulter fort, späht sie zwischen Flieder- und Schneeballstrauch durch. Eben sieht sie noch, wie die Geflügelmamsell weinend zum Schloß entschwindet, Inspektor Meier steht bewegungslos vor dem Beamtenhaus.

Hat sie nicht getroffen, Gott sei Dank! flüstert der Leutnant.

Warum heult sie denn?

Der Schreck!

Der Kerl muß ins Kittchen! sagt Weio mit Nachdruck.

Sei bloß nicht dumm, Weio! Was er dann alles ausquatschen würde, he? Das hätte dir wohl gefallen?

Na, und jetzt?

Jetzt werden wir abwarten, was er tut.

Die kleine, dunkle Gestalt geht rasch auf das Beamtenhaus zu, bis in die Büsche hören sie das Geräusch der kräftig zugeworfenen Tür. Feldinspektor Meier ist weg.

Nun ist er weg, sagt Fräulein von Prackwitz unzufrieden, und ich darf von jetzt an besonders höflich zu ihm sein, damit er vor Papa den Mund hält.

Wart es ab, Violet, sagt der Leutnant bloß.

Sie brauchen nicht einmal lange zu warten. Kaum drei, vier Minuten. Da öffnet sich die Haustür wieder, und hervor tritt der kleine Meier, in der rechten Hand einen Koffer, in der linken Hand einen Koffer. Er nimmt sich gar nicht erst die Zeit, die Haustür wieder zu schließen, schwarz gähnt ihre Öffnung – Meier aber marschiert, zwar ein wenig behindert, dennoch in forschem Tempo auf den Hof zu, in die Welt hinaus – ab!

Haut ab! flüstert der Leutnant.

Gott sei Dank! atmet sie auf.

Den siehst du nicht wieder ... sagt der Leutnant und schweigt so plötzlich, als ärgere ihn schon das, was er gesagt.

Wollen wir hoffen, antwortet sie.

Violet! sagt der Leutnant nach einer Weile.

Ja, Fritz?

Bleib hier einen Augenblick stehen, ja? Ich will bloß was auf dem Büro nachsehen.

Was willst du denn da nachsehen?

Ach, nur so ... Wie es da aussieht.

Wieso? Das kann uns doch egal sein.

Also laß mich schon –! Entschuldige – also, hier wartest du!

Der Leutnant geht eilig hinüber zum Beamtenhaus. Er tritt ein, tastet sich über den dunklen Vorplatz, schaltet auf dem Büro das Licht ein. Er sieht sich nicht lange um – schnurstracks geht er auf die Schublade mit den Schußwaffen zu. Sie steht halb offen, aber das genügt dem Leutnant nicht, er zieht sie ganz auf und betrachtet sehr aufmerksam ihren Inhalt.

Nein, der Neun-Millimeter-Mauser ist nicht darunter. Er schiebt die Schublade wieder zu. Bedachtsam löscht er das Licht und geht hinaus über den dunklen Vorplatz in den Mondschein, zu ihr.

Nun, wie sieht es drinnen aus? fragt Violet ein wenig boshaft. Er hat wohl noch schnell aufgeräumt?

Wie soll es denn aussehen –? – Ach so, ja, natürlich Schweinestall, immer noch Schweinestall, so sieht es aus, mein klein Schafel.

Der Leutnant ist merkwürdig aufgeräumt.

Sie benutzt dies gleich: Du, Fritz ...

Na, Violet –?

Weißt du auch noch, was du heute wolltest –?

Nun, was wollte ich denn? Dir einen Kuß geben? – Na, denn komm!

Er kriegt sie beim Kopf, und eine Weile sind sie beschäftigt, bis sie völlig atemlos an seiner Brust liegt.

So, sagt der Leutnant, und nun muß ich eiligst nach Ostade!

Nach Ostade –?! Och, Fritz – du wolltest doch bei mir nachsehen, ob ich nicht ein Tagebuch führe –!

Aber Schafel, doch nicht heute –! Ich muß wirklich Volldampf machen – um sechs muß ich schon in Ostade sein!

Fritz –!

Was denn?

Geht es denn gar nicht –?

Nein – heute ganz ausgeschlossen! Aber ich komme ganz bestimmt. Übermorgen, vielleicht morgen schon!

Ach, das sagst du immer! Heute abend hast du auch nichts davon gesagt, daß du gleich wieder nach Ostade mußt –!

Ich muß, ich muß aber wirklich ... Komm, Violet, bring mich noch bis zu meinem Rad. Bitte, bitte, mach jetzt keine Geschichten, Schafel ...

Ach, Fritz, du ... was machst du bloß aus mir ...

5

Lange, lange Zeit hatte Petra wie erstarrt gesessen.

Erschöpft lag auch die kranke Feindin lange still, bis von neuem Rastlosigkeit sie überkam. Alle Beschimpfungen, die sie nur wußte, hatte sie Petra ins Gesicht geschleudert; nach ihr speiend, hatte sie mit einem Jauchzen bösesten Triumphes daran erinnert, wie sie einmal von ihr aus einer Autotaxe herausgeholt worden war –: Weg von dem feinen Pinkel, und dein Schirm ging auch noch flöten, du Aas!

Mechanisch hatte Petra getan, was zu tun war: hatte ein bißchen Wasser gegeben, einen Umschlag auf die Stirn gelegt, ein Handtuch über den Mund, das doch immer wieder zurückgestoßen wurde. Wie sehr auch die andere schalt und schimpfte, höhnte und zu verletzen trachtete, es traf sie nicht mehr, wie auch die stiller werdenden Geräusche der Stadt nach Mitternacht sie nicht mehr betrafen. Die Stadt draußen, die Feindin hier drinnen – beide gingen sie nichts an.

Ein Gefühl äußerster Verlassenheit hatte sie mit seinem Eiseshauch angeblasen und alles in ihr erstarren lassen. Am Ende war jeder ganz für sich allein – was die andern taten, sagten, trieben, es war nichts. Einen einzelnen, einzigen Menschen auf sich, schwingt die Erde durch die Ewigkeiten von Zeit und Raum ihre Bahn, immer nur einen einzigen allein auf sich!

So sitzt Petra, denkt und träumt, Petra, unverehelichte Ledig. Sie beweist ihrem Herzen, daß sie den Wolf nicht wiedersehen wird und daß es so sein muß, und daß dies gerade die Ordnung ist und daß sie sich damit zufrieden zu geben hat. So wird sie in den kommenden Tagen und Wochen noch manches Mal sitzen und denken, träumen und beweisen. Wenn auch Liebe, die sich sehnt, sich nichts beweisen läßt, etwas wie Trost, wie eine leiseste Erinnerung an Glück liegt doch schon darin, daß sie so sitzen und träumen kann.

Darum ist Petra beinahe unwillig, als sich eine Hand auf ihre Schulter legt und eine Stimme sie ihren Träumen entführt mit den Worten: Du, Kittchen, erzähl doch was! Ich kann nicht schlafen. Mein Kopf tut mir weh, so hat mich deine Freundin an den Haaren gerissen, und ich muß auch immer an mein Geschäft denken. An was denkst du denn?

Es ist die dicke, ältliche Frau vom unteren Bett, über die vorhin die Hühnerweihe herfiel. Sie rückt sich einen Schemel neben Petra, sieht das Mädchen mit ihren dunklen, mäuseflinken Augen musternd an und flüstert, des Alleinsitzens und Grübelns müde, mit einem Kopfdeuten auf die Kranke: Die kann ja angeben wie eine Tüte Mücken! Ist es denn wahr, was sie von dir sagt, Kittchen?

Plötzlich ist Petra zufrieden, daß die Frau sie angesprochen hat, daß es etwas Unterhaltung in der langen Nacht gibt. Auf einmal gefällt ihr die Frau gar nicht schlecht, schon darum, weil sie ohne Haß auf die Kranke schaut, die ihr doch Schmerzen genug gemacht hat.

Darum antwortet Petra ganz willig: Manches ist wahr und manches ist nicht wahr.

Die Frau fragt: Aber daß du auf den Strich gehst, das ist doch nicht wahr –?

Ein paarmal ... fängt Petra zögernd an.

Aber die alte Frau hat sofort verstanden. Najadoch, najadoch, meine Kleene! sagt sie begütigend. Ick bin doch auch in Berlin großgezogen! Ich wohn doch in der Fruchtstraße. Ich habe doch auch diese Zeiten mitgemacht, was Zeiten sind, wie es noch keine Zeiten gegeben hat! Ich kenn doch die Welt, und Berlin kenn ich auch! Du hast dir mal einen angelacht, wenn du Kohldampf gehabt hast – was?

Petra nickt.

Und das nennt so 'ne Zicke auf den Strich gehen! Und wegen so was verpfeift sie dich! Sie hat dich doch verpfiffen?

Wieder nickt Petra.

Na also – das ist so ein futterneidisches Biest, das siehste schon an der Neese! Welche, die so 'ne dünne Neese haben, die sind immer scharf und gönnen keiner andern nichts! Da mußt du dir nichts bei denken, die kann nichts dafür, daß sie doof ist, die hat sich ihre Neese auch nicht ausgesucht. – Und was tust du sonst?

Schuhe verkaufen ...

Na also, das kenn ich doch, das ist auch so 'n Brot mit Tränen für die jungen Dinger. Da gibt es ja solche Lebegreise, wenn die das Fell juckt, dann laufen sie von einem Schuhgeschäft ins andere, und immer bloß Schuhe probieren, und dann die jungen Mädchen mit der Schuhspitze pieken – na, das kennst du natürlich alles auch ... Oder –?

Ja, solche gibt es, sagt Petra, und wir kennen sie auch schon. Und die wir nicht kennen, denen sehen wir es an, und dann will keine ans Bedienen. Und manche sind noch schlimmer, die pieken nicht nur, die reden auch noch dazu, so gemein wie kein Mädchen vom Strich ... Und wenn man sich das verbittet, so beschweren sie sich, die Verkäuferin bedient schlecht – und sie haben eine richtige Freude, wenn einen der Geschäftsführer anschnauzt ... Sich verteidigen hat gar keinen Zweck, es wird einem ja doch nicht geglaubt, daß so ein feiner Herr so gemeine Wörter gebraucht ...

Kennen wir doch, Kindchen, sagt die alte Frau beschwichtigend, denn die Erinnerung an manche angetane Schmach war in Petra wieder wach geworden, daß sie fast hitzig gesprochen hatte. Das kennen wir doch alles! Glaubst du, in der Fruchtstraße ist es anders? Da ist es auch nicht anders. Und wenn es eben nicht Schuhladen ist, dann ist es Konditorei oder Eisdiele – den letzten beißen die Hunde überall. – Aber jetzt wird es doch vorbei sein mit den Schuhen, jetzt, wo du sitzt, oder nehmen die dich wieder, wenn du rauskommst?

Es war ja schon lange vorbei mit den Schuhen, berichtet Petra. Fast schon ein ganzes Jahr. Ich hab doch mit einem Freund gelebt, und grade heute nein, gestern mittag, wollten wir heiraten.

Nein so was! wundert sich die alte Frau. Und ausgerechnet an so 'nem Ehrentag muß die kleine Giftkröte mit ihrer Anzeige dazwischen funken?! Nun sag mal wirklich, Kindchen, was hast du denn Schlimmes ausgefressen, daß sie dich hier gleich in Kittchenkluft gesteckt haben? Das tun sie so doch eigentlich nur bei den Räuberbräuten, wo sie denken, die türmen in Zivil?! Aber wenn du nicht willst, dann laß es lieber. Angesohlt mag ich auch nicht gerne werden, und merken tu ich es allemal, wenn du schwindelst ... So kam es, daß Petra Ledig in der Nacht zwischen ein und zwei Uhr, genau um die Stunde, da ihr Wolf endgültig den großen ›Sieg‹ seines Lebens errungen zu haben meinte, einer ihr auch namentlich völlig unbekannten, ältlichen Frauensperson die ziemlich jämmerliche Geschichte von dem Zusammenbruch ihrer Hoffnungen erzählte, und wie sie jetzt wieder ganz allein im Leben dastehe, und eigentlich gar nicht so recht wisse, warum und wieso.

Die alte Frau hörte sich das alles ganz geduldig an, nickte mal mit dem Kopf, schüttelte mal kräftig und sprach: Das kennen wir alles! und: Das gibt es! oder auch: Das sollte man dem lieben Gott mal erzählen, aber der hat sein Geschäft in den letzten fünf Jahren auch überbekommen und hört auf dem Ohre schlecht ...

Als aber Petra fertig war und still auf die Kranke am Boden starrte, oder auch nur vor sich hin, oder auf all die Trümmer, deren Umfang ihr erst jetzt durch die eigene Erzählung so recht bewußt geworden war, so daß sie wirklich überhaupt nicht mehr verstand, warum und wieso und weshalb und wohin – da legte ihr die alte Frau sachte die Hand auf den Arm und sagte: Kindchen – also Petra heißt du und er hat immer Peter zu dir gesagt –?

Ja, sagte Petra Ledig ziemlich ratlos.

So werd ich auch Peter zu dir sagen, wenn er's auch nicht verdient hat. Und ich bin die Frau Krupaß, Mutter Krupaß sagen sie zu mir in der Fruchtstraße, und so sollst du auch sagen ...

Ja, antwortete Petra.

Und was du mir erzählt hast, das glaub ich dir sogar, und das ist mehr, als dir der Herr Polizeipräsident selber sagen kann. Wenn's aber so ist, wie du sagst (und es ist so, das sehe ich dir an), dann kommst du heute oder morgen schon wieder raus – denn was können sie dir wollen? Gar nichts können sie dir wollen! Gesund bist du, und auf den Strich bist du nicht gegangen, und auf dem Standesamt hängst du auch – vergiß bloß nicht, das denen zu erzählen, Standesamt zieht bei denen immer ...

Ja, sagte Petra.

Nun also, heute oder morgen kommst du raus, und ein paar Kledagen von der Wohlfahrt werden sie ja auch noch für dich finden, also raus kommst du – und was machst du dann?

Petra bewegte nur ungewiß die Achseln, aber sie sah die Sprecherin jetzt schon recht aufmerksam an.

Ja, das ist die Frage. Alles andere ist Blech, Kindchen. Zurückdenken und Sichgrämen und Bereuen – das ist alles Blech. Was machst du, wenn du rauskommst – das ist die Frage!

Freilich, sagte Petra.

Für Gas oder den Landwehrkanal bist du ja nicht, wie du aussiehst, und dann möchtest du das Wurm wohl ganz gerne kriegen, was?

Das will ich! sagte Petra entschlossen.

Und wie ist es denn mit den Schuhen? erkundigte sich Mutter Krupaß. Willst du denn das wieder anfangen?

Ich krieg ja nicht wieder Stellung, sagte Petra. Ich habe kein Zeugnis über die letzte Zeit, und aus der letzten Stellung bin ich einfach fortgeblieben, von heute auf morgen. Da liegen sogar noch alle meine Papiere, ich hab Ihnen doch erzählt, das kam so schnell mit Wolf ...

Weiß ich, weiß ich, sagte Frau Krupaß. Die Papiere holst du dir noch mal, Papiere sind immer gut. Also mit den Schuhen ist es nichts mehr, und wenn es auch was wäre, es reicht ja doch nicht, und dann kommt das andere bloß wieder, und ob du das grade jetzt möchtest –?

Nein, nein, sagte Petra hastig.

Nein, natürlich nicht, das weiß ich doch. Ich sag ja auch nur so. Und nun kommt da noch eins, Kindchen – weißt du was, Kindchen –, ich werd doch lieber zu dir Kindchen sagen, und nicht Peter – Peter steht mir nicht im Munde. Also, da ist nun dein Freund, wie ist es denn nun mit dem, Kindchen?

Er ist ja weggeblieben!

Das ist er, da hast du recht. Und wahrscheinlich kommt er auch nicht wieder. Er wird denken, er kriegt Schwierigkeiten mit seiner Spielerei, wenn er sich zu sehr bei der Polizei nach dir erkundigt, und vielleicht denkt er auch, du hast ihn verpfiffen ...

Das denkt Wolf nicht!

Also, dann denkt er das nicht, auch gut, sagte die Frau Krupaß fügsam. Er kann ja genauso ein feiner Kavalier sein, wie du sagst, und ich red kein Wort dagegen, und er bleibt doch weg. Männer sind nun mal nicht anders. Willst du ihn denn nun suchen gehen?

Nein, sagte Petra. Suchen nicht ...

Und wenn er nun morgen kommt und besucht dich?

Die alte Frau schoß einen schnellen, dunklen Blick auf das Mädchen. Sie sah, wie Petra aufstand und hin und herging, und jetzt blieb sie sogar stehen, und es war, als lauschte sie hinaus in das Gefängnis. Dann schüttelte das Mädchen unmutig den Kopf und ging wieder auf und ab. Blieb an der Wand stehen, lehnte den Kopf gegen die Steine, stand lange so.

Das ist so, sagte die Frau Krupaß schließlich berichtend. Da klopft der Wachtmeister an die Tür und sagt: Ledig, mitkommen, Besuch! Und dann gehst du hinterher, so auf Schlurren, wie du jetzt bist, in deiner blauen Kittchenkluft. Und dann kommst du in ein Zimmer, in der Mitte ist ein Holzzaun, und er steht auf der einen Seite, fein in Schale, und du auf der andern, in Kluft und in der Mitte sitzt ein Wachtmeister und paßt auf dich. Und dann redet ihr miteinander, und wenn der Wachtmeister sagt: Die Zeit ist rum, dann geht er wieder raus ins Freie, und du gehst wieder auf deine Zelle ...

Petra hat sich längst umgewandt und sieht die alte Frau mit blassem Gesicht gespannt an. Als die nicht weiterspricht, bewegt Petra die Lippen, als wolle sie etwas sagen, fragen, aber sie sagt nichts, sie fragt nichts.

Ja, Kittchen, sagt Frau Krupaß plötzlich mit harter, böser Stimme, nun sage mir bloß, was hast du denn eigentlich ausgefressen, daß du wieder uff de Zelle latschst?! Und wat hat er denn so Rühmenswertes jetan, det er wieda ins Freie darf?!

Es ist ganz still in der Zelle. Schließlich aber sagt Petra mühsam: Er kann doch nichts dafür ...

Nee! sagt die Olle triumphierend. Da kann er nischt dafür, daß du immer Kohldampf geschoben hast und daß du ewig hast warten müssen, und daß er dir deine Kleider verkloppt hat, und ohne dem wärst du ja gar nicht hierhergekommen. Da kann er nischt für! Er hat sich ja die Pelle von den Pfoten gearbeitet mit Kartenmischen, ein ruheloser Nachtarbeeter is das jewesen –!

Petra will etwas sagen.

Stille biste! schreit die Olle. Den Zahn zieh ick dir! Du bist ja doof! Sein Vajniejen hat er bei dir jehabt – und wenn er nich mehr Lust zu's Vajniejen jehabt hat, denn is er abjehauen und hat jedacht: nu 'en andern Film, laß den ersten Film man für sich alleene sorgen! So wat lieb ick, sage ich dir, so wat rührt mir die Galle um! Haste denn gar keine Ehre mehr im Leibe, Mädchen, daß de da stehen willst im Besuchzimmer wie ein Primelpott mit rosa Serviette und willste ihn anstrahlen – bloß, weil er dir wirklich besuchen kommt! Is denn det Ehe, frage ick dir, is det denn Kameradschaft? Is det ooch nur Freundschaft?! Bloße Bettlägrigkeit is det, sage ich dir! Schäm dir wat, Mächen!

Petra steht ganz still und weiß in der Zelle. Sie zittert am ganzen Leibe. So freilich ist ihr noch nie der Star gestochen, der Zahn gezogen worden, in diesem Lichte hat sie noch nie das Verhältnis mit Wolf gesehen – alle Schleier, die Liebe darüber zog, zerrissen. ›Halte ein!‹ möchte sie rufen. Aber sie ruft es nicht.

Es mag ja sein, fährt Frau Krupaß friedfertiger fort, daß er ein ganz guter Mann ist, wie du sagst. Er tut was für deine Bildung, sagst du – na schön, soll er das tun, wenn es ihm Spaß macht. Besser wäre es, er tät was für dein Herze und was für deinen Magen, aber da kommt er sich natürlich nicht so klug vor wie bei den Büchern. Ein guter Mann, sagst du. Aber Kindchen, das ist doch kein Mann, das soll vielleicht mal einer werden! Was im Bett ein Mann ist, das is noch lange kein Mann, das glaub 'ner alten Frau. Das bildet ihr jungen Mädchen euch bloß ein! Und wenn du das so weitermachst mit ihm, mit Verwöhnen und Immer-parat-Sein, und Muttern ist auch noch im Hintergrunde mit 'nem hübschen, dicken Geldsack – dann wird ooch nie ein Mann daraus, aber aus dir wird ein Misthaufen, Gott verzeih mir meine Worte!

Sie schnauft richtig vor Anstrengung und Erbitterung, immer wieder schießt sie scharfe Blicke auf Petra, die blaß und still an ihrer Wand steht.

Jetzt sagt Frau Krupaß ruhiger: Ich verlang ja gar nicht, daß du ihn überhaupt nicht mehr wiedersiehst. Nur jetzt laß ihn mal eine Weile allein zurechtkommen. Du kannst ja abwarten, ein Jahr oder meinethalben auch nur ein halbes Jahr (ich bin gar nicht so!), was er macht. Ob er mit der Spielerei fortmacht – faul! Oder ob er bei Mutter unterkriecht – oberfaul! Oder ob er sich 'ne andere beibiegt – dann hat er mit dir auch nie was Richtiges im Sinne gehabt. Oder ob er was Vernünftiges zu arbeiten anfängt ...

Ich muß ihm aber doch wenigstens Bescheid sagen, was mit mir geworden ist, oder ihm schreiben, bittet Petra.

Zu was denn? Was hilft denn sagen oder schreiben? Er hat dich doch ein Jahr gesehen, alle Tage, wenn er dich da noch nicht kennt, dann nützt auch alles Schreiben nichts. Und er kann ja auf der Wache fragen – die werden ihm schon erzählen, daß du hier bist, da machen die doch kein Geheimnis draus. Wenn er dann hier angesuckt kommt – meinethalben, dann gehst du eben mal runter und sagst ihm: soundso, mein lieber Spitz, ich will mich erst mal bewähren, und du sollst dich auch erst mal bewähren ... Und außerdem krieg ich ein Kind, sagst du, nicht etwa: kriegen wir ein Kind ... Denn du kriegst es und sollst es auch behalten, und ich möcht, daß das Kind 'nen richtigen Mann zum Vater hat, der auch mal für ein bißchen Happenpappen sorgen kann, weißte, mal was zu essen, was gegen den Kohldampf, daß man nicht grade auf der Straße umfällt, im Umgang mit dir, verstehst du ...

Mutter Krupaß! bittet Petra, denn die alte Frau gerät schon wieder in Zorn.

Na ja, Kindchen, grollt sie, das darfst du ihm ruhig sagen, davon geht ihm die Vergoldung nicht ab, so was muß ein Mann mal hören, das ist ihm nur gut ...

Ja, sagt Petra, und was mache ich das halbe Jahr –?

Siehste, Kindchen, sagte die Krupaß erfreut, das war das erste verständige Wort, was du heute abend gesagt hast. Und nun setzt du dich hier gemütlich neben mich aufs Bette – die olle Zicke da schläft wohl –, und jetzt reden wir mal richtig miteinander. Von den Männern sprechen wir überhaupt nicht mehr, eine richtige Frau sollte überhaupt nicht so viel von den Männern reden, die bilden sich ja bloß was ein, und so wichtig sind sie gar nicht ... Was du in dem einen Jahr machen sollst? Das will ich dir sagen –: mich vertreten sollst du!

Ach! sagte Petra, ein wenig enttäuscht.

6

Ja, du sagst Ach!, sagte die alte Frau Krupaß ganz freundlich und schlug ächzend ein Bein über das andere, wobei ersichtlich wurde, daß sie nicht nur ganz unmodern lange, faltenreiche Röcke trug (und es gab sogar noch einen Unterrock unter dem Rock), sondern auch völlig unmögliche, dicke, selbstgestrickte Wollstrümpfe, jetzt mitten im Sommer.

Du sagst Ach!, Kindchen, und recht hast du! Denn wie soll so ein hübsches junges Ding solchen alten Kehrbesen wie mich vertreten können – und wie 'ne olle Puffmutter und Schlafbosten seh ich auch noch aus, was –?!

Petra schüttelte verlegen, aber doch lächelnd den Kopf.

Aber recht hast du doch nicht, Kindchen. Und warum hast du nicht recht? Darum, weil du auf den Kassenblock geschrieben hast bei den Schuhen und rechnen kannst, und Augen hast du auch im Kopf, die sehen, was sie ansehen. Das habe ich mir doch gleich gesagt, wie du hier reinkamst in die Zelle, kieke, habe ich gesagt, endlich mal wieder eine, die Anseh-Augen hat, nicht solche Plieraugen wie bei den Kälbern heute: überall und nirgend ...

Habe ich wirklich solche Augen? fragte Petra neugierig, denn auf den Gedanken, daß sie andere Augen als die andern haben könnte, hat sie ihr Spiegel noch nicht gebracht, und Wolfgang Pagel hat ihr das auch noch nicht gesagt, obwohl er ihre Augen doch schon dann und wann zu fühlen bekommen hatte.

Wenn ich es dir doch sage! erklärte die Krupaß. Auf Augen habe ich gelernt in der Fruchtstraße, wo ich fünfzig, sechzig Leute gehen habe, und alle lügen sie mich an mit dem Mund, aber mit den Augen lügen, das können sie nun doch nicht! Und ich sitze hier in diesem elenden Wanzenstall und grüble und sinniere, was es mir dieses Mal einträgt, und ich möchte ja glauben, drei Monate, aber es wird schon ein halbes Jahr werden. Killich sagt auch, ein halbes Jahr, und Killich irrt sich selten und muß es wissen, denn der ist mein Rechtsbeistand ...

Petra sieht etwas fragend drein, aber die Alte nickt energisch mit dem Kopf und sagt: Das kommt alles noch. Du erfährst alles zu seiner Zeit, Kindchen. Und wie du vorhin ›ach‹ gesagt hast, kannste nachher ›Nee‹ sagen, da mach ich mir nichts draus. Bloß, du sagst es nicht ...

Sie sieht so sicher und so energisch und dabei doch wieder gutmütig aus, daß Petra erst einmal wirklich alle Bedenken aufgibt, die ihr bei so frommer Fügung in eine Gefängnisstrafe aufsteigen wollen.

Frau Krupaß aber fährt fort: Und da sitze ich also und denk: sechs Monate Kittchen sind ja soweit ganz gut, Ruhe brauchst du auch einmal wieder – aber was wird mit dem Geschäft, noch dazu in diesen Zeiten? Der Randolf ist reell, aber mit dem Rechnen ist er schwach, und jetzt, wo alles gleich in die Millionen geht, und dann bloß Schiefertafel und Kreide – das geht nicht, Kindchen, das siehst du auch ein!

Und Petra sieht es ein und nickt mit dem Kopf und schüttelt ihn, ganz wie es Frau Krupaß haben will, obwohl sie noch gar nicht klarsieht.

Ja, da sitze ich also und grüble über Stellvertreter, was ein schönes Wort ist, bloß daß sie alle klauen wie die hungrigen Raben, und keiner denkt an die olle Frau im Kittchen. Da aber kommst du nun rein, Kindchen, und ich seh dich und deine Augen. Und ich seh ja, was mit euch beiden los ist, und ich hör ja, was sie dir vorschmeißt – und dann die Attacke auf mich und das Ziepen an den Haaren und das In-Decken-Wickeln – und alles ordentlich gemacht, ohne Zorn und doch nicht wie Heilsarmee ...

Petra sitzt ganz still und verzieht nicht das Gesicht. Aber es tut einem jeden Menschen gut, wenn sein Tun ein bißchen Anerkennung findet, und einem geschlagenen, herumgestoßenen Menschen tut es besonders gut.

Ja, da habe ich gedacht, die ist richtig, die wär was für dich. Aber so was steckt natürlich in Kittchenkluft, so was wird nicht gereicht. Das mach dir bloß ab, Mutter Krupaß. Die flickt noch Hemden, wenn du schon längst wieder draußen bist. – Und dann hör ich, was du erzählst, und es ist ja wohl nicht die Möglichkeit, denke ich, das Kind müssen sie dir ja direkt aus dem Himmel geschickt haben in deine Verlassenheit ...

Mutter Krupaß! sagte Petra zum zweitenmal.

Na ja, natürlich Mutter Krupaß, wie denn sonst? sagt die Alte ganz vergnügt und schlägt Petra derb aufs Knie. Hab ich dir vorhin ordentlich Saures gegeben, was?! Na, laß man, das macht nischt. Mir haben sie in meiner Jugend so viel Saures gegeben und später auch noch, nicht zu knapp, wie die Jungen im Krieg gefallen sind, und mein Oller hat sich aus Schwermut aufgebammelt. Aber nicht bei mir in der Fruchtstraße, da war er schon in Dalldorf, was jetzt Wittenau heißt – laß man, denk ich, sauer macht lustig ...

Sie lehnt sich vor, sie sieht Petra mit ihren überbuschten Augen an. Aber sehr lustig bin ich nun auch wieder nicht, Kindchen, das verstehst du? Das sieht man bloß so aus – im ganzen finde ich den Betrieb ziemlich belämmert ...

Und Petra nickt vollständig einverstanden mit dem Kopf, und ihr ist ganz klar, daß mit dem Betrieb nicht das Polizeipräsidium Alexanderplatz gemeint ist. Sie versteht vollkommen die Einstellung der Mutter Krupaß, daß man das Leben ziemlich belämmert finden kann und doch nicht den Kopf hängen läßt. Sie hat ja eine ziemlich ähnliche Einstellung, und wenn man solche Sympathie entdeckt, ist man immer erfreut.

Jaha – aber den Betrieb führ ich darum doch weiter, der hält mich lebendig. Und wenn man sich nicht lebendig hält und was schafft, Kindchen, das ist nichts, da verfault man bei lebendigem Leibe. Und so wie du das gemacht hast, immer hocken in der möblierten Stube, und vielleicht mal, wenn's viel ist, ein bißchen Aufwasch für die möblierte Schlummermutter, das ist kein Leben, Mädchen, davon muß jede doof und trübsinnig werden ...

Und wieder nickt Petra mit dem Kopf, und wieder findet sie, daß Frau Krupaß völlig recht hat und daß es ganz unmöglich ist, zu dem alten Leben bei der Pottmadamm zurückzukehren. Und jetzt hätte sie bloß gerne gewußt, was für eine Arbeit denn Frau Krupaß so frisch und lebendig erhalten hat, und sie wünscht aus ganzem Herzen, daß es irgendeine Arbeit ist, die anständig und zu verantworten ist.

Und da sagt Frau Krupaß auch schon: Und nun will ich dir auch sagen, Kindchen, was ich für ein Geschäft habe. Und wenn die Leute die Nase darüber rümpfen und sagen: es stinkt! – es ist doch ein gutes Geschäft! Und mit Kittchen hat es gar nichts zu tun, denn es ist ein anständiges Geschäft – mit Kittchen hat bloß meine Dummheit zu tun, weil ich nämlich ein gieriger Mensch bin, ein geldgieriger Mensch. Ich kann es nicht lassen, und hundertmal sag ich mir: laß es, Auguste (ich heiß nämlich Auguste, aber ich mach keinen Gebrauch davon), laß es, du verdienst auch so genug Geld, liefere es ab – ich kann es nicht lassen! Und dann fall ich rein – und schon das dritte Mal! Und Killich sagt ja, es wird ein halbes Jahr kosten.

Jetzt sitzt sie sehr zusammengefallen da, die geldgierige Frau Krupaß, und Petra sieht ihr wohl an, daß das vorhin mit den sechs Ruhemonaten nur ein Schwindel war, daß Frau Krupaß gar nicht abgebrüht ist, sondern eine höllische Angst vor diesen sechs Monaten Kittchen hat. Und sie möchte der alten Frau gerne etwas Tröstliches sagen, aber sie weiß ja noch immer nicht, um was es eigentlich geht. Sie kann sich auch nicht die geringste Vorstellung von dem gut gehenden, aber übelriechenden Geschäft der Frau Krupaß machen, das doch wieder anständig sein soll.

So schweigt Petra Ledig lieber und wartet. Und nach einer Weile nimmt sich Frau Krupaß wieder zusammen und sagt mit einem fast entschuldigenden Lächeln: Gott, nun sitze ich auch noch da und blase Trübsal. Aber das kommt davon, wenn man sich rühmt mit Lustigsein und so. Aber nun sollst du hören, Kindchen! Weißt du, was ein Produktengeschäft ist?

Petra nickt ein wenig und hat eine Vorstellung von einem muffigen, stinkenden Keller.

Siehst du, Kindchen, das habe ich, und da brauchst du die Nase nicht zu ziehen, es ist ein gutes Geschäft und nährt einen, und Frechheiten von alten Lustgreisen braucht man sich dabei nicht gefallen zu lassen. Altpapier und altes Eisen und Knochen und Lumpen, und Felle habe ich auch ... Aber nicht so mit kleinem Handwagen auf die Müllplätze, nee, einen großen Hof habe ich, mit Lastauto, und sechs Mann arbeiten bei mir. Und dann is noch der Randolf da, was mein Aufseher über den Lagerplatz ist, ein bißchen düsig, aber reell, wie ich dir schon erzählt habe. Und dann kommen sie zu mir, fünfzig, sechzig Handwagen jeden Tag. Ich bezahle, was richtig ist, und das wissen sie auch, daß Mutter Krupaß die richtigen Preise bezahlt. Und jetzt wird es überhaupt alle Tage mehr, wo jeder mit 'nem Handwagen geht, weil die Arbeit immer weniger wird ...

Aber Mutter Krupaß, davon versteh ich doch gar nichts! sagt Petra schüchtern.

Das brauchst du ja auch gar nicht, mein Mächen. Der Randolf weiß alles und kennt alles, bloß daß er nicht rechnen kann und düsig ist. Rechnen sollst du und anschreiben sollst du und Geld auszahlen sollst du, und da hab ich ein großes Vertrauen zu dir, Kindchen, aber es wird schon stimmen. Und abends rufst du die Spinnereien und Fabriken an, was sie zahlen für alles, jede ihren Kram, ich sag dir noch die Nummern und Namen von den Leuten, und danach zahlst du, ganz reell. Und dann geht es mit dem Lastauto in die Fabrik, liefern, und dann kriegst du Geld, und das Papier verladen wir, wenn wir genug für einen Waggon haben. Das sagt dir Randolf alles. Das gibt dann auch wieder Geld. Das macht Laune, Kind, wenn du das Geld einnimmst, und heutzutage kann überhaupt jedes Kind handeln, wo der Dollar immerzu steigt ...

Petra sieht die alte Frau an, plötzlich, da sie deren Eifer, die leuchtenden Augen sieht, scheint ihr das alles gar nicht mehr ganz unmöglich. Es ist doch Arbeit – was heißt das: stinkige Lumpen?! Es ist doch geradezu etwas wie eine Zukunft.

Aber dann fällt ihr wieder ein, daß die Frau Krupaß ja im Gefängnis sitzt und daß die Sache also irgendeinen Haken haben muß, und ihre Freude vergeht sachte wieder.

Aber die alte Frau redet weiter, und was sie redet, facht die Freude von frischem wieder an. Und denk dir nicht, sagt sie, daß es sonst Bruch ist bei mir. Alles reell und solide. Ordentliche Geschäftsbücher und mit dem Finanzamt nicht mehr Krach als jeder. Und ein Häuschen auf dem Platz, tiptop, fein mit Ei, mit Blumen und Laube, ganz, wie es richtig ist. Unten wohnt Randolf, und oben wohne ich, drei Zimmer mit Bad und Küche – prima! Und die Randolfen kocht mir's Essen, und so soll sie's dir auch kochen. Ich esse gerne was – die kocht nicht schlecht! – Und ich habe mir gedacht, du wohnst in meiner Wohnung und schläfst in meinem Bett; und im Badezimmer wäschst du dich ... Aber in der Wanne badest du nicht, da geht die Emaille von kaputt oder wird streifig, mit der Emaille weiß ich allein Bescheid. Das mußt du mir in die Hand versprechen, daß du mir die Wanne nicht anrührst! – So schmutzig wirst du ja auch gar nicht, daß du dich baden mußt – die Dreckarbeit machen der Randolf und die Männer ...

Wieder nickt Petra und jetzt möchte sie schon sehr gerne, daß es etwas würde – aber da ist ja noch das eine, der eine Punkt.

Und morgen früh kommt Killich hierher in die Sprechstunde, was mein Rechtsbeistand ist, und das ist ein gerissener Hund, sage ich dir, Kindchen! Dem werde ich sagen: Killich, Herr Killich, Herr Rechtsanwalt Killich – morgen oder übermorgen oder heute noch kommt eine zu Ihnen in die Sprechstunde, Petra Ledig heißt sie, das ist meine Stellvertreterin. Sehen Sie, nicht, was sie auf dem Leibe trägt, das ist Wohlfahrt oder Fürsorge, sehen Sie ihr ins Gesicht, und wenn die mich anscheißt, Killich, dann glaub ich keinem Menschen mehr auf der Welt, mir nicht und Ihnen schon gar nicht, Herr Killich ...

Mutter Krupaß! sagt Petra, legt ihre Hand auf die Hand der andern und ist fest überzeugt, daß es wirklich nicht so schlimm sein kann mit den Verbrechen der Alten.

Na, wat denn, mein Mädchen?! Wat denn, wat denn?! Es ist doch so! Und dann fährt Killich mit dir zu Randolfen und sagt ihm, daß du bist wie ich, mit Geld und Verfügung und Wohnung und Essen und Befehl ganz wie ich, und was du an Kleidern und Wäsche und Sachen brauchst, das kaufst du dir. Und auf der Stadtbank, wo ich mein Konto habe, da kannst du auch unterschreiben wie ich, das macht Killich alles fertig für dich ...

Aber Mutter Krupaß ...

Na, wat denn aber –? Essen kriegst du und Kleider kriegst du und Wohnung kriegst du und dein Kind kannst du auch kriegen bei mir (aber dann bin ich hoffentlich schon wieder draußen), nur das eine kriegst du nicht: Gehalt kriegst du nicht, Geld kriegst du nicht. Und warum nicht? Weil du es ihm nur gibst! So duslig bist du, das weiß ich doch, dafür bin ich selbst Frau. Wenn er kommt und macht 'nen treuen Hundeblick, dann gibst du ihm, was du hast. Aber was du nicht hast, nämlich mein Geld, das gibst du ihm nicht – dafür kenne ich dich nun auch schon! Darum kriegst du kein Gehalt – nicht aus Knietschigkeit nicht! Und nun sag, Kindchen, bist du einverstanden oder bist du nicht einverstanden –?

Ja, Mutter Krupaß, natürlich bin ich einverstanden. Aber da ist doch noch die eine Sache, die Sache ...

Was für 'ne Sache?! Mach mir keine Geschichten, Mächen! Mit dem Kerl? Von dem Kerl reden wir nicht mehr, der soll erst mal ein Kerl werden!

Nein, Ihre Sache, Mutter Krupaß, Ihre –!

Was, meine Sache?! Ich hab dir doch alles erzählt, Kindchen, und wenn dir das nicht genug ist ...

Nein, Ihre Sache, die Sache, weswegen Sie sitzen! rief Petra. Die Sache, weswegen Sie ein halbes Jahr kriegen wollen, Mutter Krupaß!

Ich und wollen, Kind! Du bist ja ein gutes Mächen!! Du hast ja einen Begriff von meinem Wollen, das muß ich wirklich sagen -! Also: die Sache geht dich gar nichts an, damit hast du nischt zu tun und damit hat auch das Geschäft nichts zu tun, damit hat nur meine Happigkeit zu tun. Also: wenn wir Lumpen sortieren, da steh ich meistens dabei, daß zwischen die Leinenlumpen nichts aus Baumwolle fliegt, denn Leinen ist teuer und Baumwolle ist billig, das verstehst du doch?

Ja, sagte Petra.

Na also! meinte die Alte befriedigt. Köpfchen bleibt Köpfchen. Und wie ich da so steh, und die Lumpen fliegen durch die Luft, da seh ich mit meinem gierigen Rabenblick was blinkern. Ich sachte mich angepirscht, und da ist doch ein richtiges Frackhemd dazwischen, und der Dussel, der das weggeschmissen hat – aber es ist sicher das Mädchen von dem Dussel gewesen, das sich mit Leinenlumpen ein bißchen Geld hat machen wollen (das machen heute viele, weil der Lohn nicht hin und nicht her reicht) –, hat doch vorne im Brettchen drei Diamantknöpfe stecken lassen! Kein Pofel, seh ich gleich, richtige Brillanten, und nicht klein! Na, ich tu, als sehe ich nichts, aber ich puhl mir die Dinger leise raus. Und dann zu Hause freu ich mich. Wunderbar – ich bin so, über so was, und wenn's nun sogar nichts gekostet hat, kann ich mich freuen wie ein Kind! Ich weiß, ich darf es nicht, ich bin ja schon zweimal reingefallen mit so was, aber ich kann es nicht lassen. Immer denk ich, es hat keiner gesehen, liefer es nicht ab, hast du doch deine kleine Freude dran ...

Sie sieht Petra an und Petra sieht die alte Frau an, und Petra ist sehr erleichtert, aber die Frau Krupaß ist sehr bekümmert.

Und das ist das Gemeine an mir, Kindchen, daß ich es nicht lassen kann. Daß ich dies nicht unterkriege, darüber ärgere ich mich noch mal tot! Killich sagt auch zu mir: Was soll denn das, Frau Krupaß? Sie sind doch 'ne reiche Frau, Sie können sich doch 'ne Sechsertüte von Brillantknöpfen kaufen, lassen Sie doch so was! – Und recht hat er, aber lassen kann ich es nicht! Ich werd damit nicht fertig, ich schaff und schaff es nicht. Was würdest du denn in so 'nem Falle tun, Kindchen?

Ich würd sie abliefern, sagt Petra.

Abliefern? Die schönen Knöppe?! Nee, so dumm! Sie will sich wieder ereifern, aber sie besinnt sich gleich. Na, reden wir nicht mehr von, ich ärgere mich auch ohne Reden genug. Was soll ich noch viel erzählen? Einer von meinen Leuten muß es doch gesehen haben, gierig sind sie ja alle, und schon ist der Krimsche da und ist ganz höflich. Na, Frau Krupaß, wie ist denn das wieder mit 'ner kleinen Fundunterschlagung? sagt er und grient noch dabei, der Affe! Haben Sie's vielleicht wieder ins Spiegelschränkchen gelegt? Machen Sie mal auf! Und ich Hornochse hab die Knöppe doch wirklich wieder da reingelegt wie's letztemal, recht hat der Mann, und ein Affe ist er gar nicht! Der Affe bin immer bloß ich! Na ja, was nicht als Verbrecher geboren ist, wird sein Lebtage keiner!

Die Krupaß sitzt da, in Gedanken verloren, und Petra sieht ihr an, daß sie jetzt noch, trotz aller Selbsterkenntnis, trotz der Angst vor den sechs Monaten, den Verlust der Knöpfe bedauert. Und Petra möchte beinahe lächeln über die kindische, törichte, alte Frau. Aber dann denkt sie an Wolfgang Pagel, und wenn sie auch gleich sagen will: ›Das ist doch etwas anderes als Knöpfe!‹ – sie denkt doch: ›Vielleicht bilde ich mir das nur ein, daß es was anderes ist. Was für mich der Wolf ist, das sind für Mutter Krupaß die Knöpfe!‹

Und nun fällt ihr wieder ein, daß es mit dem Wolf erst einmal vorbei ist, und sie denkt an das Häuschen auf dem Produkten-Lagerplatz, von dem sie sich schon eine richtige Vorstellung machen kann (an der Laube wachsen Feuerbohnen hoch), und sie weiß nun ganz fest, es gibt keine Pottmadamm mehr und kein überhitztes Hofzimmer, nicht mehr das Schreien des geschnittenen Blechs aus der Fabrik im Erdgeschoß, nicht mehr das tatenlose Warten, keine Bettruhe mehr wegen Kleidermangel, kein Hofieren mehr um ein paar Schrippen. – Sondern statt dessen Sauberkeit, Ordnung, ein planmäßig eingeteilter Tag mit Arbeit, Essen und Ruhe ... Und diese Aussicht überwältigt sie so, daß das Glück sie fast mit einem Weinen anfaßt. Sie schluckt einmal, sie schluckt noch einmal, dann aber besinnt sie sich. Sie geht auf die alte Frau zu, reicht ihr die Hand und sagt: Also, ich will, Mutter Krupaß, und gerne! Und ich danke Ihnen auch schön!

7

Eine lange Zeit, eine unermeßlich lange Zeit, fast eine Stunde lang hatten der Rittmeister und sein Junker gemeinsam gespielt. Mit Flüstern hatten sie einander verständigt, Pagel hatte die Vorschläge des Rittmeisters angehört und hatte sie befolgt, oder er hatte sie auch nicht befolgt, ganz wie er das Spiel beurteilte.

Die Kugel war gelaufen und hatte geklappert, das Rad hatte geschnurrt, der Croupier hatte gerufen, eilig hatte man einzuziehen und neu zu setzen. Die Zeit lief hastig, sie rannte, immer war sie ausgefüllt gewesen – und jener eine Augenblick, da die Kugel am Rande eines Loches zu verharren schien, unentschlossen, ob sie hineinfallen oder weiterlaufen sollte – dieser eine Augenblick, da die Zeit mit dem Atem, mit dem Herzen in der Brust stille zu stehen schien – dieser eine Augenblick ging immer viel zu schnell vorüber.

Der junge Pagel, wie er beherrscht und rechnend setzte, war für Herrn von Prackwitz kein schlechter Lehrmeister gewesen; der Rittmeister sah ein, während Pagel ihm mit ein paar halben Worten die Chancen erläuterte, wie sinnlos, wie kindisch er vorher gespielt hatte. Nun, da er das Spielfeld klarer überblickte, schon beurteilen konnte, daß der blasse, scharfnasige Herr mit dem Monokel, so beherrscht er aussah, doch wie ein Narr spielte – nun konnte der Rittmeister schon vernünftigere Vorschläge machen, die, wie schon gesagt, von dem Ex-Fahnenjunker häufig nicht befolgt wurden.

Eine leise gereizte, später richtig erbitterte Stimmung wurde langsam in dem Rittmeister stärker und stärker. Der junge Pagel spielte mit wechselndem Erfolg, aber im ganzen gesehen befand er sich trotz einiger Treffer auf einer absteigenden Linie. Wenn es ihm vielleicht nicht zum Bewußtsein kam, der Rittmeister merkte wohl, wie der Fähnrich immer wieder aus der Waffenrocktasche für Nachschub von Marken sorgen mußte. Der Junge hatte alle Ursache, seinen, des Älteren und ehemals Vorgesetzten, Ratschlägen zu folgen! Zehnmal hatte es der Rittmeister schon auf der Zunge, zu sagen: ›Nun tun Sie endlich einmal, was ich Ihnen sage! – Jetzt haben Sie schon wieder verloren!‹

Wenn der Rittmeister diesen Satz (mit großen Schwierigkeiten) immer wieder verschluckte, so nicht darum, weil der junge Pagel ja schließlich mit seinem eigenen Geld spielen konnte, wie er wollte. Pagel spielte unzweifelhaft mit seinem eigenen Geld, der Rittmeister war bloß ein geduldeter Zuschauer, nur drei oder vier Spielmarken in der Tasche und mit kaum etwas Geld in der Hinterhand. Darüber war sich Herr von Prackwitz sehr klar. Aber dies war es nicht, was ihn davon abhielt, den Junker als sein Vorgesetzter gehörig zur Ordnung zu rufen. Sondern es war die dunkle Befürchtung, Pagel könne bei dem geringsten Zwischenfall das Spiel abbrechen und nach Haus wollen. Davor zitterte er, das war das Schlimmste, was er denken konnte – hier nicht mehr sitzen zu dürfen, das Rollen der Kugel nicht mehr beobachten zu können, nicht die Stimme des Croupiers zu hören, die endlich, endlich, vielleicht schon beim nächsten Spiel den großen Schlag verkündete. Diese Befürchtung allein, dunkel nur und ihm kaum bewußt, war's, die den explosiven Rittmeister stets von neuem zurückhielt. Immerhin war es fraglich, wie lange selbst eine so starke Hemmung ihn bei seiner ständig steigenden Erbitterung noch zurückhalten konnte. Ein Streit zwischen beiden war unvermeidlich. Doch kam es zu diesem Streit natürlich ganz anders als erwartet.

Das Spiel, dem man sich hingibt, verlangt die völlige Aufmerksamkeit seiner Anhänger. Das Auge, das nur einen Augenblick abgeirrt ist, hat bereits die Übersicht verloren. Der Zusammenhang ist zerrissen – unverständlich ist nun, warum dort die Marken sich häufen, hier die Spieler erloschene Augen haben. Das Spiel ist ein unerbittlicher Gott – nur wer sich ihm völlig hingibt, dem schenkt es alle Wonnen des Himmels, alle Verzweiflung der Hölle. Die Halben, die Lauen werden auch hier – wie überall – ausgespien.

Es war für Pagel schon schwer genug, bei dem ständigen Geschwätz des Rittmeisters unbeirrt weiterzuspielen. Als aber nun direkt vor seinen Augen, die den Lauf der Kugel verfolgten, eine weiße, sehr parfümierte Frauenhand mit vielen prahlenden Ringen erschien, eine Hand, die ein paar Jetons hielt, als eine Stimme einschmeichelnd bat: Also siehst du, Liebling, ich sagte es dir doch! Nun setze auch für mich, wie du mir versprochen hast –! –

Da riß dem jungen Pagel die Geduld! Wild herumfahrend starrte er den hold lächelnden Valuten-Vamp an und schnauzte: Sie sollen sich zum Teufel scheren!

Er erstickte fast vor sinnlosem Zorn.

Was der Rittmeister von Prackwitz bei diesem Vorfall beobachtet hatte, war dies: eine junge, sehr reizvoll aussehende Dame hatte ihren Einsatz, vielleicht etwas ungeschickt, über die Schulter des Fahnenjunkers machen wollen, und war dafür von ihm in der unhöflichsten, beleidigendsten Weise angeschrien worden.

Dem Rittmeister war Unhöflichkeit gegen Frauen verhaßt, er rührte den jungen Pagel bei der Schulter an und sagte sehr scharf: Herr Pagel, Sie als Offizier –! Sofort bitten Sie die Dame um Entschuldigung!

Der Croupier am oberen Tischende sah diesen Zusammenstoß nicht ohne Besorgnis.

Zwar kannte er den Valuten-Vamp recht gut, von irgend etwas Damenhaftem an diesem Frauenzimmer war ihm nichts bekannt. Immerhin durfte es in einem solchen verbotenen Spielklub unmöglich zu einem lauten Streit kommen. Da waren die Nachbarn in diesen ehemals hochherrschaftlichen Mietshäusern des Westens. Da waren die Wohnungsinhaber selbst in ihrem ehelichen Schlafgemach, die nur die Not der Inflationszeit dazu gebracht hatte, ihre gute Stube für solchen lichtscheuen Zweck herzugeben. Da war der Portier unten in seiner Loge, der zwar Geld bekommen hatte, als sicheres Schlafmittel, der es aber eben schon bekommen hatte – sie alle konnte ein lauter Streit neugierig, argwöhnisch, ängstlich machen.

So warf der Croupier seinen beiden Helfern einen warnenden, weisenden Blick zu. Und diese beiden Helfer eilten auch sofort auf den Kampfplatz, der eine zu dem weißnasigen Valuten-Vamp, dem er unterdrückt: Mach uns bloß keinen Zores, Walli! zuflüsterte, während er laut sagte: Aber bitte schön, gnädige Frau, Stuhl gefällig? Der andere drängte sich an den zornroten Pagel heran, der wütend aufgesprungen war, entfernte sacht, aber unwiderstehlich des Rittmeisters Hand von Pagels Schulter, denn er wußte, daß nichts einen zornigen Mann zorniger macht, als wenn er festgehalten wird. Dabei überlegte er sorgenvoll, ob, falls der junge Mann im schäbigen Waffenrock weiter angeben würde, ein kräftiger Kinnhaken in dieser vornehmen Gesellschaft mißfallen würde oder nicht.

Der Croupier selbst wäre auch gerne als Schlichter aufgetreten, nur konnte er noch nicht vom Spieltisch fort. Er bat mit halblauter Stimme die Spieler, ihre Einsätze wieder an sich zu nehmen, bis die kleine Meinungsverschiedenheit zwischen den Herrschaften dort geregelt sei. Dabei dachte er ununterbrochen darüber nach, wen von den beiden Streitenden dort er vor die Tür werde setzen müssen. Denn einer von beiden mußte hinaus, so viel war klar.

Der Tisch vor dem Croupier war jetzt fast leer, und der Spielhalter schickte sich eben an, sein Vorhaben durchzuführen, nämlich den jungen Pagel (der ihm natürlich namentlich nicht bekannt war) höflich oder gewaltsam, gleichviel, vor die Tür zu bitten, als sich die gespannte Lage leider in einer Weise löste, die den Absichten des Croupiers nicht völlig entsprach.

Der Valuten-Vamp nämlich oder besser die Walli, die in der letzten Stunde von einem spät eingetroffenen Spieler wirklich ein paar Briefchen Schnee hatte kaufen können und die ihre gesamte Erwerbung in einem unsinnigen Tempo aufgeschnupft hatte, wollte, unberechenbar, wie Süchtige nun einmal sind, dieses Mal den zornigen Pagel nur komisch finden. Reizend komisch, himmlisch, komisch, zum Verlieben komisch! Sie wollte sich ausschütten vor Lachen über seine fahrigen, zornigen Gebärden, sie forderte die Umstehenden auf, mitzulachen, sie zeigte mit dem Finger auf ihn: Er ist ja zu süß, der Bubi, wenn er wütend ist! Ich muß dir einen Kuß geben, Liebling!

Und selbst als der vor Wut sinnlose Pagel sie vor der ganzen Gesellschaft Hurenluder, verdammtes! schimpfte, verstärkte auch dies nur ihre Heiterkeit. Vor hysterischem Lachen fast schluchzend schrie sie: Nicht für dich, Schatzi, nicht für dich! Du brauchst mir nichts zu zahlen!

Ich habe dir gesagt, daß ich dir in die Fresse schlagen werde! schrie Pagel und schlug zu.

Sie kreischte auf.

Der Unterhaltungston zwischen den beiden, die Art, wie sie sich beschimpften, hatte den Gehilfen des Croupiers längst zu der Überzeugung gebracht, daß ein Kinnhaken hier ebenso am Platze sein müsse wie daheim am Wedding. Auch er schlug zu – aber leider in die zurücktaumelnde Walli, die ohne einen weiteren Laut umsank.

Sowohl von Studmann, der unaufmerksam und verdrossen als Wandhalter geraucht hatte, wie der Croupier kamen zu spät. Der Valuten-Vamp lag, plötzlich sehr gelb und spitz aussehend, an der Erde, besinnungslos. Der Gehilfe versuchte zu erklären, wie alles gekommen war. Von Prackwitz stand finster dabei und kaute zornig an seiner Lippe.

Studmann fragte ziemlich diktatorisch: Also jetzt gehen wir wohl endlich –?!!

Pagel stand rasch atmend, sehr weiß da und hörte sichtlich nicht auf den Rittmeister, der ihm jetzt erregt und scharf Vorhaltungen über sein unkavaliermäßiges Benehmen machte.

Der Croupier sah den Spielabend bedroht, viele Gäste, und grade die eleganteren, zahlungsfähigeren, die der Ansicht huldigten, daß man wohl die Gesetze übertreten dürfe, aber nur bei Wahrung aller Formen, schickten sich zum Aufbruch an. Mit drei Worten verständigte er seine Leute: das bewußtlose Mädchen wurde in ein dunkles Nebenzimmer getragen, schon drehte sich wieder surrend die Scheibe, die Kugel rasselte und sprang; magisch, sanft, verführerisch leuchtete das grüne Tuch unter der abgeschirmten Lampe. Der Croupier sang: Hier liegen noch zwei Einsätze auf dem Tisch ... Machen Sie Ihr Spiel ... Zwei Herrschaften haben ihre Einsätze vergessen ...

Viele wandten sich zurück.

Also gehen wir doch! rief von Studmann nochmals ungeduldig. Ich verstehe euch wirklich nicht ...

Der Rittmeister sah den Freund scharf und böse an, aber er folgte, als Pagel wortlos aus der Tür ging.

Auf dem Flur saß der traurige Wachtmeister an seinem Tischchen. Der Rittmeister angelte in seiner Tasche, fischte die zwei oder drei Spielmarken, die ihm noch geblieben waren, warf sie auf den Tisch und rief in einem Ton, der unbekümmert klingen sollte: Da –! Für Sie, Kamerad! Alles, was ich besitze!

Der traurige Wachtmeister hob langsam seine kugligen Augen gegen den Rittmeister, sah ihn an, schüttelte den Kopf und legte für die drei Marken drei Scheine auf die Tischplatte.

Herr von Studmann hatte die Tür zum dunklen Treppenhaus geöffnet und lauschte hinunter.

Der Mann am Wechseltisch sagte: Sie müssen sich einen Augenblick gedulden. Es wird Ihnen sofort geleuchtet. Er ist eben mit ein paar Herrschaften runter.

Pagel stand bleich und abgespannt vor dem grünlichen Garderobenspiegel und betrachtete sich gedankenlos. Er meinte drinnen das Klappern der Kugel zu hören, jetzt rief der Croupier, er hörte es deutlich: Siebzehn – Rot – Ungleich ...

Natürlich: Rot, seine Farbe. Seine Farbe! Gleich würde er die Treppen hinuntersteigen, um mit dem Rittmeister aufs Land zu fahren, drinnen spielten sie seine Farbe, für ihn aber würde es mit dem Spielen vorbei sein.

Der Rittmeister sagte in einem Ton, der andeuten sollte, daß alles Geschehene vergeben und vergessen sei, der aber doch wieder recht gereizt klang: Pagel, Sie haben doch auch noch Marken einzuwechseln. Es ist doch schade darum!

Pagel griff in seine Tasche und sammelte mit den Fingern blind alle Jetons in die Hand.

›Warum kommt der Kerl nicht, um uns rauszulassen?‹ dachte er. ›Natürlich möchten sie, daß wir weiterspielen!‹

Er versuchte mit den Fingern in der Tasche zu zählen, wie viele Spielmarken es waren.

›Wenn es sieben oder dreizehn sind, werde ich noch ein letztes Mal spielen. Ich habe heute noch gar nicht richtig gespielt‹, dachte er seltsam trübe.

Es mußten mehr als dreizehn sein, er bekam die Zahl nicht heraus. Er zog die Hand mit den Spielmarken aus der Tasche und begegnete dem Blick des Rittmeisters. Dieser Blick schien nach der Tür zu deuten, irgend etwas sagen zu wollen.

›Es sind ja nicht sieben oder dreizehn‹, dachte er bedrückt. ›Ich muß ja nach Haus gehen!‹

Ihm fiel ein, daß er kein Zuhaus mehr hatte. Er sah nach der Tür. Der ahnungslose von Studmann war ins Treppenhaus getreten und hallote unterdrückt nach dem Leuchter.

Pagel sah die Jetons auf seiner Hand an, er zählte sie. Es waren siebzehn. Siebzehn –! Seine Zahl –!!

In diesem Augenblick durchrieselte ihn ein unfaßbares Glücksgefühl. Er hatte es geschafft – die große Chance war da! (O Leben – herrliches, unerschöpfliches Leben!)

Er trat auf den Rittmeister zu und sagte halblaut, mit einem Blick zu der offenen Tür ins Treppenhaus: Ich gehe noch nicht. Ich spiele noch.

Der Rittmeister schwieg. Ganz rasch zwinkerte er einmal mit dem Auge – als sei ihm etwas hineingeflogen.

Wolfgang trat an den Wechseltisch, er zog ein Banknotenpaket, das zweite, aus der Tasche und sagte: Spielmarken – für alles!

Während gezählt und aufgezählt wurde, drehte er sich zu dem stumm dabeistehenden Rittmeister und rief, fast triumphierend: Ich werde heute abend ein Vermögen gewinnen! Ich weiß das –!

Der Rittmeister bewegte sachte den Kopf, als wisse er das auch, als sei es eigentlich selbstverständlich.

Und Sie –? fragte Pagel.

Ich habe kein Geld mehr bei mir, antwortete der Rittmeister. Es klang merkwürdig schuldbewußt, dabei sah er fast angstvoll nach der offenen Tür.

Ich kann Ihnen aushelfen – spielen Sie auf eigene Rechnung!

Pagel hielt dem Rittmeister einen Geldpacken hin.

Nein, nein, sagte der Rittmeister abwehrend. Es ist zu viel – ich möchte nicht so viel ...

(Keiner von beiden erinnerte sich in diesem Augenblick der Szene bei Lutter und Wegner, da der junge Pagel dem Rittmeister auch Geld angeboten hatte und mit der verächtlichsten Empörung zurückgewiesen worden war.)

Wenn Sie wirklich gewinnen wollen, erklärte Pagel mit Nachdruck, müssen Sie genug Betriebskapital haben. Ich kenne das!

Wieder nickte der Rittmeister. Langsam griff er nach dem Geldpaket. –

Als von Studmann aus dem Treppenhaus zurückkam, war der Vorplatz leer.

Wo sind die Herren?

Der Wachtmeister machte eine Bewegung mit dem Kopf zur Tür des Spielzimmers.

Von Studmann stampfte wütend mit dem Fuß auf. Er ging gegen die Tür. Aber er drehte sich entschlossen wieder um, er dachte zornig: ›aber ich denke ja gar nicht daran! Ich bin nicht sein Kindermädchen! So nötig er eins hätte ...‹

Er ging zur Flurtür.

Direkt neben ihm öffnete sich eine Tür, das Mädchen, mit dem Pagel den Streit gehabt hatte, trat heraus.

Können Sie mich die Treppe runterbringen? fragte sie tonlos, undeutlich, als rede sie im Schlaf, als sei sie nicht ganz bei sich. Mir ist schlecht, ich möchte an die Luft. . .

Von Studmann, das ewige Kindermädchen, bot ihr den Arm. Aber gewiß. Ich wollte sowieso gehen!

Der Wachtmeister nahm aus der Garderobe einen silbergrauen Umhang und hing ihn der Frau über die nackten Schultern.

Die beiden stiegen wortlos die Treppe hinab, das Mädchen lehnte sich schwer auf Studmanns Arm.

8

Natürlich hatte der Spanner, und zwar derselbe, der den Herren hinaufgeleuchtet hatte, unten an der Tür gestanden und hatte sich nur nicht errufen lassen. Denn jedem Spieler, der fortgehen will, muß man die Möglichkeit geben, sich lange zu besinnen.

Jetzt aber, da von Studmann mit dem Mädchen am Arm im Hausflur erschien, in den von außen der Schein einer Gaslaterne fiel, war er auch dieser Situation völlig gewachsen. Den Valuten-Vamp, die Walli, kannte er, und daß Geld und Liebe häufig miteinander Ringelreihe oder Bäumchen verwechselt spielen, war ihm auch nicht neu.

Auto? fragte er, schwenkte jovial die trinkgeldgeöffnete Hand und erklärte, ehe von Studmann noch antworten konnte: Warten Se man hier. Ich hol eines vom Wittenbergplatz.

Damit verschwand er, und von Studmann hatte Zeit, über das Verfängliche seiner Situation nachzudenken, hier im dunklen, unverschlossenen Flur eines unbekannten Hauses, mit einem unbekannten Mädchen am Arm. Oben aber war ein Spieltisch – und nun brauchte nur noch ein Mann der Wach- und Schließgesellschaft zu kommen -!

Es war wieder einmal alles recht peinlich, und der heutige Tag hatte von Studmanns Bedarf an peinlichen Situationen voll und ganz gedeckt! Es war ein verfluchtes Leben in dieser Zeit; ein Mann konnte nie wissen, was in der nächsten Viertelstunde passieren würde, ob noch Geltung besitzen würde, was eben galt.

Studmann hatte sich ehrlich gefreut, als er heute morgen seinen alten Regimentskameraden getroffen hatte. Prackwitz hatte sich fabelhaft anständig benommen, ohne sein Dazutun wäre nie etwas von einem Geheimrat Schröck an Studmanns Ohr gedrungen, sondern man hätte ihn ziemlich mit Schimpf und Schande davongeschickt. Auch die Aussicht, mit Prackwitz aus diesem Höllenpfuhl auf das ruhige Land zu gehen, war sehr schön gewesen – und nun saß dieser selbe Prackwitz da oben, verschluderte in der dümmsten Weise sein Geld – und hatte ihn bereits ›Kindermädchen‹ geschimpft!

Er brauche kein Kindermädchen – wahrhaftig, er brauchte eins, und das sofort! Wenn von Studmann daran dachte, daß die beiden nun wieder in dem Spielzimmer saßen, wenn er sich der unsinnigen Geldpakete des jungen Pagel erinnerte, und die Geiernase und der Raubvogelblick des Spielhalters kamen ihm sehr deutlich vor die Augen, so wußte er, daß er – Kindermädchen oder nicht Kindermädchen – sofort die Treppe hinaufzusteigen und dieser selbstmörderischen Spielerei ein Ende zu machen hatte.

Aber dieses Mädchen, dieses unselige Mädchen an seinem Arm –!

Es schien nicht ganz bei Besinnung – kein Wunder übrigens nach dem harten Schlag! Es zitterte, riß an seinem Arm, klapperte mit den Zähnen, flüsterte wieder und wieder etwas von ›Schnee‹. Von Schnee! – bei einer stinkenden, schwülen, feuchten Hitze, die zum Umkommen war! Es blieb klar, daß Studmann sofort nach oben zu gehen und den Freund zu befreien hatte, ebenso notwendig war es freilich, dieses Mädchen erst einmal irgendwo sicher hinzubringen – zu Verwandten. Er hätte gerne ihre Adresse erfahren, aber sie hörte nicht auf seine Fragen, antwortete nur einmal unwirsch, er solle sie in Frieden lassen, sie wolle nicht, ihre Wohnung ginge ihn einen Dreck an!

Unterdessen fuhr draußen ein Auto vor und hielt. Studmann war ungewiß, ob es das für ihn bestimmte war. Der Spanner ließ sich nicht sehen, das Mädchen flüsterte von Schnee, von Studmann stand unentschlossen.

Schließlich schlüpfte der Spanner doch aus dem Auto in den Hauseingang. Entschuldigen Se man, daß Se haben warten müssen. Mir war das so, als ob die Luft sauer roch. Sie wissen – das Spielerdezernat von der Krimpo! Die Jungens können keine Nacht richtig schlafen, die hält bei ihre Bezüge der Kohldampf so munter!

Er pfiff: Und ich schlafe so schlecht und ich träume so schwer ...

Na ja, nun man rasch, Herr Graf, in die Schaukeltüte! Vergessen Sie mir auch nicht! Na schön. Wieda Geld, wovon die Olle nischt weiß. Na – und wohin nun, gnädige Frau –?

Er wartete umsonst.

Von Studmann sah zweifelhaft auf das Mädchen, das neben ihm in der Wagenecke lehnte.

In de Mulle, Walli? brüllte der Spanner plötzlich. Wo pennste denn jetzt?

Sie murmelte irgend etwas von Zufriedenlassen.

Der Spanner zum Chauffeur: Also, hau ab, Mensch! Kurfürstendamm runter! Da wird sie schon munter werden ...

Der Wagen fuhr an, als Studmann sich ärgerte, daß er nicht ausgestiegen war.

Später, in der Erinnerung war es ihm, als wären sie Stunden und Stunden gefahren. Straßen auf, Straßen ab, dunkle Straßen, lichterglänzende Straßen, leere Straßen, Straßen, gedrängt voller Menschen. Ab und zu klopfte das Mädchen gegen die Scheibe, stieg aus, ging in ein Lokal oder sprach mit einem Mann auf der Straße ...

Langsamer kam sie zurück, sagte zu dem Chauffeur: Weiter! Und der Wagen fuhr wieder los. Das Mädchen schluchzte, seine Zähne klapperten lauter, dann flüsterte es abgerissen vor sich hin.

Wie bitte? fragte von Studmann.

Aber sie antwortete nicht. Sie achtete überhaupt nicht auf ihn, für sie war er nicht da. Längst hätte er aussteigen, wieder in den Spielklub fahren können. Wenn er doch sitzen blieb, so nicht um ihretwillen. Er war kein so unbedingter Verehrer der Frauenwelt wie der Rittmeister von Prackwitz, er wußte sehr wohl, neben wem er saß. Ja, er wußte jetzt auch, er hatte es erraten, auf was das Mädchen Jagd machte. Er hatte sich erinnert, daß von ›Schnee‹ auch einmal im Hotel die Rede gewesen war. Ein Toilettenpächter des Hotel-Cafés hatte es plötzlich geführt. Natürlich war der Mann geflogen, soweit kam selbst das modernste Hotel den Wünschen seiner Gäste in dieser irren Zeit nicht entgegen – aber immerhin, von Studmann wußte Bescheid.

Nein, wenn er noch immer saß, wenn er noch immer fuhr, wenn er von Mal zu Mal gespannter wartete, ob die Nachfrage des Mädchens endlich Erfolg hätte – so darum, weil er um einen Entschluß kämpfte. Sobald das Mädchen Erfolg hätte, würde er sich entschließen, so oder so. Er würde es!

Die Bemerkung des Spanners über das Spielerdezernat der Krimpo hatte von Studmann auf den Gedanken gebracht, vorsichtige Nachfragen bei dem Chauffeur dieser Taxe hatten ihn sicher gemacht – es würde das Beste sein, dieses Spielerdezernat einmal anzurufen. Den Spielklub ausheben zu lassen. Was er früher über diese Dinge gehört hatte, was ihm der Chauffeur bestätigte, war immer wieder, daß die Spieler kaum etwas zu fürchten hatten. Ihre Namen wurden festgestellt, im schlimmsten Fall bekamen sie eine kleines Strafmandat – das war alles! Wer hart angefaßt wurde, das waren die Raubvögel, die Ausbeuter, die Spielhalter – und das war nur recht so!

Wieder und wieder sagte sich Studmann, daß diese Lösung die beste sei.

›Was hat denn das für einen Sinn, daß ich noch einmal raufgehe?‹ überlegte er wieder und wieder. ›Ich verkrache mich ja bloß mit Prackwitz, und er spielt erst recht weiter! Nein, vom nächsten Café anrufen bei der Polizei! Ich weiß doch, das wäre Prackwitz die heilsamste Lehre, nichts haßt er mehr, als aufzufallen – und wenn da nun seine Personalien von der Polizei festgestellt werden, das würde ihm jede Lust am Spielen austreiben –! Er denkt immer noch, er sitzt im Kasino – und es sind doch lauter Gauner und Betrüger ... Es wird ihn heilen!‹

Nichts, kein Wort war gegen diese Überlegungen zu sagen, sie waren richtig. Die Spielhalter wurden bestraft, der leichtsinnige Prackwitz aber mitsamt dem jungen Pagel, der ja jede Direktion verloren zu haben schien, sie wurden gewarnt. Und doch kämpfte von Studmann immer weiter um die Kraft zur Ausführung dieses Entschlusses. Es wehrte sich in ihm, das Richtige zu tun, weil es unkameradschaftlich war. Man brachte einen Freund nicht mit der Polizei in Berührung – selbst nicht in der besten Absicht. Er schob es hinaus, erst sollte einmal das Mädchen versorgt sein.

Er sieht ihr erwartungsvoll entgegen, aber sie hat wieder nichts. Sie flüstert: lange mit dem Chauffeur.

Det is zu weit, Frollein, hört er den Mann sagen. Ick hab Ablösung.

Sie flüstert eindringlicher, schließlich gibt er nach.

Aber Frollein, wenn det wieder nischt is ...

Sie fahren, endlos, endlos. Verlassene, fast dunkle Straßen. Zerbrochene Laternen, aus Sparsamkeit brennt nur jede sechste oder achte.

Das Mädchen neben ihm flüstert automatisch vor sich hin. O Gott – o Gott – o Gott, immer weiter, und nach jedem ›o Gott‹ schlägt sie mit dem Kopf gegen die Wagenrückwand!

Von Studmann sieht sich in der Zelle eines Cafés den Hörer abnehmen: Bitte, geben Sie mir das Polizeipräsidium, Spielerdezernat ...

Aber vielleicht haben sie nicht einmal eine Zelle, und er muß am Büfett telefonieren; die Leute werden denken, er ist ein gerupfter Spieler, der sich rächen will ... Es sieht sehr unanständig aus, aber es ist das Anständige, es ist – das – An-stän-di-ge!!! Studmann sagt es sich immer wieder. Früher hatte man es besser, da sah das Anständige auch anständig aus. Heute nachmittag war er auch anständig gewesen; er hätte diesen Bengel von einem Baron totschlagen können, und für seine Anständigkeit ist er betrunken die Treppe hinuntergerollt – verfluchtes Leben!

Wäre er doch erst mit dem geretteten Prackwitz auf dem Lande – in der Ruhe, im Frieden, in der lange währenden Geduld!

Endlich hält der Wagen, das Mädchen steigt aus, geht zögernd auf ein Haus zu, einmal stolpert sie und unterbricht ihren Weg mit Schelten. Von Studmann sieht im unsicheren, flackernden Licht nur dunkle Häuserfronten. Kein Lokal. Kein Mensch. Irgend etwas wie ein Laden, Drogerie scheinbar.

Das Mädchen klopft an ein ebenerdiges Fenster neben der Ladentür, wartet, klopft wieder.

Wo sind wir? fragt von Studmann den Chauffeur.

Bei de Warschauer Brücke, sagt der Mann unzufrieden. Zahlen Sie die Taxe? Das kost 'ne Stange Gold!

Studmann sagt ja.

Das Fenster im Erdgeschoß hat sich geöffnet, ein bleicher, dicker Kopf über einem weißen Nachthemd ist erschienen, er scheint zornige Verwünschungen zu flüstern. Das Mädchen fleht, bettelt, eine Art heulendes Klagen dringt bis zum Wagen.

Der rückt ooch nischt raus, sagt der Chauffeur. Na ja, so mitten in de Nacht aus 't Bette. Und Kittchen jibt es ooch dafür. So eene hält doch nich die Flappe. – Na also, hab icks doch jesagt!

Der Mann hat wütend: Nein! Nein! Nein! geschrien und das Fenster zugeworfen. Das Mädchen steht noch einen Augenblick da; sein Weinen, trostlos und dabei doch böse, ist bis zum Wagen zu hören. Von Studmann, das Kindermädchen, hält sich bereit – er sieht das Mädchen schon fallen. Er steigt aus dem Wagen, will ihr zu Hilfe ...

Aber da ist sie schon bei ihm, mit vielen, ganz schnellen, ganz kurzen Schritten.

Was soll das? ruft er ...

Aber sie hat ihm schon den Spazierstock aus der Hand gerissen, läuft, ehe er ihn ihr wieder fortnehmen kann, zurück zum Fenster – alles wortlos, leise schluchzend. Dieses leise Schluchzen ist besonders gräßlich. Und nun hat sie mit einem Schlag die Fensterscheibe zertrümmert. Klirrend, laut scheppernd prasselt das Glas auf das Pflaster ...

Und dazu schreit das Mädchen: Schieber! Fettes Schwein! schreit sie. Gibst du den Schnee heraus?!

Rücken wir, Herr! schlägt der Chauffeur vor. Wenn das die Schupo nicht gehört hat! Sehen Se, jetzt werden die Fenster schon hell ...

Wirklich leuchten in den dunklen Hausfronten da und dort Fenster auf, eine schwache, hohe Stimme schreit: Ruhe!

Aber es ist schon Ruhe, denn die beiden dort am zerschlagenen Fenster flüstern nur miteinander. Jetzt schimpft der bleichgesichtige Mann nicht mehr, oder nur leise.

Jaha! sagt der Chauffeur gedehnt. Wer sich mit solchen erst mal einläßt, muß tun, was se wollen! Der is es doch ejal, ob die Schupo kommt und dem seinen Laden zumacht, die Hauptsache, sie kann weiter koksen. Fahren wir, Herr –?

Aber wieder einmal kann Studmann sich nicht zu so etwas entschließen. Wenn das Mädchen auch unverantwortlich, gemein gehandelt hat, er kann darum doch nicht losfahren und sie hier auf der Straße stehen lassen, wo jeden Augenblick um die nächste Ecke Polizei biegen kann. Und dann will er ja auch seinen Urteilsspruch: bekommt sie ihr Koks, muß er in das nächste, noch offene Café. Wieder sieht er sich, den Hörer in der Hand: Bitte das Spielerdezernat der Kriminalpolizei ...

Es hilft eben alles nichts. Man muß Prackwitz retten, man hat seine Verpflichtungen ...

Nun kommt das Mädchen zurück, und von Studmann braucht gar nicht erst zu fragen, ob ihr Weg erfolgreich war. Schon aus der Art, wie sie ihn plötzlich ansieht, wie er wieder für sie da ist, wie sie ihn anspricht, ist unschwer zu erkennen: sie hat Koks bekommen und auch schon geschnupft.

Na?! fragt sie herausfordernd und hält ihm seinen Stock hin. Wer sind Sie denn? – Ach so, Sie sind der Freund von dem jungen Mann, der mich geschlagen hat. Nette Freunde haben Sie, muß ich sagen, die einer Dame in die Fresse hauen!

Aber nein, sagt von Studmann höflich. Nicht der junge Mensch, der übrigens nicht mein Freund ist, hat Sie so geschlagen – das war ein anderer, einer von den beiden, die immer beim Spielhalter standen.

Lockenwilli meinen Sie? Ach, erzählen Sie mir bloß keinen Stuß, ich bin gestern schon konfirmiert! Ihr Freund war das, der Sie mitgebracht hat – na, dem Jungen besorge ich es noch!

Wollen wir nicht fahren? schlägt von Studmann vor.

Er kann es nicht leugnen, plötzlich ist er todmüde, müde dieses Frauenzimmers und seines frechen, pöbelnden Tons, müde des planlosen Umherirrens in dieser Riesenstadt, müde all der Unordnung, des Schmutzes, der Streiterei.

Natürlich fahren wir, sagt sie sofort. Denken Sie, ich tipple bis in den Westen?! Chauffeur, zum Wittenbergplatz!

Aber jetzt revoltiert der Chauffeur, und da er es nicht nötig hat, als Kavalier zu reden, und da der Herr sich bereit erklärt hat, die Fuhre zu bezahlen, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er sagt ihr gründlich, was er von so 'ner ollen Kokse denkt, die Fensterscheiben einschlägt; er verkündet, daß er nicht einen Schritt weiterfahren wird, nicht ums Verrecken!, er erklärt, er hätte sie längst rausgesetzt, wenn nicht der Herr wäre ...

Auf die Dame macht dies Geschimpfe wenig Eindruck. Schimpfen ist sie gewöhnt, Streiten ist gewissermaßen ihr Lebenselement. Es macht sie frisch, und das eben genommene Gift beflügelt dabei ihre Phantasie, so daß sie dem brummigen, langsamen Chauffeur weit überlegen ist. Sie wird ihm die Fahrerpapiere fortnehmen lassen, sie wird ihn seinem Fuhrherrn melden, sie hat einen Freund, sie merkt sich seine Wagennummer – er soll sich bloß nicht wundern, wenn seine Reifen morgen früh zerschnitten sind -!

Endloses, albernes Gewäsch, wüste Strohdrescherei, die Stimmen erheben sich lauter. Todmüde steht von Studmann dabei – er möchte eingreifen, ein Ende machen, er protestiert, aber er hat keinen Schwung, er kommt nicht auf gegen die, er ist zu müde. Wann hat dies ein Ende? Schon werden wieder Fenster hell. Schon rufen wiederum Stimmen um Ruhe ...

Aber ich bitte doch sehr ... sagt von Studmann schwach, und wird wiederum nicht gehört.

Plötzlich ist der Lärm vorüber, der Streit zu Ende, und das Geschwätz ist nicht einmal sinnlos gewesen: die Parteien haben sich gütlich geeinigt. Zwar wird nicht bis zum Wittenbergplatz gefahren, aber es wird eben doch noch ›ein Schritt‹ gefahren, nämlich bis zum Alexanderplatz.

Da hab ich nämlich meine Garage dichte bei, erklärt der Chauffeur und verhindert durch diese Erklärung, daß von Studmann weiter über dieses Ziel Alexanderplatz nachdenkt. Denn sonst hätte es ihm ja unbedingt einfallen müssen, daß am Alexanderplatz eben jenes Polizeipräsidium steht, dessen Spielerdezernat er jetzt, da das Mädchen seinen Willen hat, sofort anrufen muß.

Aber von Studmann denkt an gar nichts mehr, er ist froh, daß er wieder in den Wagen steigen, daß er sich endlich wieder bequem in die gepolsterte Wagenecke setzen kann. Er ist wirklich unendlich müde. Es wäre schön, wenn er jetzt ein Nickerchen machen könnte. Nirgends schläft es sich so gut wie in einem sacht rüttelnden Auto. Aber er fürchtet, die Strecke bis zum Alexanderplatz lohnt das Einschlafen nicht, nachher ist man dann um so müder.

So brennt er sich lieber eine Zigarette an.

Sie dürfen einer Dame ruhig eine Zigarette anbieten! sagt das Mädchen böse.

Bitte sehr! sagt von Studmann und hält ihr sein Etui hin.

Danke! sagt sie scharf. Denken Sie, ich brauch Ihre popligen Zigaretten?! Ich hab selbst welche. Höflich sollen Sie sein zu einer Dame –!

Sie kramt aus ihrer Tasche ein Etui, kommandiert Feuer!, raucht, und sagt etwas sprunghaft: Was glauben Sie, wie ich es Ihrem Freund besorgen werde!

Er ist nicht mein Freund! sagt von Studmann mechanisch.

Der soll noch an mich denken, der Junge! Kiebig wird das Aas, haut 'ner Dame in die Fresse! Und wieder ganz unvermittelt: Wieso hat er denn heute abend soviel Geld? Sonst hat er doch nie was gehabt, der kleine Schisser?!

Ich weiß es wirklich nicht, sagt von Studmann müde.

Na! sagt sie mit freudigem Nachdruck. Wenn die im Klub ihm sein Geld nicht abnehmen, ich sorge dafür, daß er's loswird. Darauf können Sie sich verlassen, von mir aus behält er keinen Pfennig!

Liebes Fräulein! bittet von Studmann ziemlich verzweifelt. Würden Sie mich nicht in Ruhe meine Zigarette rauchen lassen? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, der Herr ist nicht mein Freund.

Jawohl, Sie und Ihre Freunde –! sagt sie zornig. 'ne Dame schlagen! Aber ich laß ihn hochgehen – Ihren Freund!

Von Studmann schweigt.

Noch zorniger: Hören Sie nicht –? Ich laß Ihren Freund hochgehen!

Stillschweigen.

Verächtlich: Wissen Sie denn überhaupt, was das heißt: hochgehen lassen?! Verpfeifen tu ich Ihren Freund!

Durch die offene Glasscheibe klingt die Stimme des Chauffeurs: Hauen Se der doch eine in die Fresse, Herr! Immer in die Fresse – was anderes gehört so einer nicht. Ihr Freund hat ganz recht gehabt, Herr, der ist richtig, der weiß Bescheid! Immer druff, bis die olle Schandschnauze mal stehen bleibt. Wo Sie sich all die Spesen machen mit das Auto, und dann noch unjebildete Redensarten von wejen Verpfeifen ...

Wieder erhebt sich der Kampf zwischen den beiden, abwechselnd wird die Glasscheibe zum Führersitz aufgerissen und wieder zugestoßen, die enge Taxe hallt von dem Gekreisch und Geschrei wider.

›Er sollte man lieber ein bißchen auf die Steuerung aufpassen‹, denkt Studmann. ›Na, es ist egal, wenn wir irgendwo anfahren, dann ist wenigstens dieser Lärm vorbei.‹

Aber sie fahren gegen nichts, sie halten ganz normal auf dem Alexanderplatz. Das Mädchen klettert, immer weiter schimpfend, an seine Beine stoßend aus dem Auto. Dann schreit sie noch einmal zurück in den Wagen: Und so was will nun Kavalier sein! Und rennt quer über den Platz auf ein großes, nur in wenigen Fenstern erleuchtetes Gebäude zu.

Da geht se hin! sagt der Chauffeur, der ihr nachgeschaut hat. Aber die piept noch 'ne ganze Weile, wenn der Posten se rinläßt. Die macht det wahr, wat se jesacht hat, und hat selber Dreck am Stecken, noch und noch. Wenn die se nu fragen, ob se kokst, gleich is se drin! Vielleicht behalten se se gleich da, na, mich soll's freuen!

Was ist denn das? fragt von Studmann nachdenklich und sieht das große, fast dunkle Gebäude an, unter dessen Torweg das Mädchen eben verschwunden ist.

Na, Herr, wundert sich der Chauffeur. Sie sind wohl ooch nich von hier, det is doch das Präsidium! Das Polizeipräsidium, wo die Ihren Freund verpfeifen will!

Was will sie da? fragt von Studmann und wird plötzlich wacher.

Na ja doch – Ihren Freund verpfeifen!

Aber warum denn –?

Ick jloobe, Sie haben jeschlafen, Herr, bei dem Krach! Weil der ihr eine geklebt hat, das habe doch sogar ich kapiert!

Nein, sagt Studmann, plötzlich sehr erregt. Wegen was denn? Wegen einer Ohrfeige läuft man doch nicht auf das Polizeipräsidium!

Weiß ich das? fragt der Chauffeur vorwurfsvoll. Was Ihr Freund ausgefressen hat?! Aber Sie haben ja auch so komisch gefragt, wegen Spielklub und so – da wird sie wohl Lampen machen wollen bei der Krimschen!

Halt! ruft von Studmann hellwach und springt aus dem Wagen und will ihr nach. Denn ebenso entschlossen, wie er vor einer Weile war, den Spielklub anzuzeigen, ebenso überzeugt ist er jetzt, daß die Anzeige dieses bösartigen Mädchens verhindert werden muß.

Halt! schreit aber auch der Taxenchauffeur, der sein Fahrgeld, und zwar viel Fahrgeld, weglaufen sieht. Und nun kommt für den unruhigen, ungeduldigen, fiebrigen Studmann eine endlose Verhandlung, eine nicht aufhörende Rechnerei, bis er erfährt, was er eigentlich zu zahlen hat. Taxe mal soundsoviel, mit dem Bleistift ausgerechnet, und dreimal verschieden ausgerechnet, und dann noch die Zuschläge ...

Schließlich, endlich darf von Studmann über den Platz laufen, und nun muß er erst wieder mit dem Posten verhandeln, der gar nicht kapiert, was von Studmann eigentlich will, ob er eine Dame sucht oder das Spielerdezernat, ob er eine Anzeige machen oder verhindern will –

Ach, der ruhige, der besonnene – ach, der überlegte Oberleutnant a. D. und Empfangschef a. D. von Studmann! Er hat völlig den Kopf verloren bei dem Gedanken, daß jemand seinen Freund und den jungen Pagel bei der Polizei wegen verbotenen Glücksspiels anzeigen will – und er hat doch selber noch vor einer halben Stunde den gleichen Gedanken gehabt –!

Schließlich aber bekommt er von dem Posten Erlaubnis zum Eintritt in das Präsidium, und es wird ihm auch beschrieben, wie er zu gehen hat, um zur ›Nachtbereitschaft‹ zu kommen, denn die scheint sein Ziel zu sein, nicht das Spielerdezernat, wie er bisher glaubt. Doch er hat natürlich nicht genau auf die Beschreibung gehört und verläuft sich in dem ungeheuren, nur spärlich beleuchteten Gebäude. Er läuft über Gänge und Treppen, hohl läuft der Schall seiner Füße mit ihm. Er klopft an Türen, hinter denen keine Antwort erklingt, und an andere, von denen er ungnädig oder brummig oder verschlafen weitergeschickt wird. Er läuft und er läuft, und in seiner Müdigkeit ist es ihm, als liefe er in einem Traum, der nie enden wird. Bis er dann endlich doch vor der richtigen Tür steht und drinnen die scharfe Stimme des bösen Mädchens hört.

Und in demselben Augenblick fällt ihm ein, wie unsinnig es ist, daß er hier steht; daß er ja kein Wort zur Entkräftung der Anzeige sagen kann, nein, daß er sie noch bestätigen muß. Denn es ist ja ein Spielklub, und es ist ja verbotenes Glücksspiel. Daß er vielmehr loszulaufen hat, so schnell er nur kann, in den Spielklub, und die beiden zu warnen und herauszuholen hat, ehe die Polizei kommt.

Wieder macht er kehrt, wieder irrt er durch das Präsidium und findet schließlich hinaus und schleicht schuldbewußt an dem Posten vorüber. Er weiß, daß er eilen muß, um der Polizei zuvorzukommen, und glücklicherweise fällt ihm ein, daß er hier direkt an der Stadtbahn ist und daß er mit der Stadtbahn schneller nach dem Westen kommt als mit jedem Auto. Und er läuft hinüber zum Stadtbahnhof und irrt dort herum an den geschlossenen Schaltern, bis ihm einfällt, daß in dieser Nachtstunde ja kein Zug mehr fährt. Daß er also doch ein Auto nehmen muß. Und er findet auch schließlich ein Auto, und aufatmend läßt er sich in die Polster sinken.

Aber gleich fährt er wieder hoch. Er kann sich der Ruhe nicht hingeben, er muß sitzen und lauschen –: hat nicht eben der Wagen des Überfallkommandos getrillert –?

Er sitzt und er lauscht, und plötzlich kommt ihm das Aberwitzige seines Handelns heute den ganzen Abend über so recht zum Bewußtsein, und er sitzt starr da und denkt erschrocken: ›Bin ich denn das noch, Oberleutnant von Studmann, der im Krieg nie den Kopf verlor.‹

Und es ist ihm, als sei er sich völlig entglitten, als sei er nicht mehr er selbst, sondern ein völlig anderer, ein hassenswerter, zappliger, sinnloser, widersinniger anderer. Und er schlägt mit der Faust gegen seine Brust und sagt: Verfluchte Zeit! Verdammte Zeit, die den Menschen sich selber stiehlt! Aber ich will raus aus all dem – ich gehe aufs Land, und ich werde wieder ein Mensch, so wahr ich von Studmann bin!

Und dann sitzt er wieder und horcht, ob das Überfallkommando trillert, und denkt: ›Ich muß zuerst ankommen – ich kann sie doch nicht reinfallen lassen!‹

9

Siegessicher tritt Wolfgang Pagel, neben sich den Rittmeister, in den Spielsaal. Die siebzehn Jetons vom ersten Spiel hält er lose in der geschlossenen Hand. Er rüttelt sie leise, sie klappern mutwillig und fröhlich.

Während er auf den Spieltisch zugeht, wie so viele Male in dem letzten Jahr, ein köstlich trockenes, hohles Gefühl im Mund, weiß er, daß er diesmal dem Spiel ganz anders entgegengeht als je zuvor. Immer, immer hat er falsch gespielt, idiotische Systeme ausgeklügelt, die versagen mußten. So wie heute muß er es machen, eine Eingebung abwarten und dann setzen. Warten, bis wieder eine Eingebung kommt, vielleicht endlos warten, aber die Geduld haben zu warten, und dann sofort wieder setzen.

Jawohl, sehr schön! Sehr! sagt er, antwortet er dem Rittmeister, der irgend etwas gefragt hat, und er lächelt bei dieser Antwort freundlich. Der Rittmeister sieht ihn erstaunt an, wahrscheinlich hat er irgendeinen Quatsch geantwortet, aber das ist egal, er ist dem Spieltisch nun schon ganz nahe.

Um diese Zeit ist der Tisch dichter denn je belagert. Es geht auf die letzte Stunde, um drei, spätestens halb vier Uhr morgens machen die hier Schluß. Alles, was von Spielern erschöpft, übermüdet an den Wänden stand und rauchte, was unentschlossen auf Sesseln und Sofas saß – das drängt sich jetzt um den Tisch. Die entfliehende Zeit bietet noch einmal die Aussicht auf großen Gewinn – nütze sie! Wenn in wenigen Stunden die Stadt erwacht, wirst du reich oder arm sein – möchtest du denn nicht lieber reich sein –?!

Der Zwischenfall von vorhin ist längst vergessen, niemand beachtet Pagel.

Er sieht keine Möglichkeit, nahe an den Tisch heranzukommen, so geht er ganz um ihn herum, bis an sein Kopfende. Mit einer Schulterbewegung zwängt er sich zwischen Croupier und Gehilfen. Der Gehilfe; Lockenwilli, der untersetzte Schläger aus dem Wedding, will wütend gegen diese Ungehörigkeit protestieren – ein leises Wort des Croupiers verweist ihm das.

Wolfgang Pagel rüttelt leise seine siebzehn Marken in der Hand, er will sie setzen – ein dünnes, spöttisches Lächeln unter dem Bart, belehrt der Croupier den alten Spieler, daß bei rollender Kugel nicht gesetzt werden darf.

Zeit – lange, stillstehende Zeit muß Wolfgang warten. Dann endlich kommt die Kugel zur Ruhe, eine Zahl wird ausgerufen, Gewinne, lächerliche, belanglose, unwichtige Gewinne werden ausgeteilt und eingestrichen – und nun senkt sich Wolfgangs Hand auf das grüne Tuch:

Siebzehn Spielmarken liegen auf der Zahl Siebzehn.

Der Croupier sieht ihn kurz von der Seite an und lächelt schwach. Mit seinem Anruf treibt er ein letztes Mal die Spieler zum Einsatz, er faßt das Kreuz, die Scheibe beginnt, sich schnurrend zu drehen, die Kugel läuft ...

Sein Spiel beginnt – es beginnt das Spiel von Wolfgang Pagel, Fahnenjunker a. D., Ex-Liebhaber eines Mädchens namens Petra Ledig, zur Zeit beschäftigungslos – es beginnt jenes Spiel, auf das er seit einem Jahr, nein, ein Leben lang gewartet hat, für das er eigentlich geworden ist, was er wurde; um dessentwillen er sich mit der Mutter verstritten hat; um dessentwillen er ein Mädchen zu sich nahm, das ihm die Wartezeit verkürzte, das nun aber auch ging, als es soweit war. Wir haben siebzehn gesetzt, siebzehn Spielmarken auf die Nummer Siebzehn ...!

Achtung, wir spielen! Siebzehn bringt sechsunddreißigfachen Gewinn – endlos läuft die Kugel, scheppert, scheppert ... Wir hätten noch Zeit, uns in Millionen und Milliarden auszurechnen, was wir gewinnen werden, wenn die Siebzehn gekommen ist ... die Kugel scheppert so – wenn sie aus Bein wäre, könnten wir sagen, so scheppern die Knochen der Toten in ihren Grüften, wir aber leben, wir leben und spielen ...!

Siebzehn! ruft der Croupier.

Ja, schreit er es denn nicht? Es ist die Stunde des Gerichtes – die Böcke werden geschoren, aber die Gerechten – sie werden gekrönt! Es prasselt nieder von Marken, ein Regen, eine Flut, eine Sintflut! In die Taschen damit –!

Warten Sie! Ich will auch setzen – ist für einen Spieler wie mich kein Stuhl frei?!

Was setze ich –? Ich muß ruhig sein, nachdenken ... Ich setze Rot. Rot ist richtig, ich habe das einmal ausgerechnet, lang, lang ist's her! Siehst du, da ist schon ein Stuhl –!

Hier, mein Sohn, dies sind zehn Dollar, gute amerikanische Dollar – weißt du noch, wie du mich vorhin in die Fresse schlagen wolltest? Hä – hä – hä!

Ich soll nicht so laut sein, ich störe die andern? Die andern sollen verrecken! Was gehen mich die andern an mit ihren lumpigen Einsätzen. Sie spielen, um zu gewinnen, um dreckiges Papiergeld zu hamstern, ich spiele um des Spieles willen, um des Lebens willen ... Ich bin der König!

Rot!

Er sitzt da und starrt, plötzlich finster geworden, argwöhnisch. Sind das auch genug Marken? Er kann sie schon nicht mehr in den Taschen lassen, er stapelt sie in Zehnerhäufchen vor sich auf, und seine vor Erregung zitternden Hände stoßen die Häufchen gleich wieder um. Alle wollen sie ihn hier betrügen, bestehlen, er ist ja nur der Pari-Panther, ein Garnichts in einem schäbigen Waffenrock! Dieser Hund, der Croupier, hat ihn immer wie einen Dieb behandelt – ihm wird er es heimzahlen!

Und er setzt wieder und gewinnt wieder, und das Glück kehrt wiederum bei ihm ein, ihm ist so leicht! Seliger Rausch, nie noch gefühlt, wenn du dahinfliegst wie eine Wolke am Sommerhimmel, drunten die schwere, dunkle Erde mit den niedrigen Menschen und ihren schweren, verkrampften Gesichtern – du aber fliegst dahin, selige Wolken, selige Götter – o Glück!

Was fiel da? Was rinnt? Was fällt?

Wie ein Bach gleiten lustig klappernd die Jetons, die er nicht mehr bergen kann, unter seinen Armen durch auf die Erde. Laß sie fallen, das Glück lächelt mir zu! Laß andere sich danach bücken ...!

Laß sie einsammeln, wir haben genug, und wir kriegen noch mehr!

Wie finster der Croupier ausschaut, wie sich sein Bart sträubt! Ja, heute beuteln wir dich, mein Sohn, kahl wie eine Ratte wirst du in dein Loch schlüpfen – bald hast du keine Marken mehr und wirst das Papiergeld herausrücken müssen, heute holen wir alles!

Was will der Rittmeister? Er hat alles verspielt? Ja, man muß spielen können, mach es wie ich, Rittmeister, ich habe es dir doch gezeigt! Hier hast du Papiergeld, amerikanische Dollar, 250 Dollar, nein, zehn gingen ab für Lockenwilli, 240 also! Jawohl, morgen früh regeln wir es, aber in einer halben Stunde schon wird auch dieses Geld, auf dem Umweg über den Croupier, wieder bei mir sein!

Das Spiel wendet sich –? Die Kugel rollt nicht mehr, wie er es will –?

Ja, es ist eben doch so: man soll kein Geld unter dem Spiel weggeben, es bringt Unglück. Er sitzt finster da, er versucht die Pari-Chancen wieder, die Dreifach-Chancen. Er spielt vorsichtig, besonnen. Aber die Marken zwischen seinen Armen verlieren sich, die Regimenter werden dünn. Immer von neuem rasselt unter dem Rechen des Croupiers das Heer der Geschlagenen, der Spielhalter lächelt wieder.

Und die Spieler schauen nicht mehr auf Pagel, sie beachten ihn nicht mehr. Ungeniert machen sie wieder über seine Schulter fort Einsätze. Er ist kein begnadeter Spieler mehr, er ist ein Spieler wie alle: das Glück lächelt ihm einmal, aber dann vergißt es ihn wieder, er ist der Ball des Glücks, nicht sein Bettgenoß.

Was hat er nur die ganze Zeit getan? Wie lange sitzt er hier?

Schon fischt er in den Taschen, der Strom ist versiegt. Vergißt er denn sofort jede Lehre, die ihm das Schicksal gab? Siebzehn muß er setzen, siebzehn Spielmarken auf Siebzehn – so heißt das!

Siebzehn –!

Und das Prasseln der Marken!

Und der Rausch kommt zurück, die Seligkeit des Fliegens, Weltenferne und Sonne! Er sitzt da, den Kopf leicht vorgeneigt, ein verlorenes Lächeln auf den Lippen. Er kann setzen wie er will, jetzt strömt der Strom wieder. Und nun kommt es, wie er erwartet hat: die Spielmarken gehen zu Ende. Jetzt kommen schon die Scheine auf ihn zu, mehr und mehr. Sie knistern, mattfarbig sehen sie ihn an –: lächerliche Papiermark, wertvolle Pfunde, köstliche Dollars, satte, dicke Gulden, nahrhafte Dänenkronen – Raub aus den Brieftaschen von fünfzig, sechzig Gästen! Alles strömt ihm zu!

Der Croupier sieht todesfinster aus, als sei er von einer Krankheit erfaßt, leide unsinnige, unerträgliche Schmerzen. Kaum kann er sich noch beherrschen, zweimal schon ist der Lockenwilli um neues Geld auf den Vorplatz gelaufen, die Tageskasse muß heran – bald geht es an deine Brieftasche, Croupier!

Der murmelt etwas von Schlußmachen, aber die Spieler widersprechen, sie drohen ... Sie spielen ja kaum noch, aber sie sehen dem Zweikampf zwischen Croupier und Pagel zu. Sie zittern um den jungen Menschen – wird das Glück ihm treu bleiben? Er ist einer der ihren, der geborene Spieler, alle ihre Verluste rächt er an dem alten, bösen Raubvogel, dem Croupier. Dieser junge Mensch liebt nicht das Geld, wie es der Croupier tut – er liebt das Spiel! Er ist kein Ausbeuter!

Und der junge Pagel sitzt da, immer lächelnder, immer ruhiger. Fortgerissen, flüstert der Rittmeister an seiner Schulter, Pagel bewegt nur verneinend lächelnd den Kopf.

Der Rittmeister schreit: Pagel, Mensch, machen Sie Schluß! Sie haben ja ein Vermögen!

Nein, der Rittmeister geniert sich nicht mehr zu schreien in diesem Raum, aber Pagel lächelt nur taub.

Er ist hier, und er ist sehr weit fort. Er möchte, daß dies immer weiterginge, zeitlos durch Ewigkeiten – darum leben wir! Die Welle des Glücks trägt uns, wir schwimmen befreit!

Unaussprechliche Wollust des Daseins – so muß ein Baum fühlen, der nach Tagen zerrenden, quälenden Saftanstiegs in einer Stunde alle seine Blüten entfaltet! Was ist noch der Croupier –?! Was ist Geld –?! Was ist selbst Spiel –?! Rolle weiter, kleine Kugel, rolle, rolle – habe ich gedacht, so schepperten die Knochen der Toten?

Trommeln und Trompeten! Rot? Natürlich Rot, und noch einmal Rot. Und wiederum Rot. Aber nun nehmen wir Schwarz – sonst schmeckt das Leben nicht, ohne ein wenig Schwarz dazwischen schmeckt das Leben nicht. Noch mehr Banknoten – wo soll ich sie denn alle lassen? Ich hätte einen Koffer mitbringen müssen – aber wer kann denn so etwas vorher wissen –?

Was will denn Studmann schon wieder? Was schreit er? Polizei –? Was soll Polizei – wozu braucht er Polizei? – Was rennen alle –? Halt, laßt die Kugel auslaufen – ich gewinne noch einmal, ich gewinne wieder, immer wieder! Ich bin der ewige Gewinner ...

Da sind schon die Polizisten! Nun stehen die Spieler alle so stumm, wie ihre eigenen Gespenster. Was will der komische Mann mit dem steifen Hut? Er sagt etwas zu mir. Alles Spielgeld ist beschlagnahmt, alles Geld? Aber natürlich ist alles Spielgeld – Geld zum Spielen, sonst hätte es ja keinen Sinn – zu was denn sonst?!

Wir sollen uns fertigmachen und mitkommen? Natürlich kommen wir mit; wenn doch nicht mehr gespielt wird, können wir ebensogut mitkommen. Warum streitet sich der Rittmeister mit dem Blauen? Das hat doch keinen Sinn! Wenn man nicht spielen kann, ist alles egal!

Kommen Sie, Herr Rittmeister, seien Sie friedlich. Sehen Sie, Studmann kommt auch mit, und er hat nicht einmal gespielt. Also los!

Wie sterbensbleich der Croupier aussieht! Ja, für ihn ist es schlimm. Er war im Verlust – ich aber, ich habe gewonnen wie nie in meinem Leben! Es war über die Maßen herrlich! Gute Nacht!

Endlich kann ich ruhig schlafen, ich habe erreicht, was ich ersehnt habe, meinethalben für immer schlafen. – Gute Nacht!

10

In einem kleinen Sitzungszimmer des Polizeipräsidiums Alexanderplatz brannte eine jämmerliche, funzlige Glühbirne. Sie warf ihren rötlichen Schein auf die verdrossen, hingelümmelten, betreten schweigenden, schlafenden oder eifrig schwatzenden Gestalten der im Spielklub Sistierten. Nur der Spielhalter und seine beiden Assistenten waren gesondert abgeführt worden – sonst hatte man sie alle, wie sie vom Transportauto der Polizei gestiegen waren, in dieses Zimmer getrieben, die Türen waren von außen abgeschlossen worden, um Bewachung zu ersparen – fertig! Nun wartet, bis ihr an die Reihe kommt!

Von Zeit zu Zeit, in langen Abständen, öffnete sich die Tür zu einem Nebenzimmer, ein übermüdet aussehender, gelblicher, faltiger Schreiber winkte dem zunächst Stehenden mit dem Finger – er verschwand und kam nicht wieder. Dann, nach endloser Zeit, wurde der nächste herangewinkt.

Es war Hochbetrieb auf dem Präsidium, es fehlte an Beamten, an Polizisten. Die Ermordung des Oberwachtmeisters Leo Gubalke hatte den Anlaß zu einer Reihe von Razzien gegeben, an Zielen für diese Razzien fehlte es leider nicht: Ringvereine waren ausgehoben worden; Hehlernester visitiert; Nachtklubs besucht; Nackttanzlokale durchgekämmt worden; Absteigequartiere, Stundenhotels hatte man überprüft; die Wartesäle der Bahnhöfe, die Obdachlosenasyle revidiert ...

Ununterbrochen hörte man vom Platz her das erregende, nervöse Trillern der Streifenwagen, die ausfuhren oder mit neuen Scharen von Sistierten heimkehrten. Man stopfte alle Zimmer, alle Säle voll – erschöpfte Sekretäre, halb schlafende Schreiber, grau aussehende Stenotypisten schoben immer neue Bogen in die Schreibmaschinen, falzten gelbliches Aktenpapier, vernahmen mit heiserer Stimme so leise, daß sie kaum noch zu verstehen waren.

Schlägerei
Unzucht
Widernatürliche Unzucht
Leichter Diebstahl
Taschendiebstahl
Einbruchdiebstahl
Leichenfledderei
Bettelei
Straßenraub
Verbotenes Führen von Waffen
Falschspiel
Verbotenes Glücksspiel
Hehlerei
Verbreitung von Falschgeld
Rauschmittelhandel
Kuppelei, leichte wie schwere
Erpressung
Zuhälterei

... eine endlose Liste, die ermüdende, tödliche Speisekarte von Verbrechen, Lastern, Vergehen, Übertretungen ... Die Beamten nickten fast ein hinter ihren Maschinen, über ihren Protokollen ... Dann plötzlich schrien sie los, bis ihnen die Stimme wieder völlig versagte ... Und eine ununterbrochen steigende Flut von Lügen, Ausreden, Verdrehungen, Bemäntelungen, Denunziationen ...

(Und in der Reichsdruckerei, in fünfzig, in hundert Hilfsdruckereien rauschten die Papiergeldpressen, bereiteten den neuen Tag vor, die neue Fülle Geld, großmütig ausgeschüttet in betörendem Überfluß auf ein verhungerndes, verlumpendes Volk, dem alles Ehrgefühl, jeder Anstand Tag um Tag mehr abhanden kamen ... )

Es ist zum Teufelholen! schrie der Rittmeister von Prackwitz, sprang auf und raste zum zehntenmal durch den Raum. Daß er dabei einem halben Dutzend anderer, sich ebenfalls peripatetisch Betätigender ausweichen mußte, verbesserte seine Stimmung keineswegs. Schnaufend blieb er vor seinem Oberleutnant stehen. Wie lange denkst du eigentlich, daß wir hier noch warten müssen –?! Bis die Herren geruhen, was?! Es ist unerhört, mich zu verhaften ...

Ruhe! Nur Ruhe! bat von Studmann. Übrigens glaube ich gar nicht, daß wir verhaftet sind.

Natürlich sind wir verhaftet! schrie der Rittmeister noch zorniger. Die Fenster sind vergittert und die Türen sind verschlossen – das nennst du nicht verhaftet –?! Lächerlich! Dann möchte ich mal wissen, wie bei dir eine Verhaftung ausschaut, ja, bitte –?!!

Ruhe, Prackwitz! bat von Studmann noch einmal. Deine Aufregung bessert nichts.

Ruhe, natürlich, Ruhe, sagte Prackwitz plötzlich verdrossen. Du hast gut reden – du hast keine Familie, du hast keinen Schwiegervater. Ich möchte mal sehen, wie ruhig du wärest, wenn du den Geheimen Ökonomierat Horst-Heinz von Teschow zum Schwiegervater hättest!

Er wird ja nichts erfahren, tröstete der Oberleutnant. Ich sage dir, wir brauchen uns nur auszuweisen, und schon läßt man uns gehen. Es erfolgt nichts.

Warum läßt man mich dann nicht?! Hier habe ich meine Papiere – hier habe ich sie in der Hand! Ich muß weg, mein Zug geht, ich habe einen Leutetransport! – Sie, hören Sie mal, Sie! Herr Sowieso! stürzte er sich auf den Schreiber, der gerade aus dem Nebenzimmer auftauchte. Ich verlange, daß ich auf der Stelle vorgelassen werde. Erst wird mir all mein Geld abgenommen ... Nachher, nachher, sagte der Schreiber gleichgültig. Beruhigen Sie sich erst ein bißchen. Kommen Sie jetzt mal! Und er winkte einem Dicken.

Ich soll mich erst beruhigen, sagte von Prackwitz aufgeregt zu Studmann. Das ist doch einfach lächerlich! Wie soll ich mich bei dieser Art Betrieb beruhigen können?!

Nein, wirklich, Prackwitz, sagte von Studmann ernsthaft. Nimm dich zusammen. Wenn du weiter so tobst, werden wir als die letzten drankommen. Und dann bitte ich dich noch um eins: schrei die Beamten nicht an ...

Warum soll ich die denn nicht anschreien –?! Kräftig werd ich die anhauchen! Mich hier seit Stunden festzuhalten –!

Seit einer halben Stunde.

Übrigens sind die das Anbrüllen gewöhnt. Das sind alles alte Unteroffiziere und Wachtmeister – das sieht man doch.

Aber du bist hier nicht als ihr Vorgesetzter, Prackwitz. Sie können nichts dafür, daß du beim Glücksspiel erwischt bist.

Nein, die nicht. Aber sieh dir bitte den Pagel an, diesen Lebejüngling! Sitzt da, als ginge ihn der ganze Dreck nichts an, schmökt und grinst wie so 'n Buddha. – Warum grinsen Sie denn so, Pagel –?

Ich denk gerade drüber nach, sagte Pagel lächelnd, wie verrückt heute alles gekommen ist. Seit einem Jahr strample ich nach einem bißchen Geld – heute kriege ich es, Massen und Massen, schwapp! wird's beschlagnahmt und weg ist es –!

Und darüber lachen Sie noch –? Na, Sie haben einen Geschmack für das Lächerliche, Pagel ...

Und dann noch eins, fuhr Pagel unbeirrt fort. Heute mittag wollte ich heiraten ...

Sehen Sie, Pagel, sagte der Rittmeister triumphierend und ist plötzlich glänzender Laune, das habe ich Ihnen doch gleich bei Lutter und Wegner angesehen, daß Sie Kummer wegen Weibergeschichten haben ...

Ja, sagte Pagel. Und heute abend hörte ich, daß meine Zukünftige wegen irgendwas verhaftet ist und daß man sie auf den Alex gebracht hat ... Und nun sitze ich auch hier ...

Wegen was denn verhaftet, fragt der Rittmeister neugierig, denn die Betrachtungen über Ereignisse interessieren ihn nicht so sehr wie die Ereignisse selbst.

Aber von Studmann schüttelt mit dem Kopf und Pagel schweigt.

Der Rittmeister besinnt sich: Verzeihen Sie, Pagel, das geht mich natürlich einen Dreck an. Aber wieso Sie gerade darum hier so vergnügt sitzen und grinsen, das versteh ich, offengestanden, nicht. Die Sache ist doch höchst traurig ...

Ja, sagt Pagel zustimmend. Das ist sie. Komisch ist sie. Sehr komisch. Wenn ich das Geld nur vierundzwanzig Stunden früher gewonnen hätte, wäre sie nicht verhaftet worden, und wir wären jetzt verheiratet. Wirklich sehr komisch ...

Ich würde nicht mehr darüber nachdenken, Pagel, schlägt von Studmann vor. Das ist ja nun alles Gott sei Dank ausgestanden und erledigt. In ein paar Stunden sitzen wir alle zusammen in der Bahn und fahren aufs Land ...

Pagel schweigt, und auch der Rittmeister schweigt diesmal.

Dann räuspert sich Prackwitz. Geben Sie mir 'ne Zigarette, Pagel, sagt er milde. Mir ist so trocken im Hals. Nee, geben Sie mir lieber keine – ich bin Ihnen schon soviel schuldig ...

Pagel faßt lachend in die Luft: das ist ja doch alles futsch ...

Doch der Rittmeister protestiert: Aber, Mensch, reden Sie doch nicht so was! Sie haben mir Geld geliehen! Wissen Sie überhaupt, wieviel Sie mir gegeben haben?

Ist ja egal, sagt Pagel. Von dem Geld soll ich doch nichts haben, das hat sich ja nun gezeigt.

Spielschulden sind Ehrenschulden, Herr Pagel! erklärt der Rittmeister streng. Ihr Geld bekommen Sie wieder, darauf verlassen Sie sich! Freilich, sofort wird's nicht gehen, erst müssen wir die Ernte drin haben und mit Dreschen anfangen ... Wie ist es, kommen Sie nun mit –?

Ach, nur so, um auf das Geld zu warten ... meint Pagel mißmutig. Ich möchte jetzt endlich was Richtiges anfangen. Mir ist ja so blöd, ganz leer ... wenn ich nur wüßte, was! Ja, wenn Sie richtige Arbeit für mich hätten, Herr Rittmeister –?

Natürlich habe ich Arbeit für Sie, Mensch, sagt der Rittmeister ganz aufgeregt. Sie ahnen ja nicht, wie ich mich nach ein paar verläßlichen Menschen gesehnt habe –! Futter rausgeben und Leute löhnen und Deputat verteilen und nachts ab und zu mal ein Kontrollgang durch die Felder – Sie können sich ja nicht vorstellen, was bei mir alles geklaut wird! Wenn man sich darauf verlassen könnte, auf ein paar Menschen, daß man nicht immerzu von einer Stelle zur andern läuft, weil man ewig denkt, jetzt wirst du da wieder betrogen ...

Und Wald und Felder, setzt von Studmann hoffnungsvoll hinzu. Bäume, Tiere – keine Halbwelt, keine Steinbaukästen mit runtergefallenen Fassaden, kein Kokain, kein Spielklub ...

Nein, das natürlich, sagt der Rittmeister eifrig, das müßten Sie mir in die Hand versprechen, Pagel, daß Sie nicht spielen, solange Sie bei mir sind. Das ist nämlich ganz unmöglich ... Er bricht ab und wird rot. Na ja, natürlich, sagt er dann ein wenig poltrig, es geht auch ohne Versprechen. Ich kann Ihnen ja wirklich keins abnehmen. Also ja –?

Ich komme jedenfalls morgen früh auf die Bahn und sage Ihnen Bescheid, meint Pagel zögernd. Acht Uhr, Schlesischer – so war es doch, nicht wahr –?

Prackwitz und Studmann sehen sich an. Wieder macht der Rittmeister eine ärgerliche, fast wütende Gebärde. Studmann aber fragt freundlich: Ist denn Ihre Frage an das Schicksal noch immer nicht beantwortet, Pagel? Und als Pagel schweigt: Denn das Spiel war doch Ihre Frage, nicht wahr, Pagel?

Ich habe aber gewonnen, sagt Pagel trotzig.

Und sitzen ohne alles auf dem Alex! lacht der Rittmeister spöttisch. Seien Sie ein Mann, Pagel! spricht er mahnend. Ich finde dieses Schwanken gräßlich. Reißen Sie sich zusammen, Mensch, arbeiten Sie was! Hören Sie auf mit der Spielerei!

Sie machen sich Sorgen um das Mädchen? fragt Herr von Studmann sanft.

Ein wenig, gibt Pagel zu. Es ist wirklich so seltsam, daß ich hier nun auch auf dem Alex sitze ...

Also tun Sie, was Sie nicht lassen können! ruft der Rittmeister zornig. Kniefällig werde ich Sie nicht bitten, nach Neulohe zu kommen!

Jedenfalls sehen wir uns um acht auf dem Bahnhof! nickt von Studmann eilig, denn Geschrei ist laut geworden, ein Geschimpfe, es wird gerufen. Durch die offene Tür des Verhandlungszimmers kommt ein untersetzter Mann, rennt an Türen, Fenster, faßt zu, guckt nach, schüttelt den Kopf, schreit: Bande! Mausehaken! Freche Gesellschaft, die Polizei beklauen ...!

Er hämmert gegen die Tür: Wachtmeister, aufschließen! Hallo, Tiede, passen Sie auf, daß keiner ausreißt –!

Trubel, Geschrei, Gelächter.

Von außen kommen Blaue herein, die Tür ist geöffnet. Der dicke Kriminalkommissar stürmt auf und ab: Alle in Reihen stellen! Abtasten! Bist du ruhig, mein Junge! Auch unter den Tischen und Bänken nachsehen –!

Es stellt sich heraus, daß einer oder ein paar Sistierte die Wartezeit auf dem Polizeipräsidium nicht nutzbringender zu verwenden wußten, als die bronzenen Tür- und Fensterbeschläge abzuschrauben. Keine Klinken, keine Fensterdrücker, keine Schloßbeschläge mehr. Das geplünderte Polizeipräsidium – es grinst, es lacht. Selbst die Blauen lachen, jetzt fängt auch der Kommissar an zu schmunzeln ...

So eine Frechheit – hat man so was schon gehört! Und natürlich ist der Kerl schon weg, oder die Kerle, denn es müssen ein paar gewesen sein, einer kann das gar nicht verstecken. – Haben bei mir im Vernehmungszimmer gestanden und ich merke nichts –! Na, wenn ich euch erwische! Ich muß doch gleich mal die Personalien nachsehen ...

Einen Augenblick, Herr Kommissar, ruft Studmann.

Sehr ungnädig: Was wollen Sie denn –?! Sie hören doch, ich habe jetzt keine Zeit! Erkennend: Ach, Sie sind das, Mensch! Verzeihung, Herr Oberleutnant von Studmann! – Das Licht ist so schlecht! Was machen Sie denn in unserm Laden, alter Baltikumer, Eiserne Division?! – Na, denn kommen Sie mal mit, natürlich kommen Sie gleich dran. Nur ein paar Formalitäten, ein Strafmandat werden Sie wohl kriegen. Na, darüber lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen, das bezahlt die Entwertung von selber. – Das sind Ihre Freunde –? Sehr angenehm, Herr Rittmeister. Sehr angenehm, Fahnenjunker. Gestatten Sie, Kommissar Künnecke, früher etatsmäßiger Wachtmeister bei den Rathenower Husaren. – Ja, so trifft man sich wieder – elende Zeiten, wie? Und Sie sind also der junge Mann, der den ungeheuren Rebbach gemacht hat –? Unglaublich! Und gerade da muß die böse Polizei dazwischentrillern! Ja, das Geld ist flöten, das geben wir nicht wieder raus, was wir haben, das behalten wir auch, hähä! – Aber seien Sie bloß froh, so 'n Geld hat noch keinem Glück gebracht – danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie's los sind! – Nee, die Türklinken, nein, so was – was sagen Sie, Tiede –? Die werden uns morgen schön durch den Kakao holen, die Kollegen! Ich muß noch immer lachen. War gute Bronze – da kriegen die 'nen Sack Geld beim Althändler! – So, und nun mal die Personalien. Herr von Studmann – Beruf?

Empfangschef ...

Sie –?!! O Gott, o Gott, o Gott –! Wo sind wir hingekommen –? Empfangschef! Sie – Empfangschef! Entschuldigen Sie, Herr Oberleutnant ...

Bitte, bitte – ich bin dazu auch noch Empfangschef a. D., jetzt landwirtschaftlicher Lehrling ...

Landwirtschaftlicher Lehrling, das ist besser. Das ist sogar sehr gut. Land ist heute das einzig Richtige. Wann geboren –?

11

Vor einer mit Stahlblech beschlagenen Tür steht ein Tisch, ein gewöhnlicher, fichtener Tisch. Auf dem Tisch liegt ein Stullenpaket neben einer Thermosflasche, an dem Tisch sitzt ein alter Mann in Polizeiuniform und liest durch einen Klemmer bei sehr schwachem Deckenlicht in einer Zeitung. Als der Mann einen langsamen Schritt den Gang entlang kommen hört, läßt er die Zeitung sinken und sieht über den Klemmer weg dem Ankömmling entgegen.

Der junge Mann kommt langsam näher. Erst sieht es aus, als wolle er an Tür und Tisch vorübergehen, dann aber bleibt er doch stehen. Entschuldigen Sie, sagt er, geht es hier in das Polizeigefängnis?

Das geht es, sagt der Beamte, faltet seine Zeitung sorgsam zusammen und legt sie auf den Tisch. Als der junge Mann aber unentschlossen zaudert, setzt er hinzu: Es ist aber nur eine Tür für den Dienstgebrauch.

Der junge Mann zögert immer noch, der alte fragt: Nun, was haben Sie denn auf dem Herzen? Wollen Sie sich stellen?

Wieso stellen? fragt Pagel zurück.

Ja – sagt der Alte gedehnt. Es geht jetzt auf vier – um die Stunde kommt manchmal einer, dem es keine Ruhe läßt, weil er was ausgefressen hat, und stellt sich. Aber da müssen Sie auf die Bereitschaft gehen. Ich bin nur Außenwache.

Nein, sagt Pagel langsam. Ich habe nichts ausgefressen. Wieder schweigt er. Dann unter dem ruhigen Blick des Alten: Ich möchte nur gerne meine Freundin sprechen. Die ist nämlich da drinnen. Und er deutet mit dem Kopf auf die Tür.

Jetzt?! ruft der Alte fast entrüstet. Nachts zwischen drei und vier?!

Ja, sagt Pagel.

Dann haben Sie doch wohl was ausgefressen, daß es Ihnen keine Ruhe läßt –?

Pagel schweigt.

Daraus kann nichts werden. Jetzt gibt es keine Besuche. Und überhaupt –

Geht es denn gar nicht? fragt Pagel nach einer Weile.

Ausgeschlossen! sagt der andere. Er überlegt, er sieht den Jungen an. Schließlich sagt er: Und das wissen Sie auch ganz gut. Sie stehen hier nur so, weil es Ihnen keine Ruhe läßt ...

Ich bin ganz zufällig hier auf dem Präsidium. Ich bin nicht extra hergekommen.

Aber zu dieser Tür sind Sie doch extra gekommen? Die haben Sie doch nicht leicht gefunden, jetzt in der Nacht?

Nein, antwortet Pagel.

Da sehen Sie es, sagt der alte Mann. Es ist mit Ihnen genau wie mit denen, die sich stellen kommen. Die sagen auch alle, sie kommen nicht wegen des schlechten Gewissens – schlechtes Gewissen, so was gibt es heute doch nicht mehr. Aber warum kommen sie denn nachts um zwei, drei?! Das ist eine besondere Zeit, da ist der Mensch allein mit sich, da hat er plötzlich ganz andere Gedanken als am Tage. Und da kommen sie denn.

Ich weiß nicht, sagt Pagel trübe. Er weiß wirklich nichts. Er möchte nur nicht abreisen, ohne sie wenigstens gefragt zu haben, ob es denn wirklich wahr ist. Manchmal sagt er sich, der Beamte muß ihm die Unwahrheit gesagt haben, es ist unmöglich, er kennt doch Petra! Und dann sagt er sich wieder, daß ein Beamter ihm nichts Unrichtiges sagt, daß er gar kein Interesse hat, ihm etwas Unrichtiges zu sagen, daß es wahr sein muß. Ach, das Spiel ist vorbei, der Rausch ist verflogen, Sieg wurde zur Niederlage – wie allein ist er jetzt! Peter, Peter – es war doch jemand neben ihm, etwas Lebendiges, das an ihm hing –, soll denn alles verloren sein?

Ich will morgen früh abreisen, sagt er bittend. Geht es denn gar nicht zu machen heut nacht? Es braucht ja keiner etwas zu merken.

Was denken Sie?! ruft der Alte. Drinnen sind doch auch Nachtwachen. Nein, es ist ganz unmöglich. Er denkt einen Augenblick nach, sieht Pagel prüfend an und sagt dann wieder: Und überhaupt ...

Was heißt das: und überhaupt –? fragt Pagel ein wenig ärgerlich.

Und überhaupt gibt es bei uns eigentlich keine Besuchserlaubnis, erklärt der Beamte.

Und uneigentlich –?

Uneigentlich auch nicht.

So, sagt Pagel.

Wir sind doch hier Polizeigefängnis, sagt der Alte in einem Bedürfnis, die Sachlage zu erklären. Im Untersuchungsgefängnis kann der Untersuchungsrichter Besuchserlaubnis geben, aber hier bei uns gibt es das nicht. Bei uns bleiben die meisten ja nur ein paar Tage.

Ein paar Tage ... wiederholt Pagel.

Ja. Vielleicht erkundigen Sie sich nächste Woche mal in Moabit.

Das ist ganz sicher, daß ich morgen früh hier nicht zu ihr kann? Da werden keine Ausnahmen gemacht?

Bestimmt nicht. Aber wenn Sie natürlich irgend etwas wissen, daß ihre Freundin unschuldig sitzt, und sagen das morgen dem Kommissar, dann kommt sie raus, das ist klar.

Pagel schweigt nachdenkend.

Aber so sehen Sie ja auch nicht aus, als ob Sie so 'ne Botschaft hätten, nicht wahr? Mit so einer Botschaft stellt man sich ja nicht in der Nacht hierher zu mir. Sie möchten mit Ihrer Freundin nur so sprechen, nicht wahr privat?

Ich wollte sie etwas fragen, sagt Pagel.

Aber dann schreiben Sie ihr doch einen Brief, sagt der alte Mann begütigend. Wenn in dem Brief nichts von der Sache steht, wegen der sie hier ist, dann wird er ihr ausgehändigt, und dann darf sie Ihnen auch antworten.

Aber ich will sie ja grade wegen der Sache was fragen!

Ja, junger Mann, da müssen Sie sich schon gedulden. Wenn Sie sich wegen der Sache erkundigen wollen, das dürfen Sie auch im Untersuchungsgefängnis nicht. Bis die Sache nicht abgeurteilt ist, darf mit ihr nicht darüber geredet werden.

Und wie lange kann das dauern? fragt Pagel verzweifelt.

Ja, das kommt doch ganz auf die Sache an. Hat sie denn gestanden?

Das ist es ja eben. Sie hat es gestanden, aber ich glaube es ihr nicht. Sie hat was gestanden, was sie gar nicht getan hat.

Der Alte greift sehr ärgerlich nach seiner Zeitung. Jetzt gehen Sie man schlafen, sagt er. Wenn Sie eine Geständige dazu überreden wollen, ihr Geständnis zurückzuziehen, da können Sie noch ziemlich lange auf Besuchserlaubnis warten. Und schreiben dürfen Sie ihr dann auch nicht, das heißt, sie bekommt Ihre Briefe nicht. Das ist ja noch schöner! Und ich soll mich dazu hergeben, Ihnen hier heimlich einen Besuch zu verschaffen. Nein, nun gehen Sie man nach Haus. Jetzt habe ich genug davon.

Pagel steht wieder zögernd. Dann sagt er bittend: Aber das gibt es doch, das kommt doch vor, daß jemand etwas gesteht, was er gar nicht getan hat. Das habe ich schon oft gelesen.

So, haben Sie das gelesen? fragt der Alte fast giftig. Dann will ich Ihnen sagen, junger Mann, daß jemand, der was Falsches gesteht, immer was viel Schlimmeres ausgefressen hat. Jawohl, einer gesteht einen Einbruch, weil er zur selben Stunde einen Mord begangen hat. So ist das. Und wenn Ihre Freundin gestanden hat, so wird sie auch wohl wissen, warum. Da würde ich mich sehr hüten, ihr dreinzureden. Sonst fällt sie noch viel schlimmer rein! Sehr zornig schielt der Alte, jetzt schon wieder durch den Kneifer, auf Pagel. Der aber steht wie vom Donner gerührt. Die Worte des Alten, die ganz anders gemeint sind, haben ein neues Licht auf Peters Geständnis geworfen. Jawohl, jawohl, etwas gestanden, um etwas Schlimmeres zu vermeiden, Krankheit und Straße gestanden, um Wolfgang zu vermeiden. Gefängnis besser als Gemeinschaft. Vorbei, vorbei! Glauben verloren, Vertrauen endgültig verloren – fort von ihm, fort aus der Welt, hinaus aus dem Unerträglichen in das zu Ertragende! Ein hoher Gewinn wiederum verloren. Blank, alle ...

Ich danke Ihnen auch, sagt Pagel sehr höflich. Sie haben mir wirklich einen guten Rat gegeben.

Und langsam geht er den Gang hinunter, von der Pforte fort, verfolgt von den mißtrauischen Blicken des Alten.

Es ist grade die rechte Zeit, seine Sachen aus der Tannenstraße abzuholen. Um diese Stunde erwartet ihn die Mutter bestimmt nicht. Um diese Zeit schläft sie fest. Auf dem Alexanderplatz findet er bestimmt eine Taxe. Gottlob, daß Studmann mit Geld ausgeholfen hat, Studmann, der Nichtspieler, der einzige Kapitalist, Studmann, der Hilfreiche, Studmann, die Vorsehung der verregneten Hühner, die Hilfskasse der Abgebrannten. – Übrigens im Ernst, der Umgang mit Studmann muß wohltuend sein, beinahe ist es so, als könne man sich auf Neulohe und Studmann freuen.

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