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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 5

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 5 - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 5
authorJulius Stettenheim
year1890
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 5
pages153
created20090204
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1 Achmed Moukhtar Pascha.

Herrn Wippchen in Bernau.

Mit aufrichtigem Bedauern vermissen wir seit einiger Zeit Ihre Berichte, obschon ja noch immer verschiedene Kriegstheater existiren, von denen direkte Nachrichten zu empfangen unsere Leser gewöhnt sind. Sie ließen unsere Briefe unbeantwortet, wodurch wir ernstlich beleidigt sein könnten, wenn wir nicht glaubten, Sie selbst seien böse darüber, daß wir Ihre letzte Arbeit unter dem Titel »Ich und der Minhocao« nicht zum Abdruck brachten. Wie konnten wir derlei veröffentlichen! Mit Benutzung des von dem in Brasilien lebenden Zoologen Fritz Müller publicirten Berichts über das fabelhafte Thier schilderten Sie den Kampf, den Sie mit dem 2 genannten Riesenwurm bestanden, und die Art, wie Sie denselben endlich tödteten. Abgesehen davon, daß ja die Existenz des Minhocao bestritten wird (noch neulich geschah dies seitens des Herrn Julius Stinde im »Deutschen Montags-Blatt« sehr energisch), so benutzten Sie für Ihre Beschreibung fast wörtlich Schiller's »Kampf mit dem Drachen«, was jeder Schulknabe bei der Lektüre sofort gemerkt und uns mit Recht den Spott der ganzen Leserwelt zugezogen hätte.

Indem wir Sie nunmehr bitten, nicht länger zu schmollen, ersuchen wir Sie um die Fortsetzung Ihrer Mitarbeiterschaft

ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, den 4. December 1879.

Ich müßte wahrlich an einer verhärteten Gehirnerweichung leiden, wollte ich in jeder Ihrer Ablehnungen den Casus zu einem Belli finden. Man gewöhnt sich schließlich an Alles wie das Dienstmädchen, welches dem Aal die lebendige Haut vom Leibe zieht. Glauben Sie also nicht, daß ich, weil Sie meinem Kampf mit dem 3 Minhocao einen so jähen Papierkorb bereiteten, Ihr Busenfeind geworden bin. Ich will auch nicht versuchen, Ihnen das Unweise Ihrer Handlungsweise klar zu machen, da Sie nicht einzusehen scheinen, daß es ein gutes Werk ist, ein solches Mißgeheuer ebenso Knall als Fall aus der Welt zu räumen. Ich that es vor allen Dingen, weil ich es für das Heldenstück keines Octavio halte, eine Seeschlange zum Abdruck zu bringen. Dazu braucht man kein Tausend-, nicht einmal ein Fünfhundertkünstler zu sein. Aber die Seeschlange, wie ich es that, in Grund und Boden zu verfolgen, und ihr den Kopf und Kragen zu spalten, das ist doch etwas. Ich lobe mir unter allen Umständen die That. Alle anderen Kinker sind – verzeihen Sie das harte Wort! – Litzchen.

Um Ihnen aber den Beweis zu geben, daß ich nicht mit Ihnen schmollwinkle, sende ich Ihnen einliegend den heute todten und morgen rothen Achmed Moukhtar Pascha. Drucken Sie die beiden Berichte in zwei aufeinander folgenden Nummern ab. Damit Sie sie nicht verwechseln, setze ich auf den einen ein lateinisches Alpha, auf den andern ein lateinisches Beta. Sonst geschieht es, daß Sie schon heute den morgen erst ermordeten General in's Leben dementiren.

Zu meiner Freude höre ich, daß im Berliner Hoftheater »Die Königin von Saba« sehr gefallen hat. Senden Sie mir daher einen Vorschuß von 50 Goldmark in Noten.

* * *

4 A.

Berane, den 26. November 1879.

W. Ein Mord! Thränen ersticken meine Feder. Nur nach und nach finde ich die nöthige Dinte, das Schändliche zu schildern.

Ich komme aus dem Hinterhalt, in welchem die That geschehen ist.

Sie wissen, daß Moukhtar Pascha, genannt Ghazi (der Siegreiche), beauftragt war, die Albanesen, wenn Gewalt fruchtlos, mit gütlicher Ueberredung zu bewegen, sich in die Abtretung der Bezirke Gusinje und Plava zu fügen. Heute, als kaum die Sonne graute, kam er mit seinen Truppen an. Aber die Albanesen erklärten, sie wollten lieber sterben, als sich todt den Montenegrinern unterwerfen. Moukhtar stutzte, ließ sich aber, um zu zeigen, daß er bereit sei, den Albanesen entgegenzukommen, in einen Hinterhalt locken. Was hier geschah, ist rasch berichtet. Moukhtar und seine Begleiter, die ohne die mindeste Mutter der Weisheit eingetreten waren, wurden überfallen und für zeitlebens getödtet.

Ich entging mit knapper Noth dem Meuchelbade, Ihnen jetzt zu melden, was vielleicht den Südosten Europas abermals in eine blutige Bellona verwickeln wird.

* * *

5 B.

Cettinje, den 27. November 1879.

W. Gewissenlose, vor keiner Ente zurückschreckende Correspondenten haben die Fama verbreitet, Achmed Moukhtar Pascha, derselbe, dem der Sultan eigenhändig den Titel Ghazi in's Knopfloch steckte, sei von den Albanesen ermordet worden, und da ich fürchte, daß die Leiche den Weg auch in Ihre werthen Spalten gefunden hat, so erkläre ich hiermit die Nachricht für vollständig aus der Luft gesogen. Achmed Moukhtar Pascha lebt und ist in Prizrend eingetroffen, also noch gar nicht in der Gegend, wo die leichtsinnigen Berichterstatter den Hiob auf die Post gegeben haben.

Hier stehen wir denn einmal wieder vor einem Krebs, welcher dem Schaden der Berichterstattung unverbesserlich anhaftet. Lediglich der Sensation wegen wird ein bisher völlig unermordeter General in die Grube gefahren, läßt man ihn das Opfer eines gänsehautsträubenden Bubenstyx werden, stempelt man ein ganzes Volk zu Genossen des von Schiller als des Fanatismus rauhen Henkersknecht bezeichneten Alba, indem man von Albanesen spricht! Freilich, nicht jedes Mitglied dieses Volkes ist ein Thunichtschlecht 6 oder ein Taugeviel, aber es ist auch nicht jedes ein Lasterspiegel, und es sollte sich daher keine Zeitung dazu hergeben, eine ganze Bevölkerung als Messerheros zu verdächtigen.

Hoffentlich gelingt es mir, den infamösen Verbreiter der Meuchel-Ente zu entdecken. Er soll dann meinem gerechten Pranger nicht entgehen.

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