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Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
projectid52b4be83
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Fünftes Kapitel.
Das Gewitter bricht los

1

Der Oberwachtmeister der Schutzpolizei Leo Gubalke war erst gegen drei Uhr aus seinem Schrebergarten dicht beim Betriebsbahnhof Rummelsburg in die Wohnung Georgenkirchstraße zurückgekommen. Er hatte ausreichend Zeit, sich gründlich zu waschen und sich umzuziehen für den Dienst. Aber er hatte keine Zeit mehr, noch ein Schläfchen zu tun, wie er eigentlich gewollt hatte. Denn sein recht anstrengender Dienst ging von vier Uhr nachmittags bis morgens zwei Uhr, und es war immer gut, wenn man sich vorher ein wenig auf das Ohr legte. Es kam dem Dienst, und vor allem den Nerven im Dienst zugute.

Oberwachtmeister Leo Gubalke ist ganz allein in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Frau ist schon seit dem Morgen im Schrebergarten (Kolonie Nordpol), die beiden Gören sind von der Schule direkt dorthin gefahren. Der Polizist hat sich die große Zinkwanne, die von seiner Frau sonst für die Wäsche benutzt wird, in die Küche geholt und schrubbt sich langsam und sorgfältig von oben her ab.

Es ist ein alter Streit zwischen ihm und seiner Frau, wie man sich am besten ganz wäscht. Er tut es von oben her: Kopf, Hals, Schultern, Brust und so weiter, bis er unten bei den Füßen ist. Das ist wirklich ordentlich und sauber, denn nichts bereits Gesäubertes wird durch das Waschen des nächsten Körperteils wieder berührt. Außerdem ist es sparsam, denn das reichlich von oben rinnende, mit Seife versetzte Wasser weicht die später zu reinigenden Körperteile schon ein.

Frau Gubalke will das nicht einsehen, oder, falls sie es doch eingesehen hat, tut sie es nicht. Sie wäscht sich ganz systemlos, jetzt den Rücken, dann die Füße, jetzt die Brust, nun die Schenkel. Oberwachtmeister Leo Gubalke, der dienstlich fast alle Tage mit aufgeregten Frauen zu tun hat, ist fest davon überzeugt, daß auch Frauen Verstand haben können. Aber jedenfalls eine ganz andere Art Verstand als die Männer, und es ist völlig unnütz, sie von etwas überzeugen zu wollen, von dem sie nicht überzeugt sein mögen.

Frau Gubalke ist eine fabelhaft ordentliche Frau, die Küche blitzt nur so, und Gubalke weiß, daß in jeder sorgfältig zugeschobenen Lade, hinter jeder zuverlässig abgeschlossenen Schranktür jedes Stück in Ordnung liegt, aber System in ihre Körperpflege ist nicht zu bekommen. So etwas ist nun einmal bei Frauen so, und wenn es so ist, soll man es auch nicht zu ändern versuchen, sie werden sonst leicht böse. Aber immerhin hatte der Vater den Triumph, daß die beiden Kinder, zwei Mädchen, sich nach seiner Methode wuschen.

Oberwachtmeister Gubalke ist ein Mann Anfang der Vierzig, rotblond, schon ein bißchen fett, ein sehr ordentlicher Mann, nicht ohne Wohlwollen, wenn es nur irgend damit ging. Eine sonderliche Begeisterung empfand er nicht mehr für seinen Beruf, obwohl der eigentlich seiner Neigung zur Ordnung entsprach. Ob er Chauffeuren vorschriftswidriges Fahren verwies, ob er einen randalierenden Betrunkenen auf die Wache brachte oder ob er eine Prostituierte aus der verbotenen Königstraße wies – er hielt die Stadt Berlin in Ordnung, er sorgte dafür, daß alles auf der Straße seine Richtigkeit hatte. Natürlich konnte öffentliche Ordnung nie den Rang privater Ordnung wie etwa in seiner Wohnung erreichen. Vielleicht war es dies, was ihm die Freude an seinem Beruf vergällte.

Lieber hätte er in der Schreibstube gesessen, Register geführt, Karteien in Ordnung gehalten. Dort war mit Papier, Feder und womöglich noch mit einer Schreibmaschine etwas zu erreichen, das seinem Idealbild von der Welt am nächsten entsprach. Aber seine Vorgesetzten wollten ihn nicht von der Straße wegnehmen. Dieser ruhige, besonnene, vielleicht eine Spur langsame Mann war, zumal in dieser schwierigen, wirren Zeit, kaum zu ersetzen.

Während sich Leo Gubalke sein etwas rosiges Fett schrubbt, daß es rot wird, überlegt er wieder einmal, wie er der Sache einen Dreh geben soll, den sie nun einmal scheinbar haben muß, damit sein so oft geäußerter Wunsch auf Versetzung in den Innendienst erfüllt wird. Um diese Versetzung zu erreichen, auch wenn die Vorgesetzten es nicht wollen, gibt es mancherlei Mittel. Zum Beispiel Feigheit – aber Feigheit kommt natürlich nicht in Frage. Oder Aufgeregtheit, die Nerven verlieren – aber Oberwachtmeister Gubalke kann natürlich nicht die Nerven vor allen Leuten auf der Straße verlieren. Man könnte auch zu schneidig werden, jeden Dreck anzeigen, alles auf die Wache schleppen – aber das wäre wieder unkollegial. Oder man müßte einen Fehler begehen, einen groben, dicken Fehler, der die Polizei kompromittiert und über den sich manche Zeitungen so freuen – das würde ihn auf der Straße bestimmt unmöglich machen –, dafür aber ist ihm diese Uniform, ist ihm der Begriff ›Polizei‹, zu der er nun schon so lange gehört, zu lieb.

Der Oberwachtmeister seufzt. Betrachtet man den Fall näher, ist es wirklich erstaunlich, wie sehr die Welt für einen Mann, der auf Ordnung sieht, verstellt ist. Hundert Dinge, die ein weniger Gewissenhafter alltäglich tut, sind für ihn unmöglich. Auf der andern Seite hat man dafür ständig das Gefühl, ohne das man nicht leben möchte, daß man nicht nur die Welt in Ordnung hält, nein, daß man auch mit ihr in Ordnung ist.

Gubalke wischt die Zinkwanne sorgfältig aus, bis auch der letzte Wassertropfen aufgesogen ist, und hängt sie dann auf ihren Haken im Klo. In der Küche wird noch einmal der Boden nachgewischt, obwohl die wenigen Spritzer ohnedies in der beängstigenden Schwüle trocknen würden. Nun wird noch umgeschnallt und zum Schluß der Tschako aufgesetzt. Wie immer versucht Leo Gubalke es zuerst vor dem kaum mehr als handgroßen Küchenspiegel, wie immer stellt er fest, daß man hier nicht genau sehen kann, ob der Tschako vorschriftsmäßig sitzt. Also auf den dunklen Flur vor den großen Spiegel. Es ist ärgerlich, das elektrische Licht für einen so kurzen Augenblick einschalten zu müssen (der Stromverbrauch soll im Augenblick des Einschaltens am höchsten sein), aber es hilft nichts.

Nun ist alles fertig, zwanzig Minuten vor vier – eine Minute vor vier wird Oberwachtmeister Leo Gubalke auf dem Revier sein. Er steigt die Treppe hinab, einen weißen Handschuh hat er angezogen, den andern hält er lose in der Hand – so nähert er sich dem Torweg und dem Mädchen Petra Ledig.

Das Mädchen lehnt wieder mit geschlossenen Augen an der Wand. Als sie eben den Diener Ernst um Schrippen bat, als er fortging, sie zu holen, überfiel sie eine so lebhafte Vorstellung des jetzt ganz nahen Gebäcks ... Sie meinte, es zu riechen, es war plötzlich etwas von dem frischen, nahrhaften Geschmack in dem verbrauchten, filzigen Mund eingekehrt – sie mußte schlucken. Dann würgte es sie.

Es wurde wieder schwarz in ihrem Kopf, die Glieder gaben nach, als wäre gar kein Halt mehr in ihnen, die Knie waren weich, und ein ständiges Zittern und Schlagen saß in Armen und Schultern. Oh, komm doch! Bitte, komm doch! Aber sie weiß nicht, wen sie flüsternd, ganz allein in ihrer Hungerhölle herbeiwünscht – den Diener oder den Geliebten.

Der Oberwachtmeister der Schupo Leo Gubalke hat natürlich stehenbleiben müssen, er sieht sich dies erst einmal an. Er kennt das Mädchen vom Sehen, da sie im gleichen Haus mit ihm wohnt, wenn auch hinten. Etwas Ungünstiges über sie ist ihm von Dienst wegen nicht bekannt. Immerhin wohnt sie bei einer Frau, die gelegentlich auch Prostituierte beherbergt, und lebt, ohne verheiratet zu sein, mit einem jungen Mann, der anscheinend nur spielt. Berufsmäßiger Spieler – wenn man etwas auf die Klatschereien der Frauen geben kann. Alles in allem liegt also weder zu besonderer Strenge noch zur Milde irgendein Grund vor – der Beamte beobachtet und überlegt.

Selbstverständlich hat sie zuviel getrunken – aber sie ist nahe bei ihrer Wohnung und wird die Treppen schon hinaufkommen. Außerdem beginnt sein Dienst erst um vier Uhr. Er braucht nichts gesehen zu haben, was um so eher geht, da dies nicht sein Bezirk ist und da sie ihn noch nicht bemerkt hat. Gubalke will schon fortgehen, da wirft ein neuer, heftiger Würgeanfall ihren Oberkörper nach vorn, Gubalke sieht direkt in den Mantelausschnitt hinein – und sieht fort.

Dies geht nun doch nicht. Dies kann er nicht übersehen, ein ganzes, säuberliches, ordentliches Leben steht dagegen auf. Der Oberwachtmeister geht auf das Mädchen zu, tippt die mit geschlossenen Augen Würgende mit dem behandschuhten Finger auf die Schulter und sagt: Na – Fräulein?!

Sein Beruf, der den Polizisten skeptisch gegen alle Mitmenschen macht, läßt auch das Vertrauen auf die eigenen Wahrnehmungen nicht intakt. Bis hierher hatte der Oberwachtmeister Leo Gubalke geglaubt, das Mädchen sei völlig betrunken, und ihr Anzug oder richtiger Auszug konnte diesen Glauben nur bestätigen. Kein Mädchen, das nur ein bißchen auf Ordnung an sich und um sich hielt, ging so auf die Straße.

Aber dieser Blick, der ihn aus den Augen des Mädchens traf, als er ihr die Hand auf die Schulter legte, dieser flammende und doch klare Blick, gequälte Kreatur, doch mißachtend ihre Qual – dieser Blick zerstreute jeden Gedanken an Alkohol. In einem ganz andern Ton fragte er: Sind Sie krank?

Sie lehnte an der Wand. Undeutlich nur waren ihr die Uniform, der Tschako, das rosige, volle Gesicht mit dem rötlichblonden, strubbligen Bart vor Augen. Undeutlich war ihr, wer sie fragte, wem sie antworten sollte, was sie zur Antwort sagen sollte. Doch versteht vielleicht keiner so gut wie ein ordentlicher Mensch, der alle Tage mit aller Unordnung der Welt zu kämpfen hat, welchen Umfang diese Unordnung annehmen kann. Aus wenigen Fragen, mühsamen Antworten hatte sich Oberwachtmeister Gubalke rasch ein Bild des Sachverhalts aufgebaut, er wußte auch schon, daß nur auf ein paar Schrippen gewartet werden sollte, daß das Mädchen dann vorhatte, um die Ecke zum ›Onkel‹ zu gehen, der ihr bestimmt mit einem Kleid aushelfen würde, daß dann irgendwelche Freunde oder Verwandte des Mannes aufgesucht werden sollten (das Fahrgeld hatte sie in der Hand) – kurz, daß das Ärgernis aller Voraussicht nach in wenigen Minuten beseitigt sein würde.

All dies erfuhr der Oberwachtmeister, wußte es nun, und schon war er im Begriff zu sagen: ›Also gut, Fräulein, dies eine Mal will ich es Ihnen noch durchlassen‹, und zu Wache und Dienst zu gehen, als ihn peinlich der Gedanke anfiel, wann er denn eigentlich auf der Wache eintreffen würde –? Ein Blick auf seine Armbanduhr belehrte ihn, daß es drei Minuten vor vier Uhr war. Vor vier Uhr fünfzehn würde er unter keinen Umständen auf der Wache sein können. Fünfzehn Minuten Dienst versäumt – und mit welcher Entschuldigung –?! Daß er mit einem recht unsittlich bekleideten Frauenzimmer diese Viertelstunde verplaudert hatte, ohne zu einer Diensthandlung zu schreiten! Unmöglich – jeder würde denken: ›Der Gubalke hat einfach verpennt!‹

Unmöglich, Fräulein, sagte er dienstlich. Ich kann Sie unmöglich so auf die Straße lassen. Erst einmal müssen Sie mit mir mitkommen.

Sanft und doch fest legte er ihr die behandschuhte Hand auf den Oberarm, sie sanft, aber doch fest haltend ging er mit ihr auf die Straße, auf die er sie unmöglich lassen konnte. (Ordnung bringt oft so Widersinniges mit sich.)

Ihnen passiert gar nichts, Fräulein, sagte er tröstend. Sie haben ja nichts ausgefressen. Aber ließe ich Sie so auf die Straße, könnte es Erregung öffentlichen Ärgernisses und Schlimmeres werden, und dann hätten Sie was ausgefressen.

Das Mädchen geht willig neben ihm her. Der Mann, der sie so nicht ohne Sorgsamkeit führt, hat nichts an sich, was einen unruhig machen könnte, obwohl er eine Uniform trägt. Petra Ledig, die sich, gar nicht lange her, noch unsinnig vor jedem Polizisten geängstet hat, damals, als sie noch unerlaubt ein wenig auf die Straße ging, Petra merkt, daß Polizisten in der Nähe nichts Beängstigendes zu haben brauchen, sie haben sogar etwas Väterliches. Auf der Wache sind wir zwar nicht darauf eingerichtet, sagt er grade, aber ich werde schon sehen, daß Sie gleich was zu essen kriegen. Die auf der Meldeabteilung haben meist nicht so viel Hunger, da werde ich schon ein Butterbrot fassen. Er lacht. So ein fremdes Butterbrot, ein bißchen angetrocknet und in zerknittertem Stullenpapier, ist grade was Schönes. Wenn ich meinen Gören mal so was mitbringe, sind sie immer ganz wild darauf. Hasenbrot nennen sie das. Sagen Sie auch so dafür?

Ja, sagt Petra. Und wenn Herr Pagel mir mal ein Hasenbrot mitbrachte, habe ich mich auch immer gefreut.

Bei der Erwähnung des Herrn Pagel macht der Oberwachtmeister Leo Gubalke sein dienstlichstes Gesicht. Trotzdem Männer einander immer beistehen müssen, und zumal gegen die Weiber, ist er gar nicht einverstanden mit diesem jungen Herrn, der noch dazu ein Spieler sein soll. Dem jungen Mädchen wird er nichts davon sagen, aber er hat doch vor, sich die Lebensführung dieses Herrchens etwas näher anzusehen. Sehr anständig hat sich dieser Herr Pagel kaum benommen, und es ist nur gut, so ein Luftikus merkt mal, man sieht ihm auf die Finger.

Der Oberwachtmeister ist verstummt, er schreitet schneller aus. Das Mädchen geht willig mit, es ist nur gut, wenn sie rasch aus dieser Anglotzerei fortkommt. So entschwinden die beiden, gegen die Wache hin – und umsonst kommt der Diener Ernst mit seinen Schrippen, umsonst wird das Mädchen Minna der Frau Gesandtschaftsattaché Pagel sich nach ihr erkundigen, umsonst fährt in Dahlem der üppige Maybach los, in dem eine Dame mit einem blinden Kind sitzt.

Umsonst auch zerstreitet sich um diese Zeit Wolfgang Pagel endgültig mit seiner Mutter.

Petra Ledig ist fürs erste einmal aller zivilen Einwirkung entzogen.

2

Wolfgang Pagel ist Schritt für Schritt, ohne sonderliche Hast, aber auch ohne einmal anzuhalten, den weiten Weg von den Villen der Reichen in Dahlem über die durchwimmelten Straßen Schönebergs bis in den alten Berliner Westen gegangen. Er kam durch viele Straßen, in denen außer ihm kaum ein Mensch ging, durch leere, verlassene, wie von der Sonne kahlgebrannte Straßen. Und wieder ging er andere Wege, die vom Verkehr durchbraust waren, wimmelte mit den Wimmelnden, trieb ziellos zwischen den Zielstrebenden.

Über ihm hing der Dunst aus Schwüle und Atem der Stadt. Als Pagel zwischen den Baumalleen Dahlems ging, warf er noch einen klaren, scharfen Schatten. Je tiefer er sich aber in der Stadt verlor, um so mehr verblaßte der Schatten, grau verschmolz er mit dem Grau der Granitplatten auf dem Gehsteig. Nicht allein die Mitwimmelnden löschten ihn aus, nicht nur die immer steiler und enger über ihm ragenden Hauswände, nein, der Dunst wurde dichter, die Sonne blasser. Die Hitze, die sie ständig in die überhitzte Stadt schleuderte, löschte sie aus.

Noch war nichts von Wolken zu sehen. Vielleicht lauerten sie schon hinter den Häuserreihen, geduckt längs dem verborgenen Horizont, bereit, hochzusteigen, sich mit Feuer, Donner und strömender Nässe zu ergießen, vergeblicher Einbruch der Natur in eine künstliche Welt.

Wolfgang Pagel geht darum nicht schneller. Zuerst ist er ohne bestimmtes Ziel losgegangen, nur aus dem Gefühl heraus, daß er in jener Herrschaftsküche nicht mehr sitzen dürfe. Dann, als ihm plötzlich das Ziel seines Marsches klar war, ging er darum nicht schneller. Er ist immer ein gemächlicher Mensch gewesen, mit Wissen und Bewußtsein war er langsam, gerne machte er eine Handbewegung, ehe er auf eine Frage Bescheid gab: das schob die Antwort ein wenig hinaus.

Auch jetzt geht er langsam; es schiebt die Entscheidung ein wenig hinaus! In der Küche, beim Gespräch mit dem blinden Kind hatte er noch gemeint, die Sorge um Petra andern Menschen überlassen zu müssen. Er hatte nämlich gedacht, er könne Petra nicht helfen. Hilfe für ein Mädchen ohne Kleider, ohne Essen, mit Schulden konnte nur Geld heißen, er aber hatte kein Geld. Dann aber war ihm eingefallen, daß er doch Geld hatte, oder wenn auch nicht Geld, so doch etwas, das ebensoviel wert war wie Geld. Um es genau zu sagen, hatte von Zecke ihn auf den Gedanken gebracht: er besaß ein Bild. Dieses Bild, junge Frau am Fenster, gehörte unbestreitbar ihm. Er erinnerte sich wohl, wie seine Mutter, als er ins Feld ging, gesagt hatte: Dieses Bild gehört jetzt dir, Wolf. Denke im Felde immer daran: Vaters schönstes Bild wartet hier auf dich.

Er fand es nicht sehr schön, aber es würde seinen Marktpreis haben. Zecke würde er den Gefallen nicht tun, aber es gab Kunsthändler genug, die einen Pagel gerne nahmen. Wolfgang entschied sich für einen großen Kunsthändler in der Bellevuestraße. Dort würde man es bestimmt verschmähen, ihn zu übervorteilen, ein Pagel war auch ohne Übervorteilung ein Geschäft.

Es würde zahlenmäßig eine unerhört große Summe dafür geben, Hunderte von Millionen vermutlich (eine Milliarde?!), aber er würde nichts von dem Geld anrühren, nicht ein Schein sollte gewechselt werden! Sogar zu Fuß würde er in die Georgenkirchstraße gehen – ist man von Dahlem in die Stadt zu Fuß gegangen, kann dieses letzte Stückchen Weg auch nichts bedeuten. Nein, kein Schein wurde gewechselt – mit der ganzen ungeheuren Summe wird er die Wartende überwältigen!

Pagel geht dahin durch die glühende Stadt Berlin, ohne Eile und ohne anzuhalten. Er denkt seine Pläne viele Male durch, es gibt mancherlei dabei zu erwägen. Aber am besten gefällt ihm doch der Augenblick, wenn er ihr eine Unsumme, Scheine über Scheine, auf den Tisch legt, besser noch: auf die im Bett Liegende herabregnen läßt, daß sie ganz im Gelde verschwindet, in der Dreckhöhle mit Geld zugedeckt wird. Diesen Augenblick hat er oft geträumt. Früher hatte er gemeint, es würde der Spielgewinn sein. Nun wird es anderes Geld sein, aus dem Verkauf eines väterlichen Bildes. Erspieltes, den drei Raubvögeln gewissermaßen entrissenes Geld – das wäre freilich noch schöner gewesen. Nun, der Gedanke ist endgültig vorbei, ›daran‹ wird nicht mehr gedacht!

So geht er dahin, Wolfgang Pagel, Fahnenjunker a. D., Spieler a. D., Liebhaber a. D. Er hat wieder mal nichts getan, er geht nur, geht von hier nach dort, von dort nach hier. Vormittags ist er noch gefahren, auch da hatte er Pläne, aber erst diese jetzt sind die richtigen. Er hat die vorzüglichsten Absichten, er geht ohne Hast. Er ist behutsam, im Gleichgewicht mit sich, völlig zufrieden mit sich. Er wird ein Bild verkaufen, zu Geld machen, das Geld wird er dem Peter bringen – großartig! Nicht einen Augenblick kommt ihm der Gedanke, daß seinem Peter vielleicht gar nichts an dem Gelde liegen könnte. Er bringt ihr Geld, viel Geld, mehr Geld, als sie je in ihrem Leben besessen hat – kann man mehr für sein Mädchen tun?! Die Welt jagt, der Dollar steigt, das Mädchen hungert – er geht gemächlich, denn was er tun wird, ist so gut wie getan. Er hat keine Eile, es hat alles seine Zeit, wir sind noch immer zurechtgekommen!

Und nun biegt er in die Tannenstraße ein, die nur eine Sackgasse ist. Er geht die paar Schritte, schließt die Haustür auf und steigt die alte Treppe zur Wohnung der Mutter empor. Das alte Porzellanschild mit dem Gesandtschaftsattaché an der Tür, älter als er selbst, mit der abgeschlagenen Ecke, die er einmal, endlos lange her, mit seinem Schlittschuh abschlug. Der alte Geruch auf dem Flur mit seinen dunklen Truhen, eichenen Schränken, der alten, launischen Standuhr und den eiligen, großen Skizzen des Vaters hoch an den Wänden, die hell wie Wolken über der dunklen Welt zu schweben schienen.

Aber neu sind die beiden großen festlichen Asternsträuße auf dem altmodischen Spiegeltisch, und als Wolfgang sie ansieht, findet er einen Zettel der Mutter zwischen den beiden chinablauen Vasen. ›Guten Tag, Wolf!‹ liest er. ›Kaffee steht in Deinem Zimmer. Mach es Dir gemütlich, ich muß nur schnell noch einmal fort.‹

Einen Augenblick steht er unschlüssig vor diesem Gruß. Er weiß aus Minnas Berichten, daß die Mutter ihn jeden Tag, jede Stunde erwartet – aber dies ist ihm doch zu viel. Er hat sich dieses Warten anders gedacht, nicht so zielbewußt, mehr beiläufig. Ihm kommt der Gedanke, den Kaffee im eigenen Zimmer ungetrunken zu lassen, das Bild zu holen und zu gehen. Aber das mag er auch wieder nicht, wie ein Dieb in der Nacht – nein! Er zuckt die Achseln, der Blasse ihm gegenüber im grünlichen Spiegel tut es auch, und lächelt sich fast verlegen zu. Dann knüllt er den Zettel zusammen und steckt ihn in die Tasche. Nun errät die Mutter aus dem Fehlen des Zettels: er ist da – und sucht ihn. Je eher, je besser.

Er geht auf sein Zimmer.

Auch dort sind Blumen, diesmal Gladiolen. Er erinnert sich dunkel, einmal der Mutter gesagt zu haben, er möge Gladiolen gerne. Natürlich hat sie das behalten und ihm welche hingestellt, jetzt soll er sie abermals gerne mögen. Aber auch fühlen: wie liebt dich deine Mutter, daß sie an all dies denkt –!

Jawohl, darin war sie groß: sie rechnete in der Liebe: tue ich das, hat er so zu fühlen. Er dachte gar nicht daran, die Gladiolen waren nicht schön! Sie waren steif und künstlich mit ihren dünnen Farben – bepinseltes Wachs! Peter würde nie in der Liebe rechnen –!

›Warum denke ich nur plötzlich so gereizt an Mama?‹ überlegt er, während er sich den wirklich noch heißen Kaffee eingoß. (Sie mußte ihn eben erst hingestellt haben. Ein Wunder, daß sie sich auf Treppe oder Straße nicht begegnet waren!) ›Ich bin direkt wütend auf sie. Ob es das Haus ist, der alte Geruch, all die Erinnerungen –? Ich weiß ja erst richtig, seit ich mit Peter hause, wie sie mich immer gegängelt und bevormundet hat ... Alles, was sie wollte, war gut; jeder Freund, den ich mir aussuchte, taugte nichts. Und nun dieser aufdringliche Empfang ... Jawohl, ich habe es längst gesehen: dort auf dem Schreibtisch liegt schon wieder ein Zettel. Und über dem Stuhl hängt der frisch gebügelte Zivilanzug und die Wäsche. Ein seidenes Oberhemd, in das sie natürlich auch schon die Knöpfe gesteckt hat ...‹

Er macht sich seine dritte Schrippe zurecht, es schmeckt ausgezeichnet. Der Kaffee ist stark und milde zugleich, sein voller Geschmack erfüllt sanft die ganze Mundhöhle. Etwas anderes als das flaue und doch krätzige Gebräu der Pottmadamm. (Ob Peter jetzt auch Kaffee trinkt? Hat sie natürlich längst hinter sich! Vielleicht Nachmittagskaffee!)

Während Wolfgang Pagel sich behaglich auf die Chaiselongue streckt, versucht er zu erraten, was da auf dem Zettel stehen könnte. Natürlich irgend etwas wie: ›Den Schlips mußt Du Dir selbst aussuchen, sie hängen an der Innenseite der Schranktür.‹ Oder: ›Badewasser ist heiß.‹

Natürlich, so etwas wird daraufstehen, und wie er nun doch nachsieht, liest er, daß der Badeofen geheizt ist. Ärgerlich schiebt er den einen zerknüllten Zettel zum andern. Daß er die Mutter so gut erraten hat, freut ihn nicht, es macht ihn nur noch ärgerlicher.

›Natürlich‹, denkt er, ›kann ich sie so gut erraten, weil ich sie so gut kenne. Besitzergreifung. Bevormundung. Immer, wenn ich aus der Schule kam, mußte ich sofort die Hände waschen und einen frischen Kragen umbinden. Ich war ja mit den andern zusammen gewesen – wir aber waren anders, besser! Es ist eine glatte Frechheit gegen mich, aber vor allem gegen Peter, die sich die Mama da wieder mal ausgedacht hat! Diesmal genügt ihr Umziehen nicht, ich muß auch noch baden! Ich bin ja mit so einer zusammen gewesen, der Mama glatt eine Schelle gehauen hat! Frechheit – dies lasse ich mir aber nun doch nicht gefallen!‹

Er starrt wütend sein Jugendzimmer an mit dem gelbbirkenen Schreibtischchen, den birkenen Bücherregalen, vor denen halb ein dunkelgrüner, seidener Vorhang hängt. Das birkene Bett schimmert wie Silber und Gold. Licht, Freude – es stehen ja auch Bäume vor dem Fenster, alte Bäume. Alles ist so aufgeräumt, so sauber, so frisch – wenn man an die Thumannsche Höhle denkt, entdeckt man sofort, warum dies alles so adrett und parat gehalten wird. Der Herr Sohn soll vergleichen: so hast du es bei diesem Mädchen, hier aber sorgt für dich deine treu liebende Mutter! Glatte Frechheit und Herausforderung!

›Halt!‹ sagt er wieder und versucht, sich zu bremsen. ›Halt! Du läufst mit dir selber fort. Die Pferde gehen dir durch. Manches stimmt, Blumen und Zettel sind ekelhaft, aber das Zimmer hat nie anders ausgesehen. Warum bin ich also so wütend? Weil ich daran denken mußte, daß Mama den Peter geohrfeigt hat? I wo, so was muß man bei Mama nicht tragisch nehmen, und Peter hat es auch nicht einen Augenblick tragisch genommen. Es muß etwas anderes sein ...‹

Er tritt ans Fenster. Ferner stehen die Nachbarhäuser, man sieht hier den Himmel. Und wirklich, hoch am Horizont aufgehäuft liegen schwarze, geduckte Wolken. Das Licht ist fahl, kein Wind rührt sich, kein Blatt bewegt sich am Baum. Auf dem Mansardendach drüben sieht er ein paar Spatzen sitzen, die streitlustigen Gesellen hocken aufgeplustert, regungslos dort, auch sie schon geduckt unter der nahen Drohung des Himmels.

›Ich muß schnell sehen, daß ich weiterkomme‹, denkt er. ›Mit dem Bild unter dem Arm durch ein Gewitter zu laufen, wäre nicht angenehm ...‹

Und plötzlich weiß er es. Er sieht sich mit dem Bild, das in irgendein schon beschmutztes Packpapier geschlagen ist, durch die Straßen zu dem Kunsthändler laufen. Nicht einmal eine Taxe kann er sich leisten. Ein Millionen-, vielleicht ein Milliardenobjekt, aber unter den Arm geklemmt, wie ein Dieb! Heimlich, wie ein Säufer seiner Frau die Betten heimlich aus dem Hause trägt zum Onkel.

›Aber es ist mein Eigentum‹, wendet er sich ein. ›Ich brauche mich nicht zu schämen!‹

›Ich schäme mich doch‹, sagt er. ›Es ist nicht recht.‹

›Wieso ist es nicht recht? Sie hat es mir geschenkt!‹

›Du weißt genau, wie sehr sie an diesem Bild hängt. Darum hat sie es dir ja geschenkt, sie wollte dich noch fester an sich binden. Du wirst sie tödlich verletzen, nimmst du es ihr fort.‹

›Dann mußte sie es mir eben nicht schenken. Nun kann ich damit tun, was ich will.‹

›Es ist dir schon öfter schlecht gegangen. Du hast schon öfter an diesen Verkauf gedacht, und hast es doch nie getan.‹

›Weil es uns noch nie so schlecht ging. Jetzt ist es eben soweit.‹

›So, ist es das? Wie finden denn andere heraus, die so etwas nicht in Reserve haben?‹

Andere hätten es nicht so weit kommen lassen. Andere hätten nicht alles gleichgültig treiben lassen, bis es ganz schlecht ging. Andere hätten nicht als letzten Ausweg die Mutter verletzt, um der Geliebten Brot zu geben. Andere hätten nicht bedenkenlos gespielt – bedenkenlos, weil das Bild als Reserve da war. Andere hätten sich beizeiten nach Arbeit umgesehen und hätten Geld verdient. Andere wären nicht gleichgültig versetzen, pumpen und betteln gegangen. Andere hätten nicht von einem Mädchen nur genommen und genommen, ohne sich je Gedanken zu machen: was gibst du?

Der Himmel ist jetzt höher hinauf schwarz. Vielleicht wetterleuchtet es da hinten bereits, man sieht es nicht durch den Dunst. Vielleicht grummelt auch schon ferne der Donner, aber man hört ihn nicht. Es donnert, zischt und schreit noch lauter die Stadt.

›Du bist feige‹, sagt es. ›Arm bist du, vertrocknet mit dreiundzwanzig Jahren. Es war alles da für dich, Liebe und sanfte Sorge, du aber liefest davon. Gewiß, gewiß, du bist jung. Jugend ist ruhelos, Jugend fürchtet sich vor dem Glück, sie will das Glück gar nicht. Denn Glück heißt Ruhe, und Jugend ist ruhelos. Aber wohin bist du gelaufen? Bist du denn zu der Jugend gelaufen? Nein, grade dorthin, wo die Alten sitzen, die den Stachel des Fleisches nicht mehr spüren, die keinen Hunger mehr haben ... in die schwelende, trockene Sandwüste der künstlichen Leidenschaften liefest du – schwelend, trocken, künstlich – unjung!‹

›Feige bist du! Jetzt sollst du dich einmal entscheiden. Schon stehst du und zauderst. Du willst die Mutter nicht verletzen und doch dem Peter helfen. Ach, am liebsten wäre es dir, wenn dich die Mutter bitten würde, inständig, mit aufgehobenen Händen bitten würde, doch ja das Bild zu verkaufen. Aber sie wird das nicht tun, sie wird dir die Entscheidung nicht abnehmen, du selbst bist der Mann! Es gibt kein Mittelding, keinen Ausweg, keinen Kompromiß, kein Kneifen. Du hast es zu lange treiben lassen, nun entscheide – eine oder die andere!‹

Die Wolke steigt höher und höher. Wolfgang Pagel steht noch immer entschlußlos am Fenster. Er ist gut anzusehen, mit schmalen Hüften und breiten Schultern, eine Kämpferfigur. Aber er ist kein Kämpfer. Er hat ein offenes Gesicht, mit einer guten Stirn, einer kräftigen, graden Nase – aber er ist nicht offen, er ist nicht grade. In ihm kommen und gehen viele Gedanken, alle sind sie unangenehm, peinigend. Alle verlangen sie etwas von ihm, er ist böse, daß er solche Gedanken denken muß.

›Andere haben es besser‹, denkt er. ›Die tun, was ihnen paßt, und machen sich keine Gedanken. Bei mir ist alles schwierig. Ich muß es mir noch einmal überlegen. Gibt es denn keinen Ausweg – Mutter oder Peter?‹

Eine Weile hält er sich stand, er gibt sich Mühe, will dieses Mal der Verantwortung nicht ausweichen. Aber allmählich, wie er keinen Ausweg findet, wie alles immer wieder die Entscheidung von ihm fordert, wird er müde. Er brennt sich eine Zigarette an, er trinkt noch einen Schluck Kaffee. Er öffnet leise die Zimmertür und lauscht in die Wohnung. Es ist alles still, Mutter ist noch nicht zurück.

Er hat blondes, gekräuseltes Haar, sein Kinn ist nicht sehr stark – er ist weich, er ist schlaff. Er lächelt, er hat seinen Entschluß gefaßt. Wieder einmal ist er der Entscheidung ausgewichen. Er wird die Abwesenheit der Mutter benutzen und ohne Auseinandersetzung mit dem Bild gehen. Er lächelt, plötzlich ist er völlig zufrieden mit sich, die quälenden Gedanken sind fort.

Er geht schnurstracks über den Flur, auf Vaters Zimmer zu. Er hat keine Zeit zu verlieren, das Gewitter ist am Losbrechen, Mama kann jeden Augenblick zurückkommen.

Er öffnet die Tür zu seines Vaters Zimmer, und da, grade vor ihm, in dem großen Lehnstuhl, sitzt schwarz, steif, aufrecht die Mama –!

Guten Tag, Wolfgang! sagt sie. Ich freue mich!

3

Er freut sich gar nicht, im Gegenteil: er kommt sich wie ein erwischter Hausdieb vor.

Ich dachte, du machtest Besorgungen, Mama, sagt er verlegen und gibt ihr schlaff die Hand, die sie energisch und mit Bedeutung drückt.

Sie lächelt. Ich wollte dir Zeit lassen, dich wieder zu Haus zu fühlen, wollte dich nicht gleich überfallen. Nun, setze dich, Wolfgang, steh nicht so unentschlossen herum ... Du hast doch jetzt nichts vor, bist nicht auf Besuch hier, bist zu Hause ...

Gehorsam setzt er sich, sofort wieder Sohn, unter mütterlichem Befehl und Vormundschaft. Doch auf Besuch! Bloß auf einen Sprung, murmelt er wohl, aber das überhört sie, ob willentlich oder wirklich, wird er später erfahren.

Der Kaffee war noch heiß, ja? Gut. Ich hatte ihn eben gebrüht, als du kamst. Gebadet und umgezogen hast du dich noch nicht? Nun, das hat Zeit. Ich verstehe, du wolltest erst einmal unser Heim ansehen. Es ist eben doch deine Welt. Unsere, setzt sie abschwächend hinzu, denn sie beobachtet sein Gesicht.

Mama, fängt er an, denn diese Betonung der Welt hier, die Unterstellung, die Thumannsche Höhle sei Petras Welt, ärgern ihn. Mama, du irrst dich sehr ...

Aber sie unterbricht ihn. Wolfgang, sagt sie in einem andern, viel wärmeren Ton, Wolfgang, du brauchst mir nichts zu erzählen, gar nichts zu erklären. Vieles weiß ich, alles brauche ich nicht zu wissen. Um aber von Anfang an nichts unklar zu lassen, möchte ich dir für dieses eine Mal erklären, daß ich mich nicht ganz richtig gegen deine Freundin benommen habe. Ich bedaure vieles, was ich gesagt habe, mehr noch eines, was ich getan habe. Du verstehst mich. Genügt dir das, Wolfgang? Komm, gib mir deine Hand, Junge!

Wolfgang sieht seiner Mutter prüfend ins Gesicht. Er will es erst nicht glauben, aber es ist kein Zweifel, er kennt doch seine Mutter, kennt ihr Gesicht, sie meint es aufrichtig. Sie bedauert, sie bereut. Sie hat ihren Frieden mit ihm und Peter gemacht – sie ist also versöhnt, weiß der Himmel, wie das zustande gekommen ist. Vielleicht hat die Wartezeit sie weich gemacht.

Fast ist es nicht zu glauben. Er hält ihre Hand, er will nun auch nicht mehr Verstecken spielen, er sagt: Mama, das ist sehr nett von dir. Aber sicher weißt du noch nicht, wir wollten heute heiraten. Es ist nur ...

Sie unterbricht ihn schon wieder – welche Bereitschaft, welches Entgegenkommen, sie macht ihm alles leicht! Es ist gut, Wolfgang. Es ist ja nun alles erledigt. Ich freue mich so, daß du wieder hier sitzt ...

Ein Gefühl ungeheurer Erleichterung überkommt ihn. Eben noch stand er am Fenster seines Zimmers, von Zweifeln gequält, wen er verletzen sollte: Mutter oder Petra. Es schien keinen Ausweg zu geben, nur diese zwei Möglichkeiten. Und schon hatte sich alles gewandelt: die Mutter hatte ihren Fehler eingesehen, der Weg in dieses geordnete Heim stand ihnen beiden offen.

Er ist aufgestanden, er sieht auf den weißen, feinfädigen Scheitel der Mutter hinunter, ein Haar liegt wie das andere, sauber, klar. Plötzlich faßt ihn etwas wie Rührung. Er schluckt, er möchte etwas sagen, fast ruft er: Ich wollte, das Leben wäre ein bißchen anders! Nein, ich wollte, ich wäre anders, dann hätte ich es anders geführt!

Die alte Frau sitzt mit einem hölzernen, steifen Gesicht am Tisch. Sie sieht ihren Sohn nicht an, aber sie klopft scharf mit ihren Knöcheln auf den Tisch. Es klingt hölzern.

Ach, Wolfgang, sagt sie. Bitte, sei kein Kind. Wenn du zu Ostern sitzengeblieben warst, riefst du auch immer: Ich wollte ... Und wenn deine Lokomotive kaputt war, bereutest du es auch, hinterher, wie du mit ihr umgegangen warst. Aber das ist nutzlos, und du bist kein Kind mehr. Reue rückwärts hilft gar nichts – Junge, lerne doch endlich: es geht weiter, immer weiter. Vergangenes kann man nicht ändern, aber sich kann man ändern – für die Zukunft!

Ja, gewiß, Mama, sagt er brav. Ich wollte ja auch nur ...

Aber er spricht nicht weiter. Draußen hat es geschlossen, eilig, übereilig. Nun kommen schnelle Schritte über den Gang ...

Es ist bloß Minna, sagt die Mama erklärend zu ihm.

Die Tür geht ohne Anklopfen auf, sie fliegt auf, in ihr steht die ältliche Minna, gelblich, grau, trocken.

Danke schön, Minna, sagt Frau Pagel rasch, denn sie wünscht im Augenblick keinerlei Botschaft aus der Georgenkirchstraße; sie hat alles, was sie dort interessierte, jetzt hier. Danke schön, Minna, sagt sie darum möglichst streng. Machen Sie bitte sofort das Abendessen zurecht.

Aber Minna ist dieses Mal nicht der gehorsame Dienstbote, sie steht mit bösen, argwöhnischen Augen in der Tür, ihre gelbgrauen, faltigen Backen tragen rote Flecken. Sie beachtet die gnädige Frau gar nicht, böse starrt sie den sonst so geliebten jungen Herrn an.

Pfui! sagt sie dann atemlos. Pfui, Wolfgang, hier sitzt du also ...

Sind Sie rein verdreht, Minna?! ruft Frau Pagel empört, denn so etwas hat sie mit ihrer Minna in zwanzig Jahren Zusammensein doch noch nicht erlebt. Sie stören! Gehen Sie jetzt ...

Aber sie wird gar nicht gehört. Wolfgang hat sofort begriffen, daß ›dort‹ etwas geschehen ist, eine Ahnung überkommt ihn, er sieht Peter vor sich, wie sie zu ihm gesagt hatte: Mach's gut, Wolf, und er ging mit dem Handkoffer zum Onkel. Sie gab ihm noch einen Kuß ...

Er faßt Minna an den Schultern. Minna, warst du dort? Was ist los? Sag schnell ...

Du sagst kein Wort, Minna! ruft Frau Pagel. Oder du bist auf der Stelle entlassen!

Mich brauchen Sie nicht zu entlassen, gnädige Frau, sagt Minna, plötzlich äußerlich ganz ruhig. Ich geh auch so. Denken Sie, ich bleib hier, wo die Mutter den Sohn zu Schlechtigkeiten überredet, und der Sohn tut's. Ach, Wolfi, daß du das getan hast! Daß du so gemein sein konntest!

Minna, was fällt Ihnen denn ein?! Was erlauben Sie sich, Sie ...

Sagen Sie nur ruhig wieder Frauenzimmer oder Gans zu mir, ich bin's ja gewöhnt, gnädige Frau. Nur habe ich immer gedacht, Sie sagen's bloß aus Spaß. Aber jetzt weiß ich, Sie meinen's wirklich, daß wir was anderes sind, ich so eine aus der Küche und Sie eine feine Dame ...

Minna! ruft Wolfgang und schüttelt das alte, völlig außer Rand und Band geratene Mädchen kräftig. Minna, sag doch endlich, was ist mit Peter geschehen? Ist sie ...?

So? Kümmert's dich wirklich noch, Wolfi? Wo du ihr weggelaufen bist, grade am Trautag, und hast ihr alle Sachen vom Leibe weg verkauft, und sie hat nichts mehr gehabt als den alten, verschossenen Sommerpaletot – den vom gnädigen Herrn noch, gnädige Frau! –, kein Stück drunter, keine Strümpfe, nichts ... Und so hat sie die Polizei mitgenommen. Aber was das Schlimmste gewesen ist und was ich dir nie und nie verzeihe, Wolfi, völlig verhungert war sie! Immerzu hat sie gewürgt, und auf der Treppe ist sie fast hingeschlagen ...

Aber wieso denn die Polizei? schreit Wolfgang verzweifelt und schüttelt die Minna so stark er kann. Was hat denn die Polizei damit zu tun –?!

Weiß ich denn das?! schreit Minna dagegen und versucht, sich von dem jungen Herrn loszureißen, der sie unwillkürlich immer fester hält. Weiß ich denn, in was du sie reingerissen hast, Wolfi –?! Denn die Petra hat von sich aus bestimmt nichts Schlimmes getan, dafür kenne ich sie viel zu gut. Und die gemeine Person, die da noch mit auf der Etage wohnt, hat ja extra gesagt, der Petra geschieht es ganz recht, weil sie sich viel zu fein vorkommt, auf den Strich zu gehen. Der habe ich aber eine gelangt –! Die Minna steht einen Augenblick triumphierend da, aber gleich sagt sie wieder, sehr verdrossen: Gott segne sie, daß sie es nicht getan hat, trotzdem du und all ihr Mannskerle es sicher nicht um sie verdient habt.

Wolfgang läßt Minna so plötzlich los, daß sie fast fällt. Und sofort verstummt sie.

Mama, sagt er aufgeregt, Mama, ich habe wirklich keine Ahnung, was da passiert sein kann. Ich kann es mir auch gar nicht denken. Ich bin gegen Mittag fortgegangen, wollte etwas Geld beschaffen. Es ist richtig, daß ich Petras Sachen verkauft habe, wir hatten auch Schulden bei der Wirtin. Und vielleicht hat sie in letzter Zeit wirklich sehr wenig gegessen, ich muß gestehen, ich habe nicht recht darauf geachtet. Ich war viel weg – von dort. Was aber die Polizei mit all dem zu tun hat ...

Er hat immer leiser gesprochen. Es wäre viel leichter gewesen, Minna dies alles zu erzählen als der Mama, die so hölzern, so hart dasitzt, grade unter jenem bewußten Bild übrigens – nun vorbei, das ist erledigt, nicht mehr nötig.

Nun, was da auch mit der Polizei los ist, ich bringe das sofort in Ordnung. Es ist ganz sicher, Mama, daß nichts Wirkliches vorliegen kann – wir haben nichts getan, nein. Ich gehe sofort hin. Es muß ein Irrtum sein. Nur, Mama ...

Es wird immer schwerer, zu der dunklen Frau zu reden, die ganz unbewegt dasitzt, fern, fremd, völlig abweisend ... Nur, Mama, ist es leider so, daß ich im Augenblick ganz ohne Geld bin. Ich brauche etwas Fahrgeld, vielleicht muß ich auch die Schulden bei der Wirtin sofort bezahlen; eine Kaution, was weiß ich, Sachen für Petra, Essen ...

Er starrt eindringlich seine Mutter an. Er hat es so eilig, sie muß doch frei werden, er muß doch fort – warum geht sie nicht schon an ihren Schreibschrank und holt das Geld?

Du bist jetzt aufgeregt, Wolfgang, sagt Frau Pagel, aber darum wollen wir doch nicht planlos handeln. Ich bin mit dir vollkommen einig, daß sofort etwas für das Mädchen geschehen muß. Aber ich glaube nicht, daß du, zumal in deinem jetzigen Zustand, der geeignete Mann dafür bist. Vielleicht gibt es langwierige Auseinandersetzungen mit der Polizei – du bist etwas unbeherrscht, Wolfgang. Ich denke, wir rufen sofort Justizrat Thomas an. Er weiß mit solchen Sachen Bescheid, er erledigt das viel rascher und reibungsloser als du.

Wolfgang hat seiner Mutter so gespannt auf den Mund gesehen, als müsse er jedes Wort nicht nur hören, sondern auch von ihren Lippen ablesen. Nun fährt er mit der Hand über sein Gesicht. Er hat da ein trockenes Gefühl, die Haut müßte eigentlich rascheln. Aber die Hand ist feucht geworden.

Mama! bittet er. Es ist doch unmöglich, daß ich diese Sache durch deinen Justizrat erledigen lasse und unterdes hier ruhig sitze, bade und Abendbrot esse. Ich bitte dich, mir dieses einzige Mal so zu helfen, wie ich es möchte. Ich muß dies allein erledigen, allein Peter helfen, sie allein herausholen, selbst mit ihr sprechen ...

Das habe ich mir gedacht, sagt Frau Pagel und klopft wieder einmal hart mit den Knöcheln auf den Tisch, daß es hölzern klingt. Dann ruhiger: Ich muß dich leider erinnern, Wolfgang, daß du mich schon hundertmal in deinem Leben gebeten hast, dir in dieser einzigen Sache einmal deinen Willen zu tun. Tat ich es, war es immer verkehrt ...

Mama, du kannst doch diesen Fall nicht mit irgendeiner kindischen Kleinigkeit vergleichen!

Lieber Junge, wenn du etwas wolltest, war immer alles andere für dich eine Kleinigkeit. Und diesmal gebe ich schon darum keinesfalls nach, weil diese Bemühungen und Verhandlungen dich wieder mit dem Mädchen zusammenbringen würden. Sei froh, daß du von ihr los bist, fange nicht wieder mit ihr an, wegen irgendeines Irrtums der Polizei und irgendwelchen albernen Treppengeschwätzes. Ein scharfer Blick wurde zu Minna geschossen, die, gelb und trocken, bewegungslos unter der Tür steht – auf ihrem gewohnten Platz. Du hast dich heute endgültig von ihr gelöst, du hast auf diese lächerliche Heirat verzichtet. Du warst zu mir zurückgekommen, und ich habe dich ohne eine Frage, ohne einen Vorwurf aufgenommen. Und nun soll ich es mit ansehen, ja, ich soll es dir ermöglichen, wieder mit dem Mädchen zusammenzukommen? Nein, Wolfgang, keinesfalls!

Sie sitzt grade und hager da. Sie sieht ihn mit flammenden Augen an. In ihr gibt es keine Ahnung eines Zweifels, ihr Entschluß ist eisern. War sie je einmal leicht und beschwingt gewesen? Hatte sie je einmal gelacht, je einmal Liebe zu einem Mann empfunden? Dahin! Dahin! Der Vater hat ihren Rat verachtet, aber das hat sie nicht beirrt, sie ist ihren Weg doch weitergegangen – soll sie sich jetzt etwa dem Sohne fügen? Etwas tun, was sie nicht für richtig hält? Nie!

Wolfgang sieht sie an. Auch er hat jetzt, genau wie die Mutter übrigens, den Unterkiefer ein wenig vorgeschoben, seine Augen schimmern, er fragt ganz sachte: Wie war das eben, Mama? Ich habe mich heute endgültig von Peter gelöst?

Sie macht eine unwirsche Geste. Reden wir nicht davon. Ich verlange keine Erklärungen. Du bist hier, das genügt mir.

Und er fast noch sanfter: Ich habe auf diese lächerliche Heirat verzichtet?

Jetzt wird sie schon schärfer, sie riecht Gefahr, aber das macht sie nicht vorsichtiger, das macht sie angriffslustig. Sie sagt: Wenn der junge Ehemann nicht aufs Standesamt kommt, wird man es wohl so auffassen dürfen.

Mama, sagt Wolfgang, setzt sich an die andere Tischseite und lehnt sich weit über den Tisch, du scheinst dich ja ausgezeichnet über mein Kommen und Gehen unterrichten zu lassen. So müßtest du doch wissen, daß auch die Braut nicht kam.

Draußen ist es ganz dunkel geworden. Ein erster Windstoß fährt brausend in die Baumkronen, ein paar gelbe Blätter wirbeln ins Fenster hinein. Unter der Tür steht hager, reglos das Mädchen Minna, vergessen von der Mutter wie vom Sohn. Jetzt leuchtet es einmal fahlgelb auf, aus dem Dämmer tauchen angespannt, weiß die Gesichter und versinken in noch tieferes Dämmern. Lang nachhallend rollt ein noch ferner Donner.

Die Elemente wollen losbrechen, aber Frau Pagel sucht sich noch einmal zu fangen. Wolfgang, sagt sie fast bittend, wollen wir uns denn darüber streiten, wie weit du dich von Petra schon gelöst hattest? Ich bin fest überzeugt, wäre dieser Zwischenfall mit der Polizei nicht gekommen, du hättest kaum noch an das Mädchen gedacht. Überlaß diese Sache einem Anwalt. Ich bitte dich, Wolfgang, und ich habe dich noch nie so gebeten: tu mir dieses einzige Mal den Willen!

Der Sohn hört die Mutter bitten, genau wie er sie wenige Minuten zuvor bat. Aber das merkt er gar nicht. Er hat im tiefen Dämmer dunkel das Gesicht der Mutter vor sich. Der Himmel hinter dem Kopf leuchtet schwefelgelb auf, versinkt in Schwärze und leuchtet von neuem auf.

Mama, sagt Wolfgang und sein Wille entzündet sich immer stärker an ihrem Widerstand. Du befindest dich in einem entscheidenden Irrtum. Ich kam nicht hierher, weil ich mich, ganz oder teilweise, von Petra gelöst hatte. Ich kam hierher, weil ich mir das Geld für diese lächerliche Trauung holen wollte ...

Die Mutter sitzt einen Augenblick reglos, sie antwortet nicht. Aber wenn der Schlag sie auch schwer getroffen haben mag, sie läßt es sich nicht merken. Sie sagt bitterböse: Nun, mein Sohn, so kann ich dir sagen, daß dein Weg umsonst war. Dafür bekommst du hier nicht einen Pfennig.

Ihre Stimme ist sehr leise, aber sie schwankt kein bißchen. Fast noch leiser und ohne eine Spur von Wärme antwortet er: Da ich dich kenne, habe ich nie eine andere Antwort von dir erwartet. Du liebst nur die Menschen, die nach deiner Fasson selig werden wollen, trotzdem man ja eigentlich sagen muß, daß du selbst nicht übermäßig selig geworden bist in deinem Leben ..

Oh ... stöhnt die Frau tief, zu Tode getroffen, in ihrem ganzen Leben, in ihrer ganzen Ehe, in ihrer ganzen Mutterschaft, von dem eigenen Sohn.

Den aber erregt dieser eine Laut des Schmerzes nur noch mehr. Wie es sich draußen seit den frühen Morgenstunden aus Dunst, Schwüle und Gestank zusammengebraut hat, jetzt dem Losbrechen nahe – so hat es sich in seinem eigenen Leben zusammengebraut aus Bevormundung, Gängelei, Besserwissen, rücksichtsloser Ausnutzung der Mutterstellung, der Kasseninhaberin. Und was seinen Zorn am gefährlichsten macht, das ist noch nicht einmal dies, das ist auch nicht die Verachtung der Mutter für Petra (die ihm ohne diese Verachtung ja gar nicht so viel bedeutet). Sondern aus seiner eigenen Schwäche, aus seiner eigenen Feigheit schwelt die stärkste Zornesglut. Daß er ihr hundertmal nachgegeben hat, das muß er rächen. Daß er sich vor dieser Auseinandersetzung gefürchtet hat, das macht ihn so fürchterlich. Daß er das Bild heimlich hat wegholen wollen, das macht ihn schamlos in seinem Zorn.

Oh ...! hat die Mutter gestöhnt, aber in ihm löst das nur eine tiefe Freude aus. Es ist hungrige Zeit, Wolfzeit. Die Söhne haben sich gegen die eigenen Eltern gekehrt, das hungrige Wolfrudel fletscht gegeneinander die Zähne – wer stark ist, lebe! Aber wer schwach ist, der sterbe! Und er sterbe unter meinem Biß!

Oh ...!

Und ich muß dir auch noch sagen, Mama, als ich eben so leise in das Zimmer kam, dachte ich wirklich, du wärest fort. Ich wollte mir nämlich heimlich das Bild holen, das Bild, du weißt schon welches, das Bild, das du mir geschenkt hast ...

Sehr schnell, aber mit einem unverkennbaren Zittern in der Stimme: Ich habe dir nie ein Bild geschenkt!

Wolfgang hört dies wohl. Aber er spricht weiter. Er ist trunken vor Rachsucht. Er kennt keine Scham mehr.

Ich wollte es heimlich verkaufen. Viel Geld dafür kriegen, schönes Geld, vieles Geld, Devisen, Dollar, Pfunde, Dänenkronen – und alles Geld wollte ich meiner lieben, guten Petra bringen ... Er spottet über sie, aber er spottet auch über sich. Er ist ein Narr. Ach – dies ist ja fast noch besser als Spielen, es erregt, es macht wild. In das Dunkel hineinreden, und die Blitze dazu, und das jetzt fast pausenlose ferne Drohen und Grollen des Donners. Aus den Urgründen alles menschlichen Seins steigt, freigemacht von schlimmer Zeit, der Urhaß der Kinder gegen die Eltern hoch, der Haß der Jugend gegen das Alter, des stürmenden Mutes gegen die langsame Besinnung, des blühenden Fleisches gegen das welke ...

Ich habe es mir heimlich holen wollen, aber das war natürlich Unsinn. Es ist ganz gut, daß ich dir endlich einmal alles sagen kann, alles, alles ... Und wenn ich es gesagt habe, nehme ich mir das Bild ...

Ich gebe es nicht her! ruft sie. Nein! Und sie springt auf und stellt sich vor das Bild.

Ich nehme es mir, sagt er unbeirrt und bleibt sitzen. Ich trage es vor deinen Augen fort und verkaufe es, und alles Geld bekommt Petra, alles Geld ...

Du wirst es mir nicht mit Gewalt nehmen ... sagt sie rasch, aber es klingt wie Angst in ihrer Stimme.

Ich werde es auch mit Gewalt nehmen, ruft er, denn ich will es haben. Und du wirst vernünftig sein. Du weißt, ich will es haben, und dann kriege ich es auch ...

Ich rufe die Polizei! sagt sie drohend und schwankt zwischen Fernsprecher und Bild.

Du rufst nicht die Polizei! lacht er. Denn du weißt wohl, du hast mir das Bild geschenkt!

Sehen Sie ihn an, Minna! ruft Frau Pagel, und jetzt hat auch sie vergessen, daß es der Sohn ist, der dort steht. Sondern es ist der Mann, der Mann, der immer widersinnig handelt, der Gegenpart der Frau, der Feind von Urbeginn an.

Sehen Sie ihn doch an, wie er es nicht abwarten kann, zu seinem geliebten Mädchen zu kommen! Sie von der Polizei zu erlösen! Es ist ja alles Lüge und Theater, das Mädchen ist ihm so gleichgültig wie alles auf der Welt – es geht ihm doch nur um das Geld!

Sie äfft ihn nach: Schönes Geld, vieles Geld, Dollar, Pfunde – aber nicht für die liebe, schöne, gute Petra im Kittchen, das Fräulein Ledig, nein, für den Spieltisch ...

Sie macht zwei Schritte, gibt das Bild frei, steht am Tisch, läßt die Knöchel hölzern auf ihm rasseln. Da, nimm das Bild. Ich tue dir das Schlimmste, was ich tun kann, ich lasse dir das Bild. Verkauf es, bekomme Geld dafür, viel Geld. Aber ich, deine dumme, verbohrte, rechthaberische Mutter werde wieder einmal recht behalten – das Mädchen wirst du nicht glücklich machen damit. Du wirst das Geld verspielen, wie du alles verspielt hast: Liebe, Anstand, Leidenschaft, Ehrgeiz, Arbeitskraft.

Sie steht da, atemlos, mit flammenden Augen.

Jedenfalls danke ich dir, Mama, sagt Wolfgang, plötzlich sehr müde, alles Streitens, alles Redens überdrüssig. Damit wären wir nun fertig, wie? Und mit allem andern auch. Meine Sachen werde ich heute abend abholen lassen, ich will dich nicht länger damit belasten. Was aber deine Prophezeiungen anlangt ...

Nimm alles! schreit sie lauter und sieht, an allen Gliedern zitternd, wie er das Bild von der Wand nimmt. Möchtest du auch noch etwas vom Silber für die Ausstattung der jungen Frau? Nimm es! Ach, ich kenne doch euch Pagels! ruft sie und ist plötzlich wieder das junge Mädchen, lang, lang vor Brautschaft und Ehe. – Außen freundlich und sanft, aber innen gierig und trocken. Geh, geh nur rasch! Ich mag euch nicht mehr sehen, ich habe euch ein ganzes Leben geopfert, und zum Schluß habt ihr mich mit Schmutz beworfen, Vater wie Sohn, einer wie der andere ... Ja, geh nur so, ohne ein Wort, ohne einen Blick. Dein Vater machte es auch so, er war zu vornehm für Auseinandersetzungen, aber wenn er nachts ein schlechtes Gewissen hatte, schlich er auf Strümpfen aus dem Zimmer.

Wolfgang geht schon, das Bild unter dem Arm. Er hatte sich umgesehen, er hatte Minna um Packpapier und Bindfaden bitten wollen, aber sie stand so starr unter der Tür. Und immer war diese Stimme da, diese gelle, erbarmungslose Stimme, wie eine häßlich klingende Glocke aus Eisen, blechern, aber unverwüstlich, seit seinen Kindertagen unverwüstlich.

Er steckt das Bild, wie es ist, unter den Arm. Nur fort, nur schnell – noch regnet es nicht.

Aber als er über die Schwelle des Zimmers geht, immer diese wilde, tobende Stimme hinter sich, sagt das alte Mädchen, diese alberne Gans, der man es natürlich auch nie rechtmachen kann: Pfui! Sagt zu ihm, beinahe in sein Gesicht, hart, böse: Pfui!

Er zuckt bloß die Achseln. Er hat es doch für Petra getan, er soll doch, auch ihrer Ansicht nach, etwas für Petra tun. Aber egal, mögen sie reden.

Nun ist er aus der Wohnung, die Tür fällt zu, aus dem Porzellanschild schlug er einmal eine Ecke. Jetzt steigt er die Treppe hinab.

›Wieviel werde ich wohl kriegen für das Bild –?‹

4

An diesem 26. Juli 1923 wollte die geschiedene Gräfin Mutzbauer, ein geborenes Fräulein Fischmann, mit ihrem derzeitigen Freund, einem Berliner Viehhändler namens Quarkus, über Land fahren, um Höfe zu besichtigen.

Der Viehhändler, ein Mann Ende der Vierzig, untersetzt, mit krausem, dunklem und schon etwas dünn gewordenem Haar, mit faltiger Stirn und ebenso faltigem Specknacken, langjähriger, fast schon silberner Ehegatte und Vater von fünf Kindern – dieser Viehhändler also hatte es zuerst mit Freude angesehen, wie ihn die Inflation immer reicher machte. Wenige Monate hatten ihn aus einem Mann mit einem Wochenumsatz von einem Waggon Schweinen und zwei Dutzend Rindern zu einem Großhändler gemacht, dessen Aufkäufer bis nach Süddeutschland, ja sogar bis ins Holländische hinein reisten. Ehe nämlich das gekaufte und bezahlte Vieh in Berlin eingetroffen, ja, ehe es auch nur verladen wurde, war es um das Doppelte, ja um das Dreifache, Fünffache an Wert gestiegen, und Quarkus hatte noch immer recht behalten, wenn er seinen Herren Aufkäufern gesagt hatte: Bezahlt, was die Leute verlangen – es ist doch immer zu wenig!

Zuerst also hatte Herrn Quarkus dies Geldscheffeln reine Freude gemacht. Zwei Monate hatten genügt, ihm die Schultheißkneipen, die Bötzowbraustübl und die Aschingerquellen zu verleiden. Es war ein großzügiger, sogar beliebter Gast aller Bars der alten Friedrichstadt und des neuen Westens geworden und behauptete mit Überzeugung, daß man nur in drei Lokalen Berlins wirklich anständig essen könne. Und als ihm geschah, daß eine wirkliche Gräfin ihn in ihre Arme schloß, meinte er, kein Erdenwunsch sei ihm noch unerfüllt.

Allmählich aber, je reicher er wurde, je weniger Geld eine Rolle spielte, um so nachdenklicher wurde der Viehhändler Quarkus. Sein unbedenklicher Optimismus, der ihn ohne jeden Gedanken an die Zukunft immer weiter mit dem Fallen der Mark hatte rechnen lassen, wurde verdüstert von den Sprüngen, die er die Mark um den Dollar tun sah, Sprünge, die einen Floh über das Ulmer Münster weggetragen hätten.

Was zuviel ist, ist zuviel, murmelte er, wenn er erfuhr, daß seine Schweine ihm den zwanzigfachen Einkaufspreis gebracht hatten. Und in einer Zeit, da Hunderttausende nicht wußten, wo sie das Geld für ein Stück Brot hernehmen sollten, machte ihn der Gedanke schlaflos, wo er eigentlich mit seinem Gelde hin sollte.

Das Wort ›Sachwerte‹, von vielen Seiten geraunt, hatte auch das Quarkussche Ohr erreicht. Keiner kommt von seiner Jugend los. Der Junge Emil (der Name Quarkus hatte für seine Umwelt erst ab seinem fünfundzwanzigsten Jahr Bedeutung bekommen), der Junge Emil hatte viele deutsche Landstraßen entlang eine Kuh treiben, drei Schweine hüten müssen. Er war Viehtreiber gewesen, ehe er Viehhändler geworden. Der schmächtige, immer hungrige Bengel hatte mit sehnsüchtigen Augen nach den Bauernhäusern längs der Landstraße geschaut, aus deren Türen es so verlockend nach Bratkartoffeln mit Speck roch. Jagte der Wind, trieb Regen oder Schnee, fror es Pickelsteine – immer lagen die Höfe behaglich geduckt am Wege, ihre breiten Stroh- oder Ziegeldächer verhießen Schutz, Wärme, Behaglichkeit. Selbst der Ochse, den Emil Quarkus trieb, merkte das: er hob im Regen, den Schwanz steif von sich reckend, das Maul und brüllte die Höfe sehnsüchtig an.

Was dem Knaben Emil Inbegriff aller Sicherheit und Behaglichkeit gewesen war, blieb für den Mann Quarkus eine feste Burg. In der Zeit der hüpfenden, springenden, stürzenden Mark konnte nichts sicherer sein als ein Bauernhof – höchstens fünf oder zehn Bauernhöfe. Und Quarkus war entschlossen, sie sich zu kaufen.

Die Gräfin Mutzbauer, das geborene Fräulein Fischmann (was sie freilich ihrem Freund Quarkus nicht erzählte), war allerdings mehr für ein Rittergut mit Schloß, Freitreppe und Rennstall gewesen. Doch war diesmal Quarkus eisern. Ich habe genug Vieh auf Rittergütern gekauft, sprach er. Ich werde mir doch keine Sorgen kaufen!

Er war sicher, kam er mit einer Handtasche, besser noch mit einem Koffer voll Geld auf einen Hof, verlangte eine Kuh zu kaufen, kaufte er zehn, warf mit dem Gelde, prahlte mit dem Gelde, lockte mit dem Gelde – kein Besitzer würde widerstehen können! Zu den zehn Kühen kaufte er den Kuhstall, das Stroh, das Land, auf dem das Stroh wuchs, den ganzen Hof schließlich. Und wenn er dem Besitzer dann noch sagte, er könne wohnen bleiben, weiter wirtschaften, mit den Erträgen anfangen, was er wollte – der würde ihn für übergeschnappt halten, ihm andere Verkäufer zuführen, mehr als gewünscht. Bis freilich dann eines Tages der Tag kommen würde, an dem die Mark – ja, wie es mit der Mark an dem Tag sein würde, das konnte sich keiner auch nur ausdenken. Aber jedenfalls war dann der Hof da. Nein, die Höfe.

Dies waren etwa die Quarkusschen Überlegungen, wie er sie oft und oft der Gräfin Mutzbauer vortrug. Da das Rittergut abgelehnt war, interessierte sie die ganze Geschichte eigentlich recht wenig. Aber daß die Gräfin Mutzbauer in ihrer Uninteressiertheit nun so weit gegangen wäre, ihren Freund allein fahren zu lassen, dazu war sie auch wieder zu klug. Immer war es besser, man blieb in der Nähe, es gab überall gemeine Weiber genug, für die das Geld war, was für den Mistkäfer der Mist. Und schließlich: wenn er zehn Höfe kaufte, fiel vielleicht ein elfter für sie ab, und wenn auch der Gedanke, einen Bauernhof zu besitzen, ungefähr so war, als besäße sie eine Lokomotive – verkaufen konnte man ihn jedenfalls wieder, man konnte alles verkaufen. (Gräfin Mutzbauer hatte schon drei Autos, die sie von ihrem Freund bekommen hatte, nacheinander wieder verkauft und Quarkus mit der schönen Erklärung abgespeist: Dazu bist du doch viel zuviel Kavalier, Quarkus, mir solch veralteten, unmodernen Wagen zuzumuten. Und er war wirklich zu sehr Kavalier – außerdem interessierte es ihn kaum.)

Diese Idee von dem elften Bauernhof aber hatte die Gräfin daran erinnert, daß ihre Zofe Sophie vom Lande war. Als sie also gegen Mittag ausgeschlafen hatte, klingelte sie ihre Zofe heran und führte mit ihr folgende Unterhaltung:

Sophie, Sie sind doch vom Lande?

Ja doch, Frau Gräfin, aber ich mag das Land gar nicht.

Sind Sie von einem Bauernhof?

Aber nein, Frau Gräfin, ich bin von einem Rittergut.

Sehen Sie, Sophie, ich habe es Herrn Quarkus auch gesagt, er soll ein Rittergut kaufen. Aber er sagt, er will nur einen Bauernhof.

Ja, Frau Gräfin, so war mein Hans auch. Wenn er Geld hatte für Habel und Rebhühner, dann wollte er durchaus zu Aschinger auf Löffelerbsen mit Speck. So sind nun mal die Männer.

Sie meinen doch aber auch, Sophie, daß ein Rittergut viel besser ist?

Aber natürlich, Frau Gräfin. Ein Rittergut ist ja viel größer, und wenn es einem gehört, braucht man nicht zu arbeiten, sondern hat seine Leute dafür.

Und auf einem Bauernhof muß man arbeiten?

Schrecklich, Frau Gräfin, und lauter Arbeit, die die Haut verdirbt.

Eilig beschloß die Gräfin, auf den elften Bauernhof zu verzichten und statt dessen lieber einen Diamantring als Geschenk zu nehmen. Damit aber entfiel jedes eigene Interesse an der Fahrt, jedes Interesse am guten Einkauf und also jeder Grund, Sophie als Beraterin auf die Fahrt mitzunehmen.

Hören Sie, Sophie, wenn Herr Quarkus Sie auch fragen sollte, erzählen Sie ihm das nicht. Es hat gar keinen Sinn, ihm abzureden, es verdirbt ihm nur die Laune, und er kauft doch!

Genau wie mein Hans! sagte Sophie seufzend, und sie dachte traurig daran, daß die Polente den Hans Liebschner nie geschnappt hätte, wenn er ihrem Rat gefolgt wäre.

Schön, Sophie. Dann ist alles in Ordnung. Ich wußte ja, daß Sie auf dem Lande Bescheid wissen. Herr Quarkus fährt heute mit mir Bauernhöfe kaufen, und eigentlich wollte ich auch einen erwerben. Da hätte ich Sie als Beraterin mitgenommen. Aber wenn es so schlecht mit den Höfen aussieht ...

Zu spät merkte Sophie, daß sie vorschnell geredet hatte. Eine Autofahrt mit dem reichen Quarkus über Land wäre nicht so übel gewesen. Sie versuchte es noch: Nun, Frau Gräfin, es gibt natürlich verschiedene Arten von Bauernhöfen ...

Nein, nein, sagte das ehemalige Fräulein Fischmann. Sie haben mir alles ganz ausgezeichnet erklärt. Ich kaufe nicht.

Da hier nichts mehr zu retten war, suchte Sophie ihren Vorteil auf der andern Seite. Da bleiben Frau Gräfin wohl länger fort?

Jawohl, Gräfin Mutzbauer würde kaum vor morgen abend zurück sein.

Ach, wenn Frau Gräfin da so gut sein würde ... Meine Tante in Neukölln ist doch so schwer krank, und ich soll schon seit Tagen hinkommen ... Wenn ich heute nachmittag frei haben könnte –? Und vielleicht bis morgen mittag?

Nun, Sophie, sagte ihre Herrin gnädig, obwohl sie die kranke Tante in Neukölln genau so richtig bewertete, wie Sophie den von der Gräfin erwogenen ›Erwerb‹ eines Hofes. Eigentlich ist wohl Mathilde mit dem Ausgang dran. Aber da Sie mich vorhin so gut beraten haben ... Daß es mir aber keine Streitereien mit der Mathilde gibt –!

I wo, Frau Gräfin, wenn ich der ein Kinobillet schenke, ist sie schon ganz glücklich. Die ist ja so geizig! Neulich hat der Schuster zu ihr gesagt: Fräulein, Sie gehen wohl gar nicht aus? Ihre Sohlen halten nun schon das zweite Jahr. – Aber so ist sie wirklich ...

Vielleicht war die Köchin Mathilde, was Geiz, Ausgang, Kino anging, wirklich so. Vielleicht hatte Sophie Kowalewski ganz recht berichtet. Aber darin hatte sich Sophie jedenfalls verrechnet, wie Mathilde diesen freien Nachmittag aus der Reihe hinnehmen würde. Sophie hatte recht verächtlich von einer lumpigen Kinokarte geredet, mit der sich die Mathilde ohne weiteres besänftigen lassen würde, aber nichts davon, aber gar nichts derart! Die Köchin Mathilde tobt. Wie wird sie sich das bieten lassen! Sie, die Sparsame, Solide, soll zurückstehen in freien Tagen hinter einer solchen Nutte, die für drei Schnäpse mit jedem Tangokavalier mitgeht! Auf der Stelle verzichtet Sophie auf diesen erschlichenen Ausgang, oder die Mathilde geht sofort zur Gräfin, und was die dann zu hören kriegt, das kann sich die Sophie allein denken! Solchen Dreck nimmt man nicht ohne Not zweimal in den Mund!

Worauf sie ihn gleich vor der Kollegin in den Mund nimmt.

Ach, die dicke, rundliche, bequeme Mathilde – Sophie versteht gar nicht, warum sie eigentlich so tobt. Sie hat sich doch schon zehnmal bei den freien Tagen übergehen lassen, hat freiwillig und unfreiwillig verzichtet, und wenn sie wirklich einmal gemault hat, haben sie eine Schachtel Konfekt oder eine Kinokarte stets besänftigt. Hat denn diese schwüle Hitze die Alte ganz verrückt gemacht?

Einen Augenblick überlegt Sophie, ob sie nicht vielleicht doch nachgibt. Bringt Mathilde all ihren Quatsch vor die Gräfin, kann es einen ziemlichen Stunk geben. Obwohl sich Sophie auch davor nicht fürchtet. Sie ist noch mit jedem stänkernden Angetrunkenen fertig geworden, und die können bestimmt beinahe so schlimm sein wie eine stänkernde Frau.

Sophie überlegt also einen Augenblick ... Dann aber sagt sie recht bösartig ruhig: Ich weiß gar nicht, was du hast, Mathilde. Wozu willst du ausgehen? Du hast ja gar nichts anzuziehen.

Oh, wie dieses sanfte Öl aufzischt, wie die Flamme höher und höher schlägt! Nichts anzuziehen, freilich, wenn man so wie andere der Gnädigen Kleiderschrank benutzt –!

Tätest du auch, Mathilde. Nur paßt dir nichts. Du bist ja direkt fett.

Bereits 1923 ist es eine schwere Beleidigung für eine Frau, dick genannt zu werden – und nun gar erst fett! Prompt bricht Mathilde in Tränen aus, schreit wutsprühend: Hure! Hurenmensch! Sauhure! und stürzt ab zur Gnädigen, bei der eben grade auch Herr Quarkus seinen Einzug gehalten hat. Denn nun soll es losgehen aufs Land.

Sophie bleibt achselzuckend zurück. Ihr soll es egal sein, was kommt. Eigentlich hat sie das Leben hier reichlich über, ganz plötzlich. Die Minute vorher hat sie noch nichts davon gewußt, da wäre sie nicht gerne gegangen. Aber das ist jetzt oft so, nichts hat Bestand. Was eben noch galt, ist schon wieder ungültig. Noch niemals ist so oft und so überraschend der Gashahn aufgedreht worden wie in diesen Zeiten.

Plötzlich fühlt Sophie, wie hundemüde, wie ausgepumpt sie ist. Der Gedanke an ein paar Ferienwochen bei den Eltern in Neulohe taucht in ihr auf. Das wäre wirklich schön – ausschlafen, nichts tun, nichts trinken – und vor allem mal keine Kavaliere. Dazu sich den neidischen Schulgefährtinnen von ehemals als vollendete Dame aus der Stadt zeigen, grade jetzt, wo die sich in der Ernte totrackern müssen! Und schließlich und endlich und am wichtigsten: ganz in der Nähe von Neulohe liegt das Städtchen Meienburg. Dort steht ein festes Haus, von der kleinen Sophie bei seltenen Stadtfahrten mit grusligem Schauer angesehen, aber jetzt wohnt darin der Hans. Plötzlich faßt sie eine irrsinnige, ganz körperliche Sehnsucht nach dem Freund – ihr ganzer Leib zittert nach ihm, ihr wird heiß und kalt. Sie muß zu ihm, sie muß in seiner Nähe leben, sie muß ihn wieder einmal spüren – wenigstens sehen muß sie ihn! Sicher wird es ihr gelingen, mit ihm in Verbindung zu kommen ... Gefängniswärter sind auch bloß Männer ...

Längst hat Sophie mit Silberputzen aufgehört – wozu soll sie noch etwas tun? Sie geht ja heute doch, macht Schluß in diesem Bumms! Befriedigt lächelnd hört sie die gaumig heulende Stimme der Mathilde von vorne, dazwischen die ein bißchen scharfe, immer leicht gereizte der Gräfin, selten die spritrauhe, heisere des Herrn Quarkus. Dis sollen nur kommen und ihr auch nur einen Vorwurf machen – sie wird auspacken, ach, wie wird sie auspacken! Denen soll gar nichts anderes übrigbleiben, als sie auf die Straße zu setzen – aber nicht ohne ihren Lohn bis Ultimo! Und das Trampel, die Mathilde, kann sehen, wo ihr freier Tag bleibt – alle Arbeit wird sie allein tun dürfen, die –!

Nur ungern schickt die Gräfin Mutzbauer ihren Freund Quarkus in die Küche, die Sophie zu rufen. Sie wünscht ganz und gar keinen Streit mit ihrer Zofe, noch dazu vor den Ohren des Freundes. Es gab da vor einiger Zeit einen etwas seltsamen Einbruchsdiebstahl in der Wohnung. Den abhanden gekommenen Schmuck hatte Herr Quarkus zwar großzügig ersetzt, wollte sich aber damals schon durchaus mit der Polizei in Verbindung setzen. Es wäre nicht angenehm, wenn Sophie die Zusammenhänge dieses Diebstahls aufklärte. Noch peinlicher wäre allerdings, wenn sie von gewissen Schlafzimmerbesuchen erzählte.

Gräfin Mutzbauer war überzeugt, der Kavalier Quarkus verstand in diesem Punkt keinen Spaß, und wenn sie auch wußte, daß man einem verlorenen Liebhaber nicht nachweinen soll, denn der zu melkenden Ochsen gibt es überall mehr, als Vater Brehm sich hat träumen lassen – vor einer brutalen Tracht Prügel hatte sie ausgesprochen feige Angst.

Aber was war zu tun? Mathilde hatte vor Herrn Quarkus' Ohren so ausführlich von der Benutzung nicht nur des Kleider-, nein, auch des Wäscheschrankes durch Herrin und Zofe berichtet (was der Herrin längst bekannt gewesen war), sie hatte auch einen so ausführlichen Bericht über eine ›Orje‹ erstattet, die sich während einer zweitägigen Abwesenheit der Herrin in den Mutzbauerschen Räumen abgespielt hatte, einer Orgie, in der nicht nur ›fremde Louis und Nutten‹, sondern auch sehr eigene Mutzbauerische Zigaretten, Liköre, Sekt und – hier sprang Herr Quarkus hoch und schrie heiser: Au verflucht! –, bei der leider auch das Mutzbauerische Bett eine Rolle spielte.

Die Gräfin hoffte wider allen Sinn und Verstand, Sophie werde vernünftig sein. Von ihrer Seite würde jedenfalls nichts geschehen, die Dinge auf die Spitze zu treiben.

Worauf die besagten Dinge in den ersten drei Minuten auf die Spitze gerieten, um von da in einen schwindelnden Abgrund zu stürzen, in dem es infernalisch stank! Der Viehhändler Emil Quarkus war bestimmt kein verwöhntes Knäblein, und gar manchen Dreck hatte er in seinem Leben verdauen müssen, auch war die Zeit nicht dazu angetan, Empfindlichkeiten zu züchten ... was diese drei Weiber da aber sich minutenlang schrill an die Köpfe warfen, das stank so unaussprechlich, wie die Misthaufen all seiner zukünftigen Bauernhöfe nie stinken konnten!

Quarkus schrie auch und tobte auch. Er schmiß jede von den dreien eigenhändig hinaus und holte sie dann, aufheulend vor Wut, zur Vernehmung und Rechtfertigung wieder herein. Er stieß sie mit den Köpfen zusammen, und er riß die Krallenstarrenden wieder auseinander; er telefonierte nach der Polizei und machte das Telefonat umgehend wieder rückgängig; er revidierte die Koffer der Sophie und mußte schon wieder in das gräfliche Schlafzimmer stürzen, wo ein Totschlag im Gange zu sein schien; er nahm seinen Hut und marschierte mit dem verächtlichen Ausruf: Weiber, verdammte, leckt mich alle am Arsch! aus der Wohnung, stieg die Treppe hinab und in sein Auto, und ließ den Wagen doch sofort wieder halten, weil ihm eingefallen war, daß er diesem gemeinen Frauenzimmer ›seinen Schmuck‹ keinesfalls lassen würde ...

Am Ende saß er völlig erschöpft und ausgepumpt, zu nichts mehr fähig, auf einer Couch. Noch mit geröteten Wangen und blitzenden Augen ging die Gräfin Mutzbauer auf und ab und mischte ihrem Emil einen Stärkungstrank.

Solche gemeinen Frauenzimmer – alles natürlich erstunken und erlogen. Es ist gut, daß du sie gleich alle beide entlassen hast, Quarkus! (Er hatte nichts dergleichen getan.) Du hast ganz recht, daß du die Polizei nicht gerufen hast (er hätte es liebend gerne getan), schließlich hätte deine Frau davon erfahren, und du weißt ja, wie die ist ...

Mathilde sitzt noch in der Küche auf ihrem Schließkorb; leise durch die Nase schnüffelnd wartet sie auf die angerufene Paketfahrt, die den Korb holen soll. Dann wird sie mit der Untergrund zu ihrem Schwager fahren, der an der Warschauer Brücke wohnt. Die Schwester wird zwar nicht sehr begeistert von diesem Überfall sein, das Gehalt eines Straßenbahnschaffners reicht schon so nicht hin und her. Aber im Besitz eines stattlichen Devisenhäufchens, das ihr der durch ihr Kochen bestochene Quarkus nach und nach verschafft hat, fühlt sie sich gegen jeden schwesterlichen Unwillen gewappnet. Im Grunde kommt auch der Mathilde die Entlassung grade recht: nun hat sie wirklich Zeit, sich etwas um ihren unehelichen Sproß, den fünfzehnjährigen Hans-Günther zu kümmern, von dem sie heute früh in der Zeitung gelesen hat, daß er als Anführer einer Revolte im Erziehungsheim der Stadt Berlin verhaftet worden ist. Nur darum war sie ja so wild geworden, daß Sophie ihr den freien Tag gestohlen hatte. Jetzt also hatte sie ihren freien Tag. Sie ist zufrieden.

Am zufriedensten aber ist Sophie Kowalewski. Die Autotaxe fährt mit ihr durch das immer stärker losbrechende Gewitter dem Christlichen Hospiz in der Krausenstraße zu. (In Herrenbegleitung hat Sophie nichts gegen das schmierigste Absteigehotel, als alleinreisende junge Dame aber kennt sie nur das Christliche Hospiz.) Sie fährt in Sommerferien, ihre Koffer sind prall voll von den schönsten Dingen aus gräflichem Besitz, sie hat ihren Monatslohn bekommen und besitzt außerdem noch hinreichend Geld, und sie wird in Verbindung mit dem Hans kommen, ihn vielleicht sogar sehen. Sophie ist sehr zufrieden!

Nur Herr Quarkus ist nicht ganz so zufrieden wie die drei Frauen. Aber dem kommt es nicht so recht zu Bewußtsein, jetzt muß er eilig Bauernhöfe kaufen, stärker als die Frauen jagt ihn die Mark.

5

Förster Kniebusch geht langsam durch das Dorf Neulohe, den Vorstehhund an der Leine. Man kann nie wissen, was kommt, jedenfalls haben die meisten Leute unbegreiflich mehr Angst vor einem Hund als vor einem Menschen.

Ungern ging der alte Kniebusch von je ins Dorf – die Försterei liegt ein Stück abseits, an der Waldgrenze –, heute aber geht er ganz besonders verdrossen. Er hat das befohlene Zusammentrommeln der Leute auf zehn Uhr beim Schulzen so lange wie nur möglich hinausgeschoben. Aber jetzt, da das Gewitter schon pechschwarz den ganzen westlichen Himmel zudeckt – es kommt aus der Berliner Gegend, natürlich, was kann auch aus Berlin Gutes kommen?! –, jetzt hat er eben doch losgemußt. Es hilft ja nichts, er muß, er darf es mit keinem verderben.

Dorf Altlohe kann Kniebusch gottlob links liegenlassen (bildlich gesprochen, von seinem Wege liegt es nämlich rechts), in Altlohe wohnt kein Mensch, der für solche geheime Militärsache in Frage kommt. In Altlohe wohnen lauter Gruben- und Industriearbeiter, also Spartakisten und Kommunisten, sprich Felddiebe, Holzdiebe, Wilderer, meint Herr Kniebusch.

Förster Kniebusch wußte ganz gut, warum er heute früh die Holzdiebe nicht gesehen hatte – es waren eben Altloher gewesen. Die Altloher wurden leicht wütend, sie proklamierten ganz offen so etwas wie ein Recht auf Diebstahl. Förster Kniebusch wußte auch ganz genau, warum er die Flinte im Haus gelassen hatte, aber den Hund mitgenommen: eine Waffe reizte die Leute bloß und machte sie noch bösartiger. Ein Hund aber konnte ein zerrissenes Hosenbein bringen, und eine Hose war eine kostbare Sache!

Bedrückt und langsam schleicht der Förster unter dem immer drohenderen Gewitter durch das Dorf. Ich möchte doch gerne friedlich in meinem Bett sterben, hatte er eben wieder zu seiner vom Rheumatismus fast gelähmten Frau gesagt. Sie hat genickt und gesprochen: Wir stehen alle in Gottes Hand.

›Ach du!‹ hätte er am liebsten geantwortet, denn daß Gott mit all diesem gräßlichen Wirrwarr nichts zu tun haben kann, dessen ist er sich lange sicher. Aber mit einem Blick auf das bunte Abendmahl an der Wand schweigt er lieber. Schon längst kann man nicht einmal der eigenen Frau mehr sagen, was man alles denkt.

Er hat sich sein Alter ein wenig anders gedacht, der Förster Kniebusch. Wäre nicht der Krieg gekommen und diese zehnmal verdammte Inflation, säße er längst im eigenen Häuschen in Meienburg, ließe Dienst Dienst sein und Holzdiebe Holzdiebe, und kümmerte sich nur noch um seine Bienen. Aber das kann sich wohl ein jeder Mensch leicht ausrechnen, wie vorzüglich sich in diesen Zeiten von einer Altersrente verhungern läßt. Und das Sparbuch liegt zwar noch immer, sorglich vor Dieben verborgen, zwischen den Bettlaken im Wäscheschrank seiner Frau, aber die Endsumme, etwas über 7000 Mark, Mark für Mark in vierzig langen Dienstjahren zusammengekratzt, mag man gar nicht mehr ansehen, sonst kommen einem sofort die Tränen in die Augen. Das wäre ein Häuschen in Meienburg gewesen, sauber wie eine Puppe! Und zum Leben hätte man die Zinsen von der Hypothek gehabt, erste Hypothek, gute Hypothek auf den Hof des Schulzen Haase hier in Neulohe, pünktlicher Zinszahler, 4 %, 10 000 Mark Kapital, ein bißchen Ererbtes und wiederum viel Erspartes – 400 Mark im Jahre Ertrag, das wäre ein schöner Zuschuß gewesen zu der Rente!

Aus und vorbei! Unbegreiflich aus und vorbei! Der müde, verbrauchte, alte Mann muß weiterlaufen, arbeiten, aufpassen, sich durchschlängeln zwischen den Übergriffen der Leute und den Ermahnungen des Chefs. Nun fürchtet der Ruhebedürftige nichts mehr, als daß er zur Ruhe gesetzt wird – was rettet sie beide alte Leute dann vor dem Verhungern –?! Die beiden Söhne sind im Krieg gefallen und die Tochter, an einen Eisenbahnsekretär in Landsberg verheiratet, weiß selbst nicht, wie sie mit ihren Kindern satt werden soll. Sie schreibt den Eltern nur, wenn das Schlachten bevorsteht, um an das Fettpaket zu erinnern.

So muß er weiterlaufen, der alte Mann, muß sich Liebkind machen, einschmeicheln, demütig sein – auf solche Weise der drohenden Entlassung vorbeugen. Und wenn solch ein Schnösel von Leutnant winkt, so nimmt man eben die Hacken zusammen und sagt gehorsam: Zu Befehl, Herr Leutnant! Weiß man denn, ob der Chef das nicht wünscht?

Es ist ein trübseliger Rundgang durch das Dorf. Alle Männer, die der Förster sprechen müßte, sind, obwohl es schon auf sechs Uhr geht und Futterszeit wird, noch auf dem Felde. Oder sie hasten schwitzend an dem Förster vorbei, kaum daß sie mit der Hand winken. Sie haben keine Zeit, denn vor dem drohenden Gewitter muß herein, was nur irgend herein kann.

So muß der Förster seine Bestellung bei den Frauen anbringen, und die nehmen natürlich kein Blatt vor den Mund: er ist wohl verrückt geworden, jetzt in der eiligsten Erntezeit die Männer um zehn Uhr nachts zum Schulzen zu bestellen?! Natürlich, er hat es gut, er fühlt seine Knochen nicht, er geht spazieren, während andere sich totarbeiten. Er steht morgens um sechs auf, ihre Männer aber um halb drei! Sie denken gar nicht daran, solchen Unsinn zu bestellen, da mag er sich dümmere suchen! – Die Hände in die Seiten gestemmt: siehst du, da hast du es!

Der Förster muß zureden und betteln, und wenn er schließlich vom Hof geht, ist er doch nicht sicher, daß sie die Bestellung auch wirklich ausrichten.

Manche Frauen aber verkneifen den Mund böse, sie hören sich des Försters Bestellung schweigend an, mit bösen, klein gewordenen Augen. Dann drehen sie sich um und gehen weg, aber der Förster hört sie noch murmeln: ob ein alter Mann sich denn gar nicht schämt, solche Sachen noch mitzumachen?! Ob es nicht schon genug Tote im Weltkrieg gegeben habe? Heimliche Verschwörungen von einem alten Knacker, der lieber an seinen eigenen friedlichen Tod denken sollte –!

Des Försters Gesicht wird immer sorgenvoller, fast verbissen, je weiter er kommt. Er murmelt heftig in seinen weißgrauen Bart. Irgendwie muß er seinen Ingrimm äußern, er hat sich angewöhnt, mit sich selbst zu reden. Sonst hat er ja keinen einzigen, bei dem er seinem Herzen Luft machen kann, die Frau hat auf alles nur Bibelsprüche im Munde. Es ist wie ein ohnmächtiger Zorn, den er da zwischen den mahlenden, fast schon zahnlosen Kiefern zerbeißt – daß er so ohnmächtig ist, macht ihn nur noch schmerzender!

Nun kommt er auf den Dorfplatz, an dem Schulzenhof, Krämerei, Gasthof, Schule und Pfarrei liegen. Mit denen allen hat er eigentlich nichts zu tun: Krämer und Krüger sind viel zu vorsichtig, sich auf irgend etwas einzulassen womit sie es bei einem von der Kundschaft verderben könnten. Kantor Friedemann ist zu alt und Pastor Lehnich tut immer so, als sei er nicht ganz von dieser Welt, trotzdem er sehr gut rechnen kann. Schulze Haase aber weiß sicher schon Bescheid, sonst wäre ja die Versammlung nicht zu ihm bestellt worden.

Trotzdem steht Förster Kniebusch zögernd auf dem Platz, geht nicht weiter, sondern sieht zum Schulzenhof hinüber. Es wäre gar nicht schlecht, dem Schulzen einmal auf die Pelle zu rücken und mit ihm von Zinsen und Hypothek zu reden. Ehe er aber noch zu einem Entschluß gekommen ist, fliegt ein Fenster im Krug auf. Der häßliche Kopf vom kleinen Negermeier fährt mit funkelnden Brillengläsern und ziemlich gerötet heraus. Meier schreit: Na, Kniebusch, altes Wasserhuhn, komm mal rüber und stoß mit mir an auf meinen Abschied von Neulohe!

Eigentlich ist dem Förster nicht nach Trinken, zudem weiß er, daß der angetrunkene Negermeier bösartig wie ein alter Bulle ist, aber dieser Zuruf klingt doch zu sehr nach Neuigkeiten, und Neuigkeiten kann der Förster nur schlecht widerstehen. Er muß alles wissen, um sich auf alles einrichten zu können. So tritt er denn in den Krug, der Hund kriecht mit aller hündischen Ergebenheit in sein Schicksal unter den Tisch und ist bereit, nun lautlos auszuhalten, dauere es eine halbe Stunde oder vier. Der Förster klopft auf den Tisch und sagt warnend: Aber Geld habe ich nicht bei mir!

Ich auch nicht! grinst Negermeier, der schon kräftig vorgelegt hat. Aber deswegen lade ich dich doch ein, Kniebusch. Und gerne! Die sind nämlich alle auf dem Felde, und so habe ich mir eine Flasche Cognac vom Büfett geholt, und Bier kann ich dir auch einschenken, wenn dir das lieber ist.

Dem Förster graust vor den Folgen dieser eigenmächtigen Selbstbedienung. Verlegen sagt er: Nee, danke, Meier, ich trinke lieber nichts.

Sofort läuft Feldinspektor Meier noch röter an. Ach, du meinst, ich klaue?! Ach, du denkst, ich bezahle nicht, was ich mir nehme?! Das verbitte ich mir, Kniebusch! Sage ein einziges Mal, wo ich was geklaut habe ... Oder –!

›Oder‹ bleibt unklar, denn der Förster versichert sofort, daß alles in Ordnung ist, und daß er einen Cognac möchte.

Ein Cognac ist gar nichts! schreit der kleine Meier und trotz sanften Widerspruchs schenkt er auch noch kunstgerecht ein Glas Bier ein und holt die Kiste mit den Zigarren. Sich selbst bringt er eine Schachtel Zigaretten mit.

Prost, Kniebusch! Daß unsere Kinder lange Hälse kriegen!

Der Förster runzelt die buschige Braue über diesen Trinkspruch, denn er muß an seine beiden gefallenen Söhne denken. Aber es hat keinen Sinn, bei so einem Menschen, wie es Negermeier ist, zu protestieren, und so fragt er denn lieber: Was ist denn seit heute mittag passiert, daß du so plötzlich deinen Abschied feierst?

Sofort ist Meier verdüstert. Das Gewitter ist passiert, murrt er. Dieses elende Berliner Scheißgewitter! Nie kriegen wir bei Westwind Gewitter. Aber heute kriegen wir es!

Ja, in zehn Minuten pladdert's, sagt auch Kniebusch und sieht zum dunklen Fenster. Hast nicht einfahren lassen –? Das ganze Dorf fährt ein!

Merke ich auch, du Riesenroß! schreit Meier gereizt. Und es ist wirklich schwer, das nicht zu merken: grade jagt wieder ein Fuder über den Dorfplatz und verschwindet auf der Haaseschen Hofstatt.

Das ist doch aber noch nicht sicher, daß dich der Rittmeister darum rausschmeißt, tröstet Kniebusch. Freilich, ich an deiner Stelle hätte auch lieber einfahren lassen.

Du an meiner Stelle hättest deinen Dreck vor lauter Schlauheit gefressen! schreit Negermeier wütend los. Er trinkt hastig, trinkt noch einmal und sagt dann ruhiger: Hinterher sind alle Dummen schlau. Warum hast du mir denn heute mittag nicht gesagt, du würdest einfahren lassen, heh, was? Er lächelt überlegen, gähnt dann und trinkt nochmals. Nun sieht er den Förster mit zusammengekniffenen Augen geheimnisvoll zwinkernd an und sagt gezwungen: Übrigens schmeißt mich der Rittmeister nicht nur deswegen raus.

Nein? sagt der Förster und fragt: Hast du übrigens gesehen, ob der Schulze auf seinem Hof ist?

Doch, sagt Negermeier. Kam vorhin mit dem Leutnant rein.

Das paßt Kniebusch gar nicht. Wenn der Leutnant drin ist, hat es keinen Zweck, zum Schulzen zu gehen und mit ihm über die Hypothek zu reden. Und es wäre doch notwendig. In fünf Tagen sind die Halbjahreszinsen wieder einmal fällig, und er kann sich doch nicht zweihundert Mark Papier in die Hand stecken lassen!

Bist du doof auf beiden Ohren, Förster?! schrie Meier. Ich frag dich, wie alt die Weio ist!

Das gnädige Fräulein –? Die ist im Mai fünfzehn geworden.

O wei! O wei! markiert Meier. Da schmeißt mich der Rittmeister bestimmt raus!

Wieso denn? Kniebusch versteht nicht, aber die immer wache Neugierde des Zuträgers und Spitzels stachelt ihn schon. Was meinst du denn?

Ach, laß man! Meier macht eine großartige, wegwerfende Gebärde. Erfährst du alles noch früh genug. Er trinkt und sieht den Förster wieder durch die zusammengekniffenen Lider unverschämt feixend an. Aber eine großartige Brust hat das Mädchen, das kann ich dir sagen, Kniebusch, alter Genießer!

Welches Mädchen –? fragt der Förster verblüfft. Dies will er denn doch nicht glauben.

Na, die kleine Krabbe, die Weio! sagt Negermeier nachlässig. Eine süße Puppe, sage ich dir. Wie mich die da vorhin in ihrem Liegestuhl begrüßt hat. Auf dem Küchenanbau, sage ich dir, nur im Badeanzug. Und dann hat sie so die Achselbänder losgemacht und dann – na, reden wir nicht davon, Kavalier bleibt Kavalier!

Du spinnst ja, Meier! sagt der Förster Kniebusch empört. Du sohlst ja! Du bist ja besoffen!

Natürlich sohl ich, sagt Negermeier mit gespielter Gleichgültigkeit. Natürlich bin ich betrunken. Aber wenn dich einer fragt, Kniebusch, dem kannst du von mir bestellen, daß die Weio da – er zeigt auf die Brust, ziemlich tief unterhalb der Achselhöhle – ein kleines braunes Muttermal hat, und ein süßer Knutschfleck ist das, Kniebusch, kann ich dir flüstern ...

Meier sieht den Förster erwartungsvoll an.

Der grübelt laut: Daß du sie im Badeanzug gesehen hast, Meier, das will ich dir glauben. Auf dem Küchenanbau hat sie schon ein paarmal so gelegen, und die gnädige Frau will es partout nicht leiden, das weiß ich von der Köchin Armgard. Aber daß sie sonst mit dir ... nee, Meier, das nehm ich dir nicht ab, das mußt du Dümmeren als dem Förster Kniebusch erzählen!

Der Förster grinst, jetzt fühlt er sich überlegen. Er schiebt das halb volle Schnapsglas zurück und steht auf: Komm, Cäsar!

Das glaubst du mir nicht?! schreit Negermeier und springt auch auf. Du ahnst ja nicht, Kniebusch, wie verrückt die Weiber nach mir sind. Alle kann ich sie haben, alle! Und die kleine Weio ...

Nee, nee, Meier, sagt Kniebusch, verächtlich grinsend, und macht sich mit diesem Ausspruch den kleinen Meier zum ewigen Todfeind. Für 'ne Stallmagd oder Geflügelmamsell reicht es vielleicht bei dir. Aber das gnädige Fräulein, nee, Meier, du bist eben besoffen.

Soll ich dir's beweisen?! schreit Meier förmlich. Er ist vor Alkohol, Wut, Demütigung völlig von Sinnen. Soll ich dir's schwarz auf weiß zeigen?! Da, kannst du lesen, du dummes Luder? Da, den Brief hat mir dein gnädiges Fräulein geschrieben! Er reißt den Brief aus der Tasche, fetzt ihn auf. Kannst du lesen –? Deine Violet! ›Deine‹ unterstrichen, siehst du das, Glotzauge?! Da, lies mal: Liebster! Allerliebster!! Einziger!!! – Siehste die Ausrufungszeichen? Da – nee, alles brauchst du auch nicht zu lesen – da das noch: ich habe dich ja sooo lieb! Er wiederholt es: Sooo – na, ist das Liebe? Was sagst du nun?!

Er steht triumphierend da. Seine dicken Lippen zittern, seine Augen funkeln. Das Gesicht ist gerötet.

Aber die Wirkung seiner Worte ist anders, als er erwartet hat. Förster Kniebusch ist von ihm fortgetreten, gegen die Tür der Schenke hin. – Nein, Meier, sagt er. Das hättest du nicht tun sollen, mir den Brief zeigen und mir das alles erzählen. Was bist du für ein Schwein, Meier! Nee, das will ich nicht gesehen haben, davon weiß ich nichts, das könnte mir Kopf und Kragen kosten. Nein, Meier, sagt Kniebusch und sieht ihn ganz unverhohlen feindlich an mit seinen alten, etwas blaß gewordenen Augen. Wenn ich du wäre, packte ich auf der Stelle meinen Koffer und reiste ab, ohne Abmeldung, möglichst weit fort. Denn wenn der Rittmeister das erfährt –

Hab dich doch bloß nicht so, du alter Angsthase, sagt Meier mürrisch, stopft aber den Brief doch wieder in die Tasche. Das erfährt der Rittmeister doch nicht. Wenn du die Klappe hältst ...

Ich halte meinen Mund schon, sagt der Förster und will es diesmal wirklich. Ich verbrenne ihn mir nicht gar so gerne. Aber du, du wirst ihn nicht halten ... Nee, Meier, tu einmal was Vernünftiges und fahr ab. Und ganz schnell. – Also, da geht es wirklich los ...

Die beiden haben nicht mehr auf das Wetter draußen geachtet. Dunkler und dunkler ist der Himmel geworden. Eben hat es taghell in die Gaststube geleuchtet, dann hat es ohrenbetäubend geknattert, und nun bricht es rauschend, prasselnd aus tausend Himmelsquellen.

Du wirst doch nicht in das Unwetter laufen! sagt Meier unwillkürlich.

Doch! sagt der Förster. Ich lauf schnell zum Schulzen rüber. Ich möchte hier nicht ... Und er läuft schon.

Negermeier sieht ihn hinter dem dichten Regenvorhang verschwinden. In der Gaststube riecht es nach Alkohol, saurem Bier, Dreck. Langsam macht Meier ein Fenster nach dem andern auf. Er kommt an dem Tisch vorbei, an dem sie gesessen. Unwillkürlich greift er nach der Flasche.

Aber als er sie am Mund hat, schaudert ihm vor dem Geruch des Alkohols, er nimmt die Flasche und läßt sie auf dem Dorfplatz leergluckern. Dann geht er an den Tisch zurück und brennt sich eine Zigarette an. Er greift in die Tasche, zieht den Brief hervor. Der aufgefetzte Umschlag ist endgültig verdorben und der Brief – er legt ihn mit den langsamen, vorsichtigen Bewegungen des Halbtrunkenen auf den Tisch –, und der Brief ist völlig zerknittert. Er versucht, die Falten mit der Hand zu glätten. Dabei denkt er erschöpft: ›Was mach ich nur? Was mach ich nur?‹

Er merkt, daß es langsam feucht wird unter der glättenden Hand. Er sieht hin. Er hat den Brief in eine Cognaclache gelegt, alles ist verschmiert.

›Was mach ich nur?‹ denkt er von neuem.

Er stopft das Geschmier in die Tasche. Dann nimmt er seinen Stock und geht in den strömenden Regen hinaus. Er will erst mal ins Bett, seinen Rausch ausschlafen.

6

Der alte Förster Kniebusch rannte, so schnell er nur konnte, durch den immer stärker fallenden Regen nach dem Haaseschen Gehöft hinüber. So unangenehm es für einen alten Mann auch war, bis auf die Haut naß zu werden – so war das noch immer zehnmal besser, als bei diesem Kerl, dem Negermeier, zu sitzen und seine Schmutzereien anzuhören –!

Im Regenschatten der Haaseschen Scheune blieb Kniebusch stehen: so wie er jetzt war, konnte er nicht zum Schulzen hineingehen. Er trocknete sich schnaufend und umständlich das Gesicht ab und versuchte die klatschnassen Bartsträhnen zu entwirren. Während er aber all dies ganz mechanisch tat, dachte er immerzu, genauso wie der Negermeier drüben in der Schenke: ›Was tu ich nur? Was tu ich nur?‹

Schwer bedrückt es ihn einmal wieder, daß er keine Seele hatte, der er sein Herz ausschütten konnte; hätte er nur einem Menschen von dieser tollen Sache erzählen können, ihm wäre so viel leichter gewesen! So aber brannte und beizte ihn schon jetzt das Gehörte, daß es kaum zu ertragen war. Es war wie eine wunde Stelle am Finger, gegen die man immer wieder stößt; es war wie ein juckendes Ekzem, das man kratzen muß – koste es auch Blut.

Förster Kniebusch wußte wohl – aus mancher bitteren Erfahrung –, wie gefährlich diese immer stärker werdende Geschwätzigkeit und Klatschsucht für ihn war. Die schlimmsten Geschichten hatte er schon damit angerichtet, die unangenehmsten Auftritte gehabt. Wie er da, ziemlich geschützt, am Brettergiebel der Haaseschen Scheune lehnt und immer weiter an sich herumwischt und trocknet, versucht er eifrig, seiner Altersgeschwätzigkeit den Zündstoff fortzunehmen: er hat ja gar nichts zu erzählen! Es ist ja alles nur betrunkenes Gerede von diesem weibstollen Kerl, dem kleinen Meier, gewesen!

Aber wenn er dann so weit ist, wenn er sich schon anschickt, ganz beruhigt und ohne alle gefährliche Ladung in sich, hinein in die Stube des Schulzen zu gehen, dann fällt ein Blitz aus dem Himmel: in der Gaststube steht der Inspektor Meier, reißt den Brief aus der Tasche, fetzt ihn auf, fetzt ihn auf, liest ihn ...

Förster Kniebusch pfeift ganz hoch und langgezogen, obwohl es ihm eigentlich den Atem verschlägt. Der vor nasser Kälte zitternde Hund an seinem Bein fährt zusammen und steht da, Vorderfuß hoch, als wittere er Wild. Förster Kniebusch aber ist schon weiter als sein Hund: er hat den Schwarzkittel, das Borstenschwein, den verdammten Eber in seiner Suhle ausgemacht und ihm die Kugel aufs Blatt gesetzt: Negermeier hat doch gelogen!!!

›Es ist ja auch gar nicht anders möglich‹, stöhnt der Förster Kniebusch erleichtert. ›Dieser Neger mit den Wulstlippen und unser gnädiges Fräulein! Das konnte ich nicht fressen. Und es war auch nicht mein Fraß! So ein dummer Prahlhans und Lügner, denkt, ich komme ihm nicht darauf. Reißt den Brief vor meinen Augen auf und weiß doch schon, was drin steht! Sagt, er ist gerade mit Fräulein Violet zusammen gewesen, und hat einen Brief von ihr in der Tasche! Natürlich hat sie ihm den Brief nur zu besorgen gegeben, und der Kerl hat ihn heimlich durchgeschnüffelt. Oh, die Sache muß ich mir heute noch in aller Ruhe und Andacht durchdenken. Es sollte mich doch wundern, wenn ich nicht alles klar herausbrächte, und am meisten sollte mich wundern, wenn ich dir nicht einen Strick draus drehen könnte, Meierchen! Du sollst mich nicht mehr lange Angsthase und Glotzauge nennen dürfen – wir werden schon sehen, wer es mit der Angst bekommt und glotzt!‹

Kniebusch dreht sich um und nimmt Front nach dem Gasthof. Aber der ist noch nicht wieder zu sehen, die Regenschleier sind zu dicht.

›lst auch besser so‹, denkt Kniebusch. ›Nur jetzt nichts Voreiliges tun! Das muß alles genau überlegt werden, denn es ist klar, daß ich die Sache so drehen muß, daß ich beim gnädigen Fräulein einen Stein im Brett bekomme. Die kann mir eines Tages noch sehr nützlich sein.‹

Damit pfeift Kniebusch durchdringend das Signal: ›Zur Attacke, marsch, marsch!‹ und marschiert ab, gradewegs in die Schulzenstube. Nicht einmal den Hund läßt er wie sonst auf dem Backsteinboden der Küche, sondern erlaubt ihm, mit den nassen Pfoten Schmutzkreise auf die gewachsten Dielenbretter zu treten. So siegesgewiß ist er.

In der Stube gibt es ihm aber doch einen Ruck, denn da sitzt nicht nur der lange Schulze Haase, sondern mitten auf dem eingesessenen Kanapee hockt der Leutnant! Seine alte Feldmütze liegt auf dem gehäkelten Schoner der Kanapeelehne, und da sitzt er, ruppig, struppig, doch immer auf Draht. Zu einer großen Tasse Kaffee ißt er Spiegeleier mit Speck, und in das Fett schneidet er sich Brotwürfel, völlig ländlich schändlich. Und nur die Stunde, nachmittags sechs Uhr, ist eigentlich nicht ganz die richtige für Spiegeleier.

Befehl ausgeführt! meldet der Förster und reißt seine Knochen zusammen, wie er das eben vor allen tut, von denen er glaubt, es stecke irgendeine Befehlsgewalt in ihnen.

Rühren! befiehlt der Leutnant. Aber dann ganz freundlich, einen fetten Fetzen Ei auf der Blechgabel: Na, Förster Kniebusch, immer noch munter auf den ollen Beinen? Alles bestellt und ausgerichtet? Alle angetroffen?

Das ist es ja grade! sagt der Förster, plötzlich wieder ganz kummervoll, und erzählt, was er da vorhin auf seinem Bestellgang im Dorf erlebt hat und was Frau Pieplow und was Frau Päplow gesagt haben.

Alter Schafskopp! sagt der Leutnant und ißt geruhig weiter. Dann wirst du eben noch mal, wenn die Kerls zu Hause sind, durchs ganze Kaff botten müssen, verstanden?! Den Weibern so was zu erzählen – ich sage es ja immer, die Öllsten sind die Döllsten!

Und er macht sich ruhig wieder an sein Essen.

Der Förster hat brav Zu Befehl, Herr Leutnant! gesagt und sich nicht anmerken lassen, wie wütend er ist. Er könnte ja diesen jungen Schnösel fragen, mit welchem Recht er ihn hier anblafft und wieso er ihm hier Befehle gibt – aber es lohnt sich nicht, er läßt es lieber.

Dafür wendet sich Kniebusch an den Schulzen, der lang und knitterig, stumm, wie er meistens ist, in seinem Ohrenstuhl gesessen und sich den Knaatsch, ohne eine Miene zu verziehen, angehört hat. Er fragt ihn gar nicht freundlich: Ach, Schulze, wo ich mal hier bin, wollte ich dich doch fragen, wie ist das mit uns und mit meinen Zinsen? In fünf Tagen sind sie fällig, und ich muß doch nun wissen, wie du es machen willst.

Weißt du das denn nicht? fragt der Schulze und sieht achtsam nach dem Leutnant hinüber. Der aber ißt ruhig weiter und kümmert sich um nichts als um seine Spiegeleier und die Brotflöckchen, die er über den Teller treibt. Das steht doch alles im Hypothekenbrief.

Aber Schulze, sagt der Förster fast flehend, wir wollen uns doch nicht erzürnen, alte Leute, wie wir beide sind.

Wie können wir uns da erzürnen, Kniebusch? fragt der Schulze erstaunt. Du bekommst, was geschrieben steht, und so alt wie du bin ich übrigens auch noch lange nicht.

Meine zehntausend Mark, sagt der Förster mit zitternder Stimme, die ich dir auf deinen Hof gegeben habe, waren gutes Friedensgeld – über zwanzig Jahre habe ich gespart, ehe ich sie zusammen hatte. Und am vorigen Zinstage hast du mir so einen Lappen gegeben – er liegt noch daheim in der Schieblade, nicht eine Briefmarke, nicht einen Nagel habe ich mir dafür kaufen können ...

Kniebusch kann sich nicht helfen, und es ist dieses Mal nicht nur das schwache Alter, es ist auch ehrlicher Kummer, der ihm die Tränen in die Augen treibt. So sieht er den Schulzen Haase an, der langsam die Hände zwischen den Knien reibt, und grade zur Antwort ansetzt, als die scharfe Stimme vom Sofa her befiehlt: Förster!

Der Förster fährt herum, jäh aus seinem Kummer und aus seinem Flehen gerissen. Zu Befehl, Herr Leutnant?

Geben Sie mir mal Feuer, Förster!

Der Herr Leutnant ist mit seiner Esserei fertig. Er hat die letzte Spur Fett von seinem Teller aufgetrocknet, die Neige vom Kaffee getrunken – nun liegt er, bequem ausgestreckt, mit seinen Schmutzstiefeln auf dem Haaseschen Kanapee, hat die Augen geschlossen, aber eine Zigarette zwischen den Lippen, und verlangt Feuer.

Der Förster gibt es ihm. Als der Leutnant den ersten Rauch einzieht, öffnet er die Lider und sieht grade in das tränende Auge des Försters. Na, was denn?! sagt der Leutnant. Ich glaube gar, Sie heulen, Kniebusch?

Es ist nur der Rauch, Herr Leutnant, antwortet Kniebusch verlegen.

Na, denn ist es ja gut, sagt der Leutnant, schließt die Augen wieder und wirft sich auf die Seite.

Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich mir dein ewiges Meckern anhöre, Kniebusch, sagt der Schulze, als der Förster wieder zu ihm zurückkommt. Zweihundert Mark hast du nach dem Hypothekenbrief zu kriegen. Und das vorige Mal habe ich dir schon einen Tausendmarkschein gegeben, und weil du nicht rausgeben konntest, habe ich ihn dir ganz gelassen ...

Nicht einen Nagel habe ich mir dafür kaufen können! wiederholt der Förster verbissen.

Und diesmal will ich auch nicht so sein. Ich hab mir schon einen Zehntausender für dich parat gelegt, und ich will wieder nicht so sein: du sollst mir auch nichts rausgeben müssen, trotzdem zehntausend so viel sind wie deine ganze Hypothek ...

Aber Schulze! ruft der Förster. Das ist doch alles lauter Spott und Hohn! Du weißt ganz gut, daß diese zehntausend noch viel weniger sind als die tausend vor einem halben Jahr! Und ich habe dir mein gutes Geld gegeben ... Der Kummer bricht ihm fast das Herz.

Aber was geht das mich an! ruft jetzt auch der Schulze Haase ärgerlich. Habe ich dein gutes Geld schlecht gemacht? Da mußt du dich an die Herren in Berlin wenden, ich habe doch keine Schuld daran! Geschrieben ist geschrieben ...

Aber es muß doch nach der Gerechtigkeit gehen, Schulze! bittet der Förster. Ich kann nicht zwanzig Jahre gespart und mir nichts gegönnt haben, daß du mir jetzt einen Arschwisch dafür gibst!

So?! sagt der Schulze giftig. Sagst du das, Kniebusch? Und wie war's im Dürrejahr damals, als ich das Geld nicht zusammenkriegen konnte – wer hat da gesagt: geschrieben ist geschrieben?! Und wie war es, als die fetten Schweine achtzehn Mark der Zentner kosteten, und ich sagte: Das Geld ist zu teuer, du mußt etwas nachlassen, Kniebusch! – Wer hat mir da geantwortet: Geld ist Geld, und wenn du nicht zahlst, Schulze, laß ich pfänden. – Wer hat das gesagt?! Bist du das gewesen, Kniebusch, oder war's ein anderer?

Aber das war doch etwas ganz anderes, Schulze, sagt der Förster ziemlich kleinlaut. Damals waren es kleine Unterschiede, aber heute ist es doch so, daß du mir überhaupt nichts geben willst. Ich verlange ja nicht, daß du mir den vollen Wert ersetzt, aber wenn du mir statt der zweihundert Mark zwanzig Zentner Roggen geben wolltest.

Zwanzig Zentner Roggen! Haase bricht in ein schallendes Gelächter aus. Ich glaube, Kniebusch, du bist verrückt geworden! Zwanzig Zentner Roggen, das sind ja über zwanzig Millionen Mark ...

Und sind noch nicht annähernd das, Schulze, was du mir zahlen müßtest, beharrt Kniebusch. Im Frieden waren's meistens dreißig Zentner.

Ja, im Frieden! sagt der Schulze ganz aufgebracht, da er merkt, der Förster läßt sich nicht einfach abspeisen, sondern will ihm ernstlich an den Beutel. Aber jetzt haben wir keinen Frieden, sondern die In-Fla-Ti-On – und da muß jeder für sich selber sorgen. Und nun will ich dir sagen, daß ich deine ewige Meckerei über habe, Kniebusch. Im Dorf klatschst du auch ewig über uns rum, und neulich hast du beim Bäcker gesagt, wieso der Schulze Gänsebraten essen kann, wo er seine Zinsen nicht ehrlich bezahlt. (Red nicht, Kniebusch, das hast du gesagt, ich erfahr alles.) Aber nun radle ich morgen nach Meienburg und mit dem Anwalt schicke ich dir die Zinsen, genau zweihundert Mark, wie es sein muß, und die Kündigung von der Hypothek bekommst du dazu, und zu Silvester kriegst du dann dein Geld wieder, genau zehntausend Mark – und wieviel du dir dann dafür kaufen kannst, das soll mir egal sein. Ja, das tue ich, Kniebusch, denn ich habe es satt mit dir, dein ewiges Gejammer um deine Ersparnisse. Ich tue es und ich mache es ...

Das werden Sie nicht tun, Schulze Haase, kam eine scharfe Stimme vom Sofa her. Und es wird auch so gehen.

Der Leutnant saß wieder aufrecht, völlig wach, die noch qualmende Zigarette im Mundwinkel.

Sie werden am Letzten dem Förster seine zwanzig Zentner Roggen geben, und wir werden jetzt einen Wisch aufsetzen, daß Sie sich auch weiterhin, so lange dieses Dreckgeld umläuft, zu der gleichen Zahlung verpflichten ...

Nee, Herr Leutnant, das schreibe ich nicht, sagt der Schulze entschlossen. Zu so was können Sie mich nun doch nicht kommandieren. Sonst ja, aber dies nicht.

Wenn ich das dem Herrn Major erzähle ... gibt er Ihnen einen Tritt in den Hintern und schmeißt Sie raus. Oder stellt Sie auch als Verräter an die Wand, möglich ist das alles, Schulze. – Mann Gottes! rief der Leutnant lebhafter, sprang auf, ging zum Schulzen und faßte ihn am Rockknopf. Sie wissen doch, worum es geht, und Sie altgedienter Mann wollen dabei noch schnell vor Toresschluß an den Schweinereien von den Brüdern in Berlin profitieren! Schämen Sie sich was, Schulze! Er drehte sich um, ging an den Tisch, nahm sich eine neue Zigarette. Er kommandierte: Feuer, Förster!

Kniebusch, tausendfältig erleichtert, sklavisch dankbar, stürzte herzu. Er flüsterte, indes er den Leutnant mit Feuer bediente: Es müßte auch geschrieben werden, daß die Hypothek nicht gekündigt werden darf. Sonst zahlt er mich jetzt mit dem Drecksgeld aus – und es ist doch all mein Erspartes!

Das Mitleid mit sich selbst überwältigte ihn, die Freude über den unerwarteten Retter machte ihn noch weicher: Förster Kniebusch weinte schon wieder.

Angewidert sah es der Leutnant. Kniebusch, altes Waschweib, sagte er. Hau ab – sonst rede ich kein Wort mehr. Glaubst du, es geht mir um dich?! Du und deine filzigen Kröten – ihr seid mir ja soo egal. Es ist um der Sache willen, die Sache muß sauber sein.

Der Förster ging betreten in den Fensterwinkel – war nicht sein Recht sonnenklar? Warum mußte er angeschnauzt werden?

Der Leutnant wandte sich an den Schulzen. Na, wie ist es, Haase? fragte er qualmend.

Herr Leutnant, sagte der fast bittend. Warum soll ich schlechter gestellt sein als die andern? Alle hier in der Gegend stoßen jetzt ihre Hypotheken ab. Und der Kniebusch ist wirklich keiner, auf den man Rücksicht nehmen muß.

Diesmal sagte der Leutnant: Es geht nicht um den Kniebusch, es geht um Sie, Haase. Sie können nicht Ihren Schnitt durch die Betrügereien der Berliner machen und sie wegen dieser Betrügereien stürzen wollen. Das ist sonnenklar, das versteht jedes Kind, das verstehen Sie auch, Haase – und da drinnen, er tippte ihm leicht auf die Weste, und unbehaglich zog sich der Schulze zurück, da drinnen wissen Sie auch recht gut, daß Sie unrecht haben.

Der Schulze Haase stand in schwerem Kampf. Er hatte in einem langen, arbeitsreichen Leben gelernt, festzuhalten; fortzugeben hatte er nicht gelernt. Endlich sagte er langsam: Ich will schreiben, daß ich ihm die Hypothek nicht kündige und daß ich ihm alle halben Jahre den Wert von zehn Zentnern Roggen zahle ... Mehr trägt der Hof nicht, Herr Leutnant, es sind schlimme Zeiten ...

Pfui, Schulze! sagte der Leutnant leise und sah den alten Mann sehr ernst an. Die ganze Schweinerei trauen Sie Ihrem Gewissen nicht zu, aber die kleine wird's schon verdauen, was? – Sehen Sie mich an, Mann! Ich bin sonst wirklich nicht des Rühmens wert, aber in diesem Punkt ... Ich habe gar nichts, Schulze, seit fünf Jahren habe ich nichts, als was ich auf dem Leibe trage. Manchmal kriege ich Sold, manchmal kriege ich keinen. Es ist auch egal. Entweder glaubt man an eine Sache, dann gibt man alles dafür, oder man glaubt nicht daran – na, und wenn das der Fall ist, Schulze, dann haben wir beide nicht mehr viel miteinander zu reden.

Der Schulze Haase war lange stumm. Schließlich sagte er verdrossen: Sie sind ein junger Mann, und ich bin ein alter. Ich habe einen Hof, Herr Leutnant, ich muß auf den Hof passen. Wir Haases sitzen schon unendlich lange hier, ich möchte mich vor Vater und Großvater nicht sehen lassen, wenn ich den Hof verluderte.

Aber wenn Sie ihn durch einen Betrug erhalten – das macht gar nichts, was, Schulze?

Es ist kein Betrug! rief der Schulze wieder hitzig. Jeder tut es. Und außerdem, Herr Leutnant, sagte er und feixte sachte mit den Fältchen um den Augen, wir sind doch alle Menschen und keine Engel. Der Vater hat auch mal ein Pferd als zugfest verkauft, was es nicht war. Wir werden betrogen, und wir betrügen auch mal – ich denke, daß Gott auch verzeihen kann, steht nicht nur auf dem Papier von der Bibel.

Der Leutnant war schon wieder bei der nächsten Zigarette. Was der Schulze über Gott dachte, interessierte ihn nicht. Ihm lag daran, daß es erst einmal auf dieser Welt besser wurde. Feuer, Förster! befahl er, und der Förster, der mit den Bommeln an den Gardinen gespielt hatte, sprang.

Zurück in Deckung! befahl der Leutnant, und Kniebusch sprang wieder in die Gardinen.

Wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen sage, erklärte der Leutnant verbissen – denn er konnte mindestens ebenso hartköpfig sein wie ein alter Bauernschulze –, wenn Sie nicht tun, was einfache Pflicht jedes anständigen Kerls ist, dann kann ich Sie auch bei unserer Sache nicht brauchen, Schulze.

Ich dachte immer, Sie hätten uns nötig, sagte der Schulze ungerührt.

Und wenn Sie bei unserer Sache nicht mitgemacht haben, Schulze, fuhr der Leutnant völlig unbeirrt fort, und wir sind dann in vier Wochen oder zwei Monaten die Herren – glauben Sie, es wird dann sehr vorteilhaft für Sie aussehen? Wie?

Gott, sagte der Schulze Haase gemächlich, wenn Sie alle, die nicht mitgemacht haben, bestrafen wollen, Herr Leutnant – das wird ein Wehgeschrei durch alle Dörfer geben. Und, spottete er, Sie werden ja wohl auch nicht grade der Landwirtschaftsminister werden, Herr Leutnant.

Schön! meinte der Leutnant kurz und fischte seine Mütze vom Kanapee. Sie wollen also nicht, Schulze?

Ich hab gesagt, was ich will, wiederholte der Schulze hartnäckig. Nicht kündigen und zehn Zentner Roggen Wert.

Wir beide sind fertig miteinander, Schulze, sagte der Leutnant. Kommen Sie, Förster, ich sage Ihnen noch, wo heute die Versammlung stattfindet. Hier jedenfalls nicht.

Der Schulze Haase hätte gern noch etwas gesagt, aber er kniff die schmalen Lippen fest zusammen. Der Leutnant war kein Händler, er ließ sich nichts abhandeln, er verlangte alles oder nichts. Da der Schulze alles nicht bewilligen wollte, schwieg er lieber.

Der Leutnant stand in der Tür des Schulzenhauses und sah auf die Hofstatt hinaus. Hinter ihm standen stumm der Förster Kniebusch und sein Hund. Es sah aus, als scheue sich der Leutnant, in den schwächer, aber immer noch kräftig genug fallenden Gewitterregen hinauszutreten. Aber er dachte gar nicht an den Regen, er sah gedankenverloren auf die offene Scheunentenne, wo sie noch schnell vor Feierabend das letzte vor dem Unwetter geborgene Roggenfuder abluden.

Herr Leutnant, sagte der Förster Kniebusch vorsichtig, man könnte die Versammlung vielleicht bei Bauer Bentzien abhalten ...

Bentzien, jawohl, Bentzien ... sagte der Leutnant nachdenklich und sah weiter dem Fuderabladen zu. Das krachtrockene Stroh raschelte bis zu ihm herüber. Der Leutnant war nicht mehr im Felde gewesen, dafür war er zu jung, aber auch im Baltikum, auch in Oberschlesien hatte man lernen können; daß letzten Endes die größere Zähigkeit entschied. Der Leutnant hatte zum Schulzen gesagt, sie seien beide fertig miteinander, aber wenn Haase das auch glauben mochte, der Leutnant war noch nicht mit dem Schulzen fertig. Grade nicht. Benzin ... murmelte er noch einmal, und dann barsch: Sie warten hier, Förster!

Damit macht der Leutnant kehrt und geht wieder ins Haus.

Kaum fünf Minuten später wird auch der Förster hineingerufen. Der Schulze sitzt am Tisch und schreibt seine Bestätigung, daß er auf Kündigung der Hypothek verzichtet und sich zu einer Zinszahlung von vierzig Zentner Roggen, zahlbar in zwei Halbjahresraten, verpflichtet. Dem Schulzen sieht man nichts an, und dem Leutnant sieht man auch nichts an. Der Förster möchte vor Glück heulen, aber das darf er nicht, sonst geht die Sache womöglich noch wieder zurück. So verbeißt er seine Gefühle und macht dabei ein Gesicht wie ein rotlackierter Nußknacker.

So, Laden geht in Ordnung, sagt der Leutnant und unterschreibt auch noch ›als Zeuge‹ mit einem Krakel. Und nun bestellen Sie die Leute, Kniebusch. Hierher, natürlich hierher. Bauer Bentzien? Benzin kommt hier nicht in Frage!

Und er lacht, ein wenig bösartig, während der Schulze schweigt.

+++

Die Unterredung zwischen dem Leutnant und dem Schulzen war nur sehr kurz gewesen.

Sagen Sie mal, Schulze, hatte der Leutnant hereinschlendernd gefragt, was mir eben noch eingefallen ist: wie ist es denn mit der Feuerversicherung?

Mit der Feuerversicherung? hatte der Schulze ganz verblüfft gefragt.

Na ja doch! hatte der Leutnant ungeduldig gemeint, als müsse ein Kind das verstehen. Wie sind Sie denn versichert?

Vierzigtausend, sagte der Schulze.

Papiermark, was?

Jaaa ... Sehr lang gedehnt.

Ich denke, das sind so etwa vierzig Pfund Roggen, wie?

Jaaa ...

Ist das nicht verflucht leichtsinnig? Wo Sie jetzt die Scheune voll von dem trockenen Heu und Stroh haben, wie?

Aber es gibt doch keine andere Versicherung! hatte der Schulze verzweifelt ausgerufen.

Doch, Schulze, doch, hatte der Leutnant gesagt. Nämlich, wenn Sie jetzt den Förster Kniebusch reinrufen und schreiben, was ich Ihnen sage.

Worauf der Förster Kniebusch hereingerufen wurde.

7

An diesem Nachmittag hatte der Empfangschef des Hotels, Oberleutnant a. D. von Studmann, ein recht unangenehmes Erlebnis. Etwa um drei Uhr nachmittags, zu einer Zeit, da keine Reisenden von den Zügen kamen, war in der Eingangshalle ein ziemlich großer, kräftig gebauter Herr erschienen, tadellos in englische Stoffe gekleidet, ein Schweinslederköfferchen in der Hand.

Einbettiges Zimmer mit Bad ohne Telefon im ersten Stock, hatte der Herr verlangt.

Ihm wurde gesagt, daß alle Zimmer des Hotels Telefon hätten. Der Herr, ein Dreißiger etwa, mit scharf geschnittenem, aber gelblich blassem Gesicht, konnte außerordentlich Schrecken erregend mit diesem seinem Gesicht zucken. Das tat er jetzt und verbreitete solchen Schrecken, daß der Portier zurückfuhr.

Studmann trat näher. Wenn es gewünscht würde, könne das Telefon natürlich aus dem Zimmer entfernt werden. Immerhin ...

Es wird gewünscht! schrie der Fremde plötzlich unvermittelt. Und ohne Übergang verlangte er ganz friedlich, daß auch die Klingelknöpfe auf seinem Zimmer außer Tätigkeit gesetzt würden. Ich wünsche all diese moderne Technik nicht, hatte er stirnrunzelnd gesagt.

Von Studmann hatte sich schweigend verbeugt. Er wartete darauf, daß als nächstes die Entfernung des elektrischen Lichtes verlangt werden würde, aber entweder rechnete der Herr elektrisches Licht nicht zur modernen Technik, oder er hatte diesen Punkt vergessen. Er stieg murmelnd die Treppe hinauf, einen Boy mit dem Schweinslederköfferchen hinter, den Zimmerkellner mit dem Meldeblock vor sich.

Von Studmann war nun lange genug Empfangschef in einer Großstadt-Karawanserei, um sich noch allzusehr über Wünsche von Gästen zu wundern. Von der alleinreisenden Südamerikanerin an, die schreiend ein Zimmerklosett für ihr Äffchen verlangt hatte, bis zu dem soignierten älteren Herrn, der nachts um zwei Uhr im Pyjama auftauchte und flüsternd sofort – aber bitte sofort! – die Besorgung einer Dame aufs Zimmer verlangt hatte – (Stellen Sie sich bloß nicht so an! Wir sind doch alle Männer!) –, fast nichts konnte noch die Gelassenheit Studmanns verwirren.

Trotzdem war etwas an diesem neuen Gast, das ihn zur Vorsicht mahnte. Im Durchschnitt werden Hotels vom Durchschnitt besucht, und der Durchschnitt liest lieber Skandale in der Zeitung, als daß er sie miterlebt. Irgend etwas in des Empfangschefs Brust warnte ihn. Nicht so sehr die albernen Wünsche, eher schon das Fratzenschneiden, das plötzliche Schreien, der unruhige, bald freche, bald gehetzte Blick in den Augen des Gastes hatten ihn gestört.

Immerhin waren die Rapporte, die von Studmann binnen kurzem empfing, befriedigend. Der Boy hatte einen ganzen amerikanischen Papierdollar Trinkgeld bekommen, die Geldtasche des Gastes war außerordentlich gut gefüllt gewesen. Der Zimmerkellner brachte den Meldeschein. Der Herr hatte sich als ›Reichsfreiherr Baron von Bergen‹ eingetragen.

Der vorsichtige Kellner Süskind hatte sich auch noch den Reisepaß des Fremden vorlegen lassen, wozu er nach einer Bestimmung des Polizeipräsidenten berechtigt war. Der Paß – ein Inlandspaß, ausgestellt von der Amtshauptmannschaft in Wurzen – war zweifelsohne in Ordnung gewesen. Der sofort zu Rate gezogene Gotha erwies, daß es Reichsfreiherren von Bergen tatsächlich gab, sie waren in Sachsen ansässig.

Also alles in Ordnung, Süskind, sagte von Studmann und klappte den Gotha wieder zu.

Süskind wiegte unsicher den Kopf. Ich weiß nicht, meinte er. Komisch ist der Herr.

Wieso komisch? Hochstapler? Wenn er zahlt, kann es uns egal sein, Süskind.

Hochstapler? Kein Gedanke! Aber ich glaube, der spinnt.

Spinnt –? fragte von Studmann, ärgerlich, daß auch Süskind denselben Eindruck wie er selbst hatte. Unsinn, Süskind! Vielleicht ein bißchen nervös. Oder angetrunken.

Nervös? Angetrunken? Kein Gedanke! Der spinnt ...

Aber wieso denn, Süskind? Hat er sich denn oben irgendwie komisch benommen –

Gar nicht! gab Süskind bereitwillig zu. Das bißchen Gesichterschneiden und Faxenmachen will gar nichts sagen. Manche denken doch, sie imponieren uns mit so was.

Also –?

Man hat es so im Gefühl, Herr Direktor. Wie vor einem halben Jahr sich der Trikotageonkel auf 43 aufhängte, hab ich's auch im Gefühl gehabt ...

Um Gottes willen, Süskind! Malen Sie bloß nicht den Teufel an die Wand! – Na, ich muß jetzt weiter. Halten Sie mich auf dem laufenden und haben Sie immer ein Auge auf den Herrn ...

Von Studmann hatte einen sehr anstrengenden Nachmittag. Der neue Dollarkurs hatte nicht nur eine Neuauszeichnung aller Preise notwendig gemacht, nein, der ganze Etat mußte neu kalkuliert werden. Studmann saß wie auf Kohlen im Sitzungszimmer der Direktion. Unendlich umständlich setzte Generaldirektor Vogel auseinander, daß man erwägen müsse, ob nicht, vorsorglich weiterer Dollarsteigerungen, ein gewisser Aufschlag auf den jetzigen Kurs kalkuliert werden müsse, um sich nicht ›auspowern‹ zu lassen.

Wir müssen die Substanz erhalten, meine Herren! Die Substanz! Und er setzte auseinander, daß beispielsweise unser Vorrat an Alabaster-Schmierseife im letzten Jahre von 17 auf einen halben Zentner gesunken sei.

Trotz der mißbilligenden Blicke seines Vorgesetzten rannte Studmann immer wieder in die Halle hinaus. Nach der vierten Stunde hatte der Strom der Reisenden sehr kräftig eingesetzt, im Empfang hatten alle Angestellten fieberhaft zu tun, und der Strom der Ankommenden staute sich gegen die, die plötzlich den Entschluß, abzureisen, gefaßt hatten.

Flüchtig nur nickte Studmann mit dem Kopf, als Süskind ihm zuflüsterte, der Herr auf 37 habe ein Bad genommen, sich dann ins Bett gelegt und eine Flasche Cognac und eine Flasche Sekt kommen lassen.

›Also doch ein Trinker‹, dachte er gehetzt. ›Wenn er zu randalieren anfängt, schicke ich ihm den Hotelarzt und lasse ihm ein Schlafmittel geben.‹

Und er eilte weiter.

Studmann kam grade wieder aus dem Sitzungszimmer, wo Generaldirektor Vogel jetzt dabei war, auseinanderzusetzen, daß Kalkeier der Ruin des Hotelgewerbes seien. – Immerhin sei unter den heutigen Umständen zu erwägen, ob nicht ein gewisser Vorrat ... da die Zufuhren an Frischeiern ... und da leider auch die Kühlhauseier ...

›Idiot!‹ dachte von Studmann im Wegstürzen. Und verwundert: ›Wieso bin ich eigentlich so gereizt? Ich kenne diese Nölerei doch schon seit ewig ... Das Gewitter muß mir in den Knochen sitzen ...‹

Der Zimmerkellner Süskind hielt ihn an. Jetzt geht es los, Herr Direktor, sagte er mit gramverzerrtem Gesicht über der schwarzen Frackbinde.

Was geht los? Sagen Sie schnell, was Sie wollen, Süskind. Ich habe keine Zeit.

Aber der Herr von 37 doch, Herr Direktor! sagte Süskind vorwurfsvoll. Er sagt, es ist eine Schnecke im Sekt!

Eine Schnecke –? Von Studmann mußte lachen. Unsinn, Süskind, lassen Sie sich doch nicht durch den Kakao ziehen! Wie sollen Schnecken in den Sekt kommen?! Habe noch nie so was gehört.

Aber es ist eine drin, beharrte Süskind kummervoll. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Eine große schwarze Nacktschnecke ...

Sie haben –? Plötzlich war Studmann ernst geworden, er überlegte. Es war völlig unmöglich, daß in dem Sekt seines Hauses Schnecken waren! Hier verkaufte man keinen gemanschten Schiebersekt! So hat er sie reingesteckt, um uns einen Possen zu spielen, entschied er. Bringen Sie ihm unberechnet eine andere Flasche. Hier – für den Kellermeister.

Er schrieb mit fliegender Hand den Bon aus.

Und passen Sie gut auf, Süskind. Daß er den Spaß nicht noch einmal macht!

Süskind wiegte ganz gebrochen den Kopf. Wollen Sie nicht doch lieber einmal selbst zu ihm gehen? Ich fürchte ...

Unsinn, Süskind. Ich habe keine Zeit für solche Späße. Wenn Sie das nicht selbst in Ordnung bringen können, nehmen Sie sich den Kellermeister mit als Zeugen oder wen Sie wollen ...

Studmann rannte schon. In der Halle schrie der bekannte Eisenmagnat Brachwede, er habe die Zimmer für zehn Millionen täglich gemietet, und hier auf der Rechnung stünden fünfzehn ... Er hatte den Magnaten über das zu unterrichten, was er längst wußte, nämlich über den gestiegenen Dollar, er hatte hier zuzureden, dort zu lächeln, einem Boy einen zornigen Wink zu geben, er solle etwas besser aufpassen, den Transport einer gelähmten Dame in den Fahrstuhl zu überwachen, drei Telefonanrufe abzuweisen ...

Als der betrübte Süskind schon wieder hinter ihm stand.

Herr Direktor! Ach bitte, Herr Direktor! flüsterte er, ein wahres auf die Nerven gehendes Bühnen-Intriganten-Geflüster alten Stils.

Was ist denn nun schon wieder los, Süskind?!

Der Herr auf 37, Herr Direktor ...

Was denn? Was denn?! Noch 'ne Schnecke im Sekt?

Herr Tuchmann (dies war der Kellermeister) machte eben die elfte Flasche auf – in allen sind Schnecken!

In allen! schrie von Studmann förmlich. Und leiser, als er die Blicke der Gäste auf sich fühlte: Sind Sie denn nun auch verrückt geworden, Süskind?

Süskind nickte traurig. Der Herr schreit. Schwarze Nacktschnecken verbittet er sich, schreit er ...

Los! schrie Studmann und raste schon die Treppe zum ersten Stock hinauf, ganz ohne Rücksicht auf die würdige Haltung, die der Empfangschef und Subdirektor eines so vornehmen Betriebes in jeder Lage zu bewahren hat. Der kummervolle Süskind raste hinterdrein.

Sie spritzten durch die verblüfften Gäste – und es verbreitete sich sofort das Gerücht, unkontrollierbar woher: die Koloratursängerin Contessa Vagenza, die heute abend in den Kammersälen auftreten sollte, habe soeben entbunden.

Sie kamen gleichzeitig vor Nummer 37 an. Angesichts der erhaltenen Berichte meinte von Studmann, auf alle zeitraubenden Höflichkeiten verzichten zu können. Er klopfte nur kurz und trat ein, ohne das Herein abzuwarten. Ihm folgte auf dem Fuß der Kellner Süskind, der sorgfältig die gepolsterte Doppeltür schloß, um den Lärm der etwa kommenden Auseinandersetzung den andern Gästen fernzuhalten.

In dem recht großen Zimmer brannte das elektrische Licht. Die Vorhänge der beiden Fenster waren dicht geschlossen. Ebenso war die Tür zu dem anstoßenden Badezimmer geschlossen – wie sich bald herausstellen sollte, war sie auch verschlossen. Der Schlüssel war abgezogen.

In dem breiten, ganz modernen Metallbett aus Chromstahl lag der Gast. Das Gelb seines Gesichtes, das Studmann schon in der Halle aufgefallen war, sah noch krankhafter gegen die weißen Kissen aus. Dazu trug der Gast einen purpurroten Pyjama aus einem scheinbar sehr kostbaren Brokatstoff – die gelben, dicken Stickereien dieses Pyjamas sahen fahl aus gegen das gallige Gesicht. Eine Hand, eine kräftige Hand mit einem auffallend schönen Siegelring, hielt der Gast offen auf der blauseidenen Steppdecke. Die andere lag unter der Decke.

All dies sah Studmann mit einem Blick, er sah auch den an das Bett geschobenen Tisch, die Unzahl der darauf stehenden Cognac- und Sektflaschen verblüffte ihn. Es mußte viel mehr heraufgeschafft worden sein als die von Süskind erwähnten elf Flaschen.

Ärgerlich stellte von Studmann zugleich fest, daß der überängstliche Süskind sich nicht mit der Zeugenschaft des Kellermeisters begnügt hatte, auch ein Page, das Zimmermädchen, ein Liftboy und irgendein graues, weibliches Wesen, das vermutlich aushilfsweise mit Zimmerreinigen beschäftigt gewesen war, standen in der Nähe des Tisches, eine kleine, sehr ängstliche und verlegene Gruppe.

Einen Augenblick lang überlegte Studmann, ob er erst einmal diese Zeugen eines etwaigen Skandals vor die Tür setzen sollte, aber ein Blick auf das schrecklich zuckende Gesicht des Gastes belehrte ihn, daß Eile am Platz war. So trat er denn mit einer Verbeugung an das Bett, nannte seinen Namen und blieb abwartend stehen.

Sofort lag das Gesicht des Herrn ruhig. Nicht angenehm! näselte er in jenem arroganten Leutnantston, den von Studmann längst ausgestorben geglaubt hatte. Außergewöhnlich unangenehm für – Sie! Schnecken im Sekt – irrsinnige Schweinerei!

Ich sehe keine Schnecken, sagte von Studmann mit einem kurzen Blick auf Sektkelche und Flaschen. Was ihn zutiefst beunruhigte, war nicht diese alberne Reklamation, sondern der Blick grenzenlosen Hasses aus den dunklen Augen des Gastes, diesen Augen, die frech und zugleich feige waren, Augen, wie sie Studmann noch nie gesehen hatte.

Sie sind aber drin! schrie der Gast so plötzlich, daß jeder zusammenfuhr. Er saß jetzt im Bett, eine Hand in die Steppdecke gekrallt, eine andere unter der Decke.

(›Achtung! Achtung!‹ sagte von Studmann zu sich. ›Der hat was vor!‹)

Alle haben die Schnecken gesehen. Nehmen Sie die Flasche, nein, die!

Gleichgültig nahm Studmann die Flasche in die Hand, hielt sie gegen das Licht. Er war vollkommen davon überzeugt, daß der Sekt ganz in Ordnung war – und daß der Gast das ebensogut wie er wußte. Mit irgendeinem Trick hatte er die einfältigen Gemüter von Kellner und Kellermeister überrumpelt – aus einer Absicht heraus, die Studmann jetzt noch nicht wußte, wohl aber rasch erfahren würde.

Achtung, Herr Direktor! rief da schon der Zimmerkellner Süskind – und Studmann fuhr herum. Aber es war schon zu spät. In die Betrachtung der Flasche vertieft, hatte Studmann den Gast aus den Augen gelassen. Unfaßbar leise war der aus dem Bett und zur Tür geglitten, hatte abgeschlossen – und nun stand er dort, in der einen Hand den Schlüssel, in der andern erhobenen eine Pistole.

Von Studmann war manches Jahr im Felde gewesen, eine auf ihn gerichtete Schußwaffe konnte ihn nicht sonderlich aus der Ruhe bringen. Was ihn erschreckte, war der Ausdruck von Haß und trostloser Verzweiflung, der auf dem Gesicht des geheimnisvollen Fremden lag. Dabei war dies Gesicht jetzt ganz ruhig, nichts mehr von Grimassen, eher ein Lächeln, ein sehr höhnisches Lächeln allerdings.

Was soll das? fragte Studmann kurz.

Das soll heißen, sagte der Gast leise, aber sehr deutlich, daß die Stube jetzt auf mein Kommando hört. Wer nicht pariert, wird erschossen.

Haben Sie Absichten auf unser Geld? Die Beute wird sich kaum lohnen. Sind Sie nicht der Baron von Bergen?

Kellner! sagte der Fremde. Prächtig stand er da, in seinem purpurnen, mit Gelb gestickten Pyjama, zu prächtig für das gelbe, kranke Gesicht darüber. Kellner, schenken Sie jetzt in sieben Sektkelche Cognac. – Ich zähle bis drei, wer dann nicht ausgetrunken hat, bekommt einen Schuß. – Nun, wird es?!

Mit einem hilfeflehenden Blick auf Herrn von Studmann hatte sich Süskind an das befohlene Einschenken gemacht.

Was sollen diese Scherze? fragte von Studmann unwillig.

Sie sollen trinken! sagte der gastgebende Gast. Eins – zwei – drei –! Trinkt!! Wird es wohl?! Ihr sollt trinken!

Jetzt schrie er doch wieder.

Die andern sahen auf Studmann – Studmann zögerte ...

Der Fremde schrie noch einmal: Trinkt! Austrinken! Und schoß. Nicht nur die Frauen schrien. Allein hätte von Studmann den Kampf mit dem Mann gewagt, aber die Rücksicht auf die fassunglosen Leute im Zimmer, der Ruf des Hotels befahlen ihm Zurückhaltung.

Er wandte sich um, sagte ruhig: Also trinkt! lächelte ermutigend in die ängstlichen Gesichter und trank selbst.

Es waren mehrere sehr große Schlucke Cognac in dem Sektglas, Studmann bezwang sie rasch, aber hinter sich hörte er die andern, wie sie sich verschluckten und prusteten.

Es muß ausgetrunken werden, sagte der Fremde zänkisch. Wer nicht austrinkt, wird erschossen.

Von Studmann durfte sich nicht umdrehen, er mußte den Gast im Auge behalten; immer noch hoffte er, daß der Gast einen Augenblick nicht aufpassen und ihm so das Wegnehmen der Waffe ermöglichen würde.

Sie haben in die Decke geschossen, sagte er höflich. Ich danke Ihnen für die Rücksichtnahme. Darf ich jetzt erfahren, warum wir uns hier betrinken sollen?

Es liegt mir nichts daran, Sie zu erschießen, wenn es mir auch nicht darauf ankommt. Es liegt mir daran, daß Sie sich betrinken. Keiner verläßt diesen Raum lebend, ehe nicht jeder Tropfen Alkohol ausgetrunken ist. – Kellner, gießen Sie jetzt Sekt ein.

Eben, sagte von Studmann, dem daran lag, ein Gespräch in Gang zu halten. Das hatte ich schon verstanden. Es würde mich nun interessieren, warum wir uns betrinken sollen.

Weil ich meinen Spaß haben will. – Jetzt trinkt.

Eine Hand hatte von Studmann von hinten einen Sektkelch in seine Hand geschoben, er trank. Dann sagte er: Weil es Ihnen Spaß macht also. Und möglichst gleichgültig: Ich vermute, Sie wissen, daß Sie geisteskrank sind?

Ich bin, sagte der andere ebenso gleichmütig, bereits seit sechs Jahren entmündigt und in einer Klappskiste untergebracht. – Kellner, jetzt wieder, sagen wir, eine Schale Cognac. Erklärend: Ich will nicht zu hastig vorgehen, das Vergnügen soll länger dauern. Und wieder gleichmütig berichtend: Ich konnte das Schießen im Felde nicht vertragen, alle schossen immer nur auf mich. Seitdem schieße ich allein. – Trinkt!

Von Studmann trank. Er fühlte, wie der Alkohol vorerst wie ein feiner Nebel wolkig in seinem Hirn aufstieg. Aus dem Augenwinkel sah er, ohne den Kopf zu drehen, am andern Zimmerende den Kellner Süskind auftauchen und zu der Badezimmertür schleichen. Aber auch der Baron hatte ihn gesehen. Leider abgeschlossen, sagte er lächelnd, und Süskind verschwand wieder aus dem Gesichtsfeld des Empfangschefs, mit einer bedauernden Bewegung der Schultern.

Dann hörte von Studmann eine Frau hinter sich sanft kreischen und Getuschel der Männer. ›Achtung, Oberleutnant! Achtung!‹ sprach es in ihm, und sein Kopf war wieder ganz klar.

Ich verstehe, sagte er. Doch wie kommen wir zu der Ehre, in diesem Hotel mit Ihnen zu trinken, da Sie doch in einer Anstalt interniert sind?

Ausgerissen! lachte der Baron kurz. Die sind ja so dumm. Der alte Geheimrat wird schön fluchen, wenn er mich wieder holt. Ein paar hübsche Dinger habe ich unterdes angerichtet, ganz abgesehen von dem Wärter, dem ich eins auf die Birne gegeben habe. – Es geht zu langsam, murmelte er plötzlich mürrisch. Viel zu langsam. Noch einen Cognac, Kellner. Der ganze Kelch!

Ich würde um Sekt bitten, versuchte Studmann.

Doch es war falsch.

Cognac! schrie der Gast um so wilder. Cognac! – Wer nicht Cognac trinkt, wird erschossen! – Mir ist es egal! schrie er mit Bedeutung zu Studmann. Ich habe den Paragraphen 51, mir passiert nichts. Ich bin der Reichsfreiherr Baron von Bergen. Kein Polizist darf mich anfassen. Ich bin geisteskrank. – Trinkt!

›Dies muß schiefgehen‹, dachte von Studmann verzweifelt, während das ölige Zeug langsam seine Kehle hinunterrann. ›Die Weiber hinten lachen und kichern schon. In fünf Minuten hat er auch mich so weit, wie er uns haben will, und sieht die Gesunden wie irre Tiere vor dem Geisteskranken kriechen. Ich muß sehen ...‹ Aber es war nichts zu sehen. Mit einer unbeirrbaren Aufmerksamkeit stand der Narr unter der Tür, die Pistole in der Hand, den Finger am Abzug – und gab sich keine Blöße.

Einschenken! befahl er grade wieder. Einen ganzen Kelch Sekt, daß der Mund wieder frisch wird.

Richtig, Meister, Sie sind richtig! rief jemand, es war wohl ein Boy, aber die andern lachten zustimmend.

Sie sind Kavalier, versuchte es Studmann noch einmal. Ich mache Ihnen den Vorschlag, daß wir wenigstens die beiden Damen aus dem Zimmer lassen. Keiner von uns andern versucht unterdessen herauszukommen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort ...

Damen raus – is nich! grölte es von hinten. Nich wahr, Miezeken? So fein und so nobel kriegen wir es nicht alle Tage ...

Sie hören! lächelte der Baron höhnisch. Und: Trinkt! – Jetzt wieder Cognac. Und setzt euch endlich! Da, richtig, aufs Sofa. Immer los, auch aufs Bett! Sie werden sich auch setzen, mein Herr Direktor! Los! Glauben Sie, ich mach Witze? Ich schieße! Da! Es knallte. Sie schrien. So – trinkt erst wieder. Und nun macht es euch bequem. Röcke aus, Kragen ab, Mädchen da, bind die Schürze ab. Ja, zieht euch ruhig die Blusen aus ...

Herr Baron! sagt von Studmann erbittert. Wir sind hier in keinem Bordell. Ich weigere mich ...

Und dabei fühlte er doch, wie unter der Einwirkung des Alkohols Wille und Tat nicht mehr parallel liefen: der Gehrock hing schon über der Sessellehne, er nestelte an der Binde.

Ich weigere mich ... rief er noch einmal schwach.

Trinkt! schrie der andere. Und höhnisch: In fünf Minuten werden Sie sich nicht mehr weigern. – Jetzt Sekt!

Es gab einen Krach, Geklirr zerbrochenen Glases. Der Kellner Süskind war quer über den Tisch gestürzt, dann zur Erde gefallen. Jetzt lag er da, röchelnd, sichtlich bewußtlos ...

Der Kellermeister, die dicke Pranke fest auf der Brust des Mädchens, saß lachend auf dem Bett. Die ältliche Reinmachefrau hielt in jedem Arm einen von den Jungen; hochrot schien sie nichts mehr von der Welt um sich zu merken.

Ihr sollt trinken! schrie der Irre. Sie, Herr, gießen Sie jetzt ein! Sekt!

›In drei Minuten bin ich verloren‹, dachte Studmann, indem er zur Sektflasche griff. ›In drei Minuten bin ich so weit wie die andern ...‹

Er fühlte das Ende der Flasche kühl und fest in der Hand, plötzlich war sein Kopf klar.

›Es ist ja alles ganz leicht ...‹ dachte er.

Die Sektflasche war zur Handgranate geworden. Er zog ab und warf sie gegen den Kopf des Rotröckigen. Er sprang hinterher.

Der Baron hatte Schlüssel und Pistole fallen lassen, er war hingestürzt, er schrie: Sie dürfen mir nichts tun! Ich bin geisteskrank! Ich habe den Paragraphen 51! Schlagen Sie mich nicht, bitte nicht, Sie machen sich strafbar! Ich habe den Jagdschein!

Und indes von Studmann immer neu in betrunkener Wut auf das Jammergeschöpf einschlug, dachte er wütend: ›Bin ich doch auf ihn reingefallen! Das ist ja bloß ein Feigling, wie sie sich im Felde bei jedem Trommelfeuer die Hosen füllten! In der ersten Minute hätte ich ihm in die Fresse schlagen sollen!‹

Dann ekelte es ihn, weiter in dieses weiche, feige Gewimmer hineinzuschlagen, er sah den Schlüssel neben sich auf der Erde, nahm ihn, stand taumelnd auf, schloß und trat auf den Gang.

+++

Die Gäste, die vor dem niederbrechenden Gewitterregen sehr zahlreich Schutz in der großen Hotelhalle gesucht hatten, fuhren erschrocken zusammen, als sie oben auf der breiten, mit roten Läufern belegten Paradetreppe zum ersten Stock einen taumelnden Mann in zerrissenen Hemdsärmeln mit blutendem Gesicht auftauchen sahen. Erst bemerkten ihn nur einige, aber unter ihnen entstand abwartende Stille. Schon sahen sich andere um, starrten, als könnten sie es nicht glauben.

Der Herr, der Mann stand balancierend oben auf der ersten Stufe, er starrte in die menschenwimmelnde Halle hinab, er schien nicht zu wissen, was dies war, wo er war. Er murmelte etwas. Man konnte es nicht verstehen, aber unten wurde es immer stiller. Deutlich klangen jetzt aus dem Café die Geigen der Musiker herüber.

Der Rittmeister von Prackwitz war aus seinem Sessel aufgestanden, ungläubig starrte er auf die Erscheinung.

Die Angestellten des Hotels sahen hinauf, starrten, wollten etwas tun, wußten doch nicht, was ...

Narren! schrie der Betrunkene jetzt da oben. Wahnsinnig! Denken, sie haben den Jagdschein, aber ich dresche sie ...!

Schwächer schrie er noch einmal zu den von unten Starrenden: Ich dresche euch Idioten!

Er verlor den Halt. Lustig rief er: Hoppla!, sechs Stufen schaffte er noch aufrecht. Dann stürzte er vornüber, und so fiel er die Treppe hinab, den zurückweichenden Gästen vor die Füße.

Da lag er nun, bewegungslos, bewußtlos.

Wo bringen wir ihn hin? fragte der Rittmeister von Prackwitz hastig und faßte ihn schon unter den Achseln.

Plötzlich wimmelte es um den Gefallenen von Angestellten. Die Gäste wurden zurückgedrängt. Unter der Treppe, in dem Gang zu den Wirtschaftsräumen, verschwanden die Träger – mit Studmann und Prackwitz. Die ersten Nachrichten zirkulierten: Junger Deutschamerikaner. Alkohol nicht gewöhnt, Prohibition, Dollarmilliardär, stockbetrunken ...

Alles war drei Minuten darauf wieder in Ordnung: schwatzte, langweilte sich, fragte nach Post, telefonierte, sah nach dem Regen.

8

Als Wolfgang Pagel zwischen sechs und sieben Uhr abends aus dem Kunstgeschäft in der Bellevuestraße trat, regnete es noch immer, wenn auch sachter. Zweifelnd sah er die Straße hinauf und hinunter. Sowohl am Esplanade-Hotel wie beim Rolandsbrunnen hielten Autotaxen, sie hätten ihn schnell genug zu Petra gebracht. Aber ein starrköpfiger Eigensinn verbot ihm, dieses allein für sein Mädchen bestimmte Geld anzugreifen.

Er rückte die alte Feldmütze fester und ging los – in einer halben Stunde konnte er gut und gerne bei Peter sein. Vorhin war er, ohne Geld, mit der Elektrischen sehr schön auf den Potsdamer Platz gekommen, obwohl ihn das Bild jedem Schaffner auffällig machte. Aber der durch das Unwetter gesteigerte abendliche Ansturm auf die Bahnen hatte ihm trotz alldem die Schwarzfahrt möglich gemacht. Jetzt, unfaßbare Millionen in der Tasche, konnte so eine Schwarzfahrt unmöglich gewagt werden – ein Nachlösen, wurde er ertappt, hätte seine Millionen angerissen.

Pagel pfeift zufrieden vor sich hin, während er an der endlosen Gartenmauer des Reichskanzlerpalais einhergeht. Er weiß sehr wohl, daß all diese Überlegungen über Fahrgeld oder kein Fahrgeld blanker Unsinn sind, daß es viel wichtiger (und auch anständiger) wäre, Peter rasch Hilfe zu bringen – aber er zuckt die Achseln.

Er ist wieder einmal der Spieler. Er hatte sich vorgenommen, den ganzen Abend, komme, was da wolle, nur Rot zu setzen – und er wird nur Rot setzen, der Teufel hole ihn, die Chancen mögen gegen ihn sein, wie sie wollen! Rot siegt doch! So wird, führt er nur seinen Vorsatz durch, Petra die 760 Millionen unversehrt in die Hände zu legen, ihre Sache zum guten Ende kommen. Fehlen aber nur zehntausend, nur tausend Mark an dem Geld, so sind die schwarzen Folgen gar nicht abzusehen!

Vielleicht dämlich, sicher abergläubisch – aber kann man es denn wissen? Dies Leben ist so verzwickt, kommt immer von hinten herum, vereitelt alle Logik, jede genaue Berechnung – besteht da nicht die allergrößte Aussicht, mit Aberglauben, mit dämlichem Rechnen, mit Widersinn und Unverstand ihm auf die Schliche zu kommen –?! Nun also, Wolfgang, es ist alles richtig, und wenn es nicht richtig ist, ist es auch noch so! Ob man mit Logik oder mit Unverstand falsch rechnet, ist das Privatvermögen jedes einzelnen – er, Wolfgang Pagel, ist für den Unverstand.

So bin ich, so bleibe ich, in Ewigkeit, Amen!

Siebenhundertsechzig Millionen! Runde tausend Dollar! Viertausendzweihundert Friedensmark!!! Ein hübsches Sümmchen in der Abendstunde für einen, der am Mittag noch beim Onkel um einen einzigen Dollar betteln mußte! Für den zwei Schrippen und eine – sehr abgestoßene – Emaillekanne mit Mischkaffee in der Morgenstunde außer dem Bereich alles Möglichen waren!

Pagel ist unter dem Brandenburger Tor angekommen, er möchte hier einen Augenblick Luft holen vor dem ewig niederrinnenden Regen, sich das Gesicht abtrocknen. Aber es ist nicht möglich – unter den Torbogen drängt es sich von Bettlern, Hausierern, Kriegsverletzten. Alle hat – aus den Eingängen des Tiergartens, vom Pariser Platz her – der Regen in diesen Schutz gescheucht, und wenn sich Pagel unter sie stellt, gefährdet seine Unfähigkeit, ›Nein‹ zu sagen, die Unverletzbarkeit seines heiligen Geldtransportes. So entflieht er sich und dem Flehen der Bettler – hart wie viele Menschen aus Schwäche, nicht aus Härte – und geht wieder hinaus in den Regen.

Er hält – ein wenig gezwungen ist diese Haltung – die Hände sorgfältig über die Taschen seines Waffenrockes. In den Hosentaschen nicht, auch nicht in den Innentaschen, wohl aber in diesen Außentaschen ist sein Geld durch Naßwerden gefährdet. Er vergißt nicht eine Sekunde (was er grade auch denken mag), daß er diese Summe bei sich trägt: 760 Millionen. Darunter ein Viertel, also 250 Dollar, in gutem amerikanischem Notenbankpapier, herrliche Papierdollars, das Begehrteste, was es heute gibt in Berlin ...

Ich kann die Stadt tanzen lassen dafür heute nacht! denkt Wolfgang und pfeift zufrieden. Der Rest – 570 Millionen – ist deutsches Papier, teilweise in unglaublich kleinen Beträgen.

Wie es aber auch zusammen gekommen war! Schwer genug hatte es gehalten, dem Kunstfritzen diese Summe heute abend noch zu entreißen! Es sei nicht so viel Geld mehr im Hause, zu den Banken könne man auch nicht mehr schicken, sie seien schon geschlossen. Eine Anzahlung, jawohl, und der Rest morgen früh, 9 Uhr 30 durch Boten an jedem Fleck in Berlin, den Herr Pagel nur wünschen würde. Er sei dem Herrn Pagel doch wohl gut für diese Summe, wie?

Und dabei hatte der Händler, ein schwerer, massiger Mann, ziemlich rotes Gesicht und dazu ein Assyrerbart, schwarz, an seinen Wänden entlang gesehen. Mit einem liebevollen Stolz.

Wolfgang war diesem Blick mit seinen Augen gefolgt. So weit war er nun doch der Sohn seines Vaters, er hatte den Stolz verstanden, und auch die Liebe dieses schweren Mannes, der eigentlich gar nicht nach Kunst aussah, zu seinen Bildern.

Drüben, zwei Häuserblocks weiter, an der Potsdamer Straße, verkauften sie im ›Sturm‹ auch Bilder. Da hatte man manchmal lange mit Peter gestanden und diese Marcs, Kampendoncks, Klees, Noldes angesehen. Manchmal hatte man lachen müssen oder den Kopf schütteln oder schimpfen, denn vieles war einfach wichtigtuerische Frechheit – es waren die Zeiten des Kubismus, des Futurismus, des Expressionismus. Sie klebten Zeitungspapier in ihre Bilder und zerbrachen die Welt zu Dreiecken, die man wie ein Puzzlespiel wieder zusammensetzen wollte. Aber manchmal hatte man auch dagestanden, von etwas durchzuckt. Ein Gefühl regte sich, etwas rührte einen an, eine Saite erklang: dies ist doch etwas? Wird doch etwas Lebendiges geboren aus dieser fauligen Zeit?

Hier aber, bei diesem reichen Mann, der Bilder nur kaufte, wenn sie ihm gefielen, dem nur wenig am Verkauf des Erworbenen lag – hier sah man nicht solche Experimente, keine tastenden Versuche. Hier gab es, schon im Empfangsraum, einen Corot, irgendeinen Weiher, ganz in rötliches Licht getaucht, und röter war doch noch die Mütze des einsamen Fährmannes, der den Kahn vom Ufer mit der Ruderstange abstieß. Es gab einen herrlichen van Gogh: die unendliche Weite grünender und gilbender Felder, mit dem noch viel weiteren Blau des Himmels darüber, das schon schwarz vom aufsteigenden Gewitter zu werden beginnt. Es gab einen Gauguin, mit den sanftbraunen, schönbrüstigen Mädchen; jawohl, auch einen Pointillisten wie Signac, einen kindlich unbeholfenen Mann wie Rousseau, ein stilles Tierstück von Zügel, rot besonnte Kiefern von Leistikow ... Aber all das war längst dem Experiment entrückt – Verständnis hatte es geprüft und der Liebe für wert gefunden, und nun wurde dies alles geliebt. Diesem Mann konnte man trauen.

Aber wenn Wolfgang Pagel dies alles auch sah und verstand, so wußte er doch ebensogut, daß er hier verlangen konnte, was er wollte, selbst etwas Unmögliches, wie nach sechs Uhr, wenn kein Geld mehr im Hause ist, die Summe von 760 Millionen zusammenzukratzen. Schon als er eingetreten war, triefend naß wie eine gebadete Katze, und unter seinem Waffenrock das Bild hervorgezogen hatte, das er dort vor dem Gewitterschauer, so gut es eben ging, geschützt hatte – als er dieses Bild dem etwas pflaumenweichen Herrn, der ihn empfing, gezeigt und als der sachlich, aber mit einem mißtrauischen Blick auf ihn gesagt hatte: Gewiß, ein Pagel. – Aus seiner ersten Zeit. – Sie verkaufen im Auftrag von –? – schon da hatte er gespürt, daß man hier dieses Bild unter allen Umständen kaufen würde, daß er die Bedingungen machen konnte.

Dann hatte der Pflaumenweiche – auf Pagels Antwort hin: Ich verkaufe im eigenen Auftrag – den Besitzer gerufen, und dieser hatte, ohne auch nur viel Aufhebens von dem Mann im Waffenrock zu machen (in diesen Zeiten verkauften die unwahrscheinlichsten Elendsgestalten unwahrscheinlichste Kostbarkeiten) – dieser hatte nur kurz gesagt: Setzen Sie es einmal dorthin. – Natürlich kenne ich das, Doktor Mainz. Familienbesitz. Ein ganz ungewöhnlich guter Pagel – manchmal kam er eben doch über sich hinaus. Nicht oft drei – oder viermal ... Meistens ist er mir zu hübsch. Glatt, geleckt – wie?

Er hatte sich plötzlich an Wolfgang gewendet: Aber davon verstehen Sie nichts? Wie? Sie wollen nur das Geld, was? Möglichst viel, ja?

Unter diesem plötzlichen Angriff war Pagel zusammengefahren. Er fühlte, wie ihm langsam Röte in die Wangen stieg.

Ich bin der Sohn, sagte er möglichst ruhig.

Es hatte vollkommen genügt.

Entschuldigen Sie tausendmal, hatte der Händler gesagt. Ich gebe zu, daß ich ein Esel bin. Ich hätte es an den Augen sehen müssen – wenn an nichts, dann an den Augen. Ihr Herr Vater hat hier oft gesessen. Ja. Kam in seinem Rollstuhl, wollte Bilder sehen. Er sah gerne Bilder. – Sie sehen Bilder auch gerne?

Wieder dies Abrupte, Plötzliche – auch dies war eigentlich ein Angriff. Wenigstens empfand Wolfgang es so. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob dieses Bild, das er seiner Mutter fortgenommen hatte, ein schönes Bild war. Im Grunde hatte dieser Bildermann ganz richtig geraten: wenn er auch der ›Sohn‹ war, es hatte sich für ihn nur um Geld gehandelt – allerdings um Geld für Peter.

Ärger, mit ein wenig Trauer vermischt, daß er wirklich so war, wie er eingeschätzt wurde, stieg in Wolfgang auf.

Ja, doch, ganz gerne, sagte er mürrisch.

Es ist ein schönes Bild, sagte der Händler nachdenklich. Ich habe es schon zwei-, nein, dreimal gesehen. Ihre Frau Mutter hatte es nicht gerne, wenn ich es ansah. – Sie ist einverstanden mit diesem Verkauf?

Wiederum ein Angriff. Pagel wurde so ärgerlich. Gott, was für ein Umstand um ein Bild, kaum ein halber Quadratmeter bemalte Leinwand. Ein Bild war etwas, das man ansehen konnte, wenn man wollte; man mußte nicht, es war keineswegs nötig. Ohne Bilder konnte man leben, ohne Geld nicht.

Nein, sagte er böse. Meine Mutter ist ganz und gar nicht mit diesem Verkauf einverstanden.

Der Händler sah ihn höflich an, wartete wortlos.

Sie hat dieses (mit gespielter Gleichgültigkeit) Dings mir mal geschenkt, wie man so in der Familie Sachen schenkt, wissen Sie. Da ich grade Geld brauchte, erinnerte ich mich daran. Ich verkaufe, sagte er betont, gegen den Willen meiner Mutter.

Der Händler hatte schweigend zugehört, dann ziellos, aber merklich kühler Ja, ja. Ich verstehe. Natürlich gesagt.

Der Pflaumenweiche, der unbemerkt verschwunden war, der Doktor Mainz, trat wieder auf. Der Händler sah seinen kunsthistorischen Gehilfen an, der Gehilfe erwiderte den Blick und nickte kurz. Jedenfalls, sagte der Händler, erhebt Ihre Frau Mutter keine Einwendungen gegen den Verkauf. Auf einen fragenden Blick Pagels: Ich habe soeben telefonieren lassen. Bitte, bitte, das ist kein Mißtrauen. Ich bin ein Geschäftsmann, ein vorsichtiger Geschäftsmann. Ich mag keine Schwierigkeiten ...

Und Sie zahlen? fragte Pagel kurz und geärgert.

Seine Mutter hätte mit einem Wort am Telefon den Verkauf hindern können. Sie hatte es nicht getan – Wolfgang fühlte, der Bruch war endgültig. Mochte er seine Wege gehen, es waren nun und für immer seine Wege allein. Sie war ohne Interesse.

Ich gebe, sagte der Händler, tausend Dollar, das sind 760 Millionen Mark. – Lassen Sie mir das Bild in Kommission, daß ich es hier aufhänge und in Ihrem Auftrage verkaufe, es ist möglich, daß ich einen sehr viel höheren Preis erziele. Aber wenn ich recht verstanden habe, brauchen Sie das Geld sofort?

Sofort. Diese Stunde.

Nun, sagen wir morgen früh, lächelte der Händler. Das ist auch sehr rasch. Ich schicke es Ihnen mit einem Boten, wohin Sie wollen.

Jetzt! sagte Pagel. Diese Stunde! Ich muß ... Er brach ab.

Der Händler sah ihn aufmerksam an. Wir haben unsern Kassenbestand schon zur Bank geschickt, sagte er freundlich, als erkläre er einem Kind etwas. Ich halte nie Geld im Haus über Nacht. Aber morgen früh ...

Jetzt! sagte Pagel und legte die Hand auf den Rahmen des Bildes. Oder es kann aus dem Verkauf nichts werden.

Oh, Pagel! hatte die Situation richtig erfaßt! Zwar mißbilligte der Händler diesen Verkauf eines unbotmäßigen Sohnes, der seiner Mutter ihr liebstes Bild fortnahm, zwar hatte er, seit er dies erfuhr, die Gesprächstemperatur auf kühl herabgesetzt, aber trotzdem würde er keinen Augenblick zögern, sich diese Konstellation trotz aller Mißbilligung zunutze zu machen und das Bild zu kaufen. Dieser große, sichere, reiche Mann mit dem schwarzen Assyrerbart hatte eben auch seine faulige Stelle – wie alle. Man hatte nicht die geringste Veranlassung, sich vor ihm zu schämen – im Gegenteil! Er, Pagel, mußte verkaufen; der große Mann aber mußte gar nicht kaufen.

Ich muß, sagte Pagel ruhig, den ganzen Betrag in einer halben Stunde haben. Heute abend brauche ich das Geld, nicht morgen früh. Es gibt noch andere Käufer ...

Der Kunsthändler machte eine wegwerfende Handbewegung, jedenfalls für dieses Bild kamen andere Händler nicht mehr in Frage. Das Geld wird beschafft werden. Ich weiß zwar noch nicht, wie. Aber es wird beschafft.

Er flüsterte einen Augenblick mit seinem Adlatus Mainz, der nickte und ging.

Kommen Sie bitte mit mir, Herr Pagel. Doch ja – das Bild können Sie ruhig hier stehenlassen, ich habe es gekauft.

Pagel wurde in das Arbeitszimmer des Mannes geführt, einen großen, fast düsteren Raum; nur groß-stichige Kohlezeichnungen irgendeines unbekannten Künstlers hingen an der Wand.

Bitte, setzen Sie sich. Vielleicht dort. Hier stehen Zigaretten. Ich stelle Ihnen Whisky und die Sodaflasche in Reichweite. Es wird ... leiser Spott ... vielleicht auch fünfunddreißig Minuten dauern. Also machen Sie es sich bequem. Herein!

Herein kamen sie nun nacheinander, die Angestellten des Hauses – von den akademisch gebildeten Kunsthistorikern an bis zu den ganz unakademischen Reinmachefrauen des Hauses, die schon ihr Abendwerk begonnen hatten. Doktor Mainz hatte ihnen Bescheid gesagt, sie traten ohne ein Wort an den Schreibtisch ihres Herrn, zogen aus Kleidertaschen, Westentaschen, Geldbörsen, Portemonnaies ihre Habe, zählten auf, und der Chef schrieb an: Doktor Mainz: eine Million, vierhundertfünfunddreißigtausend. Fräulein Sieber: zweihundertsechzigtausend, Fräulein Plosch: siebenhundertdreiunddreißigtausend. Ich danke Ihnen, Fräulein Plosch ... Es mußte eine gute Verbundenheit zwischen Chef und Angestellten in diesem Hause herrschen, jeder gab ohne ein Wort, mit einer Selbstverständlichkeit, die gut wirkte. Sie verzichteten vielleicht auf etwas, was sie sich für diesen Abend vorgenommen, diese Stenotypistinnen, Buchhalter, Galeriediener. Manchmal fiel ein Blick von ihnen auf den Herrn im Sessel, der da Whiskysoda trank und rauchte; es war nicht etwa ein feindlicher, es war ein ganz fremder Blick.

Es war ihnen gleichgültig, wozu dieser Mann im schäbigen Waffenrock so eilig das Geld brauchte, daß sie auf ihre Abendvergnügen verzichten mußten; es war ihnen nicht gleichgültig, ob ein Bild, das der Chef zu kaufen wünschte, wieder aus dem Hause getragen wurde. Das Hergeben, Aufzählen, Notieren des Geldes geschah auf beiden Seiten so selbstverständlich – auch von Seiten des Kaufmanns ohne jeden beflissenen Dank, ohne billigen Scherz, ohne verlegene Erklärung – daß grade diese Selbstverständlichkeit Pagel beinahe dazu veranlaßte, erklärend, entschuldigend zu sagen: ›Ich brauche das Geld wirklich heute abend noch. Mein Mädchen ist nämlich im Gefängnis und ich muß ...‹

Ja, was mußte er eigentlich –? Jedenfalls sofort Geld haben, viel Geld.

Wolfgang Pagel sagte nichts.

Halt, Fräulein Bierla, sagte der Händler. Ich sehe da noch fünfzigtausend in Ihrem Portemonnaie – Sie entschuldigen, aber wir müssen heute abend jede Mark zusammenkratzen ...

Verlegen murmelte die bräunliche Schöne etwas von Fahrgeld.

Sie brauchen natürlich kein Fahrgeld. Doktor Mainz hat zu Geschäftsschluß ein paar Taxen vor die Tür bestellt. Die Chauffeure fahren Sie, wohin Sie wollen.

Langsam wuchs der Stoß Papierscheine auf dem Schreibtisch. Unzufrieden sagte der Händler, in der eigenen Brieftasche kramend, sie entleerend, zu Doktor Mainz: Wenn man die Zeitungen liest, auf die Leute hört, schwimmt alles in Geld. In allen Taschen sitzt es, in allen Händen raschelt es. Hier liegt das, was siebenundzwanzig Menschen, Sie und ich eingeschlossen, bei sich trugen. Es sind noch keine siebenhundert Mark, nach Friedenssatz. Eine lächerlich aufgebauschte Angelegenheit, diese Zeit. Wenn die Leute sich einmal klarmachten, wie wenig Ziffern vor so vielen Nullen stehen, würden sie sich nicht so bezaubern lassen.

Doktor Mainz flüsterte etwas Halblautes, Hastiges.

Nun natürlich, telefonieren Sie gleich von hier aus. Ich gehe unterdes zu meiner Frau. Dort finde ich sicher Geld.

Während Doktor Mainz mit irgendeinem Herrn Direktor Nolte telefonierte, der eigentlich heute abend noch 250 Papierdollar bekommen, nun aber bis morgen früh sich gedulden sollte, bedachte Pagel, welch ungewohnte Unordnung sein Verlangen in diesen Betrieb getragen hatte. Aber – stellte er verwundert fest – wie ordentlich wickelte sich selbst solche Unordnung ab! Leise, selbstverständlich – Autos warteten vor der Tür, jeder Angestellte kommt trotzdem dahin, wohin er zu kommen wünscht; auf einem Zettel stehen säuberlich die Einzelbeträge ... Während die Unordnung entsteht, geschieht schon alles, um sie nach möglichst kurzer Spanne wieder zu beseitigen.

›Ich‹, denkt Pagel düster, ›habe auch Unordnung entstehen lassen, aber nie habe ich daran gedacht, sie zu beseitigen. Sie ist größer und größer geworden, sie hat Bezirke ergriffen, an die ich nie gedacht hatte. Jetzt ist alles bei mir Unordnung, es gibt nichts Geordnetes mehr bei mir!‹

Einen Augenblick denkt er daran, daß er oft von Petra verlangte, sie sollte sich morgens anziehen, ehe die Thumann den Kaffee brachte.

›Ich habe mir und vor allem ihr etwas vorgespielt. Unordnung wird nicht zur Ordnung, wenn man eine Decke darüber legt. Im Gegenteil: sie wird zur Unordnung, die man nicht mehr zu vertreten wagt. Zu einer verlogenen, feigen Unordnung. Ob Peter wohl etwas davon verstanden hat –? Was sie nur gedacht hat –? Hat ihr darum so viel daran gelegen, daß wir einander heirateten –? War es auch bei ihr der Wunsch nach Ordnung? Immer hat sie ohne ein Wort getan, was ich vorschlug. Im Grunde weiß ich nichts von dem, was sie gedacht hat ...‹

Der Händler kommt lachend, ein dickes Bündel Papiergeld schwingend, zurück.

Heute abend bleibt bei mir alles zu Haus. Meine Frau ist selig, sie wollte zu irgendeiner grausigen Premiere, mit nachfolgender Feier des schon jetzt zu einem Ochsenfrosch aufgequollenen Dichters. Sie ist froh, daß wir nun nicht hinkönnen. Sie telefoniert schon begeistert aller Welt, daß wir gänzlich ohne einen Pfennig sind – morgen werde ich meine Zahlungseinstellung in der Zeitung lesen. – Und Sie, Doktor?

Es erwies sich, daß auch Doktor Mainz erfolgreich gewesen war: Herr Direktor Nolte wollte auf seine 250 Dollar bis morgen früh warten.

Bitte, Herr Pagel, sagte der Händler. Tausend Dollar – siebenhundertsechzig Millionen. Es hat allerdings, er zog die Uhr, achtunddreißig Minuten gedauert; ich bitte für die acht Minuten um Entschuldigung.

›Warum verhöhnt er mich eigentlich?‹ dachte Pagel erbittert. ›Er sollte mich lieber fragen, wozu ich das Geld brauche! Man kann doch in eine Lage kommen, in der man sofort Geld braucht!‹ Eine Stimme in ihm sprach, daß man sehr wohl in solche Lage kommen könne, daß es da aber noch so etwas wie eine Schuldfrage gebe ... ›Kann ich für die Dämlichkeiten der Polente –?!‹ erbitterte er sich ...

Es ist etwas viel Papier, dem Zuge der Zeit entsprechend, lächelte der Kunsthändler. Soll ich Ihnen ein Paket daraus schnüren lassen? Sie stecken es lieber in die Taschen? Es regnet sehr stark draußen. Nun, Sie nehmen wohl ein Auto ... Gleich rechts, wenn Sie aus unserer Tür kommen, vor dem Hotel Esplanade ... Oder soll ich Ihnen eines rufen lassen?

Nein, danke, hatte Pagel mürrisch gesagt, indem er das Papier in seine Taschen zwängte. Ich gehe ...

Und nun ging er schon durch die Königstraße, ziemlich durchnäßt, die Hände schützend über die beiden Außentaschen gebreitet. Sie mochten mit ihm böse werden wie die Mutter, oder höhnisch wie dieser Bilderfritze, sie mochten auch in Bedrängnis geraten wie der Peter – er tat genau das, was er wollte, mit dem Kopf durch die Wand. Er riß das Geld nicht an, er dachte nicht daran, sich ein Auto zu nehmen, und wenn seine Taschen von Geld platzten –! Wollte er nicht, zwangen ihn weder Regen noch Not.

Er ging auch jetzt nicht etwa direkt auf die Polizeiwache, wo die Petra saß; er ging erst einmal zu der Thumannschen – auf Erkundung. Nach wie vor war er überzeugt, daß alles im Leben Zeit hatte. Er war ein Maulesel: je mehr man ihn schlug, um so störrischer wurde er.

Oder aber – hatte er vielleicht einfach Angst vor dem, was er auf der Wache erfahren würde? Fürchtete er sich vor der Scham, die er empfinden mußte, wenn er Petra in dieser kläglichen Lage wiedersah?

Pfeifend überquert er den Alexanderplatz und biegt in die Landsberger Straße ein. Er denkt intensiv darüber nach, was Petra mehr Freude machen würde: ein Zigarrenladen oder ein Blumengeschäft? Oder noch lieber eine Eisdiele –?

9

Der Polizei-Oberwachtmeister Leo Gubalke war bestimmt kein Mann, der dienstlich oder außerdienstlich – zu Übergriffen, kleinen Gehässigkeiten, Schikanen neigte. Jene gefährlichste Versuchung für jeden Mann, in dessen Mund das Wort der Macht gelegt ist: ›Gehorch oder krepier!‹ – sie versuchte ihn nie. Wenn ihm zu Hause oder im Dienste doch ab und an jene kleinen Gemeinheiten unterliefen, die dem Selbstgefühl keines Menschen erspart bleiben, so war es immer sein übertriebener Sinn für Ordnung und Pünktlichkeit, der ihn verführte.

Dieser Sinn hatte ihn das Mädchen Petra Ledig aus dem Torgang in der Georgenkirchstraße mitnehmen lassen, und dieser gleiche Sinn war es auch, der ihn auf die vorwurfsvolle Frage seines Reviervorstehers: Aber Gubalke, Mensch, ausgerechnet Sie gehen zwanzig Minuten nach?! – stramm melden ließ: Habe eine Festnahme gehabt. Mädchen – hat mit Spielern zu tun.

Dieser Nachsatz, den er ohne Verspätung nie gesagt hätte – denn nichts lag ihm ferner, als der Petra Ledig Übles zu tun –, war für einige Stunden vorläufig das einzige, was die Wache über diese Festnahme erfuhr. Oberwachtmeister Gubalke hatte nur das halbnackte Mädchen von der Straße bekommen wollen. Er hatte vorgehabt, sie auf eine Bank in der Wache zu setzen, ihr etwas zu essen zu verschaffen. Dann hätte man im Laufe des Abends gesehen, was eigentlich an diesem Mädchen dran war, hätte irgendeinem Fürsorgeverein ein paar Kleider abgejagt und die Kleine nach einer ernsten Auseinandersetzung über Ordnung und Liederlichkeit wieder in das Leben hinaus entlassen.

Statt diese guten Absichten durchzuführen, meldete Herr Gubalke: Hat mit Spielern zu tun. Eine nur mit gutem Herzen, nur durch Mitleid entschuldigte Zeitversäumnis blieb eine Unpünktlichkeit; dieser Satz von den Spielern machte aus der Unpünktlichkeit eine notwendige Amtshandlung. Bis zu der Sekunde, da dieser Satz, nicht wieder einholbar, seiner Zunge entlief, hatte Gubalke auch nicht im Traume daran gedacht, dem Mädchen Petra irgendeine Mitschuld an der ihm auch nur durch Weiberklatsch bekannten Spielleidenschaft ihres Freundes zuzuerkennen. Aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf und bei den meisten – Männern wie Frauen – ist die Zunge der Schwachheit schwächster Punkt. In dem Bedürfnis, sich zu entschuldigen, vermengte sich ihm Petras Schicksal mit dem eines Spielers, und um es nur recht gut zu machen, wurde der Spieler zu Spielern.

Es ist ganz sicher, daß Oberwachtmeister Leo Gubalke in diesem Augenblick gar nicht die Tragweite dessen, was er der Petra Ledig mit diesem einen Satz zufügte, übersah. Er schnallte hastig die Pistole um, hakte den Gummiknüttel fest und dachte nur daran, daß er mit höchster Geschwindigkeit zu seinen Kameraden in der Kleinen Frankfurter Straße stoßen mußte, die dort mit irgendwelchen rivalisierenden Ringvereinen ins Gedränge geraten waren. Er hatte es so eilig, daß er dem Mädchen auf der Wache beim Fortlaufen nicht einmal einen Blick gönnte. Wenn er noch einmal an sie gedacht hat, so bestimmt ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. Jedenfalls war sie erst einmal von der Straße und in Sicherheit auf der Wache. In spätestens zwei Stunden würde er zurück sein und die Geschichte in Ordnung bringen.

Leider aber lag Oberwachtmeister Leo Gubalke schon zwei Stunden später sterbend in einem Krankenhausbett am Friedrichshain, die Gedärme von einer hinterlistigen Mörderkugel zerfetzt, und starb Stunde um Stunde sehr schmerzhaft und sehr mühsam den unordentlichsten, schmutzigsten Tod, der einen so säuberlichen, ordentlichen Mann erledigen kann. Der Fall Petra Ledig war seiner Einwirkung entrückt.

Wenn ihn der Sterbende auch weiter beeinflußte. Die zwei Stunden, bis die Nachricht von der Ermordung Gubalkes die Wache erreichte und erregte, hatte Petra Ledig noch ziemlich gefaßt und unbelästigt verbracht. Bis auf einen kleinen Zwischenfall war nichts Erwähnenswertes mit ihr geschehen. Irgendein gleichgültiger Uniformierter – weder gut noch böse – hatte sie in eine kleine Zelle geschoben, anzusehen fast wie ein Tierkäfig im Zoo, mit drei festen Wänden und einer vierten, nach dem Wachraum zu offenen, die mit Gitterstäben gesichert war. Auf ihre Bitte, ihr irgend etwas zu essen zu bringen, gleichviel was, der Herr Polizist habe es ihr versprochen, hatte der Gleichgültige erst gemurrt: Darauf sei man hier nicht eingerichtet, damit müsse sie warten, bis sie auf den Alex komme. – Nach einer Weile war er dann aber doch mit einem starken Kanten trockenen Brotes und einem Becher Kaffee erschienen. Beides hatte er ihr, ohne aufzuschließen, durch die ziemlich weit stehenden Gitterstäbe gereicht.

Der halbverhungerten Petra hätte nichts Zweckmäßigeres als erste Nahrung gegeben werden können. Der alte, sehr harte Brotkanten zwang sie zum Abbeißen sehr kleiner Stücke, die lange gekaut werden mußten. Zuerst überfiel sie bei diesem langsamen Essen immer von neuem wellenartig Übelkeit; der Magen weigerte sich, die Speise anzunehmen, seine Tätigkeit wieder zu beginnen. Auf dem Sitzbrett hockend, den Kopf mit geschlossenen Augen in die Zellenecke gepreßt, von einem Schweißausbruch der Schwäche in den nächsten gehetzt, ging Petra heldenhaft gegen diese Übelkeit an. Immer von neuem zwang sie die Speise in den Magen zurück.

›Ich muß essen‹, dachte sie dumpf und grenzenlos erschöpft, aber ohne jede Nachgiebigkeit. ›Ich esse ja nicht nur für mich!‹

So dauerte das Vertilgen dieses Brotkantens, den ein dreijähriges Kind in fünf Minuten bewältigt hätte, bei Petra fast eine halbe Stunde. Als sie ihn aber ganz verzehrt hatte, erfüllte sie ein physisches Wärmegefühl, das dem seelischen Gefühl von Glück sehr nahekam.

Während sie in dieser Zeit nichts von der Umwelt wahrgenommen hatte, sah sie jetzt, fast schon völlig erholt, dem Leben im Wachraum mit Interesse zu. Diese Welt war ohne allen Schrecken für sie. Wer daher kam, wo sie zu Haus gewesen, für den hatten weder Gier noch Gemeinheit, weder Laster noch Trunkenheit Schrecken – all dies gehörte zum menschlichen Leben, war eine Äußerung dieses Lebens, wie freilich auch Wolfgangs Lächeln und Umarmung, Freude an einem neuen Kleid, das Fenster eines Blumenladens zum Leben gehörten.

Es ereignete sich in der nächsten halben Stunde auch nichts Besonderes, das sie hätte erschrecken müssen. Ein spitznäsiger, verhungert aussehender Junge wurde gebracht, der, wie sich aus der halblauten Vernehmung ergab, versucht hatte, in einem Warenhaus ein Paar Schuhe mitgehen zu lassen. Ein ziemlich angetrunkener Zechpreller. Eine unglücklich aussehende Frau in einem Umschlagtuch, die anscheinend gewerbsmäßig möblierte Zimmer mietete, nur mit der Absicht, etwas mitgehen zu lassen. Ein Mann, der Doublé-Uhren als schwer goldene verkaufte und Käufer genug fand, da er vorgab, diese einzigartige Gelegenheit stamme aus einem Taschendiebstahl.

All dies von der Welle des zur Rüste gehenden Tages in die Wachstube geschwemmte Strandgut ließ das Verhör mit ruhiger Gelassenheit über sich ergehen und wanderte ergeben in seinen Käfig, dessen Tür der Uniformierte gleichgültig abschloß.

Dann wurde es laut. Zwei Schutzleute brachten ein tobendes, völlig betrunkenes Frauenzimmer. Sie trugen es eher, als daß es zwischen ihnen ging. Sie hörten sich die unflätigsten Beschimpfungen mit einer fast freundlichen Gelassenheit an und machten die Meldung, daß dies Mädchen ihrem ebenso betrunkenen Kavalier die Brieftasche ›gezogen‹ habe.

Ein dritter Schutzmann brachte den bleichen, dümmlich aussehenden Kavalier, der sichtlich wenig von dem begriff, was um ihn vorging, da er wesentlich stärker mit dem beschäftigt war, was sich in ihm ereignete. Denn ihm war sehr schlecht.

Das Mädchen vereitelte mit ihrem betrunkenen Kreischen jede Protokollaufnahme; der gelbliche, nur halblaute Sekretär konnte sie nicht zur Ruhe zwingen. Immer wieder fuhr sie mit ihren langen, lackroten, aber schmutzigen Krallen nach den Gesichtern der Polizisten, des Sekretärs, auch ihres Kavaliers.

Petra Ledig sah dies Mädchen mit heißem Erschrecken. Es erinnerte sie an eine Zeit ihres Lebens, die sie versunken glaubte und deren sie sich heute noch schämte. Sie kannte dies Mädchen, zwar nicht bei Namen, aber doch von seiner Tätigkeit im besseren Westen her, Tauentzienstraße, Kurfürstendamm, nach Lokalschluß auch in der Augsburger Straße. Sie wurde dort in ihrem Jagdrevier nur die ›Hühnerweihe‹ genannt, wohl wegen der dünnen, krummen Nase und wegen ihres unbändigen Hasses auf jede Konkurrenz.

In jenen schlimmen Tagen, da Petra den Wolfgang noch nicht gebeten hatte, sie mitzunehmen; da sie noch, wurde die Geldnot gar zu beängstigend, dann und wann (selten genug) selbst auf die Jagd nach einem zahlenden Herrn ging, hatte sie auch zwei oder drei Zusammenstöße mit der Hühnerweihe gehabt. Das Mädchen war wohl damals grade unter Kontrolle gestellt worden und hatte von dieser Stunde an alle, die nicht zu den ›Gewerbsmäßigen‹ gehörten, mit einem flammenden, lauten, vor keiner Gemeinheit zurückschreckenden Haß verfolgt. Entdeckte sie so ein Mädchen, das in ihrem ›Revier‹ wilderte, einen Herrn ansprach, ja, nur Blicke warf, versuchte sie zuerst, die Polizei für den Fall zu interessieren. Gelang ihr das nicht oder war kein Schupo in der Nähe, scheute sie auch nicht davor zurück, die ›Fremdgehende‹ bei dem Kavalier herunterzusetzen, wobei sie sich von einer schlimmen Behauptung in die schlimmere hineinsteigerte: zuerst bloß, sie stehle, dann bald, sie sei geschlechtskrank, habe die Krätze, und so weiter und so weiter.

Schon damals war die letzte Waffe der Hühnerweihe ein heulendes Gekreisch gewesen, ein hysterisches Wutgeschrei, ins Unfaßliche gesteigert durch Kokain und Alkohol – jeder Kavalier suchte das Weite, wenn sie damit anfing.

Petra hatte immer das Gefühl gehabt, daß sie der Hühnerweihe ganz besonders mißfällig war und von ihr mit einem noch gesteigerten Haß verfolgt wurde. Einmal war sie einem tätlichen Angriff durch eine panikartige Flucht durch die nächtlichen Straßen bis hinunter zum Viktoria-Luise-Platz entgangen, wo sie schließlich hinter dem Säulenhalbrund ein Versteck fand. Ein anderes Mal aber war sie nicht so glücklich gewesen: die Hühnerweihe hatte sie aus einer Autotaxe, in die sie mit einem Herrn gestiegen war, wieder herausgeholt, und es hatte einen Kampf zwischen den beiden gegeben (der Herr war im Auto entflohen), bei dem Petra ein Kleid zerrissen und ein Schirm zerbrochen worden war.

Das alles war sehr lange her, fast ein Jahr – oder schon mehr als ein Jahr? –, unendlich viel hatte Petra danach erfahren. Das Tor einer andern Welt hatte sich seitdem für sie geöffnet, und doch sah sie mit der alten Angst auf die Feindin von damals. Die hatte sich auch verändert seitdem, doch zum Schlimmeren. Sagte schon die Verlegung des Jagdreviers aus dem reichen Westen in den armen Osten genug von den nachlassenden Reizen der Hühnerweihe, in der Hauptsache hatten doch wohl die Rauschgifte – Kokain und Alkohol – in dem jungen Wesen ihr Werk getan. Die damals noch sanfte, runde Wange war hager und faltig geworden, der weiche rote Mund rissig und trocken, jede Bewegung fahrig, wie irr.

Sie schrie, sie verspritzte allen Geifer, sie keifte atemlos – dann fragte der gelbliche Sekretär etwas, und sie fuhr wiederum los, als erneuere sich, geheimnisvoll, der Schmutz ständig in ihr. Schließlich machte der Sekretär eine Bewegung zu den beiden Polizisten, diese drehten das Mädchen von dem Verhandlungstisch fort zu den Zellen, und der eine sagte ruhig: Na, denn komm, Kleines, schlaf deinen Rausch aus.

Sie setzte grade an, wieder loszuschimpfen, als ihr Blick durch die Gitterstäbe auf Petra fiel. Mit einem Ruck blieb sie stehen und schrie triumphierend: Habt ihr das Aas endlich?! Gott sei Dank, diese verdammte Hure – ist sie schon unter Kontrolle?! So ein Schwein – nimmt einem anständigen Mädchen alle Kavaliere weg und macht sie noch krank, diese Nutte, diese elende! Die geht auf den Strich, Herr Wachtmeister, noch und noch – und alle Krankheiten hat sie im Leibe, so eine Drecksau, wie die –!

Komm, komm, Mädchen, sagte der Polizist ruhig und löste ihre Hand Finger um Finger von den Gitterstäben vor Petras Zelle, die sie umklammert hielt. Schlaf dich ein bißchen aus!

Der Sekretär war hinter seinem Tisch aufgestanden und näher getreten. Bringt sie lieber nach hinten, sagte er. Sonst versteht man hier sein eigenes Wort nicht mehr. Koks – wenn der erst verflogen ist, fällt sie zusammen wie ein nasser Waschlappen.

Die Polizisten nickten, zwischen ihren festen Gestalten flatterte das Mädchen, nur noch aufrecht gehalten von unsinniger Wut, die sich an allem entzündete. Noch über die Schulter, dann schon unsichtbar geworden, schrie sie Beschimpfungen gegen Petra.

Der Sekretär wandte langsam seinen dunklen, müden und kranken Blick (auch das Weiße seiner Augen war gallengelb) auf Petra und fragte halblaut: Stimmt das, was die sagt? Sind Sie auf den Strich gegangen?

Petra nickte, kurz entschlossen: Ja. Früher, vor einem Jahr. Jetzt schon lange nicht mehr.

Auch der Sekretär nickte, sehr gleichgültig. Er ging wieder zu seinem Tisch. Blieb aber noch einmal stehen, wandte sich und fragte: Sind Sie wirklich krank?

Petra schüttelte energisch den Kopf: Nein. Nie gewesen.

Wieder nickte der Sekretär, ging vollends an den Tisch und machte sich an seine unterbrochene Schreiberei.

Das Leben in der Wachstube lief weiter, vielleicht waren manche der Festgenommenen in Angst, in Unruhe und Sorge, vielleicht quälten Träume die Trunkenen – äußerlich war alles glatt, ruhig, teilnahmslos.

Bis kurz nach sechs die telefonische Meldung eintraf, der Oberwachtmeister Leo Gubalke liege hoffnungslos mit Bauchschuß. Er werde wohl noch vor Mitternacht sterben. Von da an änderte sich das Gesicht des Reviers vollkommen. Ständig klappten die Türen, immer kamen und gingen Beamte in Zivil, in Uniform. Flüsterten miteinander; ein dritter trat dazu, einer fluchte. Um halb sieben kamen dann die Kameraden Gubalkes, in deren Kampf mit den beiden Ringvereinen er grade hatte eingreifen wollen, als ihn die Mörderkugel traf. (Der einzige Schuß, der überhaupt gefallen war.) Das Flüstern, das Tuscheln verstärkte sich. Es wurde auf den Tisch geschlagen; ein Polizist stand finster in einer Ecke und wippte ununterbrochen mit seinem Gummiknüttel; die Blicke, die die Gefangenen streiften, waren nicht mehr gleichgültig, sie waren finster.

Ganz besonders nachdrücklich aber waren die Blicke, die auf Petra Ledig haften blieben. Jedem erzählte der Sekretär, daß dies ›die letzte Amtshandlung von Leo‹ war. Weil er dieses Mädchen festgenommen hatte, war Gubalke zwanzig Minuten zu spät gekommen. Wäre er pünktlich gewesen, geschlossen mit den andern ausgerückt, hätte ihn die Mörderkugel vielleicht nicht – nein, bestimmt nicht! – getroffen!

Der schwer und qualvoll Sterbende dachte jetzt vielleicht an seine Frau und an die Kinder. Und vielleicht freute es ihn in der Hölle seiner Schmerzen, daß sich wenigstens seine Mädchen so wuschen wie er. Er hinterließ eine Spur seines Wesens auf dieser Welt, ein kleines Zeichen dessen, was er für Ordnung gehalten hatte. Oder er dachte, von der Todesahnung überschattet, daran, daß er nun nie in seinem Leben auf einem sauberen Büro sitzen und ordentliche Listen führen würde. Oder an seinen Laubengarten. Oder daran, ob die von der Sterbe- und Begräbniskasse bei der jetzigen Geldentwertung so viel zahlen würden, daß es zu einem anständigen Begräbnis reichte. An vielerlei konnte der Sterbende denken – aber die Wahrscheinlichkeit, daß er an seine ›letzte Amtshandlung‹ Petra Ledig dachte, war sehr gering.

Und doch bemächtigte sich der Sterbende dieses Falles, er sonderte ihn von allen andern. Die Augen der Kollegen sahen nicht mehr ein belangloses junges Mädchen dort auf der Bank sitzen – nicht umsonst konnte sich der Sterbende ihretwegen zwanzig Minuten verspätet haben! Die letzte Amtshandlung Gubalkes mußte wichtig gewesen sein.

Der schwere, große, traurig aussehende Reviervorsteher mit dem grauen Wachtmeisterschnurrbart kam in den Raum, stellte sich neben den Tisch des Sekretärs und fragte, mit den Augen deutend: Das ist sie –?

Das ist sie! bestätigte der Sekretär halblaut.

Er hat mir nur gesagt, daß sie mit Spielern zu tun hat. Weiter nichts.

Ich habe sie noch nicht vernommen, flüsterte der Sekretär. Ich wollte warten, bis – er wiederkäme.

Vernehmen Sie sie, sagte der Reviervorsteher.

Die Betrunkene vorhin, die solchen Krach gemacht hat, hat sie erkannt. Sie ist auf den Strich gegangen, hat es mir auch zugegeben, behauptet allerdings, nicht mehr in letzter Zeit.

Ja, er hatte einen scharfen Blick. Er sah alles, was nicht ganz in Ordnung war. Er wird mir sehr fehlen.

Uns allen. Mächtig fleißig und ein guter Kamerad, gar kein Streber.

Ja – uns allen. – Vernehmen Sie sie. Denken Sie daran, daß das einzige, was er gesagt hat, etwas von Spielern war.

Daran denke ich schon. Wie kann ich das vergessen?! Ich werde sie fest in die Zange nehmen.

Petra wurde an den Tisch geführt. Hätte sie nicht schon aus den häufigen Blicken, aus dem Stehenbleiben an ihrer Zelle gemerkt, daß etwas im Gange war – die Art, wie der gelbliche Sekretär nun mit ihr sprach, mußte ihr verraten, daß die Stimmung sich verändert hatte, und zu ihren Ungunsten. Etwas mußte geschehen sein, das die Leute übel von ihr denken ließ – konnte es mit Wolf zusammenhängen? Diese Unsicherheit machte sie ängstlich und befangen. Ein- oder zweimal berief sie sich auf den freundlichen Wachtmeister, ›der in unserm Hause wohnt‹, aber das finstere Schweigen, das Reviervorsteher wie Sekretär auf diesen Appell hatten, erschreckte sie noch mehr.

Solange die Vernehmung nur sie allein betraf, solange sie also bei der Wahrheit bleiben konnte, ging es noch. Aber als die Frage nach den Erwerbsquellen ihres Freundes auftauchte, als das Wort ›Spieler‹ fiel, geriet sie in schlimme Bedrängnis und Verwirrung.

Sie hatte ohne Zögern zugegeben, daß sie einige Male – etwa acht- oder zehnmal, so genau weiß ich es nicht mehr – Herren auf der Straße angesprochen hatte, mit ihnen gegangen war und sich dafür hatte Geld geben lassen. Aber sie wollte nicht zugeben, daß Wolfgang ein Spieler war, um Geld spielte, daß dieses Spiel seit langem ihr Haupterwerb war.

Sie war sich nicht einmal ganz sicher, ob es verboten war, da Wolfgang doch gar kein Hehl daraus gemacht hatte. Aber lieber war sie vorsichtig und log. Ach, auch in diesem Punkt hatte ihr der Sterbende einen schlechten Dienst erwiesen. Das Wort ›Spieler‹ bedeutet im Osten Berlins etwas ganz anderes als im Westen. Ein zweifelhaftes Mädchen, das auf den Strich ging und einen festen Freund hatte, dazu ›mit Spielern zu tun hatte‹, das konnte im Osten nur die Freundin eines Falschspielers sein, eines Bauernfängers mit dem Kümmelblättchen. In den Augen der beiden Polizeibeamten war sie ein Mädchen, das ihrem Freund als Lockvogel die zu rupfenden Opfer ins Netz holte.

Auf einer Wache im Westen Berlins hätte dieser Hinweis auf Spieler einen ganz andern Klang gehabt. Im Westen – das wußte dort jeder – wimmelte es nur so von Spielklubs. Fast die halbe Lebewelt und bestimmt die ganze Halbwelt ging in diese Klubs. Das Spieldezernat der Polizei jagte wohl Nacht für Nacht unermüdlich nach diesen Klubs, aber das war eine Sisyphusarbeit: für zehn geschlossene Klubs sprangen zwanzig neue ein. Man bestrafte auch nicht die betroffenen Spieler – dann hätte man den halben Westen entvölkert –, man setzte nur die Unternehmer und Croupiers fest und zog alle vorgefundenen Gelder ein.

Hätte Petra gestanden, ihr Freund ginge in einen Spielklub des Westens, hätte die Sache damit für die Polizei im Osten jedes weitere Interesse verloren. Statt dessen machte sie Ausflüchte, stellte sich unwissend, log, wurde zwei- oder dreimal bei ihren Lügen ertappt und schwieg aus Hilflosigkeit nun ganz.

Hätte nicht unsichtbar der Sterbende den Fall noch in Händen gehabt, wäre er wohl versandet. Viel konnte nicht dahinterstecken; ein Mädchen, das so ungeschickt log und bei jeder Lüge auch noch rot wurde und sich versprach, konnte kaum die Zutreiberin eines gerissenen Bauernfängers, überhaupt nicht die Helferin eines schweren Jungen sein. So aber blieb doch noch immer die Möglichkeit, daß etwas Unbekanntes, Schweres dahintersteckte. Petra wurde angeschrien, väterlich ermahnt, auf die schlimmen Folgen hingewiesen – und als all das sie nicht zum offenen Sprechen bringen konnte, in ihre Zelle zurückgeführt.

Mit dem Transport um sieben zum Alex, entschied der Reviervorsteher. Machen Sie im Protokoll auf die Wichtigkeit des Falles aufmerksam.

Der Sekretär flüsterte etwas.

Gewiß, wir können sehen, daß wir den Kerl noch fassen. Aber er wird sich längst aus dem Staub gemacht haben. Jedenfalls aber schicke ich gleich einen Mann in die Georgenkirchstraße.

Als um sieben Uhr der grüne Sammelwagen der Polizei vor der Wache hielt, wurde auch Petra mit eingeladen. Es regnete. Sie kam auf einen Platz neben die Feindin zu sitzen, die Hühnerweihe, aber der Sekretär hatte recht behalten: der Kokainrausch war verflogen und das Mädchen vollkommen zusammengefallen. Petra mußte sie während der Fahrt stützen und halten, damit sie nicht vom Sitz fiel.

10

Von der Landsberger Straße biegt er in die Gollnowstraße ein. Rechts bleibt die Weinstraße, links die Landwehrstraße. Nun kommt rechts die Fliederstraße, die mit ihren paar Häusern aber nur ein Sträßchen ist, an ihrer Ecke liegt eine ›Groß-Destillation‹, in der Pagel noch nie war.

Langsam und bedächtig steigt er die Stufen empor, geht an die Theke und verlangt einen Wermut. Der Wermut kostet siebzigtausend Mark, er schmeckt fuselig. Pagel bezahlt, er geht zur Tür, da fällt ihm ein, daß er keine Zigaretten mehr hat. Er kehrt um und verlangt ein Päckchen Lucky Strike. Aber Lucky Strike haben sie nicht, dafür haben sie Camel. ›auch nicht schlecht‹, denkt Pagel, nimmt Camel, brennt sich eine an und verlangt noch einen Wermut.

Eine Weile steht er vor der Theke, es fröstelt ihn ein wenig in seiner nassen Kleidung, der fuselige Wermut hilft auch nicht dagegen. So nimmt er noch einen doppelten Cognac, zwei Stock hoch, aber der schmeckt scheußlich nach Sprit. Doch steigt jetzt eine leichte Wärme aus seinem Magen auf und verbreitet sich langsam in ihm. Es ist nur eine physische Wärme, die nicht zu ihm gehört, sie vermittelt nicht jenes Gefühl gelassenen Glücks, das Petra nach dem Verzehren des Brotkanten empfand.

Pagel steht lässig da, er sieht gleichgültig durch den riechenden Schankraum mit seinen randalierenden Gestalten. Eine grenzenlose Verzweiflung hat ihn plötzlich erfaßt; er ist überzeugt, daß schon jetzt, ehe er noch einen Schritt für Petra getan hat, alles mißglückt. Es macht nicht mehr das geringste aus, daß dies sorgsam behütete Geld nun doch angerissen wurde. Ja, er möchte eher, daß es dahinflösse, sich verstreute – möglichst, ohne daß er etwas dabei tun muß –, denn was kann Geld helfen? Aber wenn Geld nicht hilft – was hilft dann?! Ach, muß denn überhaupt immer geholfen werden?! Es ist ja doch alles ganz egal!

So steht er da. Am liebsten stände er immer so weiter da; jeder Schritt, den er tut, bringt ihn einer Entscheidung näher, die er nicht fassen mag, die er hinauszögern will bis aufs letzte. Ihm fällt ein, daß er eigentlich den ganzen Tag nichts anderes getan hat, als hinauszögern. Wenn er erst Geld hatte, dann wollte er etwas tun, dann würde er losgehen, so groß –! Nun hatte er Geld – und stand geruhsam abwartend an einer Theke.

Ein junger Bengel, die Schiebermütze schief auf einem Ohr, tritt an ihn heran, schnuppert nach dem Rauch und bettelt um eine Zigarette: Schenk mir doch eine, ich bin wild auf die süßen Engländer. Mensch, sei doch nicht so, gib mir wenigstens deine Kippe!

Wolfgang schüttelt leise lächelnd ohne ein Wort den Kopf, das Gesicht des Burschen wird plötzlich finster. Er dreht sich um und geht. Wolfgang faßt in die Tasche, holt in der Tasche aus dem Päckchen eine Zigarette, ruft scharf Fang! und wirft die Zigarette dem Burschen zu. Er fängt sie, nickt kurz und sofort sind drei oder vier Bengel um Pagel und betteln auch um Zigaretten. Er zahlt rasch an der Theke, sieht die Blicke der Jungen auf seinem dicken Geldpacken und rempelt den einen, der sich an ihn drängen will, beim Hinausgehen kräftig mit der Schulter.

Er hat nur noch drei Minuten bis zu seiner Wohnung, und diesmal braucht er auch wirklich nur drei Minuten für den Weg. Er klingelt bei der Pottmadamm. Wie die Klingel rasselt, spürt er plötzlich, daß die kleine Belebung, die aus dem Zusammenstoß in der Destille aufgestiegen war, schon wieder verflogen ist – die grenzenlose Traurigkeit hat ihn von neuem erfaßt. Sie scheint sich schwer und lastend in ihm auszubreiten wie die dunkle Gewitterwolke heute nachmittag am Himmel.

Er hört den widerlichen Schlurfeschritt der Pottmadamm auf dem Flur, ihr schleimiges, fettes Hüsteln. Diese Geräusche verändern schon wieder die Wolke Trauer in ihm, etwas zieht sich zusammen. Er spürt, er wird dieser Frau noch etwas tun, er wird sie strafen für das, was geschehen – gleichgültig, was immer geschah.

Die Tür öffnet sich vorsichtig nur einen Spalt breit, aber von einem Fußstoß Pagels fliegt sie ganz auf, groß steht er vor der erschreckten Frau.

Jotte doch, Herr Pajel, wat haben Se mir erschreckt! jammert sie.

Er steht ohne Laut vor ihr, vielleicht wartet er darauf, daß sie etwas sagt, daß sie anfängt von dem, was geschehen. Aber er hat ihr wohl wirklich einen Schreck eingejagt, sie bringt kein Wort heraus, sie streicht nur immer mit den Händen über die Schürze.

Plötzlich – Pagel selber hat die Sekunde vorher nicht gewußt, daß er dies tun würde – tritt er hinein in den dunklen Flur, rempelt wie vorhin in der Destille mit der Schulter die aufkreischende Frau und geht ohne Zögern in den dunklen Flur hinein, auf sein Zimmer zu.

Frau Thumann, die aufkreischte, stürzt hinter ihm drein. Herr Pajel! Herr Pajel! Bitte doch bloß uff eenen Momang! flüstert sie aufgeregt.

Nun? fragt er und bleibt mit rascher Wendung so plötzlich vor ihr stehen, daß sie von neuem erschrickt.

Jott, wat hamm Se denn bloß, Herr Pajel?! Ick versteh Se nich! Und rasch, da er wieder losgehen will: Es is bloß, ick habe Ihre Bude wieda vamietet. An eene Freundin von de Ida. Sie is jetzt drin, nich alleene. Se vastehn schon! – Wat kieken Se mir so an?! Se wollen mir wohl Angst machen?! Det hamm Se nich nötich, ich hab schon so Angst genug! Wenn bloß Willem kommen wollte! Wo Se doch jar keene Sachen drin haben und Ihre Kleene von de Polente abjeholt is ...

Sie ist wieder mal in Gang gekommen, die Pottmadamm. Aber Pagel hört nicht mehr. Er stößt die Tür seines Zimmers auf – wenn sie abgeschlossen gewesen wäre, hätte er sie aufgebrochen, aber sie ist es nicht – und tritt ins Zimmer.

Auf dem Bett sitzt halbnackt ein Frauenzimmer, eine Nutte natürlich – es ist dasselbe schmale Eisenbett, in dem er an diesem Morgen noch mit Petra lag. Im Zimmer steht ein Jüngling, irgend so ein gleichgültiger, schmächtiger Pickelhering, der grade seine Hosenträger abknöpft.

Raus! sagt Pagel zu den Zusammenfahrenden.

Und die Thumannsche jammernd unter der Tür: Herr Pajel, ick muß doch sehr bitten, jetzt platzt der Krajen aber! Ick rufe die Polizei. Det is mein Zimmer, und wo Se nich bezahlt haben, ick brauche meinen Zaster ooch. – Nee, Lotte, red nischt, der Mann is ja varückt, dem hamm se seine Kleene mit uff de Wache genommen, davon hat sein Vogel heute Ausgang ...

Maul halten! sagt Pagel scharf und stößt den Jüngling mit der Faust ins Kreuz. Wird's bald?! Raus hier aus meinem Zimmer! Aber dalli!

Ich bitte doch sehr ... sagt der Jüngling und pustet sich auf, aber nur zaghaft.

Ich ... sagt Pagel leise, aber sehr deutlich, ich bin grad in der Stimmung, Sie ganz elend zu verhauen. Wenn Sie nicht in einer Minute mit der Hure aus dem Zimmer sind ...

Plötzlich merkt er, daß er nicht mehr sprechen kann. Er zittert vor Wut am ganzen Leibe. Er hat zwar nie auch nur mit einem Gedanken daran gedacht, dieses verfluchte Dreckloch für sich zu reklamieren. Aber jetzt wäre es ihm recht, wenn dieser verdammte Ladenschwengel nur mit einem Wort widerspräche –! Aber das wagt der nicht. Ohne ein Wort, mit einer feigen Hast knöpft er an den Trägern, angelt nach Weste und Jackett ...

An der Tür jammert die Pottmadamm mutlos: Herr Pajel! Herr Pajel!! Ick vastehe nich! Sie als jebüldeter Mensch! Wo wa imma so gut miteinanda auskamen! Wo ick heute mittach noch dem Mächen 'ne Schnecke und 'en Pott Kaffee geben wollte, bloß, daß de Ida es nich jelitten hat ... Von de Ida is übahaupt allens jekommen, ick habe doch nie nischt gegen Sie jehabt! – Jotte doch – nu sticht er mich noch die Wohnung an!

Pagel hat, ohne auf das Geschwätz zu achten, am Fenster gestanden. Aufmerksam, gedankenlos hat er zugeschaut, wie das Mädchen auf dem Bett sich in fliegender Hast die Bluse angezogen hat. Dann fiel ihm ein, daß er nicht mehr rauchte. Er nahm eine Zigarette, steckte sie an, betrachtete nachdenklich das brennende Streichholz in seiner Hand. Direkt daneben war die Gardine, die widerliche, gelbgraue Gardine, die er immer gehaßt hatte. Er führte das brennende Streichholz daran. Der gesäumte Rand bebräunte sich, krümmte sich dann. Nun lief eine helle Flamme daraus hervor.

Die Thumannsche, das Mädchen schrien. Der Mann machte einen Schritt auf ihn zu, blieb wieder zögernd stehen.

So! sagte Pagel dann, knüllte die Gardine zusammen und löschte dadurch die Flamme. Dies ist nämlich mein Zimmer. Was bekommen Sie, Frau Thumann? Ich bezahle bis zum Ersten. Hier ... Er gab ihr Geld, irgendwas, ein paar Scheine, es kam nicht darauf an. Er war schon im Begriff, den Packen wieder in die Tasche zu stecken, als er den traurig-begehrlichen Blick des Mädchens darauf sah. ›Wenn du ahntest‹, dachte er, doch irgendwie von diesem Gedanken befriedigt, ›daß dies nur einer von sechs Geldpacken ist und der wertloseste ...‹

Da! sagte er zu dem Mädchen und hielt ihn ihr hin.

Sie sah das Geld an, dann ihn. Er verstand, daß sie ihm nicht glaubte. Also nicht! sagte er gleichmütig und steckte das Geld wieder in die Tasche. Schön dumm bist du. Hättest du zugefaßt, hättest du's gehabt. Jetzt nichts mehr.

Er geht wieder gegen die Tür.

Ich gehe jetzt auf die Polizei, Frau Thumann, sagt er. In einer Stunde bin ich mit meiner Frau wieder hier. Sorgen Sie, daß was zum Abendessen da ist.

Wird jemacht, Herr Pajel, sagt sie. Aber die Jardine, die müssen Se noch bezahlen. – Vor 'ner Viertelstunde war ooch eener von de Polente da nach Sie. Ick habe ihm azählt, Se sind abjehauen ...

Gut, gut, sagt Pagel. Ich gehe jetzt hin.

Und, Herr Pajel, eilt sie hinter ihm drein, nehmen Se's mir nich für übel, Se hören's dann ja doch uff de Wache. Ick habe nur een Wort jesacht, daß Se noch ein bißken im Rückstand sind, gleich mußt ick wat untaschreiben. Aber ick nehm es zurück, Herr Pajel, ick habe jleich nich gewollt. Ick jeh sofort uff de Wache und nehme es zurück, ick habe det noch nich jewollt von wejen Strafantrach wejen Betruch, det hat der jesacht von der Polente. Jleich bin ick ooch da, nur erst det Mächen aus de Wohnung. So een fises Mächen, die bringt doch nie de Miete, und wat det for een Kavalier is, hamm Se det jesehen, Herr Pajel, mit det Brettchen vor de Brust an eenem Knopp ...

Pagel steigt schon die Treppe hinunter; den Letzten beißen die Hunde, und so ist es auch ganz richtig, daß Frau Thumann Strafantrag wegen Betruges gestellt hat. Ihn trifft es ja nicht, es ist bloß wegen Petra ...

Er dreht wieder um, steigt noch einmal hinauf und sagt zur Pottmadamm, die auf dem Treppenabsatz erst einmal einer Nachbarin von den Ereignissen berichtet: Wenn Sie nicht in zwanzig Minuten auf der Wache sind, dann donnert's, Frau Thumann! –

Der gelbliche Sekretär auf dem Polizeibüro hat einen schlechten Tag. Es ist richtig ein Gallenanfall geworden, wie er schon am Morgen beim Aufstehen fürchtete; der dumpfe Druck in der Gallengegend, eine leise Übelkeit hatten ihn gewarnt. Er weiß recht gut, und der Arzt hat es ihm auch oft genug gesagt, er müßte sich krank melden, eine Kur gebrauchen. Aber welcher Verheiratete kann heute seine Familie den der Entwertung nachhinkenden Krankengeldern ausliefern?

Nun hat ihm die Aufregung über den Fall Gubalke eine richtige Gallenkolik gebracht. Er hat kaum noch die Papiere für den Sieben-Uhr-Transport nach dem Alex fertig machen können, dann hat er gekrümmt auf der Toilette gesessen, während sie draußen schon wieder nach ihm rufen. Er hätte brüllen können vor Schmerzen. Natürlich kann man nach Haus gehen, wenn man krank ist, kein Reviervorsteher, und dieser zumal nicht, wird etwas dagegen sagen, aber man kann seinen Dienst nicht so plötzlich im Stich lassen, grade jetzt nicht. Nun zur Stunde wirft der Geschäftsschluß die Tausende von Angestellten und Kaufleuten auf die Straße, an tausend Lokalen leuchten die Lichtreklamen auf, der Taumel aus Amüsement, Fieber und Angst reißt die Menschen fort, und die Hauptarbeit der Polizei beginnt. Er wird es schon bis zu seiner Ablösung um zehn aushalten!

Er sitzt nun wieder hinter seinem Tisch. Besorgt merkt er, daß der Gallenanfall mit seinen Schmerzen zwar aufgehört hat, daß aber statt dessen ein Zustand äußerster Gereiztheit in ihm zurückgeblieben ist. Es ärgert ihn alles, und fast mit Haß schaut er in das bleiche, schwammige Gesicht eines Straßenhändlers, der ohne Gewerbeschein aus einem Handkoffer Toilettenseifen dunkler Herkunft verkauft und Krakeel angefangen hat, als der Schutzmann ihm das verwies. ›Ich muß mich zusammennehmen‹, denkt der Sekretär. ›Ich darf mich nicht gehen lassen, so darf ich ihn nicht anschauen ...‹

Es ist verboten, ohne Wandergewerbeschein Waren auf der Straße feilzubieten ... sagt er zum zehntenmal, möglichst sanft.

Bei euch ist alles verboten! schreit der Händler. Alles macht ihr einem kaputt! Bei euch ist nur erlaubt, vor Hunger zu krepieren!

Ich mache ja die Gesetze nicht! sagt der Sekretär.

Aber du läßt dich dafür bezahlen, daß du die Scheißgesetze durchführst, Speckjäger, verdammter! schreit der Mann.

Hinter dem Mann halblinks steht ein junger, gut aussehender Bursche in einer feldgrauen Uniform. Der Bursche hat ein offenes, recht intelligentes Gesicht. Er gibt dem Sekretär die Kraft, ohne Ausbruch solche Beschimpfungen zu ertragen. Wo haben Sie die Seife her? fragt der Sekretär.

Riech deinen eigenen Dreck auf! schreit der Händler los. Müßt ihr Brüder euch in alles mischen?! Ihr wollt unsereinen bloß ruinieren, ihr Leichenwürmer! Wenn wir alle krepiert sind, seid ihr fett!

Er schreit noch weiter Beschimpfungen, während ihn ein Schupo an den Schultern gegen den Zellengang schiebt. Der Sekretär schlägt trostlos den Deckel des Seifenkoffers zu und stellt ihn auf den Tisch. Bitte! sagt er zu dem jungen Mann in der feldgrauen Uniform.

Der junge Mann hat mit gerunzelter Stirn und vorgeschobenem Kinn dem Abtransport des tobenden Händlers zugesehen. Jetzt merkt der Sekretär, daß dies Gesicht doch nicht so offen ist, wie er dachte, es liegt Trotz darin und ein verbohrter Eigensinn. Auch kennt der Sekretär diesen krampfigen Gesichtsausdruck; es haben ihn manche Männer, wenn sie einen Uniformierten Gewalt gegen einen Zivilisten brauchen sehen. Solche Männer – die geborenen Löcker wider den Stachel – sehen dann rot, ganz besonders, wenn sie ein wenig getrunken haben.

Aber dieser junge Bursche hat sich recht gut in der Gewalt. Fast mit einem Aufatmen wendet er den Blick von dem Abtransport fort, sobald die Eisentür zu dem hinteren Zellengang wieder geschlossen ist. Er ruckt in dem etwas zu engen Waffenrock mit der einen Schulter, geht an den Tisch und sagt, ein wenig herausfordernd, eine Spur trotzig, aber vollkommen anständig: Ich heiße Pagel. Wolfgang Pagel.

Der Sekretär wartet, aber weiter kommt nichts. Ja, sagt der Sekretär dann, und Sie wünschen?

Ich werde hier wohl erwartet, antwortet der junge Mann fast ärgerlich. Pagel. Pagel aus der Georgenkirchstraße.

Ach so, sagt der Sekretär. Ja, richtig. Wir haben einen Mann zu Ihnen geschickt. Wir hätten Sie gerne gesprochen, Herr Pagel.

Und Ihr Mann hat meine Wirtin genötigt, einen Strafantrag gegen mich zu unterschreiben!

Nicht genötigt. Kaum genötigt, verbessert der Sekretär. Und in dem festen Entschluß, mit dem jungen Mann im Guten auszukommen: Wir haben kein besonderes Interesse an Strafanträgen. Wir ersticken.

Trotzdem haben Sie vollkommen grundlos meine Frau verhaftet, sagt der junge Mann heftig.

Nicht Ihre Frau, verbessert der Sekretär wieder. Ein lediges Mädchen – Petra Ledig, nicht wahr?

Wir wollten heute mittag heiraten, sagt Pagel und wird ein wenig rot. Unser Aufgebot hängt auf dem Standesamt.

Die Festnahme erfolgte erst heute abend, nicht wahr? Und mittags haben Sie also nicht geheiratet?

Nein, sagte Pagel. Aber es wird rasch nachgeholt. Ich hatte heute vormittag nur kein Geld.

Ich verstehe, sagte der Sekretär langsam. Aber sein Gallenleiden brachte ihn doch dazu, noch zu sagen: Also doch ein lediges Mädchen, nicht wahr?

Er schwieg, sah auf den grünen, tintenbefleckten Filz vor sich. Dann griff er nach dem Papierstoß links, holte ein Blatt hervor und sah darauf. Er vermied es, den jungen Mann anzusehen, konnte es nun aber doch nicht lassen, wiederum zu sagen: Und auch nicht grundlos festgenommen. Nein.

Wenn Sie die Betrugsanzeige der Wirtin meinen – ich habe eben die Rechnung bezahlt. Die Wirtin wird innerhalb zehn Minuten hier sein und den Strafantrag zurücknehmen.

Heute abend haben Sie also Geld, lautete die überraschende Antwort des Sekretärs.

Pagel hatte Lust, diesen gallengelben Mann zu fragen, was ihn das anginge, aber er ließ es. Statt dessen fragte er: Ist der Strafantrag zurückgenommen, steht der Entlassung von Fräulein Ledig nichts mehr im Wege, nicht wahr?

Ich glaube doch, sagte der Sekretär.

Er war sehr müde, all dieser Dinge müde, und vor allem fürchtete er sich vor Streit. Er hätte gerne in seinem Bett gelegen, die Wärmflasche auf dem Bauch; seine Frau würde ihm die heutige Roman-Fortsetzung aus der Zeitung vorlesen. Statt dessen würde es unbedingt Streit mit diesem jungen Mann geben, der erregt war; seine Stimme wurde immer schneidiger. Stärker aber als das Ruhebedürfnis des kranken Sekretärs würde die Gereiztheit sein, die ununterbrochen aus seiner Galle sickerte und ihm das Blut vergiftete.

Aber noch hielt er an sich; von all seinen Argumenten wählte er das schwächste, um diesen Herrn Pagel nicht noch mehr aufzubringen: Als sie festgenommen wurde, war sie obdachlos und nur mit einem Herrenüberzieher bekleidet. Er beobachtete die Wirkung seiner Worte auf Pagels Gesicht. Er erklärte: Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Der junge Mann war sehr rot geworden. Er sagte eilig: Das Zimmer ist bereits wieder gemietet und gezahlt. So hat sie ein Obdach. – Und was ihre Kleider angeht, so kann ich in einer halben, in einer Viertelstunde ihr so viele Kleider und Wäsche kaufen, wie gewünscht wird.

Sie haben also auch dafür Geld? Ziemlich viel Geld?

Der Sekretär war Kriminalist genug, alles, was ein Vernommener nebenher zugab, sofort festzunageln.

Genug! Dafür genug! sagte Wolfgang heftig. Sie wird dann also entlassen.

Die Läden sind jetzt geschlossen, antwortete der Sekretär.

Egal! rief Pagel. Ich beschaffe die Kleider trotzdem! Und fast bittend: Sie entlassen Fräulein Ledig?

Wie gesagt, Herr Pagel, antwortete der Sekretär, wir hätten Sie auch unabhängig von dieser Geschichte gerne einmal gesprochen. Darum haben wir ja auch einen Beamten bei Ihnen vorbeigeschickt.

Der Sekretär flüsterte einen Augenblick mit einer Uniform. Die Uniform nickte kurz und verschwand.

Aber Sie stehen noch immer, bitte, nehmen Sie doch einen Stuhl.

Ich will keinen Stuhl! Ich verlange, daß meine Freundin sofort entlassen wird!! schrie Pagel.

Aber er riß sich im gleichen Augenblick zusammen.

Entschuldigen Sie, sagte er leiser. Das wird nicht wieder vorkommen. Ich bin sehr in Sorge, Fräulein Ledig ist ein sehr gutes Mädchen. An allem, was man ihr vorwerfen kann, bin ich allein schuld. Ich habe die Miete nicht bezahlt, ich habe ihre Kleider verkauft. Bitte, geben Sie sie frei!

Bitte, setzen Sie sich, antwortete der Sekretär.

Pagel wollte aufbrausen, besann sich und setzte sich.

Es gibt eine Art der Vernehmung durch Kriminalisten, die fast alle Menschen, und gewiß jeden Unerfahrenen, völlig zermürbt. Sie ist fern jeder Milde, aller Menschlichkeit. Sie kann auch nicht anders sein. Der Vernehmende, der in den meisten Fällen eine Tatsache entdecken soll, die der Vernommene um keinen Preis zugeben will, muß den Befragten um Sinn und Verstand bringen, daß ihm diese Tatsache wider seinen Willen entschlüpft.

Der Sekretär hatte einen Mann vor sich, der einer vagen Beschuldigung nach, sein Geld durch gewerbsmäßiges Falschspiel verdiente. Der Mann würde die Richtigkeit dieser Beschuldigung in ruhigem, besonnenem Zustande nie zugeben. Um ihn unbesonnen zu machen, mußte man ihn reizen. Oft ist es schwer, etwas zu finden, was einen Beschuldigten so reizt, daß er darüber die Besinnung verliert. Hier hatte der Sekretär sofort gefunden, was er brauchte: diesem Mann schien in wirklicher, unverlogener Sorge um sein Mädchen zu sein. Das mußte der Hebel werden, mit dem die Tür zu einem Geständnis zu öffnen war. Aber ein solcher Hebel war nicht mit Zartheit zu benutzen; man befreit nicht die Bauern aus dem Osten von einem Kümmelblättchenspieler durch sanfte Rücksichtnahme. Man mußte diesen jungen Mann besonders kräftig anfassen, er hatte Selbstbeherrschung, er hatte eben nicht getobt, er hatte sich auf den Stuhl gesetzt.

Ich müßte Sie nach ein paar Dingen fragen, sagte der Sekretär.

Gerne, antwortete Pagel. Nach was Sie wollen. Wenn Sie mir zuerst bestätigen würden, daß Fräulein Ledig heute abend noch entlassen wird.

Darüber können wir uns noch unterhalten, sagte der Sekretär.

Sagen Sie es mir doch bitte gleich, bat Pagel. Ich bin unruhig. Seien Sie, sprach er, seien Sie nicht unmenschlich. Quälen Sie mich nicht. Sagen Sie ja.

Ich bin nicht unmenschlich, antwortete der Sekretär. Ich bin Beamter.

Pagel lehnte sich entmutigt, gereizt zurück.

Durch die Tür kam ein großer, schwerer, uniformierter Mann, er hatte einen grauschwarzen Wachtmeisterschnurrbart und sah traurig aus, mit dicken, geschwollenen Tränensäcken unter großen Augen. Der Mann trat hinter den Stuhl des Sekretärs, er nahm seine Zigarre aus dem Mund und fragte: Ist er das?

Der Sekretär legte den Kopf zurück, sah zu seinem Vorgesetzten auf und sagte, recht vernehmlich flüsternd: Das ist er!

Der Reviervorsteher nickte langsam, sah Pagel lange prüfend an und sagte: Fahren Sie fort! Er rauchte weiter.

Nun zu unsern Fragen ... fing der Sekretär an.

Aber Pagel unterbrach ihn. Sie gestatten, daß ich mir eine Zigarette anbrenne?

Der Sekretär klopfte mit der Hand auf den Tisch. In den Diensträumen ist das Rauchen untersagt – für das Publikum.

Der Reviervorsteher zog kräftig an seiner Zigarre. Ärgerlich, nein, wütend steckte Pagel seine Zigaretten wieder ein.

Nun zu unsern Fragen ... fing der Sekretär wieder an.

Einen Augenblick, unterbrach der Reviervorsteher und legte seine große Hand dem Sekretär auf die Schulter. Vernehmen Sie den Mann in seiner eigenen Sache oder in der von dem Mädchen?

Ich habe hier also auch eine eigene Sache? fragte Pagel verwundert.

Das werden wir dann sehen, sagte der Sekretär. Und zu seinem Vorgesetzten, wieder in diesem albernen, vernehmlichen Flüsterton: In seiner eigenen Sache.

›Die treiben ja hier Schindluder mit dir‹, dachte Pagel erbittert. Und sofort: ›Aber ich lasse mich nicht reizen. Die Hauptsache ist, daß ich Petra heute abend noch herausbekomme.‹ Und wieder: ›Mama hatte vielleicht doch recht, ich müßte einen Anwalt hier haben. Dann würden sich die Brüder mehr in acht nehmen.‹

Er saß aufmerksam und äußerlich ruhig da. Aber in ihm war es unruhig. Seit er in jene Destille gegangen war, verließ ihn nicht mehr das Gefühl von trauriger Verzweiflung, als sei doch alles umsonst.

Nun zu unsern Fragen ... hörte er den beharrlichen Sekretär wieder sagen.

Und jetzt ging es wirklich los.

Sie heißen?

Pagel sagte es.

Geboren wann?

Pagel sagte es.

Wo?

Er sagte es.

Beruf?

Er war ohne Beruf.

Wohnung?

Pagel sagte es.

Haben Sie Ausweispapiere?

Pagel hatte sie.

Zeigen Sie mal her!

Pagel zeigte sie her.

Der Sekretär sah sie an. Der Reviervorsteher sah sie auch an. Der Reviervorsteher zeigte dem Sekretär etwas, und der Sekretär nickte. Er gab Pagel die Papiere nicht zurück, sondern legte sie vor sich auf den Tisch.

So, sagte der Sekretär, lehnte sich zurück und sah Pagel an.

Nun zu unsern Fragen ... sagte Pagel.

Wie?! fragte der Sekretär.

Ich sagte: nun zu unsern Fragen ... antwortete Pagel höflich.

Richtig, sagte der Sekretär. Nun zu unsern Fragen ...

Es war nicht festzustellen, ob Pagels Ironie Eindruck auf die beiden Beamten gemacht hatte.

Ihre Mutter lebt in Berlin?

Wie aus den Papieren ersichtlich, antwortete Pagel. Und dachte:

›Dumm wollen sie mich machen. Oder sie sind dumm. Übrigens: dumm sind sie bestimmt!‹

Sie leben nicht bei Ihrer Mutter?

Meine Anmeldung lautet auf die Georgenkirchstraße.

Und Sie leben nicht bei Ihrer Mutter?

Sondern in der Georgenkirchstraße.

Wohnt es sich in der Tannenstraße nicht angenehmer?

Das ist Geschmackssache.

Sind Sie etwa verfeindet mit Ihrer Mutter?

Kaum. (Eine ganze Lüge wurde Pagel schwer, dafür war diese Sache nun doch nicht wichtig genug. Aber die Wahrheit zu sagen, war unmöglich: die Wahrheit hätte eine nicht enden wollende Kette von Fragen heraufbeschworen.)

Ihre Mutter wünscht wohl nicht, daß Sie bei ihr wohnen?

Ich wohne mit meiner Freundin zusammen.

Und Ihre Mutter wünscht das nicht?

Es ist meine Freundin.

Also nicht die Ihrer Mutter? Ihre Mutter mißbilligt also die beabsichtigte Heirat?

Der Sekretär sah den Reviervorsteher, der Reviervorsteher den Sekretär an.

›Wie stolz sie sind, daß sie das rausgebracht haben‹, dachte Pagel. ›Aber sie sind nicht dumm. Nein, gar nicht. Ich möchte wissen, wie sie es anfangen, aber sie kriegen es raus. Ich muß besser aufpassen.‹

Ihre Mutter hat Vermögen? fing der Sekretär wieder an.

Wer hat jetzt in der Inflation noch Vermögen? fragte Pagel dagegen.

Dann unterstützen Sie also Ihre Mutter? fragte der Sekretär.

Nein, sagte Pagel ärgerlich.

Sie hat also zu leben?

Sicher!

Und unterstützt vielleicht Sie?

Nein, sagte Pagel wieder.

Sie verdienen selbst Ihren Unterhalt?

Ja.

Und den Ihrer Freundin?

Auch.

Womit?

›Halt, halt!‹ dachte Pagel. ›Die wollen mich fangen. Sie haben etwas läuten gehört. Es kann mir bestimmt nichts passieren, spielen wird nicht bestraft. Aber besser fange ich gar nicht davon an. Peter hat bestimmt nichts verraten.‹

Ich verkaufe Sachen.

Was für Sachen verkaufen Sie denn?

Zum Beispiel die meiner Freundin.

An wen verkaufen Sie?

Zum Beispiel an den Pfandleiher Feld in der Gollnowstraße.

Und wenn nichts mehr zu verkaufen da ist?

Es ist immer noch was da.

Der Beamte überlegte einen Augenblick, er sah zu dem Vorsteher auf. Der Vorsteher nickte leicht.

Der Sekretär nahm einen Bleistift, stellte ihn auf die Spitze, betrachtete ihn nachdenklich und ließ ihn umfallen. Leichthin fragte er: Ihre Freundin verkauft nichts?

Nichts!

Sie verkauft bestimmt gar nichts?

Gar nichts!

Es ist Ihnen bekannt, daß man auch anderes verkaufen kann als grade Sachen?

›Was in aller Welt‹, dachte Pagel verblüfft, ›kann Peter verkauft haben, daß die so dämlich fragen?!‹

Laut sagte er: Auch ich meinte mit Sachen nicht nur Kleider und so was.

Sondern zum Beispiel?

Bilder.

Bilder –?

Jawohl, Bilder!

Was für Bilder denn in aller Welt?!

Zum Beispiel Ölbilder.

Ölbilder ... Ja, sind Sie denn Maler?

Ich nicht – aber ich bin der Sohn eines Malers.

So, sagte der Sekretär sehr unzufrieden. Sie verkaufen also Ölbilder Ihres Vaters. Nun, davon werden wir später sprechen. Jetzt nur noch einmal die Bestätigung: Fräulein Ledig verkauft nichts?

Nichts. Alles, was verkauft wird, verkaufe ich.

Es könnte ja auch sein, sagte der Sekretär, und seine Gallenschmerzen plagten ihn wieder sehr – dieser junge Bengel tat gar zu überlegen. Es könnte ja auch sein, daß Fräulein Ledig irgend etwas hinter Ihrem Rücken verkaufte – ohne daß Sie es zu wissen brauchen?

Pagel dachte nach. Er drängte alle Unruhe, alle dunkle Befürchtung, die sich immer wieder in ihm zusammenballten, zurück. Er gab zu: Theoretisch wäre das möglich.

Und praktisch –?

Praktisch nicht. Er lächelte. Wir besitzen nämlich nicht so sehr viel, ich würde das Fehlen auch der geringsten Kleinigkeit sofort merken.

So ... so ... sagte der Sekretär. Er sah zurück auf den Reviervorsteher, der Vorsteher erwiderte den Blick – Pagel war es so, als ob der Schatten eines Lächelns in den Augenwinkeln der beiden auftauchte. Seine Unruhe, sein Argwohn wurden immer stärker. Der Sekretär senkte die Lider: Und wir waren uns ja darüber einig, daß man nicht nur Sachen, Bilder, greifbare Dinge verkaufen kann, sondern – auch anderes?

Wieder die dunkle Drohung, kaum noch versteckt. Was in aller Welt konnte Petra verkauft haben?!

Zum Beispiel –? fragte Wolfgang böse. Ich kann mir nämlich keine Vorstellung machen von den ungreifbaren Dingen, die meine Freundin scheinbar verkauft haben soll!

Zum Beispiel ... fing der Sekretär an und sah wieder zum Reviervorsteher hoch.

Der Reviervorsteher schloß die Augen, er bewegte dabei das traurige Gesicht einmal von rechts nach links, verneinend. Pagel sah es deutlich. Der Sekretär lächelte. Es war noch nicht ganz so weit, aber es war beinahe so weit.

Zum Beispiel – das werden wir gleich sehen, sagte der Sekretär. Zuerst noch einmal zurück zu unsern Fragen. Sie geben also zu, Ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Bildern ...

Meine Herren! sagte Pagel, stand auf und stellte sich hinter seinen Stuhl. Er faßte die Lehne vor sich fest mit beiden Händen. Er sah auf diese Hände hinunter: die Knöchel traten weiß durch die gerötete Haut. Meine Herren! sagte er entschlossen. Sie spielen aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne, Katz und Maus mit mir. Ich mache das nicht länger mit! Wenn Fräulein Ledig, wie es scheint, irgendeine Dummheit begangen hat, so trage ich allein die Verantwortung. Ich habe mich nicht genug um sie gekümmert, ich habe ihr nie Geld gegeben, wohl nicht einmal genug zu essen. Ich stehe für alles ein. Und soweit Schaden entstanden ist, kann ich den Schaden ersetzen. Hier ist Geld ... Er riß an seinen Taschen, er warf die Pakete, eines nach dem andern, auf den Tisch. Ich will bezahlen, was an Schaden geschehen ist, aber sagen Sie mir endlich, was geschehen ist ...

Geld, viel Geld ... sagte der Sekretär und sah den unsinnigen, immer höher werdenden Haufen böse an.

Der Reviervorsteher schloß die Augen, als wolle er davon wegsehen, als könne er den Anblick nicht ertragen.

Hier sind noch 250 Dollar! rief Pagel, selber von neuem durch die Menge Geld überwältigt. Er warf den Packen als letzten auf den Tisch. Ich kann mir keinen Schaden denken, der heute damit nicht zu bezahlen wäre. Ich will alles hergeben, sagte er hartnäckig, aber lassen Sie Fräulein Ledig heute abend noch frei!

Auch er starrte auf das Geld, das eintönige Weiß oder Bräunlich der deutschen, auf die Regenbogenfarben der amerikanischen Scheine.

Durch die Tür hinein ließ der Uniformierte die Frau Thumann, die Pottmadamm. Ihre schlampige Fülle schlotterte in hängenden Gewändern. Der Rocksaum, abgetreten selbstverständlich, ging noch bis zu den Absätzen der Schuhe, in einer Zeit, da die Frauen die Röcke nicht mehr bis zum Knie trugen. Ihr graues, wabbliges, faltiges Gesicht zitterte, ihre Unterlippe hing und hatte das Innere nach außen gedreht.

Jotte doch, det ick noch zurechtkomme, Her Pajel! Wat bin ick jeloofen! Wat ha ick for eenen Schiß jehabt, Se kokeln mir die Bude noch mal an, wie Sie jedroht haben! Ick war ja ooch zeitich jekommen, aba wie ick in de Gollnowstraße bin und ick denke an jarnischt als an Sie und det ick zurechtkomme, rennt doch ein Auto in 'en Pferd rin. Da könnt ick doch nicht weiter! Det janze Jedärme draußen, und ick denke mir: Aujuste, bekiek dir das! Se saren ja imma, Mensch und Tier soll man nich vergleichen, aba innen muß er doch 'ne ziemliche Ähnlichkeit sind, und da ha ick mir jedacht, wo du doch imma mit deine Blase zu tun hast, und 'ne Blase hat so 'n Hafamotoa ooch ...

Herr Pagel hat Ihnen also gedroht, Ihnen die Wohnung anzustecken, wenn Sie nicht sofort hierher kommen und die Anzeige zurücknehmen?

Aber die Frau Thumann kann man nicht für dumm kaufen, die redet viel, aber auf nichts läßt sie sich festnageln. Sie hat das Geld auf dem Tisch gesehen, sich die Lage klargemacht, und schon redet sie los: Wer sacht denn dat?! Er soll mia jedroht haben?! Det ha ick nich jesacht, det valang ick ins Protokoll, Herr Leutnant, solche Worte schieben Se sich man lieba selba in de Schuhe! Mir drohen, wo er so 'n umgänglicha, lieba Herr is, der Herr Pajel! Und de Anzeije gegen ihn und det Mädchen hett ick ooch nich unterschrieben, wenn mir der Mann von Ihnen nich von Sinn und Unsinn jeschwatzt hätte. Es is Jesetz, sacht er – und wie kann denn det Jesetz sind, bitt ick Sie, wo ick mein Jeld alles habe, und von Betruch is nich de Rede! Nee, meine Anzeije will ick wieder, davor mache ick Sie haftbar ...

Ruhe jetzt! donnert der Reviervorsteher, denn die schüchternen Unterbrechungsversuche des Sekretärs verfangen nicht gegen diesen Redestrom. Treten Sie bitte einen Augenblick vor die Tür, Herr Pagel. Wir möchten allein mit Ihrer Wirtin reden ...

Pagel sieht einen Augenblick die beiden an, dann das Geld und die Papiere auf dem Tisch. Er verbeugt sich stumm und tritt auf den Gang hinaus. Ihm gegenüber ist nun die Tür zum Meldebüro, etwas weiter nach der Straße zu, direkt an der Ausgangstür, das Wachzimmer. Er sieht durch die offenstehende Tür draußen auf der Straße die Leute gehen. Es scheint aufgehört zu haben mit dem Regen, ein kühler Luftzug kommt herein und kämpft gegen die abgestandene Luft des Flurs.

Pagel lehnt sich gegen die Wand und brennt die lang ersehnte Zigarette an. Die ersten, tief eingeatmeten Züge sind eine Wohltat. Aber dann vergißt er gleich wieder, daß er raucht.

›Verhaftet haben sie mich noch nicht‹, denkt er. ›Sonst hätten sie mich nicht so allein vor die Tür geschickt.‹

Drinnen geht wieder die Stimme der Thumannschen, aber weinerlicher. Dazwischen bellt die Stimme des Reviervorstehers – komisch, wie gut der traurige Mann schnauzen kann. ›Aber er muß es ja können, so was muß man in seinem Beruf können. – Übrigens beweist das gar nichts, daß sie mich vor die Tür geschickt haben. All mein Geld liegt da drinnen auf dem Tisch, sie wissen ganz gut, so leicht läuft keiner von soviel Geld weg. Aber warum sollten sie mich eigentlich verhaften? Und was ist mit Petra? Was kann Petra verkauft haben?‹

Er grübelt. Immer wieder gerät er darauf, daß sie vielleicht irgend etwas von der Thumann verkauft hat. Bettwäsche oder so was, um sich Essen zu kaufen. ›Aber das ist ja Unsinn! Das hätte die Pottmadamm längst ausgequatscht. Und sonst hat doch Peter gar keine Gelegenheit, an irgend etwas heranzukommen!‹

In Gedanken geht er zur Ausgangstür, die Luft im Gang macht ihm Kopfschmerzen, auch stören ihn die Stimmen im Zimmer des Sekretärs.

Er steht auf der Straße. Der Asphalt ist spiegelblank. ›Schwerer Tag für die Taxichauffeure‹, denkt er, als die Wagen so vorsichtig an ihm vorüberfahren, tastend gleichsam. ›Nein, ich möchte kein Taxichauffeur sein. Aber was in aller Welt möchte ich sein? Zu nichts bin ich mehr nutze. Ich habe den ganzen Tag nur Unsinn gemacht, und auch jetzt werde ich Peter nicht herausbekommen. Ich fühle es. Was kann Peter nur getan haben?‹

Er bleibt stehen, am Rande der Fahrbahn. Im regennassen Asphalt spiegeln sich die Lichter, kein Licht leuchtet ihm. Dann stößt ihn jemand an, und natürlich ist es die Pottmadamm.

Jotte doch, Herr Pajel, gut, det ick Sie hier stehen sehe! Ick dachte schon, Se sind jetürmt. Machen Se bloß det nich, holen Se sich Ihr schönet Jeld. Wat wem Se det den Brüdern lassen?! Ick vasteh nich und ick weeß nich, so wat will Behörde sind, mit eenem kriminalistischen Scharfblick und Jehalt und allens, und da hat irjendeen Roß denen wat vorjeäppelt. Se sind een Bauernfänger mit Kümmelblättchen. Se wissen doch, wo man die Karte so indrückt und schmeißt se über 'n Tisch, und der andere soll raten, wo die Karte is ... So doof! Ein feiner Mann wie Sie! Ick habe denen aber de Ohren ausjeputzt, da is de Haut mit det Schmalz wegjegangen! Allet solidet Jlücksspiel ha ick jesacht, fein mit Bank und die Herren im Frack, aba nur was die Herren sind, die det Jeld innehmen, Sie natürlich nicht, wie ick ja allens oft durch die Tür jehert habe, wie Se et dem Peter erzählt haben ...

Und was ist denn mit dem Peter?

Ja, wissen Se, Herr Pajel, wat mit der is, det weeß ick ooch nich. Da jeben se keenen Laut von, mit der Petra stinkt es! Aba wejen Betruchsanzeije und so, det is nich mehr – det haben se mir wieder rausrücken müssen, und ick habe es dem Jelbäugigen vor seine Quitte zerrissen. Und mit de Jardine, det ha ick ooch jesacht, det is een anjeheiterter Scherz von Sie jewesen, und wenn Se mir jetzt wat jeben wollten for de neue Jardine ...

Erst muß ich mir mein Geld wiederholen, Frau Thumann, sagt Pagel und geht zurück in das Hinterzimmer.

Der Sekretär ist jetzt allein dort, der Reviervorsteher ist nicht mehr da. Ja, das Interesse hat nachgelassen, es scheint nun doch, der Sterbende hat sich getäuscht. Es ist keine wichtige Sache, es ist nur eine Bagatelle. Dies ist keine Zeit für Bagatellen. Der Sekretär hat keine Lust mehr, mit kriminalistischen Tricks zu arbeiten, die letzte Amtshandlung Leo Gubalkes ist dahingewelkt, ehe der Sterbende noch den letzten Atemzug getan hat.

Gleichgültig prüft der Sekretär die Durchschrift von der Kaufbestätigung des Kunsthändlers, sie wird schon richtig sein. Er ruft nicht einmal mehr dort an – es ist ja auch zu unwahrscheinlich, daß jemand mit Kümmelblättchen in ein paar Nachmittagsstunden tausend Dollar gewinnt.

Aber in Spielklubs dürfen Sie nicht spielen, sagt er gelangweilt und gibt Pagel die Kaufbestätigung zurück. Glücksspiele sind gesetzlich verboten.

Gewiß, sagt Pagel höflich. Ich spiele auch nicht wieder. – Darf ich vielleicht für Fräulein Ledig eine Kaution stellen?

Die ist nicht mehr hier, sagt der Sekretär, und für ihn existiert sie wirklich überhaupt nicht mehr. Die ist schon im Polizeigefängnis Alexanderplatz.

Aber warum denn?! schreit Pagel. Sagen Sie mir doch endlich, warum!!

Weil sie Unzucht betreibt, ohne unter Kontrolle zu stehen, sagt der Sekretär todmüde. Sie soll übrigens auch geschlechtskrank sein.

Es ist gut, daß der Stuhl noch dasteht. Pagel packt ihn so fest, daß er meint, er muß zerbrechen. Das ist unmöglich, sagt er endlich mühsam.

Sie ist, erklärt der Sekretär und möchte nun endlich an seine Arbeit kommen, von einem andern Mädchen gleichen Gewerbes hier erkannt worden. Übrigens hat sie es auch zugegeben.

Sie hat es zugegeben?!

Sie hat es zugegeben ...

Danke, sagt Pagel, läßt den Stuhl los und geht gegen die Tür.

Ihr Geld, Ihre Papiere! ruft der Sekretär ungeduldig.

Pagel macht eine abwehrende Bewegung, besinnt sich dann aber und stopft alles wieder in die Taschen.

Sie werden Ihr Geld verlieren, sagt der Sekretär gleichgültig.

Pagel macht wieder eine Bewegung der Abwehr und marschiert aus der Tür.

Erst fünf Minuten später, mitten in einer mechanischen Schreiberei, fällt dem Sekretär ein, daß er dem Herrn Pagel eine falsche, zum mindesten eine mißverständliche Auskunft gegeben hat. Petra Ledig hat nur zugegeben, daß sie vor etwa einem Jahr in einigen, wenigen Fällen Unzucht betrieben hat. Geschlechtskrankheit hat sie überhaupt nicht zugegeben.

Der Sekretär denkt einen Augenblick nach. ›Vielleicht ist das gar nicht schlecht‹, überlegt er. ›Vielleicht heiratet er sie nun nicht. Man sollte solche Mädchen nicht heiraten. Nein, nie!‹

Und er kehrt zurück zu seiner Schreiberei. Endgültig versinkt für ihn der Fall Ledig ... die letzte Amtshandlung des Polizei-Oberwachmeisters Leo Gubalke.

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