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Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 2

Julius Stettenheim: Wippchen's sämmtliche Berichte, Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 2
authorJulius Stettenheim
year1893
firstpub1878-1903
publisherVerlag von Hermann Paetel
addressBerlin
titleWippchen's sämmtliche Berichte, Band 2
pages172
created20090122
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1 Die Pariser Weltausstellung.

I.

Herrn Wippchen in Bernau.

So erfreut wir waren, daß Sie sich sofort nach unserer Aufforderung auf Ihren Posten zurückbegaben, so leid thut es uns, Ihnen melden zu müssen, daß wir Ihren ersten Brief mit dem besten Willen nicht abdrucken konnten. Sollen wir Ihnen nochmals sagen, daß wir sehr wohl wissen, was die Tagespresse ihrem Publikum zu bieten wagen darf und was nicht? Wir wissen ja, daß der Leser über viel Widersinniges und Unglaubliches hinweg liest, aber Sie stellen ihn auf zu harte Proben. Sie schreiben am 30. April: »So eben komme ich von der morgen stattfindenden Eröffnung der Weltausstellung« und schildern dieselbe dann mit einer Ausführlichkeit, die wir bewundert hätten, wenn wir nicht dahinter gekommen wären, daß Sie mit liebenswürdiger Unbefangenheit einen Bericht von der Eröffnung der 2 Weltausstellung vom Jahre 1867 abgeschrieben hatten. Nicht einmal Napoleon III. hatten Sie gestrichen und in Mac Mahon umgewandelt. Wir bitten Sie, nicht in dieser Weise fortzufahren.

Noch eines: Fahren Sie auch nicht fort, stets mit uns zu verkehren, als sollten auch wir meinen, Sie seien nicht in Bernau. Indem Sie nämlich einen Vorschuß von 50 Mark verlangen, beschwören Sie uns, Ihnen nur Francs und zwar, wie Sie ausdrücklich bitten, Mac Mahond'ors zu senden, weil Sie beim Einwechseln französischen Geldes zu viel einbüßen müßten. Dazu schicken Sie uns einen Wust von Coursen aller französischen Münzsorten und bitten uns, einfache Briefe an Sie gehörig und zwar mit zwanzig Pfennig zu frankiren. Was sollen wir dazu sagen?

Anbei der verlangte Vorschuß, und nun lassen Sie uns nicht zu lange auf Manuscript warten.

Ergebenst

Die Redaktion.

* * *

Bernau, den 30. April 1878.

Ich bin starr, und die Dinte will mir nicht über die Lippen. Umsonst spähe ich nach einem Himmel aus, um ihn 3 zu fragen, ob er keine Blitze hat! Anstatt mir zu danken, daß ich mich abermals weit und breitschlagen ließ, um wieder die Feder für Sie zu schwingen, anstatt es freudig anzuerkennen, daß ich keine Zeit verlor, sondern sofort das Geschirr ergriff und hineinging, was geschieht? Sie haben die Stirn, sie zu runzeln, weil ich die Ausstellung einen Tag früher eröffne, als es in Wirklichkeit geschehen ist! Wahrlich, da möchte man Kronos sein, welcher bekanntlich seinem Sohne Zeus einen einzigen Hals wünschte, um ihn verschlingen zu können. Ich rede mir nicht ein, ein Zauberer zu sein und wie Moses mit einem einfachen Schlag seines Stabes das rothe Meer in durchgehende Juden zu verwandeln, aber ich halte es auch nicht für eine Kunst, über eine schon stattgefundene Eröffnung zu berichten. Ich bin – verzeihen Sie das harte Wort! – der Lootsenfisch, welcher den Ereignissen voraneilt. Das ist ein schlechter Prophet, der erst dann singt, wenn ihn Meyerbeer bereits componirt hat. Ja, fletschen Sie nur Ihre Faust, – nie wird es Ihnen gelingen, eine Metamorphose aus mir zu machen!

O daß ich reich wäre wie Midas, dessen Ohren, wenn er sie berührte, sich in Gold verwandelten! Dann würde ich Ihnen einfach sagen: Suchen Sie sich einen anderen Berichterstatter, Ihr Macedonien ist für mich zu klein!

Einliegend ein zweiter erster Mai. Die Vorschußsendung habe ich empfangen. Ich notire Ihnen denselben zum Course von 81,25.

* * *

4 Paris, den 1. Mai 1878.

W. Unsere Dame (Notre Dame), derselbe historische Thurm also, auf welchem einst Esmeralda zum ersten Male gegeben wurde, schlägt eben fünf Uhr, ich komme vom Felde des Kriegsgottes (Champ de Mars). Das Schauspiel der Eröffnung war großartig, und Paris bereitet sich für diesen Abend vor, seine Häuser mit den Flaggen und Fahnen aller Nationen zu illuminiren.

Die Feier verlief ungestört. Außer von der Unordnung, welche noch in der Ausstellung herrscht, ist von keiner, die sich ereignet hätte, zu berichten. Freilich trat plötzlich ein Platz-Pluvius ein, aber trotzdem erschienen zur festgesetzten Stunde viele von Mac Mahon umgebene Fürsten und Prinzen, die von dem Rufe: »Vive la République« begrüßt wurden. Einmal hörte ich auch »Allons nous enfants de la Patrie« singen. Ist es nicht merkwürdig (remarquable), daß sich die Franzosen selbst Kinder nennen?

Als Mac Mahon die Ausstellung eröffnet hatte, spieen hundert (cent) Kanonen einen Schuß, und nun wälzte ich mich in die Ausstellung und ließ mein flüchtiges Auge über dieselbe streifen. Noch ist das Tohu ungemein Bohu, und es mag noch etwa vier Wochen, wenn nicht einen Mond, dauern, bis ich zu diesem Troja werde Fuimus! sagen können. Noch füllt hier und dort eine Lücke das großartige Schauspiel. Aber man muß Geduld haben, Rom ist eben nicht an einem 5 Tage von der Wölfin gesäugt, und ewig wahr bleibt der Spruch: De mortuis nil perfectum est.

Der Fremdenandrang ist ein enormer, und jede Schiene bringt stündlich neue Wohnungsnoth. In keinem von den zahlreichen Hotelwirthen findet man ein Zimmer, das man noch obenein mit einem Obdachlosen theilen muß. Dabei sind die Rechnungen kaum zu erschwingen. So kostet z. B. (par exemple) ein einfacher Elephantenzahn 260 Francs, abgesehen davon, daß ich bei zehn Zahnärzten, bei welchen ich anfragte, keinen zu finden vermochte.

Daß die Deutschen nichts ausstellten, ist traurig und dreht mir ein Mühlrad im Leibe herum. Heute fragte mich ein geborener Pariser, warum wir nicht wenigstens die geraubten Pendulen ausgestellt hätten. Ich drehte ihm seinen Rücken. Aber die Stimmung charakterisirt es.

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