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Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
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Viertes Kapitel.
Nachmittagsschwüle über Stadt und Land

1

Hören Sie zu, sagte Direktor Dr. Klotzsche zu dem Reporter Kastner, der ausgerechnet heute auf seiner Fahrt durch Preußens feste Häuser in das Zuchthaus Meienburg gekommen war. Hören Sie zu! Man muß nichts darauf geben, was die im Städtchen unten über uns klatschen. Wenn zehn Gefangene ein wenig laut sind, schallt es in diesem Haus aus Zement und Eisen, als brüllten tausend.

Immerhin haben Sie nach Reichswehr telefoniert, stellte Reporter Kastner fest.

Es ist unerhört ... wollte Direktor Klotzsche losbrechen und sich über Pressespionage, die sich bis auf seine Ferngespräche erstreckte, ereifern. Aber zur rechten Zeit fiel ihm noch ein, daß dieser Herr Kastner eine Empfehlung des Herrn Justizministers in der Tasche trug. Zudem hieß der Herr Reichskanzler wohl Cuno, aber er sollte ja schon wieder wackeln, und mit der SPD, deren Presse Herr Kastner vertrat, durfte man es also nicht verderben. Es ist unerhört, fuhr er darum wesentlich gemäßigter fort, wie in diesem Klatschnest aus der einfachen Erfüllung einer dienstlichen Vorschrift eine große Sache gemacht wird. Droht Unruhe im Zuchthaus, habe ich vorsorglich Polizei und Reichswehr zu benachrichtigen. Nach fünf Minuten konnte ich den Alarm schon wieder rückgängig machen. Sie sehen, Herr Doktor –!

Aber auch der Doktor zog bei diesem Manne nicht. Er fragte: Immerhin drohte auch Ihrer Ansicht nach Unruhe. Warum –?

Der Direktor ärgerte sich schändlich – aber was half es? – Es war wegen des Brotes, sagte er langsam. Es war einem nicht gut genug, er schrie. Und als sie das Schreien hörten, schrien gleich zwanzig mit ...

Zwanzig, nicht zehn, sagte der Reporter.

Meinethalben hundert, rief der Direktor, dem die Galle überlief. Meinethalben, mein Herr, tausend, alle –! Ich kann es nicht ändern, das Brot ist nicht gut – aber was soll ich machen? Unsere Verpflegungssätze hinken um vier Wochen hinter der Geldentwertung drein. Ich kann kein vollwertiges Mehl kaufen – was soll ich tun?!

Anständiges Brot liefern. Schlagen Sie doch Krach im Ministerium. Machen Sie Schulden für die Justizverwaltung, alles gleich – die Leute sind nach Vorschrift ausreichend zu beköstigen.

Jawohl, sagte der Direktor bitter: Ich riskiere Kopp und Kragen, damit meine Herren nur gut zu essen haben. Und draußen hungert das unbestrafte Volk, was?!

Aber Herr Kastner war für Ironie und Bitterkeit nicht zugänglich. Er hatte einen Mann in Zuchthauskleidung gesehen, der den Gang bohnerte; er rief, plötzlich recht freundlich: Sie, hören Sie mal, Sie da! Ihr Name bitte?

Liebschner.

Hören Sie mal, Herr Liebschner, sagen Sie mir mal ganz ehrlich: wie ist das Essen? Besonders das Brot?

Der Gefangene sah mit raschen Augen von dem Direktor zu dem dunklen Herrn in Zivil, noch unsicher, was man hören wollte. Man konnte nicht wissen, der Fremde konnte von der Staatsanwaltschaft sein, und wenn man die Klappe aufriß, saß man drin. Er entschied sich für Vorsicht: Das Essen? Mir schmeckt es. Ach, Herr Liebschner, sagte der Reporter, der nicht zum erstenmal mit einem Gefangenen sprach, ich bin Presse, vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie werden keine Nachteile haben, wenn Sie offen sprechen. Wir werden ein Auge auf Sie haben. Also was war das heute früh mit dem Brot?

Ich bitte doch sehr! rief der Direktor, bleich vor Wut. Das grenzt an Aufwiegelei ...

Machen Sie sich doch nicht lächerlich! bellte Herr Kastner. Wenn ich den Mann auffordere, die Wahrheit zu sagen, heißt das Aufwiegeln? Reden Sie ruhig frei von der Leber weg – ich bin Kastner vom Sozialdemokratischen Pressekonzern. Sie können mir immer schreiben ...

Doch der Gefangene hatte sich schon entschieden. Manche müssen immer meckern, sagte er und sah dem Reporter treu ins Auge. Das Brot ist, wie es ist, und ich mag's essen. Die hier drinnen am lautesten schreien, schieben draußen meistens Kohldampf und haben keine heile Hose auf dem Hintern.

So, sagte der Reporter Kastner mit gerunzelter Braue, sichtlich unzufrieden, indes der Direktor leichter atmete. So! – Wegen was sind Sie denn bestraft?

Hochstapelei, antwortete Herr Liebschner. Und dann sollen ja jetzt Erntekommandos rausgehen, Tabak und Fleisch, soviel man will ...

Danke! sagte der Reporter kurz, und zum Direktor gewandt: Gehen wir weiter? Ich hätte gerne noch eine Zelle gesehen. Man weiß auch, was man vom Geschwätz der Kalfaktoren zu halten hat, die haben alle Angst um ihren Posten. Und dann Hochstapelei – Hochstapler und Zuhälter, das ist das unglaubwürdigste Gesindel von der Welt!

Zuerst schien Ihnen an der Aussage dieses Hochstaplers aber viel zu liegen, Herr Kastner. – Der Direktor lächelte hinter seinem blonden Bart.

Der Reporter sah und hörte nicht. Und dann Erntekommandos! Den Großagrariern ihre Dreckarbeit machen, für die sich sogar die Pollacken zu schade sind! Und für Schandlöhne! Ist das eine Erfindung von Ihnen?

Nicht doch, sagte der Direktor freundlich. Nicht doch. Eine Verfügung Ihres Parteigenossen im Preußischen Justizministerium, Herr Kastner ...

2

Frau Thumann, sagte Petra in der Küche ihrer Wirtin, hatte den schäbigen Sommerpaletot fest von oben bis unten zugeknöpft und kümmerte sich gar nicht um ihr Zimmer-Visavis, die rassige, aber versoffene Ida vom Alex, die am Küchentisch saß und schöne, glasierte Schnecken in Milchkaffee tauchte – Frau Thumann, haben Sie nicht ein bißchen was zu tun für mich?

Jotte doch, Mächen! ächzte die Pottmadamm am Spülstein. Was meenst du nu wieder mit wat zu tun? Willste uff de Uhr kieken, ob er kommt, oder haste Kohldampf?

Allet beedet, sagte die Ida mit ihrer tiefen, vom Schnaps kratzigen Stimme und zog schlürfend über ein Stück Zucker im Munde ihren Kaffee.

De jrünen Heringe ha'ck schon ausjenommen und jeschuppt, und den Kartoffelsalat machste doch nich, wie Willem ihn will – und sonst?

Sie sah sich um, aber es fiel ihr nichts ein.

Da ha'ck nu jespannt und jejachtert, dat ick noch rechtzeitig zu de pikfeine Trauung unter de Kirchentür stehe, und nu is es ein Uhr vierzig, und wat de Braut is, die läuft noch in 'nem Herrenpaletot mit nackje Beene. Imma wird man belämmert!

Petra setzte sich auf einen Stuhl. Ihr war wirklich ein wenig sehr schwach im Magen, ein ziehendes Gefühl mit einer leisen Andeutung von kommendem Schmerz, Schwäche in den Knien und immer wieder ein Schweißausbruch, der nicht allein von der stickenden Schwüle kommen konnte. Aber ihre Stimmung war trotzdem recht gut. Eine große, glücklichmachende Gewißheit war in ihr. Sie konnte die beiden ruhig reden lassen, es gab den Stolz nicht mehr und nicht mehr die Scham von früher. Sie wußte, wohin der Weg ging. Daß er ans Ziel führte, darauf kam es an, nicht darauf, daß er beschwerlich war.

Setzen Se sich bloß langsam uff den Stuhl nieda, meine Dame! höhnte die rassige Ida wieder: Sonst hält er nich, bis der Bräutjamm kommt, Sie holen zur Trauung.

Mach es nicht zu schlimm mit ihr in meine Küche, Ida, mahnte die Pottmadamm am Spültisch. Bislang hat er ja noch imma allens bezahlt, und mit zahlende Jäste soll man lieblich sind.

Eenmal is es aba alle, Thumann, sagte die Ida weise. Ich hab en Blick for die Männers, ick weeß, wenn die Marie dünne wird, und er möchte rücken – ihrer is heute jerückt.

Saren Se det bloß nich, Ida! klagte Frau Thumann weinerlich. Wat soll mir denn det Mächen mit nischt als 'en Paletot und nackje Beene?! – O Jott? schrie sie laut und warf mit einem Topf, daß es schepperte, mir jeht doch allens schief, ick kann ihr womöchlich noch ein Kleid koofen, bloß, det ick ihr loswerde!

Ein Kleed koofen! sagte die Ida verächtlich. Zu dumm kleid't ooch nich hübsch, Thumann! Da saren Se dem nächsten Sipo soundso – et wohnt ja jleich eener ind Vorderhaus – und vastehnse und Betrug und ab mit ihr zur Wache und uff den Alex. Die ziehen Ihnen da schon wat an, Fräulein, wat Sie denken, blauer Husar und Kopftuch, vastehn Se?!

Mir müssen Sie nicht Angst machen, sagte Petra friedlich und ein wenig schwach. Sie hat wohl auch schon einmal einer sitzen lassen. Sie hatte es nicht sagen wollen, aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über – und so hatte sie es gesagt!

Der Ida blieb die Luft fort, als habe sie einer derb vor die Brust gestoßen.

Den haste wech, Mächen! kicherte die Thumann.

Eener, Fräulein?! sagte da die Ida mit erhobener Stimme. Eener – saren Se?! Hundert sollten Se saren! Da reichen keene hundert Male, det ick mir Eisbeene und dicke Knie stehe, und der Seejer uff de Normaluhr jeht und jeht, bis ich dußlijet Aas endlich merke: mir hat wieda eena vasetzt! Aber, ging sie aus den wehmütigen Erinnerungen zum Angriff über, desderwejen brauch mir so eene, die nich mal am Hochzeitstag was uff 'en Leib zu ziehen hat, det noch lange nich vorzuhalten! Eene, die mir nur mit Jieroojen die Schnecken ins Maul kiekt und de Kaffeeschlucker zählt. So eene wie ...

Feste, feste! freute sich die Thumann.

Und überhaupt! Is det denn 'ne Sache für 'n anständijet Mächen, det sie in so 'ne bedrängte Laje hochnäsig in 'ne fremde Küche kommt und fracht wie Jräfin Hochkotz: Hamm Se wat for mir zu tun?! Wer nicht hat, muß betteln jehn, det hat mein Vata mir schon mit 'em Scheit auf 'en Buckel jeschrieben, und hätten Se jesacht: Ida, ick schiebe Kohldampf, jib mir 'ne Schnecke, du hätt'st längst eene jehabt! Und überhaupt, Frau Thumann! Ick zahle Sie einen Doller täglich für Ihren Wanzenstall und nich mal Nachtlicht uff de Treppe, wo die Herren imma üba meckern – da hamm Se jarnischt zu lachen und zu schreien: den haste wech, Mächen! Da hamm Se mir jefälligst in Schutz zu nehmen, und wenn so eene keß wird, die janz for umsonst mit ihrem Louis schläft, zum Vajniejen, und de Thumann kann ja sehn, wo se de Pinke herkriegt, wir arbeeten nich, wir jehn doch nich uff den Strich und schaffen nich an – dafor sind wir doch zu fein – nee, Thumann, ich muß mir doch sehr über Sie wundern, und wenn Se det freche Aas, det mir vorwirft, det ick nich imma Jlück mit die Herren habe, wenn Se die nich uff de Stelle rausschmeißen – denn zieh ick!

Die rassige Ida stand zornrot da, eine Schnecke hatte sie noch in der Hand, hochrot war sie und immer röter wurde sie noch, je mehr ihr klarwurde, wie schwer sie beleidigt worden war. Die Thumannsche und Petra sahen ganz fassungslos auf diesen Sturm, der entstanden war; kein Mensch wußte woher und warum. (Und die rassige Ida, hätte sie nur nachdenken können, war sicher über den Schluß ihrer Rede genauso überrascht wie die beiden andern.)

Petra wäre ja am liebsten aufgestanden und in ihr Zimmer geschlüpft, hätte abgeschlossen und sich aufs Bett geworfen – oh, das gute Bett! Aber es wurde ihr immer schwächer und schwächer, es brauste manchmal in ihren Ohren und vor ihren Augen drehte es sich, dann sprach die zornige Stimme ganz ferne. Aber plötzlich kam sie wieder nahe, sie schrie direkt in ihre Ohren, und vor ihren Augen drehte es sich von neuem. Dann lief Feuer über ihren Nacken, den Rücken hinab, schwächender Schweiß brach aus ... Wenn sie es genauer rechnete, hatte sie ja lange Tage nichts Rechtes mehr gegessen; immer nur, wenn Wolf grade Geld hatte, eine Bockwurst mit Salat, oder Schrippen und Leberwurst auf der Bettkante. Und seit gestern früh überhaupt nichts mehr, wo es so darauf ankam, daß sie sich gut nährte –! Sie mußte versuchen, schnell in ihr Zimmer zu kommen, und dann abschließen, vor allem fest zuschließen; selbst wenn sie mit Polizei anklopften, nicht öffnen; erst wieder aufmachen, wenn Wolfgang kam ...

Jotte doch! hörte sie ganz in der Ferne die Thumann jammern, wat machste mir doch for Stunk mit deine freche Schnauze, Mächen! Solche, die nischt haben, müssen andern ooch nicht det Brot vom Tische quasseln, und de Ida is eene prima Dame, die jeden Tach mit ihrem Doller kommt – so eener haste gar nischt vorzuwerfen, vastanden?! Und nu mach, daß de aus meine Küche kommst, und een bißken dalli, sonst wackelt was ...

Nee! schrie die Ida unerträglich scharf. Det jilt nich, Thumann! Entweder jeht die oder entweder ick! Beleidijen lasse ick mir nich von so einer – raus mit ihr aus de Wohnung oder ick ziehe noch diese Minute.

Aber, Mächen, Ida, Herzenskindting! jammerte die Thumann. Du siehst doch, wie se is: Spucke an 'ne Kalkwand, und nischt uff 'en Leib und nischt im Leib – so kann ick se doch nich türmen lassen ...

Können Se nich, Thumann? Nee, det können Se nich? So – det wollen wir sehen – da können Se mir jleich in Ihre Entreetüre sehen, Frau Thumann –!

Mächen, Ida, bat die Thumann, warte doch bloß, bis ihr Kerl wiedakommt, tu mir die Liebe! – Dann sollen se ooch jleich beide dieselbe Minute noch jehn müssen! – Mache doch, dat de ihr aus de Oojen kommst, du dußlije Jans, du! flüsterte sie aufgeregt zu Petra. Wenn se dir bloß nich mehr sieht, wird se schon ruhich!

Ich gehe ja schon, flüsterte Petra und stand auf. Plötzlich konnte sie stehen und sie sah auch gut das schwarze Loch der offenstehenden Küchentür in den dunklen Flur hinein, aber die Gesichter der Frauen sah sie nicht. Sie ging langsam, die sagten noch etwas, immer schneller, immer lauter, aber sie hörte es nicht genau, konnte es darum auch nicht verstehen ...

Dafür konnte sie aber gehen, und sie ging langsam aus der hellen, heißen Schwüle auf das schwarze Loch zu. Dahinter kam der fast dunkle Flur mit ›ihrer‹ Tür; sie brauchte nur einzutreten, zuzuschließen – und dann das Bett ...

Aber sie ging vorüber, es war wie in einem Traum, ihre Glieder gingen anders, als der Kopf es ausdachte. Sie warf im Vorübergehen noch einen Blick in das Zimmer –›das Bett hätte ich doch noch machen müssen‹, dachte sie, und schon war sie vorüber. Schon war die Eingangstür da, und sie machte sie auf, tat einen Schritt über die Schwelle und zog sie hinter sich wieder zu.

Das Helle rechts und links waren Gesichter von Nachbarinnen.

Wat is denn det for Krach bei Ihnen? fragte die eine.

Die haben Sie woll rausjeschmissen, Fräulein?

Jotte doch! Wie 'ne aufjewärmte Leiche!

Aber Petra bewegte nur leise verneinend den Kopf. Sie durfte nicht sprechen, sonst wachte sie auf und saß wieder in der Küche, und die stritten und schrien sie an ... Leise, nur leise, sonst schwindet der Traum ... Sie faßte vorsichtig das Geländer, sie trat eine Stufe tiefer – und sie kam wirklich tiefer. Es war eine richtige Traumtreppe, man kam auf ihr tiefer, nicht höher.

Dann stieg sie weiter hinab.

Sie mußte sich eilen. Oben hatten sie die Tür wieder aufgemacht, sie riefen irgend etwas hinter ihr her: Mächen, mach doch keene Zicken! Wo willste denn hin, so nackig? Komm wieda ruff, die Ida vazeiht dir ooch ...

Petra machte eine verneinende Bewegung mit der Hand und stieg tiefer. Sie stieg und stieg – auf den Grund eines Brunnens. Aber unten war ein helles Tor – wie im Märchen. Es gab so ein Märchen, Wolfgang hatte es ihr erzählt. Und nun ging sie durch das helle Tor in die Sonne hinaus, durch Gänge, über sonnige Höfe ... und nun war da die Straße, eine fast leere, sehr sonnige Straße –

Petra sah sie hinauf und hinunter – wo war Wolf?

3

Feldinspektor Meier – Negermeier – ist nun doch gleich nach dem Arbeitsanfang um eins draußen auf dem Zuckerrübenschlag gewesen. Es war genau, wie er es sich gedacht hatte: der Vogt Kowalewski hatte in seiner Schlappheit die Weiber nur so obenhin kratzen lassen, die Hälfte des Unkrauts saß noch fest in der Erde.

Sofort hatte sich der kleine Meier aufgepustet, war rot angelaufen und hatte zu schimpfen angefangen: verfluchte Schweinerei, rumstehen und mit den Weibern poussieren, statt die Augen aufzumachen, elender Schlappschwanz – und so weiter, die ganze schon bekannte und bei jeder Unregelmäßigkeit wiederholte Tonleiter rauf und runter.

Leutevogt Kowalewski hatte den wütenden Sturzbach ohne ein Widerwort über sich ergehen lassen, den grauen, schon fast weißen Kopf gesenkt, und hatte dabei das eine oder andere jämmerliche Unkraut mit den eigenen Pfoten aus der staubigen, festen Erde gepuhlt.

Nicht grabbeln sollen Sie, sondern aufpassen! hatte Meier geschrien. Aber Sie grabbeln natürlich lieber!

Eine völlig grundlose Verdächtigung des alten Mannes. Aber Meier hatte seinen Lacherfolg bei den Leuten und schlug sich in die Fichten. Dort änderte sich seine Truthahnröte sofort in die gewöhnliche Gesichtsfarbe – ein gesundes Rotbraun – und er lachte, daß ihm der Bauch wackelte. Dem hatte er es gegeben, dem alten Trottel! Mindestens die drei nächsten Tage würde diese Abreibung mal wieder vorhalten! Das mußte man gelernt haben, vor Wut zu brüllen, ohne auch nur die Spur wütend zu sein, sonst machte man sich tot mit den Leuten.

Der Rittmeister, obwohl alter Offizier und Rekrutenabrichter, konnte das nicht. Der ärgerte sich, daß er schneeweiß wurde, daß er puterrot anlief, und war nach jedem solchen Ausbruch für vierundzwanzig Stunden völlig erledigt. Komische Nuß, großer Mann, wirklich!

Man durfte gespannt sein, mit was für Leuten er heute wiederkam, wenn er überhaupt welche brachte. Brachte er welche, waren sie natürlich ausgezeichnet, weil er, der Herr Rittmeister, sie verpflichtet hatte – und er, Meier, mußte sehen, wie er mit ihnen zurechtkam. Klagen ausgeschlossen.

Nun, es würde schon gehen. Er, der kleine Meier, war noch immer mit allen großen Männern zurechtgekommen, die Hauptsache blieb, daß ein paar nette Mädchen dabei waren. Amanda war ja soweit ganz gut, aber so 'ne Polenmadka hatte doch noch immer ganz andere Rasse und Feuer, und – vor allem – sie setzte sich nie was in den Kopf. Negermeier sang selbstvergessen vor sich hin: Denn die Rose und das Mädchen will beschissen sein!

Junger Mann – Sie sind nicht allein! sprach eine dröhnende Stimme – und zusammenfahrend sah Feldinspektor Meier unter einer Fichte am Wege den Schwiegervater seines Brötchengebers, den Geheimen Ökonomierat von Teschow, stehen.

Unterwärts war der alte Herr, zumal für solch drückend heißen Sommertag, völlig ausreichend bekleidet, nämlich mit hohen Stulpenstiefeln und grünlodener Büx. Von der Taille an aber, die jedoch ein ungeheurer Schmerbauch war, trug er nur ein Jägerhemd mit farbigem Pikee-Einsatz, das weit offen stand und die grauzottige, mit Schweißperlen bedeckte Brust sehen ließ. Dann kam weiter nach oben wieder Wolle, nämlich ein rötlich-, gräulich-, weißlich-, gelblicher, wolliger Vollbart. Eine rote Knollennase, zwei listig und vergnügt funkelnde kleine Augen, und obenauf ein grüner Lodenhut mit einem Gamsbart. Das Ganze der Geheime Ökonomierat Horst-Heinz von Teschow, Besitzer von zwei Rittergütern und achttausend Morgen Wald, kurz genannt ›der alte Herr‹.

Und natürlich hatte der alte Herr wieder ein paar kräftige Knüppel in der Pfote – sein Jagdwagen hielt sicher irgendwo um die Ecke. Feldinspektor Meier wußte, der alte Herr war dem Beamten seines Schwiegersohnes nicht abgeneigt, denn er haßte alle Duckmäuserei und Feinheit. Darum sagte Meier recht unverzagt: Nach ein bißchen Feuerholz gesehen, Herr Geheimrat?

Herr von Teschow hatte auf seine alten Tage die beiden Güter verpachtet – Neulohe an den Schwiegersohn, Birnbaum an den Sohn. Für sich hatte er nur die ›paar Fichten‹ behalten, wie er seine achttausend Morgen Wald nannte. Und wie er Sohn und Schwiegersohn die höchste nur mögliche Pacht abknöpfte (›dämliche Bande, wenn sie sich von mir übers Ohr hauen läßt‹), so war er auch, wie der Teufel hinter der armen Seele, hinter der Nutzung seines Waldes her. Nichts durfte umkommen; bei jeder Ausfahrt packte er seinen Jagdwagen eigenhändig mit abgestorbenem Brennholz voll. ›Bin kein so feiner Knochen wie mein Herr Schwiegersohn. Kaufe mir kein Brennholz, nich mal aus den eigenen Fichten, such es mir, Armeleuterecht – häh-häh-häh!‹

Für dieses Mal aber war er nicht geneigt, seine Ansichten über Brennholzerwerb kundzutun. Die Knüppel in der Hand, betrachtete er nachdenklich den jungen Mann, der dem bärtigen Greis bis zur Achselhöhle reichte. Fast besorgt fragte er: Wieder Zicken jemacht, was, Jüngling? Meine Gnädige ist auf Touren! Ist die beschissene Rose nun wenigstens die Backs –?

Artig und höflich wie ein braver Sohn antwortete der kleine Meier: Herr Geheimrat, wir sind wirklich nur die Geflügelrechnungen durchgegangen.

Urplötzlich lief der alte Herr violett an: Was geht Sie meine Geflügelrechnung an, Herr?!! Was geht Sie meine Mamsell an, was?!! Sie sind bei meinem Schwiegersohn Beamter, nicht bei meiner Mamsell, verstanden? Auch nicht bei mir!!

Jawohl, Herr Geheimrat! sagt der kleine Meier gehorsam und friedlich.

Muß es denn grade die Mamsell von meiner Frau sein, Meier, Jüngling, Apoll!! klagte der alte Herr wieder. Es gibt doch so viele Mädchen –!! Nehmen Sie Rücksicht auf einen alten Mann! Und wenn's denn sein muß – müssen Sie es denn grade so machen, daß sie es sieht?! Ich versteh alles, ich bin auch mal jung gewesen, ich hab mir's auch nicht durch die Rippen geschwitzt – aber muß ich denn nun den Ärger haben, weil Sie so ein Casanova sind?! Ich soll Sie rausschmeißen! Geht nicht, sage ich ihr, ist nicht mein Beamter, ich kann ihn nicht rausschmeißen. Schmeiß du deine Mamsell raus. – Nein, geht nicht, die ist bloß verführt, sagt sie, und außerdem ist sie so tüchtig. Gute Geflügelmamsells sind knapp, Feldbeamte gibt's wie Sand am Meer. – Nun muckscht sie mit mir, und sobald mein Schwiegersohn zurück ist, wird sie ihm die Ohren volltuten – da sehen Sie!

Wir sind nur Geflügelrechnungen durchgegangen, beharrt der kleine Meier für alle Fälle, denn ›Bloß nichts gestehen‹ ist die Losung aller kleinen Verbrecher. Fräulein Backs kann so schlecht zusammenzählen – da hab ich ihr geholfen.

Na ja, lachte der Greis, sie wird es ja schon lernen von dir, mein Sohn, die Rechnerei, was? Und er lachte schallend. Übrigens, mein Schwiegersohn hat angerufen, er hat Leute gekriegt.

Gott sei Dank! sagte Meier hoffnungsvoll.

Bloß, sie sind ihm schon wieder durch die Lappen gegangen, wird wohl wieder mal ein bißchen zuviel kommandiert haben! Weiß ich nicht, versteh ich auch nicht, meine Enkelin, die Violet, war am Apparat. Er sitzt in Fürstenwalde fest – verstehen Sie das!?! Seit wann ist denn Fürstenwalde Berlin geworden?

Dürfte ich mir die Frage erlauben, Herr Geheimrat, sagte der kleine Meier mit all der Höflichkeit, die er für Vorgesetzte und Höhergestellte stets bereithielt, soll ich nun heute abend Wagen zur Bahn schicken oder nicht?

Keine Ahnung! sagte der Alte. Ich werde euch in eure Wirtschaft reinreden, das möchtest du wohl, mein Sohn. Daß ihr nachher bei euern Fehlern sagt, ich hab das angeordnet! Nee – fragen Sie man die Violet! Die weiß es. Oder weiß es auch nicht. Bei eurer Wirtschaft weiß man das nie!

Jawohl, Herr Geheimrat! sagte der artige Meier.

(›Mit dem Alten muß man sich gut stellen. Wer weiß, wie lange es der Rittmeister bei der Pacht noch macht – und vielleicht übernimmt mich der Alte dann als Beamter.‹)

Der alte Herr pfiff gellend auf zwei Fingern nach seinem Wagen. Sie können mir noch die Knüppel auf die Karre geben, sagte er gnädig. Und wie stehen eigentlich eure Zuckerrüben? Ihr hackt wohl jetzt erst? Wachsen nicht, wie? Da habt ihr Helden wohl das schwefelsaure Ammoniak ganz vergessen, wie, was? Ich wart und wart, keiner streut Dünger, ich denk, na laß sie, ein kluges Kind weiß alles von allein. Und lach mir einen Ast. Morgen, mein Herr!

4

Die schwüle Hitze im Polizeipräsidium Alexanderplatz konnte einen umwerfen. In den Gängen stank es nach gegorenem Urin, fauligem Obst, ungelüfteten, feuchten Kleidern. Überall standen Leute herum, graue Gestalten mit grauen, faltigen Gesichtern, erloschenen oder wild flackernden Augen. Die ermüdeten Polizisten waren stumpf oder gereizt. Rittmeister von Prackwitz, flammend vor Wut, hatte zwanzig Menschen fragen, Dutzende von Gängen laufen, endlose Treppen hinauf- und wieder hinuntersteigen müssen, bis er nun endlich, eine halbe Stunde später, in einem großen, unsauberen, riechenden Amtszimmer saß. Drüben, kaum ein paar Meter entfernt, rasselte die Stadtbahn vor dem Fenster, man hörte es mehr, als daß man es durch die grau verstaubten Scheiben sah.

Von Prackwitz war nicht allein mit dem Beamten. An einem Nebentisch wurde von einem andern Beamten in Zivil ein bleichgesichtiger, großnasiger Bengel wegen irgendeines Taschendiebstahls gefragt. An einem andern Tisch, im Hintergrund, steckten vier Männer die Köpfe zusammen und murmelten pausenlos miteinander. Es war nicht auszumachen, ob auch darunter ›Verbrecher‹ waren, denn alle waren in Hemdsärmeln.

Der Rittmeister hatte seinen Bericht gemacht, zuerst kurz, präzis, unter Zurückdrängung seines Ärgers, dann recht lebhaft und fast laut, als die Wut über seinen Hereinfall ihn doch wieder überwältigt hatte. Der Beamte, ein blasser, abgespannt aussehender Zivilist, hatte mit gesenkten Augen, ohne eine Zwischenfrage zugehört. Oder auch nicht zugehört, jedenfalls war er die ganze Zeit eifrig bemüht gewesen, drei Streichhölzer so aneinander zu stellen, daß sie nicht umfielen.

Nun, da der Rittmeister fertig war, sah der Mann hoch. Farblose Augen, farbloses Gesicht, kurzer Schnurrbart, alles ein bißchen traurig, fast verstaubt, aber nicht unsympathisch.

Und was sollen wir dabei tun? fragte er.

Dem Rittmeister gab es einen Stoß. Die Kerle fassen! rief er.

Weswegen?

Weil er seinen Vertrag nicht eingehalten hat.

Aber Sie hatten ja keinen Vertrag mit ihm geschlossen, nicht wahr?

Doch! Mündlich!

Das wird er leugnen. Haben Sie Zeugen? Der Herr aus der Vermittlungsstelle wird Ihre Behauptungen kaum bestätigen, nicht wahr?

Nein. Aber der Kerl, der Vorschnitter hat mich um dreißig Dollar betrogen!

Das höre ich lieber nicht, sagte der Beamte leise.

Wie –?!

Haben Sie eine Bankbescheinigung über den rechtmäßigen Erwerb der Devisen? Durften Sie sie kaufen? Durften Sie sie weitergeben?

Der Rittmeister saß da, ziemlich weiß, kaute an den Lippen. Dies war also die Hilfe, die ihm der Staat angedeihen ließ! Er war betrogen worden – und ihn bedrohte man! Alle hatten sie Devisen statt des Dreckgeldes – er hätte wetten mögen, der graue Mann da vor ihm trug auch welche in seiner Tasche!

Lassen Sie den Mann laufen, Herr von Prackwitz, sagte der Beamte begütigend. Was ist Ihnen denn damit gedient, daß wir den Mann kriegen und einstecken? Das Geld ist dann längst nicht mehr da und Leute kriegen Sie dadurch auch nicht! Fälle über Fälle, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Ein Fahndungsblatt täglich sooo lang – es hat keinen Sinn, glauben Sie mir! Plötzlich aber ganz dienstlich: Natürlich, wenn Sie es wünschen, da ist die Sache mit dem Fahrgeld ... Sie stellen Strafantrag – ich lege dann einen Akt an ...

Von Prackwitz zuckte die Achseln, er sagte schließlich: Und ich habe meine Ernte draußen stehen. Verstehen Sie, Brot über Brot! Ausreichend Brot für Hunderte! Ich habe ihm die Devisen ja nicht zu meinem Vergnügen gegeben, einfach, weil keine Leute zu kriegen sind ...

Ja, natürlich, sagte der andere. Ich verstehe schon. Also lassen wir die Sache fallen. Um den Schlesischen Bahnhof herum gibt es genug Vermittler – sicher kriegen Sie Leute. Und nichts im voraus zahlen. Auch dem Vermittler nicht.

Schön, sagte der Rittmeister. Ich will's also noch mal versuchen.

Am Nebentisch, der großnasige Dieb weinte jetzt. Er sah abstoßend aus, er weinte bestimmt nur, weil er keine Lügen mehr wußte.

Also, danke schön, sagte von Prackwitz, fast gegen seinen Willen. Und plötzlich halblaut zu dem andern, fast kameradschaftlich, wie zu einem Leidensgefährten: Finden Sie noch durch – hier – so mit allem? Er machte eine vage Handbewegung.

Der andere hob die Achseln und ließ sie hoffnungslos wieder fallen. Er setzte an, zögerte, schließlich sagte er: Seit Mittag steht der Dollar 760 Tausend. Was sollen die Leute da machen? Hunger tut weh.

Der Rittmeister ließ ebenfalls hoffnungslos die Achseln fallen und ging wortlos zur Tür.

5

In einer oder der andern Stunde seines Lebens läßt auch der tätige Mensch, an einer Daseinswende angelangt, vom Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, die Hände sinken. Wehrlos, ohne den Gedanken auch nur an Gegenwehr, läßt er sich treiben und schieben – nicht einmal den Nacken zieht er ein vor dem Schlag, der ihm droht. Treibe hin, Mensch, Blatt auf dem Strome des Lebens! Auf eiligen Wellen trägt es dich unter einer Uferböschung stilleres Wasser; aber schon faßt dich ein neuer Wirbel, und dir bleibt nichts, als dich wirbeln zu lassen, zu Untergang oder neuem Verweilen – weißt du es?

Petra Ledig, die halbnackt Ausgetriebene, hätte mit ein paar Worten den Sturm der beiden Frauen in der Küche beschworen – es war alles gar nicht so schlimm, hätte sie nur gesprochen. Worte verändern alles, sie schleifen die scharfen Ränder ab – schon ist alles ganz anders; wie war es eben? Nur nicht dieses starre Schweigen, das Hochmut wie Verzweiflung, Hunger wie Verachtung verbergen konnte.

Nichts zwang Petra Ledig, an der offenen Tür ihres Zimmers vorüberzugehen. Eintreten und den Schlüssel umdrehen, sie konnte es, doch sie tat es nicht. Die Lebenswoge hob das Blatt, hob es, hob es. Zu lange schon hatte es in dem stillen Uferwasserwinkel gelegen, nur manchmal leise zitternd unter den letzten Ausläufern von Wirbeln. Nun schwemmte die Woge das Willenlose hinaus, in die völlige Ungewißheit hinein – auf die Straße hinaus.

Es war Nachmittag, vielleicht drei, vielleicht schon halb vier – die Arbeiter waren noch nicht zurück aus den Fabriken, die Frauen gingen noch nicht zu ihren Besorgungen. Hinter den Ladenfenstern, auch in den dunklen, muffig riechenden Hinterstuben der Läden saßen die Ladenbesitzer, nickten und dösten. Kein Kunde in Sicht. Es war so heiß –!

Eine Katze lag blinzelnd auf einem Treppenstein; von gegenüber, von der andern Straßenseite her, spähte ein Hund. Aber dann lohnte es sich ihm nicht, er öffnete weit den sanft rosenfarbenen Rachen und gähnte.

Die Sonne, deren Licht wohl noch blendete, war nur hinter Dunst zu sehen wie ein rötlich über seine Ränder kochender Glutball. Was es auch sein mochte, Hauswände oder Baumrinde, Schaufensterscheibe oder Pflaster, Wäschestück auf dem Balkongitter oder Uringerinnsel eines Pferdes auf dem Fahrdamm – alles atmete, ächzte, schwitzte, roch. Heiß. Glutheiß. Dem stille stehenden Mädchen war es, als höre es ein Summen durch die Stadt, ein leises, eintöniges, immer vor sich hin summendes Geräusch – als koche die ganze Stadt.

Petra Ledig wartete, mit den Augen müde gegen das Licht blinzelnd, wartete auf irgendeinen Anstoß, der das Blatt weitertreiben sollte, gleichviel wohin, irgendwohin. Die Stadt summte vor Hitze. Eine Weile starrte sie angestrengt zu dem Hund hinüber, als könne von ihm irgendein Anstoß ausgehen. Der Hund starrte zurück – dann ließ er sich hinfallen, streckte, vor Hitze ächzend, alle viere von sich und schlief ein. Petra Ledig stand, stand; nein, sie zog nicht den Nacken ein, auch ein Schlag wäre jetzt Erlösung gewesen – aber nichts geschah. Die Stadt summte vor Hitze. –

Und wie sie wartend auf irgend etwas an der überhitzten Georgenkirchstraße stand, saß ihr Liebster, Wolfgang Pagel, wartend in einem fremden Haus, in einer fremden Küche – wartend auf was? Seine Führerin, die so frisch gewaschene Liesbeth, war im Innern des Hauses verschwunden. An dem schneeweißen Herd mit den verchromten Beschlägen hantierte ein anderes junges Mädchen, dem Liesbeth mit einigen Flüsterworten Bescheid gesagt hatte. Ein Topf klapperte auf der Platte, emsig kochend. Wolfgang saß, wartend, kaum noch wartend, den Ellbogen auf ein Knie gestützt, das Kinn in der Hand.

Solche Küche hatte er noch nicht gesehen. Groß wie ein Tanzsaal, weiß, silbern, kupferrot, das matte, körnige Schwarz der Elektrotöpfe – und mitten durch sie lief ein Geländer, hüfthoch, aus weißem Holz, eine Art Podium begrenzend, und trennte den Arbeits- von dem Aufenthaltsraum. Zwei Stufen gab es; unten waren Herd, Küchentisch, Töpfe, Schränke. Oben aber, wo Pagel saß, stand ein langer Eßtisch, schneeweiß, bequeme weiße Stühle. Ja, sogar ein Kamin war hier, aus schönen, rotgebrannten Steinen mit sauberen weißen Fugen.

Oben saß Wolfgang, unten wirtschaftete am Herd das fremde Mädchen.

Er sah gleichmütig, stumpf durch die hohen, hellen Scheiben, vor denen Weinlaub hing, in den sonnenglänzenden Garten – freilich waren Gitter vor den Scheiben. ›Und‹, mußte er zerfahren denken, ›wie man das Verbrechen hinter Gittern verwahrt, so flüchtet sich auch der Reichtum hinter Gitter, fühlt sich dort erst sicher – hinter den Gittern der Banken, den Stahlwänden der Safes, den schmiedeeisernen Zieraten, die doch auch Gitter sind, den stählernen Rolljalousien und Alarmvorrichtungen seiner Villen. Seltsame Ähnlichkeit – nicht so seltsam eigentlich, aber ich bin so müde ...‹

Er gähnte. Grade sah das Mädchen vom Herd zu ihm hin. Er nickte, leise lächelnd, nicht ohne betonten Ernst. Also noch ein Mädchen mehr, auch nicht unsympathisch – ach, Mädchen genug, und überall Nicken, Mitgefühl! –›Aber was in aller Welt soll ich tun?! Ich kann doch nicht hier so sitzen ... Worauf warte ich eigentlich? Doch nicht auf diese Liesbeth, was soll die mir sagen?! Bete und arbeite, Morgenstunde hat Gold im Munde, Arbeit und Fleiß, das sind die Flügel, Arbeit ist des Bürgers Zierde, Arbeit macht das Leben süß. Aber Arbeit schändet auch nicht, und jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, darum soll er auch ein Arbeiter im Weinberg sein, arbeiten und nicht verzweifeln ...‹

›Ach‹, dachte Wolfgang wieder und lächelte sehr schwach, fast als sei er ein wenig angeekelt, ›was haben sich die Menschen doch alles für Sprüche zurechtgemacht, bloß um sich einzureden, daß sie arbeiten müssen und daß Arbeit etwas Gutes ist. Am liebsten säßen sie doch alle hier wie ich, nichts tuend, und warteten auf irgend etwas, ich weiß ja selbst nicht was. Nur abends am Spieltisch weiß ich es, wenn die Kugel schnurrt und klappert und gleich ins Loch fallen wird – da weiß ich, auf was ich warte. Aber wenn sie dann in das Loch gefallen ist, ob nun in das erwünschte oder ein anderes, gleichviel – dann weiß ich es schon wieder nicht mehr.‹

Er starrt vor sich hin, er hat keinen schlechten Kopf, nein, es regen sich Gedanken darin. Aber er ist verlottert und faul, er mag nichts zu Ende denken. Warum auch –? So bin ich und so bleibe ich. Wolfgang Pagel for ever! Er hat ganz sinnlos ihr letztes Hab und Gut verkauft, bloß um Zecke zu besuchen, Geld zu borgen. Aber bei Zecke angelangt hat er ebenso sinnlos, nur um eines boshaften Wortes willen, alle Aussichten auf Geld zerstört. Und wiederum sinnlos ist er mit dem ersten Menschen, der ihm dann über den Weg lief, mitgegangen und sitzt nun da – im trüben, seichten, toten Wasser, das willenlose Blatt, Inbegriff aller willenlosen Blätter. Schlapp, nicht ohne Gaben, nicht einmal ohne Güte, auch nicht lieblos – aber wirklich so, wie es die alte Minna gesagt hat: jetzt müßte nun wieder ein Kindermädchen kommen, ihn bei der Hand nehmen und ihm sagen, was er zu tun hat. Wirklich weiter nichts als ein Fahnenjunker a. D. seit nunmehr etwa fünf Jahren.

Die Kunde seines Hierseins ist wohl durch Liesbeth im Haus verbreitet. Jetzt kommt eine dickliche Frau herein, keine Dame, eine Frau. Sie wirft einen raschen, fast verlegenen Blick auf Wolf und sagt dann laut am Küchenherd: Der Herr hat eben angerufen. Wir essen pünktlich um halb vier.

Gut! sagt das Mädchen am Herd, und die Frau geht wieder, nicht ohne einen zweiten prüfenden Blick auf Wolfgang geworfen zu haben.

›Alberne Gafferei! Ich haue gleich ab!‹

Von neuem geht die Tür. Ein Diener in Livree kommt herein, der Diener. Er braucht nicht wie die dicke Frau irgendeinen Vorwand, er geht quer durch die Küche, steigt die beiden Stufen hinauf und tritt zu Wolfgang an den Tisch. Der Diener ist schon ein älterer Mann, aber mit einem frischfarbigen, freundlichen Gesicht.

Er reicht Wolfgang die Hand, ohne jede Verlegenheit, und sagt: Ich heiße Hoffmann.

Pagel, sagt Wolfgang, nach kurzem Zögern.

Es ist sehr schwül heute, sagt der Diener freundlich, mit einer leisen, aber sehr deutlichen, geschulten Stimme. Darf ich Ihnen vielleicht etwas Kühles bringen – eine Flasche Bier?

Wolfgang überlegt einen Augenblick, dann: Wenn ich um ein Glas Wasser bitten dürfte?

Bier macht schlaff, sagt der andere beistimmend. Und holt ein Glas Wasser. Das Glas steht auf einem Teller, und in dem Wasser schwimmt sogar Eis, alles, wie es sich gehört.

Ja, das tut gut, sagt Wolfgang, gierig trinkend.

Lassen Sie sich Zeit, sagt der andere, immer mit dem gleichen freundlichen Ernst. Sie trinken uns das Wasser nicht alle. –

Auch nicht das Eis, setzt er nach einer Pause hinzu, und in seinen Augenwinkeln entstehen Fältchen. Er holt aber noch ein zweites Glas.

Danke sehr, sagt Wolfgang.

Fräulein Liesbeth hat im Augenblick zu tun, sagt der Diener. Aber sie kommt bald.

Ja, sagt Wolfgang langsam. Und, indem er sich einen Ruck gibt: Ich gehe jetzt lieber, ich bin wieder ganz frisch.

Fräulein Liesbeth, sagt der andere freundlich, ist ein sehr gutes Mädchen, sehr gut und sehr tüchtig.

Sicher, stimmt Wolfgang höflich zu. Nur der Gedanke an sein Geld in der Kleidertasche dieses Fräulein Liesbeth hält ihn noch hier. Diese paar eben noch so verachteten Scheine brächten ihn rasch zum Alexanderplatz. Es gibt viele gute Mädchen, sagt er beistimmend.

Nein, sagt der andere entschieden. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen widerspreche: die Art gute Mädchen, die ich meine, ist selten.

Ja? fragt Wolfgang.

Ja, sagt der andere. Man muß das Gute nämlich nicht grade mal tun, weil es einem Spaß macht, sondern immer, weil man das Gute liebt. Er sieht Wolfgang noch einmal an, nicht mehr ganz so freundlich wie bisher. (›Putzige Kruke‹, denkt Wolfgang.) Der Diener sagt abschließend: Also es dauert nicht mehr lange.

Er geht wieder aus der Küche, ebenso sachte, ebenso besonnen wie vorher. Wolfgang hat das Gefühl, dieser Diener nimmt keinen guten Eindruck von ihm mit, obwohl er kaum etwas gesagt hat.

Jetzt muß er etwas rücken: das Mädchen vom Herd kommt mit einem Tischtuch, dann mit einem Tablett und fängt an, den Tisch zu decken. Bleiben Sie ruhig sitzen, sagt sie. Sie stören nicht.

Auch sie hat eine angenehme Stimme, die Leute in diesem Haus haben eine gute Art zu sprechen, es fällt Wolfgang auf. Sie sprechen sehr rein, sehr deutlich.

Das ist Ihr Gedeck, sagt das Mädchen, als Wolfgang gedankenlos auf die Papierserviette vor sich starrt. Heute mittag essen Sie hier.

Wolfgang macht eine gedankenlose, aber abwehrende Bewegung. Irgend etwas fängt an, ihn zu stören. Es ist ein Haus gar nicht weit ab von Zeckes Palazzo, doch sehr weit entfernt. Aber sie sollten nicht mit ihm reden, als sei er ein Kranker, nein, als sei er jemand, der im Wahn eine schlimme Tat getan hat, mit dem man noch behutsam spricht, um ihn nicht rasch aufzuwecken.

Das Mädchen sagt: Sie werden doch Liesbeth nicht enttäuschen. Und nach einer Pause: Die gnädige Frau ist einverstanden.

Sie deckt, klimpert ein wenig mit den Bestecken – sehr wenig, es geht ihr alles rasch und leise von der Hand. Wolfgang sitzt regungslos, es muß eine Art Lähmung sein, das macht natürlich die Hitze. Also eine Art Bettler, von der Straße hereingekommen, hat Hunger, mit Bewilligung der Herrschaft wird eine Mittagsmahlzeit gereicht. Seine Mutter ließ durch Minna ein paar Stullen schmieren, der Bettler durfte nicht in die Küche. Im höchsten Fall wurde ein Teller Suppe durch die Tür gereicht, der auf dem Treppenabsatz ausgelöffelt werden mußte.

Nun, hier in Dahlem war man feiner, aber für den Bettler machte es wenig aus, Bettler war Bettler, vor der Tür wie in der Küche, von nun an bis in alle Ewigkeit. Amen!

Er haßte sich, daß er nicht ging. Er wollte kein Essen, was lag ihm am Essen? Er konnte bei seiner Mutter essen, Minna hatte erzählt, immer lag ein Gedeck für ihn auf. Nicht daß er sich geschämt hätte, aber sie sollten nicht zu ihm reden, als sei er ein Kranker, den man schonen muß – er war nicht krank! Nur dieses verfluchte Geld! Warum hatte er ihr vorhin diese jämmerlichen Lappen nicht aus der Hand genommen?! Er säße jetzt schon in der Untergrundbahn ...

In seiner Nervosität hat er eine Zigarette vorgezogen, er ist schon im Begriff, sie anzubrennen, als das Mädchen sagt: Bitte, wenn Sie es irgend aushalten, jetzt nicht. Sofort, wenn ich das Essen raufgeschickt habe. Der Herr schmeckt so empfindlich ...

Die Tür geht auf und herein kommt ein kleines Mädchen, Tochter des Hauses, zehn Jahre oder zwölf, hell, fröhlich, leicht. Die weiß von der bösen grauen, riechenden Stadt draußen bestimmt nichts! Will sich den Bettler mal anschauen, Bettler scheinen in Dahlem wirklich ein rarer Artikel!

Papa ist schon unterwegs, Trudchen, sagt das Kind zu dem Mädchen am Herd. In einer Viertelstunde können wir essen. – Was gibt es, Trudchen?

Topfriecher! lacht das Mädchen und hebt einen Deckel. Dampf steigt auf, das Kind schnuppert eifrig. Dann sagt es: Och, bloß olle Schoten! Nein, sag wirklich, Trudchen.

Suppe, Fleisch und Schoten, sagt Trudchen scheinheilig.

Und –? fragt das Kind drängend.

Und, sagte Herr Rund – da biß ihn der Hund! lacht das Mädchen halb singend.

›Das gibt es noch‹, denkt Wolfgang halb lächelnd, halb verzweifelt. ›All das gibt es also noch. Ich habe es bloß nicht mehr zu sehen bekommen, in meiner Höhle Georgenkirchstraße, habe es darum vergessen. Aber richtige Kinder, Unschuld, unverdorbene, unwissende Unschuld gibt es auch noch. Die Frage nach der süßen Speise eine Wichtigkeit, da hunderttausend die Frage nach dem täglichen Brot überhaupt nicht mehr stellen mögen! Plünderungen in Gleiwitz und Breslau, Lebensmittelkrawalle in Frankfurt am Main und Neuruppin, Eisleben und Dramburg ...‹

Er betrachtet das Kind ablehnend. ›Es ist ja Schwindel‹, denkt er weiter, ›eine künstliche Unschuld, eine ängstlich geschützte Unschuld – genau wie sie Gitter vor ihren Fenstern haben. Das Leben kommt doch – was wird in zwei, drei Jahren von dieser Unschuld noch da sein?‹

Guten Tag! sagt das Kind zu ihm. Es hat ihn erst jetzt bemerkt, vielleicht weil er mit dem Stuhl rückte, um aufzustehen und fortzugehen. Er nimmt die Hand, die das Kind ihm hinhält. Es hat dunkle Augen unter einer klaren, schönen Stirn, es sieht ihn ernst an. Sie sind der Herr, der mit unserer Liesbeth gekommen ist? fragt es eindringlich.

Ja, sagt er und versucht, gegen soviel Ernst anzulächeln. Wie alt bist du denn?

Elf Jahre, sagt sie höflich. Und Ihre Frau hat nichts als einen Paletot?

Richtig, sagt er und versucht noch immer zu lächeln und leicht zu tun. Aber es ist eine verfluchte Sache, seinen Taten im Munde anderer, und nun gar schon von Kindern, zu begegnen. Und gegessen hat sie auch nichts – und wird wohl kaum etwas kriegen, nicht einmal Speise mit Makronen.

Aber sie merkt gar nicht, daß er ihr weh tun wollte. Mama hat so viele Sachen, sagt sie nachdenklich. Das meiste zieht sie gar nicht an.

Richtig, vollkommen in Ordnung, sagt er wiederum, und kommt sich doch so schäbig vor mit seiner billigen Schnoddrigkeit. So ist eben das Leben. Das hast du noch nicht in der Schule gehabt? Wie?!

Immer jämmerlicher, immer kläglicher, vor allem vor diesen ernsten Augen, die ihn ansehen – fast traurig.

Ich gehe nicht in die Schule, sagt das Kind mit einem kleinen, ein wenig wichtigtuerischen Ernst. Ich bin nämlich blind. Wieder der Blick, dann: Papa ist auch blind. Aber Papa hat früher noch sehen können. Ich habe nie sehen können.

Sie steht vor ihm – und der für seinen billigen Spott so rasch Gestrafte hat immer stärker das Gefühl, als sähe sie ihn an. Nein, nicht mit den Augen, aber vielleicht mit der klaren Stirn, dem kühn geschwungenen, ein wenig blassen Mund. Als sähe dies blinde Kind mehr von ihm als seine sehende Petra.

Da erzählt sie: Mama kann sehen. Aber sie sagt, sie möchte lieber auch nicht sehen, sie weiß nie, wie Papa und mir zumute ist. Aber wir erlauben es ihr nicht.

Nein, stimmt Wolfgang zu. Das wollt ihr wohl nicht.

Fräulein und Liesbeth und Trudchen und Herr Hoffmann können uns auch erzählen, was sie sehen. Aber wenn Mama es erzählt, ist es doch anders.

Weil es eben die Mama ist, nicht wahr? fragt Wolfgang vorsichtig.

Ja, sagte das Kind. Papa und ich, wir sind beide Mamas Kinder. Papa auch.

Er schweigt, aber das Kind erwartet keine Antwort, diese Dinge, von denen es spricht, sind ihm wohl selbstverständlich, es ist auch nichts dazu zu sagen. Nun meint es: Hat Ihre Frau auch noch eine Mama – oder hat sie niemanden?

Wolfgang steht da, ein sehr dünnes Lächeln um seinen Mund. Nein, niemanden, sagt er entschlossen. Und denkt: ›Fort! Nur fort!‹ Knockout geschlagen in seiner Lieblosigkeit, in seiner Halbheit von einem Kind.

Papa gibt Ihnen bestimmt Geld, meint das Kind. Und Mama will heute nachmittag zu Ihrer Frau fahren. Wo ist es denn?

Georgenkirchstraße 17, sagt er. Zweiter Hof, sagt er. Bei Frau Thumann, sagt er.

Etwas wallt in ihm auf: wenn nur ihr geholfen wird! Ihr soll geholfen werden! Sie ist jeder Hilfe wert!

Entgleitende Welt, in der du triebest, Armer, verstrickt und verstrickend. Plötzlich, da du fühlst, wie sie sich von dir löst, merkst du, wie wert sie dir war. Ausgetrieben ins Dunkel, in der Ferne noch das klare Licht – und nun erlischt es. Du bist allein – und ob du zurückkehren kannst und wirst – du weißt es nicht! Wir hatten gute Stunden, aber sie sind in den Sand geronnen. Manchmal noch ein Geschmack auf der Lippe, flüchtig, süß – und vorbei! Und dahin! Arme Petra ...! Bettler wahrhaftig, da jetzt die Wendung kommt, vielleicht Hilfe, da spürt er, daß Hilfe ihm nichts helfen kann, weil er hohl, ausgebrannt, leer ist. Vorbei! Vorbei!

Ich gehe jetzt, sagte er durch die Küche. Er gab dem Kind die Hand, nickte, fragte: Die Adresse weißt du? und ging. Ging hinein in die Schwüle, hinein in die enge, tobende, jagende Stadt, wieder einmal den Streit um Geld und Brot zu bestehen, für was, für wen –?

Er wußte es nicht, noch immer nicht, noch lange nicht.

6

Das, was die Leute ›das Schloß‹ in Neulohe nannten, war das Haus des alten Herrn. Der Rittmeister von Prackwitz wohnte gut fünfhundert Meter weiter, schon zwischen den Feldern, außerhalb des Gutshofes, in einer kleinen Villa. Sechs Zimmer, moderner Maurermeisterstil, ein schlampiger, schon abblätternder Bau aus der ersten Inflationszeit. Das Schloß, aus dem der alte Herr nicht hatte wegziehen mögen, schon, um in der Nähe seiner geliebten Fichten zu bleiben und – nebenbei – dem Schwiegersohn ein wenig auf die Finger zu sehen – das Schloß war auch nur gelber Kasten, aber mit dreimal soviel Zimmern wie bei den jungen Leuten, und immerhin mit einer richtigen Freitreppe, einem Gartenzimmer mit Türen aus Glas bis an die Erde, der ›Saal‹ genannt, und einem Park.

Am Schloß ging Negermeier vorüber. Dort hatte er nichts zu suchen und wollte er für dieses Mal auch nichts suchen – der erbosten Gnädigen wegen. Gleich kam, unbequem nahe, da zu sehr unter Aufsicht gelegen, das Beamtenhaus, in dem das Büro war und sein Zimmer (alles andere stand wegen der rittmeisterlichen Sparmethoden leer – aber der Rittmeister ist ein großer Mann). Da Meier sich beim gnädigen Fräulein wegen des Telefongesprächs mit dem Vater erkundigen wollte, ging er erst einmal auf sein Zimmer und wusch sich Hände und Gesicht. Dann goß er sich ein Parfüm ›Russisch Juchten‹ ausgiebig auf die Brust – es war unbedingt das richtige Parfüm fürs Land. Wie die Annonce gesagt hatte: ›herb, männlich, rassig‹.

Hinterher besah er sich im Spiegel. Die Zeit, da er seine Kleinheit, die Wulstlippen, die eingedrückte Nase, die vorstehenden Augen als Schmach empfunden hatte, war natürlich längst vorbei. Seine Erfolge bei den Weibern hatten ihn gelehrt, daß es auf Schönheit nicht ankam. Im Gegenteil, ein bißchen apartes Aussehen lockte die Mädchen wie die Salzlecke das Wild.

Freilich war es mit der Violet natürlich nicht so einfach wie mit irgendeiner Amanda Backs oder Sophie Kowalewski. Für sicher aber hielt es der kleine Meier – wieder einmal abweichend von seinem Arbeitgeber, dem Rittmeister –, daß die kleine Weio trotz ihrer fünfzehn Jahre schon ein Luder war. Diese Blicke, diese junge, eifrig markierte Brust, diese Redensarten, frech, und die Sekunde darauf blaueste Unschuld – das war für einen so erfahrenen Frauenjäger wie ihn nicht zu verkennen! Es war ja auch klar: schon aus dem Schlafzimmer der damals noch unverheirateten Mutter sollte der alte Herr von Teschow einen Liebhaber hinausgesetzt haben, mit der Peitsche, die nachher auch die Mama zu kosten bekam. Erzählten die Leute – na ja, die Welt war groß und möglich war in ihr alles. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Es wäre etwas übertrieben, den kleinen Feldinspektor Meier wegen seiner Gedanken vor dem Spiegel einen Intriganten und schurkischen Verführer zu nennen. Dies waren keine Pläne, es war jugendliches Gefasel, Eitelkeit – Wunschträume. Wie ein junger Hund hatte er ungeheuren Appetit, am liebsten hätte er alles benagt – und die Violet war wirklich sehr hübsch!

Aber genau wie bei einem jungen Hund war seine Angst mindestens ebenso groß wie sein Appetit – bloß keine Prügel bekommen! So frech wie zu der Amanda ohne Anhang würde er zu dieser Weio nie sein können, hinter der ein jähzorniger Vater stand. Wenn er in seinen Träumen alles bis zur Entführung und heimlichen Trauung bestens erledigt hatte – vor der Heimkehr zum Schwiegervater graulte ihm doch. Nicht einmal die Heimkehrunterhaltung mit ihm konnte er sich ausdenken, am besten erledigte das die junge Frau. Vor ihr brauchte man weder Angst noch Respekt zu haben: wer einmal mit einem geschlafen hat, ist nichts Besseres mehr als der, mit dem sie schlief, und selbst die adlige Abstammung – geheimnisvoll, doch Ehrfurcht heischend – war dann abgegangen wie die Politur von einem Fabrikmöbelstück – alles bloß gemeines Fichtenholz!

Negermeier grinst sich im Spiegel an. ›Dolle Marke bist du doch!‹ heißt das etwa, und wie zur Bestätigung seiner Eigenbewertung fällt ihm ein, daß der ›Leutnant‹ heute früh in einem ganz andern, viel kameradschaftlicheren Ton mit ihm gesprochen hat als mit dem ollen Schleicher, Förster Kniebusch.

Meier grüßt sich mit der Hand im Spiegel, er winkt sich freundlich zu: ›Glück auf den Weg, Sohn des Glücks!‹ Und marschiert ab zu Violet von Prackwitz.

Im Büro räumt Frau Hartig auf, Kutscherfrau, noch ganz gut imstande; möchte auch wohl, aber ab fünfundzwanzig sind die Frauen uralt. Die gute Hartig, etwa siebenundzwanzig, nicht weniger als acht Kinder, hat heute den Mund fest zusammengepreßt. Die Augen funkeln böse, die Stirn ist voller Falten, Meier schert das nicht, aber grade, als er an ihr vorbei will, fällt die gußeiserne Stehlampe mit drohendem Krach vom Schreibtisch, und der grüne Lampenschirm zerklirrt in hundert Scherben.

Da muß Meier doch stehenbleiben und seinen Senf dazugeben.

Na ja, sagt er grinsend. Scherben bringen Glück – gilt das nun Ihnen oder gilt das mir? Und als sie ihn nur stumm, aber böse funkelnd ansieht: Was ist denn mit Ihnen los? Gewitter? Schwül genug ist es dafür.

Und er schaut ganz automatisch auf das Barometer, das seit Mittag langsam, aber ständig fällt.

Mit mir lassen Sie Ihre Schweinereien! sagt die Hartig schrill und böse. Denken Sie, ich räume euch länger euern Dreck nach! Und sie fährt in die Schürzentasche, öffnet die Hand – drei Haarnadeln hat sie in ihr. (1923 hatte der Bubikopf noch nicht das flache Land erobert.) In Ihrem Bett haben die gelegen! kreischt sie fast. Saukerl, elender! Aber ich räume das nicht mehr auf, ich zeig's der gnädigen Frau!

Welcher denn, Frau Hartig? lacht Meier. Die alte weiß es – und betet schon für mich; die junge aber denkt es sich auch so und lacht erst recht!

Er sieht sie überlegen, spöttisch an.

So ein gemeines Weibsbild! kreischt die Hartig. Kann doch nachsehen im Bett, ehe sie abhaut. Aber nee, ich soll ihr das nachräumen, ich der Geflügelmamsell! Keine Scham hat so 'n Biest!

Doch, doch, Frau Hartig, ganz bestimmt! sagt Negermeier ernst. Und wieder grinst er: Aber Ihr Jüngster hat ja so schöne rote Haare? Genau wie der Futtermeister. Soll der nun Kutscher werden wie der Vater oder Futtermeister wie der Stiefvater?

Und damit marschiert Meier ab, in sich hineinkichernd, herrlich zufrieden, während drinnen noch böse, aber doch halb schon besänftigt Frau Hartig auf die drei Haarnadeln in ihrer Hand starrt. ›Er ist ja ein Aas, aber mit einem Pfiff, so klein er ist!‹

Sie sieht die Haarnadeln noch einmal an, schüttelt sie, daß sie klappern, und steckt sie entschlossen in das eigene Haar.

›Dich krieg ich doch noch‹, denkt sie. ›Amanda regiert auch nicht ewig!‹

Sie räumt die Scherben des Lampenschirms fort, sehr vergnügt plötzlich, denn sie ist fest davon überzeugt, daß sie ihr Glück bringen werden.

Meier denkt auch an die Scherben und an das Glück, das sie ihm nun gleich sofort auf der Stelle bringen werden. In allerbester Stimmung langt er bei der Villa des Rittmeisters an. Erst späht er in den Garten – denn am liebsten träfe er Weio nicht in Hörweite der Mutter –, aber im Garten ist sie nicht. Das ist unschwer festzustellen, denn obwohl der Garten nicht ganz klein ist, kann man ihn doch auf einen Blick übersehen, diese vor ein paar Jahren aus dem blanken Feld gestampfte und halb schon wieder vertrocknete Gelegenheitsschöpfung der gnädigen Frau.

Nichts kann im übrigen Festigkeit der Stellung in Neulohe und Abstand zwischen Besitzer und Pächter besser versinnbildlichen als die Betrachtung des Teschowschen Schloßparks und des Prackwitzschen Gartens: dort hundertjährige große Bäume, in aller Fülle, strotzend von Blättern und Saft, hier ein paar Dutzend kahle Stangen, mit wenigen, schon vergilbten Blättern. Dort weite Rasenflächen, dunkelgrün; hier spärliches Gras, hart, gelb, im aussichtslosen Kampf mit den wieder vordringenden Feldstiefmütterchen, Quecken, Schachtelhalm. Dort ein nicht ganz kleiner Teich mit Ruderboot und Schwan; hier ein sogenanntes Planschbecken, wohl aus Solnhofer Platten, aber mit einer grünen Jauche gefüllt. Dort ererbtes Wachstum, aus der Zeit kommend für die Zeit; hier etwas kaum Geborenes, schon wieder Absterbendes doch: der Rittmeister ist ein großer Mann.

Feldinspektor Meier war schon im Begriff, auf den Klingelknopf zu drücken, da wird er von der Seite her angerufen. Auf dem flachen Dach des Küchenanbaus (bloß Teerpappe) stehen ein Liegestuhl und ein großer Gartenschirm, eine Leiter lehnt am Anbau. Von dort oben hat es gerufen: Herr Meier!

Meier gibt sich den notwendigen dienstlichen Ruck: Jawohl?

Ungnädige Stimme von oben: Was ist denn? Mama ist ganz kaputt von der Hitze, will schlafen – stören Sie sie bloß nicht!

Ich wollte nur fragen, gnädiges Fräulein ... Der Herr von Teschow hat mir gesagt, der Herr Rittmeister hätte telefoniert ... Ein wenig ärgerlich: Es ist wegen der Wagen ... Soll ich heute abend zur Bahn schicken oder nicht?

Schreien Sie doch bloß nicht so! schreit die Stimme von oben. Ich bin doch keines von Ihren Hofgängermädchen! Mama will Ruhe, habe ich Ihnen gesagt!

Meier guckt verzweifelt empor zu dem flachen Dach. Aber es ist zu hoch, und er steht zu tief: er kann nichts von der im Traum Entführten und Geheirateten sehen, sondern nur ein Stück Liegestuhl und ein etwas größeres Stück Pilzschirm. Er entschließt sich zu flüstern – so laut er kann: Ob ich Wagen schicken soll – heute abend – zur Bahn –?

Pause. Stille. Warten.

Dann von oben: Haben Sie was gesagt? Ich versteh immer Bahnhof!

Hä-hä-hä! Meier belacht pflichtschuldig die gängigste Redensart der Zeit. Dann wiederholt er etwas lauter seine Anfrage.

Sie sollen doch nicht schreien! hat er sofort seinen Tadel weg.

Er steht da, er weiß natürlich ganz genau, daß sie ihn nur zwiebeln will. Er ist eben nur der Feldbeamte von Papa. Hat zu tun, was ihm gesagt wird. Hat zu stehen und zu warten, bis das gnädige Fräulein geruhen. Na, warte nur, meine Liebe, eines Tages wirst du stehen und warten müssen – aber auf mich!

Jetzt allerdings scheint er lange genug gewartet zu haben, denn sie ruft von oben (übrigens für eine so rücksichtsvolle Tochter erstaunlich laut): Herr Meier! Sie sagen ja gar nichts mehr?! Sind Sie überhaupt noch da –?!

Jawohl, gnädiges Fräulein.

Ich dachte schon, Sie wären in der Sonne zerflossen. Butter müssen Sie dafür genug auf dem Kopf haben.

(›Weiß natürlich auch schon Bescheid. Schadet aber gar nichts – macht ihr bloß Appetit.‹)

Herr Meier!

Jawohl, gnädiges Fräulein –?

Wenn Sie also lange genug unten gestanden haben, merken Sie vielleicht, daß eine Leiter da ist, und sagen mir hier oben, was Sie eigentlich wollen.

Noch einmal: Jawohl, gnädiges Fräulein! und die Leiter hinauf.

›Jawohl, gnädiges Fräulein‹ ist immer gut, schmeichelt ihr, kostet nichts, betont den Abstand und erlaubt alles. Man kann ihr in den Ausschnitt gucken und dabei voller Demut ›Jawohl, gnädiges Fräulein‹ sagen, man kann es sogar sagen und ihr dabei einen Kuß geben –›Jawohl, gnädiges Fräulein‹ ist ritterlich, kavaliermäßig, schneidig – wie die Offiziere in Ostade, denkt Negermeier.

Er steht jetzt am Fuß ihres Liegestuhls und sieht gehorsam und doch frech blinzelnd auf seine junge Herrin, die da mit nichts als einem sehr kurzen Badeanzug bekleidet vor ihm liegt. Violet von Prackwitz, fünfzehn Jahre, ist schon ein bißchen voll, zu voll mit der schweren Brust, den fleischigen Hüften, dem starken Gesäß, zieht man die Jahre in Betracht. Sie hat das weiche Fleisch, die zu weiße Haut der lymphatischen Mädchen, dazu ein wenig vorstehende Augen wie die Mutter. Sie sind blau, blaßblau, verschlafen blau. Die nackten Arme hat das gute, unschuldige Kind erhoben, sie reckt sich ein wenig, es sieht gar nicht schlecht aus, hübsch ist das Luder und – Donnerwetter! – was für ein Körper! Das muß sich einem doch in den Arm schmiegen.

Schläfrig, genußsüchtig durch die fast geschlossenen Lider blinzelnd, betrachtet sie das Gesicht des Inspektors. Na, was gucken Sie denn so? fragt sie dann herausfordernd. Im Familienbad habe ich auch nichts anderes an. Stellen Sie sich bloß nicht so an. Sie studiert sein Gesicht. Dann: Na ja, Mama sollte uns hier beide mal so sehen ...

Er kämpft mit sich. Die Sonne brennt irrsinnig heiß, es flimmert, jetzt streckt sie sich wieder. Er macht einen Schritt ...: Ich ... Weio, o Weio ...

O wei! O wei! lacht sie. Nee, nee, Herr Meier, stellen Sie sich lieber wieder da bei der Leiter auf. Plötzlich ganz Herrin: Sie sind ja komisch! Sie bilden sich wohl was ein? Ich brauche nur einmal zu rufen, und Mama ist an ihrem Fenster!

Dann, als sie sieht, daß er wieder pariert: Heute brauchen Sie nicht zur Bahn zu schicken. Wahrscheinlich morgen früh zum ersten Zug. Papa telefoniert noch mal.

Hat alles vorhin ganz gut verstanden, das freche Luder! Hat sich ihm nur vorführen, ihn quälen wollen! Aber warte, ich kriege dich doch noch!

Warum lassen Sie denn nicht einfahren? fragt jetzt das junge Mädchen, die zu Entführende, die heimlich zu Heiratende.

Weil die Leute binden und aufsetzen müssen. – Ziemlich mürrisch.

Und wenn es ein Gewitter gibt und alles wird naß, macht Papa Ihnen einen Riesenkrach.

Und wenn es kein Gewitter gibt und ich hab einfahren lassen, macht er mir auch Krach.

Es gibt aber ein Gewitter.

Das kann man so genau nicht wissen.

Ich weiß es aber.

Gnädiges Fräulein wünschen also, daß ich einfahren lasse?

Ich denke gar nicht daran! Sie lacht schallend, ihre starke Brust hüpft gradezu im Badeanzug. Daß Sie mir nachher die Schuld geben, wenn es Papa nicht recht ist! Nein, machen Sie Ihre Dummheiten alleine!

Sie sieht ihn wohlwollend-überlegen an. Dieses Gör von fünfzehn Jahren ist derart frech –! Warum frech –? Weil sie zufällig eine geborene von Prackwitz, Erbin von Neulohe ist – nur darum frech!

Dann kann ich also gehen, gnädiges Fräulein? fragt Negermeier.

Ja. Kümmern Sie sich mal ein bißchen um die Wirtschaft. Sie hat sich auf die Seite gewälzt, sieht ihn noch einmal spöttisch an. Er geht schon.

Heh, Herr Meier! ruft sie.

Jawohl, gnädiges Fräulein? – Es hilft nichts, er muß.

Wird eigentlich Dung gefahren?

Nein, gnädiges Fräulein ...

Warum riechen Sie denn so komisch?

Es dauert eine ganze Weile, bis er kapiert hat, daß sie sein Parfüm meint. Dann macht er wortlos, aber wutrot kehrt und klettert, so schnell er kann, die Leiter herunter.

›So ein Aas! Mit so einem Aas soll man sich gar nicht abgeben! Die Roten haben ganz recht: an die Wand mit dieser ganzen frechen Bagage! Adel! Verdammt noch mal! Frechheit, unverschämteste Frechheit ... Nichts wie großkotzige Manieren ...‹

Er ist von der Leiter, er ist im Abmarsch, seine kurzen Beine treten wütend die Erde. Da kommt wieder die Stimme von oben, die Stimme aus dem Himmel, die Stimme der Herrin: Herr Meier!

Er fährt zusammen. Voller Wut – und wiederum geht es doch nicht anders, voller Wut ruft er: Jawohl, gnädiges Fräulein?

Sehr ungnädig kommt es von oben: Ich habe Ihnen schon dreimal gesagt, Sie sollen nicht so schreien. Mama schläft! Und ungeduldig: Kommen Sie noch mal rauf!

Meier klettert wieder die Leiter hoch, den Bauch voller Wut: ›Jawohl, als dein Laubfrosch die Leiter rauf und runter, wie du das Wetter machst. Na, warte mal, habe ich dich erst, dich lasse ich bestimmt sitzen, mit Kind, ohne einen Pfennig ...‹

Und doch wieder in strammer Haltung: Bitte, gnädiges Fräulein ...?

Sie denkt jetzt nicht mehr daran, ihm ihren Leib vorzuführen, sie überlegt, aber sie hat die Sache schon bei sich entschieden. Sie ist nur noch unsicher, wie sie es ihm sagen soll. Schließlich erklärt sie möglichst harmlos: Sie müssen mir einen Brief besorgen, Herr Meier.

Jawohl, gnädiges Fräulein.

Plötzlich hat sie ihn in den Händen, rätselhaft woher, einen länglichen Umschlag aus bläulichem Papier; so weit man von Meiers Standpunkt aus erkennen kann, ohne jede Aufschrift ...

Sie gehen heute abend noch ins Dorf –?

Er ist völlig überrascht und ganz unsicher. Sagt sie das nur so oder weiß sie was? Aber das ist doch unmöglich!

Ich weiß nicht, vielleicht. Wenn Sie es wünschen, gnädiges Fräulein, jedenfalls!

Sie werden nach dem Brief von einem Herrn gefragt werden. Händigen Sie ihn dann aus.

Welcher Herr? Ich versteh nicht ...

Sie wird plötzlich ärgerlich, gereizt. Sie brauchen auch gar nichts zu verstehen. Sie sollen einfach tun, was ich Ihnen sage. Ein Herr wird nach dem Brief fragen und dem geben Sie ihn. Das ist doch ganz einfach!

Jawohl, gnädiges Fräulein, sagt er. Es klingt aber etwas schwach, er ist zu sehr in Gedanken.

Also, sagt sie. Das wäre dann alles, Herr Meier.

Er bekommt den Brief in die Hand. Er will es noch nicht glauben, aber nun hat er den Brief in der Hand, diese Waffe gegen sie!

›Warte, mein Schäfchen! Kommst du mir noch einmal dumm!‹

Er reißt sich zusammen: Wird alles bestens erledigt, gnädiges Fräulein!

Und er steigt die Leiter hinunter.

Das wollte ich auch meinen! klingt ihm von oben ihre Stimme ziemlich herausfordernd nach. Sonst erzähle ich Großpapa und Papa, wer den Wald angekokelt hat!

Die Stimme verstummt. Meier ist mitten auf der Leiter halten geblieben, um nur ja kein Wort zu verlieren.

›So! Also! Da hab ich es! So ist das! Angekokelt sagt sie. Genau ins Herz getroffen. Bravo! Für fünfzehn Jahre vorzüglich. Du kannst was werden! Nee, du kannst so bleiben!‹

Und der Herr Leutnant versteht auch schlecht Spaß, sagt die Stimme noch – und nun hört er, wie sie sich oben mit ihrem fetten, faulen Fleisch auf die Seite wälzt. Der Liegestuhl ächzt. Fräulein Violet von Prackwitz gähnt behaglich dort oben, und Herr Feldinspektor Meier darf unten an seine Arbeit gehen – stimmt, geht in Ordnung, der Kram.

Aber Meier, der kleine Meier, Negermeier geht noch nicht an seine Arbeit. Ganz langsam, tief in Sinnen, trottet er den Weg zu seiner Bude. Den Brief hat er in der Außentasche seiner schilfleinenen Joppe, und über seine glatte Fläche hat er die Hand gelegt, damit er ihn auch immer fühlt. Er muß fühlen, daß er den Brief wirklich hat, daß er da ist. Diesen Brief, den er gleich lesen wird. Sie hat wenig genug gesagt, dieses kleine, durchtriebene Luder, aber für ihn hat sie genug gesagt. Längst genug! Sie kennt also den Leutnant, diesen rätselhaften, etwas abgerissenen, doch recht schneidig auftretenden Herrn, der nächtliche Versammlungen beim Schulzen einberuft, und vor dem Förster Kniebusch strammsteht. Und sie hat diesen Herrn Leutnant heute zwischen zwölf und drei getroffen, sonst könnte sie von dem Brand nichts wissen.

Wenn aber dieser Herr Leutnant Herrn Feldinspektor Meier so kameradschaftlich zunickte, so nicht darum, weil er den Negermeier für so viel tüchtiger hielt als den alten Knochenfraß Kniebusch, sondern weil er bereits wußte: Meier war zum heimlichen Briefträger ausersehen! Wußte schon recht gut Bescheid, der Herr Leutnant, auf Neulohe! Längeres, heimliches Einverständnis.

›Ihr seid schon reichlich weit gekommen, ihr zwei beide! Ich kann mir alles denken. Und wenn ich erst den Brief gelesen habe – dumm bist du ja doch, du hochmütige, alberne Gans! Denkst, ich geh den Brief weiter und seh mir nicht an, was drinsteht! Ich will Bescheid wissen, und dann werde ich schon sehen, was ich da tue. Vielleicht dem Rittmeister alles erzählen – was ist dagegen so ein bissel Waldbrand? Damit habt ihr mich noch lange nicht an der Strippe. Aber ich denke, ich werde dem Rittmeister gar nichts sagen. Denn du bist ja auch noch so dumm, daß du nicht einmal merkst, daß so ein Kerl wie der Leutnant dich natürlich sitzenläßt. Da braucht man ihn ja nur einmal anzusehen, um das zu wissen. Aber dann bin ich da – nee, mein Kindchen, mir macht es nichts. An so was stoße ich mich nicht. Junge Pferde einfahren macht wenig Spaß und viel Mühe – besser schon, sie kennen jeden Schritt und Gang! Aber dann sollst du mir bezahlen, für jedes freche, hochmütige Wort, für jedes Jawohl, gnädiges Fräulein – und für diesen Brief vor allem! – Wie macht man solchen Brief überhaupt auf? Ich hab gehört, mit Wasserdampf – aber wo krieg ich in der Eile Wasserdampf auf meiner Bude her? Ach was, ich versuch es einfach mit einem Messer, die Klappe loszumachen, und geht der Umschlag kaputt, nehme ich einen von meinen eigenen. Gelb oder blau – danach wird er wohl kaum sehen ...‹ Er ist angelangt auf dem Büro. Ohne auch nur die Mütze abzunehmen, sinkt er in den Schreibtischstuhl. Er legt den Brief vor sich auf den verbrauchten, tintenfleckigen grünen Filz. Starrt ihn an. Er ist schweißnaß, seine Glieder hängen von ihm, dabei ist sein Mund trocken. Er ist völlig erschöpft. Er hört die Hühner auf dem Hof glucksen, die Schweizer klappern im Kuhstall mit Eimern und Milchkannen. (›Wollte ich mir auch ausgebeten haben – höchste Zeit zum Melken!‹)

Der Brief liegt vor ihm. Die Fliegen surren und burren eintönig, es ist unerträglich schwül. Er will einen Blick auf das Barometer an der Wand tun (›Vielleicht kommt doch ein Gewitter?‹), aber er sieht nicht hoch: ›Es ist ja ganz egal!‹

Der Brief, das bläulich-weiße, reine Rechteck auf dem fleckigen grünen Filz! Ihr Brief!

Lässig, halb spielend greift er nach dem Papiermesser, zieht den Brief näher und legt beides wieder hin. Er wischt sich erst an der Joppe die schweißnassen Hände trocken. Dann nimmt er das Papiermesser und langsam, genußreich führt er die stumpfe Spitze in die kleine Öffnung oben zwischen Deckelklappe und Umschlag ein. Seine Augen sind starr, um seine dicken Lippen spielt ein leichtes, befriedigtes Lächeln. Jawohl, er öffnet den Brief. Achtsam schiebend, hebend, stoßend, drückend löste er die nachlässig festgeklebte Klappe. Nun sieht er schon eine Ecke vom Brief, da sind Fäserchen, die sich nicht fügen wollen, wie Härchen – aber zugleich sieht er sie, sieht er Weio, wie er sie eben gesehen hat, auf dem Liegestuhl ... Sie streckt ihren Leib, ihr weißes, volles Fleisch zittert ein wenig ... sie wirft die Arme hoch und in den Achselhöhlen schimmert es hell, kräuselt sich ...

Oh! stöhnt Negermeier. Oh! Er hat die ganze Zeit auf den Brief gestarrt, er hat ihn dabei geöffnet – aber er war fort unterdes, fünfhundert Meter von hier, auf dem flachen, sonnenschwitzenden Pappdach – Fleisch bei Fleisch, Haut bei Haut, Haar bei Haar –: O du! Du!

Die Welle wird flacher. Noch einmal in den Farben schönen, lebendigen Fleisches leuchtend, wie von einem Abendrot bestrahlt, verrinnt sie im Sande. Ächzend atmet Negermeier auf. ›Nein, so was!‹ wundert er sich nun doch. ›Dies Biest muß mich ganz verrückt gemacht haben! Aber die Hitze tut auch was dazu!‹

Der Brief ist tadellos aufgegangen. Man braucht die Klappe nachher nicht einmal frisch zu gummieren, so nachlässig hat Fräulein Violet von Prackwitz zugeklebt. Also, lesen wir ... Aber vorher wischt er noch einmal die Hände an der Joppe ab, sie sind schon wieder schweißnaß.

Dann zieht er das Blatt wirklich aus dem Umschlag, schlägt es auf. Er ist nicht sehr lang, der Brief, dafür aber hat er es in sich. Er liest:

Liebster! Allerliebster!! Einziger!!! Eben bist Du erst weg und schon bin ich wieder ganz wild nach Dir! Ich fliege am ganzen Leibe und es summt in mir, daß ich immerzu die Augen zumachen muß! Dann sehe ich Dich! Ich habe Dich ja sooo lieb!! Papa kommt heute bestimmt nicht, und so erwarte ich Dich zwischen elf und zwölf am Teich beim Schwanenhaus. Sieh, daß die dumme Versammlung bis dahin bestimmt alle ist. Ich sehne mich schrecklich nach Dir!

100 000 000 Küsse und noch viel mehr! Ich drücke Dich an mein Herz, das ganz doll klopft Deiner Violet.

Gott! sagt der kleine Meier und starrt auf das Briefblatt. Die liebt ihn wirklich: so lieb mit drei o und Deine unterstrichen. So ein kleines Pimädchen – die wird er schön reinlegen. Na, um so besser!

Er tippt sich den Brief auf der Schreibmaschine ab, zählt dabei sorgfältig die Nullen bei der Kußzahl (›Die reine Inflation – die macht mit!‹), klebt wieder zu. Die Abschrift des Briefes legt er in den Band 1900 des amtlichen Kreisblattes, den Brief steckt er wieder in die Joppentasche. Und nun ist er völlig zufrieden. Und völlig fertig für die Wirtschaft. Er sieht auf das Barometer. Es ist wieder ein bißchen gefallen.

›Ob es doch noch ein Gewitter gibt? Ob ich doch noch einfahren lasse? Ach, Quatsch, die redet ja bloß Unsinn!‹

Er geht ab zu seiner Mähmaschine.

7

Dachte ich es mir doch, daß du mich heute noch aufsuchen würdest, meine liebe, meine arme Mathilde!

Frau von Anklam, verwitwete Generalmajor, über siebzig, schneeweiß, unförmlich dick, ist aus ihrem tiefen Sessel, in dem sie ihren Nachmittagsschlaf hielt, mühsam emporgetaucht. Mit beiden Händen hält sie die Hand der Besucherin und sieht ihr teilnehmend-besorgt mit den großen braunen, immer noch schönen Augen ins Gesicht. Vorläufig spricht sie nur getragen – wie bei einem Todesfall. Sie kennt aber auch noch eine andere Tonart, die der Regierungskommandeuse, die sämtliche Damen des Regiments in Zucht, Ordnung und Anstand hielt.

Wir werden alt, aber unsere Last wird nicht leichter. Unsere Kinder, solange sie jung sind, treten sie auf unsern Schoß. Später dann auf unser Herz.

(Frau von Anklam hat nie Kinder gehabt. Sie konnte Kinder auch nie ausstehen.)

Komm, setze dich hier auf das Sofa, Mathilde. Ich klingle – Fräulein bringt gleich Kaffee und Kuchen. Ich habe heute den Kuchen von Hilbrich holen lassen, er hat doch immer den besten. Nur lohnt es sich nicht recht für mich allein – vierzigtausend Mark Fahrgeld, verstehst du, vierzigtausend! Räuber sind das! – Ja, Fräulein, Gebäck und Kaffee, recht kräftig, meine Kusine hat eine traurige Nachricht bekommen. – Ja, liebe Mathilde, ich habe da eben in meinem Stuhl gesessen und nachgedacht. Fräulein glaubt, ich schlafe, aber ich schlafe natürlich nicht. Ich höre jedes Geräusch in der Küche, und wenn beim Abwaschen ein Teller zerbrochen wird, bin ich sofort da! Zerbricht deine Minna auch soviel –? Es ist noch das alte Nymphenburger Porzellan, das Großvater Kuno vom Hochseligen Herrn zur Diamantenen Hochzeit bekam – Gott, es ist ja genug für mich alte Frau da, aber trotzdem, man muß auch an seine Erben denken! Ich hatte es eigentlich Irene versprochen, aber ich bin in letzter Zeit doch wieder schwankend geworden, Irene hat solch seltsame Ansichten über Kindererziehung – direkt, wie soll ich sagen, revolutionär!

Und die Nachricht ist bestimmt richtig, Betty? fragt Frau Pagel, grade aufgerichtet, dürr – und keine noch so teilnehmende nahe Verwandte konnte ihr ansehen, daß sie Tränen geweint hatte.

Die Nachricht? Welche Nachricht? Ach so, die Nachricht! Aber liebe Mathilde, ich muß doch sagen, wo ich es dir extra geschrieben habe –! Dies ziemlich als Kommandierende, aber nun wieder teilnahmsvoll: Nein, natürlich richtig – der gute Junge, der Eitel-Fritz hatte dort zu tun. Er hat es mit eigenen Augen gelesen, das Aufgebot heißt es ja wohl. Ich weiß allerdings nicht, was er dort zu tun hatte. Ich war so aufgeregt, daß ich ihn nicht danach gefragt habe. Aber du kennst ja Eitel-Fritz, er ist so originell, er geht an die seltsamsten Plätze – Attention! La Servante!

›Das Fräulein‹ erscheint mit dem Kaffeegeschirr, mit dem Tablett, mit dem Nymphenburger von dem diamantenen Großvater. Die Damen verstummen, und lautlos deckt Fräulein, ein ältliches, mausgraues Wesen, den Tisch.

Es ist immer nur ›Fräulein‹ – alle diese häufig wechselnden Gestalten bei Frau Generalmajor von Anklam sind namenlos. Fräulein deckt und Fräulein stopft, Fräulein liest vor und Fräulein erzählt was, und vor allem: Fräulein hört zu! Fräulein hört zu von morgens bis abends, Geschichten von Regimentsdamen, längst verstorben und vergessen (›Ich sage ihr: liebes Kind, was Takt heißt, bestimme ich!‹); Geschichten von Kindern, längst im Besitz eigener Kinder (›Und da sagt doch dieses süße Engelskind zu mir ...‹); Geschichten von Verwandten, längst verzankten; Geschichten von blauen Briefen und Beförderungen; Geschichten von Orden; Geschichten von Verwundungen; Geschichten von Eheirrungen und von Ehescheidungen – Wust und Gerümpel eines ganz in Klatsch und Tratsch verbrachten Lebens, Intima, Intimissima!

Fräulein, farblos, mausgrau, hört zu, sagt ja, ach nein!, so etwas!, himmlisch! – aber wenn Besuch bei Exzellenz ist, hört sie nichts, Frau Generalmajor flüstert mit dem letzten Rest ihres Lausanner Pensionsfranzösisch: Attention! La Servante!, und die Damen verstummen. Ist Besuch da – wird Fräulein zu Luft, so gehört es sich. (Erst wenn der Besuch wieder fort ist, wird ihr alles erzählt.)

Aber nach dem ersten Verstummen bleibt Frau von Anklam nun nicht etwa stumm, das gehörte sich auch wieder nicht. Sie redet vom Wetter, es ist so schwül heute, vielleicht gibt es ein Gewitter, vielleicht ja, vielleicht aber auch nein. Sie hatte einmal ein Fräulein, das bekam Reißen in der großen Zehe vor Gewitter – sehr seltsam, was? –

Es stimmte immer, und einmal, als Fräulein grade auf Urlaub war, wir hatten damals noch das Gut, weißt du, bekamen wir doch das Gewitter mit dem schweren Hagelschlag, der die ganze Ernte zusammendrasch – wenn Fräulein nun keinen Urlaub gehabt hätte, hätten wir das doch vorher gewußt, und das wäre doch sooo gut gewesen, nicht wahr, liebe Mathilde? Aber natürlich, grade da mußte Fräulein auf Urlaub sein! –

Ja, es ist alles recht, Fräulein, danke. Sie können jetzt noch die Spitzenrüschen an meinem schwarzen Taftkleid plätten. Sie sind schon geplättet, ich weiß, Fräulein. Es ist nicht nötig, daß Sie mir das sagen. Aber sie sind nicht so geplättet, wie ich es gewöhnt bin, sie müssen sein wie ein Hauch ... Fräulein! Wie ein Hauch! Also tun Sie das, Fräulein!

Und kaum ist hinter Fräulein die Tür zu, wendet sich Frau von Anklam wieder ganz teilnahmsvoll an Frau Pagel. Ich habe es mir hin und her überlegt, liebe Mathilde, aber es bleibt dabei: sie ist einfach eine Person!

Frau Pagel fährt zusammen, sieht ängstlich zur Tür: Fräulein?

Aber Mathilde, konzentriere dich doch ein bißchen! Von was reden wir? Von der Heirat deines Sohnes! Wenn ich so unkonzentriert sein wollte! Ich habe stets meinen Damen gesagt ...

Frau Pagel hat immer noch die Hoffnung, irgend etwas Positives zu erfahren, sie weiß eigentlich nicht was. Es gelingt ihr einzuschieben: Das Mädchen ist vielleicht doch nicht ganz schlecht ...

Mathilde! Eine Person! Nur eine Person!!

Sie liebt Wolfgang – in ihrer Art ...

Davon will ich nichts hören! Unanständigkeiten, nein, in meinem Heime nicht ...

Aber Wolfgang spielt, Betty, verspielt alles ...

Frau von Anklam lacht. Wenn man dein Gesicht sieht, beste Mathilde! Der Junge jeut ein bißchen – du mußt nicht ›spielen‹ sagen, ›spielen‹ klingt so gewöhnlich –, alle jungen Menschen jeuen ein bißchen. Ich erinnere mich, wie wir damals das Regiment in Stolp hatten, wurde auch viel gejeut unter den jungen Leuten. Exzellenz von Bardenwiek sagte zu mir: ›Was machen wir bloß, gnädigste Frau von Anklam? Wir müssen etwas dagegen tun.‹ Ich sagte: ›Exzellenz‹, sagte ich, ›wir werden gar nichts tun. Solange die jungen Leute jeuen, machen sie keine andern Dummheiten.‹ Und er pflichtete mir sofort bei ... Herein!

Es hat leise und vorsichtig geklopft an der Tür. Nun steckt Fräulein den Kopf herein: Ernst ist zurück, Exzellenz.

Ernst –? Was will er denn –? Was sind denn das für neue Moden, Fräulein?! Sie wissen doch, ich habe Besuch! Ernst – unglaublich!

Trotz dieses Gewitters wagt das Fräulein noch etwas zu sagen, sie piepst wie eine Maus in der Falle: Er war auf dem Standesamt, Exzellenz.

Frau von Anklam verklärt sich: Ach natürlich, er soll sofort hereinkommen, sobald er sich die Hände gewaschen hat. Was Sie für lange Geschichten aus allem machen, Fräulein! – Fräulein, einen Augenblick, rennen Sie doch nicht immer gleich so kopflos fort – warten Sie bitte meine Anordnungen ab. Geben Sie ihm erst noch ein paar Spritzer Eau de Cologne, jawohl, von der Wasch-Eau de Cologne! Man weiß nicht, mit wem er dort zusammen gewesen ist.

Wieder allein mit der Kusine: Ich wollte doch wissen, wie die Trauung verlaufen ist. Ich habe mir lange überlegt, wen ich zu so etwas schicken könnte. Ich habe unsern Ernst geschickt. Nun, jetzt werden wir ja hören ...

Und ihr Auge leuchtet, sie rückt die schwere Leibesfülle im Sessel hin und her, ganz Erwartung. Sie wird etwas Neues hören, wieder etwas für die Rumpelkammer – o Gott, großartig!

Der Diener Ernst tritt ein, ein älterer Mann, an die Sechzig, ein Männchen, lange schon, ein Leben schon bei Frau von Anklam.

Unter der Tür! ruft sie. Unter der Tür bleibst du stehen, Ernst!

Ich weiß doch, Exzellenz!

Gleich nachher badest du, ziehst dich frisch um, wer weiß, was für Bakterien auf dir sitzen, Ernst! – Nun los, sage doch endlich: wie war die Trauung?

Gar nicht war sie, Exzellenz!

Siehst du, Mathilde – was sage ich dir immer? Um gar nichts regst du dich auf! Was habe ich dir noch vor drei Minuten gesagt: eine ganz gewöhnliche Person! Sie hat ihn sitzenlassen!

Frau Pagel schwach: Wenn ich Ernst befragen dürfte, liebe Betty –?

Aber natürlich, liebe Mathilde. – Ernst, ich verstehe dich nicht, du stehst wie ein Stock da, du hörst doch, Frau Pagel möchte alles wissen! Erzähle, rede – sie hat ihn natürlich sitzenlassen! Nun weiter – was hat er gesagt dazu?

Halten zu Gnaden, Exzellenz! Ich glaube, der junge Herr hat sie – ist nicht gekommen ...

Siehst du, Mathilde, genau, was ich dir gesagt habe! Der Junge ist ganz in Ordnung, das bißchen ›Jeu‹ tut ihm nichts, im Gegenteil – völlig vernünftig, solche Person heiratet man doch nicht!

Endlich dringt Frau Pagel durch: Ernst, ist es auch sicher? War bestimmt keine Trauung? Vielleicht sind Sie ein bißchen zu spät gekommen?

Nein, gnädige Frau, bestimmt nicht. Ich war rechtzeitig da und habe bis zum Schluß gewartet und auch den Beamten gefragt: sie sind beide nicht gekommen.

Siehst du, Mathilde ...

Aber warum glauben Sie denn, Ernst, daß es mein Sohn gewesen ist. Sie verstehen schon ...

Ich wollte sichergehen, gnädige Frau, es konnte ja auch was passiert sein. Auf dem Standesamt erfuhr ich die Wohnung. Ich bin also hingegangen, gnädige Frau ...

Ernst, unbedingt sofort baden und völlig frische Wäsche –!

Zu Befehl, Exzellenz! – Der junge Herr hat sich seit heute früh dort nicht mehr sehen lassen. Und das Mädchen hat man hinausgesetzt, weil die Miete nicht bezahlt war. Sie stand noch unter der Tür. Ich habe sie ...

Frau Pagel steht mit einem Ruck auf. Plötzlich ist sie wieder ganz Entschlossenheit, dunkel, energisch, starrer Nacken.

Ich danke Ihnen, Ernst. Sie haben mich sehr beruhigt. Entschuldige, liebe Betty, daß ich so formlos gehe, aber ich muß sofort nach Haus. Ich habe das bestimmte Gefühl, Wolfgang sitzt dort und wartet ganz verzweifelt auf mich. Irgend etwas muß vorgefallen sein. O Gott, und Minna ist auch weg! Nun, er hat ja noch seine Schlüssel zu der Wohnung. Entschuldige, ich bin ganz durcheinander, liebe Betty ...

Form! Form, Haltung, liebe Mathilde! Haltung in jeder Lebenslage. Natürlich hättest du an einem solchen Nachmittag zu Haus bleiben müssen, natürlich wartet er auf dich. Ich wäre natürlich an solchem Tage nicht aus dem Haus gegangen. Und vor allem eins – bitte, Mathilde, noch einen Augenblick, du kannst doch nicht so einfach loslaufen – sei hart mit ihm! Keine falsche Weichheit! Vor allem: gib ihm kein Geld, keinen Pfennig! Wohnung, Essen, Kleidung – gut! Aber kein Geld, er verjeut es bloß! Mathilde –! Mathilde! Weg! Keine Form! – Höre mal, Ernst ...

Die Thumannsche der oberen Zehntausend spricht weiter, immer weiter ...

8

Der Hund schlief noch immer, auch die Katze schlief, noch schlief die Georgenkirchstraße.

Das Mädchen Petra Ledig stand in dem Torweg zu den Hinterhöfen des Hauses im Schatten. Vor ihr flimmerte die Straße von weißer, erbarmungsloser Hitze; das grelle Licht tat in den Augen weh; was sie sah, verlor die Umrisse, schien zu zerfließen. Dann schloß sie die Lider, und nun kam Schwärze in ihren Kopf, Schwärze mit plötzlich aufflackerndem, schmerzendem Purpurrot. Darein hörte sie Uhren schlagen – es war gut, so verging Zeit. Zuerst hatte sie gemeint, sie müsse irgendwohin gehen, etwas tun. Aber als sie fühlte, wie in den Augenblicken halben Dämmerns Zeit verrann, wußte sie, daß sie nur hier zu stehen und zu warten hatte. Er mußte ja kommen, jeden Augenblick mußte er kommen, er brachte Geld mit. Dann würden sie losgehen, um die Ecke war ein Bäckerladen, daneben der Fleischer. Sie fühlt, wie sie hineinbeißt in die frische Schrippe, sie kracht, das gelblichbraune Äußere, ihre krosse Hülle zerbricht, kleine, flache, spitze Splitter bleiben am Rande. Das Innere ist weißlich locker.

Nun schiebt sich wieder etwas Rötliches dazwischen, sie versucht es zu erkennen bei geschlossenen Augen, sie kann das auch, denn es ist ja nicht außer ihr, es ist in ihr, in ihrem Hirn: kreisrunde, kleine, rötliche Flecke. Was kann das nur sein –? Und plötzlich weiß sie: es sind Erdbeeren! Natürlich, sie sind ja weitergegangen, sie steht gar nicht mehr in dem Bäckerladen, sie ist in einem Gemüsegeschäft. In einem Spankorb liegen die Erdbeeren. Sie duften frisch, sie riecht es – oh, wie sie es riecht! Die Erdbeeren liegen auf grünen Blättern, die auch frisch sind ... Es ist alles sehr milde und sehr frisch – nun läuft auch noch Wasser, ganz klar und kühl ...

Mühsam reißt sie sich von ihrem Traumbild los, aber das Wasser läuft so eindringlich, es plätschert so, als habe es ihr etwas zu sagen. Langsam öffnen sich ihre Augen, langsam erkennt sie wieder den Torweg, in dem sie noch immer steht, die gleißende Straße – endlich den Mann vor sich, der etwas zu ihr sagt, einen ältlichen Mann mit gelbem, dürrem Gesicht und gelbgrauen Koteletten, einen steifen schwarzen Hut auf dem Kopf.

Wie –? fragt sie mit Anstrengung, und mußte es noch einmal fragen, denn beim erstenmal gab es in dem dürren, vertrockneten Mund nur ein kleines, unverständliches Geräusch.

Mancher ist in der Zeit, da sie hier stand, an ihr vorbeigegangen. Sah er wirklich die Gestalt im Torgang, beschattet vom offenstehenden Torflügel, ging er nur schneller. Es ist arme Gegend und blutarme Elendszeit, überall, zu jeder Tagesstunde stehen die Elendsgestalten von Frauen, Mädchen, Witwen, Hunger und Elend in den Gesichtern, die unmöglichsten Fetzen auf den Leib gezogen, der – allerletzte Rettung – noch einen Käufer finden soll. Die um ihre Rente gebrachten Kriegswitwen, die Arbeiterfrauen, denen der Wochenlohn auch des nüchternsten, des fleißigsten Mannes mit jeder Dollarentwertung aus der Hand gelistet wird, Mädchen, fast noch Kinder, die das Elend der kindlichen Geschwister nicht mehr ansehen können – jeden Tag, jede Stunde, jede Minute schlagen sie die Tür ihrer Höhlen, in denen Hunger ihr Geselle, Sorge ihr Bettgenosse war – schlagen sie die Tür endgültig hinter sich zu und sprechen: ›Jetzt tue ich es! Für was denn aufbewahren? Für ein noch größeres Elend? Für die nächste Grippe? Für Armenarzt und Armensarg? Alles flieht, eilt, hastet, verändert sich – und ich soll mich bewahren?!‹

Da stehen sie, in jedem Winkel, zu jeder Zeit, frech oder verängstigt, geschwätzig oder wortlos, bittend, bettelnd: Ach, nur eine Tasse Kaffee und eine Schrippe ...

Es ist arme Gegend, Georgenkirchstraße. Der Kassierer der Gasgesellschaft, der Zwischenmeister der Konfektion, der Briefträger – sie gingen nur ein wenig schneller, als sie das Mädchen sahen. Sie verzogen nicht das Gesicht, kein freches Wort, kein Scherz, kein Gedanke an Mätzchen. Nur schnell weiter und vorbei, damit nicht ein Wort, ein Flehen, ein doch zu Herzen gehendes Flehen jenes Herz zu einem Geschenk verführt, das nicht gegeben werden darf. Denn auf jeden wartet zu Haus die gleiche Sorge, jedem im Nacken hockt der böse Gnom – wer weiß, wann meine Frau, meine Tochter, mein Mädchen so stehen wird, im Schatten des Torflügels den ersten Tag, bald aber auf heller Straße! Nichts gesehen haben und vorbei, kein Murmeln erreicht unsere Ohren. Allein bist du, allein bin ich, allein sterben wir alle – rette sich, wer kann!

Aber nun ist eben einer vor Petra stehengeblieben, ein älterer Herr mit Melone, gelblichem Eulengesicht und gelblichen Eulenaugen.

Wie –? hat sie schließlich ganz deutlich gefragt.

Na, Fräulein! Er schüttelt ein bißchen mißbilligend den Kopf. Ob hier Pagels wohnen?

Pagels –? Er will also nicht so etwas, er fragt nach Pagels. Pagels, mehrere Pagels, mindestens zwei. Sie möchte verstehen, wer das ist, was er will, vielleicht ist es für Wolfgang wichtig ... Ja –? Sie versucht sich zusammenzunehmen, dieser Herr will etwas von ihnen. Er darf nicht erfahren, daß sie zu Wolfgang gehört, sie, die so im Torweg steht. Pagels –? fragt sie noch einmal, um Zeit zu gewinnen.

Ja, Pagels! Na, Sie wissen es wohl nicht! Bißchen getrunken, was? Er zwinkert mit den Augen, er scheint ein ganz gutmütiger Mann zu sein. Müssen Sie nicht tun, Fräulein, am Tage. Abends meinethalben. Aber am Tage ist es ungesund.

Doch, Pagels wohnen hier, sagt sie. Aber sie sind nicht da. Sind beide weggegangen. (Denn er darf nicht hinauf zur Thumann – was würde er da alles zu hören bekommen, es könnte Wolfgang schaden!)

So? Beide weggegangen? Wohl zur Trauung, wie? Dann müssen sie aber zu spät gekommen sein. Das Standesamt ist schon dicht gemacht.

Auch das weiß er! Wer kann es bloß sein? Wolfgang hat immer gesagt, er hat keine Bekannten mehr.

Wann sind sie denn weggegangen? fragt der Herr wieder.

Vor einer halben Stunde. Nein, schon vor einer Stunde! sagt sie hastig. Und sie haben mir gesagt, sie kommen heute nicht wieder.

(Er darf nicht zur Thumann hinauf! Nur nicht!)

So, haben sie Ihnen das gesagt, Fräulein? fragt der Herr, plötzlich mißtrauisch. Sie sind wohl befreundet mit Pagels?

Nein! Nein! protestiert sie hastig. Sie kennen mich nur vom Sehen. Es ist nur, weil ich hier immer stehe, daß sie es mir gesagt haben.

So ... sagt der Herr nachdenklich. Na, dann danke ich auch schön. Und er geht langsam durch den Torweg auf den ersten Hof.

Ach bitte! ruft sie mit schwacher Stimme, geht sogar einige Schritte hinter ihm her.

Was denn noch? fragt er, dreht sich um, geht aber nicht wieder zurück. (Er will durchaus hinauf!)

Bitte! sagte sie flehentlich. Das da oben sind so schlechte Leute! Glauben Sie nicht, was Ihnen die von Herrn Pagel sagen. Herr Pagel ist ein sehr feiner, ein sehr anständiger Mann – ich, ich habe nie etwas mit ihm zu tun gehabt, ich kenne ihn wirklich nur vom Sehen ...

Der Mann steht mitten im grellen Sonnenschein auf dem Hof. Er sieht scharf zurück auf Petra, aber er kann sie sicher nicht genau erkennen, wie sie dasteht im dämmrigen Torweg, eine leichte, schwache Gestalt, den Kopf ein wenig vorgebeugt, die Lippen halb geöffnet, gespannt nach der Wirkung ihrer Worte ausschauend, die Hände flehentlich auf die Brust gelegt.

Er reibt den gelbgrauen Bart nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger; nach einem langen Überlegen sagt er: Keine Angst, Fräulein. Ich glaube auch nicht alles, was mir die Leute erzählen.

Es klingt nicht bissig, vielleicht ist es gar nicht auf sie gemünzt, es klingt sogar freundlich.

Ich kenne den jungen Herrn ganz gut. Ich habe ihn gekannt, als er noch so klein war ...

Und er zeigt einen unwahrscheinlich winzigen Abstand von der Erde. Damit aber ist es genug – er nickt Petra noch einmal zu und verschwindet endgültig im Durchgang zum zweiten Hof.

Petra aber gleitet zurück in ihren Schutzwinkel hinter dem Torflügel. Sie weiß jetzt natürlich schon, sie hat alles falsch gemacht, sie hätte diesem alten Herrn, der Wolfgang schon als Kind gekannt hat, gar keine Auskunft geben müssen, nein, sie hätte sagen müssen: Ich weiß nicht, ob hier Pagels wohnen ...

Aber sie ist zu müde, zu zerschlagen, zu krank, um darüber weiter nachzudenken. Sie will hier nur stehenbleiben und warten, bis er wieder zurückkommt. Dann wird sie ihm die erhaltene Auskunft vom Gesicht ablesen. Sie wird ihm sagen, was für ein wundervoller Mensch Wolfgang ist, der nie etwas Böses tut, nie jemandem Übles zufügt ... Und während sie den Kopf an die kühle Wand legt, die Augen schließt und diesmal fast unwillig die Schwärze kommen spürt, die Fernsein von ihrem Ich und ihren Sorgen bedeutet – währenddem versucht sie, den alten Herrn auf seinem Weg über den Hinterhof zu begleiten. Dann treppauf bis zur Tür der Frau Thumann. Sie meint, ihn klingeln zu hören, und nun möchte sie über sein Gespräch mit Frau Thumann nachdenken ... Sie wird reden, die Frau, ach, sie wird reden, alles auskramen, sie beide mit Dreck bewerfen, über das verlorene Geld jammern ...

Doch plötzlich taucht ihrer beider Zimmer auf, diese häßliche Höhle ist übergoldet vom Schein ihrer Liebe ... Ferner und ferner verklingt die Stimme der Pottmadamm, hier haben sie beide gelacht, geschlafen, gesprochen, gelesen ... Er stand zähneputzend am Waschtisch, sie sagte etwas ...

Jetzt verstehe ich nichts! schrie er. Red lauter!

Sie tat es.

Er putzte. Lauter! – Verstehe kein Wort, noch lauter!

Sie tat es, er putzte, schäumte.

Lauter, sag ich!

Sie tat es, sie lachten ...

Hier waren sie gemeinsam gewesen, zusammen, sie hatte auf ihn warten dürfen, nie umsonst ...

Und plötzlich sah sie, in einem raschen, schmerzenden Blinzeln, die Straße, wußte, sie ging weiter ... Märchenbrunnen ... Hermannspark ... weiter, immer weiter, immer noch Stadt ... Und nun Land, endloses Land, mit Feldern und Wäldern, Brücken, Büschen ... Und wieder Städte voller Häuser mit Torwegen und wieder Land und Wasser, ungeheure Meere ... und wieder Länder und Land und Stadt, unfaßbar ... Und die Möglichkeit, hinauszugehen, alles hinter sich zu lassen, die tausend Möglichkeiten des Lebens, an jeder Ecke, in jedem Dorf ... ›Alles dieses aber‹, verwirrte es sich in ihrem Hirn, ›will ich hingeben und dich anbeten, wenn du mir unser Zimmer wieder schenkst und das Warten auf ihn in ihm ...‹

Langsam wurde es schwarz. Alles löschte aus, die Welt wurde undeutlich. Die Schwärzefetzen flogen darüber hin, verdeckten sie ... Einen Augenblick meinte sie noch die Gardinen des Zimmers zu sehen, gelblichgrau, schlaff und reglos in der ungeheuren Schwüle hängend – dann verlöschte auch das zu Nacht.

Aber auch die Nacht barg keine Ruhe für sie, nun leuchtete es rot in ihr auf, mit einem glühenden, bösen Rot ... ach, der Hund von drüben war aufgestanden. Größer und größer werdend kam er über die Straße auf sie zu. Sein gähnender Rachen mit den spitzen, scharfen Eckzähnen war schon über ihrem Kopf. Böse rot die Augen, böse rot die drohenden Fänge, und nun legte er mit ungeheurem Gewicht seine Pfote auf ihre Schulter, sie schreit vor Angst, aber kein Ton drang bis an ihr Ohr. Sie sinkt hin ...

Der Diener Ernst, die Hand auf ihrer Schulter, sagt mahnend: Fräulein, bitte! Fräulein!!

Von weit sah ihn Petra kommen und fragte doch gleich, als habe die Frage seit seinem Fortgehen dringend in ihr gewartet: Was haben die gesagt?

Der Diener bewegte zweifelnd die Schultern. Dann: Wo ist der junge Herr hin? Er sieht sie zögern, er sagt beruhigend: Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, ich bin bloß der Diener von seiner Tante. Ich erzähl schon nichts, was ich nicht will.

Und sie, da er doch Schlimmeres nicht erfahren kann, als er oben schon gehört haben wird: Fort. Geld besorgen.

Und ist nicht wiedergekommen?

Nein. Noch nicht. Ich warte.

Sie standen beide eine Weile schweigend da, sie geduldig wartend, was das Schicksal und vielleicht dieser Mann für sie bereithielt, er unschlüssig, ob er so einfach fortgehen könne, seiner Herrin zu berichten. Unschwer war zu erraten, was Frau Generalmajor von Anklam über dieses Mädchen dachte, was sie zu tätiger Hilfe sagen würde. Immerhin ...

Der Diener Ernst trat langsam aus dem Torweg auf die Straße, sah unschlüssig auf und ab, der Erwartete war nicht zu sehen ... Einen Augenblick hatte er den Gedanken, einfach fortzugehen. Er glaubte, genau zu wissen, daß dieses Mädchen ihn mit keinem Wort daran hindern würde. Es war die einfachste Lösung, jede andere konnte ihm Schwierigkeiten bei Exzellenz machen. Oder aber ihm Geld kosten – und je wertloser das vom Diener Ernst in einem Menschenalter ersparte kleine Kapital wurde, um so fester hing er an diesen Scheinen mit den unsinnigen Zahlen. Zu Haus in seiner kleinen Kammer füllte er eine blecherne Teepackung nach der andern mit ihnen ...

Trotzdem ...

Er sah noch einmal die Straße auf und ab: nichts. Zögernd, ein wenig unwillig über sein eigenes Tun, ging er in den Torweg zurück und fragte ebenso widerwillig: Und wenn der junge Herr nun kein Geld bringt?

Sie sah ihn nur an, mit einer leichten Bewegung des Kopfes – schon die vage Aussicht in diesen Worten, Wolfgang könne doch noch kommen, wenn auch ohne Geld, belebte sie.

Und wenn er gar nicht wiederkommt, was tun Sie dann?

Ihr Kopf sank ein wenig nach vorn, die Lider schlossen sich – ohne daß ein Wort laut wurde, war klar genug, wie gleichgültig ihr dann alles war.

Fräulein, sagte er zögernd, ein Diener verdient nicht viel. Und dann habe ich ja auch all mein Erspartes verloren, aber wenn Sie dies nehmen wollen ...

Er versucht, ihr einen Schein in die Hand zu schieben. Er hat ihn aus der abgegriffenen, dünnen Brieftasche gewählt: Fünfzigtausend. Und da sie ihre Hand zurückzieht, dringender: Nein, nein, Sie können das ruhig nehmen. Es ist ja nur das Fahrgeld, damit Sie auch nach Haus kommen. Er stutzt, überlegt. Sie können doch hier nicht so weiterstehen! Sicher haben Sie irgend jemand Verwandtes, zu dem Sie erst einmal fahren können.

Wieder bricht er ab. Ihm ist eingefallen, daß sie in diesem Aufzug, die Beine bis über die Knie nackt, nur in vertretenen Hausschuhen, mit einem jämmerlichen Herrenpaletot, der zu viel Brust sehen läßt, unmöglich auf eine Elektrische steigen kann.

Er steht da, betreten, verlegen, fast schon ärgerlich. Er möchte ja helfen, aber Herrgott! – wie hilft man denn da?! Er kann sie doch nicht mit sich nehmen, einkleiden – und schließlich: was dann?!

O Gott, Fräulein! sagt er plötzlich traurig. Wie hat es nur der junge Herr so weit kommen lassen können?!

Petra aber hat nur eines verstanden: Sie meinen also auch, daß er nicht wiederkommt?

Der Diener bewegt die Schultern. Wie kann ich das wissen? Haben Sie sich denn gezankt? Sie wollten doch heute heiraten?

Heiraten – richtig! Das Wort erreicht sie noch, sie hat gar nicht mehr daran gedacht. Wir heiraten heute, ja ... sagt sie und lächelt vage. Sie erinnert sich, daß sie heute den Namen ›Ledig‹ verlieren sollte, der immer etwas gewesen war wie ein Makel. Sie erinnert sich daran, wie sie erwachte und nicht nach seiner Geldtasche zu sehen wagte und doch noch sicher war: heute würde es sein! Dann waren die ersten Zweifel gekommen, seine unentschlossene Haltung, als sie ihn drängte, dann forderte, dann bat ... Und wie sie gefühlt hatte, beim Zuschlagen der Tür schon: heute wird es nun doch nicht sein!

Aber plötzlich dann (und unbegreiflich, doch geschehen: der Hunger hatte ihr brennendes Hirn selbst das vergessen lassen) – plötzlich war vor dem Spiegel die Erkenntnis über sie gekommen, das Wissen, daß er wohl gegangen, aber doch bei ihr geblieben war, ewig unverlierbar in ihr. Was dann geschehen war: das bettelnde Hocken in der Thumannschen Küche mit dem Schielen nach Idas Schnecken, die Austreibung, das tatenlose Warten hier im Durchgang – das hatte nur der Hunger gemacht, arglistiger Feind im Leib und Hirn, der sie hatte vergessen lassen; was nie vergessen werden durfte: dies in ihr.

Was war denn los mit ihr? War sie denn verhext und verzaubert?! Sie hatte es doch immer noch geschafft in ihrem Leben, die Mutter hatte sein mögen mit ihr so roh, wie sie nur konnte – ein paar Tränchen, aber weiter! Die liebenswürdigen Kavaliere mit den messerscharfen Bügelfalten auf der Mädchenjagd mochten nachher noch so gemein und geizig sein – die Zähne zusammen, aber weiter! Wolfgang mochte wiederkommen oder nicht wiederkommen – schlimm, traurig, böse ... Aber zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie nur um der eigenen Person willen jeden Dreck gefressen – und jetzt sollte sie hier stehen, tatenlos, bestellt und nicht abgeholt – da zum erstenmal im Leben ein anderes auf sie angewiesen ist, auf sie ganz allein, und keine andere Frau auf der Welt kann sie ersetzen – einfach lächerlich!

Eine Fülle von Gedanken strömt auf sie ein, sie kann es alles gar nicht so schnell erfassen. Nachdem der Hunger ihren armen Kopf eine Zeit in Schwärze und vage Träume versenkt hat, macht er ihn jetzt überlebendig, ganz wach und klar: es ist aber alles ganz einfach. Sie hat für jemanden zu sorgen, und da dieser jemand in ihr ist, muß sie zuerst für sich sorgen – nichts ist selbstverständlicher. Alles andere findet sich dann schon.

Und während sie dies denkt, denkt sie auch schon anderes in ihrem Kopf. Sie macht Pläne, was sie zu tun hat, später, aber auch jetzt gleich. Und darum sagt sie plötzlich ganz klar und bestimmt: Ja, es ist nett von Ihnen, daß Sie mir das Geld geben wollen. Ich kann es sehr gut gebrauchen. Danke schön!

Der Diener sieht sie verblüfft an. Es ist nur der Bruchteil einer Minute vergangen, seit er sie daran erinnert hat, daß sie heute heiraten wollte. Der Diener Ernst kann nicht ahnen, welche Gedanken dieser eine Satz in ihrem Hirn wachgerufen hat, was alles sie in diesen wenigen Sekunden erlebte und plante. Er sieht nur die Veränderung in ihrem Gesicht, das plötzlich nicht mehr schlaff, das voller Leben ist, sogar Farbe hat es bekommen. Er hört plötzlich statt der zögernden, halblauten Sprache einen energischen Ton, fast schon Befehl. Ohne auch nur zu überlegen, hat er ihr das Geld in die Hand gelegt.

Na, Fräulein, sagt er überrascht und wieder leise geärgert, plötzlich sind Sie ja so munter! Warum denn? Das Standesamt ist schon zu. Ich glaube wirklich, Sie haben einen sitzen.

Nein, antwortet sie. Mir fiel nur plötzlich etwas Gutes ein. Und daß ich Ihnen so komisch vorkomme, liegt nicht am Trinken. Aber ich habe nichts gegessen, ziemlich lange schon, und davon wird einem so komisch im Kopf ...

Nichts gegessen! empört sich nun wirklich der Diener Ernst, der all sein Lebtage stets zur bestimmten Stunde seine bestimmte Mahlzeit gegessen hat. Nichts zu essen! Aber so etwas sollte der junge Herr nun wirklich nicht machen!

Sie sieht ihn an, mit einem halben, verlorenen Lächeln. Sie weiß, was in seinem Kopf vorgeht, was er denkt und voller Empörung fühlt, und sie muß über ihn lächeln. Denn dieses Mal, da der brave, wohlerzogene Diener Ernst, ergraut im Umgang mit den ersten Kreisen, wirklich einmal für sie Stellung nimmt und gegen den jungen Herrn, dieses Mal spürt sie so recht, wie weit Menschen voneinander leben. Der junge Herr hätte sie schlecht behandeln dürfen, er hätte sie betrügen dürfen, er hätte sie sitzenlassen dürfen – das alles hätte den guten Diener Ernst (und seine meisten Mitmenschen) nicht gar so sehr empört. Aber daß er ihr nichts zu essen gab –! Nein, so etwas tat man nun wirklich nicht!!

Er betrachtet sie mit gerunzelter Stirn, sie kann ihm ansehen, vor wie großen Entschlüssen er steht, da macht sie es ihm leicht. Wenn Sie mir bloß ein paar Schrippen holen wollten! sagt sie. Hier gleich um die Ecke ist ein Bäckerladen. Und dann brauchen Sie sich keine Sorgen mehr um mich zu machen. Sobald ich ein bißchen gegessen habe, komme ich schon zurecht. Ich habe einen Plan ... Natürlich hole ich Schrippen, sagt er eifrig. Und vielleicht sonst noch etwas, etwas zu trinken, Milch, ja?

Er hastet davon, er geht in drei, vier Läden: Butter, Brot, Semmeln, Wurst, ein paar Tomaten .. Er denkt nicht mehr an sein Geld, die Ersparnisse ... Die Tatsache, daß ein Mensch Hunger hat, aber nichts zu essen, hat ihn ganz verwirrt. ›So etwas hätte der junge Herr nicht tun dürfen‹, denkt er immer wieder. ›Sie mag sein, wie sie will, aber hungern lassen – nein!‹

Er ist gelaufen, hat sich und die schläfrigen Ladeninhaber gehetzt, alles mußte eilig gehen, schnell. Am liebsten hätte er gesagt: ›Bitte, es ist nämlich für einen Menschen, der verhungert ...‹ – Aber nun, da er zurückkommt, steht er noch verwirrter: sie ist nicht da. Nicht am Torweg, auf der Straße nicht, auch nicht auf dem Hof. Sie ist fort!

Zögernd entschließt er sich, noch einmal zu der Thumann hinaufzusteigen, sicher nicht sehr gerne, denn diese hemmungslos Geschwätzige hatte für ihn eine gar zu fatale Ähnlichkeit mit Ihrer Exzellenz, Frau Generalmajor Bettina von Anklam. Aber er bekam nur die Ida zu sehen, halb schon gewerblich, halb noch häuslich bekleidet, was ihn ziemlich erschreckte. Und diese junge Dame erkundigte sich sehr ungnädig bei ihm, ob es wohl piepe in seinem Hirnkasten, denn: Det Aas kommt mir nich wieder rin! Wenn die bloß schellt, hat se schon 'ne Schelle! Nee, wat sich solche Leute alles einbilden –!

Diener Ernst steigt wieder treppab, geht wieder über die Höfe, kommt wieder in den Torgang.

Im Schatten des Türflügels steht niemand. Kopfschüttelnd geht er auf die Straße: nichts. Diese Tüten und Päckchen mit Lebensmitteln, diese Flasche voll Milch, das kann er doch nicht mit zu seiner Herrschaft nehmen. Fräulein sähe es sicher, und sicher erzählte Fräulein es Ihrer Exzellenz.

Er kehrt wieder um, baut seine Besorgungen im tiefsten, dunkelsten Winkel hinter dem Türflügel auf und geht endgültig ab, nicht ohne sich noch häufig umzusehen. Erst als er in der Untergrund sitzt, denkt er nicht mehr zurück, kann er wieder vorausdenken.

›Was sage ich bloß Exzellenz –?!‹

Nach sorgfältiger Überlegung beschließt er, möglichst wenig zu sagen.

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