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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 6

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 6 - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 6
authorJulius Stettenheim
year1897
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 6
pages142
created20090217
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1 Der abessinische Feldzug.

Herrn Wippchen in Bernau.

Ihre Anfrage hätten Sie sich ohne Weiteres selbst beantworten können. Natürlich erwarteten wir längst einen Bericht aus Ihrer Feder, einerlei woher. Sie scheinen zu glauben, daß das Publikum nicht auch in trüben Zeiten ebenso das Begehren hat, sich mit den politischen Ereignissen bekannt zu machen, wie im gewöhnlichen Lauf der Dinge. Das ist ein Irrthum. Allerdings leben wir in einer ernsten Zeit, aber abgesehen davon, daß die Journalistik ebensowenig stille steht wie die Politik, so ist es ja auch kein Vergnügen, sich mit Politik zu beschäftigen, und schon aus diesem Grunde wird das Publikum nach wie vor niemals 2 aufhören, sich von Allem, was in der Welt vorgeht, zu unterrichten. Machen Sie sich also keine unnützen Sorgen und senden Sie uns umgehend einen möglichst ausführlichen Bericht.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, den 6. April 1888.

Sie scheinen mich für einen Neuling in der Politik zu halten, ich bin aber ein Altling und weiß sehr wohl, daß das Publikum beim ersten Aurora-Schrei die Zeitung lesen will, um, wenn es beim Kaffee sitzt, sich auf dem Laufenden zu erhalten. Und selbst wenn gar nichts passirt, ist es schon ganz zufrieden, wenn es unter der Spreu wenigstens Ein blindes Hühnchen findet, mit welchem es seinen Heißhunger kühlen kann. Ich weiß auch, daß der Journalist die Feder niemals in den Schooß legen darf, sondern ohne Unterbrechung dem Rad der Geschichte auf Schritt und Tritt folgen und, wenn dasselbe sich nicht dreht, sich nach der Decke des Prokrustesbettes strecken muß. Ja, er muß sich selbst die Ente, und gehörte sie auch noch so bestimmt in's Dementirreich, aus dem 3 Finger saugen, nur um seinen Lesern die alles nivellirende Zeit, welche Geld ist, zu vertreiben. Das weiß ich sehr wohl.

Aber, so frage ich uns: Ist es opportunlich, in diesem Augenblick, wo die Friedenstaube keine Eintagsfliege mehr, sondern im Gegentheil wie die Perdrix ein alltäglicher Vogel geworden ist, einen Kriegsbericht zu veröffentlichen? Jedermann wünscht sich den am ruhigen Bach gelagert liegenden lieblichen Knaben, von dem Schillers Braut von Messina singt, ganz Europa (um mich eines Ausdrucks aus der mythologischen Geschichte dieser Holden zu bedienen) stiert hoffnungsvoll die vom Horizont verschwundenen schwarzen Punkte an, und es ist auch nicht zu leugnen, daß jedes Marsgelüst kriegslustiger Nachbarnationen vor der Stärke Deutschlands – verzeihen Sie das harte Wort! – floh. Besonders sind es Frankreich und Rußland, welche vor den Kirschen, die mit Deutschland nicht gut essen ist, einen heillosen Respekt haben, und so sind aus dem Streit- eitel Friedenshämmel geworden, und alles ist so voll von Ruhebedürfniß, daß kein Fehdehandschuh zur Erde fallen kann. Aus Todfeinden sind Todfreunde geworden.

So möchte ich denn keinen Weh- oder Wermuthstropfen (letzteres wäre im wahren Sinne des Worts absinthhaft) in die Neige fallen lassen, bis auf welchen jetzt die Nationen den Becher des Friedens leeren. Wenn ich trotzdem Ihnen einen Bericht sende, so geschieht es, weil ich einen Feldzug entdeckt habe, der uns nicht nahe liegt oder geht: den Abessinischen.

4 Wenn der Frieden wie diesen Augenblick am tiefsten ist, so betrete ich, wie Sie wissen, gern irgend eine Bahn, welche sich eine neue Idee brechen soll. Jetzt arbeite ich an einer Kurzsprache, die der Zeit der Schnellschrift noch fehlte. Einige Beispiele werden erläutern, was ich meine. Ich übersetze ora et labora mit Arbeete, l'or et l'argent mit l'orgent, ich schreibe statt zwei Eidechsen: Zweidechsen und so weiter. Freilich, wenn ich Sie hiermit bitte, mir 50 M. Vorschuß zu senden, so gelingt es mir nicht, an dieser Summe etwas zu kürzen.

* * *

Massaua, den 1. April 1888.

W. Erst nach längeren Hinterbeinen habe ich mich entschlossen, die Fahrt in diesen dunklen Welttheil anzutreten. Nicht etwa wegen der Hitze, welche hier allerdings oft so groß ist, daß es einen eiskalt überläuft, sondern wegen dieses Feldzugs, in welchen Italien auf's Geratheschlecht hineingestiefelt zu sein scheint. Schon im August war Rom von dieser Idee nicht an einem Tage erbaut, und alle Weit theilte diese Bedenken. Und jetzt scheint sich das Wort des Trompeters von Säkkingen: Sub rosa nil perfectum est auch hier zu bewahrheiten.

Vor Allem: der Negus ist nicht zu finden, er und sein General Ras Alulah, der wie ein Salamander gerieben 5 ist, werden vergeblich gesucht. Von Morgens früh bis Abends späht man nach der abessinischen Armee wie nach einer Stecknadel aus, vergeblich. Und nun denke man sich einen Krieg, in welchem man bereit ist, einen einzigen feindlichen Soldaten mit Gold aufzuwiegen, und doch einen lenkbaren Luftballon leichter findet als einen Feind, den man in die Flucht oder auch nur aufs Haupt schlagen kann. Es mag schwer sein, – und ich habe dies so oft erlebt, – eine Schlacht zu liefern, aber wenn ein Feldherr keinen Gegner hat, so wird er sich, selbst wenn er ein Doppelmoltke wäre, vergeblich nach einem Haufen umsehen, über den er den Feind rennen kann.

Das ist die Lage der Italiener in Abessinien. Es kann der Fall, der schon vor der Thür ist, eintreten, daß sie nach Rom zurückkehren, ohne die dunkle oder Hellebarde eines einzigen abessinischen Kriegers gesehen zu haben.

Man kann sich denken, wie lange einem unter diesen Verhältnissen die Weile wird. Nichts passirt als dann und wann ein Regiment Italiener, und es wäre daher auch nichts zu schildern als der Sand, in welchem die ganze Action zu verlaufen scheint. Ohne Zweifel beabsichtigen die Abessinier, den Feind zu zwingen, so lange auf der Lauer zu liegen, bis ihm die Lauer zu heiß wird und er sich freut, wieder abziehen zu können, ohne eine andere Salve abgefeuert zu haben als das Salve, welches das italienische Vaterland seinem heimkehrenden Heere entgegenrufen wird.

6 Aber auch etwas anderes kann sich ereignen. Eines häßlichen Tages können die Abessinier in ihrer angeborenen Hintertücke aus ihren Schlupfthälern hervorbrechen und über die Italiener herfallen, so daß diesen nichts als der Rücken übrig bleibt, den sie dem Lande kehren. Davor bewahre sie ein gütiges Geschicksal!

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